SWR2 Wissen

SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Aula
Gehst Du Aldi?
Wie sich die deutsche Sprache verändert
Von Diana Marossek
Sendung: Sonntag, 16. Oktober 2016, 8.30 Uhr
Redaktion: Ralf Caspary
Produktion: SWR 2016
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Mit dem Thema: "Gehst Du Aldi? Über das Kurzdeutsch".
Unsere Sprache verändert sich fortwährend – durch den Einfluss anderer Kulturen,
durch digitale Medien, soziale Phänomene und den spezifischen Jugendslang. Im
Moment bemerken Wissenschaftler die Tendenz zum "Kurzdeutsch", das ist eine
Verknappung, der z.B. Artikel zum Opfer fallen.
Dr. Diana Marossek, Germanistin in Berlin, beschreibt anhand eigener Studien
diesen Wandel.
Diana Marossek:
"Lan, geh Klo, du Kasper!" oder – weniger aggressiv, aber trotzdem etwas verwirrend
– "Ich geh mal Bäcker" sind Sätze, die ich täglich um mich herum höre. Das liegt
sicherlich auch ein Stückchen daran, dass ich mich als Soziolinguistin wohlmöglich
etwas aufmerksamer durch die Städte und Gemeinden bewege, als manch anderer,
der lieber Kopfhörer trägt oder in seine Lektüre vertieft ist.
Mein Forschungsschwerpunkt liegt nämlich auf der gesprochenen Sprache. Genauer
gesagt auf gesprochener Sprache im sozialen Kontext, wie es die Bezeichnung
"Soziolinguistik" ja auch schon verrät. Es steht also stets die Frage im Raum, wie
welche sozialen Gruppen sprechen und warum. Sagt zum Beispiel jemand lieber
"Creme" als "Cremé". Oder welche Bedeutung hat es, dass einer in der einen
Situation "ich" sagt und in der anderen "isch".
In meiner eigenen Bezugsgruppe bin ich auf das Besagte "Kommst du Bahnhof"Phänomen gestoßen. In meinem Umfeld fielen nämlich plötzlich solche Sätze wie
"Ich geh mal Toilette" oder "Ich hab Knie" und ich konnte mir partout nicht erklären,
warum nicht die normale Variante – beispielsweise mit Präposition und Artikel –
gebraucht wurde. Solche Formulierungen kannte ich bisher nur aus so genannten
"Multikulti- Gegenden", aber nicht in meinem bildungsbürgerlichen Umfeld. Und
schon gar nicht bei deutschen Muttersprachlern!
Ich wurde also unweigerliche auf ein Forschungsgebiet gestoßen, das noch nahezu
unbefleckt war: Die Veränderung des Deutschs bei Deutschen. Ich habe es mir zur
Aufgabe gemacht, umgangssprachlichen Veränderungen untersuchen, die auf
grammatischen Auslassungen und Verkürzungen basieren. Dazu gehört das
Weglassen von Artikeln, wie zum Beispiel in dem Satz "Schau mal Hund da drüben".
Außerdem wollte ich wissen, woher genau diese Art zu sprechen kommt und warum
es für so viele gerade attraktiv ist, so zu reden – also welchen sozialen Vorteil es mit
sich bringt.
Wie die meisten assoziierte ich diese neue Umgangssprache zunächst mit dem
Deutsch, das Menschen sprechen, die Deutsch nicht als Muttersprache haben.
Besonders das Deutsch eingewanderter Menschen aus dem türkischen und
arabischen Sprachraum schien mir dafür ursächlich. Und tatsächlich habe ich auch
viele Parallelen beispielsweise aus der türkischen Grammatik gefunden, die quasi 1:1
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ins Deutsche übernommen wurden. In der Sprachforschung spricht man an dieser
Stelle von Interferenzen. Dazu gehört zum Beispiel das Weglassen von Präposition
und Artikel bei Ortsangaben. Sätze wie "Ich gehe zur Apotheke" werden folglich zu
"Ich gehe Apotheke".
