Selfies und Narzissmus - Dr. Baerbel Wardetzki

FLAIR // DOSSIER
LET ME
ENTERTAIN –
ME!
Das klassische Selbstporträt hat völlig neue
Formen angenommen. Statt in Öl inszenieren wir
uns zu Millionen in #selfies. Und das vor großem
Publikum im Netz. Zwei aktuelle Ausstellungen
hinterfragen die neue Faszination für uns selbst
TEXT Siems Luckwaldt
Fast schüchtern und ein wenig verloren
blickt Andy Warhol 1986 ins Objektiv
der Polaroidkamera, einige Zentimeter
vorbei am Fokuspunkt. Die wilden
Strähnen der wasserstoffblonden Perücke
umrahmen sein bleiches Gesicht. Die rot
geäderte Nase zeugt von ausschweifendem Nachtleben. Die Lippen des damals
58-jährigen Ausnahmekünstlers sind geschlossen, der rechte Mundwinkel zeigt
leicht nach unten. Mal ehrlich: Nach
heutigen Maßstäben und ohne respektlos
sein zu wollen, ist „Self-Portrait with
Fright Wig“, zu sehen in der Ausstellung „Ich bin hier!“ in der Kunsthalle
Karlsruhe, ein echt miserables Selfie. Was
Instagram-Filter und Retusche-Apps da
hätten rausholen können …
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Auch im Düsseldorfer NRW-Forum
hängt Warhol, verewigt von Fotograf
Andreas Schmidt und Teil der
Werkschau „Ego-Update“. Das
Enfant terrible der Pop-Art steht in
Alltagsklamotten vor einer Wand
mit Mosaikfliesen und hält linkisch
ein Ölgemälde vor den Körper.
Irgendwie … #boring. Wo ist Andys
coole Clique, die ihn hysterisch lachend
in die Mitte nimmt? Unter Palmen, die
Champagnergläser zur Kamera gereckt?
So wie den ganzen Sommer lang
unsere Freunde und Fremde auf
Facebook. Verrückt, dass Warhol, ein
begnadeter Selbstdarsteller, Ende 2015
auf uns wie ein Normalo wirkt. Zum
Sofortweiterswipen.
FOTOS Kunsthalle Karlsruhe, NRW-Forum Düsseldorf
Andy Warhol, Selbstporträt mit
Fright Wig, 1986 © 2015
The Andy Warhol Foundation for
the Visual Arts, Inc. / Artists Rights
Society (ARS), New York © The Andy
Warhol Foundation for the Visual Arts,
Inc. / Bildrecht, Wien, 2015
Arvida Byström: Instagram Sculptures © Arvida Byström
Wenn dein Leben kein Selfie wert ist, tust du mir leid! Narzissten flüchten sich zur Kompensation häufig in eine Art Größenwahn.
Das Selfie ist für sie das perfekte Werkzeug, ihr sorgfältig inszeniertes Ich der Welt zu präsentieren
MC Fitti fungiert als
Gesamtkunstwerk
und als eine Art
Botschafter für die
aktuelle Ausstellung
im NRW-Forum in
Düsseldorf
MC Fitti © murataslanbln.com
„Was mit dem iPhone 4 begann,
hat sich in kürzester Zeit zum
Kult und zur Plage entwickelt –
und einer neuen Form von
Ersatzsprache“
Martin Parr: Autoportrait. Benidorm, Spain, 1997 © Collection Martin Parr / Magnum Photos
Wir kennen sie fast
alle: die Suche nach
unserer digitalen
Identität. Doppelt
passend das Selbstporträt von Fotograf
Martin Parr, denn
pro Jahr sterben
mehr Menschen
bei Selfies als durch
Hai-Attacken
ICH KNIPSE,
ALSO BIN ICH
Dass sich gleichzeitig zwei deutsche
Kultureinrichtungen dem Phänomen der
Selfies widmen, ist kein Zufall. Denn
was mit der Frontkamera des iPhone 4
(Verkaufsstart: 2010) begann, hat sich in
kürzester Zeit zum Kult, zur Plage und
einer Ersatzsprache entwickelt. Wie ich
mich fühle? So. [Auslösergeräusch]. Das
Porträt per ausgestrecktem SmartphoneArm ist mal Urlaubsgruß, mal Werbeflyer – und immer auch Psychogramm.
