Wer ist Herr im eigenen Haus?
Freuds Theorie vom Ich als logische Funktion
Liebe Freunde der Weisheit,
endlich mehr Philosophie von und für Euch. Wir von der Werkstatt Philosophie laden Euch herzlich
ein, gemeinsam zu lesen, zu verstehen, zu diskutieren.
Das Subjekt als ein der Außenwelt gegenüberstehendes Ding zu verstehen ist eine alte Vorstellung
in der Philosophie. Klassische Vertreter wie Hume hielten diese Form für greifbar und versuchten
Klarheit ins Dunkel der Diskurse der Philosophie des Geistes zu bringen. Spätestens als Kant
allerdings das transzendentale Objekt in den Diskurs einführt, musste die alte, zu einfache
Vorstellung einer Innen-Außenwelt-Semantik in die Kritik geraten. Das Subjekt kann nun erstmals
als eine logische Struktur verstanden werden oder wie Kant sich auszudrücken wählte, als „Einheit
der Apperzeption“. Wenn das Subjekt hierbei als rein funktionales Objekt oder besser als ein
Verweisungszusammenhang zu verstehen ist, so stellt sich schnell die Frage, wie ein solcher
Zusammenhang dargestellt werden kann und schließlich auch seine Funktionen erfüllen könne.
Beides, so muss man sagen, wird sich nur in und durch Sprache vollziehen. Freuds Beiträge können
hierbei zu den wichtigsten gezählt werden, ist sich der Autor doch völlig klar, dass seine Theorie
des Subjekts nicht mithilfe eines Biologismus oder anthropologisch zu erklären ist.1 Auf der Höhe
seiner Zeit verbindet Freud Philosophie mit Tiefenpsychologie und erstellt eine Topik des
Unbewussten, die uns zur Analyse des Subjekts nützen kann.
Die Freudsche Theorie wird uns anhand der Gegenüberstellung von Lust- und Realitätsprinzip
eröffnet, dieses in großem Maße anhand unbewusster Vorgänge, etwa in Träumen. Auch in diesem
Bereich, wo wir keinerlei bewusstes Denken postulieren würden, scheint eine Logik zu Grunde zu
liegen, der es, wie sich mit Freud herausstellen wird, keineswegs an Stringenz mangelt. Die Sprache
spricht sonach auch dann, wenn sie nicht Ausdruck eines bewussten Korrelates ist. Daraus ergeben
sich psychische Instanzen, wie das Bewusste, das Vor- und das Unbewusste, die alle lediglich als
Formen, als logische Produkte auftreten. Sie stellen keine Organe dar und lassen sich damit auch
nicht rein biologisch erklären. Das Subjekt ist demzufolge diejenige symbolische Struktureinheit,
die sich in der Sprache manifestiert: das Subjekt ist also ein Symbolprodukt der Sprache.
1
Vgl. Freud, Sigmund. 1989. Jenseits des Lustprinzips. In: Sigmund Freud Essays III. Auswahl 1920-1937.
Hrsg. von Dietrich Simon. Berlin: Volk und Welt. p. 26.
Freud sieht in der Psychoanalyse die dritte und endgültige Demütigung des Subjekts, insofern er
dieses nun endlich abgeschafft zu haben glaubte. Das Subjekt wurde (i) mit der Kopernikanischen
Wende aus dem Zentrum der Welt gerissen und (ii) durch Darwins Survival of the Fittest zum Tiere
degradiert und schließlich sorgte Freud (iii) dafür, dass es nichtmal mehr „Herr im eigenen Haus“2
sein konnte. Es muss das Ziel der Lektüre Freuds sein, sich den Schlüsselbegriffen der
Psychoanalyse systematisch zu nähern, um so eine möglichst genaue Topologie des ὺποκείμενον,
also dessen, was zu Grunde liegt, was wir gemeinhin Ich, Subjekt oder Selbstbewusstsein nennen,
erstellen zu können.
Wie wirkmächtig Freuds Theorie der Psychoanalyse war und bis heute ist, wird schon aus der sich
bald anschließenden Bewegung des Strukturalismus klar, der unermüdlich aus dem entstandenen
Paradigma schöpfen wird. Dass es in Folge dessen auch zu einer strukturalistischen Wende in der
Psychoanalyse kam, kann für unseren Lektürekreis nur befruchtend wirken.
Die Frage nach der Konstitution des Subjekts wurde selten mit derlei Scharfsinn behandelt, weshalb
wir uns für die Lektüre Freuds sowie einiger prominenter Sekundärtexte entschieden haben.
Natürlich sind wir für Veränderungen offen, doch sieht der Protoarbeitsplan folgendermaßen aus:
15.10. sowie 12.11. - Das Subjekt als symbolisches Produkt (Das Unbewußte (Primärtext); Jenseits
des Lustprinzips; Notiz über den Wunderblock)
17.12. - Psychoanalyse und Literatur (Der Dichter und das Phantasieren3)
14.01.- Psychoanalyse und Gesellschaft (Totem und Tabu)
18.02. - Psychoanalyse und Psychiatrie (t.b.a.)
Also kommt vorbei und beteiligt Euch. Meldet Euch auch gerne bei Fragen und Anmerkungen per
Mail an uns.
Lasst uns Freud verstehen und für unsere philosophischen Überlegungen fruchtbar machen.
Wir freuen uns auf das neue Projekt und Eure Hilfe.
Beste Grüße
Eure
Werkstatt Philosophie
2
Vgl. Freud, Sigmund. 1966. Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. In: S.F. Gesammelte Werke. Bd. 12:
Werke aus den Jahren 1917-1920. Hrsg. von Anna Freud u.a., 3. Aufl. Frankfurt a. M.: S. Fischer, p. 3-12.
3 Als
Sekundärquelle lesen wir Hiebel, Hans. 1990. Der Dichter und das Phantasieren. Strukturale
Psychoanalyse und Literatur (Jacques Lacan). In: Neue Literaturtheorien. Eine Einführung. Hrsg. von
Klaus-Michael Bogdal. Opladen: Westdeutscher Verlag