IV. Jesu begegnet seiner Mutter. Wer ist mir Vater und Mutter, Bruder

IV. Jesu begegnet seiner Mutter. Wer ist mir Vater und Mutter, Bruder und
Schwester?
Bei manchen dieser Bilder war es nicht schwer, den Rahmen des Bildes mit aus
dem Leben sprechenden Menschen oder Logos zu umgeben.
Bei diesem Bild wurde ich sprachlos, unfähig, klärende Vorbilder zu finden. So
stelle ich die Frage Jesu an uns in das bildliche Geschehen.
Markus 3, 31-35. „Wer ist mir Vater, Mutter, Bruder und Schwester?“ Das ist
neben der Aussage Jesu: „Ich bin gekommen, den Armen ihre Befreiung zu bringen
und den Blinden ein neues Gesicht“, die Frage, die unseren Glauben oder
Unglauben bestimmt.
Ich muss diese Frage ausweiten: Wer sind mir unsere Kinder, unsere Freunde,
unsere Hobbys, unsere Arbeit, unser Besitz, unsere Nachbarn und unsere Armen ?
Die Armen, die Hilflosen, die Benachteiligten, waren für Jesus die Nächsten. Wer
ist Dir der Nächste ? Jeder ist sich selber der Nächste! Sicher Deine Kinder so lange
sie Dich brauchen, deine Geschwister, Deine Eltern. Wo aber musst du die
Nabelschnur abtrennen? Bei dieser Begegnung Jesu mit seiner Mutter, trennte er
sich endgültig von der Familie, geht seinen Weg zum Vater, der aus seinem
Gewissen spricht.
Es wird nichts darüber berichtet, was sich Sohn und Mutter noch zu sagen hatten.
Es gibt einen Ausdruck der Liebe, der sich nicht in Umarmungen und Bruderküssen
verliert. Die größte Liebe drückt sich im schweigenden Verständnis aus. Hast Du
zu den unverstandenen Lebensäußerungen Deiner Kinder, Deines Gatten dieses
Vertrauen, das sich im Schweigen ausdrückt? Am Weg des Verurteilten stehen,
sich nicht abwenden.
Kurt Tucholsky, ein österreichischer Schriftsteller, er wurde von den
Nationalsozialisten vergast, prägte das fliegende Wort: „ Es ist schön, mit
Jemanden schweigen zu können“.
Ist diese Begegnung Jesu mit seiner Mutter nicht ganz anders verlaufen? Es stehen
sich zwei Welten gegenüber. Eine Mutter, die ihren Sohn gescheitert sieht, der die
Menschen nicht ändern kann. Alle seine Freunde haben sich verkrochen. Die ihm
noch vor kurzem zujubelten, verhöhnen ihn nun. Sie hat ihn unter ihrem Herzen
getragen, das Leben geschenkt, zum Glauben an den Vater erzogen, hat sie da nicht
übertrieben, mitgeholfen ihr Kind in die Ausweglosigkeit seines jetzigen Scheiterns
zu treiben? Warum gibt er sich nicht mit einem Leben als gelehrter Rabbiner
zufrieden, leben und leben lassen, wie es alle machen? Seine Gründlichkeit schon
als Kind in der Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten, den Propheten und hl.
Büchern war für sie beklemmend, von unbewusster Angst erfüllt. „Wusstet ihr
nicht, dass ich im Hause meines Vaters sein muss?“ Weißt Du nicht, dass du im
Hause Deines Vaters sein musst?
Statt mit den Schriftgelehrten und hohen Priestern zu verkehren, verbringt er seine
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Zeit mit Fischern, Zöllnern, Taglöhnern, anrüchigen Frauen und Obdachlosen. Hat
sich sein Einsatz gelohnt? Maria versteht ihren Sohn nicht mehr. Er kämpft doch
gegen eine einsichtslose Meute mit aussichtslosen Mitteln. Ist ihr Sohn ihr nicht in
den letzten Jahren ausgewichen, weil sie zur Mahnerin seines Glückes wurde, wie
sie es als Mutter empfand und verstand? Das alles liegt ungesagt in den Blicken
Marias, seiner Mutter.
Das entnimmt Jesus den Blicken seiner Mutter. Er kann ihr nicht verdeutlichen, wie
ihm dieses Abschiednehmen ohne Worte, ohne Umarmung zusetzt. Sein Kreuz
hindert ihn, bei der Mutter Zuflucht zu suchen, wie er es als Kind tat, wenn ihm
Stärkere zusetzten. Die Kindheit zieht in seinem Denken vorüber, mit allen frohen
und schmerzenden Zeiten, die das Leben bringt. Alle Last fällt von ihm mit dem
Atem seiner Kindheit, seiner Familie. Wo ist die Zeit, sein Leben hingeeilt, da er so
entwürdigt vor seiner Mutter steht? Wäre es jetzt noch an der Zeit, das Erdrückende
von sich zu weisen. Warum ist er dem Prokurator nicht zu Füßen gefallen und alle
Qual hätte ein Ende gefunden? Ausgenützt wäre er worden, von den Mächtigen, die
unbedingte Unterwerfung verlangen. Alle seine Freunde, die Fischer und
Taglöhner, die an der Gesellschaft Zerbrochenen, würden keine Hoffnung mehr
haben. Er weiß, dass der Gipfelpunkt des Machtmissbrauches erreicht ist. Von jetzt
ab wird sich die Welt der Armen ändern. Sie müssen lernen, dem Terror, dem Tod
nicht auszuweichen. Es ist auch mit seinem Tod nicht getan, dass sich alles ändert.