Aber – und das ist ein wichtiges und großes "aber" für meine Erkenntnisse – auch die
bestehenden Stadtsprachen – ich meine hier wirklich Stadtsprachen, nicht Dialekte –
scheinen ihren Anteil an der Entstehung des von mir untersuchten
Gesamtphänomens zu haben. Sie in Dortmund, Sie in Köln, Sie in Dresden, Sie in
Ulm werden sicherlich auch sprachliche Verkürzungen kennen. Zahlreiche Beispiele
bekomme ich oft nicht nur aus der ganzen Republik, sondern mittlerweile aus dem
ganzen deutschsprachigen Raum geschickt!
In Berlin zum Beispiel ist es verbreitet zu sagen "Ich bin mit Fahrrad" oder "Ich bin
auf Arbeit". Wenn Sie kein Berliner sind, haben Sie den vermeintlichen Fehler
bestimmt sofort gehört: In beiden Formulierungen fehlte der Artikel. Das ist in Berlin
ganz typisch und gibt es schon seit Ewigkeiten. Ein Beweis dafür lässt sich in Gerhart
Hauptmanns "Die Ratten" finden. Dort sagt droht ein Dienstmädchen damit, dass sie
sich "Landwehrkanal stürzt". Sie spricht also ohne Präposition und Artikel. Und das
im Jahr 1911, lange vor den Arbeitereinwanderungen aus der Türkei und Co. in den
1960er- und 1970er-Jahren zu denken war.
Das Sprachphänomen, mit dem ich mich beschäftige, ist also eine Mischung aus der
vereinfachten Grammatik der Muttersprachen der eingewanderten Menschen und
den ebenso vereinfachten Formen der bestehenden Umgangssprachen in
Deutschland. Zusammen ergeben sie eine Stadtsprache, die sich immer mehr und
mehr in die gesamte Gesellschaft einsozialisiert.
Doch wovon spreche ich hier eigentlich? Das Phänomen, das ich untersuche, hatte
lange keinen Namen, mit dem ich als Wissenschaftlerin, aufgrund der Breite und
Tiefe meiner Studien, auch nur annähernd zufrieden war. In der Literatur und
verwandten Forschungen habe ich Begriffe wie Türkendeutsch, Assideutsch,
Dönerdeutsch oder Kiezdeutsch gefunden. Wie Sie sich sicherlich denken können,
war keiner dieser Begriffe geeignet, vorurteilsfrei, wissenschaftlich korrekt und
allgemeingültig für einen sich durch alle gesellschaftlichen Schichten verbreitenden
Sprachstil stehen zu können.
Ich habe mich nach langem Überlegen für den Begriff Kurzdeutsch entschieden. Die
Bezeichnung Kurzdeutsch birgt keine soziale Stigmatisierung, keine Abwertung oder
Ausgrenzung und ist für jedermann überall zu verstehen. Außerdem beschreibt es
das Wesen dieser Art zu sprechen: Kurzdeutsch ist kurz.
Insgesamt habe ich sieben Hauptphänomene unter dem Begriff Kurzdeutsch
zusammengefasst. Einige davon möchte ich Ihnen heute hier vorstellen. Da ist zum
Beispiel die schon eingangs erwähnte Auslassung von Artikeln. Anstatt "Schau dir
mal die Handtasche an" heißt es im Kurzdeutsch "Schau dir mal Handtasche an".
Die Ursachen hier können im multiethnischen Zusammenleben im urbanen Raum
gesehen werden. Hier treffen nicht-deutsche Herkunftssprachen auf die
alteingesessenen Umgangssprachen der Region. Für beide – doch verstärkt für
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erstere – sind ausgelassene Artikel typisch. Denn so ein komplexes Artikelsystem wie
im Deutschen ist bei den meisten Muttersprachen der zugezogenen Bevölkerung
nicht vorhanden. Die Artikel der/die/das, die keinen klaren und eindeutigen Regeln
folgen, sind eh für Ausländer nur mühselig zu lernen. So ist es oft praktischer, sie
ganz auszulassen. Verstanden wird man auch ohne Artikel in jedem Fall.
