Ich glaube, hilf meinem Unglauben

Manuskript
Evangelische Perspektiven
Ich glaube, hilf meinem Unglauben
Dürfen Pfarrer zweifeln?
Autor/in:
Friederike Weede
Redaktion:
Friederike Weede / Matthias Morgenroth
Religion und Kirche
Sendedatum:
Sonntag, 29. März 2015 / 08.30 - 09.00 Uhr
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Seite 1
Gottesdienstatmo: Glocken, Orgel, Gemeinde spricht Glaubensbekenntnis
Sprecherin: Evangelische Pfarrer sind beauftragt, in ihren Gemeinden zu predigen und
die Sakramente zu „verwalten“. Das klingt trocken, fast schon bürokratisch, steht aber so
in der Kirchenverfassung. Gemeint ist damit natürlich viel mehr. Pfarrer sollen den
Glauben leben, weitergeben und zu ihrer christlichen Botschaft stehen. „Authentisch“,
wie es oft heißt. Aber wie steht es dabei um ihre eigene Seele? Dürfen Pfarrer, als
„Glaubensprofis“, zweifeln? Oder müssen sie alles unterschreiben können, was in den
lutherischen Bekenntnisschriften steht, deren Gültigkeit sie in ihrem
Ordinationsversprechen anerkennen?
Gemeinde spricht Glaubensbekenntnis – (…) Amen.“
Sprecherin: Tatsächlich steht in den Bekenntnisschriften nicht besonders viel zum
„rechten Glauben“ der Pfarrer. Gerhard Knodt von der Kirchlichen Begleitung
Theologiestudierender sagt:
ZSP: „Also in Artikel 14 im Augsburger Bekenntnis steht, dass niemand in der Kirche
öffentlich verkünden soll, es sei denn, er ist dazu „ordentlich berufen“. Und das beziehen
die meisten Leute auf die Ordination. Insofern ist die Ordination in den
Bekenntnisschriften angesprochen – jawoll. Aber es ist sehr wenig, was da steht und es
ist natürlich tatsächlich auch im historischen Kontext zu sehen.“
Sprecherin: Bei ihrer Ordination legen angehende Pfarrer dann vor einem Vertreter
ihrer Landeskirche und vor ihrer Gemeinde ein Gelübde ab. Und sie unterschreiben
damit die kirchliche Lehre, das evangelische Bekenntnis. Doch zu dem gehört seit der
Reformation eben auch der Grundsatz, dass jeder Christenmensch selbst denken, selbst
nachlesen, selbst nach Gott fragen darf und soll, und so müsste das evangelische
Ordinationsversprechen eigentlich lauten „nach der Heiligen Schrift, Bekenntnis und
Gewissen“. Gerhard Knodt führt für die bayerische Landeskirche regelmäßig Gespräche
mit angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern. Zweifel und Gewissen spielen in diesen
Begegnungen oft eine große Rolle.
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Seite 2
ZSP: „Selten erlebe ich es, dass es direkt Zweifel an Gott sind. Denn es gibt eben für die
Leute schon einen Anlass, sich für diesen Beruf zu entscheiden. Zweifel kommen eher
auf, wenn man sich überlegt: Was muss ich gegenüber den Menschen, für die ich ja da
bin als Pfarrer, was muss ich gegenüber denen vertreten. Das Glaubensbekenntnis ist
für die meisten etwas, woran sie sich gebunden fühlen, weil das ja auch in der
Ordination, werden sie verpflichtet auf „Schrift und Bekenntnis“ – da gehört das
Glaubensbekenntnis auch mit dazu. Und da ist so ein Punkt, wo man sich schon stärker
reibt.“
Sprecherin: Gerhard Knodt versucht nicht, angehenden Pfarrern ihre Zweifel
auszureden. Letztlich müssen sie den Konflikt mit ihrem eigenen Gewissen austragen,
meint er. Aber müssen Pfarrerinnen und Pfarrer denn so tun als ob? Zumindest müssen
sie sich ihrer Vorbildfunktion sehr bewusst sein, fordert Gerhard Knodt. Studien zur
Kirchenmitgliedschaft zeigen: der Pfarrer ist eine öffentliche Person. Wurde der Pfarrer
noch vor wenigen Jahrzehnten nach außen hin wie ein Gelehrter wahrgenommen und
nach innen wie ein Mystagoge, eine Art Türöffner, der Gemeindemitglieder einführt ins
Heilige, mit dem sie dann ihre eigenen Erfahrungen machen, so gilt der Pfarrer heute
viel stärker als konkretes Vorbild im Glauben. Was er glaubt, das hat Gewicht. Von Amts
wegen. Was er anzweifelt, auch. Das spüren auch Berufsanfänger.
