Offener Brief von Dorothee Frei, Kantorin der

Rostock, 30.04.2015
Offener Brief
z.Hd. Herrn Oberbürgermeister Roland Methling
und dem Bürgerschaftsrat der Stadt Rostock
z.Hd. Herrn Kulturminister des Landes M-V, Mathias Brodkorb
Warten auf den Intendanten
Mit Verwunderung, Empörung und Entsetzen hatten wir von der fristlosen Entlassung des
Intendanten des Volkstheaters Rostock erfahren. Doch war dies nur der vorläufig letzte Akt
der nervenzerrenden Tragödie um das Rostocker Viersparten-Theater. Mehrere
Demonstrationen vor dem Rathaus, zuletzt Anfang April, fanden ein gutes Ende, so dachten
wir: Die fristlose Kündigung wurde mit großer Mehrheit der Bürgerschaft kassiert. Dennoch
kann jeder sich an den Fingern abzählen, dass erstens die Gefahr eines Rechtsstreits mit
monatelanger Handlungsunfähigkeit des Theaters besteht und dass zweitens das
Weiterbestehen der beiden Sparten Musik- und Tanztheater noch lange nicht gesichert ist.
Wir sind traurig, entmutigt und verbittert ob der Arroganz der Macht. Dennoch geben wir die
Hoffnung für die Vier Sparten und die um Intendant Latchinian nicht auf. Sagen wir es mit
Worten von Friedrich Schiller:
Die Hoffnung führt den Menschen ins Leben ein,
Sie umflattert den fröhlichen Knaben, Den Jüngling begeistert ihr Zauberschein,
Sie wird mit dem Greis nicht begraben, Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf, Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf.
Bitte fassen Sie sich ein Herz und geben Sie dem Theater seinen Intendanten zurück,
zumindest zunächst einmal für die nächsten Spielzeiten, damit er zeigen kann, was in ihm
steckt. Und zwar nicht als „geknicktes Rohr“, das einer Zweisparten-Politik gehorchen muss.
So wie es die Mehrheit der Bürgerschaft und der Rostocker Bürger wünscht.
Wir wissen, dass die Stimmung vieler, die in Rostock eine langfristige Bleibe in Betracht gezogen hatten, sich geändert hat. Sie möchten die Stadt jetzt verlassen.
Als Bürger von Rostock, die wir bewusst Anteil nehmen am kulturellen Leben der Stadt, halten wir es für unsere Pflicht, für den Fortbestand der vier Sparten mit einem erprobten und
fähigen Intendanten an der Spitze zu kämpfen und wir hoffen, dass möglichst viele andere
Bürger sich uns anschließen.
Unsere Erwartungen gehen noch einen Schritt weiter: Dem Intendanten des Rostocker Volkstheaters muss das Recht eingeräumt werden, sich kritisch zur Kulturpolitik des Rathauses zu
äußern. Wir leben schließlich in einer Demokratie. Es muss einem Intendanten möglich sein,
seine Meinung in Sachen Kulturpolitik auszusprechen, ohne befürchten zu müssen, von seinem Arbeitgeber abgestraft zu werden.
Die Verantwortung für das Theater hat eine gesellschaftliche Dimension und kann nicht
persönlichen Interessen oder Neigungen geopfert werden.
Richten wir den Blick auf die Konsequenzen eines möglichen Rechtsstreites um die
Wiedereinstellung von Herrn Latchinian. Jeder Monat, in dem Herr Latchinian nicht arbeitet,
kostet die Stadt Geld, das sie lieber in den Aufbau lebendiger Theater – und
Musiktheaterkultur stecken sollte. Und das alles nur, damit einzelne Personen im Rathaus und
im Kultusministerium Genugtuung erfahren.
Angesichts der Erbitterung und der aufgeheizten Atmosphäre, die zwischen dem Rathaus und
dem Volkstheater herrscht, schlagen wir einen Runden Tisch vor, an dem alle strittigen Fragen
in aller Ruhe und Besonnenheit geklärt werden können. An diesem Runden Tisch sollten nicht
nur die Vertreter des Rathauses, der Landesregierung und des Volkstheaters teilnehmen,
sondern auch einige Rostocker Persönlichkeiten, die durch ihre Autorität, durch ihre
Fachkenntnis und durch ihr Geschick dabei helfen können, die anstehenden Probleme
möglichst emotionsfrei und sachlich orientiert anzugehen. Als mögliche Kandidaten für eine
solche Aufgabe könnten wir uns z.B. einige Professoren der Hochschule für Musik und
Theater (HMT) und Lehrkräfte des Konservatoriums vorstellen.
Als Rostocker Bürger, die engagiert die Geschicke unserer Stadt verfolgen, haben wir noch
immer die Hoffnung nicht aufgegeben, dass man Herrn Latchinian am Rostocker Theater
weiterarbeiten lässt: Zum Wohle der Menschen, des Renommees der Stadt, des Landes
Mecklenburg-Vorpommern und als gutes Zeichen für die gefährdete Theaterlandschaft der
Republik.
Dorothee Frei, Kantorin der Heiligen-Geist-Kirche, Ottostr.15, 18057 Rostock
Christian Starke, Pastor i.R., Bei der Nikolaikirche 1, 18055 Rostock
Verteiler:
Kultusministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern
Kulturminister Mathias Brodkorb
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