«Du blöde Schlampe!»

22.06.2015
«Du blöde Schlampe!»
Grenzverletzungen und Belastungsreaktionen
bei pädagogischen Mitarbeitenden in
Jugendhilfeeinrichtungen der Schweiz
Ergebnisse einer epidemiologischen Studie
Sophia Fischer, Célia Steinlin, Claudia Dölitzsch und Marc Schmid
Kontakt: [email protected]
Grenzverletzungen
› 20-90% des Personals in somatischen und psychiatrischen Kliniken
berichteten von physischer oder verbaler Gewalt durch Patienten in den
letzten 12 Monaten
(Franz, Zeh, Schablon et al. 2010, Hahn, Müller, Needham et al. 2010, Estryn-Behar, van der Heijden, Camerino et
al. 2008)
› Gewalt gegenüber Lehrkräften an Sonderschulen:
› 35% der SchülerInnen gaben an, ihre Lehrperson bedroht zu haben und 8%
berichteten von körperlichen Angriffen auf ihre Lehrperson (Schmid, 2008)
› 46-55% des Pflegepersonals in psychiatrischen Kliniken erleben im Laufe
ihres Arbeitslebens den Suizid eines Patienten (Schmidtke und Schaller , 2012)
› keine systematischen Untersuchungen im Kinder- und Jugendhilfebereich!
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Grenzverletzungen in der Kinder- und Jugendhilfe
› Heranwachsende in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen
› grosse Belastungen in der Biographie
› internalisierende aber auch externalisierende Problematik
› erhöht Risiko für Grenzverletzungen gegenüber Betreuenden
(Schmid et al., 2013)
› Grenzverletzungen (z.B. gezielte negative Verhaltensweisen) führen
zu Belastungsreaktionen
› PTBS, Burnout
› Depressionen, Angst-, Schlaf- und somatoforme Störungen
(Hogh et al., 2011; Kostev et al., 2014)
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Grenzverletzungen und Belastungsreaktionen
› Belastungsreaktionen wiederum…
› …haben Auswirkungen auf die Qualität
der Betreuung
› …führen zu Überforderung der
pädagogischen Fachkräfte
› Gefahr der Grenzverletzungen gegenüber
Ki/Ju
› Gefahr der erneuten Beziehungsabbrüche
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Ziele der epidemiologischen Studie
› Systematische Erfassung von grenzverletzendem Verhalten
gegenüber dem Personal in pädagogischen Einrichtungen
› Erfassung von Gewalt zwischen den Kindern und Jugendlichen
› Erfassung von selbstverletzendem und suizidalem Verhalten der
Kinder und Jugendlichen
› Erfassung von Belastungsreaktionen im Zusammenhang mit der
Arbeit in pädagogischen Einrichtungen
› Implikationen für die Versorgung der pädagogischen Fachkräfte
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Rekrutierung und Ablauf
› epidemiologische Fragebogenstudie im Rahmen des Modellversuchs
Traumapädagogik
› Anschreiben mit Fragebogenbatterie alle durch Bundesamt für
Justiz geförderten Einrichtungen der Schweiz (700 Fragebogen, ca.
90 Einrichtungen)
› Rücklauf: ca. 26.5 %
› zusätzlich 133 Fragebogen aus
dem Modellversuch
Traumapädagogik
= 319 Teilnehmende
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Instrumente: Grenzverletzungen
› Selbst entwickelter Fragebogen zu Grenzverletzungen und persönlichen
Belastungen im pädagogischen Alltag in den vergangenen drei
Monaten (Fischer, Dölitzsch, Steinlin et al., 2012)
› 18 Items:
› Grenzverletzende und übergriffige Verhaltensweisen der
Ki/Ju gegenüber den pädagogischen Fachkräften (12 Items)
› Miterlebte Uebergriffe zwischen den Ki/Ju (2 Items)
› Miterlebtes selbstschädigendes Verhalten der Ki/Ju (3 Items)
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Instrumente: Belastungsreaktionen
› Burnout: Burnout-Screening-Skalen (BOSS; Hagemann & Geuenich,
2009), erfasst aktuelle psychische, körperliche und psychosoziale
Beschwerden in arbeitsbezogenen, persönlichen und
zwischenmenschlichen Bereichen
› PTBS: Impact of Event Skala – revidierte Version (IES-R; Maercker &
Schützwohl, 1998), erfasst Belastungssymptome als Folge eigener
traumatischer Erfahrungen, Subskalen Intrusion, Hyperarousal,
Vermeidung
› Sekundäre Traumatisierung : Fragebogen von J. Daniels, (2006),
erfasst Leitsymptome der PTBS sowie depressive Verstimmung,
Suizidgedanken, Suchtverhalten und parapsychotisches
Bedrohungserleben
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Definitionen Belastungsreaktionen: Burnout
1. Ich befinde mich in ständiger Sorge und Anspannung, dass ich meinen
Job nicht bewältige.
