taz.die tageszeitung

Wie sich Fluchtrouten ändern – und warum
Berlin
Flüchtende müssen sich ständig neue Wege nach Europa suchen.
Wie das mit politischen Entscheidungen zusammenhängt Seite 8, 9
AUSGABE BERLIN | NR. 10989 | 14. WOCHE | 38. JAHRGANG
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Wächst hier ein neuer NSU?
STEU EROASEN
Wege aus
Panama
ANSCHLÄGE Sächsische Ermittler wollen in Freital keine Terrorgruppe erkennen. Dann greift die
Wie Staaten Steuerflucht
bekämpfen wollen und
warum legale Steuervermeidung das eigentliche
Problem ist SEITE 5, 6, 11
Bundesanwaltschaft ein. Eine Recherche über Lehren aus der NSU-Affäre Gesellschaft SEITE 17–20
taz.thema
5 SEITEN ANTHROPOSOPHIE
Foto: snapshot
N ICHT DO CH
Wir wissen nicht, wie die Deutsche Bahn
– deren Chef Rüdiger Grube verrätselt zur
Neuen Osnabrücker Zeitung sprach – das
letzte wirklich große Problem in der Geschichte des Schienenverkehrs lösen will.
Aus offenen Eilzugtoiletten in die Umgebung wirbelnde Fäkalien? Gelöst! Alte
Züge verschrottet. Langes Winken bei der
Abreise? Weg, weil: Fenster kann man nicht
mehr öffnen. Bald, sagte Grube nun, soll
es auch die verstörende Ansage „Der Zug
verkehrt in umgekehrter Wagenreihung“
nicht mehr geben. Aber wie? Bahnsteig
drehen, Zug umheben?
DER STÄ R KSTE SATZ
„Ich bin nicht
im Iran
aufgewachsen,
sondern in
meinem
Zimmer“
PAYAM FEILI, schwuler iranischer Schriftsteller, der in Israel Asyl beantragt hat SEITE 22
Weitere Texte dieser Ausgabe:
PHILIPP GESSLER über die „Freude der Liebe“ von Papst Benedikt und MALTE KREUTZFELDT über Energiespeicher im Keller
taz.berlin
Rassistische Demonstranten in Heidenau, 20 Kilometer von Freital, 22. August 2015 Foto: Florian Boillot
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PROTEST Nach der
Räumung vor zwei
Jahren: Was bleibt vom
Oranienplatz? SEITE 41, 44, 45
02
TAZ.AM WOCH EN EN DE
Kompass
SON NABEN D/SON NTAG, 9./10. APRI L 2016
Aus dem Inhalt
Politik
Panama Steueroasen sollen bald der Vergangenheit angehören. Wie das
funktionieren kann Seite 5
Vatikan Was tut sich in
der katholischen Kirche in
Sachen Homosexualität?
Seite 7
Essay
Wegweiser Was die
Fluchtrouten nach Europa
mit konkreten politischen
Entscheidungen zu tun
haben Seite 8, 9
Argumente
Flüchtlinge Warum man
auf den Türkei-Deal nicht
mit Zynismus reagieren
sollte Seite 10
Kultur
Zeitgeschichte Ein Journalist enthüllt die Zusammenarbeit der Schweiz
mit der PLO Seite 12, 13
Buch Warum die ScifiAutorin Alice B. Sheldon
zeitlebens unter einem
männlichen Pseudonym
schrieb Seite 14
Für die Göttinnen
brennen
Früh am Morgen am Ufer des Ganges, nahe der Stadt Allahabad. Das Navaratri-Fest hat begonnen, eines
der wichtigsten der Hindus. Übersetzt heißt es „neun Nächte“, so lange dauert es auch, neun Nächte und
neun Tage. Tage voller Spiritualität. Je drei gewidmet der Göttin der Energie, der Göttin des Reichtums
und der Göttin des Wissens.
Foto: Rajesh Kumar Singh/ ap
Gesellschaft
Seite 21
Porträt Der iranische
Schriftsteller Payam Feili
schreibt im Exil über Homosexuelle und
Depressionen Seite 22
Sachkunde
Sonnig Die Energiewende hängt am Speicher.