Die Hightech-Variante der jahrhundertealten Tradition des Selbstbildnisses,
bei dem Künstler sich und ihrer Rolle in
der Welt näherzukommen versuchten,
Pinselstrich für Pinselstrich ihre Seelenkrisen auf die Leinwand brachten. Ohne
Begriffe wie „Duckface“, „Birthie“ oder
„Divorcie“ auch nur zu erahnen.
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ZWISCHEN SELBST­
SUCHE UND
SELBSTSUCHT
Die multimediale Gruppenausstellung
„Ego Update“ in Düsseldorf ­konzentriert
sich auf die jüngere Vergangenheit und
das Hier und Jetzt unserer Suche nach
digitaler Identität. Optisch auf den
Punkt gebracht mit einem Selbstporträt
des Starfotografen Martin Parr, das ihn
im Rachen eines weißen Hais aus Holz
zeigt. Aufgenommen in der spanischen
Tourihölle von Benidorm und doppelt
passend, denn wie die Website mashable.
com addiert hat, sterben pro Jahr mehr
Menschen bei Selfies als durch Hai-Attacken. Als eine Art Botschafter fungiert
in Düsseldorf das Gesamtkunstwerk
MC Fitti, quasi der Helge Schneider der
Generation Social Media. Er ist auch
in Bronze gegossen zu bewundern, das
ultimative Luxus-Selfie.
Kein Zufall ebenfalls, dass beide Ausstellungen in Rheinnähe stattfinden. Schließlich werden im Großraum Düsseldorf die
meisten deutschen Selfies geschossen. Mit
deutlichem Abstand vor München und
Berlin. Etwa zehn Minuten ihres Tages
verbringen jüngsten US-Umfragen nach
die 18- bis 34-Jährigen mit der Aufnahme und Veröffentlichung von Selfies,
rund 55 Stunden im Jahr. Mindestens
25.000 Bilder werden sie in ihrem Leben
machen. Von sich. Wer mehr als zwei
Freunde auf sozialen Kanälen hat, glaubt
diese Zahlen, ermittelt von einer Marke
für Zahnweiß, sofort. Das Projekt SelfieCity wiederum hat in fünf Weltmetro­
polen herausgefunden, dass mehr junge
Frauen Selfies posten als Männer und
dass in Bangkok am meisten, in Moskau
kaum gelacht wird.
„Der Moment, in dem ein Mensch sich
selbst malt – er wird dies nicht mehr als
zwei oder drei Mal zu Lebzeiten tun,
vielleicht nie – , besitzt im Lauf der Dinge
eine ganz besondere Bedeutung“, schrieb
der britische Kunstkritiker Lawrence
Gowing 1962. Über dieses Stadium
sind wir weit hinaus. Während Promis
wie Kim Kardashian und Justin Bieber
uns ungefragt mit nackten Selfie-Tatsachen behelligen, ja selbst der Papst und
Obama in Handykameras lächeln, tun
wir es ihnen längst gleich. Der Markt
für Mikro-Berühmtheiten oder micro
celebrities boomt! Doch auch ohne Blog
oder Instagram-Gefolge speichern wir
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geradezu manisch Augenblicke auf Chips,
statt sie zu erleben. Motto: Wenn dein
Leben kein Selfie wert ist, tust du mir
leid! Vorbei auch die Zeit, als man über
japanische Touristen mit Selbstfoto-Fimmel lachte. Lebte Ovids selbstverliebter
Sagen-Jüngling Narziss reell und heute,
er würde vermutlich auf sein Handy-Display starren und murmeln: „Ich habe
genug von mir!“
Derweil spannen die Kuratoren in
Karlsruhe den Bogen noch weiter. „Von
Rembrandt zum Selfie“, so der Untertitel
der 140 Werke umfassenden Show, organisiert mit dem Musée des Beaux-Arts
de Lyon und den National Galleries of
Scotland in Edinburgh, führt kreuz und
quer durch die Jahrhunderte.
