Ohne Bindung kein Überleben Bindungstheorien und ihre Anwendung

Dr. med. Katharina Freudenthal
Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie | Fachärztin für Allgemeinmedizin
Feuerhausstraße 36, 82256 Fürstenfeldbruck | Tel. 08141 9 26 54 | [email protected] | www.dr-freudenthal.de
Theoretische und behandlungstechnische Grundlagen in tiefenpsychologisch
fundierter Psychotherapie für Ärzte in Weiterbildung
WS 2015/2016
Ohne Bindung kein Überleben
Bindungstheorien und ihre Anwendung
Bindungstheorie nach John Bowlby
Zur Person
1907 in London in einem wohlhabenden Elternhaus als viertes von sechs Kindern geboren. Er hatte ein eigenes
Kindermädchen, das die Familie verließ, als er drei Jahre alt war. Mit acht Jahren kam er ins Internat.
Nach Schulabschluss studierte er Medizin und Psychologie. Er unterrichtete in einem Internat für verhaltensauffällige
Kinder. Dadurch angeregt studierte er Kinderpsychiatrie und begann eine psychoanalytische Ausbildung.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurde er Leiter der Abteilung für Eltern und Kinder an der Tavistock Clinic in London.
Zentrales Forschungsthema: Trennung von Müttern und ihren Kindern
1951 erstellte er im Auftrag der WHO eine Studie über den Zusammenhang zwischen mütterlicher Pflege und
seelischer Gesundheit.
Sein Hauptaugenmerk lag auf den realen frühkindlichen Erlebnissen in der Beziehung zu den Eltern.
1953 erschien sein Buch: „Child Care and the Growth of Love“, deutsch: „Frühe Bindung und kindliche Entwicklung“.
Es wurde in die Liste der 100 Meisterwerke der Psychotherapie aufgenommen.
Was bedeutet Bindung?
Der Säugling hat eine angeborene Neigung, die Nähe zu einer vertrauten Person zu suchen. Fühlt das Kind sich
müde, unsicher oder allein, aktiviert es ein Verhalten, das die Nähe zur vertrauten Person wieder herstellen soll.
=> Bindungsverhalten
Die Person, an die der Säugling sich als erstes bindet, ist die Mutter (oder „gleich bleibende Mutter-Ersatz-Person“).
Um eine gute Bindung zu ermöglichen, muss diese Beziehung „warmherzig, intim und stetig“ sein, eine Beziehung,
die für beide Befriedigung und Genuss bedeutet“. Das setzt Feinfühligkeit bei der Mutter voraus.
Wenn das Kind eine solche Beziehung nicht hat, spricht Bowlby von „Mutterentbehrung“. Die Mutterentbehrung kann
dadurch entstehen, dass die Mutter aus irgendeinem Grund zu einer solchen Beziehung nicht fähig ist, oder, dass
sie nicht da ist. Je nachdem, wie gut und wie vertraut die Ersatz-Pflege-Person ist, handelt es sich um eine „partielle
Deprivation“. Es gibt aber – und gab vor allem damals – beinahe totale Deprivationen in Säuglingsheimen und
Krankenhäusern.
Folgen der Mutterentbehrung
Bowlby schreibt, dass, wenn ein Kind die Betreuung durch die Mutter nicht oder sehr unzureichend hatte, die
Entwicklung fast immer verzögert ist und zwar sowohl physisch, als auch intellektuell und sozial, und, dass
körperliche und seelische Krankheiten auftreten können.
Ein Kind unter drei Jahren sollte nur, wenn es unumgänglich ist, von seiner Mutter getrennt werden, und dann sollte
die Trennung sorgfältig vorbereitet sein. Zwischen drei und fünf Jahren besteht die Gefahr der Schädigung immer
noch, wenn auch – vor allem wegen der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten – weniger stark. Allerdings hatte man
feststellen müssen, dass von Kindern im Alter zwischen fünf und 15, die während des Krieges evakuiert waren, „eine
beträchtliche Zahl mit Schäden reagierte“.
