SWR2 MANUSKRIPT
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SWR2 Zeitwort
20.05.1983:
In "Science" wird das HIV-Virus beschrieben
Von Ulrike Till
Sendung: 20.05.2016
Redaktion:
Produktion: SWR 2016
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O-Ton Reinhard Kurth:
„1981 tauchten ja die ersten vier, fünf Fälle auf einer seltsamen Infektion -- bei
homosexuellen Männern, und das war das gemeinsame Kennzeichen für diese
Infektion in Los Angeles.“
Autorin:
Seltener Krebs bei 41 Homosexuellen, titeln amerikanische Zeitungen -- von Aids
spricht damals noch niemand; keiner ahnt, dass sich aus den mysteriösen
Einzelfällen bald eine weltweite Epidemie entwickeln wird. Der Virologe Reinhard
Kurth, damals Abteilungsleiter am Paul-Ehrlich-Institut in Langen, ist schon früh
alarmiert und sucht nach dem Auslöser der neuen Krankheit:
O-Ton Reinhard Kurth:
„Dann kamen jede Menge Viren ins Spiel, wir haben allerdings schon gesagt, das
Blutbild bei den Männern verändert sich in einer Art und Weise wie wir es bei
vergleichbaren Virusinfektionen, Retrovirusinfektionen des Tieres auch sehen. Aber
es gab damals noch keine zwischen den Menschen übertragbaren Retroviren.“
Autorin:
Die Forschung nach dem Aidserreger läuft auf Hochtouren, bald haben zwei
Wissenschaftler die Nase vorn: der Franzose Luc Montagnier und der Amerikaner
Robert Gallo. Am 20.Mai 1983 – heute vor 33 Jahren – veröffentlichen beide unabhängig voneinander - neue Ergebnisse im Wissenschaftsmagazin „Science“:
Montagnier vermutet, dass ein Virus namens LAV Aids auslöst; Gallo hält den
Erreger HTLV für verantwortlich. Bald ist klar, dass es sich um zwei Unterarten
desselben Virus handelt. Fast ein Jahr später verkündet die USGesundheitsministerin in einer Pressekonferenz, eine Variante eines menschlichen
Krebsvirus sei die wahrscheinliche Ursache von Aids:
O-Ton Margaret Heckler:
„The probable cause of Aids has been found: a variant of a known human cancer
virus.”
Autorin:
Margaret Heckler präsentiert den Amerikaner Gallo als Helden der Aidsforschung –
obwohl dieser selbst seine jüngsten Ergebnisse zusammen mit Montagnier vorstellen
wollte. Schnell werden aus Kollegen Feinde, der Streit eskaliert zur Staatsaffäre
zwischen Frankreich und den USA. 2008 erhält Luc Montagnier mit seiner
Laborkollegin Francoise Barré-Sinoussi den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung
des Aidserregers, Robert Gallo geht leer aus. Deutschland setzt frühzeitig auf eigene
Aidsforschung, erinnert sich der Virologe Reinhard Kurth:
O-Ton Reinhard Kurth:
„Ich habe persönlich, das war damals noch möglich ohne dass man verhaftet wurde,
im Mai 1984 das HI-Virus von Gallos Labor nach Frankfurt gebracht. Und wir haben
innerhalb von vier Wochen einen diagnostischen Test aufgebaut. So dass wir
wenigstens die lokalen Blutbanken mit diesem Test versorgen konnten.“
Autorin:
Die Stimmung ist aufgeheizt, Panik macht sich breit:
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O-Ton Reinhard Kurth:
„Wir hatten ja damals nicht den Ansatz einer medikamentösen Therapie. Bei uns gab
es eine ganze Reihe Leute, die sogar den Weltuntergang vorhergesagt haben. Die
Lage war schon sehr schlimm. Es gab Schätzungen, dass wir ganz schnell in
Deutschland eine halbe Million Infizierte haben würden, was sich ja zum Glück als
falsch herausgestellt hat.“
Autorin:
Der CSU-Politiker Peter Gauweiler will „uneinsichtige“ Aidspatienten notfalls
wegsperren, CDU-Gesundheitsministerin Rita Süßmuth setzt dagegen auf
Aufklärung. 1987 wählt die Gesellschaft für Deutsche Sprache „Aids“ und „Kondom“
zum Wort des Jahres – vor Perestroika, Glasnost und Ozonloch. Heute lässt sich
Aids mit Medikamenten gut in Schach halten; eine frühzeitige Therapie schützt auch
mögliche Partner vor einer Ansteckung. Der medizinische Fortschritt verleitet manche
aber auch wieder zu mehr Leichtfertigkeit, warnt der Präsident der Deutschen
Aidsgesellschaft, Peter Behrens:
O-Ton Peter Behrens:
„Die Botschaft, HIV ist gut behandelbar, führt vielleicht auch zu einer Sorglosigkeit,
das ist ein Effekt. Ein anderer manchmal auch, dass sich Menschen mit ihren
sexuellen Orientierungen auch nicht an den Arzt wenden, sich nicht testen lassen.
Und natürlich große Angst auch noch haben vor der Diagnose, weil sie sich fürchten,
ausgegrenzt zu werden.“
Autorin:
Denn diese Angst ist immer noch berechtigt.
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