Für die deutschen Sprecher ist dies eine klare Vereinfachung, an die sich das Gehirn
schon länger gewöhnt hat. Denken wir hier an das Berliner Beispiel "ich bin auf
Arbeit". Was mit dieser konkreten Formulierung klappt, funktioniert an anderer Stelle
auch, so dass immer öfter Sätze wie "ich kaufe mir mal Fahrkarte" oder "Gib mir mal
bitte Zuckerdose" zu hören sind.
Doch noch viel prägnanter als das Weglassen von Artikeln ist die so genannte
Kontraktionsvermeidung. Sie ist übrigens auch der Ausgangspunkt meiner intensiven
Feldforschungen gewesen.
Das Wort Kontraktion ist Ihnen sicherlich aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen
wie beispielsweise der Biologie ein Begriff. Auch in der Sprachwissenschaft
beschreibt es den Vorgang des Zusammenziehens. Im Falle des Kurzdeutschs ist die
Kontraktion das Zusammenziehen von Präposition und Artikel. Der Satz "Ich gehe
zum Bäcker" ist eigentlich nur die Abkürzung für "Ich gehe zu dem Bäcker". Aber das
hört man ja doch eher selten. Umgänglicher ist die Variante mit der Kontraktion
"zum".
Bei der Kontraktionsvermeidung wird – auch hier verrät der Name wieder den Inhalt –
die Verbindung aus Präposition und Artikel weggelassen. Unser Beispielsatz hieße
dann bloß noch: "Ich gehe Bäcker." Was bei "Ich gehe Bäcker" vom Verständnis her
noch ganz gut klappen mag, ist in anderen Konstruktionen schon schwieriger für den
Kommunikationspartner zu verstehen. Klar, beim Bäcker kaufen wir uns etwas zu
essen.
Aber was ist mit der oft benutzten Frage "Wir treffen uns Bahnhof?" Hier kann es zu
Verwirrungen kommen: Treffen wir uns nun im/am/auf/vor oder neben dem Bahnhof?
Im Zweifel verpassen wir den Zug. Und das nur deshalb, weil wir auf kleine
grammatische Elemente verzichtet haben und uns erst suchen mussten.
Die Erfahrungen aus meinen Vorträgen, Lesungen und Studien hat ergeben, dass
sich dieses Teilphänomen des Kurzdeutschs für die Mehrheit der Muttersprachler, die
zum ersten Mal damit konfrontiert werden, am "seltsamsten" anhört. Doch so
befremdlich es anfänglich noch klingen mag zu sagen "ich muss mal Toilette" oder
"er war gestern Arzt", umso rasanter breitet es sich auch dort aus, wo die meisten es
noch nicht vermuten – in den bildungsnahen, erwachsenen Teilen unserer
Gesellschaft.
Warum muss ich sowohl die Bildungsnähe als auch das Erwachsene so explizit
betonen? Das hat damit zu tun, dass ich immer wieder damit konfrontiert werde, dass
das Kurzdeutsch doch vor allem eine Jugendsprache sei. Aber dem ist schon lange
nicht mehr so. Gerade die beiden eben vorgestellten Phänomene Artikelauslassung
und Kontraktionsvemeidung haben seit Jahren die Zwischenstufe der
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"Jugendsprache" verlassen und werden munter in Schlagzeilen, Redaktionen, Büros
und im Privatleben verwendet.
Und auch die folgenden beiden Phänomene haben großes Potential, sich fest in die
alltägliche Umgangssprache zu integrieren – vor allem deshalb, da sie nicht nur im
Kurzdeutsch auftauchen, sondern schon viel älter und Ihnen wohl auch schon
bekannt sind. Ich spreche vom Code Switching und von Routinen wie bei der
Formulierung "ich schwöre".
Mehrere Sprachen in einem Satz zu gebrauchen, bezeichnet man mit dem
englischen Begriff "Code-Switching". Das kann innerhalb der gesamten Rede
geschehen, innerhalb eines Satzes oder sogar innerhalb eines einzelnen Wortes.
