Wie Ostern und Weihnachten zusammen - MDZ

Nr. 9 (400) 07.05. bis 20.05.2015
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UNABHÄNGIGE ZEITUNG FÜR POLITIK, WIRTSCHAFT UND KULTUR • GEGRÜNDET 1870
VERSCHMÄHT
VERBANDELT
Was ein russischer Biker
über die umstrittene
Europa-Tournee der
„Nachtwölfe“
denkt.
Sie lieben sich trotz allem.
Deutsch-russische Paare
erzählen, wie es dazu kam
und was daraus
werden soll.
08
Уве Тимм
представил
книгу в Москве
III
RIA Novosti
STICH W O R T E
09
ОТВЕТИТЬ
ЗА БРАТА
»
Ich habe manchmal den Eindruck, dass sie uns lieben,
wenn wir humanitäre Hilfe brauchen. Dann ist alles in Ordnung,
dann schicken sie Kartoffeln.
Wladimir Putin in einem Film des
russischen Staatsfernsehens zu seinen 15 Jahren als Präsident über die
Einstellung des Westens zu Russland.
»
Putin ist das kollektive Porträt unseres Volkes. Anders
könnte er nicht existieren und
hätte nicht diesen Rückhalt.
Der Schriftsteller Michail Weller im
Radiosender Echo Moskwy.
»
Für mich ist Kommunismus
schlimmer als Faschismus.
Die Anfang Mai im Alter von 89 Jahren gestorbene legendäre russische
Primaballerina Maja Plissezkaja,
deren Vater 1938 als „Volksfeind“
hingerichtet wurde, in einem nie
gesendeten Interview von 1995 mit
TV-Talkmaster Wladimir Posner.
Flieg, Gedanke
Moskaus beliebtester Mann aus Stein muss das jetzt
ertragen. Das Denkmal auf dem Puschkin-Platz steht
mitten in der Flugroute von Kampfjets, Hubschraubern
und Militärtransporter (im Bild), die über das gesenkte
Haupt des Nationaldichters donnern und Probeschleifen für die große Siegesparade am 9. Mai drehen.
Vielleicht wäre Puschkin traurig, dass wieder mehr
Waffen fliegen als freie Gedanken?
Die MDZ widmet dem historischen Großereignis, zu dem
der runde Jahrestag des Endes des Zweitens Weltkriegs
mutiert ist, in dieser Ausgabe die Seiten 2 bis 8.
»
Das ist keine Einberufung
zur Armee. Wenn jemand
nicht kommen kann, dann haben
wir dafür Verständnis.
Russlands Außenminister Sergej
Lawrow auf einer Pressekonferenz
über ausländische Staatschefs, die
trotz Einladung auf eine Teilnahme
an den Feierlichkeiten zum 9. Mai in
Moskau verzichten.
Wie Ostern und Weihnachten zusammen
РЕКЛАМА
Stalin schaffte den 9. Mai einst ab. Heute ist er der zweitliebste Tag der Russen
РЕКЛАМА
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Russland feiert sich selbst und der
Westen schimpft – in diesen Tagen
des Mai scheint alles wie gewohnt,
möchte man meinen. Doch diesmal
geht es nicht um „Winterspiele in
den Tropen“, sondern um das Ende
des Zweiten Weltkriegs in Europa.
Seitdem sind 70 Jahre vergangen, und von den heute 144 Millionen Bürgern Russlands haben
nur noch etwa 2,5 Millionen wäh-
rend des „Großen Vaterländischen
Kriegs“ gelebt und gelitten (siehe
Tabelle auf Seite 2). Und doch ist
für immer mehr Russen der 9. Mai
einer der wichtigsten Tage des Jahres: 42 Prozent gaben dies bei einer
aktuellen Umfrage des LewadaZentrums an. Kurz nach dem Ende
der Sowjetunion waren es nur 25
Prozent. Abgesehen von der klaren Tendenz überrascht dabei, dass
nicht einmal jeder zweite Russe
den Tag des Sieges für besonders
wichtig hält. Zu dessen Gunsten
spricht wiederum, dass selbst die
Geburtstage in der Umfrage nicht
besser abgeschnitten haben, wie
auch die wichtigsten kirchlichen
Tage, Ostern und das orthodoxe
Weihachten – zusammengenommen, wohlgemerkt. Allein das
Neujahrfest ist beliebter: Für 80
Prozent der Russen ist der 1. Januar unverzichtbar.
Und auch der Kreml ist offenbar
zunehmend Feuer und Flamme für
den Tag des Sieges und die Möglichkeiten, die ein staatstragendes
Zeremoniell zu diesem Anlass bietet – was nicht selbstverständlich
ist, wie ein Blick auf einige historische Episoden der 70
Jahre seit 1945 zeigt.
02
02
70 JAHRE KRIEGSENDE
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Nr. 9 (400) MAI 2015
Die vergessenen Opfer
Millionen Rotarmisten starben in deutschen Lagern. Die Überlebenden warten bis heute auf Anerkennung.
U.S. National Archives and Records Administration
Deutsche Vereine fordern seit
Jahrzehnten Entschädigung für
die sowjetischen Kriegsgefangenen des Dritten Reichs. Jetzt hat
sich auch die Opposition im Bundestag eingeschaltet. Und sogar
Präsident Gauck forderte neulich
ein Umdenken: Von einem „Erinnerungsschatten“ sprach er in
einem Zeitungsinterview. Um was
geht es eigentlich?
Von Birger Schütz
Kriegsgefangene auf besetztem russischen Gebiet. Besuch von Himmler.
den Umgang Nazideutschlands mit
den sowjetischen Kriegsgefangenen: „Wäre der Holocaust nicht
gewesen, man würde ihm als dem
schlimmsten Kriegsverbrechen der
Neuzeit gedenken.“
Die überlebenden Rotarmisten
wurden vom deutschen Staat für
ihre Leiden nie offiziell entschädigt.
„Nach den Juden sind die sowjetischen Kriegsgefangenen die größte Opfergruppe der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“, sagt
Eberhard Radczuweit, ehrenamtlicher Geschäftsführer des Vereins
Nach den Juden sind die sowjetischen
»Kriegsgefangenen
die größte Opfergruppe
der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
ten Gefangenen, eine Behandlung
nach der Genfer Konvention.
Die Folge: Über drei Millionen Rotarmisten verhungerten
in deutschen Lagern, gingen an
Krankheiten zu Grunde, starben
bei der Zwangsarbeit oder wurden zu Tode geprügelt. 60 Prozent
der Gefangenen verloren auf diese
Weise ihr Leben – bei den Gefangenen der Westalliierten waren
es 3,5 Prozent. Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder, der sich vor allem als scharfer Kritiker der Sowjetunion einen
Namen gemacht hat, schreibt über
dem Jahr 1990 hätten sich alle weiteren Ansprüche erledigt.
Dabei sei für die Betroffenen das
Geld gar nicht so wichtig, so Radczuweit. „Es geht ihnen einfach um
eine Anerkennung von Unrecht.“
Denn mit der Rückkehr in die
Sowjetunion war ihr Leidensweg
keineswegs beendet. In der Heimat
galten sie oft als Vaterlandsverräter
und wurden pauschal der Kollaboration bezichtigt. Viele kamen in
Arbeitslager oder Strafbataillone.
„Sie gehörten eben nicht zum offiziellen sowjetischen Heldenepos“,
erinnert Radczuweit, dessen Vater
1942 in Russland fiel. Erst im Jahr
1995 rehabilitierte Präsident Boris
Jelzin die überlebenden Kriegsgefangenen. In manchen postsowjetischen Staaten wie Usbekistan oder
Tadschikistan ist ihr Schicksal aber
weiterhin nicht anerkannt.
Marsch der Gefangenen: sowjetische Soldaten bei Charkow.
Wie Ostern und Weihnachten zusammen
Schon im ersten Jahr nach
dem Krieg gab es keine
01
Militärparade am Siegestag. Ende
I N F O
Veteranen 2015
Kategorie
Noch
lebend
Veteranen (Soldaten)
163 512
Kriegsinvaliden (Soldaten)
45 381
Witwen von Veteranen
165 408
Witwen von Kriegsinvaliden
165 480
Überlebende der Blockade
Leningrads
131 201
Minderjährige Lagergefangene 150 128
Volljährige Lagergefangene
und Kriegsarbeiter
Kontakte-Kontakty aus Berlin. Die
private Initiative setzt sich seit dem
Jahr 2003 für eine offizielle Anerkennung und Entschädigung der
Kriegsgefangenen ein. „Der Ausgangspunkt für unser Engagement
war die sogenannte Zwangsarbeiterentschädigung“, erklärt Radczuweit. Im Jahr 2000 hatte die Bundesregierung die Stiftung Erinnerung,
Verantwortung, Zukunft (EVZ)
ins Leben gerufen, um ehemalige
Zwangsarbeiter zu entschädigen.
„Das hatte sich in Windeseile
unter den Überlebenden in Russland und den ehemaligen sow-
jetischen Republiken herumgesprochen“, sagt der 74-Jährige.
„Alle Betroffenen stellten Anträge.“ Tausende alter Männer zwischen Taiga und Kaukasus schrieben damals ihre Erinnerungen an
ihre Zeit in deutschen Lagern nieder und besorgten Archivbelege.
Rund 20 000 Anträge gingen bei
der Stiftung EVZ und ihren Partnerorganisationen ein. Die Hoffnung auf eine offizielle Anerkennung des Unrechts durch Deutschland war groß. Umso größer war
die Enttäuschung, als Monate
später die Antwort kam: „Kriegsgefangenschaft begründet keine
Leistungsberechtigung.“
Nach dem Stiftungsgesetz wurden nur zivile Zwangsarbeiter
entschädigt – die sowjetischen
Kriegsgefangenen gingen leer aus.
Dieser Bescheid sei für die hochbetagten Kriegsopfer eine tiefe Kränkung gewesen, erzählt Radczuweit.
„Viele haben uns geschrieben, dass
sei der letzte deutsche Fußtritt
ihres Lebens gewesen.“
Die Verweigerung einer offiziellen
Anerkennung des Leids der gefangenen sowjetischen Soldaten hat seit
dem Ende des Zweiten Weltkrieges
Tradition in Deutschland. Jahrzehntelang weigerte sich die Bundesregierung, Entschädigung zu zahlen.
Das Argument: Die Sowjetunion
habe 1953 auf weitere Reparationen
aus Deutschland verzichtet, und mit
dem Zwei-plus-Vier-Vertrag aus
waralbum.ru
Wassilij Buchtin war 19 Jahre alt,
als er im September 1941 als Soldat
in einen deutschen Kessel geriet.
Ab da begann sein Leidensweg:
Deportation, Hunger, Prügel und
vier Jahre schwerste Zwangsarbeit
in Deutschland. „Das Schlimmste
ist, dass ich bis heute vom Krieg
träume und zwar fast immer von
der Gefangenschaft“, erinnert sich
Buchtin in einem Brief. „Meine
Familie sagt mir, dass ich jede
Nacht vor Angst schreie.“
Dieses Schicksal steht stellvertretend für das Martyrium von 5,7
Millionen sowjetischen Soldaten,
die im Zweiten Weltkrieg in deutsche Gefangenschaft gerieten. Die
Führung der Wehrmacht betrachtete die Rotarmisten als slawische
Untermenschen und verweigerte
ihnen, anders als den westalliier-
Rechtzeitig zum 70. Jahrestag des
Kriegsendes liegen dem Bundestag nun seit Februar dieses Jahres
zwei Anträge der Grünen beziehungsweise der Linken vor. Beide
Parteien wollen die noch lebenden
Opfer entschädigen, die Grünen
mit 2500 Euro, die Linken mit 7500
Euro. „Ich glaube nicht, dass das
ein große Chance hat“, sagt dazu
Eberhard Radczuweit, der im Jahr
2006 eine eigene Petition an den
Bundestag zur Anerkennung des an
den Kriegsgefangenen begangenen
Unrechts richtete. Die deutsche
„Realpolitik“ wolle keinen Präzendenzfall schaffen. „Wenn wir den
Russen was geben, kommen noch
die Serben und sonstwer mit Forderungen“, so würde jenseits der
öffentlichkeit argmentiert.
Tatsächlich verweigert die Unions-Fraktion dem Gesetzesvorhaben bisher ihre Zustimmung.
Die Fraktionssprecherin für Menschenrechte der CDU, Erika Steinbach, sieht gar Moskau in der
Pflicht, die Kriegsgefangenen zu
entschädigen – immerhin seien
sie in der Sowjetunion selbst Opfer
von Verfolgungen gewesen.
Dass Bundespräsident Gauck
zuletzt die deutschen Verbrechen
an den sowjetischen Kriegsgefangenen aufgriff, habe ihn „angenehm
überrascht“, sagt Radczuweit. Das
könne er nun in seinem Streit um
Wiedergutmachung zitieren. Währenddessen läuft die Zeit für eine
Anerkennung ihres Leids ab – die
letzten Überlebenden sterben, die
Jüngsten sind heute um die 90
Jahre alt. Nach Schätzungen leben
von ihnen nur noch 3000.
1 678 100
Quelle: Russisches Ministerium für Arbeit
1947 schaffte Stalin den 9. Mai dann
ganz als Feiertag ab. Über die Gründe wird noch heute gemutmaßt: Sei
es, weil zu viel Urlaub die Planwirtschaft bremste, oder weil man sich
doch lieber der Zukunft zuwenden
wollte, wie die Partei beteuerte.
Oder war hier wieder Stalins legendäre Paranoia am Werk: Zu viel
Ehre könnte die Rotarmisten auf
falsche Gedanken bringen. Würden
die siegreichen Soldaten nun auch
Mitsprache beim Wiederaufbau des
Landes einfordern? Vielleicht war
es Stalin auch unangenehm, an den
Preis des Sieges erinnert zu werden:
1946 räumte er nur sieben Millionen sowjetische Kriegstote ein. Erst
Anfang der 1960er Jahre näherte
sich der Kreml der heute akzeptierten Zahl von 27 Millionen an.
So kam es, dass in den ersten Jahren nach Kriegsende am 9. Mai nur
Ehrensalven vom Sieg kündeten, am
Ende eines gewöhnlichen Arbeitstags. Militärparaden über den Roten
Platz gab es dafür stets am 1. Mai,
dem Tag der Arbeit, und vor allem
am 7. November, an dem in der ganzen Sowjetzeit die kommunistische
Revolution gefeiert wurde.
Erst 1965 erhob der frischgebackene Staatschef Leonid Breschnew
den Tag des Sieges wieder zum
arbeitsfreien Tag. Die Kehrtwen-
de war beeindruckend: Zu diesem
Anlass machte man den Ehrentitel
„Heldenstadt“ offiziell und veranstaltete am 9. Mai in Moskau eine
gigantische Militärparade, im Maßstab vergleichbar mit der originalen Siegesparade am 24. Juni 1945,
an der über 30 000 Soldaten und
fast 2000 Fahrzeuge teilgenommen
haben sollen. Dem frischgebackenen Staatschef Breschnew sei es
vor allem um Prestige gegangen:
das eigene, das der Partei und der
UdSSR in der Welt, so eine gängige Deutung. Wieso nicht die Welt
mitten in der Hochphase des Kalten
Kriegs wieder daran erinnern, wem
der Sieg über den Faschismus vor
damals 20 Jahren zu verdanken sei?
Was auch immer Breschnew bewegt
haben mag, dem heutigen KremlHerrscher scheinen solche Überlegungen nicht fremd. Präsident Putin
wird zumindest nicht müde, „Russlands Kraft und moralische Autorität“ an die korrekte Erinnerung
an den Sieg der UdSSR über Nazideutschland zu binden. Zumindest
dann, wenn er beides vom Westen
bedroht sieht. Die kommende Parade über den Roten Platz wird mit
15 000 Soldaten und 200 Fahrzeugen wohl die größte nach 1985. Im
Vergleich zu Breschnews Ausrufezeichen von 1965 zeigt man sich
damit freilich eher zurückhaltend.
Bojan Krstulovic
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Nr. 9 (400) MAI 2015
70 JAHRE KRIEGSENDE
RIA Novosti
Ein neuer Tag
03
Russische Juden feiern dieses Jahr den
Tag des Sieges am 15. Mai
Pessach, Purim, Jom Kippur und der Tag des Sieges - wenn es nach
dem Vize-Präsidenten des Russischen Jüdischen Kongresses geht, soll
der 9. Mai zukünftig neben den traditionellen religiösen Feiertagen
im jüdischen Kalender stehen. Damit will man der Roten Armee für
die Rettung der Juden danken.
Von Maria Galland
Ein göttliches Wunder nennt German Sacharjaew, Vize-Präsident
des Russischen Jüdischen Kongresses, den Sieg der Roten Armee
am 9. Mai 1945 über HitlerDeutschland. „Wenn es den Sieg
der Roten Armee über Hitler nicht
gegeben hätte, so würde das jüdische Volk heute nicht mehr existieren.“ Die Befreiung der Juden
durch die Rote Armee sei ebenso
Befreiung
»derDieJuden
durch die
Rote Armee ist ein
göttliches Wunder.
ein Wunder Gottes wie die Rettung des jüdischen Volkes durch
den Auszug aus Ägypten, das die
Juden mit dem Pessach-Fest im
Monat Nisan begehen.
Ein göttliches Wunder braucht
es, um einen neuen Feiertag im
jüdischen Kalender, der seit Jahr-
hunderten nicht mehr geändert
wurde, einzubringen. Bereits im
letzten Jahr warb Sacharjaew bei
den ranghöchsten israelischen und
europäischen Rabbinern dafür, den
Tag des Sieges als Tag der „Rettung und Befreiung“ in den jüdischen Kalender aufzunehmen.
Man habe die Zusage bekommen,
den 9. Mai, der 1945 auf den 26.
Ijjar 5705 im jüdischen Kalender
fiel, als religösen Feiertag zu begehen, erklärt Sacharjaew. Laut dem
jüdischen Kalender läuft aktuell
das Jahr 5775, in dem der 26. Ijjar
auf den 15. Mai fällt.
Auf Anfrage der MDZ bei der
Orthodoxen Rabbinerkonferenz
in Deutschland und der Europäischen Rabbinerkonferenz in
Brüssel wusste man noch nichts
von dem neuen Feiertag in dem
jüdischen Kalender. Sacharjaew
erklärt dies dadurch, dass es kein
offizielles Organ gebe, das die Aufnahme des Feiertages durchsetzen
könne. Jede jüdische Gemeinde
entscheide selbst, ob sie den Fei-
РЕКЛАМА
H I E R
Ein Rabbiner beim diesjährigen Pessach-Fest in Welikij Nowgorod.
ertag begehe oder nicht. Von einer
offiziellen Änderung des Kalenders
kann also nicht die Rede sein, derzeit beschränkt sich die Initiative
auf die Aktionen ihrer Unterstützer. „Obwohl viele Juden gegen
die Nazis gekämpft haben und
unser Volk unglaublich unter dem
Faschismus gelitten hat, feiert in
Israel außer den russischen Veteranen niemand den 9. Mai. Uns
ist wichtig, dass auch die zukünftigen Generationen an diesen für
die Juden bedeutenden Tag gedenken,“ so Sacharjaew.
