taz.die tageszeitung

Das deutsche EM-Team: Poldi und ...
... wer die offizielle DFB-Stimmungskanone diesmal begleiten darf ▶ Seite 2, 19
AUSGABE BERLIN | NR. 11020 | 20. WOCHE | 38. JAHRGANG
MITTWOCH, 18. MAI 2016 | WWW.TAZ.DE
€ 2,10 AUSLAND | € 1,60 DEUTSCHLAND
Hollande:
„Ich gebe
nicht nach“
H EUTE I N DER TAZ
Präsident will
Arbeitsrecht trotz
Protesten durchsetzen
FRANKREICH
Der Rinderwahnsinn
KERN Österreichs neuer
Kanzler: Sein „New
Deal“ und seine Haltung
zur FPÖ ▶ SEITE 2, 14
MILCH Die Preise sinken und
sinken. Die deutschen
ErzeugerInnen bekommen
kaum noch 20 Cent pro Liter.
Davon kann niemand leben.
Was kann, was soll man tun?
▶ SEITE 3
FACEBOOK Wie der
Konzern kurdische Symbole zensiert ▶ SEITE 13
KULTURKAMPF Stiere
und Bildung in Spanien
▶ SEITE 18
BERLIN In vier Monaten
ist Wahl. Und Wechselstimmung? ▶ SEITE 21
PARIS afp/taz | Gegen die ge-
plante Reform des Arbeitsrechts
haben in Frankreich erneut Tausende demonstriert – aber Präsident François Hollande hält
an seinem Kurs fest. „Ich gebe
nicht nach“, sagte er im Radio.
Die Reformen seien überfällig. In mehreren Regionen protestierten Lastwagenfahrer mit
Straßenblockaden, während in
Paris und anderen Städten Protestzüge stattfanden. In Nantes,
Rennes und Paris kam es zu Zusammenstößen von Gruppen
mit der Polizei. Innenminister
Bernard Cazeneuve verteidigte
das Demonstrationsverbot gegen einzelne Autonome und einen Fotografen.
▶ Ausland SEITE 11
▶ Meinung + Diskussion SEITE 12
Schwesig muss
für gleichen
Lohn kämpfen
Fotos oben: dpa, ap
JEBOTEN
Guten Tag,
meine Damen und Herren!
verboten ist auch nur einer von
80 Millionen Bundestrainern
und weiß nicht, wie Joachim
Löw zu seinen Entscheidungen
über die Aufstellung kommt.
Sie sind sicher weise (schließlich sind wir Weltmeister und
da war Podolski auch dabei),
aber manchmal unergründlich. Bis gestern. Seit der Nominierung des EM-Kaders ist die
­Motivforschung einen Schritt
weiter. Löw heißt Joachim –
und die drei Neuen im EM-Kader: Julian Brandt, Joshua Kimmich und Julian Weigl. Aha!
verboten will auch mal Europameister werden und benennt
sich deshalb ab sofort um in
jeboten.
Zum Leben zu wenig, zum Trinken zu viel: Das Überangebot sorgt für niedrige Milchpreise und arme Bauern Foto: Emmanuel Pierrot/Agence VU/laif
BERLIN taz | Familienministerin
Manuela Schwesig (SPD) will die
eklatante Lücke bei den Gehältern zwischen Frauen und Männern schließen, stößt aber weiter auf Widerstand. Den Koalitionspartnern CDU/CSU gehen
Schwesigs Vorschläge zu weit.
Die Union fordert die Ministerin
auf, Teile ihres Gesetzentwurfs
zurückzunehmen, den sie im
Dezember dem Kanzleramt vorgelegt hatte. Schwesig will unter anderem, dass U
­ nternehmen
mit mehr als 500 Beschäftigten
ihre Gehaltsdaten offenlegen.
Außerdem soll bei Stellenausschreibungen künftig das vorgesehene Mindestentgelt angegeben werden. Deutschland weist
laut Statistischem Bundesamt
eine Lohnlücke von 21 Prozent
auf und liegt im EU-Vergleich
weit hinten.