Falls jemand sagt "Hello, my name ist Monika und ich arbeite at the office" dann ist
das klassisches Code Switching. Sie haben bestimmt schon einmal von der
Bezeichnung Denglisch gehört. Das ist die Mischung aus Deutsch und Englisch, die
bereits in vielen Agenturen und Marketingabteilungen fließend gesprochen wird. Dort
hört man dann auch so Sätze wie "Erst hat sie es im Meeting angeteasert und dann
doch gecancelled" oder "Ich brief dich nochmal für den Conference Call".
Die Gründe, von der einen in die andere Sprache zu wechseln, sind oft sehr ähnlich.
Manchen macht es Spaß, spielerisch ausländische Wörter in ein Gespräch einfließen
zu lassen. Andere kennen ein bestimmtes Wort auf Deutsch nicht und behelfen sich
mit einem anderssprachigen Ausdruck. Durch das permanente Code-Switching ist
man es irgendwann schlicht und ergreifend gewöhnt, "Lan" statt "Alter" oder "quasi"
statt "sozusagen" zu benutzen.
Die einfachste und unkomplizierteste Variante ist es, lediglich ein Wort aus einer
anderen Sprache in einen deutschen Satz einzubauen. Ich selbst habe das CodeSwitching zum ersten Mal als festen Bestandteil des Kurzdeutschs im Rahmen
meiner Studien kennengelernt. Die typischen Sprachwechselkomponenten im
Kurzdeutsch kommen überwiegend aus dem Türkischen und dem Arabischen – auch
ein Phänomen, das vor allem durch das multiethnische Zusammenleben in den
Städten erblüht.
Sicherlich haben Sie auch schon einmal – vielleicht als Aussage, Scherz oder
Anspielung – den Satz "Ich schwöre" gehört. Der ist nämlich ganz typisch für das
Kurzdeutsch. Solch eine Aussage wird in der Sprachwissenschaft als eine Routine
bezeichnet.
Wenn wir sprechen, greifen wir ständig auf so etwas wie kommunikative Routinen
zurück, unterschiedliche sprachliche Einheiten, die wir situationsabhängig im Alltag
einsetzen. Wenn wir jemanden treffen, den wir kennen, sagen wir etwa "Hallo", in der
Regel wird er auch ein freundliches "Hallo" erwidern. Wünscht uns die Kassiererin im
Supermarkt noch einen schönen Abend, antworten wir wie von selbst "Ebenso".
Wenn ich niese, sagen Sie "Gesundheit", woraufhin ich "Danke" sage. Weitere
klassische Beispiele für derlei Sprachroutinen sind Floskeln wie "Kein Problem",
"Greifen Sie zu", "Mein Beileid", "Viel Spaß" usw.
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Für unsere Kommunikation sind sie unvermeidbar, da sie oft unsere Konversationen
eröffnen und sie später am Laufen halten. Insofern geht es bei Routinen oft gar nicht
um den wortwörtlichen Inhalt. Fragt uns etwa ein Bekannter, den wir zufällig auf der
Straße treffen, "Wie geht’s?", erwartet er in der Regel nicht, dass wir ihm unsere
aktuelle Glücks- oder Leidensgeschichte erzählen. Es reicht ihm, wenn wir "gut"
antworten, denn worum es wirklich geht, ist die Kontaktaufnahme an sich und der
Auftakt zu einem möglichen Gespräch. Ist das Gespräch erst mal in Gang
gekommen, halten wir es wiederum mit Routineformeln wie "was du nicht sagst" oder
"verstehst du" am Laufen.
Auch bei "ich schwöre" geht es nicht um einen konkreten Eid, sondern letztlich darum
zu bestätigen bzw. zu betonen, dass das, was man sagt, Relevanz hat und der
Wahrheit entspricht. Es ist dabei unerheblich, wo die Phrase im Satz genau steht, ob
am Anfang, mittendrin oder am Ende.
Auch wenn "ich schwöre" quasi keinerlei Inhalt oder Information vermittelte, so dient
diese Art des "Austauschs" doch vor allem dem Zweck, die Beziehung und die
soziale Ordnung unter abzubilden und zu festigen. Es wird oft als eine Art der
Sozialpflege eingesetzt.
Mit dem Stichwort Sozialpflege ist auch gleich ein guter Übergang zur Erklärung
möglich, warum das Kurzdeutsch so durchsetzungsfähig und attraktiv ist.
