Grenzkontrollen – zweifelhafte Wirkung, großer Schaden

Sebastian Kummer Editorial
Grenzkontrollen –
zweifelhafte Wirkung,
großer Schaden
Foto: privat
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ie europäische Flüchtlingskrise birgt nicht
nur eine Vielzahl politischer Probleme, sondern stellt auch für Transport und Logistik in
Europa eine große Herausforderung dar. In
einer Situation, in der Europa ohnehin schon an Wettbewerbsfähigkeit verliert, hängt das endgültige Aufheben
des Schengen-Abkommens und die Einführung von nationalen Grenzkontrollen innerhalb der Schengen-Zone
– aufgrund der enormen Kosten, die damit für die europäische Wirtschaft und letztendlich für den europäischen Steuerzahler/die europäische Steuerzahlerin verbunden sind – wie ein Damoklesschwert über uns.
Die durch Grenzkontrollen und die Errichtung von
Grenzeinrichtungen entstehenden Kosten stellen dabei
das kleinste Problem dar. Es sind die drohenden enormen Steigerungen der Transport-, Logistik- und Supply
Chain-Kosten, die Sorgen bereiten. Die Denkfabrik
France Strategie hat Anfang Februar eine Studie vorgelegt, die davon ausgeht, dass durch die Wiedereinführung von Grenzkontrollen jährlich 100 Mrd. EUR an zusätzlichen Kosten in den Schengen-Ländern anfallen.
Eine im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführte
Studie kommt zu ähnlich erschreckenden Ergebnissen.
Unter Annahme des schlechtesten Szenarios könnten
für Deutschland bis 2025 Einbußen in Höhe von bis zu
235 Mrd. EUR entstehen.
Wenn sich Grenzkontrollen innerhalb des SchengenRaums unter keinen Umständen vermeiden lassen, so
sollten diese möglichst logistikverträglich durchgeführt
werden. Gemeinsam mit der Wirtschaftskammer hat das
Institut für Transportwirtschaft und Logistik der WU
Wien für den Fall der Einführung von Grenzkontrollen
ein systematisches Grenzmanagement gefordert. Wie
dies beispielhaft ausgestaltet werden könnte, zeigt das
Management an der amerikanisch-kanadischen sowie
an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Ein Problem bei der Einführung des Grenzmanagements ist fehlende freie Fläche an einigen Grenzübergängen. Der
Brennerpass ist hierfür ein anschauliches Beispiel.
Unternehmen müssen sich ein systematisches Bild
der Gesamtlage verschaffen und bereits präventiv Pläne
für eine Eskalation entwickeln. Außerdem müssen schon
heute Grenzkontrollen bei Kalkulation und Risikobewertung berücksichtigt werden. Kurzfristig müssen Pufferlager oder längere sowie vor allem unsichere Transportzeiten eingeplant werden. Mittelfristig wird es zu
einem Wechsel von Lieferanten kommen.
Insgesamt zeigt die Flüchtlingskrise zwar auch, wie
flexibel und leistungsfähig die europäische Transportwirtschaft und Logistik ist. Sinnvoller wäre es jedoch
gewesen, dieses Wissen zur Steigerung der Wett­
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bewerbsfähigkeit einzusetzen statt für Abwehrkämpfe
gegen – auch von der Wirkung her – zweifelhafte Grenzkontrollen.
Ihr
Sebastian Kummer
Univ. Prof. Dr., Vorstand des Institutes für
Transportwirtschaft und Logistik, WU Wien
Internationales Verkehrswesen (68) 2 | 2016
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