Wie man sich den jetzt
auch in den Keller stellen
kann Seite 23–25
Medien
Grenzerfahrung Warum
die Medienkontrolle
in Polen nun auch
öffentlich-rechtliche
Anstalten in Deutschland
beschäftigt Seite 32
Reise
Erbe In Armeniens
Hauptstadt befindet sich
die älteste Weinkellerei
der Welt Seite 34
Leibesübungen
Glossar Die Jobmaschinerie der Fußballindustrie
Seite 38
LESERBRIEFE SEITE 37
TV-PROGRAMM SEITE 34
DIE WAHRHEIT SEITE 40
LEKTIONEN
5 Dinge, die wir
diese Woche
gelernt haben
1. Journalisten können global
ein Thema setzen
Seit Anfang der Woche spricht
die Welt über die Panama Pa­
pers. Die mehr als 11 Millionen
Dateien aus dem mittelamerika­
nischen Steuerschlupfloch (die
es übrigens gar nicht auf Pa­
pier gibt), hat die Süddeutsche
Zeitung zugespielt bekommen.
Aber nur, weil sie den Offshore­
schatz mit vielen anderen Me­
dien teilte, kommt nun weltweit
niemand an dem Thema vorbei.
Erstaunlich ist, dass es aus den
Reihen der 400 beteiligten Jour­
nalisten aus mehr als 70 Län­
dern kein vorzeitiges Leak gab.
A
ls wir klein waren, war
das Allermeiste sonnen­
klar. Wenn ein Grüner
zum Bundestagspräsi­
denten „mit Verlaub, Herr Prä­
sident, Sie sind ein Arschloch“
krächzte, dann war das die an­
gemessene Sprache der Dissi­
denz und der Ausdruck einer
konfrontativen Haltung gegen­
über dem Establishment. Damit
brach etwas auf.
Over.
Selbst falls man demnächst
ein starkes Gefühl verspüren
sollte, den Satz bei President
Trump wieder anzuwenden: Was
soll das bringen, außer sich kurz
Luft verschafft zu haben?
Nun werden die einen weiter
darauf beharren, dass man ka­
putt machen müsse, was uns ka­
putt macht. Ich gehöre zu denen,
die inzwischen überzeugt sind,
dass man nicht das kaputt ma­
chen darf, was wir in den letz­
ten 50 Jahren an bewahrenswer­
ten Errungenschaften geschafft
oder bekommen haben. Dass
deshalb nicht das kaputtgehen
darf, was uns in der Mitte zu­
2. Kuckuckskinder sind
sehr selten
Wie viele fremde Eier werden
den Familien ins Nest gelegt?
Immer wieder werden ziem­
lich hohe Quoten für die „Ku­
ckuckskinder“ genannt: 10 Pro­
zent. Mindestens. Belgische
Forscher zeigen nun: Diese po­
pulären Zahlen sind grotesk
übertrieben. Sie gehen davon
aus, dass vielleicht 1 bis 2 Pro­
zent der Kinder einen anderen
Vater haben als den offiziellen.
Denn mancher Forscher hat zu­
vor einfach im Vaterschaftsla­
bor nachgefragt, und dort las­
sen sich ja nur jene testen, die
einen Verdacht haben.
3. Recht dauert lange
Vor knapp sechs Jahren starben
auf der Loveparade in Duisburg
21 Menschen, Hunderte wur­
den verletzt. Es war von einem
Mammutprozess die Rede, der
wegen der vielen Verfahrensbe­
teiligten und des großen Inte­
res­ses nicht in einem Gerichts­
saal, sondern in einer externen
Halle stattfinden werde. Da­raus
wird nun nichts. Das Landge­
richt Düsseldorf will nicht ge­
gen zehn Mitarbeiter der Stadt
und der Veranstaltungsfirma
verhandeln. Die Richter halten
vor allem ein zentrales Gutach­
ten für fehlerhaft und den Gut­
achter für befangen. Die Staats­
anwaltschaft hat Beschwerde
eingelegt. Nun widmet sich das
Oberlandesgericht den Akten.
Die Prüfung werde wohl meh­
rere Monate dauern, hieß es.
