Frau Professor - Bayerischer Rundfunk

Manuskript
radioWissen
SENDUNG: 26.06.2015
09.05 Uhr
AUFNAHME:
STUDIO:
SK
Ab 9. Schuljahr
TITEL:
Frau Professor
Suche nach einer geschlechtersensiblen Sprache
AUTORIN:
Julia Fritzsche
REDAKTION:
Dr. Gerda Kuhn
REGIE:
Sabine Kienhöfer
TECHNIK:
Michael Krogmann
PERSONEN:
ERZÄHLERIN
Caroline Ebner
ERZÄHLER
Peter Veit (PS)
ZITATOR
Peter Veit (PS)
ZITATORIN
Beate Himmelstoß (PS)
Lann Hornscheidt, Profx. für Gender Studies und Sprachanalyse der Humboldt-Universität Berlin
Luise F. Pusch, Linguistin
Antje Schrupp, Politikwissenschaftlerin und Journalistin
Zuspielungen
Digas / Tabelle: Wissen und Forschung / „Sprache und Gender“
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Jede andere Verwendung oder Veröffentlichung ist nur in Absprache mit dem Bayerischen Rundfunk möglich!
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Musik
Angel fragments
C1279160 116
ZITATOR:
„Wenn Sie mit Profx. ((für Zitator: ausgesprochen „geehrtix Professix“) Lann
Hornscheidt Kontakt aufnehmen wollen, achten Sie bitte darauf, geschlechtsneutrale
Anreden zu verwenden. Bitte vermeiden Sie alle zweigendernden Ansprachen wie
"Herr ___", "Frau ___", "Lieber ___", oder "Liebe ___". Eine mögliche Formulierung
wäre dann z. B. "Sehr geehrtx Profx. Lann Hornscheidt".“
Musik aus
ERZÄHLERIN:
So steht es auf der Homepage von Lann Hornscheidts Lehrstuhl Genderstudies und
Sprachanalyse an der Humboldt-Universität in Berlin.
O-TON HORNSCHEIDT: GRÜNDE
Ich wollte das, weil ich mich nicht als Mann oder Frau verstehe und es im Deutschen
bisher wenige Möglichkeiten gibt, eine andere Form zu wählen für sich selbst, die
nicht Zweigeschlechtlichkeit wieder aufruft. Und dann habe ich eben diese Form aus
dem lateinamerikanischen feministischen Raum entlehnt, da wird diese Form schon
ganz lange benutzt, um diese Endung –a oder –o zu umgehen. Und im Englischen
ist jetzt ja gerade als dritte Anrede neben „Mr“ und „Ms“ dieses „Mx“ ins OxfordDictionary aufgenommen worden. Und diese Form hab ich dann eben entlehnt und
„–ix“ auch verwendet, um Weiblichkeit und Männlichkeit herauszufordern.
ERZÄHLERIN:
Ein Forschungsschwerpunkt von Hornscheidt ist Kognitionslinguistik. Diese
Forschungsrichtung der Sprachwissenschaft geht der Frage nach, wie Sprache sich
darauf auswirkt, wie wir uns die Welt vorstellen, welche Wirkung es zum Beispiel hat,
wenn eine Sprache verschiedene Zeitformen wie Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft kennt. Sprache prägt unser Bewusstsein, lehrt die Kognitionslinguistik. Die
Tatsache, dass wir zum Beispiel auf Formularen häufig „Herr“ oder „Frau“ ankreuzen
müssen, macht es auf Dauer schwer, uns klarzumachen, dass es neben diesen
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beiden Geschlechtskategorien noch etwas anderes gibt, also zum Beispiel
intersexuelle oder transsexuelle Menschen. Lann Hornscheidt ahnte, dass die
Aufforderung, „Professix“ genannt zu werden, provozieren würde.
Doch nach den ersten Zeitungsartikeln darüber im April 2014 drohten einige
Menschen Hornscheidt sogar mit Gewalt und Mord.
