Predigt am 12.04.2015 - Quasimodogeniti

Kirchengemeinde Hegensberg-Liebersbronn
Gottesdienst am 12. April 2015, Quasimodogeniti
Predigt: Pfarrer Siegbert Ammann
Text: Johannes 20,24 - 29
eingespielt am 13. April .2015
Votum: Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Amen.
Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen ersten Sonntag nach Ostern steht in Johannes
20,24 – 29
Am Abend aber des ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die
Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter
sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!
19
Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.
20
Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
21
Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den
Heiligen Geist!
22
Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.
23
Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als
Jesus kam.
24
Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber
sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben.
25
Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und
Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten
unter sie und spricht: Friede sei mit euch!
26
Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände,
und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern
gläubig!
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28
Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!
Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du.
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!
29
Herr schenke Reden, Hören und Verstehen durch deinen Heiligen Geist. Komm Heiliger Geist.
Amen.
Liebe Gemeinde, mit dieser Geschichte wird die Verbindung geknüpft von der Zeit Jesu zu unserer
Zeit: Die Zeit, in der wir glauben müssen, ohne Jesus sehen zu können. Viele Menschen denken
ja im Zusammenhang mit der Auferstehung an Ostern: Na ja, wenn ich wie die Jünger die Möglichkeit hätte, zu sehen, was die gesehen haben, dann könnte ich’s vielleicht glauben. Dann fiele
mir der Glaube auch leichter. Aber ich müsste es halt mit eigenen Augen sehen, dass es wahr ist.
Das ist – wie wir im Predigttext gehört haben – auch das Problem des Jüngers Thomas. Als die
anderen sagen: „Jesus ist auferstanden“, da sagt er das einzig Vernünftige, das es darauf zu sagen gibt: Das muss ich erst gesehen haben. Ich glaube nicht gleich alles, was man mir erzählt.
2
Liebe Gemeinde, das macht mir den Thomas so sympathisch. Der hat ja nicht unrecht. Was soll
ein Glaube, der halt irgendwas nachplappert, was andere einem vorerzählen. Ihm ist Jesus nicht
erschienen, und darum hat die Rede von der Auferstehung für ihn – zunächst – auch keine Bedeutung.
Thomas, der Zweifler, hat man ihn deshalb in der Geschichte der Kirche genannt. Weil er einer
war, der sich kein „X“ für ein „U“ vormachen lassen wollte.
Mir fällt auf, dass die Haltung des Thomas inzwischen auf viele Menschen abgefärbt hat. „Du
musst kritisch sein und die Dinge hinterfragen“, lernen unsere Kinder ja bereits in der Schule. „Stell
Fragen, benutze deinen Verstand, den dir Gott gegeben hat.“ Und so kommt es dazu, dass der
Zweifel ganz offiziell legitimiert wird, als etwas durchaus Positives. „Nimm den Zweifel des Thomas
für dich als Legitimation, es ihm gleich zu tun.“, heißt dann die Devise.
Und was macht das dann mit Ihnen? Gefallen Sie sich in der Rolle des Zweiflers? Kokettieren sie
damit, kein leichtgläubiger Mensch zu sein?
Merken sie was? Immer mehr Menschen sagen: „Na und, ich bin eben auch so ein ungläubiger
Thomas, der seine großen Bedenken anmelden muss. Der Zweifel gehört eben zu meiner Natur.
Ich bin ja schließlich kein Naivling, dem man alles vormachen und einreden kann.“
Mir fällt auf, dass manche die Bezeichnung „ungläubiger Thomas“ viel zu schnell und leichtfertig
auf sich anwenden. Viele dieser Leute wären nämlich zu beglückwünschen, wenn sie einmal in die
Zweifel des Thomas hineinkämen.
Nicht alle, die sich nämlich mit dem Zweifler Thomas gleichsetzen, sind auch echte Zweifler. Die
echten sind selten, – und die unechten?
Das sind diejenigen, die gar nicht herauswollen aus ihren Zweifeln. Sie fühlen sich wohl in ihren
Zweifeln. Sie verteidigen ihre Zweifel als einen kostbaren Besitz. Nehmen sie mal als Beispiel diejenigen, die gern jede Gelegenheit ergreifen, um über christliche Fragen zu debattieren. Da kenn
ich welche, die immens belesen sind. Sie haben dann oft mehrere Bücher verschlungen über geheimnisvolle Verschwörungstheorien und heimliche Machenschaften des Vatikans; kennen sich
aus mit den Illuminaten und weiß ich was für Dunkelmännern, und dann…? Sind sie dann zufriedener – gefestigter – lebenstüchtiger – als wir „Normalchristen“?
Für Sie sind vor allem jene Zeitungsartikel spannend, die Jahr für Jahr rund um Ostern in den einschlägigen Wochenzeitungen zu lesen sind und uns mit viel wissenschaftlichem Pathos und Klimborium weismachen wollen, dass es mindestens ebenso viele Zweifler gibt wie Gläubige und wie
dumm, naiv und kleinkariert doch alle Gläubigen seien.