4. Venezolaner bekommen
strommangelfrei
Das lange Wochenende wird von
ganz oben verordnet: In Vene­
zuela bleiben im April und Mai
alle staatlichen Einrichtungen
freitags geschlossen, kündigte
Präsident Nicolas Maduro in ei­
ner Fernsehansprache an. Der
Grund: Der Klimawandel und
„El Niño“ (Maduro) oder Miss­
wirtschaft (Opposition). Oder
beides. Die Staatsbediensteten
können sich dann zu Hause ei­
nen gemütlichen Tag vor dem
Fernseher machen. Falls der
Strom nicht gerade abgestellt ist.
5. Bei Daimler geht es um
die Wurst
Genau 12.500 schwäbische Sai­
tenwürschtle hat Daimler sei­
nen Aktionären bei der Haupt­
versammlung
aufgetischt.
Jedem der rund 5.500 anwe­
senden Anteilseigner standen
im Schnitt 2,27 Stück zu. Offen­
bar nicht genug: Ein Mann soll
mehrere Würste zum Mitneh­
men eingepackt haben. Eine Ak­
tionärin, der das auffiel, interve­
nierte. Am Ende musste die Po­
lizei den Streit schlichten. Was
Vegetarier auf der Versamm­
lung zu essen bekamen, ist nicht
bekannt. SEBASTIAN ERB
Das Zitat
„Ich fühle mich
erschüttert in allem,
an das ich je
­geglaubt habe“
Foto: dpa
Titel Was haben Polizei
und Justiz in Deutschland
aus der NSU-Affäre gelernt? Wenig, so scheint
es im sächsischen Freital.
Verübt eine selbst ernannte Bürgerwehr dort
rechtsextreme Terroranschläge? Seite 17–20
Hausbesuch Ein Ehepaar
widmete sein Leben der
Komplementärmedizin
GEGEN DEN ZDF-SATIRIKER JAN BÖHMERMANN WIRD WEGEN EINES SCHMÄH­
GEDICHTS ÜBER ERDOĞAN ERMITTELT
DI E EI N E FRAGE
Mit Verlaub, Sie sind kein Arschloch
WAS DEN WAH LERFOLG DER KRETSCHMAN N-GRÜN EN AUSMACHT: SI E SI N D
POST-REALO-FUN DIS. UN D SI E SPRECH EN AN DERS ALS CLASSIC-GRÜN E
sammenhält. Das ist eine radikal
veränderte Aufgaben­stellung.
Zu viel von dem, was nach
Ministerpräsident
Kretsch­
manns historischem Wahlsieg
gesagt wurde, geht von einem
überholten Denken aus – Realo
oder Fundi. Kretschmann und
seine Baden-Württemberger
sind eben nicht auf einem der
beiden alten Grünen Wege un­
terwegs. Das sind keine „Realos“,
die die „Fundis“ in Schach hal­
ten. Die Kretschmann-Grünen
sind Post-Realo-Fundis. Sie sind
Orientierungspartei der Gesell­
schaft. 30,3 Prozent kriegt man
nur, wenn die aristotelische Ka­
tharsis hinter einem liegt. Wie
auch bei anderen erfolgreich
regierenden Landesverbänden
(etwa Hessen und SchleswigHolstein) wird Staat, Gesell­
schaft, Wirtschaft und „wir“ zu­
sammengedacht.
PETER UNFRIED
IST TAZ-CHEFREPORTER
Im Bund indes muss man
den Sprung hinter die Lager
noch machen. Dieser Sprung
besteht im Kern darin, Kretsch­
manns Definition von Grün
positiv nachzuvollziehen. Er ist
nicht der Avantgardist, der die
Mitte vom Rand aus piekst. Er
ist der „Pater Patriae“, der Va­
ter des Vaterlandes, der mit sei­
nem progressiven Errungen­
schaftskonservatismus
und
dem Alleinstellungsmerkmal
der sozialökologischen Trans­
formation eine neue Mehrheit
in der Mitte gebildet hat. Eine
völlig unterschätzte Vorausset­
zung dieses Erfolg ist die Art des
Sprechens.
Heute sammelt sich das AntiEstablishment in unserer EU bei
Rechts- oder bei Linkspopulis­
ten und in Deutschland bei der
AfD. Da sind Leute dabei, deren
Wut mit einer kulturellen Ver­
wahrlosung einhergeht und die
sich entsprechend artikulieren.