ZSP: „Der Pfarrer ist die Kirche. Das ist denen sehr bewusst und das sagen wir ihnen
auch. Beim Ordinationsversprechen gibt es vorher ein Gespräch mit dem
Regionalbischof und da muss man Stellung nehmen. Wie halten Sie’s mit diesen
Bekenntnissen. Und da gibt es zwei Modi, wie die Leute sich verhalten. Der eine: Ich
akzeptiere die Bekenntnisse, weil sie für mich die Bibel, das Evangelium zu hundert
Prozent auslegen. Und der zweite Modus lautet: Ich akzeptiere die Bekenntnisse, so
weit sie die Bibel und das Evangelium auslegen. Auf die Weise hat man einen
Spielraum, wo man sagen kann: Hier legen sie für mich eben gerade nicht die gute
Nachricht aus, sondern schaffen eine Enge, da kann ich nicht mit.“
Musikakzent
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Seite 3
Sprecherin: Ein Pfarrer, der Zweifel hat, ist Jochen Teuffel. Der Name ist dabei natürlich
reiner Zufall. Obwohl der Pfarrer aus dem schwäbischen Vöhringen schon sagen würde:
Der Teufel steckt im Detail. Natürlich kann sich eine Kirche in der Theorie die besten
theologischen Begründungen und Glaubenssätze zurechtlegen. In der Praxis aber
stehen nicht Glaubenssätze im Mittelpunkt, sondern Menschen. Und da hat die
Seelsorge nach Meinung von Jochen Teuffel eben oft Vorfahrt vor amtlicher Lehre, vor
Kirchengesetzen, wie sie zum Beispiel in den Leitlinien kirchlichen Lebens formuliert
sind.
ZSP: „Man muss einfach Formulierungen in den Leitlinien kirchlichen Lebens noch
einmal überprüfen und da würde sich die Kirche einen Gefallen tun, wenn sie die
Zulassung zum Abendmahl nicht an einer Kirchenmitgliedschaft festmachen würde und
sagt: Wer austritt verliert die Zulassung.“
Sprecherin: Nun könnte Jochen Teuffel seine Zweifel an dieser Regelung einfach still
und heimlich mit sich selbst ausmachen und seinen Dienst nach Vorschrift versehen
oder auch entgegen der Vorschrift, aber eben stillschweigend. Will er aber nicht. Im
Gegenteil: Als der Pfarrer beim Abendmahl einer Frau gegenüber stand, von der er
wusste, dass sie aus der Kirche ausgetreten war, reichte er ihr trotzdem die Hostie.
Auch wenn die „Leitlinien kirchlichen Lebens“ dies nicht vorsehen: Wer aus der Kirche
austritt, hat kein Anrecht auf kirchliche Amtshandlungen. Anders sieht die Sache nach
Meinung von Jochen Teuffel aus, wenn man das Abendmahl wirklich theologisch
betrachtet - als Sakrament - und nicht rein bürokratisch als „kirchliche Amtshandlung“.
Sakramente verwalten sei das eine, sie zu verweigern aber, dazu hat er seiner Ansicht
nach kein Recht.
ZSP: „Wenn ich die Einsetzungsworte spreche, habe ich das Kreuz Christi im Rücken.
