Statement Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker

Statement Dr. Jens Baas
Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse
zum Thema "Digitale Gesundheit"
am 17. Juni 2015 in Berlin
Sehr geehrte Damen und Herren,
rund 400.000 Apps sind weltweit im Angebot, die sich mit Lifestyle, Gesundheit oder Medizin
beschäftigen. Und rund 42 Millionen Menschen in Deutschland - weit über die Hälfte der Bevölkerung - nutzen ein Smartphone und eben nicht nur ein Mobiltelefon. Die Gesundheit wird
mobil: Allein bei der TK haben im vergangenen Jahr rund 400.000 Versicherte eines unserer
Online-Coaching-Angebote im Internet genutzt - fast jeder Zwanzigste. Die Zahlen zeigen,
dass wir es beim Thema "Digitale Gesundheit" nicht mit einer Modeerscheinung zu tun haben
oder einem Trend, der nur eine Gruppe von wenigen, jungen Menschen bewegt.
Ganz im Gegenteil: Sie werden gleich die Ergebnisse einer detailreichen Studie zu Gesundheits- und Versorgungs-Apps sehen und wir zeigen Ihnen auch Auszüge aus unserem
Trendmonitor. Beide Untersuchungen haben wir in Auftrag gegeben, um uns selbst einen
Überblick über die Nutzungsgewohnheiten und die -möglichkeiten, aber auch Chancen und
Risiken zu verschaffen. Sie bieten zugleich einen Einblick, wie die Gesellschaft über das
Thema digitale Gesundheit denkt und was sich Menschen in Zukunft - auch von uns als
Krankenkasse - wünschen.
Zwei Haupterkenntnisse lassen sich aus den beiden Auswertungen gewinnen: Zum einen
scheint der Faktor "Alter" bei der Nutzung digitaler Versorgungsangebote nicht (mehr) die
Rolle zu spielen, die man gemeinhin annehmen würde. Ganz im Gegenteil: Bei der eigenen
Suche nach Gesundheitsinformationen sagen 28 Prozent der über 50-Jährigen, dass sie
ausschließlich im Internet nachsehen - mehr als bei den meisten Jüngeren. Und auch bei den
über 60-Jährigen zeigt sich dieser Trend ganz ähnlich: Drei von vier Befragten holen sich die
Informationen vorwiegend aus dem Internet - fast jeder Dritte ausschließlich. Insgesamt nur
noch sechs Prozent der Befragten sind demnach "Offliner". Und gerade haben wir übrigens
unsere laufende Krankenhauszufriedenheitsbefragung von Papier auf Online umgestellt: Der
älteste Teilnehmer bisher ist 89 Jahre alt!
Die zweite Haupterkenntnis betrifft den Trend des Selftrackings - also der elektronischen
Selbstbeobachtung und -vermessung. Menschen mit (solchen) Armbändern, die jeden
Schritt, jede Treppenstufe, ihren Kalorienverbrauch, Puls oder Schlafphasen dokumentieren 1
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Dr. Jens Baas, Techniker Krankenkasse
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machen sich damit ihr eigenes Verhalten bewusst und legen so - fast spielerisch - den
Grundstein für ein gesundheitsbewussteres Verhalten.
Der Trend, Gesundheits- und Fitnessdaten selbst zu vermessen, ist also keine vorübergehende Modeerscheinung, der kein greifbarer Nutzen gegenübersteht. Er hat vielmehr das
Potenzial, ein zentraler Baustein eines (positiven) Kreislaufs zu sein - der sich zwischen
Selbstbeobachtung und -kontrolle, dem guten Gefühl als Belohnung beim Erreichen der eigenen Ziele und dem dadurch wachsenden Selbstvertrauen bewegt. Eigenverantwortung eben einer der zentralen Erfolgsfaktoren für Adhärenz. Und diese ist bei der Prävention ebenso
wichtig wir bei der Therapie von Krankheiten.
Jedoch zeigt die Studie auch, dass die meisten Apps auf dem Markt entweder für den Nutzer
keinen richtigen Mehrwert haben, nicht nachhaltig angelegt sind oder dass ein rein kommerzielles Interesse hinter der App steckt. (Natürlich ist es legitim, mit einer App auch Geld verdienen zu wollen, aber dann sollte sie auch einen preisgerechten Mehrwert für den Nutzer
haben.) Eine solche "Low-quality-App" erlebt es dann, von den Nutzern kaum nachgefragt zu
werden, während andere im Dschungel des scheinbaren Überangebots untergehen.
Als Techniker Krankenkasse haben wir ein hohes Interesse daran, selbst hochwertige Apps
zu entwickeln und anzubieten, unterstützen aber auch die Entwicklung anderer und empfehlen diese weiter. Denn gut gemachte Apps stärken den Patienten in seiner Eigenverantwortung, bieten leitliniengestützte Informationen (im Gegensatz zu "Dr. Google") und bieten einen Mehrwert - idealerweise für den Versicherten, aber auch für seine Krankenkasse. Herr
Rupp wird Ihnen gleich noch ein paar Beispiele zeigen - ich greife ihnen mal eines heraus,
das wir an dieser Stelle erst vor kurzer Zeit vorgestellt haben: Unser Diabetes-Tagebuch ist
eine solche eine gute App - denn sie dient allen: Der Nutzer kann seine Blutzuckermesswerte
draht- und problemlos in sein Smartphone laden und erspart sich die Schreiberei, der Arzt
erhält eine lesbare und weiterverwertbare Übersicht über den Krankheitsverlauf seines Diabetes-Patienten und wir als Krankenkasse schaffen einen echten Service-Mehrwert und erhoffen uns Diabetes-Patienten, die besser versorgt werden. Mehr Qualität durch Transparenz
ist dabei das Ziel. Und inzwischen haben wir 300.000 Diabetikern diese Form der Versorgung
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am 17. Juni 2015 in Berlin
angeboten. Man kann also sagen, dass solche Apps das Potenzial haben, zur Routine werden.