▶ Schwerpunkt SEITE 4
TAZ MUSS SEI N
Die tageszeitung wird ermöglicht
durch 15.854 GenossInnen, die
in die Pressevielfalt investieren.
Infos unter [email protected]
oder 030 | 25 90 22 13
Aboservice: 030 | 25 90 25 90
fax 030 | 25 90 26 80
[email protected]
Anzeigen: 030 | 25 90 22 38 | 90
fax 030 | 251 06 94
[email protected]
Kleinanzeigen: 030 | 25 90 22 22
tazShop: 030 | 25 90 21 38
Redaktion: 030 | 259 02-0
fax 030 | 251 51 30, [email protected]
taz.die tageszeitung
Postfach 610229, 10923 Berlin
taz im Internet: www.taz.de
twitter.com/tazgezwitscher
facebook.com/taz.kommune
30620
4 190254 801600
KOMMENTAR VON GEREON ASMUTH ÜBER ZU NIEDRIGE LÖHNE FÜR FRAUEN
F
rauen verdienen weniger als Männer. Das heißt: Verdienen würden
sie den gleichen Lohn. Sie bekommen
nur weniger. Weil sie in gleicher Position
geringer bezahlt werden. Weil sie häufiger in Teilzeit arbeiten. Vor allem aber,
weil sie in schlechter entlohnten Berufen beschäftigt sind. Daran werden Initiativen für mehr Lohngerechtigkeit nichts
ändern, solange sie nur die Arbeitswelt
der Frauen ins Visier nehmen. Deutschland braucht eine Männerquote. Jetzt!
Bitte was?
Eine Männerquote?
Ja genau, eine Männerquote. Und zwar
nicht für Toppositionen. Da haben sich
die Geschlechtsgenossen schon viel zu
Männerquote, jetzt!
breitbeinig gemacht. Nein, es geht um
eine Männerquote für alle Berufe – insbesondere für die, die als Arbeitsfelder
für Frauen gelten: Krankenschwester,
Altenpflegerin,
Grundschullehrerin,
Kindergärtnerin, Putzfrau. Für die letzten beiden gibt es zwar euphemistische
Neubezeichnungen wie Erzieherin oder
Raumpflegerin, doch eins ist geblieben:
die extrem miese Bezahlung. Jedenfalls
im Vergleich zu Männerberufen wie Automechaniker, Gymnasiallehrer, Installateur oder Hausmeister, die angeblich
viel wichtiger sind und deshalb besser
bezahlt werden.
Genau hier hätte die Männerquote
den größten Effekt. Sie würde nicht nur
das Ansehen der bisher als unmännlich
geltenden Berufe heben, sondern vor allem deren Gehaltsniveau. Denn Männer
sind ja nicht doof. Sie werden einen Teufel tun und einen „Frauenjob“ übernehmen, wenn die Kasse nicht stimmt.
Wenn aber Arbeitgebern vorgeschrieben wird, einen bestimmten Anteil aller
Positionen mit Männern zu besetzen,
bleibt ihnen nur eins übrig: Löhne rauf-
Die Quote würde die Gesellschaft radikaler ändern
als alle Aufsichtsrätinnen
setzen. Schließlich leben wir im Kapitalismus. Und da regelt bekanntlich der
Preis den Ausgleich zwischen Angebot
und Nachfrage.
Und wie hoch soll die Quote sein? Berufspragmatiker dürfen gern mit einer
30-Prozent-Forderung einsteigen. Für Radikalfeministen aber ist klar: 50 Prozent.
Darunter geht nichts. Die Frauenquote
für Aufsichtsräte galt schließlich auch
lange als Utopie – und wurde dennoch
vor einem Jahr beschlossen.
Sicher ist: Die Männerquote würde die
Gesellschaft radikaler verändern, als es
alle Aufsichtsrätinnen zusammen können. Denn von denen gibt es trotz Quote
gerade mal eine paar Hundert.