Und dann weiß ich, das steht nicht in meinem pastoralen Belieben. Und da gibt es dann
auch keine volkskirchlichen Zweckmäßigkeitserwägungen. Und da gilt dann halt auch
keine ADAC-Logik, das heißt: Kirche kann eigentlich nicht per Gesetz ausschließen,
dass Ausgetretene vom Abendmahl fernzuhalten sind.“
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Seite 4
Sprecherin: Der Pfarrer erstattete sozusagen Selbstanzeige: bei der Landeskirche
beantragte er ein Disziplinarverfahren gegen sich, weil er wissentlich einer
Ausgetretenen das Abendmahl gereicht hatte. Der Landeskirchenrat schob diesem
öffentlich inszenierten Zweifel schnell einen Riegel vor, indem er entschied: ein Pfarrer
darf im Ausnahmefall auch einer Ausgetretenen das Abendmahl reichen – als
seelsorgerische Maßnahme sozusagen. Einen Rüffel bekam der abtrünnige Pfarrer
trotzdem, dafür dass dieser mit seinem Zweifel so in die Öffentlichkeit drängt. Sein
Protest läuft dennoch nicht ins Leere, ist Jochen Teuffel überzeugt.
ZSP: „Es geht schon darum: Da ist also ein Gesetz von kirchenleitenden Organen
verabschiedet worden, das nach meiner Überzeugung im Widerspruch zu unseren
Bekenntnisschriften steht. Da kann ich nicht sagen, da muss ich jetzt einen
Willensbildungsprozess neu in Gang setzen. Da ist ein Grundsatzkonflikt, der mein
Ordinationsgelübde unmittelbar tangiert.“
Sprecherin: Jochen Teuffel will den Gemeindealltag immer wieder neu an der Bibel
messen: Ist seine Kirche auf dem richtigen Weg? War das mit der christlichen Nachfolge
wirklich so gemeint? Vor Kurskorrekturen hat der Pfarrer keine Angst. Ihm schwebt ein
anderes Ideal vor.
ZSP: „Mir geht es um eine neue Wirklichkeit der Tradition, die mich aber nicht verengt
und hartherzig macht.“
Sprecherin: Und der aufmüpfige Pfarrer aus Schwaben ist bei weitem nicht der einzige
evangelische Geistliche in den letzten Jahren, der mit theologischem Querdenkertum
den Unmut seiner Landeskirche auf sich gezogen hat. Viele Pfarrer wollen sich ganz
konkret von bestimmten theologischen Traditionen verabschieden, etwa der Deutung
von Jesu Kreuzestod als Sühnopfer, wie unter anderem der evangelische Theologe
Klaus-Peter Jörns gefordert hat. In der Praxis entwickeln sie neue Liturgien
beispielsweise zum Abendmahl, die mit veränderten Texten auf eine neue, andere und
unblutige Deutung des Kreuzes abzielen. Das Credo, Jesus sei „für uns gestorben“ – für
manche der Kern des christlichen Bekenntnisses – spielt so keine Rolle mehr. Der
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Konflikt mit Bekenntnisbewahrern scheint vorprogrammiert: Gottesdienste mit neuen
Liturgien finden entweder jenseits der Öffentlichkeit unter Gleichgesinnten statt oder sie
provozieren regelmäßig Eklats in Gemeinden und beschäftigen Kirchenvorstände und
Regionalbischöfe.
Musikakzent
Sprecherin: Es geht um eine Gratwanderung zwischen zukunftsfähiger Theologie und
Bewahrung der Tradition. Wie viel Interpretationsspielraum hält der christliche Glaube
aus – und wie viel die Kirche? Müssen wir beim Abendmahl wirklich „Christi Blut“
trinken? Sollen wir wörtlich an Auferstehung glauben? Könnte Gott nicht auch eine Frau
sein? Viele Pfarrerinnen und Pfarrer haben in den vergangenen Jahrzehnten eigene
Liturgien, Theologien und Philosophien entwickelt um Antworten auf diese Fragen zu
finden. Seit den 70er und 80er Jahren gab es so genannte „Gottesdienste in neuer
Gestalt“: Von der ökumenischen Lima-Liturgie über experimentelle
Gesprächsgottesdienste, Projekte wie die Ladenkirche, Taizé-Andachten bis hin zu den
Thomas-Messen, die die theologische Wahlfreiheit in den Mittelpunkt des
Gottesdienstes stellten, indem sich jeder Besucher an verschiedenen Stationen seine
eigene Liturgie „zusammenbaut“. Jeder dieser alternativen Versuche, Ausdruck eines
theologischen Zweifels. Viele Ideen wurden geboren, ausprobiert, teilweise verworfen
oder fest im Kirchenalltag verankert. Den klassischen Gottesdienst abgelöst hat keine
von ihnen. Der systematische Theologe Markus Buntfuß, Experte für evangelische
Dogmatik an der Kirchlichen Augustana Hochschule Neuendettelsau ist überzeugt: Die
Kirche hält eine ganze Menge Zweifel und unterschiedlicher Interpretationen aus, sonst
hätte sie sich längst selbst abgeschafft.