Es gibt offensichtlich immer ein paar Theologen, die sich freuen, wenigstens einmal im Jahr einen
Beitrag für den Focus oder den Spiegel abliefern zu dürfen. Die fühlen sich dann besonders wichtig, wenn es ihnen gelingt – ganz dem Mainstream folgend – mit ihren wissenschaftlichen Thesen
die Debatte zu befeuern, ihre Leser zu verwirren oder ihre Gegner an die Wand zu drücken.
Mich lehrt das Ganze: Debatten sind wichtig, helfen aber nicht gegen Zweifel. Gegen Zweifel hilft
nur die intensive Beschäftigung mit einer Sache. Und – noch eins ist mir aufgefallen: Es kann nur
jenen Zweiflern geholfen werden, die unter ihren Zweifeln leiden, die aus ihren Zweifeln heraus
möchten.
Schauen wir uns unter dieser Fragestellung mal den „Zweifler Thomas“ an. War er ein „ehrlicher
Zweifler“, oder einer, der sich in seiner Zweiflerrolle gefiel?
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Für mich steht fest: Wer sich mit seinen Zweifeln auf billige Art und Weise dem lebendigen Gott
entziehen möchte, kann sich nicht auf Thomas berufen. Die Zweifel des Thomas sind ganz anderer, existentieller Art. Es heißt in unserm Text:
Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus
kam. (V24)
Wo war er dann? Er ist doch bestimmt nicht zufällig weggegangen. Sein Weggehen hat einen andern Grund, oder? – Hat er Lebensmittel gekauft? Hat er die Lage draußen vor dem Haus und in
der Stadt sondiert? War er entmutigt und in Gedanken bereits bei der Planung des Heimwegs, wie
die Emmausjünger?
Drei Jahre seines Lebens erschienenen ihm vertan. Da, am Karfreitag, ist nicht irgendwer gestorben, sondern ein von ihm verehrter Mensch: Jesus – gekreuzigt und begraben … wie kann ein
Leben danach aussehen, ohne ihn, von dem die Jünger glaubten und hörten, dass er der Christus,
der Messias sei?
Wenn jemand seine Hoffnung zu Grabe getragen hat, ist der Schmerz übergroß. Aus und Vorbei –
Ver-zweif-lung. Da steckt auch das Wort Zweifel drinnen. Nichtfassbares wird nicht einfach fassbar. Dinge, auf die wir nie eine Antwort bekommen, nicht plötzlich plausibel und jedermann erklärbar.
Mit einem toten Messias können ich und Du nicht weiterleben! Ohne den „Christus Gottes“ wären
alle Verheißungen durchgestrichen und jedes Fünklein Hoffnung und Heil für Israel und die Welt
ausgelöscht.
Thomas kann und will nicht glauben, dass sein Mitgehen mit Jesus, sein Herzensentschluss, ihm
zu folgen, ein Irrtum gewesen sei.
„Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre“ hat Jesus vor nicht langer Zeit zu Petrus gesagt. Gilt das auch für die anderen Elf?
Mir ist aufgefallen: Tomas hat – wie die andern Jünger – nach der Kreuzigung den Glauben an
Jesus nicht einfach weggeworfen.
Aber was soll das dann alles? Der Tod Jesu spricht doch eine so deutliche Sprache. Aus ist aus.
Das war doch schon immer so. Die Jünger wussten nicht mehr, ob die Verheißungen Gottes, die
ihnen in Jesus lebendig geworden waren, überhaupt noch galten.
Thomas grübelt darüber nach und zerquält sein Herz. „Jeder Mensch hat seine ganz eigene Art,
mit seiner Trauer und mit seiner Traurigkeit umzugehen“, habe ich gelernt.
Thomas ist einer von den Stillen. Er sondert sich ab von den Gefährten, wollte in seiner Enttäuschung nichts und niemanden sehen und hören.
Kennen Sie das, dass man zu versinken droht in einem grundlosen Meer des Zweifels? Dass man
zumindest zeitenweise jeden festen Grund unter den Füssen zu verlieren glaubt?
Thomas wird richtig krank vor Zweifel. Ist ein leidender, suchender Zweifler, – kein kecker, leichtfertiger Zweifler, dem es ganz wohl in seiner Haut ist. – Wir wollen also diesen Unterschied zwischen Zweifel und Zweifel festhalten.
Kommen wir zum frohmachenden Teil des heutigen Predigttextes, so wie ich ihn jedenfalls verstehe: Ich lese in diesen Zeilen die tröstliche Botschaft: Den ehrlich suchenden, leidenden Zweiflern
kann geholfen werden. Jesus kennt den Zugang zu Dir und zu mir. Er weiß, wie kompliziert ich bin
und wie mir geholfen werden kann.