OT HORNSCHEIDT: Reaktionen
Ja, machen sie immer noch übrigens. (lacht) Jetzt gerade ist wieder eine ganz große
Welle mit Hassmails. Das kommt immer darauf an, ob es gerade wieder einen Artikel
gab oder ein Radiointerview wie das jetzt. Da gibt es eine ganze Reihe von direkten
körperlichen Gewaltandrohungen, Vorschläge, mir schon körperlich zu zeigen,
welches Geschlecht ich denn bin. Jetzt diese Woche hat jemand geschrieben: ich
fühle mich in meiner Freiheit eingeschränkt, wenn ich Sie nicht benennen kann, wie
ich will.
Musik Dude you are so crazy C1087590 011
ZITATOR/IN: (wechselnd)
„Das wirklich traurige ist, dass wir dieses Ungeziefer mit Steuergeldern am Leben
halten.“
„Ist es eigentlich Absicht, dass man schon am Photo das Geschlecht nicht erkennen
kann? Ix (bitte auch so aussprechen) lebt das ja richtig!“
„Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es Lann ankotzt, wenn sie mal zum
Frauenarzt muss.“
Musik aus
ERZÄHLERIN:
Diese Reaktionen bekommt Lann Hornscheidt auf Facebook aus der rechten Ecke.
Doch auch das bürgerliche Milieu reagiert verständnislos und höhnisch. Der
stellvertretende Chefredakteur der Weltgruppe, Ulf Poschardt, postet einen
Screenshot der Uni-Homepage, auf der auch ein Foto von Hornscheidt ist, und
schreibt:
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ZITATOR:
„What you see is what you get“ (Das, was Du siehst, bekommst Du auch)
ERZÄHLERIN:
Journalistenfreunde von ihm klicken den Like-Button. Und die Soziologin Heike
Diefenbach fordert in einem offenen Brief an den Berliner Senat, Hornscheidt von der
Universität zu verweisen, da bewiesen sei, …
ZITATORIN:
„…dass er / sie über keine Befähigung und in keiner Weise eine besondere
Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten verfügt.“
O-TON HORNSCHEIDT: Gründe für Protest
Ich glaub, dafür gibt es mehrere Gründe. Das Eine ist, dass Zweigeschlechtlichkeit
eine ganz starke Norm in dieser Gesellschaft ist. Und das Zweite ist, dass ich es auf
einer statushohen öffentlichen Position für mich will. Das ist natürlich etwas anderes,
wenn eine Person in einer kleinen NGO oder einer kleinen Transgruppe sagt: ich
nehme jetzt mal eine andere Form, oder ob ich das auf einer Professur sag. Das
heißt, ich stehe für das, was akademisches, solides Wissen in Deutschland ist.
MUSIKBREAK The day the devil CD570550 007
ERZÄHLERIN:
Ähnlich wie Lann Hornscheidt heute erging es der Sprachwissenschaftlerin Luise F.
Pusch vor knapp vierzig Jahren. Pusch wollte die weibliche Form in die deutsche
Sprache einführen.
Musik aus
O-TON PUSCH: Reaktionen
„Also Morddrohungen hab ich für die Vorschläge zur feministischen Linguistik nicht
bekommen, aber doch sehr heftigen Gegenwind, bis hin zum Berufsverbot. Ich
konnte das nicht sofort erkennen, weil ich noch ein Heisenberg-Stipendium hatte.
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Aber als ich dann fertig war mit allem und gleichzeitig auch in die feministische
Linguistik eingestiegen war, da war ich persona non grata: 20 Jahre Ausbildung für
den akademischen Beruf mit den höchsten Auszeichnungen, das war plötzlich alles
nichts mehr wert, nachdem ich 20 Seiten feministische linguistische Überlegungen
veröffentlicht hatte.“
ERZÄHLERIN:
Luise F. Pusch arbeitet Ende der 70er Jahre zusammen mit ihrer Kollegin und
Freundin Senta Trömel-Plötz an der Universität Konstanz. Beide Frauen sind
geprägt von den USA. Schon aufgrund ihrer Berufswahl – beide sind Anglistinnen und Trömel-Plötz außerdem durch ihre Studienerfahrungen in den Vereinigten
Staaten. Die Wissenschaftlerinnen beobachten, dass die amerikanische
Frauenbewegung einen Sprachwandel fordert. Diese ist ihrerseits inspiriert von der
US-Bürgerrechtsbewegung, die seit Jahrzehnten gegen abwertende Bezeichnungen
für schwarze Menschen wie „nigger“ oder „boy“ kämpft. 1973 veröffentlicht die
Linguistin Robin Lakoff die Analyse „Language and Womens‘ Place“.