Bowlby hat mit delinquenten Jugendlichen gearbeitet und bei ihnen so gut wie immer eine Mutterentbehrung in der
frühen Kindheit gefunden. John Bowlby: „Frühe Bindung und kindliche Entwicklung“, S. 32
17.10.2015
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Bindungstypen
Die Art des Bindungsverhaltens ist individuell und hängt auch von den Reaktionen der Hauptbindungsperson ab.
Um das unterschiedliche Bindungs- und Explorationsverhalten in möglichst naturalistischer Situation zu erfassen,
entwickelte Mary Ainsworth 1970 den Fremde-Situations-Test (FST). Es handelt sich um einen festgelegten
Versuchsablauf für ein 12 bis 18 Monate altes Kind, seine Mutter und eine fremde Person. Dabei werden verschiedene Trennungs- und Wiedervereinigungsmomente durchgespielt. Je nach der kindlichen Reaktion auf diese Momente
erfolgt die Einteilung in 4 Bindungstypen:
Sichere Bindung:
Kind ist bei Trennung kurzfristig irritiert und weint; lässt sich von fremder Person
trösten und spielt auch mit dieser; bei Rückkehr der Mutter freudige Begrüßung;
Interpretation: angemessene Regulation von Nähe und Distanz; Vertrauen
Unsicher vermeidende Bindung: Kind reagiert nur schwach auf die Trennung, scheint unbeeindruckt;
Wenig Reaktion oder Ignorieren bei Rückkehr der Mutter; (aber: Cortisol!)
Interpretation: Pseudounabhängigkeit, Kontakt-Vermeidungs-Verhalten;
Ursache: häufige Zurückweisung
Unsicher ambivalente Bindung: Kind ist bei Trennung massiv verunsichert, bei Rückkehr der Bezugsperson:
Wechsel zwischen Anklammern und aggressiv-abweisendem Verhalten (extrem gestresst)
Interpretation: Bindungsverhalten immer aktiviert, Aufmerksamkeit bei der Reaktion der
Bezugsperson, wenig freie Valenzen für Explorationsverhalten
Ursache: Unberechenbarkeit der Bezugsperson
Desorganisierte Bindung: bizarres Verhalten, nicht in Relation zur Bezugsperson
Interpretation: Bindung kaum möglich, aber Bindungssystem kann nicht
abgeschaltet werden
Ursache: Bindungsperson ist gleichzeitig Bedrohung
Karl Heinz Brisch: „SAFE“ Sichere Ausbildung für Eltern; Beispiele für die vier Bindungstypen, S. 41, S. 46, S. 50, S. 59.
Bindungsorientierte Präventivprogramme
Ohne Hilfe von außen werden Bindungsstile meist über Generationen weitergegeben. Deshalb sind Präventionsprogramme, in denen sich die werdenden Eltern mit den „guten wie bösen Geistern“ ihrer eigenen Kindheit
auseinandersetzen und Unterstützung in der Gruppe erfahren, sehr wirksam.
Eines dieser Programme ist SAFE, 2010 von Karl Heinz Brisch entwickelt.
• Elternkurs, von 20. SSW bis Ende des 1. Lebensjahrs
• Möglichkeit individueller Beratung,
• Hotline für Schwierigkeiten im Alltag
Ziel: sichere Bindungsentwicklung fördern und Weitergabe traumatischer Erfahrungen verhindern.
Wir 2 – Bindungstraining für Alleinerziehende
Matthias Franz, Prof. an der Universitätsklinik Düsseldorf, hat, basierend auf einem Forschungsprojekt, ein bindungsund emotionszentriertes Gruppenprogramm für Mütter und deren Kinder im Vorschulalter entwickelt. Es umfasst 20
Doppelstunden in der Gruppe und ist für die teilnehmenden Mütter und Kinder kostenlos.
Ziel: Stärkung und emotionales Wachstum der Mütter und daraus resultierend Festigung der Mutter-Kind- Beziehung.
17.10.2015
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