02
TAZ.DI E TAGESZEITU NG
PORTRAIT
NACH RICHTEN
Ganz viele
Ballkontakte
D
er SV Ostermünchen spielt
in gelb-schwarzen Leibchen – und Julian Weigl
trägt seit einem Jahr wieder
die Farben des Vereins aus seinem Heimatdorf. Man könnte
sagen: In einem gelben Hemd
und einer schwarzen Hose ist
der schmächtige Mittelfeldspieler groß herausgekommen.
In dieser Saison hat er, vor allem
in der Hinrunde, sehenswerte
Auftritte im Trikot von Borussia Dortmund hingelegt.
Demnächst
trägt
Weigl
Schwarz-Weiß. Er ist gestern
von Bundestrainer Joachim Löw
in den vorläufigen Kader für die
Europameisterschaft in Frankreich berufen worden. Als Neuling. In Frankreich könnte Weigl
noch wichtig werden für Löw,
denn Bastian Schweinsteiger
hat es am Knie und Ilkay Gün­
do­ğan, der gar nicht erst nominiert wurde, auch. Weigl kann
deren Rolle übernehmen.
Für Weigl haben die Dortmunder vor dieser Spielzeit 2,5
Millionen Euro Ablöse an den
Zweitligisten 1860 München
gezahlt, und beim alten Verein hieß es dann schnell, dieser Weigl wird bestimmt nur
ein Ergänzungsspieler, aber nie
und nimmer eine Stammkraft
im millionenschweren Ensemble des BVB.
Der Scout der Dortmunder,
Heiner Schumann, wusste es
von Anfang an besser: „Ich habe
damit gerechnet, dass er sofort
spielen wird.“ Und er spielte. Der
Scout wusste auch, dass Weigl
ein Spieler ist, den Trainer Thomas Tuchel mag: passsicher, immer anspielbar, gut im defensiven Zweikampf.
Die Statistiken belegen das.
Von Weigls Pässen kommen
90 Prozent an, im Schnitt ist er
über 100 Mal pro Spiel am Ball.
Meistens landet der Ball noch
öfter bei ihm: Neulich gelangen ihm im Spiel gegen den 1. FC
Köln 214 Ballkontakte, obwohl er
in der 83. Minute ausgewechselt
wurde – ein Bundesligarekord.
Weigl, 20, ist eine jüngere und
dynamischere Ausgabe von Sebastian Kehl, der viele Jahre
beim BVB ein Stratege und Meister des einfachen Passes war.
Auch Julian Weigl bevorzugt den
kurzen, flachen Pass mit wenig
Risiko. Er gibt damit die Richtung vor, sichtet die Räume. Allerdings spielt er noch zu selten
den „finalen“ Pass. In 50 Spielen hat er heuer nur eine Torvorlage hinbekommen – gegen
den Wolfsberger AC in der Europa-League-Qual. MARCUS BARK
DI E TAZ I M N ETZ
MI N DESTLÖH N ER
„Wir setzen auf
eine starke Polizei“
taz.de/twitter
Chefs verlangen
mehr Know-how
BERLIN | Mit einem Vorstoß für
taz.de/facebook
NÜRNBERG | Mit der Einführung
BAGDAD
GRÜN E
Schwere Anschläge auf Schiitenviertel
BAGDAD | Bei einer Serie von
Für den EM-Kader ausgewählt:
Julian Weigl Foto: dpa
Der Tag
M IT TWOCH, 18. MAI 2016
Anschlägen in der irakischen
Hauptstadt Bagdad sind am
Dienstag mehr als 60 Menschen
getötet worden. Mindestens
147 Personen seien bei Angriffen auf Märkte in den schiitisch
geprägten Stadtteilen al-Schaab
und Sadr City im Nordwesten
der Stadt verletzt worden, berichteten Krankenhausmitarbeiter und Augenzeugen.
Die Beobachter identifizierten eine Frau in al-Schaab als
Selbstmordattentäterin. Zudem
explodierte eine weitere Bombe
in dem Bezirk – insgesamt starben dort mindestens 45 Men-
schen, wenigstens 90 wurden
verletzt. In einer Botschaft im
Internet bekannte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS)
zu der Tat.