Musik The Twist CD580530 012
ZITATORIN:
„Dieses Buch ist ein Versuch, anhand des Sprachgebrauchs eine Form der
Ungleichheit zu belegen: der zwischen Männer- und Frauenrollen. (…) Wir werden
herausfinden, dass Frauen sprachliche Diskriminierung auf zwei Arten erfahren: in
der Art, wie man sie lehrt, die Sprache zu gebrauchen, und in der Art, wie die
Sprache sie gebraucht.“
Musik aus
O-TON Pusch: Artikel in fem. Berichte
„Da hatte Senta Trömel-Plötz aus den USA diese Fragestellungen mitgebracht, hat
dazu einen Aufsatz in der deutschen Zeitschrift „Linguistische Berichte“ veröffentlicht,
und darauf wurde sie dann extrem angegriffen, besonders von einem Linguisten
namens Kalverkämper. Der veröffentlichte dann in der selben Zeitschrift den
Gegenartikel. Es ging darum, dass die Sprache nicht feministisch kritisiert werden
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darf, und „Doppelformen sind überflüssig“, „die Frauen sind ja mitgemeint“, und all
solche Sachen. Und da haben wir beide uns hingesetzt und uns überlegt, welche von
uns antwortet denn jetzt darauf. Und damit nach außen signalisiert wird: da ist nicht
nur eine einzelne Verrücktgewordene, sondern da sind also mindestens zwei, und
dann lässt sich sowas nicht so leicht vom Tisch wischen, habe ich mich
entschlossen, darauf zu antworten.“
ERZÄHLERIN:
Zusammen mit zwei weiteren Linguistinnen, Ingrid Guentherodt und Marlis Hellinger,
veröffentlichen die Wissenschaftlerinnen 1980 die ersten deutschsprachigen
„Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs“.
ZITATORIN:
„Sprache ist sexistisch, wenn sie Frauen und ihre Leistung ignoriert, wenn sie Frauen
nur in Abhängigkeit von und Unterordnung zu Männern beschreibt, wenn sie Frauen
nur in stereotypen Rollen zeigt und ihnen so über das Stereotyp hinausgehende
Interessen und Fähigkeiten abspricht, und wenn sie Frauen durch herablassende
Sprache demütigt und lächerlich macht.“
Musik Dear Miami Z9303699 008
ERZÄHLERIN:
Die Linguistinnen analysieren in den Richtlinien, wie die Gesellschaft zur damaligen
Zeit über Frauen und Männer spricht.
Musik aus
OT PUSCH: Textkritik
Wenn Sie heute hören, „Merkel trifft sich mit Obama“, dann war das früher ganz
unmöglich. Da sagten sie immer, „Frau Merkel trifft sich mit Obama“. Das galt als
höflich, aber es ist natürlich eigentlich etwas herablassend. Denn es wird immer
mitgeteilt: ein Mensch ist ein Mann, es sei denn das Gegenteil wird signalisiert durch
das Merkmal „Frau“ davor. Da wurde also textlinguistisch gefordert, dass nicht nur
Männer mit Nachnamen benannt werden, sondern auch Frauen. Oder es soll nicht
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immer gesagt werden, „Herr Prof. Dr. Meier kam zusammen mit seiner Gattin“,
sondern „Herr. Prof. Dr. Meier kam zusammen mit Frau Dr. med. Ingeborg Meier“
und so weiter.
