SWR2 Glauben RINGEN UM WAHRHEIT

SWR2 MANUSKRIPT
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SWR2 Glauben
RINGEN UM WAHRHEIT
GUATEMALA IM BANN DER VERGANGENHEIT
VON ISABELLA KOLAR
SENDUNG 13.03.2016 / 12.05 UHR
Redaktion Religion, Kirche und Gesellschaft
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Atmo A - Marimba im Hintergrund 10“ (1:21) unter O-Ton legen
Übersetzerin
1) O-Ton Juliana / Bienvenidos a Zacualpa auf blutiger Erde 21“
Herzlich willkommen hier in Zacualpa. Ihr betretet hier praktisch heiliges Land,
denn es ist hier viel Blut geflossen. Viele Menschen haben hier ihr Leben
verloren, Frauen, Kinder und auch ungeborene Kinder.
Atmo A - Marimba hoch 5“
Autorin 1
Juliana Garcia Gutiérrez, eine kleine Maya-Frau mit buntbestickter Bluse und
einem freundlichen runden Gesicht, steht im Hof des Franziskaner-Klosters in
der Kleinstadt Zacualpa, 210 Kilometer nordwestlich von Guatemala-Stadt.
Julianas Lippen umspielt ein Lächeln, das gut zu den Marimba-Klängen aus
der Ferne passt, aber nicht zu dem, was sie erlebt hat: erstaunlich, dass sie
überhaupt noch lächeln kann angesichts der Geschichten von Mord,
Vergewaltigung und Folter, die sie uns jetzt erzählen wird. Geschichten, die an
Grausamkeit das übertreffen, was Menschen sich vorstellen können.
Übersetzerin
2) O-Ton Juliana / Hier war Militärbasis, 115 Morde in dieser Pfarrei 28“
Wo wir hier gerade stehen im Moment war die Militärbasis. In dieser Pfarrei
gab es 115 Morde. Sie gingen in die Berge, sie wollten uns Indigene alle
umbringen. Die Frauen organisierten sich danach und wir haben erreicht,
dass die Toten exhumiert wurden.
Autorin 2
Trotz der Angst waren diese Frauen sehr mutig, fügt sie, die Angehörige
verloren, aber selbst überlebt hat, leise hinzu. Ihr Blick huscht wie abwesend
über die Anwesenden. „Als alle ins Licht gingen, da erstand wieder mein
Volk“, steht über der großflächigen Wandmalerei auf dem Haus hinter ihr, wo
schreiende Totenköpfe von gesichtslosen Militärhelmen bedrängt werden.
Juliana hält mit beiden Händen einen kleinen Korb prall gefüllt mit einem
Strauß bunter Kerzen für das Maya-Ritual vor sich: rot – so erklärt sie - steht für
die aufgehende Sonne und für die Trachten, die wir tragen, schwarz ist die
2
Farbe unserer Augen, unserer Haare und des Sonnenuntergangs, weiß steht
für den Norden und für die Weisheit der Vorfahren und der Verstorbenen,
gelb steht für den Süden, für die Fruchtbarkeit und Ernte und für die Liebe
zwischen den Menschen. Blau und grün stehen in der Mitte für das Herz des
Himmels und das Herz der Erde, die sich vereinen. Jede Station auf dem
Märtyrerweg, auf dem sie uns nun begleiten wird, hat ihre eigene Farbe.
Juliana zündet die schwarze Kerze an:
Übersetzerin
3) O-Ton Juliana / Folter: auf allen Vieren essen 45“
Hier ist der Ort, an den die Männer kamen, die sich vor der Folter retten
konnten. Einer von ihnen hat bezeugt, dass er auf allen Vieren gekrochen ist,
um um Essen zu bitten. Und die Militärs fragten ihn, was er denn wolle, ob er
essen wolle. Und er sagte: Ja! Und dann haben sie die Krumen von ihrem
Essen zusammen mit seinem Urin, das er in ein Glas abgeben mußte,
vermischt und das mußte er dann trinken. Das ist ein Teil der Folter, die die
Menschen hier erlebt haben.