Wenig später explodierte eine
Autobombe auf einem Markt im
Nachbarstadtteil Sadr City. Dabei starben mindestens 18 Menschen. Bei zwei Bombenexplo­
sionen südlich von Bagdad
starben vier weitere Menschen.
Öffentliche Plätze in schiitischen Vierteln werden vom sunnitischen IS immer wieder angegriffen. Die Extremisten lehnen den schiitischen Islam als
falsche Glaubenslehre ab. (dpa)
deutlich mehr Bundespolizisten
forcieren die Grünen ihr Werben um die politische Mitte in
Deutschland. „Wir setzen auf
eine starke Polizei“, heißt es in einem Eckpunktepapier der Bundestagsfraktion zur inneren Sicherheit. Neben einer Stärkung
und Neuorganisation der Polizei
plädieren sie dafür, die Arbeit
der Nachrichtendienste wirksamer als bisher zu kontrol­lieren.
Für das Bundesamt für Verfassungsschutz streben die Bundestagsgrünen „eine echte Zäsur“ an. (dpa)
des Mindestlohns sind nicht nur
die Verdienste, sondern häufig
auch die Anforderungen an Beschäftigte im Niedriglohnsektor gestiegen. Das ergibt eine
Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
(IAB). Dafür hätten die Betroffenen aber bessere Aussichten
auf eine längerfristige Beschäftigung als früher, hieß es. Viele
Firmenchefs hofften offenbar,
mit qualifizierteren Mitarbeitern ihre mit dem Mindestlohn
gestiegenen Lohnkosten wieder
auffangen zu können. (dpa)
taz.de/vimeo
Folgen
Liken
Klicken
www.taz.de
New Deal fürs Alpenland
ÖSTERREICH I Exbahnmanager Christian Kern ist seit Dienstag neuer sozialdemokratischer Bundeskanzler in
Wien. In den Schlüsselfragen, die seine Partei an den Rand der Spaltung brachten, zeigt er sich pragmatisch
AUS WIEN RALF LEONHARD
Der neue Mann nimmt kein
Blatt vor den Mund. Der Sozialdemokrat Christian Kern stellt
sich seiner neuen Aufgabe, weil
er dieses „Schauspiel der Machtversessenheit und Zukunftsvergessenheit“ nicht mehr mit ansehen konnte.
Deutlicher kann man seinen
Vorgänger nicht kritisieren. Gemeint ist aber auch der Koalitionspartner, dem Kern einen
„New Deal für Österreich“ vorschlug. Man werde der Österreichischen Volkspartei einen
Plan vorschlagen, der das Land
bis 2025 wieder „auf die Überholspur“ bringen soll.
Der Vorstand der SPÖ hat
Christian Kern am Dienstagvormittag zum neuen Parteivorsitzenden bestimmt. Am
Nachmittag vereidigte ihn Bundespräsident Heinz Fischer als
neuen Bundeskanzler. Die einzige Gegenstimme im 70-köp-
Gegen „Macht­
versessenheit
und Zukunfts­
vergessenheit“
figen Parteivorstand kam von
Fiona Kaiser, der Vorsitzenden
der Sozialistischen Jugend, die
grundsätzlich gegen einen Manager an der Parteispitze ist.
Der 50-jährige Chef der Bundesbahnen (ÖBB) gilt gerade
wegen seiner Managerqualitäten als Mann der Stunde, der
die Sozialdemokraten aus ihrer
Krise holen soll.
In seiner ersten Pressekonferenz zeigte er sich darauf bedacht, die Stehsätze, mit den Politiker gerne ihre Ratlosigkeit kaschieren, zu vermeiden. Kern
spricht nicht von einem „Flüchtlingsproblem“, sondern von der
Asylfrage und macht damit anschaulich, was er verändern will.
Es gehe darum, „den Menschen
die Sorgen und Ängste zu nehmen“, nicht, sie zu verstärken.
Der Schwerpunkt müsse auf Integration liegen, europäische
Solidarität sei gefragt. Die umstrittene Obergrenze für Asylanträge stellt er aber nicht in Frage.
