Vaters Besuch

Rafik Schami
Vaters Besuch
Eines Tages hatte mein Vater beschlossen, mich in Heidelberg zu besuchen. Es sollte sein erster FIug sein und
er wollte unbedingt allein kommen. Meine Mutter erziihlte spiiter, er sei kurz vor der Abreise ftirchterlich aufgeregt gewesen und habe beinahe abgesagt. Er habe sich
Vorwtirfe gemacht, dass er ohne sie reisen wollte. Sie erzehlte, sie habe ihn in dreiBig Jahren Ehe noch nie so
unruhig gesehen. Er schlief schlecht, hatte Albtreume,
aB wenig und rauchte ununterbrochen, um sich zu beruhigen. Aber er wurde von Tag zuTagnervciser. Aus lauter
Aufregung machte er einen ungeheuren Fehler.
Araber haben ein eigenartiges Verheltnis zu vereinbarten Terminen. Das liegt vielleicht daran, dass sie mit dem
Zeitbegriff nicht mehr zurechtkommen, seit man sie gezwungen hat, ihren Kalender nicht lenger nach Mondjahren und islamischer Zeitrechnung zu fiihren. Sie kommen, wenn riberhaupt, zu einem Termin immer zu spdt.
Ich brauchte, bevor er kam, ein wenig Urlaub, denn es
stand viel auf dem Spiel. Ich hatte meinem Vater eine
Bedingung gestellt: Wenn er kommen wollte, mrisste er
akzeptieren, dass ich mit einer Frau unverheiratet unter
einem Dach lebe. Damit hat ein Araber groBere ProbIeme als mit den Kommunisten, denn diese heiraten in
Arabien brav und halten sich vor allem an alle Normen
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der Gesellschaft. Uncl in Arabien ist ein Individualist, ein
Auff'alliger in der Gesellschaft von Gleichen, die Gefahr
in Person.
AuiSerdcm hatte ich ihm in einem meiner Brief'e mitgeteilt, dass ich das Chcmiestudium zwar zu Ende fth-
ren rvrirde, abcr dann lieber Schriftsteller r,verden wolle.
Deshalb wahrscheinlich wollte er allein kommen.
Mein Vater war kein []euchler. Er versprach nichts. Er
r,vtirde vorbeischauen, und sollte es ihm nicht gefallen, so
wilrde er, da cr wohlhabend war, ins Hotel umziehcn.
Doch hatte mein Vater das Bedrirfnis, frLiher aufzubrechen, aus Sorge, zu spet zu kommen und einen schlechten Eindruck bei den Europiiern zu hinterlassen - als ob
eine Kommission das Chronometer in der Hand hielte
und bei jedem Araber, der zu spdt kam, Hurrarufe ausstielJe. Er fragte taglich beim Flughafen in Damaskus an,
bis er seinen Flug umbuchen konnte. Aber er versziumte
es, und das rvar sein lrehler, mir Bescheid zu geben, denn
er war der festen Uberzeu,g.rng, dass er schon irgendr.vie
zu meinem l.laus gelangen wiirde. Ja, irgendwie.
In Frankfurt angekommen, machte er sich auf den
durch die Altstadt, aB beim Iraliener und kam jeden Tag
cinmal zu mciner Wohnung, klingelte und fragte hoflich,
ob ich von meiner Reise zunickgekommen sei.
Den Wuranf'all, dcn ich bei meiner Ruckkehr hatte,
kann ich gar nicht beschreiben. Die Griindc, die die
Nachbarn vorbrachten, waren vollkommen absurd und
frihrten zum Abbruch allcr nachbarschaftlichen Beziehungen.
Ich eilte zur HauptstraBe und entdcckte meincn Vater.
Er stand vor cinem Antiquariat und war vertieft in ein
Bild im Schaufenster. Er r.{'cinte vor Freude, mich zu sehen, denn cr \velr tiberzeugt gewesen, mir wdre etwas passiert und man hielte ihn nur hin.
Nach eincm opulentcn Essen, cinem gutcn Wein und
einem l\,Iokka mit Kardamom fragte ich ihn, rvie cr sich
allein zurechtgefundcn habe.
"Fantastisch, die Deutschen sind kluge Organisatorcn. Habc ich dir nicht immer von ihrer Rrst vorge-
ging mein Vater in ein Llotel. Er unternahm Spaziergdnge
schwdrmt) Was ist die Post ohne eine gute Organisation?
Ein Chaos. Auch meinc Fahrt zu dir war von Tr-ir zur Tthr
bestens organisicrt. Welch grol3artige Zivilisierthcit. Bei
uns hrittest du dreihundcrt Stempel und fr-inf verschiedene Fahrkarten gebraucht. Die Deutschen sind klug.
Eine Karte geniigt. Sie wird eir-rmal kontrolliert und alle
anderen Stellen rvissen Bescheid."
Gutglaubig - imrnerhin war es ja der erste Flug seines Lebens - hatte mein Vater nur das Flugticket gekauft und rvar damit per Bahn vom Flughaf'en zum Franklurter Hauptbahnhof und von dort zum Heidelbergcr
Ilauptbahnhof gcfahren. Niemand hattc ihn konrrolliert. SchlieBlich hatte er die Stra8enbahn, die zu meiner
StraBe fuhr, genommen und war lechelnd und die dcut-
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Weg. Er fand sich tatsdchlich zurecht und crreichte
meine I laustlir. Doch ich war verreist und die Nachbarn
im Flaus stellten sich dtrmm ern, obrvohl sie junge, angeblich kritische Akademiker warcn, die wussten, dass mein
Vater kommen wtirde, und dic ihm unsere Wohnung het-
ten aufmachen konnen. Auch heute noch, Jahrzehnte
spAter, kann ich das Verhalten nicht erkleren. Aber peinlich u,ar es mit Sicherheit. Der alte Mann t'ehalf sich mit
seinem Ilranzosisch, sie taten jedoch so, als verstilndcn
sie nichts. Erschrocken von dieser abrveisenden Kellte
sche Zivilisation bewundernd bei mir angekommen. Und
dabei war er die ganze Zeit schwarzgefahren.
Was sollte ich tun) Sollte ich ihn aufl<ldren und seine
Freude zerstdren? Ich kannte meinen Vater. Er war ein
stolzer und glaubiger Katholik. Hatte er die Wahrheit erfahren, so hdtte er sich sehr geschemt. Schwieg ich dartiber, so handelte ich unmoralisch, verdarb ihm aber die
kleine Freude nicht. Ich entschied mich fiir die Unmoral.
@ 1992