SWR2 DIE BUCHKRITIK

SWR2 MANUSKRIPT
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SWR2 DIE BUCHKRITIK
Abdel Bari Atwan: Das digitale Kalifat
Die geheime Macht des Islamischen Staates
Aus dem Englischen von Laura Su Bischoff
Beck Verlag 2016
299 Seiten
16,95 Euro
Rezension von Constantin Fellner
Donnerstag, 18. August 2016 (14:55 – 15:00 Uhr)
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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Die Uferpromenade in Nizza, eine Regionalbahn in Würzburg: längst hat der IS-Terror
Europa erreicht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch in Deutschland zu größeren
Anschlägen mit vielen Toten und Verletzten kommt. Die Zeit drängt, der Westen muss
gemeinsam mit der friedlichen Mehrheit der Menschen in den arabischen Ländern handeln
und das Krebsgeschwür des Islamischen Staates besiegen. Diese Forderung stellt der
palästinensisch-britische Autor Bari Abdel-Atwan in seinem Bestseller „Das digitale
Kalifat“, der nun auf Deutsch erscheint.
Der islamische Fundamentalismus ist so alt wie die Idee des Westens. Er entsteht im 18.
Jahrhundert in der Wüste Saudi-Arabiens im Schatten des Niedergangs des Osmanischen
Reiches, zeitgleich zur Atlantischen Revolution, und er versteht sich von Anfang an als
dritte Potenz im Great Game zwischen Atlantischer und Eurasischer Welt.
Abdel Bari Atwan hat ein Buch vorgelegt, in dem er Geschichte und Gegenwart dieses
islamischen Fundamentalismus intensiv ausleuchtet. Nun ist The digital Caliphate bei
Beck in deutscher Übersetzung erschienen.
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Atwan gilt als Sprachrohr des arabischen politischen Intellektualismus, seit er 1989 die
Tageszeitung Al-Quds Al-Arabi in London aus der Taufe hob, die er ein Vierteljahrhundert
lang leitete. Für ihn ist der Islamische Staat ist ein Geschöpf der 300 Jahre alten
Auseinandersetzung zwischen England bzw. später den USA und Russland – einer
Auseinandersetzung, die entgegen dem niedlichen Klischee der „Wende“ 1990 nicht zu
Ende ging.
Seitdem nämlich streiten die USA und Russland um die Vorherrschaft über die Ölreserven
Eurasiens. Bodentruppen wollen sie freilich bislang nicht schicken, und in dem daraus
entstandenen Vakuum hat sich der IS eingenistet. Das ist die geopolitische Dimension des
neuen Islamismus. Strukturell ist er für Atwan ein Produkt des digitalen Wandels und der
Globalisierung. Was im Westen anschwellender Rechtspopulismus anrichte, erledige im
Orient der IS, der mittlerweile via YouTube und Facebook Kämpfer und Sympathisanten
aus aller Welt rekrutiert, darunter nicht wenige westliche Konvertiten, die sich aus einem
diffusen Unbehagen in der Kultur mit Gewalt gegen die Grundfesten aller Zivilisation
kehren.
Ausführlich erörtert Abdel Bari Atwan die raffinierte Propagandastrategie des IS, der mit
Real-Time-Videos eigener Gräueltaten längst Snapchat und Periscope gekapert hat und
so den medial hochgerüsteten Westen mit seinen eigenen Mitteln bekämpft. Atwan liefert
aufschlussreiche Einblicke in die Organisation des IS unter dessen selbsternanntem
Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi: eine Welt voller Drogen, Hass und Menschenverachtung:
ein Höllenszenario, das – leider – auf westliche Fernsehgewohnheiten durchaus attraktiv
wirke.
Doch Atwan betreibt in seinem Buch nicht nur eine Anatomie des digitalen Islamismus,
sondern auch politische Wissenschaft. So beleuchtet er in einem der interessantesten
Kapitel die zwielichtige Rolle Saudi-Arabiens. Das wahabitische Königreich ist enger
geopolitischer Verbündeter der USA und wichtigster Finanzier islamistischer
Terrororganisationen zugleich: von den Mudschaheddin in den Achtzigern über Al-Quaida
in den Neuzigern bis nun zum Islamischen Staat. Die unselige Spaltungspolitik des
Westens – daran besteht für Abdel Bari Atwan kein Zweifel – hat zur tiefen
Verunsicherung der dortigen Bevölkerung geführt und sie anfällig gemacht für
fundamentalistische Befreiungsideologien.
Dabei wäre Freiheit, das zeigt die Geschichte des Westens, auch ohne Fundamentalismus
zu haben. Die Frage stellt sich – für Atwan und für seine Leser –, wie ernst es uns mit
dieser Freiheit ist, wie ernst wir das Projekt nehmen, den Orient an Europa heranzuführen.
„Wirksame ideologische Gegenwehr gegen den radikalen Islam im Allgemeinen und den
Islamischen Staat im Besonderen müsste“, so Abdel Bari Atwan, „von einer mächtigen
islamischen Persönlichkeit oder Bewegung gebündelt und getragen werden, hinter der
sich die Menschen scharen.“
An so einer Person fehlt es freilich im Moment. Im Westen besitzt kein Spitzenpolitiker die
nötige Glaubwürdigkeit bei den Arabern. Und im Nahen Osten ohnehin nicht. Fest steht
aber eines: wird dem Islamischen Staat nicht wirksam Einhalt geboten, wird sich das
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Lauffeuer weiter ausbreiten. Die jüngsten Anschläge in Europa sprechen eine klare
Sprache. Und so viel ist nach dieser Lektüre klar: das digitale Kalifat lässt sich nicht mehr
regional einhegen. Es ist ein globales Phänomen: in seiner Kommunikation, seinem
Einsatzgebiet und seinem Recruitment.
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