TUMOR – WAS NUN? - Leben mit Tieren

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TUMOR – WAS NUN?
EinLeitfadenfürdenbesorgtenTierbesitzer
ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
D
ie meisten Hunde- und Katzenbesitzer sind im
Laufe des Lebens ihres Tieres davon betroffen:
Ihr Liebling hat einen Tumor.
Manchmal wurde er selbst entdeckt, z. B. beim
Streicheln, ab und zu vom Tierarzt bei einer Untersuchung. Letztendlich hat jede Körperzelle die Fähigkeit zu wuchern.
Wasnun?
Zuallererst einmal tief durchatmen: das Wort Tumor aus dem
Lateinischen bedeutet erst mal
nur „Schwellung“ – oder mittlerweile häufiger benutzt „Gewächs“ – ob das gutartig oder
bösartig ist, steht noch gar
nicht fest. Auch eine harmlose
Warze ist ein Tumor.
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Bei Bösartigkeit gibt es viele Gesichter: gut abgegrenzte
Tumore, die sich eher leicht
entfernen lassen, Tumore, die
ihre Umgebung mit Zellen unterwandern, die weit über die
Grenzen der „Tumorkapsel“ hinausgehen, oder Zellen des Tumors gelangen in den Kreislauf
und werden in andere Organe
gestreut und wuchern dort wei-
ter oder Tumore können Stoffe
bilden, die dem Tier schaden.
Leidersindbösartige
Wucherungeninjedem
Altermöglich–auch
beijungenTieren.
Wichtig ist nun, sich Sicherheit
zu verschaffen. Das Gewächs
sollte von Ihrem Tierarzt punktiert werden, um Zellen zu
gewinnen, die untersucht werden können. Das bedeutet, er
sticht mit einer leeren Spritze
mit aufgesetzter Nadel in den
Tumor und saugt Zellen heraus, die auf einem Glasplättchen ausgestrichen und fi xiert
werden. Dafür braucht Ihr Tier
keine Narkose – der Stich ist
kaum schmerzhafter als eine
Impfung. Die Untersuchung
führt ein Pathologe durch, der
die Zellen auf Hinweise für Bös-
artigkeit untersucht. Sollten,
was hin und wieder vorkommt,
keine Zellen gewonnen werden
können (es kann nur Blut angesaugt werden oder in die Nadel
wurden einfach keine Tumorzellen eingesaugt), kann der Tumor „stanzbiopsiert“ werden.
Dabei kann in leichter Narkose
oder örtlicher Betäubung ein
kleines Gewebestückchen entnommen und untersucht werden.
Erstdann–undwirklich
erstdann–kannjenach
Ergebnisentschiedenwerden,
waszugeschehenhat.
Ist der Tumor gutartig, ist meistens keine Operation notwendig. Manchmal können aber
auch gutartige Tumore immer
weiter wachsen. Bevor sie zu
groß werden und das Tier ein-
leichtem Durchfall oder Übelkeit. Dies wird dann bei der
nächsten Sitzung mit einberechnet und die Dosis entsprechend reduziert. Es gibt eine
Vielzahl gut erforschter und
oft angewendeter sogenannter
„Protokolle“, so dass praktisch
für jeden Besitzer und sein Tier
ein passendes gefunden werden kann.
Auch Bestrahlungen sind mittlerweile möglich geworden
und oft sind nur wenige Sitzungen nötig, um einen nicht
mehr zu operierenden Tumor
noch lange unter Kontrolle zu
halten oder Ihrem Tier Schmerzen zu nehmen.
KeineChancenverschenken
Mittlerweile gibt es auch Medikamente für Tiere auf dem
Markt, die bestimmte Tumore
fast ohne Nebenwirkungen in
Schach halten können. Ohne
Chemotherapie.