Wir wollen es aber dabei in Zukunft nicht bewenden lassen. Die digitale Revolution schreitet
auch - und gerade - im Gesundheitswesen voran, und die Vorteile liegen für alle Beteiligten
auf der Hand.
Es ist dabei aber beinahe so, wie beim Thema autonomes Fahren: Während Google in Amerika die ersten 25 selbstfahrenden Autos in den normalen Straßenverkehr entlässt, sind wir
hierzulande weit davon entfernt. Und dies gilt auch für unser Gesundheitswesen: Die Technik
und die daraus entstehenden Möglichkeiten entwickeln sich viel rasanter als die rechtlichen
Rahmenbedingungen - hier müssen wir nachsteuern.
Das E-Health-Gesetz ist in diesem Zusammenhang ein Schritt in die richtige Richtung, ausreichen tut es hingegen nicht. Was wir stärker brauchen, ist ein kritischer und zugleich konstruktiver Dialog über die Chancen und Risiken eines digitalisierten Gesundheitswesens und
über die Frage, wie Patienten den Komfort neuer Funktionen nutzen können und sie dabei
gleichzeitig vor Datenmissbrauch geschützt sind.
Der Schutz der Sozialdaten ist extrem wichtig - zugleich wird die Herausforderung sein, nützlichen Anwendungen den Weg zu ebnen. Es geht darum, sinnvolle Brücken zu schlagen und
Daten aus dem Alltag der Patienten für die Gesundheit nutzbar zu machen. Dass wir mit diesem Thema voran gehen müssen, ist aus meiner Sicht unstrittig.
Wir haben es hier mit digitalen Schätzen zu tun, die wir zum Nutzen des Einzelnen bergen
sollten. Und bei den Krankenkassen sind solche Daten auch in Zukunft bestens aufgehoben.
Denn zum einen machen sie keinen Profit und haben auch kein kommerzielles Interesse an
diesen Daten. Und zum anderen ist der Datenschutz innerhalb der gesetzlichen Krankenkassen bereits auf einem sehr hohen Niveau strikt geregelt.
Dies spiegelt sich auch im gegenwärtigen Trendmonitor wieder: Jeder Dritte kann sich heute
vorstellen, sogar seine Selftracking-Daten an seine Krankenkasse weiterzugeben, wenn da3
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am 17. Juni 2015 in Berlin
hinter ein erkennbarer Nutzen steckt. Aber zugleich sind 40 Prozent dagegen - das ist auch
das gute Recht jedes Einzelnen. Hierbei geht es ja auch nicht darum, eine Lösung passend
für alle zu finden. Wir setzen bei allen unseren Angeboten auf eine freiwillige Teilnahme der
Versicherten. Und Daten, die eine Krankenkasse nichts angehen - wie etwa das, was zwischen einem Coach und seinem Patienten gesprochen wird, bleiben auch beim Coach.
Frau Kramer, Sie zitieren in Ihrer Studie auf Seite 25 den amerikanischen Branchenexperten
Vinod Khosla (Gründer von Sun Microsystems) mit dem Satz: "80 percent of what doctors do,
can be replaced." Ich bin mir nicht sicher, ob ich als Arzt da in vollem Umfang zustimmen
möchte. Aber in einem sind wir uns sicher einig: Dass vieles von dem, was heute den Arzt
Zeit kostet, in naher Zukunft durch eine bessere Vernetzung vereinfacht und verbessert werden kann. Und dass es Zeit spart, wenn Patienten gut informiert zum Arzt kommen und
krankheitsrelevante Daten gleich übersichtlich mitbringen - Zeit, die der Arzt dafür nutzen
kann, sich um seine Patienten zu kümmern und mit ihnen zu sprechen.
Und wir werden immer öfter die drohende Verschlimmerung von Krankheiten oder sogar
Krankenhausaufenthalte durch Prognosen aus den Alltags-Daten der Patienten vorhersagen
und verhindern können - in unserem Telemonitoring-Projekt mit COPD-Erkrankten tun wir
dies zum Beispiel heute bereits mit Erfolg.
Ich glaube deshalb aber auch, dass die digitale Gesundheit nicht auf die Berufsgruppe Arzt
beschränkt bleiben kann, sondern alle angeht. Die Zeit ist reif, die digitale Versorgung und die
rechtlichen Rahmenbedingungen auf breiter Basis massiv voranzutreiben und wir sind bereit,
als Interessenvertreter unserer Versicherten hier aktiv mitzugestalten und unseren Beitrag
dazu zu leisten.
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