ZSP: „Der Grund des Glaubens ist sicherlich in gewisser Weise zeitlos. Aber die
Glaubensvorstellungen sind es natürlich nicht. Und deswegen ist es geradezu
lebensnotwendig für einen lebendigen Glauben, dass er sich immer wieder neu anpasst.
Die zentralen Glaubensvorstellungen sind davon nicht unberührt.“
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Sprecherin: Der Zweifel hat in der Kirchengeschichte seinen eigenen Platz, wenn man
so will, seine eigene Traditionslinie, die sich von Adam und Eva an bis in die Gegenwart
nachvollziehen lässt. Glaubensgrundsätze und kirchliche Dogmen, die wir heute für
selbstverständlich erachten, haben teilweise erst am Ende eines langen Prozesses von
Zweifeln und Gegenzweifeln ihren Platz im Kanon der christlichen Traditionen gefunden.
Anders als die katholische Kirche, die mit dem päpstlichen Unfehlbarkeitsdogma die
Bewahrung der Dogmen selbst zum Glaubensgrundsatz erhob, hat sich die
evangelische Kirche den Zweifel zu Eigen gemacht. Einer der größten Zweifler war in
gewisser Weise Martin Luther selbst, dessen Kritik an der kirchlichen Ablasspraxis
immerhin die Reformation auslöste. Markus Buntfuß
ZSP: „Es ist zentral gewesen für Luthers Reformation, dass er menschliche Traditionen
und Institutionen in Zweifel gezogen hat. Das gehört für Luther und damit zum
Protestantismus ganz instiutionell dazu. Die Kirche ist der Reformation zufolge eine
ecclesia semper reformanda, also eine Kirche, die immer angezweifelt werden muss.“
Sprecherin: Aber wie ernst ist es der Kirche mit dieser Selbstverpflichtung, diesem
Credo der Kritik? Wo hört der Spaß auf? Kann ich die sühnende Kraft von Christi
Kreuzestod in Frage stellen? Seine Gottesssohnschaft? Oder die Auferstehung der
Toten? Oder sind das unverzichtbare Bestandteile des christlichen Glaubens?
ZSP: „Die Frage ist immer: Was ist der Kern des Glaubens, der nicht in der gleichen
Weise zeitbedingt, kulturbedingt ist wie die Ausdrucksformen. Und da gibt es diejenigen,
die an den überlieferten Formen festhalten wollen, weil sie damit die Identität des
Christlichen gewahrt sehen und diejenigen, die sozusagen unterscheiden zwischen
Schale und Kern. Und die die Schale eben immer wieder erneuern wollen.“
Sprecherin: Wie aber grenzt man Schale und Kern voneinander ab? Und wird nicht im
Laufe der Jahrhunderte manches, was eine Zeitlang zum Kern gehört hat, zur Schale –
wird als zeitbedingte Vorstellung fraglich. So wie die Jungfrauengeburt in der Antike ein
wohlverständlicher Topos fürs Göttliche war, heute dagegen rein körperlich verstanden
wird. So wie der Absolutheitsanspruch des Christentums und der christliche
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Missionsbefehl in einer globalisierten, multireligiösen Welt vielen als Anachronismus
erscheint. Alles nur historischer Ballast? Verzichtbar? Das hängt ganz vom Standpunkt
des Betrachters ab, sagt der evangelische Theologe Markus Buntfuß. Bei aller
Meinungsfreiheit - für Gemeindemitglieder gilt ein anderer Maßstab als für Amtsträger im
kirchlichen Dienst.
ZSP: „Als Amtsträger, da sind sie an ihren Dienst in der Kirche gebunden. Deswegen
sind sie ja auch Pfarrer geworden, um in erster Linie den Glauben der Gemeinde zu
erbauen und nicht um den eigenen Glauben zu pflegen. Sondern in der Verkündigung
für andere da zu sein.“
Sprecherin: Aber wie glaubwürdig sind solche Pfarrer, die ihren persönlichen Glauben
quasi abschalten, wenn sie die Kanzel betreten? Die bekennen, was die Gemeinde
erwartet, auch wenn sie selbst anderer Ansicht sind? Als Seelsorger „funktionieren“
könnte ein solcher Pfarrer vermutlich schon, Herzen begeistern kann er vermutlich nicht.
