SWR2 Die Buchkritik

SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE,
SWR2 DIE BUCHKRITIK
Gerd Hankel : Ruanda
Leben und Neuaufbau nach dem Völkermord,
wie Geschichte gemacht und zur offiziellen Wahrheit wird
Zu Klampen-Verlag
487 Seiten
24,80 Euro
Rezension von Marie-Christine Werner
Donnerstag, 19. Januar 2017 (14:55 – 15:00 Uhr)
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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Zunächst ein paar Fakten, die der Leser, dem die ruandische Geschichte nicht präsent ist,
in Exkursen bekommt: Der Völkermord von 1994 ist grausamer Höhepunkt eines Krieges,
der vier Jahre zuvor begann. Die Ruandische Patriotische Front - kurz FPR – bestehend
aus Exil-Tutsi, fällt von Uganda aus immer wieder in Ruanda ein. Ruanda wird zu dem
Zeitpunkt von der Hutu-Mehrheit regiert. Es kommt im Landesinneren zu Massakern an
Tutsi. 1993 soll ein Vertrag mit der FPR für Frieden sorgen. Die UN schickt Soldaten zur
Sicherung. Am Abend des 6. Aprils 1994 wird die Maschine des ruandischen
Staatspräsidenten über Kigali abgeschossen. Unmittelbar danach beginnen die Massaker
an Tutsi und moderaten Hutu. Die UN zieht ab. Das Morden wird drei Monate später durch
die FPR und ihre Eroberung des Landes beendet.
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Der Wiederaufbau beginnt, mit Paul Kagame als Vizepräsidenten. Im Jahr 2000 wird er die
Nummer 1. Mit der juristischen Aufarbeitung des Völkermords und den hunderttausenden
Tätern ist die ruandische Justiz überfordert. Im Sommer 2002 wird die alte Tradition der
Wiesengerichte wieder belebt, die Gacaca-Gerichte.
Diese Gerichte zu beobachten reist der Jurist Gerd Hankel zum ersten Mal nach Ruanda.
Er beschreibt die Hoffnung, dass durch die Gacaca alle Greueltaten aufgearbeitet würden,
auch die, die Tutsi an der Hutu-Bevölkerung begingen während und nach der Befreiung
des Landes. Welche Rolle spielten Paul Kagame und seine FPR in dieser Zeit? Doch bald
wirf klar, dass ausschließlich die Hutu-Verbrechen an den Tutsi verhandelt werden
würden, nicht die Verbrechen der Tutsi. Keine Gerechtigkeit auf beiden Seiten.
Autor Gerd Hankel spricht mit unterschiedlichsten Menschen, mit Juristen und
Journalisten, mit Opfern und Tätern. In den 15 Jahren seiner Recherche kann er zu
einigen so viel Vertrauen aufbauen, dass sie ihm auch brisante Dinge erzählen. Exklusive
Informationen, wie sie Ausländern sonst in Ruanda kaum zugänglich sind. Denn es
herrscht, und das beschreibt er im Detail, immer mehr ein Klima der Angst. Unliebsame
Menschen verschwinden, kritische Journalisten werden massiv eingeschüchtert,
Oppositionelle oder Kritiker kommen unter dem Vorwurf Versöhnungsgefährder zu sein
hinter Gitter.
2008 wird die Verfassung geändert. Der „Völkermord“ heißt fortan offiziell „Völkermord an
den Tutsi“. Tutsi sind Opfer, Hutu Täter – so lautet die einfache Gleichung in Ruanda.
Etliche Länder, darunter auch Deutschland geben dem ostafrikanischen Land viel Geld,
um bei der Rückkehr zur Normalität nach dem Völkermord zu helfen. Mit Frankreich bricht
der anglophone Paul Kagame sehr schnell. Nicht ohne Grund, wie Gerd Hankel schreibt:
Frankreich beginnt als erstes Land nach dem Völkermord, mit der Untersuchung des
Flugzeugabsturzes. Denn dabei war auch die französische Besatzung ums Leben
gekommen. Für die Franzosen weist viel darauf hin, dass die Maschine von Gefolgsleuten
Paul Kagames abgeschossen wurde. Doch das würde bedeuten, dass ein Tutsi den
Völkermord an den Tutsi ausgelöst hätte. Unmöglich. Paul Kagame seinerseits geht zum
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Gegenangriff über und wirft der französischen Regierung Unterstützung der Völkermörder
vor.
Gerd Hankel deckt die Willkür der ruandischen Regierung sowie ihrer Polizei und ihrer
Geheimdienste auf. Er nimmt die konsequent vorgetragenen Lügen zu den Ereignissen im
Ostkongo, das Leugnen der Verbrechen, trotz anders lauternder UN-Berichte
auseinander. „Ein Selbstbild, das von Selbstbewusstein strotzt und das offensiv auf
Selbst-behauptung drängt“ schreibt Gerd Hankel.
Das Buch ist trotz der Beschreibung juristischer Fragen nach der Aufarbeitung des
Völkermords, sehr gut lesbar, weil mit vielen anrührenden Lebensgeschichten durchsetzt.
Da ist es vernachlässigbar, dass der Autor plötzlich an einer Stelle aus John le Carrés
Spionageroman „Geheime Melodie“ zitiert, der erstaunliche Parallelen zur Realität zeigt.
Doch das ist nur eine kurze Passage.
Ein Buch, das zur Pflichtlektüre werden müsste für alle Geldgeber Ruandas und für all
diejenigen, die ein wirkliches Interesse an dem Land haben auch im rheinland-pfälzischen
Partnerland. Doch leider zeigt das Buch auch überdeutlich, dass die Zukunft Ruandas am
seidenen Faden hängt. Bräche das System Paul Kagames zusammen, könnte es zu
neuerlicher Gewalt kommen.
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