Da es ja ursprünglich mit Türkendeutsch oder Migrantendeutsch gleichgesetzt wurde,
erfasste es auch eine stereotype Identität der Sprecherinnen und Sprecher dieser
Sprache. Es hat eine multiethnische, erhabene Komponente. Es geht ums
Anderssein, ums Besonderssein, ein bisschen um einen kriminellen Hauch, gepaart
mit einer gewissen Gesetzlosigkeit und einer Riesenportion Coolness. Und ein wenig
Bedrohlichkeit. Dieses Besonderssein ist – vor allem für Jugendliche – attraktiv
gewesen bzw. ist es mitunter immer noch. Und für die Erwachsen, die das
Kurzdeutsch sprechen, ist die Jugend das Attraktive. So schließt sich der Kreis.
Aber wie hat denn das Kurzdeutsch die Jugendsprache verlassen, wenn doch die
Jugendlichen selbst für diesen Trend gesorgt haben? Bei Vorträgen, bei denen ich
direkt vor dem Publikum stehe, male oder zeige ich an dieser Stelle immer einen
Baum, damit sich die Zuhörer den Verlauf von der Jugendsprache zur
Umgangssprache besser vorstellen können. Also stellen auch Sie sich jetzt bitte auch
einen großen Baum mit Wurzeln, Stamm und Krone vor.
Die beiden Strömungen, die das Kurzdeutsch beeinflussen, bilden zwei große
Wurzeln des Baumes. Beide habe ich eingangs schon einmal beschrieben.
Die eine symbolisiert die multiethnischen Einflüsse, die die Sprache beim
Zusammenleben in Städten und Gemeinden prägen. Die andere Wurzel sind die
schon seit Ewigkeiten bestehenden Stadtsprachen. Beide zusammen wachsen in
den kräftigen Stamm, der in unserem Modell die Jugendsprache abbildet.
Das was aus den Wurzeln im Stamm ankommt, wird gefiltert und verteilt. Die
Jugendsprache ist dafür bekannt, dass sie sich das aus der Sprache herauspickt,
was sie cool findet, es verzerrt, verunstaltet und von der Bedeutung her verändert.
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Angefeuert – im Baumbeispiel sozusagen gedüngt – wird dieser Prozess durch die
Schnelllebigkeit und Präsenz der neuen sozialen Medien. Alles muss immer direkter,
aktueller, authentischer sein. Nach wenigen Minuten ist eine Nachricht alt oder ein
Trend gar verflogen. In der ganzen Hetze scheint keine Zeit für Grammatik zu
bleiben. Mit je weniger Worten wir auskommen, desto besser. Und wenn es allemal
verstanden wird, was wir sagen wollen oder meinen – wozu dann noch die
vermeintlichen lästigen Präpositionen und Artikel benutzen? Das Gehirn gewöhnt
sich schnell an solche Formulierungen – ist es doch auch nur ein Muskel, der so
effizient wie möglich arbeiten will.
Sehr oft konnte ich schon beobachten, wie Kurzdeutsch keine Angewohnheit der
jungen oder gar der ungebildeten Menschen ist. Es betrifft alle Schichten. Ich konnte
vielmehr sehen, dass es situationsabhängig eingesetzt wird. Wo es um das eigene
Ansehen in der Gruppe geht, wird lieber das coole Kurzdeutsch als das gewöhnliche
Normaldeutsch verwendet. Es ist also letztendlich irgendwie ein Produkt der
Identitätsfindung, der Schnelllebigkeit und der Gewöhnung.
Doch wie ist die Sprache nun einzuordnen? Sprachwissenschaftlich ist das noch
nicht ganz eindeutig geklärt. Die Tendenz geht in die Richtung eines Soziolekts. Als
einen Soziolekt bezeichnet man eine Gruppensprache, die nur von diesen
bestimmten Gruppen verwendet wird. Jedoch ist die Einordnung als Ethnolekt
aufgrund der vielen Einflüsse aus anderen Sprachen auch denkbar. Ein Ethnolekt ist
nämlich der bestimmte Sprachstil einer ethnischen Gruppe, wobei es nicht den einen
Ethnolekt gibt. Aufgrund der Tendenzen, die ich jedoch beobachten kann, ist es
vielleicht das Beste zu sagen, dass Kurzdeutsch ein ethnolektal geprägter Soziolekt,
der die besten Chancen auf den Status "Umgangssprache" hat.