Autorin 3
Der Bürgerkrieg in Guatemala von 1960 bis 1996 gilt mit rund 200.000 Toten als
einer der längsten und blutigsten auf dem ganzen Kontinent. Am 30.1.1981
kamen die Militärs in das auf 2000 Metern Höhe gelegene Zacualpa und
damit in das im Norden an Mexiko grenzende Departamento Quiche, der
von der Militärdiktatur am härtesten betroffenen Region Guatemalas. Und sie
blieben drei Jahre lang. Erst warfen sie Bomben, dann kam der Terror über die
Dörfer. Hier befehligte General Rios Montt zwischen 1982 und -83 seine „Politik
der verbrannten Erde“: Massaker an der Zivilbevölkerung wurden verübt,
hunderte Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, zehntausende Menschen
getötet, gefoltert oder sie „verschwanden“. Die Bilanz: 626 Massaker, 45.000
Verschwundene und 1,5 Millionen Flüchtlinge. Die Mehrheit der Opfer waren
Angehörige des indigenen Volkes der Maya, die in den Augen der Militärs
Verbündete der Guerilla waren. Aber auch die Katholiken im Pfarrhaus
wurden umgebracht und ab 1982 auch Priester. Ihr Vergehen: sie besaßen
3
eine Bibel. Das Militär, das in Zacualpa folterte, kam aus anderen
Landesteilen. Es waren auch Indigene darunter, die unter Zwang rekrutiert
wurden, aber die Leitung hatten die Ladinos, die Weißen. Wissenschaftler
nennen das, was damals passierte, heute Völkermord, ein Genozid und ein
Ethnozid.
Übersetzerin
4) O-Ton Juliana / Ohne Arme und Beine in der Märtyrerkapelle = Folter
32“
Einige waren ohne Arme, ohne Beine, aber sie starben nicht danach. Sie
wurden von da bis hier festgebunden, da sind die Haken, an denen sie
festgebunden wurden und noch ein Seil hängt da. Und als die Soldaten
sahen, dass sie müde waren, haben sie sie umgedreht und an den Füßen
aufgehängt. Die Menschen stützen sich mit ihren Händen an der Mauer ab
und schrien vor Schmerzen. Man erkennt an der Mauer noch die Abdrücke.
Autorin 4
„Guatemala - Nunca Mas“ – „Niemals wieder“ steht in großen schwarzen
Buchstaben über dieser sogenannten Märtyrerkapelle oder Kapelle der
Folter. Ein winziger Raum - an der Wand hängt der gekreuzigte Jesus, einen
roten Schal um den Hals, der linke Arm ist ans Kreuz genagelt, der rechte fehlt.
Am Boden eine Kuhle für das viele Blut. Fotos der Ermordeten, Holzkreuze mit
ihren Namen an der Wand. Auch Frauen wurden gefoltert:
Übersetzerin
5) O-Ton Juliana / Frau gefoltert und vergewaltigt 18“
Und eine Frau erzählte, dass ihrer Mutter die Geschlechtsteile mit
elektrischen Geräten verbrannt wurden. Danach wurde sie wiederholt
vergewaltigt: Sie hat es geschafft zu entkommen, aber danach ist sie
gestorben.