2. Ich kontrolliere vermehrt Dinge in meinem Aufgabenbereich, bin
misstrauischer geworden.
3. Um Fehler zu vermeiden, arbeite ich oft bis spät in die Nacht.
4. Ich kann mich über Erfolge im Job nicht mehr nachhaltig freuen.
5. Läuft etwas nicht nach Plan, gerate ich leicht aus der Fassung.
6. Lange Arbeitstage werden für mich zur Qual, zum Dauerstress.
7. Die Freude an der Arbeit ist mir verloren gegangen.
8. In meinen beruflichen Entscheidungen bin ich weniger treffsicher.
9. Um beruflichen Stress abbauen zu können, greife ich auf Alkohol und/oder
Medikamente zurück.
10. Mein positives Image im Job ist in Gefahr
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Definitionen Belastungsreaktionen: PTBS
Konfrontation mit traumatischem Ereignis, das mit (drohendem) Tod,
ernsthafter Verletzung oder Gefahr für körperliche Unversehrtheit
verbunden ist (nach DSM-V auch Berücksichtigung indirekter
Traumatisierungen)
Reaktion mit Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen
Zentrale Symptome:
› Intrusionen (wiederkehrende Gedanken, Bilder und Wahrnehmungen,
Träume, Flashbacks etc.)
› Vermeidung traumaassoziierter Reize (Gedanken, Gefühle, Orte etc.)
› Hyperarousal/Übererregbarkeit
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Definitionen Belastungsreaktionen:
Sekundärtraumatisierung
Belastungen, die u.a. in der Zusammenarbeit mit traumatisierten Menschen
entstehen können (z.B. bei Traumatherapeuten, Betreuern im Kinderschutz)
Traumareaktion infolge des Hörens/Lesens traumatisierender Erlebnisse
der Klienten
Ähnliche Symptome wie bei traumatisierten Menschen, z.B.
›
›
›
›
›
›
›
›
Intrusionen, Vermeidung, Hyperarousal
verringerte Frustrationstoleranz
Gereiztheit
Depression
Bedrohungsgefühle
sozialer Rückzug
Konzentrationsschwierigkeiten
erhöhter Konsum von Alkohol und Medikamenten
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STICHPROBENBESCHREIBUNG
› 319 Personen
› 39% männlich
› 63% weiblich
› Alter: 23 bis 65 Jahre
(MW: 38.6, SD 10.0)
› 77% in fester Partnerschaft, 23%
alleinstehend
› 36% mit eigenen Kindern
http://www.usatipps.de/bundesstaaten/suedstaaten/florida/themenparks/
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Berufsgruppen der Stichprobe
Berufsgruppen in Prozent
Sozialpädagoge/in
74%
Sozialpäd. i. A.
12%
Sozialarbeiter/in
5%
Sonstiger sozialer Beruf
4%
Psychologe/in od. Arzt/Ärztin
2%
Lehrer/in oder Arbeitsagoge/in
2%
Keine soz. Ausb.
2%
0%
20%
40%
60%
80%
Berufserfahrung in Jahren
(im sozialpädagogischen Bereich)
12%
10%
8%
6%
4%
2%
0%
0 2
4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26 28 30 32 34 36
durchschnittlich 10 Jahre Berufserfahrung
sehr viele Personen mit wenig Berufserfahrung, einige wenige mit
sehr viel
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Dauer der Betriebszugehörigkeit in Jahren
20%
15%
10%
5%
0%
0
2
4
6
8 10 12 14 16 18 20 22 24 26 28 30 32 34
durchschnittlich seit 5 Jahren in der Einrichtung
sehr viele Personen mit kurzer Zugehörigkeit, einige wenige mit sehr
langer
Häufigkeit von grenzverletzendem Verhalten
gegenüber den BetreuerInnen
79%
Beschimpfungen, Beleidigungen
53%
Verbale Bedrohung
24%
Tätlicher Angriff
Gezieltes Fertigmachen
Sachbeschädigung
Bedrohung mit Waffe
Anspucken
Verbale Bedrohung einer nahestehenden Person
Entblössung von Kind/Jugendl. vor Person
Andere sexuelle Angebote
Sexuelle Belästigung
Bedrohung eines Nahestehenden mit Waffe
0%
15%
10%
9%
9%
6%
6%
3%
2%
2%
20%
40%
60%
80%
100%
8
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miterlebte Übergriffe zwischen Kindern und Jugendlichen
Gewalt
30%
Sexuelle Übergriffe
10%
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Beobachtetes selbstschädigendes Verhalten
der Kinder und Jugendlichen
Selbstverletzendes Verhalten
41%
Suizidversuch
9%
1%
Vollendeter Suizid
0%
20%
40%
60%
80%
100%
9
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Anzahl Grenzverletzungen pro Person
Anzahl pro Person
25%
21.9%
20%
16.2%
10%
22% mind. 5
unterschiedliche Erlebnisse
16.2%
14.8%
15%
9.1%
6.4%
6.1%
5%
3.4%
2.4%
2.4%
1.0%
0.3%
0%
0
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
91% mind. 1 Erlebnis
Burnout-Verdacht
BOSS: Mindestens ein auffälliger Wert pro Skala
18%
Beruf
Eigene Person
18%
30%
Familie
Freunde
33%
Körperliche Beschwerden
24%
Kognitive Beschwerden
16%
Emotionale Beschwerden
15%
18%
BOSS I
BOSS II
14%
0%
5%
10%
15%
20%
25%
30%
35%
Die Skala Beruf ist ausschlaggebend für den Verdacht auf Burnout.
