Predigt vom 12.04.2015

Predigt zu Johannes 20,24 ff.
San Mateo, 12.04.2015
24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei
ihnen, als Jesus kam. 25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den
Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die
Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in
seine Seite lege, kann ich's nicht glauben. 26 Und nach acht Tagen waren seine
Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus,
als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht:
Friede sei mit euch! 27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her
und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite,
und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sprach zu
ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen
hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben
Liebe Gemeinde,
wo sind die Thomasnaturen heute Morgen? Wo sind die Zweifler, Skeptiker?
Treffen wir sie wirklich unter uns an, hier in diesem Gottesdienst? Haben sie
bei allen persönlichen Erfahrungen mit dem Glauben, Gott, der Gemeinde und
der Institution Kirche sich nicht schon längst davon gemacht? Genießen den
Sonntag Morgen und denken an alles andere, weder an die zu Ende gehende
Osterzeit, noch an die Wiedergeburt in Jesus Christus. Haben sie der Kirche
nicht schon längst ihren Rücken gekehrt und sind ausgetreten ?
Andererseits: Wären alle Thomasnaturen unter uns zu Hause geblieben, wie
leer wäre unsere Kirche dann erst.
Dennoch: Wie viel Skepsis und Zweifel duldet unsere Gemeinde?
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Wird nicht in jeder Gemeinde so auch hier in San Mateo eher die
Glaubensgewissheit,
d.h.
die
Zuversicht
und
das
Vertrauen
in
Gott
vorangestellt. Skepsis und Zweifel werden doch eher kritisch betrachtet. Sie
sind ein Zeichen des Noch-nicht. „Du glaubst noch nicht richtig. Du musst
Vertrauen haben.“
Gibt es aber nicht Ereignisse, die uns mächtig durchschütteln, uns noch Tage,
Wochen, manchmal sogar noch Jahre so schwer beschäftigen, dass eine große
Kluft, ein großer Graben zurückbleibt zwischen einstiger Glaubensgewissheit
und gegenwärtigem Zweifel. Es ist manchmal nicht wenig, was uns das Leben
abverlangt.
Es gibt sogenannte Schicksalsschläge oder Ereignisse, die einen im wahrsten
Sinne des Wortes erschlagen. In solchen Stunden und Tagen kann man sehr
einsam sein. Jedes gut gemeinte Wort verfehlt doch eher sein Ziel.
Ein „Vertrau nur, du wirst schon sehen.“, ein „Es wird alles wieder gut“ kann
dann leicht als Hohn oder gar Spott angesehen werden.
Wo ist in unserer Gemeinde ein Ort für solch durchgeschüttelte Menschen?
Sitzen sie heute Morgen hier im Gottesdienst, oder haben sie vorgezogen zu
Hause zu bleiben, weil sie sich das „frömmelnde Gequatsche“ ersparen wollen.
Noch einmal: Wie viele Fragen, wie viel Hadern hält eine Gemeinde aus?
Dieser Thomas von dem der heutige Predigttext erzählt und den wir auch den
„ungläubigen Thomas” nennen, dieser Thomas ist zum Typ des Skeptikers und
Zweiflers geworden. Dieser Thomas lässt nur gelten, was er mit eigenen Augen
gesehen hat. Er will alles Schwarz auf Weiß bewiesen haben. Ja, dieser
Thomas ist nur schwer zu überzeugen.
2
Ich kann die Zweifel des Thomas gut verstehen. Da erlebt er etwas, was ihn in
Atem hält. Doch dann muss er mit ansehen, wie Jesus am Kreuz stirbt. Er sieht
den Mann sterben, mit dem er lange Zeit unterwegs gewesen war, mit dem er
gelebt hatte, für den er alles verließ und seine gesicherte Existenz gegen ein
unsicheres Leben eintauschte. Dieser Jesu ist nun tot. Thomas muss wie all die
anderen empfinden: Jetzt ist alles aus, zu Ende. Der Traum vom anbrechenden
Reich Gottes ist ein Irrtum gewesen.