Atmo B - Hundebellen im Pfarrhaus Zacualpa (38“)
4
Autorin 5
Nur wenige Schritte durch den idyllischen Garten an Hund und
Apfelsinenbäumen vorbei steht die Kapelle des Brunnens, die die
Franziskanermönche rund um einen 75 Meter tiefen Brunnen errichteten. Darin
wurden die Leichenteile von 45 Männern gefunden sowie der Körper einer
misshandelten Frau mit ihrem wenige Monate alten Baby auf dem Rücken. Es
blüht und grünt rundherum, aber hier war und ist immer noch ein geheimer
Friedhof. Hier im Garten des Pfarrhauses waren die Opfer vergraben. Die
Exhumierungen brachten sie ab 1999 an den Tag. Im Nachbargarten – heute
ein Privatgrundstück – liegen - so heißt es – immer noch 200 Leichen unter der
Erde, aber die Besitzer verweigern den Zutritt. Früher ein geheimer Friedhof –
heute ein heiliger Ort, sagt Juliana und lächelt wieder ihr zweideutiges
Lächeln. Wir zünden unsere weißen Kerzen an, die für die Weisheit der
Vorfahren und der Verstorbenen stehen, und legen sie in eine große Kuhle in
dem mit einer Fülle von Pinienzweigen bedeckten Boden der Brunnenkapelle.
Diese Zweige symbolisieren in der Maya-Kultur die Verbundenheit mit der
Natur und der Mutter Erde. Die kleinen Flammen Dutzender Kerzen vereinigen
sich in der Tiefe und bilden ein großes Feuer.
Atmo C - Flammen laut / Gemurmel Julio ab 30" / 2:04
(Reserve C - Atmo Flammen / Marimba / Gemurmel Juliana – leise 2:10)
(Drunter mischen) )))
Atmo D - Marimba + Chor 1 komplett in der Kirche / 5:20
(gemeinsam mit Flammen unter O-Ton legen)
Übersetzerin
6) O-Ton Juliana/ Wir müssen leben + Marimba spielen (+Marimba-Musik)
36“
Ihr habt heute in der Kirche die Marimba gesehen, hier hört ihr sie. Die
Marimba war Zeuge vieler Überfälle und Übergriffe, aber die Alten haben sie
gerettet. Und sie haben gesagt, man wolle uns töten. Aber die Traurigkeit
darf uns nicht umbringen, denn wir müssen weiter leben. Wir sind sehr müde,
aber wir müssen die Marimba er-klingen lassen, um unser Herz zu erfreuen.
5
Hoch: Atmo D - Marimba + Chor 1 komplett in der Kirche / 5:20
Atmo E - Marimba + Chor 2 / 2:22
(Predigt über Atmo Marimba, die langsam ausblenden)
Atmo F - Julio - Predigt in San Franziskus-Kirche in Zacualpa 1:53
Autorin 6
Nur einen Steinwurf vom Pfarrhaus in Zacualpa entfernt liegt ein anderer Ort
der Folter der 80er Jahre: die an diesem Sonntagmorgen gut gefüllte und mit
weißen Tüchern geschmückte San Franziskus Kirche, in der Chor und
Marimba die Predigt von Monseñor Julio Cabrera begleiten. „Tröstet mein
Volk“ ist das Leitmotiv dieses Bischofs mit den freundlichen, leuchtendhellblauen Augen, der am 6. Januar 1987 von Papst Johannes Paul II. ernannt
wurde und 15 Jahre im Verwaltungsbezirk Quiche gearbeitet hat. Wenn der
charismatische Mann hier über den Markt geht, erkennen ihn viele Menschen
immer noch, liegt man sich in den Armen. Er hat jeden Winkel seiner
ehemaligen Diözese persönlich bereist.
Übersetzer
7) O-Ton Julio - Quiché war ein Kriegsfeld, Papst schickte mich 34“
Die Region Quiché war damals ein Kampfplatz, überall war Krieg. Und die
Men-schen hatten sehr große Angst. Und natürlich sind viele Katecheten ums
Leben ge-kommen, weil sie ihrem Glauben treu geblieben sind. Als ich von
Papst Johannes Paul dem Zweiten zum Bischof geweiht wurde, war das eine
Geste – so glaube ich – um mich zu motivieren, meine Mission in diesem
Departamento aufzunehmen.
Autorin 7
Die Guerilla hatte sich nicht ohne Grund hier niedergelassen, sagt Monseñor
Cabrera, der jeden Satz, jedes Wort mit lebhaften Gesten untermalt.