ERZÄHLERIN:
Neben der Art, wie über Frauen und Männer gesprochen wird, stellen Luise Pusch
und ihren Kolleginnen in den „Richtlinien zur Vermeidung sexistischen
Sprachgebrauchs“ aber vor allem grammatikalische Forderungen.
OT PUSCH: Wichtigste Ford
Die wichtigste, für die ich mich auch seitdem stark gemacht habe, war, das
sogenannte „generische Maskulinum“ aufzuweichen - und dann letztendlich
abzuschaffen.
ERZÄHLERIN: (Hinweis Regie: „wir“ bitte nicht belehrend sprechen, sondern eher
erzählerisch)
Ein generisches Maskulinum liegt vor, wenn wir von „Politikern“ sprechen, damit aber
sowohl Frauen als auch Männer in politischen Ämtern meinen. Wenn wir also die
männliche Form für beide Geschlechter verwenden. Ein generisches Femininum
andrerseits läge vor, wenn wir mit „Politikerinnen“ beide Geschlechter meinen
würden, doch diese Variante sieht die deutsche Sprache bislang nicht vor. Das
generische Maskulinum, also die generelle Formulierung „Politiker“, wird - damals
wie heute – gern mit dem Einwand verteidigt:
Musik
Time ripples
C1573980 110
ERZÄHLER:
„Aber Frauen sind doch mitgemeint!“
ERZÄHLERIN:
Kognitionslinguistische Studien wie die bereits 1982 vorgelegte Analyse
„Frauensprache. Sprache der Veränderung“ von Senta Trömel-Plötz belegen, dass
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wir beim generischen Maskulinum keineswegs Frauen immer in unsere Vorstellung
miteinbeziehen.
Musik aus
Der Grund: ein Wort wie „Studenten“ soll in manchen Situationen alle Menschen
bezeichnen, die an einer Universität studieren. Ein Beispiel dafür wäre der Satz: „Die
Studenten der Stadt Leipzig stehen der Wahl positiv gegenüber“. In anderen
Situationen dagegen steht der Begriff nur für männliche Studenten, etwa im Satz:
„Die Studenten der Stadt Leipzig haben meist Freundinnen, die drei bis acht Jahre
jünger sind als sie selbst“. Da es also nicht immer klar ist, ob Frauen mitgemeint sind
oder nicht, stellen wir uns häufig auch beim allgemeinen Gebrauch nur Männer vor.
Frauen werden durch das generische Maskulinum also häufig unsichtbar. Das ist
auch der Fall, wenn wir von hypothetischen Personen sprechen.
OT PUSCH: hypothetische Personen
Das kommt vor in solchen Sätzen wie „Wer wird Millionär?“ oder „Fragen Sie Ihren
Arzt oder Apotheker“. Da ist ja nicht irgendjemand Bestimmtes gemeint, sondern so
der Arzt und der Apotheker allgemein. Aber gibt es nicht eigentlich viel mehr
Apothekerinnen als Apotheker? Warum soll ich dann ausgerechnet meinen
„Apotheker“ fragen? Diese Männersprache ist eine ständige Reklame für Männer.
Und das hat effektive bis hin zu finanziellen Nachteilen für Frauen.
ERZÄHLERIN: („wir“ bitte nicht belehrend sprechen, sondern eher erzählerisch)
Ob wir wollen oder nicht: meist haben wir eine bestimmte Vorstellung davon, welches
Geschlecht eine Personengruppe hat. Das zeigt sich auch darin, dass wir nicht
immer konsequent nur die männliche Form benutzen, sondern einerseits von
„Ärzten“, andererseits aber von „Krankenschwestern“ sprechen, oder von „Piloten“
und „Stewardessen“, von „Abteilungsleitern“ und „Sekretärinnen“. „Stewards“ und
„Hausmänner“ sind die Ausnahme, und unter einem „Sekretär“ stellen wir uns eher
ein Möbelstück vor als einen Mann. Luise Pusch und ihre Kolleginnen fordern
deshalb in den 80er Jahren die Doppelform, also beispielsweise die Ansprache:
„Bürgerinnen und Bürger“. Das wird oft mit einem weiteren Einwand zurückgewiesen:
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ERZÄHLER:
„Das ist zu umständlich.“
O-TON PUSCH: ja, nach 200 Jahren gen. Femininum
Darauf sage ich: da haben Sie vollkommen Recht. Das ist viel zu kompliziert, die
Männer immer mitzunennen. (lacht) Deswegen also gleich das generische
Femininum einführen. Nach dem Rotationsprinzip. Jetzt hatten wir das generische
Maskulinum seit, sagen wir mal, 2.000 Jahren oder noch viel länger. Da sollten wir
jedenfalls mal 100 Jahre das generische Femininum ansetzen. Also mit dem Wort
„Arbeiterinnen“ sind dann auch die Männer mit-gemeint. „Es gibt hier in unserem
Betrieb 50 Arbeiterinnen, darunter 20 männliche“. Warum soll das dann nicht auch
gehen?