Als die Jünger ihm berichten, Jesus sei ihnen erschienen, Jesus sei
auferstanden, kann er es nicht glauben. Ich weiß: Jesus ist tot. Ich habe ihn
doch selber sterben sehen. Also macht mir doch nichts vor. Wenn er lebt,
muss ich ihn auch sehen können. Er muss sich mir zeigen. Ja, dann will auch ich
glauben, aber erst muss ich seine Nägelmale sehen und fühlen.
Liebe Gemeinde, die Geschichte vom „ungläubigen Thomas“ zeigt uns zweierlei:
Sie gibt dem Zweifel des Thomas zunächst einen Ort, Raum sich vor seinen
Jüngern zu artikulieren: „Wenn ich nicht selbst die Nägelmale sehen kann, so
könnt ihr mich nicht davon überzeugen, dass unser Herr auferstanden ist.“
Hier endet der erste Teil der Geschichte. Kein abschließender Kommentar.
Kein Kopfschütteln seitens der anderen Jünger. Bis zum Zeitpunkt, an dem
Jesus erneut erscheint, werden noch acht Tage vergehen.
Zum anderen zeigt uns die Geschichte vom „ungläubigen Thomas“, wie selbst
Jesu den Zweifelnden ernst nimmt. Jesus entgegnet Thomas nicht, „Du musst
glauben, sei kein Zweifler.“ Denn „Selig sind, die nicht sehen und doch
glauben.“ Dies dürften doch eher Worte der späteren Gemeinde sein, die man
Jesus nachträglich in den Mund gelegt hat.
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Jesus spricht stattdessen zu Thomas: „Reiche deinen Finger her und sieh
meine Hände und reiche mir deine Hand her und lege sie in meine Seite. Sei
nicht ungläubig, sondern gläubig.“ Darauf kann Thomas bekennen: „Mein Herr
und mein Gott.“
All dies heißt letztlich, der Zweifel braucht einen Ort. Es gilt, ihn aktiv zu
durchleben. Nur wer ihn durchlebt hat und ihn nicht einfach „frömmelnd“
beiseite schiebt, überwindet ihn letztlich und findet neue Gewissheit, einen
veränderten Zugang zum Leben und zu den Verheißungen Gottes.
Unsäglicherweise gibt es in vielen Gemeinden immer noch eine alte Tradition,
nach der der Zweifel, jede Form der Skepsis verbannt wird und einfacher
Glauben, ohne Wenn und Aber überhöht wird.
Unter dem Motto „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ werden vom
Leben Geschüttelte keine Zuflucht, keinen Schutz finden.
Vielleicht ist in dieser Haltung ein Grund dafür zu sehen, dass die Gemeinden
über Mitgliederschwund klagen müssen. Der neuzeitliche Mensch möchte nicht
mehr bevormundet werden. Er möchte mit seinen Erfahrungen und seiner
Sicht der Dinge ernst genommen zu werden. Zweifel wie Zuversicht gehören
für ihn zum Auf und Ab des Lebens.
Wer den Zweifel aus der Gemeinde verbannt, als Zeichen bloßen Unglaubens
ausweist, macht die Kirche zur Antiquität, die auf Dauer nur noch den
Kunsthistoriker und den Religionskundler interessieren wird.
Glauben und Wissen gehören zusammen. Dies zeigt uns der heutige
Predigttext. Sie sind keine Gegensätze, die sich einander ausschließen.
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Der Glauben bedingt das Wissen und umgekehrt. Der heutige Predigttext
zeigt, wie es gelingen kann, durch den Zweifel zu neuem Wissen zu kommen.
So verstandener Zweifel könnte zum Zeichen einer lebendigen Gemeinde
werden: Einer Gemeinde,
♦ die sich an Ereignissen reibt,
♦ die aufbegehrt gegenüber Missständen,
♦ die Untragbares beim Namen nennt,
♦ die Konflikte benennt und konstruktiv zu lösen sucht,
♦ die Widersprüchlichkeiten und Abgründe des Lebens stehen lässt
und nicht einfach glattbügelt,
♦ die schließlich die größte Anfrage an unsere Leben, dass Mysterium
unseres Todes und das Faktum, dass unsere Tage beschränkt sind,
würdigt.
Gott segne den Zweifel, auch in unserer Gemeinde. Amen.
Pfr. Thomas Reppich
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