Ähnlich sein Zugang zur Gretchenfrage „Wie hältst du’s mit
der FPÖ?“. Statt Ausschluss jeder Koalition mit den rechtspopulistischen Freiheitlichen soll
ein Kriterienkatalog gelten. Rassismus und Hetzen gegen Menschen oder Minderheiten seien
Christian Kern, sozialdemokratischer Regierungschef in schweren Zeiten: „Grundsätze vor nacktem Machterhalt“ Foto: Heinz-Peter Bader/reuters
Auf der Zielgeraden in die Hofburg
ÖSTERREICH II
jedenfalls Ausschlussgründe.
„Am Ende werden Grundsätze
vor nacktem Machterhalt gehen müssen.“ Wem Kern bei
der Bundespräsidentenwahl
am Sonntag seine Stimme geben wird, wissen wir jetzt auch:
Alexander Van der Bellen.
Mit der Kabinettsumbildung
innerhalb des SPÖ-Teams hat
Kern Akzente gesetzt, die auf
eine Stärkung der eher links
positionierten Wiener Landesgruppe hinausläuft. So wird
Thomas Drozda, Generaldirektor der Vereinigten Bühnen
Wien, neuer Kanzleramts- und
Kulturminister. Seinen Stallgeruch holte er sich vor über
20 Jahren als Berater im Büro
des damaligen Bundeskanzlers
Franz Vranitzky.
Sonja
Hammerschmid
kommt neu ins Bildungsministerium. Sie war mit ihrer
Ernennung zur Rektorin der
­
Veterinärmedizinischen Universität im Jahre 2010 die erste
Frau an der Spitze einer Hochschule. Seit vergangenem Januar stand sie der Universitätenkonferenz vor, vertrat also
alle Hochschulen des Landes.
Die Quereinsteigerin hat auch
ein intaktes Arbeitsverhältnis zur ÖVP. Die Frauenagenden wandern zu Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser,
die ihr Amt behält.
Die größte Überraschung ist
die 37-jährige Muna Duzdar als
neue Staatssekretärin im Finanzministerium. Die Tochter
palästinensischer Einwanderer ist in Wien aufgewachsen
und spricht Arabisch so gut
wie Deutsch. Die Muslimin ist
nicht nur ein Signal an den linken Parteiflügel, sondern
auch an die Migrantengemeinde.
THEMA
DES
TAGES
Umfragen vor der Wahl zum Bundespräsidenten: Rechtspopulistischer Kandidat Hofer hat die Nase vorne
WIEN taz | Vier Tage vor der
Stichwahl um das Amt des österreichischen Bundespräsidenten ist das Rennen immer noch
offen. Die meisten Umfragen sehen leichte Vorteile für den Kandidaten der rechten Freiheitlichen Partei Österreichs, Norbert Hofer.
Bei der ersten Runde am
24. April lag Hofer mit 35 zu 21
Prozentpunkten vor Alexander
Van der Bellen, dem ehemaligen
Grünen-Chef.
Nach jüngsten Prognosen liegen beide Kandidaten Kopf an
Kopf bei jenen, die ihre Wahlent-
scheidung schon getroffen haben und am Sonntag sicher zu
den Urnen gehen. Bei den Unentschlossenen werden Vorteile
für Hofer gesehen. Bei den Anhängern der geschlagenen Kandidaten und der Unabhängigen
Irmgard Griss kommt Van der
Bellen deutlich besser an. Bei
den Unpolitischen kommt der
45-jährige Hofer als jugendlichdynamisch rüber.
Auf seinen Wahlplakaten
präsentiert sich der 72-jährige
Grüne Van der Bellen als freundlicher Opa, der die Natur und die
Berge liebt. Schließlich ist er im
Tiroler Kaunertal aufgewachsen.
Er kehrt aber auch den Staatsmann hervor, der in aller Welt
Ansehen genießt. Mit Hofer, so
warnt der Wirtschaftsprofessor,
würde Österreich international
isoliert. Hinter Van der Bellen
stehen Künstler, Intellektuelle,
die höher Gebildeten, zahlreiche Politiker von SPÖ und ÖVP.