FOTOS Kunsthalle Karlsruhe, NRW-Forum Düsseldorf
FLAIR // DOSSIER
Wir sehen die, wie es der Katalog nennt,
„frühe Selbstvergewisserung“ von Renaissance-Künstlern wie Vincenzo Campi,
der sich 1580 als umgarnten Teilnehmer
eines Ricotta-Festmahls darstellte. Aus
dem fulminanten Barock stammt ein
betrübt wirkendes Selbstporträt von
Rembrandt anno 1650. Der große Holländer malte sich zur Verkaufsförderung
eine Zeit lang in etlichen vorgespielten
Gemütslagen. Ein ganz früher SelfiePoser also. In der sensiblen Romantik
wiederum entstand das dramatisch „ausgeleuchtete“ Bildnis des Franzosen Michel Dumas, das ihn mit konzen­trierter
Miene und in eleganter Abendkleidung
Annie Lennox / Allan Martin, Selbstporträt, 2003, Scottish National Portrait Gallery
© 2013 La Lennoxa Limited
Ob Maske oder Selbstentblößung, mediale Inszenierung oder „reine“
Dokumentation – jedes Porträt ist immer auch ein Psychogramm
zeigt. Vor einem seiner größten Gemälde­
erfolge. Talking about self-promotion.
Und dann die Moderne, geprägt von
den Erkenntnissen eines Sigmund Freud
und zuweilen schonungslos im Blick
des Künstlers auf sich, vertreten durch
Oskar Kokoschka und sein „Selbstporträt
eines entarteten Künstlers“ von 1937.
Nicht fehlen darf die furchtlos-geniale
Marina Abramović mit einem Beitrag
aus den 70ern, in dem sie schreiend
und mit einer Haarbürste ringend den
Schönheitswahn kommentiert. Von
2003 schließlich ein faszinierendes Foto
von Annie Lennox, auf dem sie alterslos,
­ethnisch unbestimmt und geschlechtsneutral geschminkt ist.
Nur eine Künstlerin vermisst man:
Cindy Sherman. Dabei macht niemand
das eigene, teils bis zur Unkenntlichkeit
maskierte Gesicht so provokativ zum
Zentrum des eigenen Schaffens wie
die Amerikanerin. Sherman als Heilige,
als Hure, als Clown, als Diva, als
White-Trash-Mutti. Die vielleicht aufwendigsten – sicher aber als Kunstobjekt
kostspieligsten – Selfies, die es gibt.
IM HAMSTERRAD
DES SCHÖNEN
SCHEINS
Dafür begeistern im NRW-Forum die
Guerilla-Selfie-Stars Vitaliy Raskalov
und Vadim Makhorov alias On the
Roofs. Der Name ist die Message: Die
zwei fotografieren sich am liebsten am
Rand des (Wolkenkratzer-)Abgrunds.
Aus Winkeln, bei denen Betrachtern der
Magen flau wird. Was das Duo professionell betreibt, führt unter waghalsigen
Selfie-Laien zu mehr und mehr Unfällen,
vor allem in Russland. Sie fallen von
Brücken und fahrenden Zügen, erschießen sich versehentlich bei Pistolen-Posen.
Im Disneyland, vielen Museen und beim
Musikfestival Coachella sind die berüchtigten Selfie-Stangen als Gefahrenquelle
bereits verbannt. Und noch zwei
WEBTIPPS:
DIE SEITE VON ESSENA O’NEILL:
LETSBEGAMECHANGERS.COM
UND INSTAGRAM.COM/
ESSENAONEIL
(DERZEIT „PRIVAT“)
SIND SIE EIN NARZISST? DIE ANTWORT –
NACH 40 MULTIPLE-CHOICE-FRAGEN AUF
PSYCHCENTRAL.COM/QUIZZES/
NARCISSISTIC.HTM
DAS PROJEKT SELFIECITY LIEFERT
SPANNENDE DATEN ZU SELFIES
AUS BERLIN, BANGKOK, SÃO PAULO,
MOSKAU UND NEW YORK:
SELFIECITY.NET
BUCHTIPPS:
„I HATE MYSELFIE“ VON YOUTUBESTAR SHANE DAWSON
Marina Abramović: Art must be Beautiful, Artist must
be Beautiful, 1975, ZKM | Zentrum fur Kunst und
Medientechnologie © VG Bild-Kunst, Bonn 2015,
© Bildrecht, Wien, 2015
Nicht fehlen darf Marina Abramović,
die in ihrem Video mit einer Haarbürste