Übersetzer
8) O-Ton Julio - Die Guerilla und der Quiché und Verdacht der Militärs 37“
Die Guerilla sucht sich gezielt hohe Bergregionen aus. Und sie sucht Völker
aus, deren Sprache in der Regel nicht verstanden wird, wie hier bei den Itschil.
Eine weitere Strategie der Kriegsführung ist es, in eine Grenzregion mit einem
Nachbarland zu gehen. Auf das Quiche treffen diese drei Punkte zu. Als das
6
Militär hierher kam und gesehen hat, dass das Volk gut organisiert und
charakterstark ist, hat es angenommen, dass die Guerilla dahinter steckt.
Autorin 8
Sein Vorgänger in dieser Diözese, Monseñor Juan Gerardi, war später, ab
1996, Vorsitzender der guatemaltekischen sogenannten Wahrheitskommission,
die am 24. April 1998 ihren detaillierten Bericht vorlegte. Darin sind die
Aussagen tausender Zeugen und Opfer des Bürgerkrieges aufgezeichnet. Das
Fazit: es handelte sich um systematische Gewaltakte, die sich primär gegen
die Maya-Bevölkerung des Landes richteten. Verübt wurden sie in 80 Prozent
der Fälle von der Armee und paramilitärischen Gruppen. Zwei Tage nach der
Veröffentlichung des Berichts wurde Bischof Gerardi brutal ermordet.
Atmo G - Polizeiarchiv – Digitalisierungsraum 1:43“
9) O-Ton Fuentes - Archiv - "Perfekte Digitalisierung" bitte ohne OV als
Atmo 18“
Dieses Team bekommt die Dokumente von dort, wo sie sortiert werden. Was
man sehr gut sehen kann, dass die Kopie perfekt ist, man kann sie perfekt
lesen“.
Autorin 9
„Die Kopie ist perfekt, man kann sie perfekt lesen“…. Gelassen und freundlich
lächelt der weißhaarige Alberto Fuentes seine Besucher in dem flachen
eierschalenfarbenen Gebäude in der Zone 6 im Norden von GuatemalaStadt an. Nein bedroht fühlt er sich überhaupt nicht, obwohl das Wühlen in
der Vergangenheit buchstäblich sein tägliches Geschäft ist. Die
Wahrheitskommission sei eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit hier
gewesen, sagt der 64-jährige. Stolz schaut er auf die junge Guatemaltekin vor
ihm, die, ausgerüstet mit Plastikhaube auf dem langen schwarzen Haar, mit
Mundschutz sowie Plastikhandschuhen ein vergilbtes Blatt Papier in ein Digitalisierungsgerät gelegt hat. Der Ex-Kommunist Fuentes ist Mitglied der
Kommission des „Archivo Historico de la Policia Nacional“ AHPN, des
Historischen Polizeiarchivs von Guatemala. Ein Archiv mit 80 Millionen
Dokumenten - hinter jedem Dokument, hinter jedem Foto steht das
persönliche Schicksal eines Verschwundenen und Ermordeten. Die frühere
7
guatemaltekische Regierung hatte lange versucht, die-se Zeugnisse und
Beweisstücke der Vergangenheit zu verstecken. Durch einen Zu-fall wurden
sie vor zehn Jahren inmitten einer Müllhalde entdeckt. Mittlerweile arbeiten
hier 100 Mitarbeiter an der Rettung und Registrierung der Zeugnisse der
Vergangenheit, die den Zeitraum von 1881 bis 1997 umfassen:
Atmo H - Polizeiarchiv – Digitalisierungsgerät 43“
Übersetzer
10) O-Ton Fuentes - 4 Schritte - Was wir mit den Dokumenten machen 31“
Als Erstes müssen wir herausfinden, zu welcher Polizeieinheit jedes Dokument
gehört. Der zweite Schritt ist die Wiederherstellung der Dokumente, die in
einem sehr schlechten und verwahrlosten Zustand sind. Und dann machen wir
weiter mit dem Ordnen der Papiere für das Archiv und der nächste Schritt ist
dann die Digitalisierung.
