Manuskript

SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE,
SWR2 DIE BUCHKRITIK
Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung
Aus dem Französischen von Claus Josten
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016
202 Seiten
17,99 Euro
Rezension von Dina Netz
Freitag, 08.04.2016 (14:55 – 15:00 Uhr)
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
SWR2 MANUSKRIPT
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung
bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR
Kennen Sie schon das Serviceangebot des Kulturradios SWR2?
Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen
Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen.
Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen
Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert.
Jetzt anmelden unter 07221/300 200 oder swr2.de
Der 1970 geborene Kamel Daoud ist in Algerien ein bekannter politischer Journalist. Er
lebt in Oran und schreibt für die dortige Zeitung eine viel gelesene politische Kolumne.
Ende 2014 geriet er international in die Schlagzeilen, weil er mit der Fatwa belegt wurde.
Daran ist auch sein erster Roman "Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung" schuld, in
dem Daoud sich islamkritisch äußert. Dabei ist das Buch zuerst einmal eine literarische
Antwort auf Albert Camus' Roman der "Fremde". Und die hat es in sich, meint Dina Netz.
Albert Camus' Roman „Der Fremde“ ist ein Stück Literaturgeschichte – der Roman gehört
diversen Rankings zufolge zu den 100 wichtigsten des 20. Jahrhunderts, er ist vielfach
literarisch und musikalisch verarbeitet und verfilmt worden. „Der Fremde“ ist aber auch ein
Politikum, bis heute; er hat eine ganze Reihe von Gegen-Romanen provoziert. Denn in
Camus' Buch erschießt die Hauptfigur Meursault einen Araber, und die Liste der
algerischen Autoren, die daraufhin Romane schrieben, in denen französische Besatzer
getötet wurden, ist lang. Nicht zuletzt ist der algerische Nationalroman „Nedjma“ von Kateb
Yacine oft als Antwort auf „Der Fremde“ gelesen worden.
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
SWR2 MANUSKRIPT
Der algerische Journalist und Schriftsteller Kamel Daoud hat 70 Jahre nach dem
Erscheinen nun nicht mehr abgerechnet mit „Der Fremde“. Er hat stattdessen die geniale
Idee gehabt, die Geschichte des ermordeten Arabers, der bei Camus nicht einmal einen
Namen hat, zu erzählen und ihm so zu spätem Recht zu verhelfen.
In Daouds Roman „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ sitzt der jüngere Bruder
des Ermordeten mehr als ein halbes Jahrhundert später in einer Bar und erzählt einem
französischen Literatur-Dozenten sein Leben, das gänzlich im Schatten dieses Mordes
gestanden hat. Die Familie war ohnehin gebeutelt, der Vater kurz nach der Geburt des
zweiten Kindes verschwunden, die Mutter allein mit zwei Söhnen. Und dann wird der
Ältere, Moussa, auch noch erschossen. Den übriggebliebenen Sohn zwingt die Mutter in
die Rolle des Platzhalters. Er muss Moussa ersetzen und kann sich selbst nicht entfalten.
Seine Beziehungen zu Frauen scheitern, im Alter lebt er einsam und zurückgezogen. Der
Monolog des Bruders ist also auch ein Versuch, spät vielleicht doch noch Frieden zu
finden. Dafür muss sich vor allem ein halbes Jahrhundert angestauter Wut entladen, Wut
auf den französischen Mörder und seine Richter, die Meursault eher wegen seiner
Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod seiner Mutter verurteilten als wegen des Mordes. Und
Wut auf sein eigenes Schicksal.
Der Bruder beichtet in seinem Monolog außerdem selbst ein Geheimnis: Auch er hat
getötet, einen Franzosen, und weil die Algerier gerade ihre Unabhängigkeit erkämpft
hatten, wurde auch dieser Mord nicht gesühnt. Die Familie hat ihre Rache also
bekommen, aber die Schuld lastet auf dem Zurückgebliebenen.
Für „Der Fall Meursault“ hätte Kamel Daoud vor zwei Jahren beinahe den wichtigsten
französischen Literaturpreis Prix Goncourt bekommen; er stand jedenfalls auf der Shortlist
und wurde als heißer Kandidat gehandelt. Darüber, wieso er den Preis nicht bekam, kann
man nur spekulieren. Literarisch lassen sich sicher berechtigte Einwände erheben, zum
Beispiel dass die Suada des Erzählers etwas redundant ist. An der deutschen
Übersetzung kann man außerdem kritisieren, dass Claus Josten die abschweifende, sehr
mündliche Erzählung zum Teil allzu wörtlich und nicht immer elegant übertragen hat.
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
SWR2 MANUSKRIPT
Möglicherweise war der Jury des Prix Goncourt das Buch aber auch politisch zu
ungemütlich. Denn nebenbei lässt Kamel Daoud seinen Erzähler über seine Heimat
Algerien sprechen, die nicht allzu gut wegkommt, und über den Islam, über den er sich,
wie über alle Religionen, abfällig äußert. Solche Passagen haben Kamel Daoud eine
Fatwa eingebracht.
„Der Fall Meursault“ ist eine wütende und ernsthafte Abrechnung mit der französischalgerischen Geschichte, die mitreißende Erzählung einer persönlichen Tragödie – aber
nicht nur, der Roman ist auch spielerisch und komisch. Denn natürlich ist dem Erzähler
bewusst, dass all sein Leid sich zwischen vier Buchdeckeln abspielt – zweien von Camus
und zweien von Daoud. Und damit treibt er ein durchaus amüsantes innerliterarisches
Spiel, bemitleidet zum Beispiel seinen Bruder dafür, dass er „nur in einem Buch“ sterben
durfte. Immerhin hat dieses Buch dann Literaturgeschichte geschrieben, und Kamel
Daouds Roman ist eine originelle Fortschreibung davon.
Daoud begeht übrigens lustvoll dasselbe Versäumnis wie Camus: Auch er gibt „seinem“
Araber, dem Erzähler, lange keinen Namen. Erst ganz am Schluss liefert er ihn noch
schnell nach. Wer ihn wissen will, sollte Kamel Daouds Roman lesen: Der Fall Meursault –
eine Gegendarstellung.
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.