Es fehlt ihm Authentizität, Glaubwürdigkeit. Es fehlt etwas zu dem Idealbild des Pfarrers,
das die bayerische Landeskirche aktuell neu diskutiert und mit den Worten Paul Tillichs
als „theologische Existenz“ beschreibt: Pfarrer brauchen theologischen Sachverstand
und Sprachfähigkeit um vor allem eins zu tun: über spirituelle Erfahrung, Glauben zu
sprechen. Die nötige Erfahrung vorausgesetzt, natürlich. Glauben aber ist kein rein
intellektueller Akt, sondern hat etwas mit Gefühl zu tun und mit Vertrauen. Das hat schon
in den 1950er Jahren ein bedeutender evangelischer Zweifler festgestellt: Rudolf
Bultmann, einer der radikalsten Vertreter der historisch-kritischen Methode, der Satz für
Satz die Bibel auseinander nahm und jedes angebliche Wunder historisch einordnen
und erklären wollte. Für Bultmann war sogar Zweifel an der Auferstehung Jesu kein
Tabu, weil er den Kern des Glaubens an anderer Stelle vermutete, nämlich in der
persönlichen Aneignung durch den einzelnen Christen, einer existentialen Interpretation
des Glaubens, einer Zwiesprache mit Gott. Eine Interpretation, für die Bultmann
seinerzeit vielfach angefeindet wurde. Für die es aber prominente protestantische
Vorbilder gibt, unter anderem Luther selbst. Markus Buntfuß.
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ZSP: „Glaube ist nach Luther Vertrauen und dieses Vertrauen ist ein Akt der Person,
eine Sache, die ich nur ganz persönlich mit mir selbst verantworten kann. Und darum
gibt es natürlich im Protestantismus einen starken Zug zum persönlich verantworteten
Glauben, Karl Holl hat mal gesagt zur „Gewissensreligion“. Nur da, wo ich selbst vor
meinem Gott stehe und meine Seele mit ihm spricht, nur da ist protestantischer Glaube
wirklich bei sich selbst.“
Sprecherin: Nicht da, wo jemand Dogmen nachbetet. Berühmte Zweifler aber sind mit
derlei Aussagen immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik geraten oder sogar auf den
Scheiterhaufen. Und auch aktuell bewegen sich viele evangelische Kirchen in Richtung
einer neuen Bekenntnisfreudigkeit, beobachtet der Theologe Markus Buntfuß. In der
verfassten Kirche herrscht der Trend vor, „den“ Glauben, die Basisgeschichten im
Originaltext, „das“ Bekenntnis weiterzugeben – und nicht herumzuexperimentieren.
Universitätstheologen an den Fakultäten beklagen die geistliche wie geistige
Unbeweglichkeit des Pfarrernachwuchses, der sich unkritisch an Tradiertes klammert.
ZSP: „Was man sicherlich sagen kann ist, dass härtere Formen des Glaubens gewählt
werden und mehr Positionierung gewollt wird. Die liberalen Zeiten sind zum Teil vorbei.
Das hat auch mit der religionskulturellen Lage überhaupt zu tun. Ich hab in den 1980er
und 1990er Jahren studiert, da gab es eine sehr bunte Phase und so ein anything goes.
Der „Markt der Möglichkeiten“ war Inbegriff der Frömmigkeit. Heute gibt es wieder sehr
viel stärker das Bedürfnis sich zu positionieren, teilweise auch gegenüber anderen
Religionen. Also, ich sehe da eher die Tendenz zur Positionierung als zu einem liberalen
oder entspannten Christentum.“
Musikakzent
Sprecherin: Eine Inquisition freilich hat heute kein christlicher Zweifler mehr zu fürchten
– auch kein Pfarrer – ein so genanntes „Lehrbeanstandungsverfahren“ gibt es hingegen
schon. Auch heute noch. Und auch in der bayerischen Landeskirche. Angewendet
werde es allerdings nicht, betont der Oberkirchenrat Helmut Völkel, der Personalchef der
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bayerischen Landeskirche. Er sagt: Natürlich dürfen auch Glaubensprofis zweifeln und
anderer Meinung sein als ihre Kirchenleitung, so lange sie sich helfen lassen.