Offizielle Wahlempfehlung
gibt es von den Regierungsparteien aber keine. Hofer hat kaum
prominente Fans. Deswegen inszeniert er sich als authentischer Vertreter des einfachen
Volkes. „Das RECHT geht vom
VOLK aus“, plakatiert er im Stil
der Boulevardzeitungen. Und:
„Nur ER ist kritisch gegenüber
der EU“. Immer wieder trommelt er seine Botschaften: Mit
mir gibt es weder das umstrittene transatlantische Freihandelsabkommen TTIP noch einen EU-Beitritt der Türkei. Kein
Land ist so TTIP-kritisch wie Österreich. Und Erdoğans autoritäre Türkei hat wenige Freunde.
Van der Bellen, der nach einem sehr zurückgenommenen
Start in den Wahlkampf nun offensiver auftritt, warnt vor einer autoritären Wende in Öster-
reich, falls Hofer in die Hofburg
einzieht. Der Wahlkampf tobt
nicht nur im Fernsehen und den
Tageszeitungen. Für die Generation Facebook werden ständig
Videoclips verschickt. Die Grünen fordern alle Van-der-BellenFans auf, in ihrer Umgebung für
den Professor zu werben.
Medialer Höhepunkt des
Wahlkampf wird die Debatte im
ORF am Donnerstag sein. Nach
dem wilden Schlagabtausch im
Privatsender ATV vergangenen
Sonntag ist das Interesse daran
auch im Ausland sprunghaft gestiegen.
RALF LEONHARD
Schwerpunkt
Milch
M IT TWOCH, 18. MAI 2016
TAZ.DI E TAGESZEITU NG
03
Kleine Höfe gehen wegen der niedrigen Milchpreise pleite.
Übrig bleiben die großen, die es dann umso härter trifft
Warum die Milch zum Ramschprodukt wird
LANDWIRTSCHAFT Zum Teil bekommen die Bauern nur noch 18 Cent für ein Kilogramm Milch. Das reicht nicht mal für das Futter der
Kühe. Vom Niedrigpreis profitiert der Handel mehr als die Verbraucher. Einen realistischen Preis zahlt man nur für Biomilch. Noch
Was kann die EU tun? Nicht viel.
Zwar könnte sie theoretisch die
Milchquote wieder einführen
oder den Markt anderweitig regulieren, um die Menge zu verringern. Doch marktliberale
Länder wie Deutschland sind
strikt dagegen. Deshalb bleibt
kaum mehr als Finanzspritzen
für die Bauern. Im September
2015 einigten sich die EU-Agrarminister bereits auf ein Notprogramm in Höhe von 500 Millionen Euro. Im März hat die EU
zudem den Weg für freiwillige,
zeitlich begrenzte Mengenreduzierungen in den EU-Staaten für Milchprodukte freigemacht. Produzenten können
sich nun absprechen, ohne kartellrechtlich in Schwierigkeiten
zu geraten. Dieses Mittel werde
aber nur unzureichend eingesetzt, kritisiert der European
Milk Board (EMB). „Die jetzigen Maßnahmen der EU-Politik sind eher Ablenkung als Lösung“, kritisiert EMB-Präsident
Romuald Schaber. Nötig sei ein
freiwilliger Lieferverzicht nach
Vorbild des Marktverantwortungsprogramms. Dieses sieht
vor, dass in Krisenzeiten die Erzeuger ihre Produktion senken
müssen. Dafür werden sie dann
entschädigt.
VON ERIC BONSE
UND HEIKE HOLDINGHAUSEN
Warum ist die Milch so billig?
Die Antwort fällt unterschiedlich aus – je nachdem, wen man
fragt. „Weil der Lebensmitteleinzelhandel die Preise diktieren
kann“, sagt Milchbauer Sebastian Glaser aus Hessen. Schließlich stellten die Landwirte ein
schnell verderbliches Gut her, in
Verkaufsverhandlungen seien
sie erpressbar. Der Handelsverband Lebensmittel (BVLH) verteidigt sich: „Es ist zu viel Milch
am Markt. Die deutsche Milchwirtschaft ist viel stärker vom
Weltmarkt abhängig als vor
zehn Jahren. Geht die Nachfrage dort zurück, kann der stagnierende Inlandskonsum den
Überschuss nicht auffangen“,
so BVLH-Hauptgeschäftsführer
Franz-Martin Rausch.