Für die sowjetischen Juden sei
der 9. Mai nicht nur ein Tag des
Sieges über Hitler-Deutschland,
W E R D E N
S I E
sondern vor allem auch der Tag
des Überlebens, sagt Alla Gerber,
die Co-Vorsitzende des Russischen
Forschungs- und Bildungszentrums „Holocaust“. „Der 9. Mai hat
den Juden das Leben geschenkt.“
Mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht am 22. Juni
1941 begann auch der Holocaust
an den sowjetischen Juden. 2,8
Millionen wurden zwischen 1941
und 1943 auf sowjetischem Gebiet
ermordet. „Anders als in Europa
wurden die Juden in den Sowjetrepubliken größtenteils nicht in
Lager gebracht, sondern direkt auf
der Stelle erschossen“, sagt Gerber. Die Morde wurden überwie-
F Ü N D I G !
gend in Wäldern, Tälern und verlassenen Gebäuden durchgeführt.
In den Reihen der Roten Armee
kämpften rund eine halbe Millionen Juden. 20 000 ließen im Krieg
ihr Leben. Zahlreiche sowjetische
Juden schlossen sich den Partisanenkämpfern an und nahmen 1945
an der Schlacht um Berlin teil.
Für die Feier zum Gedenken an
den Tag des Sieges am 26. Ijjar (15.
Mai) sind eine wissenschaftliche
Konferenz zum Thema „Der Sieg
als historisches Ereignis im Leben
des jüdischen Volkes“ sowie russlandweite Gedenkveranstaltungen
mit Kriegsveteranen geplant, so
Sacharjaew.
04
70 JAHRE KRIEGSENDE
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Nr. 9 (400) MAI 2015
Museum für dekorative angewandte Kunst Moskau
RIA Novosti Archive
Soldaten der Roten Armee verteidigten
Moskau gegen die Angriffe der deutschen Luftwaffe.
Moskau vor der Aufgabe
In der Metrostation Majakowskaja
kamen während der Luftangriffe
tausende Menschen unter.
Wie die russische Hauptstadt die Deutschen abwehrte
Von Maria Galland
Der 16. Oktober 1941 ist ein
schwarzer Tag für Moskau. „Lange
Schlangen vor den Läden, Lebensmittel werden für den ganzen
Monat ausgegeben, bedrückende Stimmung, Frauengeschrei.
Die Metro steht seit dem Morgen still“, schreibt der russische
Schriftsteller Nikolaj Werschbizkij an diesem verschneiten Donnerstag in sein Tagebuch. Am
frühen Morgen hat das Staatliche Verteidigungskomitee der
Sowjetunion die Evakuierung der
Hauptstadt verkündet. Bereits seit
Juli fliegt die deutsche Luftwaffe
Angriffe auf Moskau. Gerüchte,
die Stadt sei nicht mehr zu halten und Stalin befinde sich bereits
außerhalb der Stadt, machen die
Runde. Schulen, Krankenhäuser
und Fabriken bleiben geschlossen. Verwundete Soldaten kehren
von der Front zurück, Plünderer
wüten in den Geschäften, eini-
CH
EFRE
DER B
RONIK
Zeugnisse der Verblendung
und ihrer Folgen. Aus der
Feldpost deutscher Soldaten
an der Ostfront.
IUNG
ge werden sofort erschossen. In
Scharen fliehen die Menschen in
Richtung Osten des Landes. Eine
Millionenstadt im Ausnahmezustand: Die Regierung lässt wichtige Dokumente verbrennen, deren
Asche sich in den Schneewolken
verliert. „Schwarzer Schnee fällt
vom Himmel“, berichten Zeitzeugen. Einige aufgebrachte Bewohner pilgern zu den Mauern des
Kremls. Man will Moskau verteidigen, hofft auf Stalin. Aber
die Regierung schweigt. Außer
dem Befehl zur Evakuierung kein
Kommentar. Erst als am 19. Oktober der Belagerungszustand der
Hauptstadt ausgerufen und deutlich wird, dass die Regierung noch
in der Stadt ist, kehrt wieder Ruhe
ein. Militärische Patrouillen kontrollieren die Straßen, die Evakuierung wird in geregelten Bahnen
fortgeführt. 2,5 Millionen Bewohner verlassen bis Anfang Dezember die Stadt.
den Deutschen die Luftangriffe zu
erschweren, verkleidete man das
Stadtzentrum: Große Plätze und
Straßen wurden bemalt, damit sie
von oben wie Häuser aussahen.
Den goldenen Kuppeln der orthodoxen Kirchen wurde mit grüner
Farbe ihre Strahlkraft genommen.
Die Kremlmauern wurden mit
gemalten Bäumen getarnt.
Trotz der Bombardierungen
und der Kämpfe vor der Stadt
ging das Leben in der Hauptstadt
in mehr oder weniger geregelten
Bahnen weiter. Es wurde kurzerhand unter die Erde verlegt. Zentraler Fluchtpunkt während der
Luftangriffe sowohl für die Regierung als auch für die Bevölkerung
war die Metro, die mit ihren bis zu
Die Hauptstadt im
Belagerungszustand
„Man war durchaus für den Ernstfall, Moskau aufzugeben, vorbereitet“, erklärt der Moskauer Historiker Michail Mjakow von der
Diplomatenhochschule MGIMO.
Bereits im Juli waren wichtige
Dokumente, die Schätze aus dem
Kreml und sogar der Leichnam
Lenins evakuiert worden. Gebäude, Brücken, Straßen und Metrostationen wurden vermint. Um
1941
Ich sage voraus, daß in vier bis
fünf Wochen die Hakenkreuzfahne
auf dem Kreml in Moskau wehen
wird, daß wir noch in diesem Jahr
im Anschluß an Rußland uns den
Tommy vorknüpfen werden. Es ist
ja schließlich kein Geheimnis, wie,
ob und daß man in vier Wochen
mit unserer unschlagbaren Wehrmacht nach Moskau kommt ...
Feuer, Pulver, Eisen, Bomben und
Granaten, das alles dem Russen an
84 Meter tiefen und während ihres
Baus eigens hierfür ausgerichteten Stationen ein idealer Schutzbunker war. Bereits vor der kritischen Phase im Oktober flüchteten in den Sommermonaten
während der Luftangriffe bis zu
2,8 Millionen Menschen hierher.
Rund 40 000 Moskauer konnte
allein die in Kremlnähe gelegene
Metrostation Ploschtschad Revoluzii aufnehmen. Betten wurden
aufgestellt und die Schienen mit
Holzbrettern versehen, auf denen
weitere Menschen Platz fanden.
An mehreren Stationen wurden
medizinische Versorgungspunkte
und für die Unterhaltung Bibliotheken und Kinos eingerichtet.
Ein moralischer
Wendepunkt
historic.ru
Einen Monat nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht
auf die Sowjetunion am 22.
Juni 1941 begann die deutsche
Luftwaffe mit der Bombardierung Moskaus. Bis Januar 1942
verteidigten die Rote Armee und
Arbeiterbataillone die russische
Hauptstadt erbittert gegen das
Vordringen der deutschen Soldaten. Der Sieg der Roten Armee
markierte einen Wendepunkt im
weiteren Kriegsverlauf.
Die Parade auf dem Roten
Platz am 7. November 1941.
den Kopf, das genügt, um ihn den
„schnellsten“ Soldaten der Welt
zu nennen.
1942
Es ist bestimmt der letzte Kriegssommer und ich glaube auch nicht,
dass es noch einen Kriegswinter
in Russland gibt. Wir werden und
müssen siegen, denn sonst würde
es uns schlecht gehen. Das ausländische Judengesindel würde sich
fürchterlich am Volk rächen, denn
„Während der Massenpanik im
Oktober wusste niemand, ob Moskau noch zu halten sei“, sagt Historiker Mjakow. „Noch am 16. Oktober ließ Stalin das Politbüro zu sich
kommen. Man entschied einstimmig alles zu tun, Moskau nicht aufzugeben.“ Einen moralischen Wendepunkt markiert der 6. November.
An diesem Tag beschwor Stalin in
dem Säulensaal der Metrostation
Majakowskaja vor dem Moskauer
Stadtrat die Kampfkraft der sowjetischen Truppen. Seine Rede
wurde im ganzen Land im Radio
übertragen. Am Tag darauf wurde
früh morgens auf dem Roten Platz
trotz der Gefahr von Luftangriffen
hier sind, um der Welt endlich Ruhe
+ Frieden zu bringen, hunderttausende von Juden hingerichtet worden. Vor unserer Stadt sind auch
2 Massengräber. In einem liegen
20 000 Juden + und dem anderen
40 000 Russen ... Jedenfalls hat die
SS ganze Arbeit geleistet und man
hat ihr viel zu verdanken. Vielleicht
werden wir später mal die ganze
Größe der Zeit erfassen, vielleicht
auch nie. Aber die Geschichte wird
uns schon Antwort geben.
eine Parade anlässlich der Oktoberrevolution von 1917 durchgeführt.
Von hier marschierten die Soldaten direkt an die Front. „Sowohl
die Rede am 6. November als auch
die Parade am Tag darauf hatte
eine große moralische Bedeutung
für die Rote Armee und das ganze
Land. Hiermit zeigte man der Welt,
dass man Moskau nicht aufgeben
werde“, so Mjakow.
Mitte November sanken die
Temperaturen unter minus dreißig
Grad und erschwerten den deutschen Soldaten den Angriff. Zudem
bekamen die sowjetischen Truppen
Verstärkung von Reserveverbänden
der Roten Armee aus Sibirien, die
nach Moskau verlegt werden konnten, nachdem man durch einen
abgehörten deutschen Funkspruch
erfahren hatte, dass Japan keinen
Angriff auf die Sowjetunion plane.
Am 5. Dezember gelang der Roten
Armee der entscheidende Gegenschlag. Bereits am nächsten Tag
stellten die deutschen Truppen den
Angriff auf Moskau ein und gingen zur Verteidigung über. Knapp
einen Monat später, am 15. Januar
1942, folgte der Befehl zum Rückzug der deutschen Truppen.
Noch drei weitere Kriegsjahre
standen der Sowjetunion bevor,
doch der Sieg in der Schlacht um
Moskau war bereits ein erster Wendepunkt und ein wichtiger moralischer Motivationsfaktor im weiteren Kriegsverlauf, sagt Mjakow.
„Ohne den Sieg in Moskau hätte
es auch kein Stalingrad gegeben.“
1945
Tröste Trudel Fischer, aber sage ihr
nichts von meinen Befürchtungen!
Hier sieht es katastrophal aus, es
muß uns gelingen, Danzig zu halten
und durchzukommen oder aber per
Schiff zu entfliehen! Der Druck der
Russen ist auch hier sehr stark!
Aber wir hoffen, hoffen! Ich gestehe auch ein, daß ich schon mächtige Sehnsucht nach Euch allen habe.
Aber der Krieg ist unerbitterlich.
Mal wird Schluß sein!
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Nr. 9 (400) MAI 2015
05
70 JAHRE KRIEGSENDE
EIN
TAG
IM
LEBEN
VON ...
HEUTE:
Moskau
am 9. Mai
Tino Künzel
4:00
Vom Tschkalowskij-Militärflughafen bei Moskau steigen Propellermaschinen auf, falls die Wetterlage es erfordert. Ihre Aufgabe ist
es, sonniges Wetter am Feiertag zu
garantieren. Wolken, so vorhanden, werden je nach Formation mit
Trockeneis-Granulat, Flüssigstickstoff-Kristallen oder Zement verdichtet. Niederschläge, die auf Moskau niedergehen könnten, fallen so
bereits im Umland. Die Methode
wurde Mitte des vorigen Jahrhunderts in der Sowjetunion zunächst
für landwirtschaftliche Zwecke
entwickelt. Erstmals Schönwetter
machte man damit bei Olympia
1980 in Moskau. In neuerer Zeit
leistet sich die Stadt den blauen Himmel auf Bestellung gleich
mehrfach pro Jahr. Allerdings ist
das ein teures Vergnügen: 2015
kosten vier Tage „Regenschirm“
am 9. Mai (Siegestag), am 24. Mai
(Slawischer Schrifttums- und Kulturtag), am 12. Juni (Unabhängigkeitstag) und am 5. September
(Stadtgeburtstag) rund 430 Millionen Rubel, umgerechnet mehr als
sieben Millionen Euro.
7:00
Auf dem Chodynskoje-Feld, in
sechs Kilometern Entfernung vom
Kreml, setzt sich eine Kolonne mit
historischer und aktueller Artillerie Richtung Innenstadt in Bewegung, wo sie an der Militärparade teilnehmen wird. Schaulustige
können entlang der Route einen
Blick auf die Waffen werfen, etwa
am Leningrader Prospekt und der
Twerskaja Uliza (mit Ausnahme
des abgesperrten letzten Teilstücks
zwischen Puschkin- und Manegeplatz) oder auch – auf dem Rückweg nach der Parade – auf dem
Neuen Arbat und dem Gartenring.
9:00
Der Unterhaltungssender STS
unterbricht sein morgendliches
Kinderprogramm und zeigt zwischen diversen Zeichentrickserien
eine Dokumentation über die Siegesparade vom 24. Juni 1945 auf
dem Roten Platz. Der 19 Minuten
lange Streifen von 1945 war eine
der ersten Farbproduktionen in
der Sowjetunion, gedreht mit Hilfe
einer Kriegstrophäe: Agfa-Film, in
Deutschland erbeutet.
10:00
Die traditionelle Militärparade auf
dem Roten Platz. Fast 200 Fahrzeuge, darunter neueste Panzertechnik aus Vorserienfertigung, mehr
als 140 Flugzeuge und rund 15 000
Soldaten werden diesmal aufgeboten. Zutritt haben allerdings
nur geladene Gäste: Kriegsveteranen, Politiker (einige Staatschefs
Wenn Gedenken auf Lebensfreude trifft: der russische Siegestag.
auch aus der EU), Regierungsbeamte, Abgeordnete, Gouverneure.
Deutschland wird von Botschafter
Rüdiger von Fritsch vertreten. Das
russische Staatsfernsehen überträgt die etwa eine Stunde dauernde Parade live. In Moskau kann sie
verschiedentlich auch auf Leinwänden verfolgt werden.
11:00
Der Gorki-Park, 1941 und 1942
von der deutschen Luftwaffe bombardiert, richtet den ganzen Tag,
von 11 bis 18 Uhr, Geländespiele
nach sowjetischer Manier für Kinder aus. Treffpunkt ist das Kino
Pionier. Ältere können ab 14 Uhr
auf dem Tanzparkett an der Zentralen Allee kostenlos Tänze der
40er Jahre erlernen. Ebenfalls ab
14 Uhr steht am Kino Pionier ein
Mikrofon für Veteranen bereit,
die ihre Geschichten vom Krieg
erzählen wollen.
13:00
200 Veranstaltungen finden am
9. Mai unter der Regie der Stadt
statt. Und noch einmal 2000 verantworten die Stadtbezirke. Den
Auftakt für die Feierlichkeiten bildet um 13 Uhr auf allen Bühnen
der berühmte Schlager „Siegestag“
(Den pobedy) von 1975: „Das ist
ein Festtag mit ergrauten Schläfen,
das ist Freude mit Tränen in den
Augen.“
13:15
An so einem Tag steht Russland bei
der Eishockey-WM in Tschechien
besonders in der Pflicht. Das Grup-
I N F O
Das Leben – vorher und nachher
Am 9. Mai kann im MoskauMuseum (Subowskij-Boulevard 2,
Metrostation Park Kultury) die
Ausstellung „Stadt der Sieger“
besichtigt werden. Sie ist den
Moskauern von 1941 gewidmet,
dem Jahr des Kriegsbeginns mit
Deutschland, und verfolgt weiter, wie sich ihr Leben damit für
immer veränderte. Grundlage
sind Erinnerungen von Veteranen
und ihrer Nachfahren.
Die Ausstellung (8. Mai - 6.
Dezember, 10 bis 20 Uhr, Eintritt
200 Rubel) soll laut Museum
zeigen, dass jeder Krieg eine
„furchtbare Tragödie im Leben
eines Menschen“ ist, „unabhängig von Nationalität, Konfession
und politischen Ansichten“.
penspiel gegen Weißrussland kann
in Moskau in zahlreichen Sportbars angeschaut werden, zum Beispiel in der Radio City Bar im Hotel
Peking auf dem Triumphplatz.
14:00
Am Weißrussischen Bahnhof
beginnt in Erinnerung an die Kriegsgeneration ein Gedenkmarsch
zum Roten Platz. Dafür haben sich
vorab bereits über 180 000 Menschen im Internet gemeldet. Die
Aktion heißt „Unsterbliches Regiment“ und wurde 2012 im sibirischen Tomsk erstmalig durchgeführt. Dabei tragen Nachfahren
von Frontsoldaten, Partisanen,
KZ-Häftlingen oder auch Aktivisten des Hinterlands Transparente
mit den Porträts ihrer Angehörigen
durch die Straßen. Parallel dazu
können auf moypolk.ru Fotos und
Biografien der Veteranen hochgeladen werden. Gegenwärtig umfasst
die Datenbank 210 000 Schicksale.
14:30
17:30
Show der Kreml-Reitschule im Siegespark, der neben dem TwerskojBoulevard, dem Puschkinplatz und
den Fußgängerzonen im Moskauer
Zentrum zu den Hauptschauplätzen der Feierlichkeiten gehört.
18:00
Der Eremitage-Garten will mit
einem Ball unter dem Titel „Um
sechs Uhr abends“ die Atmosphäre
der Maitage 1945 wiederauferstehen lassen.
18:55
Russlandweite Schweigeminute für
die Opfer des Krieges. Auch das ist
Tradition, seit der 9. Mai im Jahre
1965 zum Feiertag erklärt wurde.
Menschen fassen sich an den Händen, überall in der Stadt soll das
Ticken einer Uhr zu hören sein. Im
Fernsehen laufen währenddessen
Aufnahmen von Gedenkstätten,
untermalt mit Gedichten.
Ein Autokorso mit Oldtimern
und Kriegsveteranen endet im Silberwald (Serebrjannyj Bor), einer
Moskauer Insel, die für ihre Strände geliebt wird. Dort können die
Fahrzeuge aus der Kriegs- und
Vorkriegszeit begutachtet werden.
20:00
16:45
21:30
Der Erste Kanal des Staatsfernsehens zeigt „Die Schlacht um
Sewastopol“, eine russisch-ukrainische Koproduktion um die sowjetische Scharfschützin Ljudmila
Pawlitschenko, erst Anfang April
in den Kinos angelaufen. Der
„Kommersant“ lobte den Streifen:
Er sei in Wahrheit kein Kriegs-,
sondern ein Anti-Kriegsfilm und
das Beste, was die postsowjetische
Filmindustrie zu diesem Thema
hervorgebracht habe.
Die Fassaden des Weißrussischen
Bahnhofs und des Theaters der
russischen Armee werden zur Leinwand für Filme rund um den Krieg,
kombiniert mit Licht- und Lasereffekten. Das Spektakel ist Teil des
Festivals „Lichtkreis“ (Krug sweta).
17:00
Das unlängst restaurierte Freilichttheater im WDNCh eröffnet
seine zweite Saison mit einem
Konzert von Opernstars, die unter
Begleitung des Großen Tschaikowski-Symphonieorchesters Lieder der Kriegszeit vortragen. Der
Eintritt ist frei.
An den Patriarchenteichen erklingt
klassische Musik, die Bühne befindet sich dabei auf dem Wasser.
Werke von Komponisten wie Schostakowitsch und Prokofjew zeichnen
ein Porträt der Kriegsjahre.