10
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PTBS -Symptomatik
› Verdacht auf PTBS (alle „Kriterien“ vorhanden):
› 3 Teilnehmer (1% der Gesamtstichprobe)
* Intrusion, Vermeidung, Hyperarousal
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Sekundärtrauma-Symptomatik
› alle „Kriterien“ (außer Suizid) vorhanden:
› 3 Teilnehmer (1% der Gesamtstichprobe)
* Intrusion, Vermeidung, Hyperarousal, depressive Verstimmung, Suizidgedanken, Entgrenzung, Sexualität,
Suchtverhalten, Reaktualisierung einer Vortraumatisierung, parapsychotisches Bedrohungserleben
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Schlussfolgerungen
› PädagogInnen sind erheblichen Belastungen
ausgesetzt
› verbale Beschimpfungen und Beleidigungen an der
Tagesordnung
› grosse Belastungsreaktionen in den Bereichen
Burnout, PTBS und Sekundärtrauma
› insbesondere von subklinischen Symptomen sind
viele betroffen
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Schlussfolgerungen
› Notwendigkeit von
unterstützenden Strukturen
traumapädagogische Konzepte
› Versorgung der päd. Fachkräfte
zentral zur Vermeidung von
krankheitsbedingten Abwesenheiten,
Personalfluktuation
› Versorgung sollte Elemente der
Burnoutprävention aber auch
traumaspezifische Elemente enthalten
› Adäquate Versorgung der MA kommt
den Ki/Ju zugute!
http://de.wikipedia.org/wiki/Erfahrungsfeld_
zur_Entfaltung_der_Sinne
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Limitationen
› nur Einrichtungen des Bundesamtes für Justiz
› viele straffällige Jugendliche oder Jugendliche, die sehr auffällig
im Sozialverhalten sind (30%)
› nur Einrichtungen der Deutschschweiz
› Fragebogen an die Leitung adressiert, freiwillige Teilnahme
(Repräsentativität der Stichprobe)
› nicht validierter Fragebogen (Grenzverletzungen), Validität der
Konstrukte (Burnout, Sekundärtrauma)
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Publikationen / weiterführende Literatur
Steinlin, C., Dölitzsch, C., Fischer, S., Lüdtke, J., Fegert, J. M. & Schmid, M. (2015). Burnout,
Posttraumatische Belastungsstörung und Sekundärtraumatisierung. Belastungsreaktionen bei
pädagogischen Fachkräften in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen der Schweiz. Trauma und
Gewalt, 9 (1), 6-21.
Steinlin, C., Fischer, S., Dölitzsch, C., Fegert, J. M. & Schmid, M. (2015). Pädagogische Arbeit in
Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, eine gefahrgeneigte Tätigkeit. Ergebnisse einer
epidemiologischen Studie. Trauma und Gewalt, 9 (1), 22-33.
Schmid, M., Steinlin, C. & Fegert, J. M. (2015). Die Rekonstruktion des „sicheren Ortes“. Überlegungen
zum Umgang mit grenzverletzendem Verhalten gegenüber pädagogisch Mitarbeitenden. Trauma und
Gewalt, 9 (1), 34-47.
Schmid, M. & Lang, B. (2015). Die traumapädagogische Interaktionsanalyse als Mittel der
Fallreflexion. Trauma und Gewalt, 9 (1), 48-65.
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DANKE FÜR IHRE AUFMERKSAMKEIT !
[email protected]
www.traumapaedagogik.ch
Basel
Marc Schmid
Birgit Lang
Bettina Breymaier
Sophia Fischer
Célia Steinlin
Nina Kind
Judith Leisibach
Ulm
Jörg M. Fegert
Anne-Katrin Künster
Claudia Dölitzsch
Alexander Küttner
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