Wer profitiert von den niedrigen Preisen? Vor allem der Handel. Laut Statistischem Bundesamt sind Milch, Quark oder Käse
im Laufe des Frühjahrs durchschnittlich nicht billiger geworden, der Preis stagniert. Supermärkte und Discounter haben
also ihre Gewinnmargen erhöht.
Nur für die Butter zahlt auch der
Verbraucher weniger.
Wer leidet? Besonders die Bauern, die sich auf Milch spezialisiert haben. Es ist ein Teufelskreis: Die Preiskrise führt zum
Höfesterben, es bilden sich immer größere Betriebe, die sich
spezialisieren. Reine Milchhöfe
mit Hunderten Kühen aber trifft
es besonders, wenn, wie derzeit,
teils nur noch 18 Cent pro Kilogramm Milch gezahlt werden.
Diese Preise decken nicht einmal mehr die Futterkosten für
die Tiere, geschweige denn Investitionen in Gebäude.
Was hat die Krise mit Russland
zu tun? Russland war noch vor
wenigen Jahren ein wichtiger
Absatzmarkt für europäische
Milchprodukte. Durch die EUSanktionen im Ukrainekonflikt
und das russische Importembargo sind dort wichtige Abnehmer verloren gegangen.
Geht es den Biobauern besser?
Ja, deutlich. Hier werden immer
noch um die 50 Cent pro Kilo-
„Es ist zu viel Milch am Markt“ Foto: Henk Wildschut/plainpicture
gramm Milch gezahlt, sagt Friedhelm von Mering vom Bund
Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Anders als auf
dem Markt für konventionelle
Milch gibt es bei Bio kein Überangebot, im Gegenteil. Um die
Nachfrage in Deutschland zu
decken, sind sogar Importe nötig, etwa aus Dänemark oder Österreich. Zwar hat Aldi den Preis
für Biomilch leicht gesenkt – dabei aber bislang keine Nachfolger gefunden. Verbraucher, die
eine faire Entlohnung für Erzeuger wollen, kaufen also Biomilch.
Ist mehr Export die Lösung?
Nur bedingt. Die EU fördert
zwar bereits den Export. Doch
die USA, die Türkei und andere
Länder tun dies auch. „Agrar-
produkte um den Globus zu
schippern kann nicht die Lösung sein“, sagt der grüne Europaparlamentarier
Martin
Häus­ling. Die Orientierung auf
den Weltmarkt fördere die Produktion von Massenware und
schade der Entwicklung einheimischer Märkte mit existenzsicherndem Einkommen in Drittländern.
„Agrarprodukte um
den Globus zu
­schippern kann nicht
die Lösung sein“
MARTIN HÄUSLING, GRÜNER EUROPA­
PARLAMENTARIER
Was plant der deutsche Landwirtschaftsminister Christian
Schmidt (CSU)? Erst mal einen
Gipfel. Ende Mai wird in Berlin
über Auswege aus der Krise beraten, auch über Finanzspritzen oder Bürgschaften für notleidende Betriebe in einem Rahmen „von 100 Millionen + x“. „In
dieser schwierigen Situation
müssen alle Kräfte in der Wertschöpfungskette zusammenarbeiten, um eine leistungsstarke
deutsche Milchwirtschaft zu
erhalten.“ Das sagte Schmidt?
Nein, es war Ilse Aigner (CSU)
nach einem Milchgipfel 2008.
Damals war sie die Landwirtschaftsministerin. Im Jahr darauf kippten die Bauern ihre
Milch auf ihre Äcker, so niedrig
waren die Preise. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) will Agrarminister Schmidt bis zum Gipfel übrigens nicht mehr aus den Augen
lassen: Landwirte haben sich vor
seinem Wahlkreisbüro im bayerischen Neustadt/Aich postiert
– samt Kuh.