22:00
Zum Abschluss lässt es Moskau
krachen: Für zehn Minuten wird
die Nacht mit einem riesigen
Feuerwerk erleuchtet. 70 Rampen
an 16 Standorten und Projektoren
stehen dafür bereit. Die beste Sicht
hat man von den Sperlingsbergen,
im Siegespark, im WDNCh und
vom 58. Stock des Wolkenkratzers
„Imperia“ in Moskau-City. Letzteres ist aber nur als Führung buchbar und kostet 2500 Rubel.
Karen Petersen, Tino Künzel
06
70 JAHRE KRIEGSENDE
Post für Angela Merkel
Raus von
zu Hause
Ein Ferndialog von Deutschen und Russen zum 9. Mai
Russen an die Adresse
der Deutschen
Igor
Tschepuryschkin
53 Jahre
Kinderheimleiter
Region Smolensk
Ich habe eine Glückwunschkarte
zum 9. Mai auf meinem Schreibtisch liegen. Sie ist für Angela Merkel bestimmt. Seit zwei Wochen
versuche ich, die richtigen Worte
zu finden. Ich möchte ihr erklären, wie sehr wir Frieden brauchen. Bei uns hat der Krieg keine
Familie verschont. Die Wunden
wollen einfach nicht verheilen.
Meine beiden Großväter sind
gefallen und ich weiß nicht einmal,
wo. Deshalb ist uns der Jahrestag
des Kriegsendes heilig. Am 9. Mai
werden wir meinen zweiten Enkel
taufen, der gerade sechs Monate
alt ist. Er soll nie einen Krieg erleben müssen.
Sergej Grin
35 Jahre
Museumsführer
Sotschi
Im Kunstmuseum von Sotschi, wo
ich arbeite, läuft derzeit eine Ausstellung mit dem Titel „Belagertes
Leningrad“. Sie umfasst 150 Fotos.
Eines davon hat mich mitten ins
Herz getroffen. Darauf ist zu sehen,
wie ein Kind an einer Drehmaschine Patronenhülsen schleift. Ein
Mädchen, erst acht Jahre alt. Ich
möchte die Deutschen aufrufen,
gemeinsam das Andenken aller
Toten des Krieges zu ehren und
nie zu vergessen, welche Schrecken er mit sich gebracht hat. Wir
sollten alles dafür tun, dass kommenden Generationen so etwas
erspart bleibt. Lasst uns in Frieden
und Eintracht leben!
Boris Suranow
43 Jahre
Journalist
Syktywkar
Ich verfluche alle Politiker, die
unsere Völker wieder auseinanderdividieren wollen!
Andrej Litwinow
52 Jahre
Aeroflot-Pilot
Moskau
Wir Russen hegen große Wertschätzung für die Deutschen. Eine
zivilisierte, gebildete Nation seid
ihr, mit vielen Tugenden. Mir
gefällt Deutschland sehr. Nach
dem Untergang der Sowjetunion
bin ich bei der Lufthansa in Bremen und Frankfurt auf BoeingFlugzeuge umgeschult worden.
Außerdem leben meine Schwester
und meine Mutter in Deutschland.
Unter dem Faschismus haben
nicht nur wir gelitten, sondern
auch die Deutschen. Das ist ein
Kaum neigt sich das deutschrussische Kulturjahr dem Ende
zu, beginnt ein neues Themenjahr. Unter dem Motto „70 Jahre
nach Ende des Zweiten Weltkriegs“ steht ab Juni 2015 der
deutsch-russische Jugendaustausch im Fokus.
Tino Künzel
Wer als Deutscher schon einmal den 9. Mai in Russland gefeiert hat,
der kennt diese Erfahrung: viele ausgestreckte Hände und selten –
wenn überhaupt – ein böses Wort. Wir wollten wissen, was Russen
und Deutsche einander an diesem Tag zu sagen wünschen, und haben
dazu „alte Bekannte“ aus Artikeln dieses Jahres befragt.
guter Grund, gemeinsam dagegen
aufzustehen, wenn er heute wieder
seine Fratze zeigt. Wer meint, dass
es ihn nicht betrifft oder es nur russische Propaganda ist, wenn in der
Ukraine ein Helfershelfer Hitlers
zum Nationalhelden stilisiert und
in Denkmälern verewigt wird, der
täuscht sich. Aus der Geschichte wissen wir, wie sich diese Pest
verbreitet.
Wir sind Nachbarn und sollten
die Grenzen zwischen uns durchlässiger machen. Wir wollen Handel betreiben, wollen reisen. Es
ist überfällig, zumindest die Visa
abzuschaffen, wofür sich Russland
schon lange einsetzt. Das wäre ein
Anfang.
Sergej
Parchomenko
51 Jahre
Publizist
Moskau
Auch wenn dem Ende des Zweiten
Weltkriegs in Russland und Europa
an zwei unterschiedlichen Tagen
gedacht wird, handelt es sich doch
um einen gemeinsamen Feiertag. Wir feiern am 8. und 9. Mai
nicht den Sieg einer Nation über
eine andere, sondern den Sieg der
Antifaschisten über den Faschismus. Doch in Russland hat sich
das Gedenken an das Kriegsende
seit der Annexion der Krim verändert. Militarismus und Propaganda beeinflussen die Erinnerung
an den Großen Vaterländischen
Krieg. Deshalb möchte ich meinen
deutschen Freunden sagen: Habt
etwas Geduld. Das geht vorbei. Das
Gedenken an das Ende des Zweiten
Weltkriegs wird irgendwann einmal wieder ein gemeinsamer Feiertag für Europa und Russland sein,
bei dem wir gemeinsam mit Stolz
derer gedenken, die daran beteiligt
waren.
Deutsche an die
Adresse der Russen
Chris Helmbrecht
43 Jahre
DJ, Unternehmer
Moskau
Russland, es tut mir leid! Ich schäme mich für das, was dir meine
Großeltern und ihre Generation
angetan haben. Ich senke den Kopf
in Demut, aber du sollst wissen,
dass wir eine neue Generation von
Deutschen sind, die Frieden und
Partnerschaft wollen. Ich wünsche
mir, dass wir mehr miteinander
reden. Die Menschen von der Straße und nicht die Politiker, die ihre
eigenen Interessen vertreten. Wir
sollten zusammen aus den Fehlern
der Vergangenheit lernen.
Die Deutschen mögen Russland
und die Russen. Es gibt keinen
Hass, keine Gefahr und keinen
Angriff von unserer Seite. Das ist
Blödsinn. Vergebt uns, wenn wir
Ohne Blumenstrauß geht am 9. Mai kein Veteran nach Hause.
manchmal ein bisschen schwer
von Begriff sind. Meine Generation
will, dass wir die Probleme Europas gemeinsam anpacken. Außenstehende, wie die Amerikaner,
haben in diesem Prozess nichts zu
suchen, anders als du, liebes Russland. Dein Herz liegt in Europa, wir
gehören zusammen.
Lass uns den Karren gemeinsam
aus dem Dreck ziehen!
Dr. Rüdiger Bolz
52 Jahre
Leiter des GoetheInstituts in Moskau
Mehr als fünf Jahrzehnte beschäftigt mich in meiner wissenschaftlich-publizistischen Tätigkeit die
„Kultur des Erinnerns“ an die Zäsur
des Kriegsendes 1945. Seit Mitte
der 80er Jahre außerhalb Deutschlands arbeitend, kann ich immer
wieder registrieren, wie die in
Deutschland so offene und schonungslose Auseinandersetzung mit
den Menschheitsverbrechen der
NS-Zeit in meinen Gastländern
überaus aufmerksam registriert
worden ist: oft mit Verwunderung,
immer aber mit uneingeschränktem Respekt – insbesondere in
Ländern mit staatlich verordneter Historiographie, heroisierbaren Gesellschaften, staatstragenden Mythen, gezielt selektivem
Beschweigen.
So bin ich im Moment des
Innehaltens und Nachdenkens
unendlich dankbar für die Tage
der Befreiung 1945, aber auch für
die mühsam erworbene, ehrliche,
selbstkritische „Kultur des Erinnerns“ in Deutschland.
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Nr. 9 (400) MAI 2015
Für den 71. Jahrestag des Kriegsendes im Jahr 2016 wünsche ich
mir von Herzen eine Gedenkveranstaltung mit einem glaubhaften Dur-Akkord, das heißt mit
einem optimistischen Blick in die
Zukunft.
Maria Fomina
17 Jahre
Schülerin
Moskau
Ich frage mich oft, wie die Jugend
in Moskau das kolossale Tempo
der russischen Hauptstadt aushält.
Einen Teil der Antwort auf diese
Frage habe ich neulich in meinem
Geschichtsbuch gefunden. Es war
der Zweite Weltkrieg, der das
wahre Gesicht der sowjetischen
Bürger zum Vorschein kommen ließ und bis heute den russischen Geist prägt. Dieser Krieg
hat gezeigt, wie willensstark, aufopferungsvoll und patriotisch die
Menschen damals waren. Und sie
sind es auch heute noch.
Deshalb dürfen junge Russen selbst in schweren Zeiten
nie vergessen, dass sie als Enkel
ihrer Großeltern gleichzeitig die
Nachfahren von Siegern sind.
Ich wünsche mir, dass jeder
von ihnen trotz vollem Terminkalender die Zeit finden kann,
sich mit Familie, Freunden und
anderen Mitbürgern zusammenfinden und über die Vergangenheit zu sprechen. Denn nur wer
sich erinnert und es schafft, den
Stolz für seine Nation durch den
hektischen Alltag zu tragen, kann
zu einer glücklichen Zukunft des
Landes beitragen.
Die Stiftung Deutsch-Russischer
Jugendaustausch wurde 2006 von
der Bundesregierung und anderen Partnern gegründet. Seitdem
haben rund 100 000 Jugendliche an
den Begegnungen teilgenommen.
Was lernt man dabei? „Deutsche
Jugendliche fahren oft mit Schuldgefühlen nach Russland, sie wissen nicht, ob man ihnen Vorwürfe
macht“, erzählt Robert Werner,
Geschäftsführer der djo – Deutsche Jugend in Europa. Meist seien
sie dann überrascht, wie entspannt
damit umgegangen werde. Das
Thema sei wichtig, aber nur eines
von vielen. Vor allem merke man,
dass es bei all den Unterschieden
viele Gemeinsamkeiten gebe.
Nun sollen bei einem Themenjahr unter dem Titel „70 Jahre nach
Ende des Zweiten Weltkriegs“
deutsche und russische Organisationen ermutigt werden, in ihren
Begegnungsprojekten historische
Themen aufzugreifen. Veranstalter des Jahrs sind die Stiftung
Deutsch-Russischer Jugendaustausch und auf russischer Seite
das Nationale Koordinierungsbüro für den Jugendaustausch mit
Deutschland.
Den Auftakt bildet ein bilaterales Eröffnungsseminar im
Deutsch-Russischen Jugendzentrum in Moskau vom 4. bis 8. Juni.
Inhaltlich sollen bei künftigen
Projekten die Unterschiede in den
Erinnerungskulturen beider Länder im Vordergrund stehen. Diese
lägen, so die Veranstalter, nicht
nur oberflächlich in den Perspektiven „Sieger und Besiegte“,
sondern hätten auch eine große
Bedeutung für die Identitätsstiftung der jeweiligen Nation.
Julia Weihs
Umstrittene
Friedenstaube
Das Emblem der
Feierlichkeiten
zum 9. Mai hat
eine Friedenstaube auf blauem Grund als
zentrales Motiv.
Sie ersetzt den
Orden des Großen Vaterländischen Krieges,
der zusammen mit Sowjetstern und
Siegesbanner noch im vorigen Jahr
das Logo ausmachte. Der überarbeitete Entwurf soll aus der Informationsabteilung des Präsidenten
stammen und erntete prompt Kritik
von Traditionalisten. So protestierten die „Kommunisten Russlands“,
die Friedenstaube sei das ganz falsche Symbol. Mit dem Faschismus
könne es keinen Frieden geben. tk
07
Die Trümpfe in der
Materialschlacht
waralbum.ru
70 JAHRE KRIEGSENDE
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Nr. 9 (400) MAI 2015
Diese Waffen brachten die Kriegswende
Es waren nicht nur die Menschen, härter als Kruppstahl, zäher als
Leder, wenn man im Bild bleiben möchte. Die Rote Armee war der
Wehrmacht auch materiell zunehmend überlegen, oft quantitativ,
bisweilen auch qualitativ. Welches Kriegsgerät hat dabei besonders
Geschichte geschrieben?
Maschinengewehr
PPSch
Die berühmteste Handfeuerwaffe der Sowjetarmee wurde erst
1947 konstruiert und 1949 in
Dienst gestellt. Für die nach ihrem
Schöpfer benannte Kalaschnikow
oder AK-47 kam er Krieg also zu
früh. Doch die sowjetische Infanterie war auch so bestens versorgt.
Ein halbes Jahr vor Kriegsausbruch wurde sie mit einem neuen
Maschinengewehr namens PPSch
ausgerüstet, das „Sch“ stand für
den Konstrukteur Georgij Schpagin. Die 7,62-Millimeter-Waffe
war einfach, billig und äußerst
zuverlässig, was zum einen ihren
Einsatz unter den schwierigsten
Bedingungen ermöglichte und
zum anderen dafür sorgte, dass
es an vielen Standorten hergestellt
werden konnte, weil das keine
hochkomplizierte Technik erforderte. Binnen vier Jahren lieferte
die Rüstungsindustrie 5,4 Millionen PPSch aus.
Die Wartung der Waffe war so
simpel wie die Ausbildung der Soldaten: Sie ließ sich in lediglich fünf
Teile zerlegen.
Raketenwerfer
Katjuscha
die Rote Armee übergeben und im
Sommer 1941 erstmals im Kampf
eingesetzt. Die Katjuscha hieß bei
den Deutschen „Stalinorgel“ und
war in der Lage, binnen Sekunden Dutzende Raketen abzufeuern. Damit konnten in kurzer Zeit
große Flächen sturmreif geschossen werden. Als Faustregel galt,
dass eine Salve einen Hektar
„befriedet“. Weniger brauchbar
war das System gegen Befestigungen wie Bunker. Dafür
reichte seine Schlagkraft
nicht aus. Als Lafette dienten den Katjuschas LKWs
wie der amerikanische Studebaker US 6, der im Rahmen
des Lend-Lease-Programms in
die Sowjetunion gelangt war.
Lastkraftwagen
GAS-AA
Es dürfte nicht oft vorkommen
auf der Welt, dass ein Lkw das
meistproduzierte Fahrzeug
in einem bestimmten
Zeitraum ist. Dem GASAA ist das gelungen. Kein
sowjetisches Auto wurde in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts öfter produziert. Vom „Polutorka“, dem „Halbtonner“, liefen rund eine Million Exemplare
in Gorki, dem heutigen Nischnij
Nowgorod, vom Band. Sein Wiederkennungswert ist deshalb bis
in unsere Tage hoch.
Vorläufer des GAS-AA war der
Ford AA, der noch in den 20er
Jahren seine Markteinführung
erlebte. Die sowjetische Variante
1zoom.ru
Unter der Typenbezeichnung
BM-13 wurde dieses Artilleriesystem am Vorabend des deutschen
Überfalls auf die Sowjetunion an
Schrecken der deutschen Landser: die Il-2 „Schturmowik“.
warwall.ru (2)
Manchen wird es überraschen,
aber die Il-2 „Schturmowik“
existierte wirklich und war
keine Erfindung russischer Softwareprofis, die 2001 das gleichnamige Computerspiel auf den
Markt brachten. Es wurde vielfach preisgekrönt und war damit
auf seine Art ähnlich erfolgreich
wie das Original.
Die Il-2 verdiente sich im Krieg
den Zweitnamen „fliegender Panzer“. Die Landser der Wehrmacht
nannten ihn auch „Schlächter“
oder „Fleischwolf“. Aus ihnen
sprach der Schrecken, den das
Bodenkampfflugzeug bei seinen
Angriffen aus geringer Höhe zu
verbreiten wusste. Für Fahrzeug- und Marschkolonnen hatte
das verheerende Folgen, denn
gewöhnliches Abwehrfeuer konnte der Iljuschin kaum etwas anhaben. Gelangte sie hinter die FlakLinie, war die Maschine praktisch
unverwundbar und kam dem
Feind deshalb so nahe, dass sie im
Tiefflug angeblich sogar die Köpfe
von Soldaten rasiert haben soll.
Die hervorragende Panzerung
zählte zu den großen Vorzügen
der Il-2, wobei sie kein nachträgliches „Extra“, sondern einen direkten Bestandteil der Konstruktion darstellte. Effektiv geschützt
waren die Pilotenkanzel,
der Motor und die Treibstofftanks. Wurde das
Flugzeug an den Tragflächen oder am Heck getroffen, schaffte sie es meist trotzdem bis zum nächstgelegenen
Flugplatz.
Bezahlt wurde die Sicherheit
mit einem relativ hohen Gewicht.
Daraus folgten eine geringe Beladung an Bomben sowie eine relativ niedrige Geschwindigkeit und
Reichweite. Das scheint jedoch
trotzdem ein guter Kompromiss gewesen zu sein, denn mit
36 000 Stück gehörte die Il-2 zu
den meistgebauten Flugzeugen
des Zweiten Weltkriegs. Ab 1943
profitierte sie noch einmal von
der Einführung von Kassetten-
bomben. Musste der Angriff auf
Panzer bis dahin im Sturzflug
erfolgen, was nicht unbedingt
eine Stärke des „Schturmowik“
war, konnten die Bomben nun im
Horizontalflug abgeworfen werden. Das senkte die Gefahr von
Verlusten erheblich.
Rostech
Kampfflugzeug
Iljuschin Il-2
Von Tino Künzel
Raketenhagel vom LKW: Katjuscha.
Der T-34 hatte viele Stärken und Schwächen.
war konstruktiv nicht identisch,
sondern wurde in verschiedener Weise an die Bedingungen
angepasst, unter anderem davon
betroffen waren Reifen und Lenkrad. Bis 1934 bestand die Fahrerkabine aus Holz, danach wurde sie
aus Metall gefertigt.
Auch als Militärfahrzeug war
der GAS-AA allgegenwärtig und
bewährte sich selbst im GelänNoch bis in die 60 Jahre war der
Lkw auf den Straßen der Sowjetunion anzutreffen
Standardpanzer
T-34
Der vielleicht größte Mythos
des Zweiten Weltkriegs. Aber wie
gut der T-34 wirklich war, darüber
gehen die Meinungen stark auseinander. Ralf Raths, der Direktor
des Deutschen Panzermuseums in
Münster, hält ihn für überschätzt.
Lobeshymnen von Seiten der
Wehrmacht seien vor allem „eine
bequeme Entschuldigung für verlorene Schlachten“.
Kein Panzer wurde während der
Kriegsjahre in so großer Stückzahl
gebaut wie der T-34. Doch von
58 000 Stück gingen 75 Prozent
verloren – eine extreme Quote.
Wiederum war die Einfachheit
der Konstruktion für den Gesamterfolg die halbe Miete. Der T-34
konnte nicht nur am laufenden
Band gefertigt, sondern auch unter
Feldbedingungen wieder instand
gesetzt werden. Er verfügte über
eine robuste Konstruktion, einen
anspruchslosen Dieselmotor,
eine solide Panzerung, eine ausgezeichnete Bewaffnung und war
bis zu 56 Kilometer pro Stunde
schnell. Dafür, so Raths, sei das
Getriebe störanfällig gewesen,
das Zielfernrohr unausgereift und
die Kommunikation erschwert. Im
Turm war es so eng, dass nur zwei
Personen Platz fanden, was für
den Kommandeur bedeutete, dass
er die Kanone selbst nachladen
musste und entsprechend abgelenkt war. Funkgeräte, mit denen
sich die Besatzung untereinander
verständigen konnte, fehlten.