kämpft (oben). Vermissen wird man in
der Ausstellung Selbstinszenierungskönigin Cindy Sherman (unten)
Cindy Sherman: Untitled 315, 1995 © Courtesy
of the artist and Metro Pictures New York
Arvida Byström: Instagram Sculptures © Arvida Byström
Die beiden russischen Guerilla-Selfiestars
von On The Roofs gehen buchstäblich durch
die Decke und fotografieren sich vorzugsweise am Rande des Abgrunds (unten)
OnTheRoofs: Hong Kong © Vitaliy Raskalov & Vadim Makhorov
alias OnTheRoofs
„WEIBLICHER NARZISSMUS:
DER HUNGER NACH
ANERKENNUNG“
VON DR. BÄRBEL WARDETZKI
„ALONE TOGETHER: WHY WE
EXPECT MORE FROM TECHNOLOGY
AND LESS FROM EACH OTHER“
von Sherry Turkle
AUSSTELLUNGEN:
„ICH BIN HIER! VON REMBRANDT
ZUM SELFIE“,
KUNSTHALLE KARLSRUHE,
BIS 31. 1. 2016
KUNSTHALLE-KARLSRUHE.DE/DE/
AUSSTELLUNGEN/ICH-BIN-HIER.HTML
UND WWW.I-AM-HERE.EU
„EGO-UPDATE: DIE ZUKUNFT DER
DIGITALEN IDENTITÄT“,
NRW-FORUM DÜSSELDORF,
NOCH BIS 17. 1. 2016
WWW.NRW-FORUM.DE/
AUSSTELLUNGEN/EGO-UPDATE
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Zahlen beweisen, dass wir über Selfies
reden und sie nicht nur künstlerisch entschlüsseln müssen: 20 Prozent der Briten
haben bereits am Steuer Selfies geknipst,
47 Prozent finden Selfies während (!)
der Geburt okay. Sie presst, er grinst.
Daumen hoch, Herzchen, geteilt.
Die derzeit heiß diskutierte Frage zum
Selfie-Phänomen aber ist: Werden wir
durch die Millionen von Bildern zum
Thema „Me, Myself & I“ zu Narzissten?
„Narzissmus ist zunächst ein Persönlichkeitsmerkmal, das viele Menschen
in unterschiedlich starker Ausprägung
besitzen. Ihnen fehlt, einfach ausgedrückt, die Fähigkeit zum Mitgefühl“,
erläutert Dr. Stefan Röpke, Leiter des
Bereichs Persönlichkeitsstörungen an
der Berliner Charité. Auch physisch,
das legen erste Studien von Röpke und
seinem Team nahe, könnten sich Narzissten von anderen unterscheiden: Eine
Region der Großhirnrinde, zuständig für
Empathie, erscheint in Kernspinaufnahmen bei ihnen „dünner“, also weniger
empfänglich für Signale. Die Münchner
Psychologin und Buchautorin Dr. Bärbel
Wardetzki beschreibt Narzissten so: „Sie
sind meist intelligent, witzig, können
sich bestens verkaufen. Eigentlich jedoch plagt sie hinter dieser Fassade ein
mangelndes Selbstwertgefühl und eine
zu schwach ausgeprägte Identität. Zur
Kompensation flüchten sie sich in eine
Art Größenwahn.“ Familie, Freunde und
FOTOS Kunsthalle Karlsruhe, NRW-Forum Düsseldorf, me Collectors Room Berlin / Stiftung Olbricht (Die Ausstellung „Cindy Sherman – Works from the Olbricht Collection“ ist noch bis 10. 04. 2016 zu sehen),
Amazon (Die Dokumentation „Marina Abramović: The Artist Is Present“ ist bei Amazon.de erhältlich.)
FLAIR // DOSSIER
Selfie von Karolína Kurková für die Serie
„Autoportraits“ des Fotografen Jonas Unger –
fünf Jahre vor dem großen Boom
sollte uns aber ein eventueller Anstieg
von narzisstischen Tendenzen nicht
überraschen“, fügt Stefan Röpke von der
Charité hinzu.
ESCAPE FROM
SELFIE-NATION
EGO UPDATE Unger Jonas Karolína Kurková
2010 – heute Copyright Jonas Unger
Unten: In ihrer Online-Ausstellung „Excellences
& Perfections“ (2014) spielte Medienkünstlerin
Amalia Ulman mit fiktiven Selbstinszenierungen
MC Fitti Selfiegott ©WeOwnYou
Talk about self promotion: MC Fitti
aus Bronze in Berlin (oben).