Jede Revolution, und seine, die gewaltigste, da sie ohne Fäuste kämpft, frisst ihre
Kinder immer wieder. Gerechtigkeit und Befreiung der Armen, müssen immer
wieder frische Blätter treiben wie der Weinstock.
Ein Tritt, ein Schlag auf den Rücken, treibt Jesus weiter, beendet abrupt das
Zwiegespräch.
Wenn du leben willst, dann töte dich.
Wenn du sterben willst, genieße das Leben.
Im vierten Bild zeigt der Künstler das Miteinander von Schmerz und Leid, Sohn
und Mutter. Das Leid, aber auch die Größe der Frauen. Sie geben Zeugnis im
hilflosen Zusehen der nutzlosen Opfer ihrer Kinder. Immer wieder tragen Frauen
die Hauptlast als Lebensbringer, Zuflucht und unbedankte Zukunftsträger.
Die Dornenkrone, die Verhöhnung auch unserer Welt, die Mutter greift in die
Dornen des Sohnes, fühlt Angst und Mut vom Sohn auf sich übergehen.
Suchend begegnen seine Augen den Menschen, die seinem Kreuzweg zusehen.
Jetzt würde er die Freunde, den Jubel vom Sonntag, die zahllosen Tröstungen
brauchen, die er in seinem Leben, im Leid umarmend aussprach, auch in stummer
Anteilnahme gewahr wurde. Es bleibt ewig ein Geheimnis, dass er jenen Mann
unterm Feigenbaum überraschte. Warum gab er die Güte des Verständnisses nicht
zurück? Judas ließ sich mit Silberlingen missbrauchen. Wo waren sie, seine
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Gefährten froher Tage in Galiläa, übermütig während der Erntezeit durch die
Weiten der Weizenfelder schreitend? Vom Brot des Lebens sprach er mit ihnen, das
aus dem Weizenkorn in der Verwandlung zur Güte Gottes wurde. Immer mehr
spürte er die Ablehnung der Gaffer, die nur Zeugen eines einmaligen Schauspieles
abgaben. Es erinnert mich an ein Geschehen zu Ende des letzten Krieges.
Jagdflugzeuge hatten einen feindlichen Bomber abgeschossen. Vermutlich konnte
sich der Pilot mit dem Fallschirm retten. Bewacht von Soldaten, an einem Fuß
verletzt, hinkte er an uns vorbei. Der Hass, der ihm aus der Bevölkerung
entgegenschlug, fiel mir auf. Angesehene, alte Menschen, auch Kirchengänger
waren darunter. Ich war damals 12 Jahre. Die Gefangenen sollen erschossen
worden sein, wurde berichtet.
Hochgebet:
Magnificat im Plural.
Hoch preist unsere Seele den Herrn und unser Geist freut sich mit
Gott, unserem Befreier.
Er schaut auf unsere Niedrigkeit, er nimmt uns an als seine Kinder.
So Großes hat an uns getan der Mächtige.
Heilig ist sein Name, und seine Barmherzigkeit kommt von
Generation zu Generation über die, die ihn in ihrem Leben walten
lassen.
Überhebliche macht er uneins, einsam. Diktatoren stürzt er ins
Vergessen und Niedrige nimmt er auf in sein Reich.
Für alle Menschen hat Gott die Welt erschaffen.
Reiche haben ihren Lohn schon erhalten.
Uns, sein Gottesvolk hat er angenommen,eingedenk seiner
Schöpfungstaten, die alle gut waren.
Er spricht zu uns seit den Tagen Abrahams, zu all unseren Ahnen, dass unser
aller Leben gewollt und heilig ist.
Unsere Liebe
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Herr, du Schöpfer allen Lebens auf unserer Erde. Wir haben das Wunder erleben
dürfen, zueinander zu finden. Wie die Rose von Jericho hat sich unsere Liebe
entfaltet, da dein Wasser des Geistes über uns gekommen ist.
Mit Jesus, deinem Sohn, hast du uns als deine Kinder angenommen. Er zeigte uns
den Weg, in Gewaltlosigkeit zu leben, mit den Armen zu teilen und zum Beispiel
für die Hartherzigen zu werden.
Wir wollen uns bemühen, uns zu verzeihen, auch wenn es über unsere Einsichten
und Kräfte geht.
Gib uns die Kraft, unser Leben zu einem guten Ende zu führen.
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