In so einer Lage ist das öffent­
liche Krachwumms-Sprechen
der frühen grünen Jahre keine
aufrechte Haltung, sondern ge­
nauso kontraproduktiv wie der
spaltende Moralstinkefinger.
Was es brauche und was
Kretschmann habe, sagt der So­
ziologe Heinz Bude, sei „repara­
tives“ Sprechen. Er spaltet nicht,
er fügt Teile der auseinander­
strebenden Gesellschaft neu zu­
sammen. Er verkörpere die „Idee
kollektiver Handlungsfähigkeit“
im Spätkapitalismus. Das ist si­
cher nicht im Sinne Sahra Wa­
genknechts, aber genau darum
geht es. Die dialogische Hin­
wendung gilt selbstverständlich
nicht für notorische Rassisten,
aber sie reicht bis zu gekränkten
Kleinbürgern, die sich jetzt ge­
gen Demokratie, EU und Gesell­
schaft wenden und dabei asozial
und antikapitalistisch sind.
Man muss mit allen reden
und mit vielen möglichst gute
Kompromisse machen können.
Das gilt speziell für etwaige
Grüne in einer künftigen Bun­
desregierung. Ein grüner Au­
ßenminister muss mit SaudiArabien, Assad oder dem Teufel
so sprechen, dass etwas Positi­
ves herauskommen kann. Er
sollte nicht wie Anton Hofrei­
ter bereits die Manieren verlie­
ren, wenn er es mit dem grünen
Oberbürgermeister von Tübin­
gen zu tun hat.
Die Drei
INTERVIEW STEFAN REINECKE
taz.am wochenende: Herr Ha­
beck, langweilen Sie sich in
Kiel?
Robert Habeck: Kein Stück. Ich
bin als Minister verantwortlich
für Energiewende, Umweltschutz und Landwirtschaft.
Aber gerade diese Themen zeigen: Vieles wird im Bund entschieden, deshalb müssen die
Grünen auch dort Einfluss haben. Das ist der Ansporn, warum
ich Spitzenkandidat der Grünen
werden will.
Fürchten Sie sich nicht vor dem
Haifischbecken in Berlin?
Als ich vor zwölf Jahren Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein wurde, haben mich viele
gefragt, ob ich keine Angst habe,
in die Politik zu gehen. Als ich in
den Landtag kam, sagten manche: Da musst du dich warm anziehen, da bekommst du es mit
Ralf Stegner und Wolfgang Kubicki zu tun. Als ich Minister
wurde, fragten sie, ob ich nicht
Angst vor den vielen Entscheidungen habe. Nein, ich hab
keine Angst.
Sie sind seit vier Jahren Minis­
ter. Hat Sie das verändert?
Ich bin idealistischer geworden.
Ach. Warum?
Hat mich auch überrascht. Ich
hab gedacht, dass ich mich als
Minister aufreibe: Lauter Kompromisse, nie macht man es allen recht. Aber in der Flüchtlingsfrage, beim Stromnetzausbau, bei der Agrarwende gibt es
enorm viel Gemeinsinn. Menschen handeln im Konkreten oft
nicht nur im Eigeninteresse. Das
beflügelt, finde ich.
Was haben Sie noch im Amt ge­
lernt?
Ich kann mich nicht wegducken. Meine Entscheidungen
verändern das Leben von Menschen. Im besseren Fall stinkt es
weniger nach Gülle. Oder aber
jemand bekommt eine Strom­
trasse vor die Tür gesetzt. Wenn
ich im Büro den Knickerlass unterschreibe, stehe ich zwei Tage
später mit Landwirten auf dem
Feld, die fragen: Wie soll ich jetzt
mit meinem Trecker wenden?
Knickerlass?
Knicke sind Wallhecken und ein
wichtiges Biotop in SchleswigHolstein für Insekten und Vögel. Ich habe dafür gesorgt, dass
sie breiter wachsen dürfen – und
besser geschützt sind. Das mag,
von Berlin aus gesehen, niedlich
klingen. Aber das war mein erster harter Konflikt mit den Landwirten. Denen geht damit Ackerfläche verloren.
Wenn Ihnen das Kleinteilige so
viel wert ist, warum wollen Sie
in den Bundestag? Wollen Sie
Minister werden?
Mit „kleinteilig“ tun Sie das ab.