Auch kein großer Unterschied
zu heutigen Selfies ist Vincenzo
Campis Selbstporträt mit Freunden
beim Essen (unten)
Amalia Ulman: Excellences and Perfections (2014) © Amalia Ulman
Vincenzo Campi: Die Ricotta-Esser, 1580
© Lyon MBA – Foto Alain Basset
Kollegen würden dabei zu bloßen Werkzeugen, zu Komparsen ihrer Ego-Show,
denn Narzissten seien vor allem eines:
beziehungsunfähig. Das Selfie, bestätigen beide Experten, ist für Narzissten
das perfekte Mittel, um ihr sorgfältig
inszeniertes Ich mit der Welt zu teilen:
auf der schnellsten Jacht, im teuersten
Hotel, im aufreizendsten Kleid, auf dem
höchsten Gipfel. Solche Höhepunkte
nur zu erleben, reicht ihnen nicht, erst
durch den Applaus eines Publikums wird
das Erreichte für sie wahr, fühlen sie sich
für kurze Augenblicke wertvoll. „Verlieren diese Menschen nun aber den tollen
Job, werden sie älter und sind nicht
mehr schön und schlank oder verlieren
sie den Traumpartner, dann wackelt
der Sockel ihrer Psyche ganz gewaltig“,
warnt Bärbel Wardetzki. Ein höllischer
Druck, der oft zu Begleiterkrankungen
wie Essstörungen, Süchten und Burn-out
führe, sagt Stefan Röpke. Nicht jedes
mit Freunden geteilte Selbstbildchen ist
jedoch gleich ein Narzissmus-Symptom,
stellt Bärbel Wardetzki klar. Erst wenn
es „ohne“ beklatschte Posen nicht mehr
geht, sei eine Grenze überschritten. Die
Frage, ob Selfies und Social Media einen
Narzissmus auslösen, ähnelt somit der
Frage, ob Drogen zur Sucht führen. Die
Anlage und Lebensumstände muss ein
Mensch mitbringen, dann aber sind,
plakativ ausgedrückt, Selfies wie Crack.
„In einer Gesellschaft, die uns als Ziel
verkauft: ‚Mach das Maximum aus dir‘,
Befürworter sehen im Selfie dagegen ein
subversives Werkzeug der feministischen
Bewegung. Dann etwa, wenn Mädchen
und Frauen mit sogenannten „uglies“
von sich gegen den Schönheits-Main­
stream rebellieren. Und der Schauspieler
und erklärte Selfie-Fan James Franco
argumentierte in der New York Times
sogar, Selfies seien aufschlussreicher als
Fotojournalismus. Eine gewagte These,
nach der die Welt tierisch gut drauf sein
müsste. Das zumindest legen die meisten
Selfies nahe, von denen ungefähr 50 Prozent bearbeitet, also aufgehübscht sind.
Dass wir dank digitaler Schnappschüsse
mehr über einander erfahren, bezweifeln
Wissenschaftler. Darunter die renommierte Soziologin Sherry Turkle vom
Massachusetts Institute of Technology
in ihrem neuen Buch „Alone Together“.
Wir würden bloß das Best-of kennen,
seien lediglich besorgt, „wie wir in den
Augen der anderen wirken. Und wie das
Lebensarchiv einmal aussehen wird“.
Wer nun an sich narzisstische Züge beobachtet oder aus dem Selfie-Hamsterrad aussteigen will, dem rät Bärbel Wardetzki statt radikalem Verteufeln lieber
zur behutsamen Abstinenz. „Eine Woche nichts posten oder konsumieren und
spüren, was in einem passiert. Fragen Sie
sich, wie es um Ihre echten Beziehungen
steht, nicht die virtuellen. Und auch, ob
Sie noch nach ihren Wünschen handeln
oder automatisch Dinge tun, die sie von
ihrem Wesenskern wegführen.“
Genau das erkannte kürzlich das erfolgreiche australische Instagram-Model
Essena O’Neill, das von Mode- und
Kosmetikmarken bis zu 1.400 Dollar für
seine fröhlichen Selbstporträts bekam.
Bis Essena über Nacht fast alle löschte
oder mit erklärenden Texten versah.
Eine Scheinwelt habe sie ihren Fans
vorgelebt, erschaffen aus geliehener
Garderobe, professioneller Retusche
und bis zu 100 Versuchen für ein Foto.
Über ihre Selfie-Detoxkur sagte Essena
in Interviews: „Ich höre wieder mehr zu,
bin weniger gestresst und unter Druck.
Dafür kreativer und glücklicher. Ich
fühle wieder mehr!“