ZSP: „Auch die Kirchenleitung ist nicht eine einzige Stimme. Das ist gerade etwas von
diesem evangelischen Zugang. Also, wir müssen nicht ständig definieren, wo unser
Glaube aufhört und der Zweifel beginnt. Das wäre ein falscher Ansatz. Es geht eher
darum, dass Menschen – auch Pfarrerinnen und Pfarrer, die auch zweifeln und vor
Anfechtungen nicht geschützt sind, dass die sich Rat und Seelsorge und Begleitung
holen. Wenn Pfarrer Zweifel haben oder in Fragen der Lehre an Grenzen stoßen, dann
unterhalten wir uns erstmal mit denen. Und dann wird sich herausstellen, ob wirklich im
Kernbereich gegen die Lehre verstoßen wird.“
Sprecherin: Da ist er wieder, der Kernbereich. Das ultimative Glaubens-ABC, das, was
die Kirche im Innersten zusammenhält – wie manche meinen. Was genau das nun ist,
da legt sich auch Helmut Völkel nicht fest. Im Gegenteil: Er propagiert die evangelische
Freiheit. Auslegung sei nicht nur erwünscht, sondern sogar so etwas wie ein
Markenzeichen des Protestantismus. Also doch anything goes? Theologische
Zerwürfnisse ausgeschlossen?
ZSP: „Ich kann nicht prophetisch sagen, dass wir nicht mal einen Fall haben, wo jemand
sich so weit vom Zentrum des Glaubens entfernt, dass man sagen muss: Er steht nicht
mehr auf der Basis von Schrift und Bekenntnis. Das mag es geben. Aber für solche Fälle
gehe ich eigentlich davon aus, dass so ein Pfarrer dann selbst die Konsequenzen zieht.“
Sprecherin: Wer sich zu weit jenseits des theologischen Mainstreams bewegt, wer die
sichere Bekenntnisinsel von Kreuz und Auferstehung verlässt, der gehört nicht mehr
dazu und bekommt das auch deutlich zu spüren. Das war einmal anders. Und: das wird
an den Universitäten auch anders gelehrt. Wer Theologie studiert, lernt zunächst einmal,
alles in Frage zu stellen. Der lernt, Bibeltexte neu - mit historisch-kritischem Blick - zu
lesen, eigene Antworten auf Grundfragen des Glaubens zu formulieren, die Frage der
Theodizee, nach dem Gottesbild, nach Tod und Auferstehung, der Sünde und Erlösung
des Menschen mühsam mit eigenen Worten durchzubuchstabieren. Bis er am Ende im
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Seite 10
besten Sinne Theologie treiben kann – von Gott sprechen - mit seinen eigenen Worten
und den Worten anderer. Vorbilder für dieses Ringen ums eigene Bekenntnis gibt es in
der protestantischen Theologie zuhauf: Ernst Troeltsch, Albrecht Ritschl, Paul Tillich,
Rudolf Bultmann, Albert Schweitzer, Dorothee Sölle, Fulbert Steffensky, Luise Schottroff,
Ernst Lange, Jörg Zink. Sie alle haben um eine authentische, um ihre eigene Theologie
gerungen und hatten keine Angst, Traditionen zu kappen.
Musikakzent
Sprecherin: Findet diese Form von kritischer Theologie nur noch jenseits der Kanzeln
statt? Arne Bachmann ist Theologe, Philosoph und so etwas wie ein Berufszweifler. Er
betreibt im Internet den theologisch-philosophischen Blog „Zwischenraum“, auf dem er
zeitgenössische Anfragen an den christlichen Glauben diskutiert und traditionelle
Glaubenssätze in Frage stellt. Genau dem, was Vertreter der Landeskirche als „Zentrum
des Glaubens“ bewahren wollen, erteilt der Blogger in seinem ganz persönlichen
„Glaubensbekenntnis“ im Internet eine klare Absage.