Diese Überlegungen sind ein guter Ausgangspunkt, darüber nachzudenken, wie es
mit dem Kurzdeutsch weitergehen könnte. Auch dazu habe ich mir ausführliche
Gedanken gemacht, die ich Ihnen nun in drei Szenarien gerne vorstellen würde.
Das erste und, um es nicht gar zu spannend zu machen, in meinen Augen
unwahrscheinlichste Szenario bestünde darin, dass das Kurzdeutsch in absehbarer
Zeit wieder aus unserem Sprachalltag verschwindet. Denkbar wäre zum Beispiel,
dass es seine Beliebtheit nach und nach einbüßt und entsprechend nicht mehr als
cooler und attraktiver Sprachstil wahrgenommen wird. Womöglich gilt es dann nur
noch als peinlich, so zu reden.
In einem zweiten Szenario würde aus dem Kurzdeutsch, wie es sich derzeit darstellt,
eine sogenannte Generationensprache. Das heißt, diejenigen, die es bereits
verwenden oder die gerade dabei sind, zumindest punktuell Elemente davon in ihre
Alltagssprache zu übernehmen, behalten den Sprachstil bei. Die heute 20- bis 50Jährigen werden also ihr Leben lang Kurzdeutsch reden. Die nachfolgende
Generation jedoch geht neue Wege und benutzt keine kurzdeutschen Eigenheiten
mehr.
Vergleichbare Situationen hat es in der jüngeren Sprachgeschichte schon häufiger
gegeben. So gab es schon in den 1980er-Jahren einige sprachliche Besonderheiten,
die sich, da sie auch von Erwachsenen gesprochen wurden, nicht mehr der
Jugendsprache allein zuordnen ließen, sondern offenbar bereits ihren Weg in die
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allgemeine Umgangssprache der Stadt gefunden hatten. Die Sprecher sind ungefähr
im gleichen Alter und fanden in ihrer Jugend Formulierungen wie "Tschüssikowski"
(statt "Auf Wiedersehen") attraktiv. Sie waren in den 1980er-Jahren zwischen 15 und
30 Jahre alt und haben vermutlich wegen der "guten Erinnerungen" an diese Zeit
diese und ähnliche Wortschöpfungen in ihrem aktiven Wortschatz beibehalten.
Weitere Beispiele dieser Generationensprache wären "zum Bleistift" (statt "zum
Beispiel") und "dummer Hund" (statt "Na und?" im Sinne von "Es ist mir egal"). Einige
Leser und Hörer, mit denen ich darüber ausführlich diskutiert habe, sind der Meinung,
dass auch das allseits bekannte "Stück mal ein Rück" (statt "Rück mal ein Stück")
dazugehört. Zwar ist Letzteres noch relativ häufig in der Arbeitswelt zu finden, es wird
jedoch auch da überwiegend von Sprechern ab einem gewissen Alter verwendet.
Wer deutlich jünger ist, kennt die Wendung wohl entweder von den Eltern oder eben
vom Arbeitsplatz, nicht aber aktiv aus der eigenen Sprechergeneration.
Zum Wesen einer Generationensprache gehört es übrigens, dass sich der
pubertierende Enkel jedes Mal in Grund und Boden schämt, wenn der Großvater
schon wieder "zum Bleistift" zu ihm sagt. Was für den alten Herrn vollkommen normal
ist, finden heutige Jugendliche nur noch peinlich, zumal sie diese und ähnliche
Sprachgewohnheiten nicht selbst "erfunden" haben und sich folglich weder damit
identifizieren können noch einen Bezug dazu haben. So sehr der Enkel seinen
Großvater ansonsten schätzen mag, er wird so alte Sprüche wie "zum Bleistift" nicht
übernehmen und sich, wie Jugendliche es seit jeher tun, stattdessen eigenen
Wortschöpfungen und Sprachspielen widmen.