Dabei herrschte im Panzer ein
solcher Lärm, dass eine normale
Kommunikation unmöglich war,
ganz abgesehen davon, dass sich
die Kabine durch den Dieselmotor
ungeheuer aufheizte. Befehle wurden deshalb per „Körpersprache“
übermittelt. Der Kommandeur
stand dem Fahrer buchstäblich
mit den Füßen auf der Schulter
und gab so Zeichen, wohin das
Fahrzeug zu steuern sei.
Mit der Ausbildung der Panzersoldaten habe es oft auch nicht
zum Besten gestanden, heißt es.
72 Stunden Taktikschulung im
Klassenzimmer mussten reichen.
Dass zudem meist lediglich Sichtkontakt mit den anderen Panzern
im Verband bestand, weil keine
Funkverbindung zur Verfügung
stand, kam erschwerend hinzu.
„Man fuhr halbblind ins Gefecht“,
sagt Raths.
Wenn ein T-34 getroffen wurde,
waren die Überlebenschancen für
die Besatzung gering. Nicht selten verklemmten die Ausstiegsluken. Geriet der Panzer in Brand,
bedeutete das einen besonders
qualvollen Tod.
Im Kriegsverlauf wurde der
T-34 mehrfach überarbeitet, 1944
war die modernisierte Version
T-34-85 fertig. Sie hatte im Turm
nun Platz für eine dritte Person, so
dass die Besatzung aus fünf Soldaten bestand und der Kommandeur
sich auf seine eigentlichen Aufgaben konzentrieren konnte.
Allerdings musste die Armeeführung konstatieren, dass auch
dieser T-34 dem deutschen „Panther“ in wichtigen Parametern
unterlegen war. Doch vom „Panther“ gab es letztlich weniger als
6000 Stück.
08
70 JAHRE KRIEGSENDE
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Nr. 9 (400) MAI 2015
„So etwas hat die Welt noch nicht erlebt“
Warum Biker Ilja Anossow nicht gut auf die „Nachtwölfe“ zu sprechen ist
Warum haben Sie dann die
Aktion im Blog der „Nachtwölfe“
kritisiert?
Weil es hier von Anfang an um
politische PR ging. Dafür wurde
der ganze Rummel inszeniert.
Und zwar nicht mit Blick auf den
Westen, sondern das Publikum
zu Hause. Hätten die sich nicht
im Vorfeld nicht so aufgespielt,
wären ihnen auch keine Steine in
den Weg gelegt worden.
Woher wollen Sie das wissen?
Erst vor ein paar Tagen sind
170 Biker aus Kaliningrad mit
dem dortigen Gouverneur an der
Spitze in Polen gewesen. Sie haben
an einem Denkmal für Sowjetsoldaten Blumen und Kränze niedergelegt, so wie jedes Jahr. Und
Das Entscheidende
ist, dass die „Nachtwölfe“ ein doppeltes
Spiel spielen.
zwar mit voller Unterstützung der
polnischen Seite. Daran sehen Sie,
dass es nicht die Nachfahren der
Kriegsveteranen sind, nicht russische Biker oder andere Russen, die
an der Einreise gehindert werden,
sondern ausschließlich die „Nachtwölfe“. Das hat seine Gründe.
Welche sind das für Sie?
Wenn im Westen Russophobie
existiert, so richtet sie sich zumindest nicht gegen einfache Menschen. Was auf wenig Gegenliebe
stößt, sind Strukturen aus dem
Dunstkreis der Staatsmacht. Das
ist verständlich.
Sie spielen darauf an, dass sich
die „Nachtwölfe“ offen als
Unterstützer von Präsident Putin
positioniert haben. Der Chef des
Klubs, Alexander Saldostanow,
hat 2012 sogar für Putin Wahlkampf gemacht. Bei diversen
seits brechen sie ständig irgendwelche Konflikte mit kleineren Klubs
und ihren Mitgliedern vom Zaun,
nehmen es mit den Gesetzen nicht
so genau. Saldostanow verhält sich
wie der Boss eines amerikanischen
Bikerklubs aus den Big Four (Anm.
d. Red: die „Hells Angels“, „Outlaws“, „Pagans“ und „Bandidos“),
der sein Territorium kontrollieren
will. Nur dass er als sein Territorium ganz Russland betrachtet.
Gelegenheiten zeigt man sich
gern gemeinsam, manchmal auch
auf dem Motorrad.
So etwas hat die Welt noch nicht
erlebt, das gibt es nur bei uns. Biker
sind per se unpolitisch. Sie lieben
ihre Freiheit, leben nach ihren
eigenen Gesetzen, lassen sich nicht
vereinnahmen. Dass sich jemand
freiwillig solchen Abhängigkeiten unterwirft, ist ein Novum. Die
„Nachtwölfe“ bekommen ja sogar
Fördermittel vom Staat für diverse Veranstaltungen. Das ist, als ob
Sonny Barger, der Gründer der
„Hells Angels“, mit Barack Obama
Motorrad fährt und sich als Zugabe
über Haushaltsgelder freuen darf.
Wie erklären Sie sich die staatstragende Rhetorik?
Das kann ich mir nur damit erklären, dass mit der Zeit viele Vertreter von Staat und Wirtschaft
bei den „Nachtwölfen“ Mitglied
geworden sind.
Trotzdem: Selbst wenn die
„Nachtwölfe“ mit den Mächtigen
Russlands kungeln, war das Echo
auf die geplante Tour doch völlig maßlos, speziell in Polen und
Deutschland. Warum hat man die
15 Teilnehmer nicht einfach passieren lassen, anstatt das Ganze
zur Staatsaffäre aufzublasen?
Sehr schlau war das nicht.
Stimmt, das Einreiseverbot hat den
„Nachtwölfen“ in gewisser Weise
sogar in die Hände gespielt. Vielleicht hätte man das anders lösen
können. Aber letztlich ist es natürlich das Recht eines jeden Staates,
selbst zu entscheiden, wen man ins
Land lässt und wen nicht.
„Nachtwolf" Alexander Saldostanow.
Sie mögen die Truppe schon
mal nicht, das haben wir bereits
verstanden.
So einfach ist es nicht. Die „Nachtwölfe“ haben ihre Verdienste. Sie
sind der älteste und größte Motorradklub in Russland, mit heute
5000 Mitgliedern. Saldostanow
hat in den letzten Jahren der Sowjetunion und in der Übergangszeit
viel für die Bikerbewegung getan,
dafür sind ihm alle dankbar. Keine
Ahnung, was dann später mit ihm
und dem Klub passiert ist.
In einem soeben erschienenen
Interview mit Lenta.ru wettert er
gegen „satanistische Kräfte“ aus
dem Westen und spricht davon,
die Zukunft gehöre der Theokratie. Russland könne eine geistige
Führung in der Welt übernehmen.
Er distanziert sich auch vom Bild
des „sorglosen amerikanischen
Bikers“, dem er selbst früher zu
entsprechen versucht habe. Es
sei ein Lernprozess gewesen. Der
Mann wähnt sich auf einer Mission, finden Sie nicht?
Die „Nachtwölfe“ bezeichnen sich
bereits nicht mehr als Biker, sondern als „russische Motorradfahrer“. Aber das Entscheidende ist,
dass sie ein doppeltes Spiel spielen.
Einerseits reden sie ständig von
moralischen Werten und wollen
allen ihren Willen diktieren, ander-
I M P R E S S U M
© Moskauer Deutsche Zeitung Nr. 400
Redaktionsschluss: 06. Mai 2015
Korrektur: Marina Lischtschinskaja,
Friederike Werner
Herausgeber: Olga Martens, Heinrich Martens Layout: Andrej Franzew
Design: Hans Winkler
Redaktion: Bojan Krstulovic, Chefredakteur
Olga Silantjewa, Stellv. Chefredakteurin
Tino Künzel, Maria Galland (ifa-Redakteurin),
Simon Schütt, Julia Larina (russischer Teil)
„MaWi Group“
Geschäftsführende Gesellschafterin:
Olga Martens
Anzeigen:
Tel. +7 (495) 531 6887,
[email protected]
Vertrieb:
Tel.: +7 (495) 531 6887,
[email protected]
Vertretung in Deutschland:
Natalia Kelbler ([email protected])
Die Russen brauchen ihre Dosis
Abenteuer, auch wenn sie im
Staatsapparat arbeiten.
Nein, das ist es nicht. Schauen
Sie, der Bürgermeister von London fährt U-Bahn, der Präsident
von Tschechien trinkt sein Bier
in einem Pub. In Russland kommen dir schon in jeder Kreisstadt
Beamte in superteuren Autos entgegen. Ein Luxusmotorrad unterstreicht ein weiteres Mal, wie weit
sie es gebracht haben. Das ist ein
Statussymbol wie ein Mercedes
oder Mode von Dolce & Gabbana. Samstagabend sitzen sie dann
im Klub und ruhen sich aus, mehr
steckt nicht dahinter.
Und Sie? Wie oft sitzen Sie auf
dem Motorrad?
Nach Möglichkeit jeden Tag. Ich
fahre eine Yamaha 900 Diversion,
ein Tourenmotorrad. Früher war
ich Mitglied im Motorradklub
„Free Brothers“ bei uns in Saratow.
Aber so etwas bringt Verpflichtungen mit sich, das wurde mir zu viel.
Wie war die Resonanz darauf in
Ihren Kreisen?
Geteilt. Die Meinungen zu den
„Nachtwölfen“ gehen generell
auseinander.
MIA Rossija segodnja
Herr Anossow, ist es eine gute
Idee, das Andenken der gefallenen
Soldaten mit einer Motorradtour
ehren zu wollen?
Im Prinzip ja.
Ist schon bis zum Baikal gefahren, allerdings ohne Wladimir
Putin: Ilja Anossow.
Privat
Anders als die Rote Armee 1945 kamen 15 russische Motorradfahrer,
die Ende April von Moskau nach Berlin aufbrachen und unterwegs
Kriegsgedenkstätten besuchen wollten, nur bis Brest. An der polnischen
Grenze wurden die Mitglieder des größten russischen Motorradklubs
„Nachtwölfe“ abgewiesen. Selbst schuld, meint Biker Ilja Anossow (37)
aus Saratow.
Adresse
Redaktion Moskauer Deutsche Zeitung
Deutsch-Russisches Haus,
Ul. Malaja Pirogowskaja 5, Zi. 54.
119435 Moskau, Russland
Tel. +7 (495) 531 6888
E-Mail: [email protected]
www.mdz-moskau.eu
*Ein Redakteur wird durch das Institut für Auslandsbeziehungen e.V. aus Mitteln des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland gefördert.
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Nachdruck nur mit Genehmigung. Registriert bei Roskompetschat am 14. Februar 2002, Nr. 77-11596.
Gedruckt bei AO „Krasnaja Swesda“. Choroschewskoje-Chaussee 38, 123007 Moskau. Auflage 25 000 Expl. Номер заказа 2109-2015. Газета в розницу не распространяется.
Wohin hat Sie Ihre längste Tour
geführt?
Zum Baikalsee. 2013, mit einem
Freund. Auf der Strecke sind
wir von anderen Bikern überall
herzlich aufgenommen worden.
Zwischen den Motorradklubs in
Russland herrschen freundschaftliche Beziehungen, man hilft sich
gegenseitig. Da ist etwas, worin wir
uns tatsächlich noch vom Westen
unterscheiden.
Das Interview führte Tino Künzel.
Alle auf dieser Seite publizierten Beiträge geben
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ihrer Autoren wieder.
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№9(400)
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ДОЛГОЕ ЭХО ВОЙНЫ
ГОРОД  ГЕРОЙ КНИГИ
ВИД СВЕРХУ
В Германии Вторая мировая
отражается
на третьем поколении
О немецком Леонске на Волге,
которого
никогда не было
В Южной Германии прошел
крупный фестиваль
воздухоплавателей
II
VI
V II
Lesia Kharchenko, Stiftung EVZ
Перепись поселений
Новый сайт о немцах России
Для российских немцев, испытывающих ностальгию по
местам прежнего проживания
своих предков, и вообще для
всех интересующихся историей
и культурой появился уникальный двуязычный сайт – «Реестр
немецких поселений России».
Ольга Силантьева
Хотите знать, как выглядит
Немецкий евангелическо-лютеранский молитвенный дом в
селе Александровка Омской
области? Заглянуть в бывший
дом мельника в поволжском
селе Бородаевка (Боаро) и увидеть там же типичные примеры колонистского кирпичного
домостроительства? Рассмотреть уникальные экспонаты
музейной комнаты в селе Каменка (Бер) Красноармейского района Саратовской области – диван
с деревянной резной спинкой с
встроенным зеркалом и большой
старинный сундук?
Теперь информация о поселениях, сохраняющих наследие российских немцев, представлена на
новом сайте портала RusDeutsch
www.siedlung.rusdeutsch.ru
«В 2012–2013 годах для создания реестра и получения сведений об объектах традиционного культурного наследия были
проведены научные экспедиции
в места, где компактно располагались раньше или находятся
в настоящее время поселения,
основанные немцами, – рассказывает один из авторов сайта
этнограф Татьяна Смирнова. –
Это Марксовский и Красноармейский районы Саратовской
области, Азовский немецкий
национальный район Омской
области и Немецкий национальный район Алтайского края.
Всего в ходе экспедиций было
обследовано 77 населенных
пунктов». Они сохраняют планировку поселений, традиции
застройки, имеют в составе населения выраженную долю немцев
(в Поволжье – имели ранее), там
работают учреждения и организации (музеи, школы, религиозные общины), способствующие сохранению этнической
культуры.
V
Язык Гёте-института
Наталья Ветошникова из Санкт-Петербурга, 1921 года рождения, – успешная теннисистка, мастер спорта
СССР, преподаватель немецкого. Она пережила блокаду. Ее родные умерли от голода. Ветошникова – одна
из шести выживших жертв национал-социализма, которые смотрели на жителей Берлина с 500 подсвеченных плакатов на станциях метро, остановках другого транспорта, с 38 цифровых экранов в октябре,
когда стартовала кампания «Я еще живой!» (www.ich-lebe-noch.info), и в конце января по случаю Дня
памяти жертв национал-социализма. С конца апреля реклама кампании идет на сайтах главных немецких
газет и журналов. Цель акции немецкого фонда «Память, ответственность, будущее» (EVZ) – повышение
внимания к жертвам национал-социализма в Восточной Европе и поддержка мер по сбору средств.
жешь – здесь наблюдается спад
интереса. В России последние
три года ситуация стабильна:
немецкий учат 8–9% школьников. Но с момента предыдущего
исследования показатели снизились. Пять лет назад немецкий в
стране изучали порядка 2,4 млн.
человек, сегодня – около 1,5 млн.
На 500 тысяч снизилось число
школьников, которым преподают немецкий, – до 1,1 млн.
Школы, особенно в сельской
местности, закрываются, объединяются, в городе же немецкий вытесняется английским.
Реформа высшего образования
тоже привела к закрытию или
слиянию некоторых вузов. При
этом пострадали филологи и
германисты.
VI
РЕКЛАМА
Пожертвования на жертв
15,4 миллиона человек в мире
изучают немецкий как иностранный. Почти 90% – в школе,
остальные – во взрослом возрасте. Это данные исследования
«Немецкий язык как иностранный в мире», которое проводится раз в пять лет. Результаты
очередного были представлены
в конце апреля. Его организовал МИД Германии совместно с
Гёте-институтом, Центральным
управлением зарубежных школ
и Германской службой академических обменов (DAAD).
За последние годы в более чем
половине стран из 127-ми, включенных в исследование, интерес
к немецкому вырос. В Китае –
так в два раза. О бывших странах
Советского Союза этого не ска-
II
ГЕРМАНИЯ
МОСКОВСКАЯ НЕМЕЦКАЯ ГАЗЕТА
№ 9 (400) МАЙ 2015
Война в наследство
Внуки детей 40-х годов травмированы прошлым родителей
marijan murat
После окончания Второй мировой войны в Германии насчитывалось около 9 млн. детей
– переживших голод и страх
бомбардировок, вынужденных
бежать из разрушенных домов.
Многие потеряли родителей.
Сегодня поколение, родившееся
до 1945-го, постепенно уходит,
но травма, нанесенная войной,
сохраняется у тех, кто саму ее
никогда не видел.
Глеб Казаков
Сабина Боде, автор книг
о «внуках войны»
Интернете, вспоминают, как их
отцы и матери пытались дистанцироваться от прошлого, отвечая на все вопросы только «что
же поделать, такое было время»
или «мы сумели выжить – и это
главное».
Целые страницы семейных
историй оказывались стерты, замкнутость и отчужденность передавались от родите-
«Именно тот факт, что обеспеченная жизнь и хорошие
пенсии – это еще не гарантии
психологического спокойствия, зачастую остается недопонятым, – продолжает Сабина
Боде. – Три года назад я принимала участие в публичных
чтениях в России и столкнулась
с откровенным непониманием тематики. Люди думали: о
Факт, что обеспеченная жизнь и хорошие
пенсии – еще не гарантии психологического
спокойствия, часто остается недопонятым
лей детям. Невинный ребенок,
стойко и молча сносящий все
трудности судьбы, – таков был
идеал послевоенного времени.
И именно он стал залогом недопонимания между поколениями.
Детям не хватало родительского внимания, нежности и ласки,
хотя, казалось бы, они росли в
эпоху мира и довольства.
РЕКЛАМА
спустя, никогда не были в центре
крупных исследований и репортажей СМИ, – рассказала Сабина Боде «МНГ». – Однако травма, нанесенная родителям, не
могла пройти бесследно и существенно повлияла на психологический фон взаимоотношений в
семьях. Нежелание родителей
говорить о своем прошлом, эмоциональная пустота, недостаток
искренности и открытости в
общении – все это характерно
для семей, в которых выросли
«внуки войны».
Преступления национал-социализма, ужасы и разрушения
войны оставили сильный отпечаток на самосознании целого поколения. Чувство вины и
страха, разочарование и тоска
по утраченной родине (ведь
многим семьям пришлось покидать свои дома, например, в Восточной Пруссии и Померании)
– такие симптомы передавались
от родителей детям. Многие из
«внуков войны», делящиеся
своим опытом на встречах или в
РЕКЛАМА
Объединение «Внуки войны»
(Kriegsenkel e.V.) появилось 8 лет
назад, когда его первые участники познакомились на семинаре
«Что передали нам наши родители?», проводимом журналисткой и писательницей Сабиной
Боде. Сегодня в рамках объединения уже каждый месяц проводится по несколько десятков
встреч, чтений и семинаров по
всей Германии – от Гамбурга до
Констанца. Их участникам обычно от 40 до 60 лет, все они были
рождены в послевоенное время
немецкого «экономического
чуда», в период мира и достатка.
И всех их объединяет ощущение
недосказанности и недопонимания, оставшееся от общения с
родителями в детстве.
Сабина Боде – автор множества работ, посвященных
послевоенному травматическому синдрому и судьбам людей,
вновь и вновь возвращающихся к воспоминаниям о пережитом. Ее книга «Внуки войны –
наследники забытого поколения», вышедшая в 2009 году, во
многом способствовала появлению общественного интереса к
проблеме.
«В отличие от поколения,
заставшего военные годы,
«внуки войны», то есть те, кто
родился примерно двадцать лет
каких сложностях и жизненных
проблемах могут говорить эти
немцы, когда о них так заботится государство! Мне кажется, в
России из-за недостатка социальной обеспеченности именно
экономической стороне вопроса
уделяется основное внимание.
