Deutsch - Center for Security Studies | ETH Zürich

Wer kann
ihn stoppen?
­Donald Trump
zieht rücksichtslos über politische Gegner her
– der Wählerschaft gefällts.
«Trump lebt vom Zorn»
INTERVIEW ALEJANDRO VELERT
C
hristian Nünlist, wie­
so hat Donald Trump
so grossen Erfolg?
Er lebt stark von zor­
nigen, weissen alten
Männern. Sein Rechtspopulismus
gegen Muslime und Einwanderer
spricht weniger gebildete Ameri­
kaner an, all diejenigen, die wütend
auf die Regierung sind und sich
einen Kandidaten wünschen, der
nicht zum Establishment gehört.
Haben Sie das so kommen sehen?
Noch vor ein paar Monaten hätte
es niemand für möglich gehalten,
dass er der dominierende Kan­
didat wird. Es ist schon sehr er­
staunlich, dass ein Milliardär aus
New York die armen Schichten in
den Südstaaten für sich gewinnt.
Wieso haben sich alle getäuscht?
Noch nie hatte ein Kandidat eine
Chance auf die parteiinterne No­
mination, der weder die zentralen
Positionen seiner Partei vertritt
18 SCHWEIZER ILLUSTRIERTE
noch in der Präsidentschaftswahl
gegen den Gegner bestehen kann.
Trump widerlegt diese beiden Re­
geln nun eindrücklich.
Ist er ein Bluffer?
Er hat auf jeden Fall gute politi­
sche Instinkte. Seine politischen
Positionen sind aber nicht eindeu­
tig konservativ. Trump war stets
ein liberaler Demokrat und befür­
wortete harte Waffenkon­
trollen
oder Abtreibungen. Offenbar wur­
de Trump erst später ein halb­
herziger Konservativer.
Wird er der Präsidentschaftskan­
didat der Republikaner?
Hillary Clintons Nomination ist
zu 99 Prozent sicher. Trumps
Chancen liegen zwischen 60 und
80 Prozent. Dass er von Marco
Rubio oder Ted Cruz noch über­
holt wird, ist unwahrscheinlich.
Was kann ihm noch passieren?
Das Establishment der Republi­
kaner möchte ihn ja definitiv
nicht. Seine Gegner hoffen nun
auf einen langen Zwei- oder Drei­
AmerikaExperte
Christian
Nünlist, 43,
arbeitet am
Center of Security Studies
an der
ETH Zürich.
kampf. Darauf, dass er die zum
Sieg nötige Delegiertenzahl bis
Juni nicht erreicht. Am republika­
nischen Parteikongress könnte so
Trump die Kandidatur allenfalls
noch weggenommen werden.
Würde er sich als offizieller Kandi­
dat mässigen?
Wenn er die Wahlen wirklich ge­
winnen will, bestimmt. Er braucht
ja auch Stimmen ausserhalb s­ eines
Lagers. Regierungsverantwortung
zu haben, ist etwas anderes, als
Wahlkampf zu betreiben. Aber so
richtig konkret vorstellen mag
ich mir einen Präsidenten Trump
nicht, es ist immerhin das mäch­
tigste Amt der Welt.
Hätte er denn Chancen, zum Präsi­
denten gewählt zu werden?
Die Gegenseite darf nicht schla­
fen. Trump mobilisiert sehr viele
Neuwähler. Dass er Präsident
wird, denke ich nicht. Im Novem­
ber werden die Frauen, Afroame­
rikaner und Latinos mehrheitlich
für Hillary Clinton stimmen. 
Fotos Andrew Harnik/AP/ Keystone, HO
Die Welt staunt. Der Republikaner Donald Trump gewinnt in den USA eine Vorwahl nach der anderen.
Und schart massenhaft Neuwähler um sich. ETH-Forscher und Amerika-Experte CHRISTIAN
­NÜNLIST glaubt trotzdem nicht, dass der New Yorker Milliardär Präsident wird.