In ähnlicher Weise könnte es theoretisch auch dem Kurzdeutsch widerfahren: Für die
jetzige Generation bleibt es auch weiterhin mehr oder weniger selbstverständlich Teil
ihrer Alltagssprache. Für die folgende Sprechergeneration verliert es jedoch schon
wieder an Reiz und Bedeutung und spielt daher in ihrer Umgangssprache so gut wie
keine Rolle mehr. Kurzdeutsch wäre damit am Ende doch nur eine
Generationensprache.
Kommen wir zum dritten und letzten Szenario, das ich für das wahrscheinlichste
halte: die Einsozialisierung in die deutsche Umgangssprache. Der etwas sperrige
Fachbegriff "Einsozialisierung", den ich zu Beginn meiner Ausführungen schon
einmal verwendet hatte, bedeutet, dass sich eine sprachliche Eigenheit – welcher Art
auch immer – dauerhaft in die Umgangssprache einnistet und von vielen Sprechern
gewohnheitsmäßig angewandt wird. Genau das könnte meiner Meinung nach mit
dem Kurzdeutsch oder zumindest mit Teilen davon passieren.
Dank eines umfassenderen und stärker überregionalen Datenmaterials gehe ich
mittlerweile aber von einem deutschlandweiten Trend aus. So unterschiedlich unsere
Stadtsprachen auf den ersten Blick auch sein mögen, weisen sie doch viele
Gemeinsamkeiten auf. Erinnern wir uns an den ersten Teil dieses Vortrags, wo ich
schon einmal erwähnt habe, dass beispielsweise viele einen Hang zur Verkürzung
zeigen und inzwischen auch deutliche Spuren, die auf das multiethnische
Zusammenleben zurückzuführen sind. Die Folge davon ist, dass es vermutlich für
keinen Stadtsprecher etwas vollkommen Neues ist, in einer reduzierten Grammatik
zu kommunizieren. Auch wenn es nur ab und zu oder situationsbedingt ist.
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Derlei spannende Mischungen von den ethnolektalen Formen der nicht-deutschen
Muttersprachler zusammen mit den bestehenden Stadtsprachen – sei es in Bochum,
Schwerin oder Koblenz – könnten in Zukunft problemlos zur deutschen
Umgangssprache gehören. Gleichwohl dürfte man auch weiterhin die jeweiligen
Teilelemente, also einerseits die urbane Variante, andererseits das Kurzdeutsch,
stets erkennen können.
Selbstverständlich gibt es nach wie vor nicht wenige, die sich über das Kurzdeutsch
lustig machen oder es kulturpessimistisch für eine Verirrung oder Verhunzung der
deutschen Sprache halten. Inzwischen konnte ich immer wieder nachweisen, dass
auch ernstzunehmende Erwachsene kurzdeutsche Elemente wie die
Kontraktionsvermeidung in ihre Sprache aufgenommen haben – vermutlich meist,
ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie tragen dann so dazu bei, dem neuen
Sprachstil den Weg in die Mitte unserer Gesellschaft zu ebnen. Denken wir noch
einmal zurück an das Baum-Modell, dass ich für Sie skizziert habe.
Ein engagierter Rektor einer Schule berichtete mir, dass viele seiner Kollegen
mittlerweile Kurzdeutsch sprächen. Zuerst hätten sie sich über den Sprachstil
amüsiert und ihre Schützlinge nachgeäfft, irgendwann aber sei er "wie von selbst" in
den Sprachgebrauch der Lehrer übergegangen.
Der Verbreitungsprozess von Kurzdeutsch könnte also im Groben genauso
verlaufen. Die Gesellschaft nimmt den vermeintlich jugendsprachlichen Stil an, was
dessen Akzeptanz erhöht und dazu führt, dass sich immer mehr Sprecher daran
gewöhnen. Ebenso könnten die heute größtenteils noch jugendlichen Sprecher, die
in absehbarer Zeit in ihrer Ausbildung und im Erwerbsleben stehen, das Kurzdeutsch
weiternutzen und in ihrem Lebensumfeld verbreiten. Einzelne Phänomene wie etwa
die Kontraktionsvermeidung würden nach und nach von immer mehr Sprechern
immer selbstverständlicher verwendet, angefangen bei denen, die mit Kindern und
Jugendlichen arbeiten, über Multiplikatoren in den Medien bis hin schließlich zu
Menschen jeden Alters und Bildungsgrads.