Wir waren im Bund lange genug in der Opposition. Wir sollten regieren wollen – nicht zum
Selbstzweck, sondern um zu gestalten.
Müssen die Grünen sich 2017
bürgerlicher präsentieren?
Ich kann mit Kategorien wie
bürgerlich oder links zunehmend weniger anfangen. Wer
hat denn applaudiert, als Merkel im letzten Herbst die Grenze
öffnete? Das war die 75-jährige
gestandene Bürgerin – und der
Autonome mit Dreadlocks. Es
gibt ein Verlangen in der Gesellschaft danach, dass sich Engagement lohnt. Wenn die Grünen das aufnehmen, werden wir
Erfolg haben.
2013 sind die Grünen mit ih­
rem Steuerwahlkampf auf die
Nase gefallen. Kann es sein,
dass grüne Klientel die Illu­
sion liebt, dass sie selbstlos
mehr Steuern zahlen würde –
aber nur, solange es nicht kon­
kret wird?
Das sehe ich anders. Die grünen Wähler wollen ihren Beitrag leisten – aber wir haben uns
2013 in Widersprüchen verhed-
SON NABEN D/ SON NTAG, 9. / 10. APRI L 2016
TAZ.AM WOCH EN EN DE
Robert Habeck, derzeit in Schleswig-Holstein
Vizeministerpräsident, will Spitzenkandidat der
Grünen im Bund werden. Wird er nicht gewählt,
ist er danach vielleicht kein Politiker mehr
KANDIDAT
„Ich habe
keine Angst“
Kann mit Kategorien wie links oder bürgerlich wenig anfangen: der Grünen-Politiker Robert Habeck
Foto: Hans Christian Plambeck/laif
dert. Wir haben gefordert, dass
Leute ab 60.000 oder 70.000
Euro Jahreseinkommen als Reiche bezeichnet wurden und
mehr Steuern zahlen sollten
– während Milliardäre wie die
Quandts steuerfrei ihren Reichtum vererben. Und wir haben
das mit dem Bedarf nach höheren Staatseinnahmen begründet, während die Steuern sprudelten. Das haben die Leute
nicht verstanden.
Wenn Sie Spitzenkandidat
werden, dann lassen die Grü­
nen also die Finger von Steuer­
erhöhungen?
Wachsende Ungleichheit zu
verhindern ist für sich ein politisches Ziel. Großer Reichtum
muss höher besteuert werden.
Die Panama Papers zeigen das
doch. Konzerne wie Amazon
und Ikea machen sich europaweit legal einen schlanken Fuß.
Das müssen wir ändern. Ökologisch schädliche Subventionen
sollten abgebaut und Kapital­
erträge nicht mehr pauschal
mit nur 25 Prozent besteuert
werden. Arbeit höher als Kapital
zu besteuern war immer falsch.
Über die Erbschaftsabgabe verhandelt Monika ­
Heinold, die
grüne Finanzministerin in
Schleswig-Holstein, gerade im
Bundesrat.
Aber bei der Erbschaftsteuer
hat das grün-rot regierte Ba­
den-Württemberg die Pläne
von
CDU-Finanzminister
Schäuble ausgebremst. Der
wollte, dass Unternehmen ab
20 Millionen Euro Erbschaft­
Robert Habeck
■■Der Politiker: Der 46-Jährige
ist seit vier Jahren Vizeministerpräsident in Kiel und Minister für
Energiewende, Landwirtschaft,
Umwelt. 2004 wurde er grüner
Landeschef in Schleswig-Holstein,
2009 Fraktionschef der Grünen
im Landtag.
■■Der Schriftsteller: Er hat zusammen mit seiner Frau Andrea
Paluch englische Lyrik übersetzt,
zudem Kinderbücher und mehrere Romane verfasst.
steuer zahlen müssen. BadenWürttemberg fand, das sei eine
zu große Belastung für Unter­
nehmen. Was wollen die Grü­
nen denn jetzt?
Schleswig-Holstein hat damals
den Schäuble-Vorschlag unterstützt. Davon wären nur zwei
Prozent der Betriebe betroffen
gewesen. Ich glaube, die rotgrüne Seite hat sich damals taktisch ins Knie geschossen. Man
wollte einfach keinem CDUMann recht geben. Das ist so
ein blödes Ritual.