Но я не считаю, что послевоенное травматическое состояние
характерно только для немцев.
Это общий феномен, затрагивающий все семьи, так или иначе
пережившие лишения войны».
Это подтверждается и тем,
что книги Боде выходят в переводах во многих странах и читаются в контексте не только Второй мировой войны, но и других
военных конфликтов.
Сабина Боде, как и другие
участники объединения «Внуки
войны», уверена, что бороться
с психологической травмой следует прежде всего при помощи
искренности и диалога.
«Признаться самому себе,
открыто заявить о негативных
переживаниях – вот что в первую очередь помогает многим
из моих читателей, – говорит
писательница. – Они узнают
в персонажах моих книг себя,
своих близких, понимают, что
не одни сталкивались с подобными семейными проблемами.
Я получаю огромное количество писем и комментариев, люди
делятся своими историями. Им
просто нужно высказаться, а не
носить груз в себе».
Желание задуматься об истории семьи и поделиться собственными воспоминаниями приходит зачастую в зрелом возрасте, поэтому о «внуках войны»
заговорили именно в 2000-х, в
момент, когда целое поколение
оказалось готово к осмыслению
накопленного опыта.
Современная молодежь мало
интересуется семинарами и чтениями, проводимыми Сабиной
Боде и ее коллегами. «И это
абсолютно правильно, – считает
сама автор. – У молодого поколения свои увлечения, и это
значит, что война и ее наследие
перестают преследовать нашу
страну».
На смену «внукам войны» уже
больше не придут ее «правнуки».
III
РОССИЯ И ГЕРМАНИЯ
МОСКОВСКАЯ НЕМЕЦКАЯ ГАЗЕТА
№ 9 (400) МАЙ 2015
«Всегда можно сказать „нет“»
Немецкий писатель Уве Тимм – о войне и своей книге «На примере брата»
Anastasia Tsayder / Goethe-Institut (2)
Родной брат Уве Тимма добровольцем записался в войска
СС, был в 1943-м ранен на
Украине и умер в лазарете.
Спустя десятилетия, когда ушли
из жизни родители и сестра,
Уве Тимм на основе писем с
фронта и дневника брата написал книгу. В конце апреля он
представил ее в Москве. Приводим точку зрения писателя и
отрывки из книги.
»
После 1945-го, когда стало
известно, что творилось в
концлагерях, в Германии возникла отговорка: «Мы этого не
знали». Но ведь можно было это
знать. Достаточно было посмотреть вокруг и задать вопросы. К примеру, куда делись
соседи-евреи.
Когда я приступил к работе над
книгой, меня заинтересовало, что
во всем дневнике брата нет ни
слова о его чувствах. Это результат воспитания в те годы, которое было направлено на послушание, приказы, мужество. Тогда
существовала идеология, утвержденная Гитлером, в отношении
молодых людей: «Твердый, как
сталь Круппа, упругий, как кожа,
стремительный, как борзая».
Еще мною двигал вопрос:
как человек приходит к тому,
что готов убивать и быть убитым? Каковы идеологические и
эмоциональные предпосылки,
позволяющие отключить в себе
сострадание и чуткость? Это
касается не только данного конкретного случая. Это и сейчас
актуально.
Послушание – многоступенчато. Можно со всем прилежанием участвовать в убийстве людей
или же попытаться что-то предотвратить. Всегда можно сказать
«нет». Есть момент свободы действий, возможно, совсем небольшой свободы, но очень важной».
Из книги «На примере брата»:
«В ответ на вопрос, почему
брат записался в войска СС, у
матери всегда было наготове
несколько самоочевидных объяснений. Из юношеского идеализма. Он не хотел быть хуже
других. Не хотел прятаться за
чужие спины. Она, как и отец, с
неизменной дотошностью подчеркивала различия между СС и
войсками СС. Ибо к этому вре-
Переводчик книги Михаил Рудницкий и Уве Тимм в библиотеке им. И.С. Тургенева в Москве
мени, после того, как по окончании войны весь мир обошли
жуткие кадры, заснятые на
кино- и фотопленку при освобождении концлагерей, все уже
знали, как оно было на самом
деле. Эта шайка, – так стало
принято говорить, – эти преступники. Но мальчик-то был
в войсках СС. Это были обычные боевые воинские части.
Преступниками были другие,
те, что из СД. Так называемые
части специального назначения.
А первым делом те, что наверху,
– руководство. Воспользовались
мальчиком, злоупотребили его
юношеским идеализмом».
»
Я думаю, Германия несет
историческую ответственность в отношении России. Но
теперь это снова как-то отодвигается. Возникают дискуссии о
начале войны. Некоторые утверждают, что у сталинского руководства были мысли напасть на
Германию. Я считаю это ошибочным. Советский Союз потерял во Второй мировой войне
около 27 миллионов человек.
Германия была агрессором, и
это нельзя истолковать иначе.
Вермахт в России свирепствовал невероятно. Ужасно, как
умирали с голоду пленные рус-
П Е Р С О Н А
Уве Тимм
Родился в 1940 году в Гамбурге. Изучал философию и германистику. В 1971-м защитил
диссертацию по Альберу Камю.
Потом получал образование
в сфере социологии и экономики. Как писатель работает
с 1971 года. Автор множества
книг, в том числе и для детей.
Удостоен ряда премий, среди
которых Большая литературная
премия Баварской академии
изящных искусств, премия
имени Кристиана Шубарта
(Баден-Вюртемберг). Живет в
Мюнхене и Берлине. Книга «На
примере брата» вышла на русском языке в переводе Михаила Рудницкого в издательстве
«Текст» в 2013-м. В «Тексте»
выходили также «Ночь чудес»
и «Открытие колбасы “карри”».
Встреча с писателем в Москве
была организована Гёте-институтом в рамках Года немецкого
языка и литературы в России.
ские солдаты. Мой отец, который, как и брат, воевал, видел
это. Отец не был нацистом, но
он был националистом».
Из книги «На примере брата»:
«В его дневнике ничего не говорится о пленных. Ни разу, нигде
он не пишет о том, что когото взяли в плен. Либо русских
убивали на месте, либо они в
плен не сдавались. Третья возможность: он просто не считал такую мелочь достойной
упоминания».
Парень, только что закуривший
сигарету – первая затяжка,
потом выдох, блаженный вкус
дыма, который сейчас тоненькой струйкой тянется вверх от
сигареты, предвкушение следующей затяжки. О чем он думал,
этот парень? О том, что скоро
ему сменяться? О чае, краюшке
хлеба, о своей девушке, о матери
с отцом? Облачко дыма, предательски расползающееся в пропитанном влагой воздухе, клочья талого снега, талая вода в
окопах, первый нежный пушок
Переосмысление истории многому учит
любой народ, это благотворный процесс.
И становятся видны опасности
»
В 2007 году я был в Волгограде. Я хотел поехать туда.
Я разговаривал там с людьми,
в том числе с одной женщиной, которая в 14 лет с мамой
и пятью братьями и сестрами
оказалась среди попавших в
окружение немцев. В ее рассказе не было осуждения, никаких
клише: «Все немцы – фашисты».
Она вспоминала, как ее младший
брат был ранен осколком снаряда. Мимо проезжал на мотоцикле немецкий военный врач,
увидел раненого ребенка, остановился и сказал, что сейчас ему
надо в лазарет, но он вернется.
И он действительно вернулся и
помог ребенку. Потом эта женщина вместе с немцами рылась в
мусоре в поисках еды. Это истории о человечности».
Из книги «На примере брата»:
«“Март 21. Донец. Заняли
плацдарм над Донцом. 75 м от
меня Иван курит сигареты,
отличная мишень, пожива для
моего МГ“ (Дневник брата; МГ
– немецкий ручной пулемет. –
Ред.)… Отличная мишень, пожива для моего МГ: это русский солдат, быть может, его ровесник.
зелени на лугах. О чем он думал,
этот русский, этот Иван, в ту
секунду? Пожива для моего МГ».
»
Россия – часть моей истории, разговоров дома. Долгое время между Россией и Германией были хорошие контакты
и понимание. Особенным стало
выступление Путина в бундестаге в 2001 году: российский президент, говорящий по-немецки.
Наши страны были близки, а сейчас эти отношения подвергнуты
опасности: с момента кризиса
на Украине понимание сильно
нарушено. Аннексия Крыма с
точки зрения международного права невозможна – это его
нарушение. Иначе назвать нельзя. Когда в Европе последний раз
были поставлены под сомнения
границы, это привело ко Второй
мировой войне. Но в ходе кризиса на Украине в Германии возникли антироссийские настроения, и в результате стал невозможен разумный диалог. Опять
всплыли старые, времен холодной войны, клише. Я считаю это
опасным. Беспокоит меня и то,
что у нас в Германии дискуссия
вокруг конфликта была сконцен-
трирована на Путине. Все время
говорят о Путине, а не о России.
Сведение конфликта к одной
личности я нахожу чрезвычайно
проблематичным».
Из книги «На примере брата»:
«Получив приглашение выступить с чтением в Киеве, я вознамерился оттуда на машине доехать до Знаменки, это
почти 800 километров (там
был захоронен брат.– Ред.)… Я
позвонил в немецкое посольство представителю Немецкого
попечительства солдатских
захоронений и спросил про кладбище в Знаменке. В ответ услышал, что кладбище несколько
недель назад «расформировано», семь тысяч скелетов
лежат сейчас в заброшенном
фабричном корпусе. Но человека, у которого от этого корпуса
ключи, сейчас там нет, он уехал
в Крым, готовить предстоящее
перезахоронение».
»
В Германии история была
критически переосмыслена:
в литературе, в частной жизни
(как в моей книге) – каким образом конкретные люди были втянуты в происходившее. Состоялось ли подобное переосмысление истории в России и на
Украине, мне судить трудно.
Возможно, в России такого перелома, как в Германии, не было. Я
сейчас в Москве видел плакаты к
9 Мая. Это все еще героизация.
Почему плакаты такие? Можно
ведь вспомнить и о страданиях.
Большая часть их ведь выпала
на Советский Союз, понесший
основные жертвы. Переосмысление истории многому учит
любой народ, это благотворный
процесс. И становятся видны
опасности. Как, к примеру, то же
отключение в себе сострадания.
Что сейчас как раз происходит
на Украине. Если бы история
была переосмыслена, тогда сказали бы: никакой войны».
Подготовила Юлия Ларина
Слушатели во время чтения
Уве Тиммом его книги
Музыкант и журналист
Концерт автора «Московской немецкой газеты»
Студент композиторского
факультета Московской государственной консерватории
Иван Гостев дал в конце апреля
концерт в Российско-немецком
доме (РНД) в Москве, исполнив
произведения Бетховена, Шопена, Чайковского и собственные
сочинения. «МНГ» попросила
музыканта рассказать, что его
связывает с Германией.
Историю своих предков я знаю,
к сожалению, не так хорошо,
как хотелось бы. Знаю, что они
жили в Кёнигсберге, в начале XX
века перебрались в Прибалтику,
жили в Латвии, после войны
переехали в Россию. Моего деда
звали Петер Тонигс, он играл
на баяне, аккордеоне, хотя профессиональным музыкантом не
был. Любовь к музыке, наверное,
у меня от него.
Культура Германии, ее музыка, живопись, литература мне
очень близки. Бетховен – один
из моих любимых композиторов.
В детстве у меня была пластинка с записями сонат Бетховена в
исполнении Святослава Рихтера.
Рихтер, на мой взгляд, – непревзойденный интерпретатор Бетховена. Я часами мог слушать
его записи. Вообще удивительно, как переплетаются российская и немецкая культуры. Один
из ярких представителей такого
синтеза – выдающийся композитор XX века Альфред Шнитке.
Осенью 2014 года я по программе Гёте-института стажировался во Франкфурте-на-Майне. За
несколько лет до того с концертами ездил по Германии – вместе с другими исполнителями мы
выступали в нескольких залах, я
играл сольно и в ансамбле.
Один из самых интересных
проектов, в которых мне довелось принять участие, – музыкально-театрализованное представление «Письма из прош-
Удивительно, как
переплетаются
российская и
немецкая культуры
лого в будущее» режиссера
Эрвина Гааза, основанное на
письмах российских немцев.
Это настолько пронзительная
постановка, что иногда трудно
сдерживать эмоции. За день до
моего концерта в РНД там же мы
играли этот спектакль. В нем я
выступаю не только в качестве
музыканта, но и как драматический актер. Для меня это очень
интересный опыт и прекрасная
возможность попробовать себя
в новом качестве.
Я пока не знаю, чем конкретно
буду заниматься после окончания
консерватории, но, несомненно, музыкой. Исполнительство
и композиция для меня неразрывно связаны. Будучи композитором, исполняешь произведения других композиторов иначе.
Кто-то из исполнителей сказал:
«Когда я играю чье-то произведение, представляю, что это я его
сочинил. Это дает возможность
глубже его постичь».
Вообще, своеобразное деление музыкантов на исполнителей и композиторов произошло
в конце XIX – начале XX века.
До того многие великие артисты
сочиняли гениальную музыку:
Моцарт, Паганини, Лист.
Культура сейчас, к сожалению, очень зависима от внешних факторов, содержание концертов, телевизионных проектов
диктует коммерческая выгода.
Если посмотреть со стороны, то
кажется, что современных композиторов почти нет. Между
тем, каждый год в одной Московской консерватории в среднем 10
человек выпускаются с дипломом
композитора.
Новые имена, произведения,
– это всегда риск. Пойдет ли
публика, будет ли проект успешным? Но я убежден, что самое
главное – продолжать заниматься своим делом.
МОСКОВСКАЯ НЕМЕЦКАЯ ГАЗЕТА
№ 9 (400) МАЙ 2015
Из личного архива
НЕМЦЫ РОССИИ
П Е Р С О Н А
Курс на успех
Иван Гостев – студент 3 курса
композиторского факультета
Московской государственной
консерватории имени
П.И. Чайковского.
В свои 22 года он уже лауреат целого ряда конкурсов.
Лауреат премии по поддержке
талантливой молодежи, лау-
реат всероссийского фестиваля студенческого творчества
«Фестос», Четвертого открытого
конкурса-фестиваля
имени Гнесиных, Шестого всероссийского конкурса имени
Ю.Н. Холопова.
Публикуется в «Московской
немецкой газете».
РЕКЛАМА
IV
НЕМЦЫ РОССИИ
V
Трижды репрессированные
ЮРИДИЧЕСКАЯ
КОНСУЛЬТАЦИЯ
МОСКОВСКАЯ НЕМЕЦКАЯ ГАЗЕТА
№ 9 (400) МАЙ 2015
Трагические страницы истории семьи Шильдер
ВЫ СПРАШИВАЕТЕ:
Из личного архива
В конце апреля 1925 года, 90
лет назад, было начато сфабрикованное органами ОГПУ
«Дело лицеистов» – по обвинению группы выпускников Александровского Царскосельского
лицея в создании организации
с целью свержения советской власти и восстановления
монархического строя.
В 1992 году мое заявление на
получение статуса позднего переселенца было отклонено по той
причине, что немецкий язык был
выучен на стороне, а не приобретен в семье. Хочу сейчас подать
заявление на возобновление дела.
Надеюсь, будет принято положительное решение. Установлен ли
срок, в течение которого я должна буду выехать в Германию?
С уважением, Тамара.
Екатерина Шильдер
В 1928 году в фонд Екатерины
Пешковой, первой жены Максима Горького, занимавшейся
помощью политическим заключенным, написала Анна Михайловна Шильдер: «Уважаемая
Екатерина Павловна! После
долгого колебания решаюсь Вас
побеспокоить, обращаюсь к Вам
с покорнейшей просьбой помочь
мне советом или указанием, что
мне предпринять для того, чтобы
узнать о судьбе моего единственного сына Михаила Владимировича Шильдера. В 1925 г. по
делу лицеистов я была приговорена к 5 годам Соловков. Муж
мой скончался на Шпалерной до
окончания дела. О судьбе сына я
ничего не знаю четвертый год...».
Анна Шильдер – жена генерала
от инфантерии Владимира Шильдера, директора Императорского
Александровского Царскосельского лицея. Он был приговорен
к расстрелу, но умер в тюрьме в
1925-м. Анне Михайловне расстрел был заменен лагерным
сроком. Ее сына Михаила, статского советника, секретаря военного министра М.А. Беляева, как
выяснится много позже, расстреляли в том же 1925-м.
Из шести членов семьи Шильдер, проходивших по «Делу
лицеистов», четверо были приговорены к высшей мере наказания – расстрелу. Два приговора
приведены в исполнение. У расстрелянных могил нет. Канавы –
неизвестно где.
Дело «О контрреволюционной
монархической организации»
(«Дело лицеистов») было заведено на группу выпускников Александровского лицея, обвинявшихся в создании организации,
целью которой было – свергнуть
советскую власть и восстановить монархию. «Доказательст-
МЫ ОТВЕЧАЕМ:
Братья Шильдер. 1916 год. 25-я артиллерийская бригада
вами» служили традиционные
встречи выпускников в Лицейский день (19 октября), существование кассы взаимопомощи,
ежегодные (с 1921-го) панихиды
по погибшим и умершим лицеистам в разных церквах города,
на которых поминались и члены
императорской семьи. По этому
делу были арестованы свыше 150
человек, 26 из них расстреляны,
25 приговорены к различным
срокам лагерей, 29 – ссылки.
В анкете было записано, что он немец,
до него все поколения его предков имели
в женах и мужьях только немцев
Дело 1925 года продолжало начатое в 1921 году и тоже
сфабрикованное дело «Петроградской боевой организации»
(«Дело Таганцева»), по которому, в частности, проходил поэт
Николай Гумилев. Это одно из
первых в Советской России дел
против представителей интеллигенции с массовыми расстрелами: 96 человек были расстреляны по приговору или убиты при
задержании. Расстрелян был и
профессор-географ Владимир
Таганцев, чье имя носит дело.
По «Делу Таганцева» проходили трое членов семьи Шильдер
Перепись поселений
Информация о поселеI
ниях и объектах культурного
наследия в них, фотоматериалы,
аудиозаписи, учетные карточки
легли в основу реестра. Основная часть исторических справок
сделана впервые в историографии немцев России. «Конечно,
предстоит еще много работы по
наполнению сайта, нужны экспедиции в еще неисследованные
поселения, однако уже сейчас
можно говорить об уникальности нового ресурса», – считает
историк Александр Безносов,
отвечающий в Международ-
– три брата, офицеры, участники
Первой мировой, имевшие боевые награды. «Заявляю, что я не
виновен перед советской властью, т.к. никогда в этих организациях не только не состоял, но
и не знал об их существовании»,
– писал в своем заявлении в
декабре 1921-го Александр Евгеньевич Шильдер, штабс-капитан,
георгиевский кавалер, мой дед.
Тогда братьев Шильдер не расстреляли, их выслали за пределы
ном союзе немецкой культуры за новый Интернет-проект,
созданный при поддержке МВД
Германии.
«Важно знать, где какие объекты немецкой культуры находятся, – продолжает Татьяна
Смирнова, – чтобы не случилось,
как в Александровке – разрушили уникальную мельницу 1905
года. Теперь там пустырь. И это
в Азовском районе! Что уж про
другие места говорить? С уничтожением памятников уничтожается и память о вкладе немцев в
российскую историю».