Autorin 10
Internationale Fachleute leisteten zu Beginn Hilfestellung beim Archivieren und
inter-nationale Gelder halten das Archiv bis heute am Leben. In den ersten
neun Jahren lagen die Ausgaben bei einer Million Dollar pro Jahr. Obwohl
sich das Archiv mehrfach darum bemühte, gibt der guatemaltekische Staat
kein Geld, stattdessen Länder wie Schweden oder Holland. Fuentes glaubt
nicht, dass das unter Präsident Jimmy Morales besser werden wird:
Übersetzer
11) O-Ton Fuentes - Morales und die Militärs 27“
Ich glaube, dass Jimmy Morales das Militär im Rücken hat, auch die alten
Generäle unter denen es viele gibt, die für den Genozid verantwortlich sind.
Aus meiner Sicht ist das eine komplizierte Situation nicht nur für die
Gesellschaft, sondern auch für diesen ganzen Prozess der Aufarbeitung.
Autorin 11
Alberto Fuentes hebt für die Fotografen einen dicken papiernen Packen
geschnürter Vergangenheit in die Höhe und lacht ins Blitzlicht wie bei einer
Preisverleihung. 18 Millionen Dokumente sind bis jetzt aufgearbeitet, also noch
nicht einmal ein Viertel. Noch liegt viel Arbeit vor ihm und seinem Team.
8
Fuentes traut dem Frieden in Guatemala nicht, deshalb hat sich das
Historische Polizeiarchiv abgesichert:
Übersetzer
12) O-Ton Fuentes - 18 Mill. Dokumente sichtbar + Schweiz 34“
Wir haben gerade die 18 Millionen-Grenze an geretteten Dokumenten
überschritten. Und diese 18 Millionen Dokumente können jetzt für
Untersuchungen jeglicher Art genutzt werden. Am Anfang hatten wir Sorge,
dass dieser Prozess unterdrückt werden könnte. Deshalb haben wir vor etwa
acht Jahren ein Abkommen mit der Schweiz unterzeichnet, in dem vereinbart
wurde, dass eine Kopie von all diesen Dokumenten auch in der Schweiz
gelagert wird.
Autorin 12
Im Januar 2009 wurde das Archiv für das Publikum geöffnet. Und bis bis
September kamen 14 700 Besucher und durchforsteten die langen, schmalen
Gänge mit den Dutzenden Regalen und Kartons. Unter ihnen waren 22
Prozent direkte Familienangehörige von Verschwundenen und Opfern des
Bürgerkrieges. Fuentes sieht sein Archiv als Instrument, um Gerechtigkeit zu
erlangen. 12 Hintermänner wurden aufgrund der Recherchen hier überführt
und verurteilt, aber die Hauptverantwortlichen waren nicht dabei. Er wisse,
dass das nicht viel sei, sagt der Mann, dessen Bruder 1982 für immer
verschwand. Sein Dauerlächeln gefriert in seinem weißen Vollbart, als er sagt:
Übersetzer
13) O-Ton Fuentes - Der Staat Guatemala befördert die Straflosigkeit 29“
Diese Prozesse sind sehr schwierig, weil sich die guatemaltekische Regierung
nicht engagiert wenn es um Vergangenheitsaufarbeitung, Wahrheit und
Gerechtigkeit geht. Manchmal ist die Regierung sogar das größte Hindernis
auf dem Weg zur Aufarbeitung. Mir ist klar, dass das ein schwerer Vorwurf ist,
aber der guatemaltekische Staat befördert die Straflosigkeit.