Zitator: Ich glaube nicht an Gott, den Erhabenen, der alles für uns ist, was wir uns selbst
nicht sein können. Ich glaube nicht an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn,
unseren Herren. Ich glaube nicht an diese Figur, die mir mal fromm verklärt, mal morbide
dahinsiechend vom Kreuz entgegenschaut. Ich glaube nicht an jenen langhaarigen,
sanften Hippieguru, der immer noch ein Stück Lebensweisheit hat und dem immer noch
ein kluger Satz einfällt.
ZSP: „Das ist ein literarischer Versuch darzustellen, wie das aussehen kann: ein
entsicherter Glaube. Das kommt auch von einer existenziellen Religionskritik her, die
den Glauben, der vor allem Trost, Orientierung und Halt geben soll, hinterfragt und sagt:
Ist ein solcher Glauben nicht auch ideologisch? Zum Glauben gehört für mich der
Zweifel dazu.“
Sprecherin: Als Vertreter der so genannten „Emerging Church“-Bewegung schwebt
Arne Bachmann das Ideal einer sich stets entwickelnden Kirche vor. Wenn man so will,
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Seite 11
einer ecclesia semper reformanda. Die Emerging Church-Bewegung hat sich aus dem
englischsprachigen Ausland nach Deutschland ausgebreitet: eine bunte Basisbewegung
von christlich interessierten Laien jeder Frömmigkeitsrichtung, die ihren Glauben in
Internetblogs diskutieren, auf Kunstevents darstellen oder in alternativen
Gottesdienstformen feiern, überkonfessionell und jenseits der etablierten Großkirchen.
Arne Bachmann ist überzeugt, dass Theologie weniger auf Kanzeln und im
Sonntagsgottesdienst getrieben werden sollte, als vielmehr in Kneipen, auf Partys und
im Internet.
ZSP: „Ich denke, Kontextualisierung ist ja auch der Versuch, den Glauben immer wieder
neu anstößig zu machen. Also nicht nur aufzuhübschen und ihn hipp und relevant und
cool erscheinen zu lassen, sondern das anstößige Moment des Glaubens in neue Worte
zu fassen.“
Sprecherin: Überflüssig macht diese Theologie einer „Emerging Church“ die Kirche als
klassische Traditions- und Erinnerungsgemeinschaft nicht. Denn auch eine Theologie
des Zweifelns braucht Traditionen, an denen sie ansetzen kann, meint Arne Bachmann.
ZSP: „Es geht nicht nur einfach darum, im luftleeren Raum über den Glauben zu
spekulieren. Ich würde schon sagen, dass es wichtig ist, dass es eine Geschichte gibt,
an der man sich abarbeiten kann. Und dass diese Geschichte immer wieder erzählt wird,
das halte ich schon für wichtig. Die Frage ist, ob es eine Geschichte ist, die man immer
schon verstanden zu haben meint oder die man sich immer wieder neu erschließen
muss. Ich würde für Letzteres plädieren.“
Gemeinde spricht Glaubensbekenntnis (…) Amen.“
Kirchenglocken
Sprecherin: Fragen und Zweifeln. Spätestens seit der Aufklärung ist das die
Grundhaltung des modernen Menschen. Wer sich dem verschließt und dagegen hält,
was in Bibel und Bekenntnisschriften geschrieben steht, verliert den Anschluss an die
Moderne. Eine Kirche die „in der Welt“ sein will, darf sich nicht so von der
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Seite 12
Lebenswirklichkeit ihrer Mitglieder verabschieden. Aber wer wird sich durchsetzen - die
Bewahrer oder die Reformer? Diejenigen, die Zweifel für angebracht halten, Traditionen
verabschieden wollen? Oder diejenigen, die Zweifel mit Bekenntnissen weg-beten.
Vielleicht geht es am Ende um einen Unterschied im christlichen Selbstverständnis, um
die Unterscheidung zwischen Haben und Sein. Bin ich ein Kind Gottes oder habe ich ein
bestimmtes Bekenntnis. Die Antwort darauf kann jeder nur für sich selbst geben. Für die
Kirche in ihrer Geschichte hat die Antwort des einzelnen nur wenig Relevanz. Für den
einzelnen Christen bedeutet sie im Zweifelsfall – alles.
Glocken verklingen
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