„Das System wendet sich gegen die Landwirte selbst“
MILCHPREIS
Es ist menschlich, zur billigeren Butter zu greifen, sagt Robert Habeck, grüner Landwirtschaftsminister aus Schleswig-Holstein
taz: Herr Habeck, auch in Ihrem Bundesland SchleswigHolstein sterben die Milchviehhöfe. Wie verändert das
das Land?
Robert Habeck: Dramatisch.
Wenn das Höfesterben in diesem Tempo weitergeht, könnten in fünf Jahren die Hälfte
der Milchbauern verschwunden sein. Familien verlieren
ihre Existenz, wir kriegen Dörfer ohne Bauern, Kaufkraft geht
verloren, die Entfremdung zwischen Verbrauchern und Bauern wird immer größer. Das
Gesicht des Landes würde sich
verändern. Ein solcher Strukturbruch kann politisch nicht einfach hingenommen werden.
Was können Sie als Landesminister machen?
Die Milchmenge muss runter,
die Preise müssen rauf. Das geht
nicht auf Landesebene. Deshalb
habe ich mit meinen grünen
Amtskollegen hart gekämpft,
dass Bund und EU die Krise angehen. Bei der letzten Agrarministerkonferenz endlich mit
unerwartetem Erfolg. Erstmals
haben alle Agrarminister staatliche Maßnahmen zur Mengenreduzierung gefordert. Wenn das
bis zum September nicht über
freiwillige Maßnahmen funktioniert, muss der Bund dafür
sorgen, dass es auf EU-Ebene
zu obligatorischen Maßnahmen
kommt. Jetzt kann der Bund die
Krise nicht mehr ignorieren.
Stark finde ich, dass mehr und
mehr Bauern auch nicht mehr
in diesem Hamsterrad arbeiten
wollen.
Es geht ja nicht nur den Milchbauern schlecht; die Schweinemäster etwa leiden auch unter Ramschpreisen. Haben wir
eine Agrarkrise?
Ja. Das System von „immer billiger, immer mehr“ hat sich überhitzt. Es wendet sich gegen die
Landwirte selbst, gegen Tiere,
Umwelt, Natur und Gewässer.
Wir brauchen ein Umdenken
und Umsteuern, und das ist im
Interesse der Landwirtschaft,
nicht gegen ihres.
Dürfen sich denn wenigstens
die Verbraucher über die niedrigen Agrarpreise freuen?
Dass man zur billigeren Milch
und billigeren Butter greift,
wenn man an der Ladentheke
steht, ist menschlich. Aber daraus wird kein Argument gegen
eine andere Agrarpolitik. Der
Handel sollte sich seiner ethischen Verantwortung stellen
und die Landwirte gut bezahlen. In den vergangenen Jahren
schwankte der Erzeugerpreis für
Milch zwischen 46 und 23 Cent,
der Absatz aber ist stets gleichgeblieben. Das zeigt doch, dass
ein höheres Preisniveau möglich ist, ohne dass Supermärkte
pleitegehen. Und bei den Verbraucherpreisen reden wir über
Robert Habeck
■■Minister: Der 46-Jährige ist
seit 2012 Landwirtschaftsminister und Vizeministerpräsident in
Schleswig-Holstein.
■■Kandidat: Bei der Bundestagswahl 2017
möchte er
als Spitzenkandidat
seiner
Partei
antreten.
Foto: dpa
Centaufschläge.
Wie lässt sich diese Krise langfristig lösen?
Es hat sich ein System etabliert,
in dem für immer weniger Geld
immer mehr produziert werden
muss. Aus diesem System müssen wir einen Ausweg finden.
Dazu gehört, die EU-Agrarförderung zu reformieren. Sie muss
Umweltschutz, Gewässerschutz,
Tierschutz attraktiver machen
und unbürokratischer werden.
Wir geben Milliarden für die
Landwirtschaft aus, ohne Effekt. Das Geld sollte zielgerichtet ausgegeben werden und an
die Bauern und Bäuerinnen fließen, nicht an die Bodenbesitzer.
INTERVIEW: HEIKE HOLDINGHAUSEN