Autorin 13
Doch Straflosigkeit heute hat auch in Guatemala ihre Grenzen wie die
Entwicklung im vergangenen Jahr zeigt. Sitzt doch der Ex-Präsident des
Landes Otto Pérez Molina hinter Gittern und wartet – gemeinsam mit
9
Vizepräsidentin Baldetti – auf einen Korruptionsprozess. Das ist dem
guatemaltekischen Volk zu verdanken, das protestierend auf die Straße ging
und der sogenannten „CICIG“ , der „Kommission gegen die Straflosigkeit in
Guatemala“, eine Art internationale Staatsanwaltschaft, eine weltweit
einmalige Institution, eingesetzt von den Vereinten Nationen. Ihre Aufgabe ist
seit 2008 die Stärkung der guatemaltekischen Strafverfolgungsbehörden. Und
sie ist dabei auf gutem Weg, findet Matthias Sonn, seit zwei Jahren deutscher
Botschafter in Guatemala:
14) O-Ton – Botschafter Sonn zu Vergangenheit / Völkermord 38“
Es gibt immer noch politische Kräfte, die der Meinung sind, es habe in
Guatemala keine Kriegsverbrechen gegeben. Es gibt auf der anderen Seite
politische Kräfte, die der Meinung sind, die Kriegsverbrechen seien es, um die
sich auch heute noch das gesamte politische Leben in Guatemala
herumgruppieren müsse. Guatemala hat hier schon bedeutende Dinge
geleistet: es hat zum Beispiel die erste Verurteilung eines früheren
Staatsoberhauptes wegen Völkermords und Kriegsverbrechen durch ein
Gericht ihres eigenen Landes gegeben.
Autorin 14
Der Ex-General und Ex-Präsident Guatemalas, der heute 89-jährige Jose Efrain
Rios Montt, von dem hier die Rede ist, wurde am 10. Mai 2013 wegen
Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 80 Jahren
Gefängnis verurteilt. Etwa die Hälfte der von Militärs und Paramilitärs während
des Bürgerkrieges verübten Massaker fiel – so das Ergebnis der
Wahrheitskommission unter Bischof Gerardi - in die Herrschaftszeit Montts von
1982 bis - 83. Das Urteil gegen ihn wurde am 20. Mai 2013 vom
Verfassungsgericht Guatemalas wegen angeblicher juristischer
Verfahrensfehler aufgehoben und eine neue mündliche Verhandlung
angeordnet. Michael Mörth, deutscher Menschenrechtsanwalt, der seit mehr
als 20 Jahren in Guatemala lebt, war Nebenkläger in diesem Prozess und
betrachtet ihn heute mit viel Wut im Bauch:
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15) O-Ton Mörth / Mein Lebensziel: Montt-Richter in Knast 37“
Dieses Urteil wurde ja völlig rechtswidrig, völlig rechtsbeugend annulliert. Ich
persönlich habe ganz klar noch ein Lebensziel, dass diese drei Richter auch im
Gefängnis landen werden. Die haben Rechtsbeugung begangen, die haben
gelogen und betrogen. Sie haben den Prozeß annulliert mit der Begründung
eines Anwaltshandelns, was nie stattfand und es werden ja hier sämtliche
Verhandlungen alle aufgenommen, gespeichert. So dass man das
wunderbar nachweisen kann. Deswegen haben wir im Augenblick eine
Anzeige laufen, in der wir wollen, dass der Interamerikanische Gerichtshof die
Aufhebung dieses Verfassungsgerichtsurteils erklärt, womit dann wieder das
ursprüngliche Gerichtsurteil in Kraft treten würde.
Autorin 15
Aber das kann dauern, sagt Mörth. Lange dauern. Fast 20 Jahre liegt das
Ende des Bürgerkriegs jetzt zurück. Und Guatemala wartet bis heute auf die
angemessene Aufarbeitung seiner blutigen Vergangenheit.
Die Recherche für die Reise nach Guatemala wurde unterstützt von Adveniat,
dem Lateinamerika-Hilfswerk der Katholiken in Deutschland.
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