Петроградской губернии. Александр Евгеньевич будет еще в
1925-м проходить по «Делу
лицеистов» (директор лицея
приходился ему дядей). Расстреляют его в период нового витка
репрессий, в 1937-м. А его брат
Карл Шильдер, тоже проходивший по делам 1921-го и 1925
годов, и в 1930-е будет снова
арестован и проведет тридцать
лет в лагерях.
По одному из дел, заведенному
на него в 1937-м (потом последовали другие дела), Карл Шильдер
даже годом позже был оправдан.
Он обвинялся в причастности к
немецкой разведке и проведении шпионской, диверсионной
и повстанческой деятельности. Офицер – и это постоянно
отражается в материалах дела,
– штабс-капитан, воевал против немцев четыре года. Он уже
прошел через два дела, провел
на Соловках три года, и именно
он может работать на немецкую
разведку, только так и не иначе.
В анкете Карла Шильдера записано, что он немец, до него все
поколения его предков имели в
женах и мужьях только немцев.
Но ведь это не задача следствия
– рассматривать родословную.
Кроме того, он ведь российский
немец, родственники которого
прожили в России не одно столетие, и все были на военной службе. Среди членов семьи Шильдер
в XIX веке были несколько генералов. Генерал-адъютант Карл
Шильдер, к примеру, изобрел
первую в мире цельнометаллическую лодку.
Как и во всех случаях дел
против Шильдеров и тех, кто
проходил по таким делам вместе с ними, все решения были
приняты внесудебными органами. Никаких судов, никакой защиты, никаких апелляций. Ничего, только решение
тройки. Все репрессированные
члены семьи Шильдер были
реабилитированы.
Срок действия уведомления о
приеме – неограниченный. Такое
положение должно вызывать у
этнических немцев доверие к
юридическим механизмам и уверенность в стабильности правового поля, в том, что правила
игры не будут меняться. Потенциальные поздние переселенцы, получившие уведомление о
приеме, должны быть уверены в
том, что смогут реализовать свое
право на возвращение на историческую родину и в будущем. Правительство ФРГ стремится оказывать всестороннюю поддержку
немецким меньшинствам, проживающим на территориях исконных областей их многовекового
расселения, в том числе в России. Если бы оно поставило этнических немцев перед выбором –
выехать в Германию или остаться,
то это пошло бы вразрез со стремлением помочь немцам, где бы
они ни жили. Поэтому немецкие
политики в своих выступлениях
не раз подчеркивали, что каждый
этнический немец должен иметь
возможность самостоятельно
принять решение – переехать или
остаться и быть полезным там,
где в нем более всего нуждаются.
ВЫ СПРАШИВАЕТЕ:
Мой отец получил уведомление о приеме в Германию в 1993
году. В него был включен и я,
так как на тот момент был несовершеннолетним. Отец не уехал,
сейчас живет в России. В 2002
году я проходил языковой тест в
Москве. Мне пришло письмо, что
я могу уехать в Германию только
с отцом, сам не могу – из-за плохого знания языка. Моя супруга
знает немецкий хорошо. Могу ли
я уехать в Германию без отца, и
что мне для этого надо сделать?
С уважением, Алексей.
МЫ ОТВЕЧАЕМ:
Вы можете как заявитель, без участия отца, подать ходатайство в
Федеральное административное
ведомство о присвоении вам
статуса позднего переселенца.
Если вы сможете доказать свою
декларативную принадлежность
к немецкой национальности, вам
достаточно будет сдать экзамен
в форме теста на знание немецкого языка.
Юридическая служба «МаВи групп»
[email protected]
VI
И С Т О Р И Я И К У Л ЬТ У РА
Утопия на Волге
Отрывок из книги
Вышел роман о городе, которого нет
Театровед, музыкальный критик, либреттист, переводчик и
поэт Алексей Парин выпустил
роман, действие которого разворачивается в Леонске, городе
на Волге, расположенном неподалеку от Астрахани. Город
якобы возник в XVIII веке –
туда приехали немцы, а вслед
за ними итальянцы.
Из личного архива
Юлия Ларина
лекционером, он упоминается
даже в романах Горького, – рассказывает Алексей Васильевич.
– А в доме моего деда в Казани
сейчас репетиционное помещение симфонического оркестра
Татарстана». Дед Парина изучал
органическую химию в Берлине,
мама в детстве говорила гораздо лучше по-немецки, чем порусски. Сам он знает немецкий,
английский, французский, итальянский, шведский, латынь и
древнегреческий. «Все языки я
учил с домашними преподавателями, а немецкий – в школе,
– говорит он. – Но это было
странное изучение: я открывал
учебник в начале года, пролистывал – и уже все знал. Я унаследовал способность к языкам
от своего отца».
Отец, Василий Парин, был
крупным советским физиологом. Алексей Васильевич начинал тоже не с литературы – с
молекулярной биологии. Потом
РЕКЛАМА
Повествование в романе «Хроника города Леонска» ведется от
лица пожилого немца Генриха
Ленрота, жившего под Фрайбургом, но в 1990-е вслед за любимой переехавшего в Леонск. Из
того же немецкого города были
предки и 5-летнего героя романа
Марка Волкова: «Волковы-Вульфы принадлежали к одному из
семейств, которые приехали на
Волгу по приглашению Екатерины Второй и составили основу населения Леонска. Они-то
были немцами, из Фрайбурга, но
среди первых поселенцев было
много итальянцев, из Венеции,
и именно от них и пошли лёвчики, ставшие со временем главной
достопримечательностью Леонска». Лёвчики – это маленькие
львы, величиной с собаку, очень
добродушные. Они прижились в
Леонске, и современные жители
их тоже держали.
Действие романа происходит
в 2012 году. Основные события
разворачиваются в тот момент,
когда в город приезжает новый
мэр, назначенный сверху. «Мы
приводим страну к единой системе взглядов, – объясняет он.
– Несогласные в других городах,
покрупнее Леонска, уезжают за
границу, отсиживаются в кафе,
болтают по радио без видимого успеха. Несогласие остается
в рамках тесного круга… А вы
в Леонске думаете, что можете
жить по-своему, как раньше».
Город Леонск и его история
Алексею Парину приснились.
Хотя города, спланированные и
возникшие за короткое время,
в мире существуют. Предки
самого Парина тоже приехали в
Россию и тоже жили на Волге,
правда, это другая история. Его
прадед по фамилии Марко происходил с острова Лесбос и оказался в России в конце XIX века.
«Мой прадед был самым богатым человеком на Волге, кол-
МОСКОВСКАЯ НЕМЕЦКАЯ ГАЗЕТА
№ 9 (400) МАЙ 2015
стал переводить (от Софокла
и Овидия до Ницше), писать
либретто – участвовал в создании более десятка опер в России и Германии. Десять лет был
художественным руководителем
фестиваля Sacro Art в немецком
Ребурге-Локкуме. Он выступал с
докладами в Католической академии архиепископства Фрайбурга, Евангелической академии Локкума. «Мне было важно
знать, как Германия изживала
свое нацистское прошлое, – объясняет он. – Американцы дали
деньги на академии, в которых обсуждались самые острые
общественные вопросы, чтобы
сознание немцев менялось. В
Австрии этого не было, и там
коричневые следы гораздо более
ощутимы».
По словам Парина, в Германии у него друзей даже больше,
чем в Москве, и за образами,
которые есть в романе, стоят
реальные люди.
Леонск возник неподалеку от
Астрахани вместе с другими
поселениями немецких колонистов в 70-е годы XVIII века.
Он как-то сразу занял особое
место: сюда приехали в основном интеллектуалы, которые
замыслили создать нечто необычайное. Говорят, что тут
действовали крупнейшие архитекторы своего времени, и в
это можно поверить. Пройдите
по городу – и вы увидите логику безупречно продуманного
градостроительства. Конечно, самих высоколобых немцев
было не так уж много – что-то
около 600 человек, но перечень
их украшали такие имена, что
в Леонск стеклись не только из
России, но и из Восточной Европы лучшие умы: даже ненависть
к России не останавливала поляков и иных пострадавших. Город
построился необычайно быстро
и скоро уже насчитывал чуть не
сто тысяч жителей.
В нем вырос свой небольшой
университет, театр, в котором
играли драмы и оперы. В нем
раскрасовалась высокая, словно
вознесенная над Волгой набережная, по которой вечерами
гуляли буквально все. Конечно,
слышались разные языки, потому что внутри семей сохраняли
наречия предков, но по обоюдному согласию всех основателей
города главным, центрующим
языком был выбран русский. И
все колонисты старались выучить его как полагается.
А венецианцы – причем самые
что ни на есть родовитые –
отправились сюда, до смерти
напугавшись взятия Бастилии. В
Европе тогда вообще пошла волной паника, и многие кинулись
кто куда. А Серениссима и без
того влачила в то время довольно жалкое существование, потеряв свое безоговорочно первое
место в международной торговле, и как будто бы безвольно
ждала своей юридической смерти. Вот семейство Гримальди и
решило отправиться в дальний
путь, за тридевять земель, по
увещеваниям Гольдмунда Рейнеке, приехавшего на неделю из
Леонска по каким-то научным
делам. Гольдмунду доверяли –
он подолгу бывал в Венеции в
70-е годы, высоко котировался
как знаток химии стекла, знал
всех стеклодувов Мурано и славился своим здравомыслием.
Он так расхваливал Екатерину Вторую с ее немецким умом
и русской широтой, так расписывал все щедроты и прелести
Леонска, что артистичный Энцо
Гримальди, шестидесятилетний
аристократ, многоумный книжник, заботливый отец и нежный
дед, решился на порывистое
бегство прочь от когтей французских бунтарей. Собрались в
неделю – а вы понимаете, сколько всего надо было взять с собой
семье из двадцати двух человек
с тридцатью четырьмя слугами!
Но этого мало – Гримальди позвал к себе на ужин лучших своих друзей, всех видных
патрициев Венеции, и Рейнеке
как будто невзначай стал бросать фразу за фразой о России,
встающей с колен, о вольном
житье немцев на Волге, о Леонском театре, в котором играли оперы Траэтты и Пиччинни, об университете, куда уже
приезжал с лекциями молодой Фихте. Обычно застылые
в своем патрицианском величии лица Морозини и Контарини, Дандоло и Градениго стали
покрываться нервным румянцем, тяжелые веки над потускневшими глазами словно лишились своего веса, а сами глаза
увлажнились и зажглись какимто лиловатым блеском. Короче
говоря, через неделю, с промежутком в один-два дня, чтобы
не создавать паники, из Венеции
уплыли в сторону Черного моря,
ни больше не меньше тринадцать знатнейших семейств города святого Марка.
К Н И Г А
Роман «Хроника города
Леонска» Алексея Парина вышел в издательстве
«Новое литературное обозрение».
Язык Гёте-института
Согласно опросу, провеI
денному Гёте-институтом в российских университетах в 2014-м,
перспектива учебы в Германии –
одна из главных причин изучения
студентами немецкого. Среди
других – преимущества при
повышении квалификации и в
профессиональной деятельности.
«С немецким к вершинам!» –
призвали студентов восемь ведущих московских университетов и
вместе с Гёте-институтом, DAAD
и Freie Universität Berlin (Свободным университетом Берлина) в
рамках Года немецкого языка и
литературы провели II всероссийскую студенческую олимпиаду по
немецкому языку. В ней приняли
участие свыше 2 тысяч человек из
более ста городов. В итоге восемь
победителей на уровнях А2 и В1
были награждены поездкой в Германию с посещением университетов земли Северный Рейн-Вестфалия, а 11 человек, лучше других
владеющие немецким на уровнях
В2 и С1, получили стипендии на
участие в летних курсах немецких
университетов. Вручение состоялось 25 апреля во время студенческого фестиваля «Немецкий на
Флаконе», который прошел по
случаю завершения олимпиады.
Среди знатоков немецкого
были и российские немцы. Они
получили также призы от Международного союза немецкой
культуры.
юл
V II
И С Т О Р И Я И К У Л ЬТ У РА
МОСКОВСКАЯ НЕМЕЦКАЯ ГАЗЕТА
№ 9 (400) МАЙ 2015
«Юнкерсы» для диктатуры пролетариата
Игорь Андреев
Всемирно известный завод
имени Хруничева, ведущая производственная база российской
ракетно-космической промышленности, это и есть бывший
авиазавод компании «Юнкерс».
В 1925-м германские специалисты покинули нашу страну, а
построенное ими предприятие,
по сути, безвозмездно перешло
в собственность СССР.
В Россию
Поначалу сотрудничество складывалось прекрасно. За пару
месяцев до знаменитого Рапалльского договора 1922 года,
который среди прочего благоприятствовал развитию экономических связей между РСФСР
и Германией, нарком иностранных дел Георгий Чичерин писал
Ленину: «Никакие наши заверения не рассеют опасений иностранного капитала. Он пойдет
к нам только в том случае, если
по общей нашей физиономии
создаст себе убеждение в том,
что идти к нам безопасно». Судя
по последовавшим событиям,
«наша физиономия» пришлась
недавнему противнику по душе.
По условиям Версальского
договора все оставшиеся после
войны немецкие военные самолеты подлежали уничтожению, а
производство и покупка военной
Завод Юнкерса в Дессау (Германия), 1928 год
авиатехники были запрещены. В
апреле 1921-го так называемый
«Лондонский ультиматум» вообще распространил ограничения
на летательные машины любого
назначения. Через год, правда,
вышло послабление: немцам разрешили строить исключительно
гражданские самолеты.
Немец Хуго Юнкерс увлекся
авиацией будучи вполне состоявшимся 50-летним профессором механики Ахенского университета, человеком, в одиночку основавшим целую отрасль
промышленности – производство бытовой водогрейной техники. В эпоху легчайших бипланов
и даже трипланов, игравших в
разгар Первой мировой войны
роль истребителей и разведчиков, Юнкерс строит в 1915 году
полностью металлический экспериментальный самолет. Из
дюралюминия, производство
которого к тому времени было
налажено в Германии. К удивлению конструктора, в совет-
ской России понимают всю перспективность металлического
самолетостроения. Исходные
условия, поставленные немцам,
предусматривали, что компания
возводит в Филях полноценные
цеховые помещения, привозит и
монтирует необходимое оборудование, нанимает немецких и
российских работников. И каждый год производит 300 самолетов, 60 из которых приобретает
РСФСР. Остальными концессионер волен распоряжаться по
своему усмотрению, например,
тайно продавать рейхсверу. И
если во всей советской авиапромышленности в 1925 году трудилось 5114 человек, то на одном
только заводе Юнкерса – 1000.
Из России
Практически сразу после пуска
предприятия начались проблемы.
Советские эксперты посчитали,
что летно-технические параметры военных моделей (договари-
О высоком
Пролетая над Боденским озером
В начале мая в местечке
Эглофс, недалеко от Боденского озера, прошел крупнейший
в Южной Германии фестиваль
воздухоплавателей Eglofser
Feuerzauber. Участники из
нескольких стран в возрасте от
21 года до 60 лет пролетели
над живописными местами
Баварии на воздушных шарах.
Юлия Шефтелевич
Идея
фестиваля
Eglofser
Feuerzauber, на котором единомышленники смогли бы встретиться и получить удовольствие
от совместного полета, возникла
в 2003 году и связана с 20-летним
юбилеем немецкого клуба аэронавтов Voralpenland e.V. Тогда
идею поддержали 20 команд, а
также зрители, которых оказалось неожиданно много. После
чего организаторы задумались
о том, чтобы проводить праздник ежегодно. Сейчас фести-
валь, прошедший уже 13-й раз,
объединяет команды из разных
стран Европы. В этом году в нем
участвовали представители Германии, Швейцарии, Австрии и
Великобритании.
Председатель
спортивного клуба воздухоплавателей
Voralpenland Гельмут Шойерле
говорит, что участники – это
не только профессиональные
спортсмены. Каждый год их
ряды пополняют так называемые
романтики. Они не имеют цели
выиграть кубок, а просто хотят
насладиться здешней красотой.
Неслучайно местом проведения фестиваля выбрано лежащее в предгорье Альп Боденское озеро, третье по величине
в Центральной Европе. Определенного маршрута у участников Eglofser Feuerzauber нет,
ведь многое зависит от погоды.
В основном пилоты совершают
полет над Боденским озером на
высоте до 3000 метров.
«Для участников настоящее
захватывающее приключение
– с высоты посмотреть на наш
альпийский край, – рассказывает Шойерле. – В нынешнем году
зарегистрировались 60 команд,
что говорит о возрастающей
популярности этого вида спорта.
Помимо возможности открыть
для себя неизведанные уголки
планеты, еще одним преимуществом воздухоплавания является
безопасность, так как аэростаты
– одни из самых надежных летательных аппаратов».
В Германии существуют специальные школы и клубы воздухоплавателей, в которых можно
обучиться полету на воздушном
шаре, и для этого необязательно обладать определенными
физическими качествами. Разница между обучением в школе
и клубе – в финансовых затратах. В школе, где учат около
года, к ученику прикрепляется
персональный наставник, отсю-
вались строить в России именно
их) недотягивают до заявленных.
Немцы настаивали, что это пробные, опытные машины и их следует рассматривать как учебные.
Сегодня трудно установить, кто
из партнеров был прав. Важно,
однако, отметить, что большая
часть построенных в Филях самолетов благополучно дослужила в
авиации рабоче-крестьянской
Красной армии и на флоте до
начала 1930-х.
На стадии переговоров о концессии РСФСР обязалась купить
первые сто самолетов по твердой
цене, исходя из почасовой оплаты труда на заводе в 18 копеек золотом. Но себестоимость
продукции оказалась выше, чем
продажная цена. Вокруг завода
складывалась нездоровая и даже
опасная ситуация. И дело было не
только в экономических причинах. Революционные события в
Германии, так активно подогреваемые Коминтерном, то есть,
по сути, советскими властями,
сошли на нет и в конце 1923 года
привели к антикоммунистической реакции. В декабре Феликс
Дзержинский приказал постоянно надзирать за деятельностью
филевских концессионеров. Угадав желаемый результат слежки,
органы ОГПУ дали четкий ответ:
компания Юнкерса преднамеренно строит в России негодные
в военном отношении самолеты и ведет в ходе полетов над
страной воздушный шпионаж.
Сотрудники Юнкерса занимаются контрабандой и для диверсионных целей тайно ввозят в
СССР яды и отравляющие газы.
С Юнкерсом, выпустившим в
России всего полторы сотни
самолетов, решено было расстаться любым путем. Заводскую документацию, как радостно доложили «органы», благополучно скопировали, а сам
завод после расторжения договора, точнее изгнания Юнкерса
из России, наметили оставить
в собственности государства.
СССР отныне взял курс на копирование, часто незаконное, иностранных образцов техники. Так
начиналась социалистическая
индустриализация в авиации. Советская эпопея дорого обошлась Хуго Юнкерсу. Гитлер
в начале 1933 года, едва заняв
пост рейхсканцлера, издал закон
«О защите государства и народа». Согласно ему, предприятия,
чьи владельцы не поддерживали
нацистов, переходили в собственность рейха. К лету 1933-го
Юнкерс покинул родной Дессау,
обосновался в Баварии, где и
скончался в феврале 1935 года,
в день своего 76-летия. Никакого отношения к боевым «юнкерсам» со свастикой на килях он
не имел.
Eglofser Feuerzauber
90 лет назад, в 1925 году,
концессионный авиазавод
немецкой компании «Юнкерс»
в Филях получил последний
заказ от Красной армии. Еще
через два года партнеры, обвиняя друг друга во всех грехах,
расторгли договор.
