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Handschriftentests / Grafologie
Hier geht es um Ihre Handschrift. Oftmals wird schon im Vorfeld der Bewerbung ein handgeschriebener Lebenslauf oder explizit eine Handschriftenprobe verlangt.
Schlechte Schrift gleich schlechter Charakter, so die landläufige Meinung. Manche Personalmenschen spielen sich gerne als kompetente Grafologen auf. Sie lassen die Schriftzüge
der Bewerber auf sich wirken und versuchen dann, das Formniveau zu erfassen. Dabei geht
es um die Verteilung des Geschriebenen auf dem Blatt, den Rhythmus der Schriftzüge, das
Auf und Ab, den Pulsschlag der Schreibbewegungen und die Zwischenräume. Man unterscheidet zwischen hohem, mittlerem und niedrigem Formniveau und glaubt an den Grundsatz: Je höher das Formniveau, desto harmonischer der Charakter des Schreibers.
Andere glauben, aus dem Grad der Leserlichkeit das Verhältnis des Schreibers zu seiner
sozialen Umwelt herausinterpretieren zu können (jetzt wissen wir, warum Ärzte oft eine so
furchtbare Handschrift haben). Da gibt es auf der einen Seite Weltoffenheit, Sinn für die
Realität des Lebens, Anpassungsbereitschaft und Fähigkeit zur Teamarbeit, auf der anderen
Seite besteht die Gefahr des Schematismus, der Schablonenhaftigkeit, der konventionellen
Oberflächlichkeit, des Formalismus und der Pedanterie.
Ordentliche Schrift ist gleich ordentlicher Charakter und damit Eignung für ordnende Berufe,
so folgert man. Wenn es um andere Berufe geht, darf es auch etwas origineller bzw. egozentrischer sein (= schwerer lesbar) - so das kleine Einmaleins der Bewerberauslese-Grafologie. Alles ist eben relativ, und dies gilt für die Interpretation der Handschrift umso mehr.
Und noch ein Hinweis der Schriftgelehrten zum Verhältnis von Unterschrift zur Normalschrift:
Die Unterschrift, eine Art Schutzmarke unseres Selbst, entwickelt sich mit der übrigen Textschrift und nimmt nach Erreichen der Reife (welche?) ihre Sonderform an. Sie ist gleichsam
ein Werbeplakat der eigenen Persönlichkeit und läuft Gefahr, zum Spielball aller Geltungs-,
Eitelkeits- und Selbstdarstellungsbedürfnisse zu werden. Klar, dass die Grafologen hieraus
Rückschlüsse auf das Selbstwertgefühl ziehen.
Ist also die Unterschrift größer als der Normaltext (Normaltext = Normalschrift als Ausdruck
des Normalcharakters), so ist das Selbstwertgefühl stärker, als normalerweise zugegeben
wird. Im umgekehrten Falle (kleinere Unterschrift) gibt sich der Schreiber bescheidener, als
er möglicherweise ist. Je deutlicher man seinen Namen ausschreibt, desto klarer - glauben
die Interpreten - seien Wesen und Ausdruck des Schreibers. So einfach ist das also. Und
weil zehn Grafologen auf der Basis von ein und derselben Handschrift zehn verschiedene
Gutachten über dieselbe Person liefern, kann man sicher mit Recht diese Art der Bewerberauslese anzweifeln.
Hesse/Schrader ▪ Persönlichkeitstests ▪  Stark Verlag
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Nachfolgend eine Übersicht über die Standardinterpretation der Grundformen der Handschrift:
•
Winkel (eckig): willens- und verstandesausgerichtet
•
Girlande (kurvig): gefühlsbetont, verbindlich
•
Arkade (bogenartig): zurückhaltend bis verschlossen, förmlich
•
Fadenduktus (unbestimmte Schreibform): anpassungs- und wandlungsfähig
•
Seine Handschrift zu verstellen, ginge nun wirklich zu weit. Aber vielleicht erkundigen Sie
sich mal, ob der handschrifttestende Betrieb andere Entscheidungsfindungen vielleicht
mittels dubioser Verfahren wie beispielsweise dem Baum-Test herbeiführt.
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