Musik
Angel fragments
C1279160 116
ERZÄHLERIN:
Auch diese Variante findet keine Anerkennung, sondern Gespött. Die Vorlesungen
von Luise Pusch besuchen zu Beginn der 80er Jahre zwar viele interessierte
Studentinnen, doch auch deren Lebenspartner und Ehemänner kommen in den
Hörsaal und sind oft ganz anderer Meinung: Turnlehrer und Bademeister, so Pusch,
halten ihr Vorträge über ihre Auffassung der deutschen Sprache. Selbsternannte
Sprachschützer schicken ihr Briefe, in denen sie die „Sprache Goethes und Luthers“
schützen wollen. Ihr Argument:
Musik aus
ERZÄHLER:
„Die feministische Linguistik tut der Sprache Gewalt an.“
O-TON PUSCH Gewalt an Sprache oder an Frauen
Ich hab dann gesagt: „Sprache ist doch wirklich ein Abstraktum. Was wirklich
passiert, ist, dass den Frauen Gewalt angetan wird, denn sie werden einfach
eliminiert.“ 99 Sängerinnen und ein einziger Sänger machen aus dieser weiblichen
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Gruppe symbolisch eine männliche, und jeder Gedanke an Frauen verschwindet,
egal wie viele da waren. Ich hab dann gesagt zu denen: „Stellen Sie sich vor, es
findet eine CDU-Veranstaltung statt, und da ist auch ein SPD-Mitglied dabei, und am
nächsten Tag redet die Zeitung von einer SPD-Veranstaltung. Das würde ja die CDU,
oder um in Bayern zu bleiben: die CSU, auch nicht mögen. Aber das ist genau das,
was den Frauen serienmäßig passiert.
ERZÄHLERIN:
Die „Neue Frauenbewegung“, die Ende der 60er Jahre in Deutschland entstanden
war, nimmt die Ideen der feministischen Linguistik auf. Denn während die
organisierte Frauenbewegung im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem
formale Rechte wie Zugang zur Erwerbsarbeit und das allgemeine Wahlrecht
gefordert hatte, betonen die Frauen der 60er und 70er Jahre vor allem, auch das
Private sei politisch. Sie wollen selbst über ihren Körper bestimmen, Kindererziehung
und Hausarbeit neu aufteilen und sexuelle Gewalt aufdecken. Sprache als
Alltagspraktik und eine feministische Kritik daran passen da gut dazu. Die
feministische Linguistik zeigt,
Musik Dude you're so crazy C1087590 011
wie die männlich geprägte Sprache mit dazu beiträgt, dass das Männliche als das
“Normale” und Allgemeingültige empfunden wird, das Weibliche aber gerade nicht.
Es ist dieser Logik zufolge erst einmal der "Ausnahmefall", das "Unnormale", weil
vom Männlichen Verschiedene. Die Sprache ist also Teil des
Sozialisationsprozesses, den die französische Philosophin und Schriftstellerin
Simone de Beauvoir 1949 in ihrem Werk „Das andere Geschlecht“ beschrieben
hatte.