Bundesarchiv, Bild 183-R14718 / CC-BY-SA
Еще при Ленине развить советскую авиацию помог немецкий капитал
Участники фестиваля наслаждаются красотой природы
да довольно внушительная стоимость курсов – 5000–8000 евро.
Более доступный способ стать
пилотом аэростата – вступить
в клуб воздухоплавателей. Здесь
наставники работают на общественных началах. Они берут
учеников к себе в команду и тем
самым помогают им вжиться в
роль пилота. Чтобы вступить в
такой клуб, необходимо заплатить примерно 1000 евро.
По словам Гельмута Шойерле, ученик, освоивший теоретические знания в клубе воздухоплавателей и совершивший
50 обучающих полетов, может
получить лицензию, разрешающую самостоятельные полеты.
Далее все зависит лишь от его
заинтересованности. Возможно, в будущем он также станет
одним из участников фестиваля
в Эглофсе.
VIII
НЕМЕЦКИЙ ЯЗЫК
МОСКОВСКАЯ НЕМЕЦКАЯ ГАЗЕТА
№ 9 (400) МАЙ 2015
Der merkwürdige Begriff „Erinnerungskultur“
Wie die Deutschen lernten, den Zweiten Weltkrieg aufzuarbeiten*
Die Frage nach dem aktiven Befreier blieb noch zweitrangig. Dennoch
waren der Zweite Weltkrieg und
seine Folgen jetzt in aller Munde*:
Man fragte sich und wurde gefragt,
ob man schuldig sei, sich schuldig
fühle; man musste sich dazu positionieren, ob ein Kollektiv schuldig
sein könne und ob diesem Kollektiv auch die Nachgeborenen angehörten, ob man also als Deutscher
schuldig sei.
Franzosen bescheinigt* man eine
Esskultur, Religionen haben eine
Begräbniskultur. Die spanische
Siesta ist vielleicht eine Schlafkultur. In jedem Fall geht es um
ein Kollektiv von Menschen, das
etwas teilt, anders gesagt: kultiviert. Deshalb ist es eine Kultur.
Von Lucia Geis
Aufarbeitung II
Wikipedia
Etwas sehr Persönliches ist dagegen Erinnerung. Alle hatten einen
ersten Schultag. Aber die Erinnerung an die Schultüte, in der
unter den in Deutschland üblichen Süßigkeiten ein Buch lag, ist
persönlich. Viele hörten Erzählungen der Großmütter. Persönlich
ist aber die Erinnerung an eine
Erzählung vom Nachkriegswinter 1945/46, als die eigene Großmutter wöchentlich versuchte,
von der zerstörten Großstadt zu
50 Kilometer entfernten Bauern
zu kommen: Sie wollte Silbergabeln gegen Eier tauschen. Das sind
erinnerte Geschichten, oft über
Alltagshelden*, aber keine Kultur.
Was ist also Erinnerungskultur? In
jedem Fall ein langer Weg und eine
Arbeit, die verdrängte* Geschichte
wieder ans Licht bringen möchte.
Der Zweite Weltkrieg, die zigmillionen Kriegstoten und der
Versuch der Auslöschung* der
Juden sowie aller anderen für minderwertig* erklärten Menschen
(Roma und Sinti, Homosexuelle,
Kommunisten, Behinderte, Slawen) war für Deutsche lange das
ins Dunkle Verdrängte. Anfang der
80er Jahre verließ die Mehrheit der
Westdeutschen die Schule, ohne
viel davon zu wissen. Man interessierte sich für Feminismus und die
So banal sieht das Böse aus: „Der verlassene Raum“ in Berlin.
Rote Armee Fraktion* (nicht die
Rote Armee). Juden kannte man
nicht, denn in den meisten Kleinstädten gab es keine mehr. Großväter erwähnten bei Familientreffen
Italien oder Russland und sahen
dabei aus, als hätten sie plötzlich
Zahnschmerzen. Ihre Erinnerung
kurierten* sie dann auch genauso: mit einem Schnaps. Das Kind
hörte dabei zum ersten Mal die
fremdklingenden Wörter Grappa und Wodka und fragte nichts.
Die Eltern blickten ratlos, als 1978
die amerikanische Serie „Holocaust“ ins Fernsehen kam: Können
(müssen) wir das unseren Kindern
zumuten*? Wir durften (mussten)
es sehen und alle schwiegen.
Aufarbeitung I
Und dann kam 1985. Und Richard
von Weizsäckers Rede zum 8. Mai
1945. Von Weizsäcker, als Oberleutnant an der Blockade Leningrads beteiligt und später eng mit
den Hitlerattentätern um Oberst
von Stauffenberg befreundet,
war seit einem Jahr Deutscher
Bundespräsident.
40 Jahre nach Kriegsende sprach
er vom 8. Mai als einem „Tag der
Befreiung“ und wusste, dass er damit
*Lesehilfe
Aufgaben
aufarbeiten: sich nach langer Zeit intensiv mit etwas
beschäftigen
bescheinigen: etwas über jemanden sagen, das wahr ist
der Alltagsheld: ein Mensch, der im Alltag etwas macht, das wichtig
und mutig ist
verdrängen: Schreckliches vollkommen vergessen
die Auslöschung: völlige Vernichtung
minderwertig: etwas, das wenig wert ist
die Rote Armee Fraktion: links-terroristische Gruppe der 70er und
80er Jahre in Westdeutschland
kurieren: heilen, gesund machen
zumuten: etwas Unangenehmes verlangen
das verminte Terrain: ein Gebiet, in dem explosives Material liegt;
hier: ein Tabu
das Gemüt: der Charakter
säen: Bauern säen Samen; hier: für etwas verantwortlich sein
in aller Munde sein: jeder spricht über dieses Thema
sich bekennen: öffentlich sagen, dass man Teil von etwas ist
fortan: von diesem Moment an
stolpern: über ein nicht gesehenes Hindernis fallen, Stolpersteine
fordern also zur Aufmerksamkeit auf
die Bestialiät: sehr grausame Tat
die Morddrohung: Ankündigung, jemanden zu töten
1. Welche Adjektive passen zu …
a) Erinnerung
b) Erinnerungskultur
gelernt, individuell, spontan,
gesellschaftlich
2. Wovon wurden die Deutschen
1945 befreit und warum war das
Wort für viele ein Problem?
Wikimedia / Roland Mattern
3. Was ist ein „Erinnerungsort“?
vermintes Terrain* betrat. Schnell
waren sie dann auch da – die Fragen der empörten (west-)deutschen
Öffentlichkeit: Wie kann man als
Deutscher von Befreiung sprechen,
wenn deutsche Städte zerbombt
und Millionen Deutsche vertrieben
worden waren? Neutrale Gemüter* hatten bislang von Kapitulation
gesprochen, emotionale von Niederlage. Aber Befreiung? Nur in der
DDR, wo man Befreier und Kämpfer gegen den Faschismus (nicht als
Opfer, sondern als Widerstand) mit
Denkmälern und Straßennamen
ehrte, wurde das Wort benutzt. Von
Weizsäcker jedoch war alles andere
als ein Sozialist. Da außerdem ein
kluger Mensch, tat er das eine, ohne
das andere zu lassen: Er sprach von
Befreiung und gleichzeitig vom Leid
vieler Deutscher am Kriegsende, das
er allerdings als Folge des Leids, das
die Deutschen weltweit gesät* hatten, verstand. Und von eben dieser
Saat des Nationalsozialismus war
Deutschland 1945 befreit worden.
Von Weizsäcker erklärte den Deutschen, auch sie könnten es als Glück
empfinden, befreit worden zu sein.
Das grammatische Passiv lenkte
dabei die Aufmerksamkeit erst mal
nur auf den Vorgang der Befreiung.
Lösungen
Das Leben der Opfer sichtbar machen: Stolpersteine in Osnabrück.
Und dann kamen 1990 und die
deutsche Wiedervereinigung. Damit
war für Deutschland der Zweite Weltkrieg an ein „glückliches“
Ende gekommen. Friedlich hatten
die Deutschen das erreicht und es
sich dadurch verdient, wieder in
die Gemeinschaft souveräner Staaten aufgenommen zu werden. Aus
dieser Position heraus bekannte*
Deutschland sich zu seiner Schuld.
Die persönliche Erinnerung an
Krieg(serzählungen) wandelte sich
zu öffentlichen Diskursen über Fakten. Kunst war neben Wissenschaft
fortan* gefragt, um die Systematik
der Vernichtung (die Täter) und
die Schicksale der Ermordeten (die
Opfer) im Alltag der Gegenwart
sichtbar zu machen. „Erinnerungsorte“ eroberten den öffentlichen
Raum, und ein Besuch dieser Orte
gehört seitdem für jede Schulklasse zum Unterricht. Über das „Ob“
der Erinnerung war man sich einig,
manchmal wurde noch über das
„Wie“ gestritten; zum Beispiel bei
den „Stolpersteinen“* – kleinen
Messingplatten auf den Gehwegen vieler Städte, die mit Namen,
Geburts- und Deportationsdatum
an die einst dort lebenden Opfer
des Nationalsozialismus erinnern.
Die Münchner jüdische Gemeinde
befürchtete, Juden könnten hier wieder mit Füßen getreten werden.
Wer durch Berlin läuft, dem werden die Leerstellen, die der Holocaust hinterlassen hat, an jeder Straßenecke bewusst. Ihre Gegenwart ist
manchmal verwirrend und dennoch
Teil des Alltags, so am Koppenplatz:
Autoverkehr, Galerien, ein Seniorenheim, Cafés, ein Spielplatz und
mittendrin ein Tisch, ein stehender
und ein umgefallener Stuhl. Erst
bei genauem Hinsehen entdeckt
man Nelly Sachs‘ Gedicht „O, die
Schornsteine“ – ein Erinnerungsort
zum Gedenken an die deportierten
Juden des Viertels. 1996 vom Bildhauer Karl Biedermann entworfen,
zeigt „Der verlassene Raum“: So
schnell kann jeder Opfer werden.
Die Opfer sind unter uns, nach
einem langen Weg. Wir kennen sie
und ihr Leid – und auch die Täter,
ihr Unrecht, ihren Wahn und ihre
Bestialität*. Und dennoch: Es gibt
wieder Brandanschläge auf Synagogen und Flüchtlingsheime, Morde
an Migranten, Morddrohungen*
gegen Journalisten sowie Dorffeste,
bei denen Anne Franks Tagebuch
ins Lagerfeuer geworfen wird. Aber
es gibt auch eine Zivilgesellschaft,
die das nicht will und sich wehrt.
Das ist Erinnerungskultur.
1. a) individuell, spontan; b) gelernt, gesellschaftlich
2. Vom Nationalsozialismus; schwierig, weil es zerstörte Städte, Vertreibung, ein geteiltes Deutschland gab
3. Ein Ort, dem die Funktion zugesprochen wird, Menschen an etwas
zu erinnern; das kann durch ein Kunstwerk, die geografische Lage oder
auch durch etwas Immaterielles wie einen Begriff (z.B. „Stolperstein“)
erzielt werden
Московская немецкая газета, №400 от 6 мая 2015 г., № заказа 2109-2015. Свидетельство ПИ-№77-11595 от 14 января 2002 г. Тираж 25 000 экз. Учредитель: Ольга Мартенс, Генрих Мартенс. Издатель: АО «МаВи групп». Главный редактор: Боян Крстулович.
Адрес редакции: 119435, Москва, ул. Малая Пироговская, д. 5, оф. 54, e-mail: [email protected], тел.: +7 (495) 531 68 87. Газета в розницу не распространяется. Мнение авторов может не совпадать с позицией редакции. Отпечатано в АО «Красная Звезда», 123007, Москва, Хорошевское ш., 38.
09
ZEITGESCHEHEN
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Nr. 9 (400) MAI 2015
Engste deutsch-russische Beziehungen
Drei Paare erzählen über die besondere Verbindung ihrer Länder
Viel ist in letzter Zeit über
„Verstimmungen der deutschrussischen Beziehungen“ zu lesen.
Für die engsten Beziehungen
zwischen den Menschen beider
Länder gilt das aber offenbar
nicht: Drei russisch-deutsche
Paare erzählen ihre persönlichen
Geschichten von Kennenlernen,
Sprachen, Hochzeit und gemeinsamen Zukunftsplänen.
Von Simon Schütt
Dieter Sieckmeyer (55)
aus Düsseldorf und
Inga Sieckmeyer (48)
aus Moskau
Der Lebensmittelpunkt wird in
Deutschland sein, aber sie werden
weiterhin nach Russland zu Ingas
Familie und Freunden fahren.
Die MDZ wünscht den frisch
Vermählten viel Glück und Liebe
für ihr kommendes gemeinsames
Leben und einen reibungslosen
Umzug nach Deutschland.
Rainder Steenblock
(67) aus Leer und
Elisaweta Kasymowa
(53) aus Moskau
Dass sie sich überhaupt näher kennenlernten, verdanken sie einem
großen Zufall und ein wenig auch
den berüchtigten Moskauer Staus:
Der Fahrer des Wagens, der den
damaligen Bundestagsabgeordneten der Grünen, Rainder Steenblock, zum Moskauer Flughafen
bringen sollte, war krank. Elisaweta
Kasymowa sprang daher als Chefin
eines Moskauer Tourismusunternehmens ein und fuhr ihn persönlich zum Flughafen. Die Fahrt dauerte wegen der Staus lange genug,
um Interesse füreinander zu finden,
berichtet der Ex-Umweltminister
Schleswig-Holsteins. Über sein
politisches Mandat hatte er häufig
mit Russland zu tun.
Elisaweta hatte er kurz vor jener
Autofahrt im Frühjahr 2009 auf
einer Tourismusveranstaltung in
Moskau kennengelernt, an der auch
amerikanische, deutsche und russische Politiker teilnahmen.
Nach dem gemeinsamen ImStau-Stehen blieben sie per Mail
in Kontakt und als Steenblock zwei
Wochen später wieder einen Termin in Moskau hatte, trafen sie sich,
um länger zu reden und sich besser kennenzulernen. Ab Mitte 2009
wechselten sie auf Skype.
Meist sprechen sie Englisch miteinander. „Das ist für beide ein
angenehmer Mittelweg“, sagt er.
Seitdem trafen sie sich dann
etwa einmal im Monat – mal in
Berlin, mal in Moskau, wo Elisaweta eine Datscha hat. „Wir streben aber ein gemeinsames Zentrum an – also eine relative Verlagerung des Lebensschwerpunkts.“
Die Tendenz gehe momentan zu
Deutschland, aber noch sei nichts
entschieden. Allein wegen der Mutter seiner Lebensgefährtin und ihrer
Kinder aus einer vorherigen Ehe
werde man aber häufig nach Russland reisen. Lustigerweise seien sie
nun auch beide kurz nacheinander
Großeltern geworden.
Deutsch-russische Beziehungen
seien aber nicht immer nur einfach,
sagt der studierte Psychologe. Bei
ihnen sei sie durch die unterschiedlichen Kulturerfahrungen geprägt –
er ein 68er, sie in der Sowjetunion
aufgewachsen. „Die Beziehung beider Länder zeichnet eine besondere Intensität aus – nicht immer
positiv.“ Es sei aber spannend, die
Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten.
Für Elisaweta habe etwa die Familie eine deutlich größere Bedeutung.
Das bewege sich irgendwo zwischen
Fürsorge und zu viel Kontrolle –
er empfände es manchmal als zu
viel, dass sie jeden Tag Kontakt
zu ihrem Sohn und ihrer Mutter
habe. Aber auch Werte-Streits gebe
es bei ihnen: „Wenn wir an einem
homosexuellen Pärchen in Berlin vorbeigehen oder eines im TV
sehen, kommt von ihr ein angeekeles ‚Pfuh!‘. Wir haben uns deswegen
einige Male gestritten.“ Mittlerweile
hätten sie sich damit abgefunden,
dass sie sich dabei nicht einigen
können. „Alles in allem haben wir
es aber immer gut hingekriegt“, sagt
er – ganz wie ein Politiker.
Hans Wagner (55) aus
Frankfurt und Oxana
Nikolajewna (38) aus
Moskau
„Wir haben uns 2011 bei einem
gemeinsamen Meeting in der
Schweiz kennengelernt. Und da hat
es gefunkt“, berichtet Hans Wagner
aus Frankfurt über die Beziehung zu
seiner Oxana. „Vorher hatte ich null
Berührungspunkte mit Russland.
Ich war noch nie da und es hat mich
auch nie gereizt. Das hat sich in den
Jahren dramatisch geändert.“
Momentan fliegt er alle drei bis
vier Wochen nach Moskau. „Dann
holen wir in den vier Tagen, die ich
dort bin, das Familienleben komprimiert nach“, sagt er. Oxana hat
einen 9-jährigen Sohn, Jewgenij. Mit
dem Jungen unterhalte er sich „mit
Händen, Füßen, Google Übersetzer
und Mama.“ Russisch spreche er
leider nicht sehr gut. „Ich habe mal
Kurse gemacht und habe derzeit per
Skype eine Stunde in der Woche,
aber dadurch, dass meine Partnerin
perfekt Englisch spricht, wird man
doch sehr bequem.“ Bei der zukünftigen Schwiegermutter sei es genauso, obwohl sie in der Schule mal ein
paar Worte Deutsch gelernt habe.
„Man mag sich gegenseitig. Das ist
eine gute Voraussetzung für Verständigung“, sagt er liebevoll.
„Ich komme mit der russischen
Mentalität super klar. Mir gefällt
diese amerikanische, teilweise
gespielte Freundlichkeit nicht, deswegen fühle ich mich in der Metro
pudelwohl. Im Privaten ist es dann
aber eine sehr warme und schöne
Atmosphäre und es herrscht ein
großer Zusammenhalt in der Familie. Das mag ich sehr.“ Mittlerweile
fühle es sich an, wie nach Hause zu
kommen, wenn er in Moskau lande,
berichet Wagner – obwohl die Reisen natürlich mühsam seien.
Leider sieht es derzeit so aus,
dass die Fernbeziehung zwischen
Deutschland und Russland weitergehen müsse. „Dank der Technik können wir uns ja kostenlose
Textnachrichten schicken und am
Abend videotelefonieren.“
Im Winter stand er kurz davor,
nach Russland zu gehen und führte
Gespräche mit seinem Arbeitgeber,
einer amerikanischen Chemiefirma. Er bekam dann aber wegen der
wirtschaftlichen Lage und des angebotenen befristeten Jahresvertrags
kalte Füße. Dennoch plant Wagner
Richtung Russland: „Ich bin in den
letzten Zügen einer Scheidung und
danach peilen wir eine Hochzeit
an. Damit will ich nicht warten, bis
ich in Rente bin. Ich schaue jetzt
nach Job-Möglichkeiten und will
den Schritt machen.“ Einen angenehmen Nebeneffekt hätten die vielen Reisen aber: Im Koffer bringe
er sanktionierte Lebensmittel aus
Deutschland mit.
„Oxana ist das Beste, was mir
je passiert ist“, sagt er. Das werde
er um keinen Preis mehr aufgeben. Egal, wie umständlich das
sei. Das Leben sei nun einmal kein
Wunschkonzert.
