Gut lesbare verbundene Handschrift der Kinder am Ende der

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STELLUNGNAHME
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Gut lesbare verbundene Handschrift der Kinder am Ende der
Grundschulzeit sicherstellen
Stellungnahme von Linda Kindler für die öffentliche Anhörung
des Ausschusses für Schule und Weiterbildung
am 22. April 2015 im Landtag NRW
Wenn Kinder in die Schule kommen, verfügen sie bereits über vielfältige Erfahrungen mit
Schrift und Schreiben. In ihrer Lebenswelt sind ihnen Buchstaben und Schriften begegnet:
auf Verpackungen und Schildern, in Schriftzügen, auf der Tastatur. In ihrer unmittelbaren
Umgebung erleben Kinder, wie „die Großen“ Schrift verwenden. Auch haben Kinder bei
Schulbeginn bereits konkrete Erfahrungen mit dem Schreiben von Buchstaben gemacht:
Oft können sie schon ihren Namen schreiben, Wörter zu gemalten Bildern, Wunschzettel,
kleine Briefe. Ihre Schrift ist dabei an den Druckbuchstaben orientiert. An diese Erfahrungen knüpft der Anfangsunterricht der Grundschule an: mit Druckschrift-Buchstaben als
Schrift für das Lesen- und Schreibenlernen, dabei ergänzen sich beide Prozesse wechselseitig.
Damit sind die Druckschrift-Buchstaben die erste Schrift der Kinder, die Ausgangsschrift –
vor der Schule wie nun auch in der 1. Klasse. Diese Praxis hat sich in den letzten 30
Jahren in den Grundschulen durchgesetzt.
Am Ende der 1. Klasse oder am Anfang der 2. Klasse stellt sich dann die Frage nach dem
nächsten Schritt: Lernen die Kinder nun eine 2. Ausgangsschrift mit neuen Buchstabenformen und normierten Verbindungen (Lateinische Ausgangsschrift, Schulausgangsschrift, Vereinfachte Ausgangsschrift) oder entwickeln die Kinder ihre Erstschrift mit den
handgeschriebenen Druckbuchstaben weiter und knüpfen damit an ihre Schreibkompetenzen an?
Ich vertrete den Standpunkt des Grundschulverbandes, dass Kinder nur diese erste Ausgangsschrift brauchen, um aus ihr eine geläufige eigene Handschrift weiterzuentwickeln!
Wir nennen sie die Grundschrift (= die Erstschrift zum Schreibenlernen). Eine 2. Ausgangsschrift bedeutet mit dem Erlernen neuer Buchstabenformen und normierter Buchstabenverbindungen notwendigerweise eine Verlangsamung des Schreibens und somit
einen Bruch in der Schrift- und Schreibentwicklung der Kinder. Für die Weiterentwicklung
zu einer individuellen Handschrift werden die Kinder unterrichtlich begleitet: Verbindungen
von Buchstaben werden ausprobiert und geübt, das Schreiben wird zügiger und flüssiger,
die Kinder reflektieren miteinander und mit der Lehrkraft die Qualität der Schriften:
Kann man jeden Buchstaben erkennen? (Formklarheit)
Ist alles gut lesbar? (Leserlichkeit)
Ist mit Schwung geschrieben? (Geläufigkeit)
Meine Erfahrungen als Lehrerin zeigen, dass Kinder so für die entscheidenden Aspekte
ihrer Handschrift sensibilisiert werden können. Die Frage nach der Formklarheit eines
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Linda Kindler: Stellungnahme „Handschrift“
Buchstaben bespreche ich bereits in den ersten Schulwochen mit den Kindern gemeinsam. Die Kinder üben das Schreiben von Buchstaben, präsentieren einander ihre Hefte
und sprechen über ihre Handschriften: Welchen Buchstaben kannst du gut lesen? Der
Partner prüft kritisch und markiert gelungene Buchstaben. Die Lehrerin steht den Kindern
dabei zur Seite: Warum kannst du diesen Buchstaben nicht gut lesen? Welchen Tipp
kannst du deinem Partner für das Schreiben geben? Im Anschluss an eine Übungsphase
schreiben Kinder geübte Buchstaben oder Wörter an die Tafel und es finden gemeinsame
Gespräche mit der Klasse statt: Wie heißt der Buchstabe/ das Wort? Kannst du ihn/ es gut
lesen? Hast du einen Tipp? Welchen?
Im weiterführenden Schreiben probieren die Kinder Verbindungen aus und üben das verbundene Schreiben von Buchstaben. Sie präsentieren Schriftbeispiele und untersuchen
ihre Handschriften auf Leserlichkeit. Auch über geläufiges, flottes Schreiben wird gesprochen: Wurde das Wort mit Schwung geschrieben? Woran siehst du das? Kannst du die
verbundenen Buchstaben gut lesen? Neben den Schriftgesprächen erhalten die Kinder
regelmäßig Rückmeldungen zu ihrer Handschrift durch die Lehrerin.
Nicht ausschlaggebend ist, dass im Wort jeder Buchstabe mit jedem Buchstaben auf dem
Papier verbunden ist. Der Schwung und die Verbindung liegen in der Handbewegung. Sie
zeigen sich in der fließenden Bewegung auf und beim Abheben auch über dem Papier.
Verbindungen der Buchstaben eines Wortes sind also nicht immer auch auf dem Papier
sichtbar. An dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf die eigene Handschrift: Wie viele Buchstaben verbinden Sie sichtbar, wenn sie ein langes Wort wie Feuerwehrauto zügig schreiben?
Charakteristisch für die Grundschrift ist, dass sie eine handgeschriebene Druckschrift
ist, deren Buchstaben nicht abgemalt werden sollen, sondern in flüssiger Bewegung geschrieben. Die Buchstabenformen erleichtern das schwungvolle Schreiben und somit das
Verbinden von Buchstaben bei zunehmender Geläufigkeit. Dabei sind die drei genannten
Kriterien, auch über die Grundschule hinaus, entscheidend:
o die Formklarheit der Buchstaben,
o die Leserlichkeit der Schrift,
o die Geläufigkeit der Schrift.
Fazit:
Die Kinder lernen mit der Grundschrift schreiben. Aus der Grundschrift entwickeln sie ihre
individuelle Handschrift. Eine zweite Ausgangsschrift ist nicht erforderlich. Die Handschrift
soll nicht an Bedeutsamkeit verlieren, im Gegenteil: sie wird zum Lerngegenstand gemacht. Dies gelingt durch die Thematisierung der Kriterien für eine qualitätsvolle Handschrift im Unterricht. Die drei Kriterien (Formklarheit, Leserlichkeit, Geläufigkeit) finden sich
in den Kompetenzerwartungen des Lehrplans wieder. Wenn die Schriftqualitäten von
Schulkindern überprüft werden sollen, dann sind dies dafür wohl die drei maßgeblichen
Kriterien, gleich ob die Kinder aus der Grundschrift ihre Handschrift entwickeln oder ob sie
zusätzlich eine zweite Ausgangsschrift erlernt haben.
Linda Kindler
Dortmund, 13. April 2015
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Grundschulverband – Landesgruppe NRW - Linda Kindler,
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