ZITATORIN:
„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“
Musik aus
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OT SCHRUPP: Pusch
Ich bin Antje Schrupp. Ich bin Politikwissenschaftlerin, wohne in Frankfurt am Main
und benutzte die inklusive Sprache, seit ich Luise Pusch das erste Mal gelesen hab,
irgendwann in den 80ern (lacht). Als ich „Das Deutsche als Männersprache“ damals
gelesen hab, war das für mich wie die Entdeckung einer neuen Welt! Ich war total
begeistert und hab mein Sprechen und mein Schreiben danach geändert. Mein
Forschungsgebiet ist ja Politische Ideengeschichte. Und da beschäftige ich mich
eben mit Ereignissen in der Vergangenheit. Und wenn dann immer das generische
Maskulinum benutzt wird, weiß ich schlichtweg nicht, ob da Frauen dabei waren,
oder nicht, was für eine feministische Forscherin aber eine ganz essentielle
Information ist. Und das ist einfach problematisch.
ERZÄHLERIN:
Die Journalistin und Bloggerin Antje Schrupp hat mehrere Bücher zu
Frauenbewegungen geschrieben, unter anderem über die Frauen in der ersten
Internationalen und 2015 den Comic „Kleine Geschichte des Feminismus“. Luise
Pusch, so sagt sie, hat der Frauenbewegung Aufschwung verschafft und eine neue
Art des Sprechens geschaffen. Die feministischen Linguistinnen schlagen neben der
Doppelform neutrale Formulierungen wie „Lehrkraft“ oder „Studierende“ vor, ab den
80er Jahren der Einfachheit halber das sogenannte „Binnen-I“, also beispielsweise
das Wort „Leser“ und dann daran angehängt „Innen“ mit großem I. Das ist kürzer als
die Doppelform und hat den Vorteil, dass es die weibliche Lesart suggeriert, aber
auch für Männer akzeptabel sein sollte, da es sich von der rein weiblichen Form
„Leserinnen“ mit kleinem i unterscheidet.
MUSIK Time C1573980 105
Während die Wissenschaftlerinnen an der Universität viel Gegenwind bekommen,
sind sie außerhalb erfolgreich. Zum Ärger einiger Kollegen veröffentlicht der
Suhrkamp-Verlag die Bücher von Luise Pusch - und verkauft sie gut. Langsam
übernehmen auch staatliche Institutionen die Forderungen der feministischen
Sprachwissenschaft. 1987 verpflichtet sich die UN-Kulturorganisation UNESCO
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dazu, geschlechterdiskriminierende Formulierungen zu vermeiden. Institutionen,
Ministerien und Behörden in Deutschland, Österreich und der Schweiz erlassen
Richtlinien. Der Deutsche Bundestag verfasst 1991 den Bericht über »Maskuline und
feminine Personenbezeichnungen in der Rechtssprache«. Und im
Bundesgleichstellungsgesetz heißt es heute:
Musik aus
ZITATORIN:
„Alle Rechts- und Verwaltungsvorschriften des Bundes sollen in einer
geschlechtergerechten Sprache gefasst werden. (…)Die Bundesverwaltung wird
gesetzlich zu einer geschlechtergerechten Sprache verpflichtet.“
ERZÄHLERIN:
Offizielle Dokumente enthalten heute fast immer auch die weibliche Sprachform, im
Mündlichen allerdings verwendet die Mehrheit sie nicht. Nur im Wahlkampf ist von
„Bürgerinnen und Bürgern“ die Rede und in der Zeitung heißt es „Liebe Leserinnen
und Leser“. Doch die Doppelform verkommt hier oft da zur leeren Formel, wo es vor
allem darum geht, bloß niemanden zu verlieren. Die Frauen sind häufig nicht wirklich
mit Empathie mitangesprochen. In einigen Milieus und in manchen Medien,
Betrieben und Unternehmen zeigt die feministische Linguistik, also auch die Arbeit
von Luise Pusch, jedoch Wirkung.