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Und Thomas? – Der steht für mich als Beispiel (Paradigma) für einen gelungenen Neuanfang. Jesus zeigt sich ihm erneut als Heiland, als Zurecht-Bringer.
Und ich staune einmal mehr, wie er sich Menschen zugewandt hat. Ist ihnen das auch schon aufgefallen: Jesus behandelt nicht nach „Schema-F“ – seine Jünger sind nicht einfach beliebige Fans,
die sich um ihn zusammengerottet haben. Nein, Jesus geht auf jeden und jede persönlich ein. Er
überzeugt die Frauen am Ostermorgen anders als den hitzigen Petrus. Er überzeugt den ruhigen
Johannes anders als den zweifelnden Thomas. Warum soll denn alles nach Schablone gehen?!
Thomas muss handgreifliche Beweise haben in seiner Verzweiflung, bevor er glauben kann. Die
Jünger mögen ihm wohl erzählt haben: „Denk dir nur, Thomas, wir haben den Herrn gesehen,
leibhaftig. Er lebt! Er ist auferstanden!“ – Doch für Thomas geht das alles viel zu schnell. „Ganz
ehrlich – da komm ich nicht mit“, erwidert er. „Ich muss ihn selber sehen und betasten (!), dann
erst glaube ich!“
Mir ist das Bild von Caravaggio in den Sinn gekommen. Wenn sie Zeit und Lust haben, können sie
ja zu Hause mal danach googeln. Der berühmte italienische Maler Caravaggio (Michelangelo Merisi Caravaggio, 1571-1610) hat diese Szene im Bild festgehalten.
Thomas fordert Beweise. Er will nicht nur mit eigenen Augen sehen – er ruft sogar noch den Tastsinn als Zeugen an. Er will betasten und in seinen Händen halten, dann erst will er glauben. So
sehr hat sich die Verzweiflung in sein Herz gefressen hatte.
Und so legt er, als Jesus schließlich eine Woche nach Ostern vor ihm steht, den Finger mitten hinein in die Wunde, die der Lanzenstich des Soldaten in seiner Seite hinterlassen hat.
Die Stirn tief in Falten gelegt. Herrlich gemalt. So sieht einer aus, der im Grunde seines Herzens
nicht damit gerechnet hat, dass seine Bedingungen einmal erfüllt würden.
Wenn nicht Jesus um sein Herz gewusst und ihn gerungen hätte.
Keiner von den Jüngern wäre wohl aus seinen Zweifeln herausgekommen, wenn ihnen Jesus
nicht als der Auferstandene erschienen wäre. Der Rest ihres Glaubens wäre in kurzer Zeit vollends erdrückt worden.
Und deshalb ist Ostern keine Erfindung am Schreibtisch der verzweifelten Jünger.
Acht Tage lang verharrt Thomas auf seinem Standpunkt und nichts geschieht. Er wird also in seiner Auffassung noch bestärkt. Doch dann tritt Jesus unter die versammelte Jünger-Schar. Er ist ja
jetzt in der Seinsweise Gottes und nicht mehr an Raum und Zeit gebunden. Er kommt bei verschlossenen Türen, denn er hat keinen Leib wie wir, sondern einen ewigen, himmlischen Leib.
Er kommt und entbietet allen, auch dem Zweifler, den Friedensgruß: „Schalom alechem!“ Kein
Wort der Kränkung und des Vorwurfs bekommt Thomas zu hören. Jesus sagt ihm nur:
„Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie
in meine Seite.“
Das ist für mich die frohmachende Botschaft am heutigen Sonntag: Jesus lasst sich auf unsere
Not und unsere Glaubenskrisen ein und geht unendlich freundlich und gütig mit den Zweiflern um.
Jesus bringt die Dinge wieder zurecht.
Nicht weil der Zweifel etwas so Gutes wäre, nicht weil Jesus die radikale Ehrlichkeit des Thomas
bewundert und seine Entschlossenheit ihn beeindruckt, sondern weil er den ganzen Jammer des
Thomas sieht und weil seine Barmherzigkeit dem Verzweifelten heraushelfen will aus dem dunklen
Spalt, in den er hinabgestürzt war – darum der freundliche Umgang mit uns Zweiflern.
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Den Thomas warf das um – und zwang ihn auf die Knie. Er bestand nicht länger auf seiner Forderung. Er glaubte, bevor er den Leib Jesu betastet hatte. Es genügte ihm, dass er ihn sehen und
hören durfte.
„Mein Herr und mein Gott“ hat Thomas zu Jesus gesagt. „Mein Herr – du hast gewonnen. Du bist
Herr geworden über meine Verzweiflung und Traurigkeit. –
Gott schenke uns eine ebensolche – überzeugende und alle Zweifel raubende Begegnung mit Jesus. Auf dass auch wir wieder froh werden. Amen.