Die Bundesrepublik ist un­
gleicher als die meisten OECDStaaten. Die Hälfte der Bevölke­
rung hat kein Vermögen, wer
arm ist, bleibt arm. Ihre Steuer­
vorschläge sind viel zu zaghaft,
um daran etwas zu ändern.
03
Das stimmt. Ein System, das
ständig Ungleichheit produziert, kann man allein mit Steuern nicht korrigieren. Bessere
Schulen, bessere Kitas, höhere
Reallöhne sind für eine gerechte
Gesellschaft wichtiger, als nachträglich mit Steuern und Sozialtransfers die Unwucht auszutarieren.
Auch Fraktionschef Toni Hof­
reiter und wohl ebenso der Par­
teivorsitzende Cem Özdemir
wollen 2017 Spitzenkandidat
werden. Was können Sie bes­
ser als die beiden?
Cem kennt den Berliner Polit­
betrieb und die Partei aus dem
Effeff, Toni ist ein kerniger Fraktionsvorsitzender. Die beiden
sind bekannter als ich und bespielen die Berliner Bühne. Ich
weiß aber, wie man in Konflikten Mehrheiten schafft und Politik konkret umsetzt. Ein linker
Fraktionsvorsitzender, ein Realo
als Bundesvorsitzender und ich
mit meiner Knick- und Strom­
trassenerfahrung – das ist doch
ein spannendes Angebot für die
Grünen.
Werden Sie gewinnen?
In der Poleposition sind die anderen.
Sie wollen, falls Sie nicht Spit­
zenkandidat werden, auch
nicht mehr für den Landtag
kandidieren. Warum?
Es wäre unfair und eigennützig,
wenn ich die Grünen in Schleswig-Holstein als Versicherung
benutze. Der Landesverband
braucht Klarheit, um planen zu
können. Außerdem verliere ich
meine Kraft.
Inwiefern?
Ich habe als Minister gelernt,
dass ich erfolgreicher bin, wenn
ich nicht taktiere. Wenn ich bei
Konflikten mit Bauern oder Naturschützern Angst hatte, Wählermilieus zu verschrecken oder
parteiintern anzuecken, habe
ich meine Kraft verloren. Wenn
ich gesagt hab, was ich finde und
will, gab es meist gute Lösungen.
Herr Habeck, dann ist Ihre po­
litische Karriere zu Ende.
Vielleicht.
Schade, oder?
Na ja, der Sinn von Politik in der
Demokratie ist doch, dass jeder
Politiker werden kann. Und dass
man auch wieder kein Politiker
sein kann. Ich mache das ja gerade alles aus demokratischer
Leidenschaft. Die erlischt nicht,
wenn ich scheitere. Dann trete
ich nicht beleidigt aus der Partei
aus, sondern werde mich weiter
einbringen, Flyer verteilen oder
Kreisvorsitzender werden. Was
ich nicht will, ist, dass für mich
ein Stuhl warmgehalten wird.
Das ist eine heroische Geste.
Aber auch vernünftig?
Wenn vernünftig bedeutet, tue
bloß nichts, was du vielleicht
bereust, dann ist es unvernünftig. Aber es gibt die Freiheit, nur
nach vorne zu gucken. Die kann
man eben nicht ohne Risiko haben. Ich kann schlecht von einer
mutigeren Gesellschaft reden
und selbst ängstlich handeln.
Sie erhöhen mit der Ankündi­
gung, im Fall einer Niederlage
vielleicht ganz aus der Politik
auszusteigen, den Druck auf
die Partei, Sie zu wählen.
Die Grünen sind selbstbewusst.
Wenn sie sich erpresst fühlen,
wählen sie mich nicht. Ich hoffe
aber, dass meine Entscheidung
nicht als Druck aufgefasst wird,
sondern als Klarheit. Vielleicht
ist das taktisch falsch. Aber es
war auch taktisch falsch, schon
vor einem Jahr meine Kandidatur anzukündigen. Ich will nicht
alles nur taktisch abzirkeln,
auch darum dreht sich meine
Kandidatur.
Sie sind Vizeministerpräsident
in Kiel. Und grüne Nachwuchs­
hoffnung. Warum werfen Sie
das weg?
Vielleicht gewinne ich ja. Wolfsburg hat auch Real Madrid geschlagen.