OT SCHRUPP: geschaffen
Sie hat auf jeden Fall ein Bewusstsein für die Problematik geschaffen, dass Sprache
nicht einfach ein Instrument ist, das egal ist, sondern dass Sprache eine Auswirkung
darauf hat, wie wir denken und wie wir wahrnehmen. Und wer jetzt das generische
Maskulinum benutzt, muss das politisch verantworten, weil es die Alternative gibt,
und vor Luise Pusch hat es die Alternative nicht gegeben . Und sie hat ja auch dazu
geführt, dass die Experimente mit der Bezeichnung der Person noch weitergegangen
sind.
Musik Total eclipse
CD580530 003
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ERZÄHLERIN :
Seit den 90er Jahren erleben wir eine neue Welle des Feminismus, manchmal „Dritte
Welle“ genannt, darunter sogenannte „queerfeministische“ Gruppen, die „natürliche“
Vorstellungen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ kritisieren.
Musik aus
Immer öfter kommt es vor, dass Menschen sich nicht als Frau oder Mann definieren
wollen – viele fügen deshalb Lücken oder Freiräume in die Sprache ein, die das
symbolisieren sollen: zum Beispiel den Unterstrich, also „Student_innen“ (Hinweis für
ERZÄHLERIN: „Student, Unterstrich, innen“), das sogenannte Gendersternchen also
„Arbeiter*innen“ (Hinweis für ERZÄHLERIN: Arbeiter, Sternchen, innen) und eben die
Endung „-ix“ wie bei „Professix“ Lann Hornscheidt.
OT HORNSCHEIDT: soz. Beweg
Sprachveränderungen werden nicht an der Uni geboren und enden da auch nicht.
sondern kommen immer aus politischen Bewegungen. Und diese ganzen
Unterstrich- und Sternchen-Formen kommen auch aus genau diesen Bewegungen.
Von Personen, ganz häufig jetzt in diesem Fall, die sich als feministisch verstanden
haben, aber gesagt haben, ein Feminismus, der nur von Frauen und Männern
ausgeht, ist uns zu wenig. Wir wollen mehr. Und es muss eine Veränderung geben,
also eine Ausweitung von eher älteren Feminismus-Konzepten.
ERZÄHLERIN:
Das britische Oxford-Dictionary hat 2015 neben „Mr.“ und „Mrs.“ deshalb die
geschlechtsneutrale Variante „Mx.“ eingeführt. Und neben der umständlichen
Formulierung „he “oder „she“ - also er oder sie - setzt sich als Ersatz das
geschlechtsneutrale „they“ durch, das schon Shakespeare verwendet hatte. Auch die
„Schwedische Akademie“ hat neben „han“ für „er“ oder „hon“ für „sie“ 2015 das
geschlechtsneutrale Fürwort „hen“ in ihre Wortliste aufgenommen.
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OT HORNSCHEIDT: Sprachhandeln
Mein Ansatz ist es eben, zu sagen: immer wenn ich spreche, handle ich. Und in der
Form, wie ich das mache, kann ich Welt mitgestalten! Und das ist ja eigentlich ganz
wunderbar. Weil wie müssen uns nicht große Demonstrationen ausdenken, was auch
alles toll ist, aber wir können jeden kleinen Moment handeln, indem wir überlegen,
wie wir über Leute sprechen. Und da ist für mich eine Regel, dass die Leute, die
diskriminiert sind, ein Recht darauf haben, so angesprochen zu werden, wie sie
angesprochen werden wollen, das ist zum Beispiel in der Rassismus-Debatte ein
ganz wichtiges Thema. Wenn ich kommunizieren möchte mit Menschen, will ich ja
immer respektvoll sein, gehe ich von aus. Also nehme ich diese Forderungen auch
wahr.
Musik Angel fragments
C1279160 116
ERZÄHLERIN:
Ja. Auf alle Rücksicht zu nehmen und sich umzugewöhnen, ist umständlich. Und: ja.
Sternchen, Unterstriche und Ixe machen die Sprache oft schwer verständlich. Doch
unsere bisher übliche Sprache lässt Menschen einfach weg und damit auch wertvolle
Informationen. Sie ist damit noch viel unverständlicher als ein „x“.
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