Letztlich wissen wir nicht, welches der drei Szenarien der Wirklichkeit am nächsten
kommen wird. Meine Vermutung über die Wahrscheinlichkeiten habe ich hier soeben
kundgetan. Am Ende wird jedoch unser jetziges Verhalten mitentscheiden, welche
dieser Wahrscheinlichkeiten Realität wird – gestalten wir doch alle, jede und jeder
Einzelne von uns, tagtäglich die weitere Entwicklung der deutschen Sprache mit. Für
mich bleibt in jedem Fall spannend.
Was möchte ich Ihnen nach meinem Vortrag heute noch als eine Art erstes Fazit mit
auf den Weg geben?
Alles fließt. Dieser aus dem antiken Griechenland stammende Aphorismus bietet sich
wunderbar für ein Fazit zum Thema Kurzdeutsch an. Unsere Sprache ist dieser
Fluss, der unbändig fließt. Sie wandelt sich aktuell, hat sich schon immer gewandelt
und wird sich auch weiterhin wandeln. Sie drückt aus, wer wir sind, wo wir
herkommen und sogar, wo wir hinwollen. So wie wir niemals zweimal in denselben
Fluss steigen können, so können wir auch nicht zweimal in derselben
Kommunikationssituation stehen. Irgendeine Kleinigkeit ist immer anders als beim
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letzten Mal. Allein durch die unzähligen täglichen sozialen Interaktionen, für die wir in
viele unterschiedliche Rollen schlüpfen, kann Sprache niemals statisch sein.
Weil Kurzdeutsch irgendwie cool ist, benutzen auch Erwachsene vollkommen
unabsichtlich oder voller Überzeugung Elemente des Kurzdeutschs. Üblicherweise
hatten sie sich zuerst über diesen Sprachstil lustig gemacht, bis sie ihn selbst
adaptierten. Vielleicht wird Ihr Nachbar von nebenan der Nächste sein, der "Ich geh
mal schnell Briefkasten" sagt.
Durch meine jahrelange Forschung konnte ich nicht nur endlich viele in der
Gesellschaft herumgeisternde Phänomene unter einem passenden Begriff
zusammenfassen, sondern gleichzeitig nachweisen, dass es auch bei diesem Stil in
erster Linie um die sozialen Komponenten Dazugehören und sich Abgrenzen geht.
Stadtsprachen und Fremdsprachen, darunter besonders das Türkische, gaben den
Impuls zur Schaffung eines Gesamtphänomens: Kurzdeutsch. Das hat vor allem über
die Jugendsprache und über mediale Multiplikatoren einen regelrechten Kultstatus im
deutschsprachigen Raum erlangt.
Es gibt eben Dinge, die ändern sich ständig, weil sie leben und wachsen. So wie die
deutsche Sprache und mit ihr das Kurzdeutsch, das uns in den kommenden Jahren
noch viele Überraschungsmomente bescheren wird. Ich bleibe an dieser Sache auf
jeden Fall dran und würde mich sehr über Ihre Meinungen, Kommentare oder
Eindrücke aus Ihrer Lebenswelt freuen.
*****
Diana Marossek, geb. 1984, studierte Sprachwissenschaften in Berlin. Für ihre
Doktorarbeit "Gehst du Bahnhof oder bist du mit Auto?" erhielt sie den 2. Preis des
Deutschen Studienpreises 2014 der Körber Stiftung. Diana Marossek leitet ihren
eigenen Kinderbuchverlag.
Bücher (Auswahl):
– Kommst du Bahnhof oder hast du Auto? Warum wir reden, wie wir neuerdings
reden. Hanser-Verlag.
– Kinderbuchreihe "Piepvögelchen". Schlehdorn-Verlag.
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