All diese Entscheidungen können jedoch nur getroffen werden, wenn feststeht, um was
für einen Tumor es sich handelt. Oft aber entscheidet sich
der Besitzer noch zu warten
und den Tumor „zu beobachten“. Damit vergibt er häufig
die große Chance, einen bösartigen Tumor nicht nur zu erkennen, sondern auch komplett zu
entfernen mit vergleichsweise
geringem Aufwand und einem
kleinen Schnitt. Ein gut verständliches Beispiel kommt
direkt aus der Humanmedizin:
Wenn eine Frau einen kleinen
Knoten in der Brust feststellt –
würde sie da warten und ihn
beobachten?
Auch die Angst, dass bei einer Punktion Tumorzellen in
die Blutbahn gelangen und
der Tumor somit streut, ist
kein Grund, den Tumor ohne
vorherige Diagnose herauszuschneiden. Fälle, in denen der
Tumor nicht restlos entfernt
wurde und mehrfach nachoperiert werden musste oder nicht
mehr komplett entfernt werden konnte, kommen fast täglich vor. Fälle, in denen belegt
wurde, dass durch eine Punktion eine Streuung provoziert
wurde, sind extrem selten.
Meist findet die Zellstreuung
entlang des Stichkanals der
Biopsie statt. Dieser kann bei
einer Operation komplett mit
entfernt werden.
und krank und Sie haben deswegen entschieden, auf keinen
Fall mehr eine Operation vornehmen zu lassen, dann müssen Sie natürlich nicht unbedingt wissen, um was für einen
Tumor es sich handelt. Sie merken wahrscheinlich früh genug am Wachstumsverhalten
und dem Befinden Ihres Tieres,
ob der Tumor bösartig ist und
es leidet. Dann genießen Sie die
Zeit, die Ihnen noch bleibt, und
lassen Sie Ihrem Freund die
Würde, dann gehen zu dürfen,
wenn nur noch Beschwerliches
auf ihn zukommt.
ZügigeAbklärung
Natürlich werden trotz aller
Vorsicht immer noch viele Tumore erst spät entdeckt, besonders wenn sie im Bauch – oder
Brustraum – wachsen und zu
Beginn kaum Beschwerden
verursachen. Ein Grund mehr,
zumindest die Tumore, die
man frühzeitig entdeckt, zügig
abzuklären und seine Chancen
wahrzunehmen.
Zuletzt sei gesagt, dass es natürlich keine Regel ohne Ausnahme gibt: ist Ihr Tier sehr alt
Annette Perk
Tierklinik am Sandpfad
Wiesloch
www.tierklinik-sandpfad.de
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schränken – z. B. beim Laufen
oder Liegen, sollten sie doch
entfernt werden.
Bei bösartigen Tumoren ist
die Feinnadelaspiration sehr
wichtig, um die Operation zu
planen: Gerade die oben erwähnten Tumore, die eine Kapsel zu bilden scheinen, aber in
Wirklichkeit die Umgebung außerhalb der Kapsel mit Zellen
infiltrieren, können nur restlos
entfernt werden, wenn der operierende Tierarzt vorher weiß,
dass er beim Schnitt einen viel
größeren
Sicherheitsabstand
einhalten muss als bei anderen
Tumoren – besonders auch in
die Tiefe.
Natürlich gibt es auch bösartige Tumore – wie z. B. der
Blutzellen, die nicht operiert
werden können – oder Tumore,
die gestreut haben. Hier bleibt
nur die Chemotherapie, die den
ganzen Körper behandelt. Auch
hier sollte sich der Besitzer intensiv aufklären lassen, denn
Chemotherapie ist entgegen
der Befürchtungen vieler Besitzer keine „Tierquälerei“. Das
Tierschutzgesetz verbietet uns,
allen Tieren ohne Not ein Leid
zuzufügen. Daher lautet der
Glaubenssatz der Chemotherapie: maximale Lebensverlängerung bei guter Lebensqualität.
Die Chemotherapie wird in
deutlich niedrigeren Dosierungen als in der Humanmedizin
verabreicht und führt nur zu
geringen und meist gut behandelbaren Nebenwirkungen wie
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