Simon Schütt
Privat (2)
Er werde am 5. Mai seine Inga in
Moskau heiraten, schrieb uns Dieter Sieckmeyer, Journalist bei der
Düsseldorfer „Westdeutschen Zeitung“ Ende April. Dass in diesen
Zeiten eine Frau aus Moskau und
ein Mann aus Düsseldorf heiraten,
sei nicht selbstverständlich. In den
letzten zwei Jahren habe sich so
viel verändert. Daher wolle er uns
von ihrer Geschichte erzählen:
„Wir lernten uns 2013 in BadenBaden kennen“, fängt er an zu
berichten. Er feierte dort seinen
Geburtstag, sie machte Urlaub
und saß am Nachbartisch. „Sie
war mein Geburtstagsgeschenk“,
sagt Sieckmeyer und lächelt dabei
seine Frau an, die ihm bei unserem
Treffen in Moskau einige Tage vor
der Hochzeit gegenüber sitzt. Sie
tauschten ihre E-Mail-Adressen
aus, ursprünglich, weil er Russisch
lernen wollte und sie im Austausch
Deutsch oder Englisch. Auch jetzt
unterhalten sie sich auf Englisch.
Danach schrieben sie häufig, telefonierten per Skype und beschlossen dann, sich endlich wieder persönlich in Rom zu treffen. Rom
ist eine tolle Stadt für Verliebte,
sagen beide dazu schmunzelnd.
Gleich am ersten Abend hielt Dieter um ihre Hand an – das war
am 19. April 2013. Seitdem sahen
sie sich jeden Monat und schmiedeten Pläne für ihre gemeinsame
Zukunft.
Für die Hochzeit hat sich der
55-jährige eine besondere Überraschung ausgedacht: Er hat für
seine Inga ein Lied aufgenommen. Sieckmeyer ist neben seinem
Beruf als Journalist auch Musiker.
Wenn Inga traurig war, weil sie
so weit voneinander entfernt lebten, spielte er ihr auf der Gitarre
vor und schrieb dafür ein Lied für
sie. Dieses Lied nahm er auf und
schenkte es nun seiner Frau zur
Hochzeit.
Die Hochzeit fand im Moskauer Standesamt Nummer Vier statt
– bei fantastischem Wetter und
einer kleineren Gesellschaft von
16 Gästen. Sie entschieden sich für
Moskau, weil sie für die Hochzeit
in Deutschland noch mehr Unterlagen benötigt hätten – Übersetzungen und Apostillen braucht
man allerdings immer. Außerdem
konnte so auch die Familie der
Braut anwesend sein.
„Wir hatten eine wunderbare Feier und wir haben ein Erinnerungsfoto am Roten Platz
gemacht. Meine Frau hat sich
sehr über mein Lied gefreut und
im Restaurant The Golden Fish
gab es sogar eine Bühne. Es war
ein unvergesslicher Tag“, berichtet der Bräutigam.
Nach der Hochzeit wird die
Familie mit Ingas Tochter Uljana nach Düsseldorf ziehen – erst
in Dieters Wohnung, dann sucht
man eine gemeinsame Bleibe. Am
Tag der Hochzeit musste bereits
ein Schrank aus Dieters Wohnung
weichen, der Inga nicht gefiel.
„Das wird natürlich eine große
Umstellung, aber für mich ist das
in Ordnung. Hauptsache wir leben
endlich zusammen“, sagt Inga.
Auch Teenagerin Uljana, die sich
in der 8. Klasse befindet, wird mit
ihnen umziehen. „Ich habe darüber noch nicht zu viel nachgedacht, aber es wird bestimmt interessant.“ Momentan suchen sie
noch nach einer geeigneten Schule
in Düsseldorf, in die sie ab Sommer für die restlichen drei Jahre
gehen kann. Dabei hat die Familie
Sieckmeyer allerdings Glück, weil
eine Freundin von Inga – auch
eine Russin, die einen deutschen
Mann heiratete – im Herbst ebenfalls mit ihrer Tochter nach Düsseldorf zog. So kann sie ihnen nun
Tipps geben und von ihren Erfahrungen berichten.
Inga und Dieter Sieckmeyer mit Ingas Tochter Uljana. Das
Paar hat am 5. Mai in Moskau geheiratet. Alles Gute!
Elisaweta Kasymowa und Rainder Steenblock
hatten Glück, dass ein Fahrer erkrankte.
Oxana Nikolajewna und Hans Wagner sehen sich
momentan nur alle vier Wochen.
10
Ende April wurde ein Paket
von Gesetzentwürfen an die
russische Regierung übergeben,
das die fernöstliche Hafenstadt
Wladiwostok und 13 weitere
Städte in der Region Primorje zu Freihäfen machen soll.
Der Standort soll so mit Steuererleichterungen, staatlicher
Unterstützung beim Bau von
Infrastruktur und günstigen
Preisen für Grundstücke für
Investoren attraktiver gemacht
werden und das Wachstum der
Region steigern. Der Status soll
70 Jahre lang bestehen bleiben
und sich auf den Hafen, den
Flughafen, eine Industrie-, Forschungsförderungs- und Tourismuszone beziehen.
Gaslieferungen
nach China
Präsident Putin hat das Abkommen mit China über Gaslieferungen ratifiziert. Die Lieferungen sollen 2019 mit einem
Volumen von fünf Milliarden
Kubikmeter pro Jahr beginnen
und bis 2024 auf 38 Milliarden
Kubikmeter gesteigert werden. Die Ressourcenbasis des
Abkommens bilden zwei neue
Gasfelder in Jakutien und der
Region Irkutsk. Das Abkommen
gilt für eine Dauer von 40 Jahren. Danach verlängert es sich
jeweils um weitere fünf Jahre.
Im Oktober 2014 hatten die
russische und die chinesische
Regierung zunächst die Vereinbarung über Erdgaslieferungen
von Russland nach China unterzeichnet. Das entsprechende
russische Gesetz war dann am
24. April von der Staatsduma
an den Föderationsrat übergeben worden, der es am 29. April
billigte. Durch die Unterschrift
des Präsidenten trat es in Kraft.
Selbstversorger Russland
Landwirtschaft: Neuer Minister, alte Herausforderungen
Ein neuer Landwirtschaftsminister soll die Herausforderungen,
vor denen Russland steht, meistern: Importe ersetzen, ohne dass
die Preise für die Verbraucher
steigen. Wie kann das gelingen
und was bringt der Neue mit?
Von Julia Weihs
Mediterranes Klima, fruchtbare
schwarze Erde und eine gesunde
Wirtschaft – mit diesen Argumenten überzeugte im Jahr 2003 der
langjährige Gouverneur des Gebiets
Krasnodar Alexander Tkatschow
die Firma Claas, den größten deutschen Landmaschinenhersteller,
zur Niederlassung in seiner Region.
„Mich hat immer schon gewundert,
warum Russland nicht den Ehrgeiz
hat, sich wenigstens in der Landwirtschaft selbst zu versorgen“,
sagt heute Ralf Bendisch, FabrikChef von Claas in Krasnodar. „Für
Grundnahrungsmittel wie Milch,
Fleisch und Brot sind alle Voraussetzungen im Land vorhanden. Flächen gibt es. Es muss nur stimuliert
und gemacht werden.“
Wenn die russischen Sanktionen gegen westliche Lebensmittel bestehen bleiben und Importe
ersetzt werden sollen, dann steigen
die Preise – es sei denn, Russland
produziert selbst mehr und billiger.
Nun wurde der bisherige „Herr der
schwarzen Erde“ Tkatschow Ende
April zum Nachfolger von Landwirtschaftsminister Nikolaj Fjodorow ernannt. Er soll diese Herausforderung bewältigen.
Ein Blick in die Region, in der
Tkatschow erst Generaldirektor
eines landwirtschaftlichen Großbetriebes und dann 15 Jahre Gouverneur war, zeigt, wieso er der richtige Mann auf diesem Posten sein
könnte: „Wenn man aus der Vogelperspektive auf das Gebiet Krasnodar blickt, so sieht man, dass jedes
Fleckchen landwirtschaftliche Nutzfläche auch bearbeitet wird“, sagt
Bendisch. Das sei durchaus das Verdienst des ehemaligen Gouverneurs.
Er habe die Landwirtschaft lobbyiert
und motiviert, sodass gute Erträge
erzielt werden konnten.
Krasnodar wird nicht umsonst als
Kornkammer Russlands bezeichnet:
2014 kamen zwölf Millionen Tonnen Getreide aus der Region – zehn
Prozent der nationalen Produktion. Vor allem halfen föderale Programme bei der Entwicklung – zum
Beispiel Investitionszulagen beim
Maschinenkauf. Über die staatliche
Leasinggesellschaft Rosagroleasing
wurden Maschinen und Zuchtvieh
zu günstigen Bedingungen verliehen. Diese Maßnahmen könnten
auch für ganz Russland wirksam
sein, meint Bendisch. Problematisch
könnte allerdings eine Abhängigkeit
von Importen landwirtschaftlicher
Technik sein, wie der russlanddeutsche Ökonom Wladimir Faltsmann
in einer aktuellen Studie feststellt.
Ausländische, aber auch russische
Hersteller setzen auf Lokalisierung:
Russlands größter Hersteller Rostselmasch produziert etwa Mähdrescher, die nur zu einem Viertel aus
importierten Komponenten bestehen. Sie werden in 28 Länder exportiert, darunter auch Deutschland.
Bendisch sieht kritisch, dass man
beim Ruf nach Importsubstitution
manchmal vergesse, dass es viele
Unternehmen gebe, die ursprüng-
lich ausländisches Kapital ins Land
gebracht haben. Unternehmen, die
weiterverarbeiten, wie Danone oder
der Konservenhersteller Bonduelle
etwa, seien hervorragende Beispiele für lokalisierte Produktion im
Inland. „Das ist doch auch Importsubstitution: Aus russischen Ausgangsprodukten russische Produkte
herzustellen. Dazu kommt kostenloses Know-how, das die ausländischen Unternehmen hier anwenden – zum Wohl der Verbraucher.
Allerdings habe ich ein wenig Angst,
dass das jetzt verteufelt wird.“
Bisher sei auch die Schwäche
ihrer eigenen Lobby ein strukturelles Problem für die russische
Landwirtschaft gewesen. Sie müsse
auch deutlicher benennen, was sie
von der Industrie benötige. „Eine
stärkere Position der Vertreter der
Landwirtschaft in der Versorgungskette mit Technik ist für die Landwirtschaft und auch für die Industrie wünschenswert“, sagt Agrarmaschinenbauer Bendisch.
Während Russland bei Getreide,
Kartoffeln, Huhn und Eiern bereits
einen hohen Selbstversorgungs-
Auch ausländische
»Unternehmen
helfen doch bei der
Importsubstitution.
grad aufweise, gebe es vor allem
bei Fleisch Entwicklungspotential.
Wenn man weniger Getreide und
mehr Fleisch exportieren würde,
wären durch den höheren Veredelungsgrad auch die Einnahmen
höher. Dann könnten auch die Preise für die Verbraucher sinken.
Bendisch sieht Russland nicht
nur als Selbstversorger, sondern als
Weltversorger: „Russland ist das
territorial größte Land der Welt
und hat die meisten Ressourcen. Es
wäre eine vergebene Chance, wenn
das Russland nicht macht.“
A U S L A N D S H A N D E L S K A M M E R
Hochqualifizierte Spezialisten: Änderungen beim rechtlichen Status
Michael Harms,
Vorstandsvorsitzender AHK
РЕКЛАМА
Wladiwostok soll
Freihafen werden
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Nr. 9 (400) MAI 2015
Mähdrescher in Krasnodar: Hier
war der neue Landwirtschaftsminister lange Gouverneur.
RIA Novosti
■ A K T U E L L E S
WIRTSCHAFT
Die russischen Behörden nehmen
weitere Korrekturen an rechtlichen
Bestimmungen zum Status hochqualifizierter ausländischer Spezialisten vor.
Die AHK Russland fasst die wesentlichen Neuerungen für Sie zusammen.
Neu definiert wurden die Anforderungen an die Reisepässe ausländischer
Staatsbürger, die eine Arbeitserlaubnis
beantragen. So muss der Reisepass
bei der Beantragung einer einjährigen
Arbeitserlaubnis zum Zeitpunkt der
Einreichung von Unterlagen noch mindestens ein Jahr gültig sein. Der Reisepass eines hochqualifizierten Spezialisten muss allerdings mindestens drei
Jahre gültig sein. Neu sind außerdem
die Gehaltsberechnungen bei hochqualifizierten Spezialisten. Das Gesetz
schreibt jetzt vor, das Mindestgehalt
eines hochqualifizierten Spezialisten
müsse pro Kalendermonat und nicht
mehr wie vorher pro Jahr angegeben
werden. So sollen hochqualifizierte
Spezialisten, die vor der Gesetzesänderung nach dem Gehaltsschema „zwei
Millionen Rubel im Jahr“ beschäftigt
wurden, nunmehr mindestens 167 000
Rubel im Monat beziehen. Der entsprechende Betrag muss im Arbeitsvertrag ausgewiesen sein.
Darüber hinaus werden die Unterbrechungen der Berufstätigkeit bei hochqualifizierten Spezialisten neu geregelt.
Bei Unterbrechungen aufgrund von
Krankheit, unbezahltem Urlaub oder
sonstigen Umstände, die im Ergebnis
dazu führten, dass das Gehalt nicht
gezahlt bzw. nicht in vollem Umfang
gezahlt wurde, ist der Arbeitgeber
trotzdem dazu verpflichtet, dem
hochqualifizierten Spezialisten sein
monatliches Mindestgehalt (167000
Rubel) auszuzahlen. Nur so gelten die
Verpflichtungen des Arbeitgebers hinsichtlich der Gehaltszahlung als erfüllt.
Experten der AHK-Arbeitsgruppe
für Migrationsfragen deuten dabei
berechtigterweise auf das russische
Arbeitsrecht, in dem das Gehalt als
eine Entlohnung für geleistete Arbeit
definiert wird, d.h. der Arbeitnehmer
wird aufgrund seiner Arbeitsleistung
im jeweils laufenden Monat entlohnt.
Eine Situation, in der der Arbeitgeber
dazu verpflichtet ist, dem hochqualifizierten Spezialisten zwingend
mindestens 167 000 Rubel im Monat
auszuzahlen, wiederspreche den Normen des russischen Arbeitsrechts. Die
Forderung an den Arbeitgeber, seinem
Arbeitnehmer das Gehalt auch dann
weiterzuzahlen, wenn er krank ist oder
unbezahlten Urlaub hat, sei aus Sicht
der Experten schwer zu erklären.
Bei weiteren Fragen wenden Sie sich
bitte an die Rechtsabteilung der AHK:
Wladimir Kobsew
+7 (495) 2344953
[email protected]
11
WIRTSCHAFT
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Nr. 9 (400) MAI 2015
Gegessen wird zu Hause
Geplante Fastfood-Kette „Jedim doma!“ will mit Essen aus der Heimat überzeugen
Ein berühmtes russisches Brüderpaar will der US-Konkurrenz
mit einer patriotischen FastfoodKette die Stirn bieten, die nationale Speisen von russischen
Produzenten verkauft. Die Politik
unterstützt das Projekt bislang.
Russland reformiert
Schiedsgerichte
RIA Novosti
Von Simon Schütt
„Essen wir zu Hause!“ – ein Name
wie eine Aufforderung der Politik.
„Jedim doma!“, wie der Name auf
Russisch lautet, ist eine geplante
Kette für russisches Fastfood, die
den überwiegend amerikanisch
dominierten Fastfood-Markt in
Russland aufmischen soll.
Die geplanten patriotischen
Schnellrestaurants reihen sich bei
den Projekten ein, die Russland
unabhängig von ausländischen
Importen und vom westlichen
Ausland generell machen will. Die
selbstverhängten Sanktionen Russlands gegen westliche Lebensmitteleinfuhren dienen dabei als Anreiz,
die eigene Lebensmittelindustrie zu
stärken – nun auch im Bereich des
schnellen Essens.
Fastfood macht in Russland laut
einer Studie von RBC-Research
rund 30 Prozent der Essensdienstleistungen aus. 99 Anbieter boten
2014 in 3788 Filialen landesweit
ihre Speisen an. Allein zwischen
April 2013 und April 2014 wurden
1528 neue Restaurants eröffnet.
Dazu sollen demnächst auch die
Filialen von „Jedim Doma!“ kommen. Wann genau, ist allerdings
noch unklar. Im Moment wird
um Unterstützung und die Finanzierung gerungen. Geplant sind
rund 100 Restaurants und zwei
Fabrikküchen.
Die Regisseur-Brüder Nikita Michalkow und Andrej
Kontschalowskij wollen eine Fastfood-Kette eröffnen.
Ins Leben gerufen haben das
Projekt zwei Brüder, die bekannten
Regisseure Nikita Michalkow und
Andrej Michalkow-Kontschalowskij. Nikita gewann 1995 den Auslands-Oscar für „Die Sonne, die uns
täuscht“, sein älterer Bruder machte
ebenfalls in Hollywood Karriere.
Mitte März schrieben die beiden
einen Brief an Präsident Putin, in
dem sie um Unterstützung baten.
Darin hieß es laut der russischen
Zeitung „Kommersant“, dass sie
damit „Alternativen zu westlichen
Fastfood-Ketten“ bieten wollen –
das Projekt habe zudem „sozialpolitischen Charakter“. Das Brüderpaar
wolle auch die erwähnten „Importsubstitutionen fördern“, also auf in
Russland produzierte Zutaten setzen. Man wolle versuchen, 30 bis
40 Prozent der Zutaten bei heimischen Bauern zu kaufen. Das klingt
zunächst viel, ist aber irreführend.
Denn auch McDonald‘s und andere westliche Ketten bekommen
ihre Produkte hauptsächlich von
russischen Unternehmen – Lokalisierung nennt sich das. 85 Prozent
der Produkte bei McDonald‘s in
Russland stammten von den mehr
als 160 russischen Zulieferern, gibt
das Unternehmen an. Der BigMac
besteht angeblich komplett aus russischen Zutaten.
Kontschalowskij kündigte an,
die durchschnittliche Rechnung
werde nicht teurer als bei Marktführer McDonald‘s sein. „Gesundes und günstiges Essen für die
Bevölkerung“ – russische Küche
für unterwegs soll auf der Speisekarte stehen. Der Markenname der
geplanten Kette ist übrigens keine
Neuerfindung. So heißt bereits
die Koch-Sendung von Kontschalowskijs Frau, Julia Wyssozkaja.
Die Politik begrüßte das Projekt
wohlwollend: Der stellvertretende
Ministerpräsident Arkadij Dworkowitsch sagte Anfang April, dass
der Staat das Projekt unterstützen
werde. Allerdings stellte er schnell
klar, dass damit keineswegs finanzielle Hilfen aus dem Haushalt
gemeint seien. Stattdessen wolle
man auf bestehende Mechanismen
für kleinere und mittlere Unternehmen zurückgreifen und etwa bei
der „Überwindung administrativer
Hindernisse“ behilflich sein. Zudem
forderte er die russischen Banken
auf, das Projekt zu unterstützen –
etwa mit günstigen Zinssätzen für
Kredite. Für den Anfang brauche
man ein Darlehen von rund einer
Milliarde Rubel, sagten die Brüder.
Die Investition werde sich bereits
in fünf Jahren amortisieren.
Das sehen einige Banken offenbar anders. Von den acht russischen
Banken haben bislang vier angekündigt, das Projekt nicht zu finanzieren. Nun sollen den übrigen Banken
ein Businessplan und weitere Dokumente vorgelegt werden. Bis 1. September soll dann über ein Darlehen
entschieden werden.
Braucht Russland mehr russisches Fastfood?
bk
Russisches Fastfood: Bei
Teremok isst man Bliny.
Bliny, Buchweizen und Kwass statt
Burgern, Pommes und Cola – die
schnelle russische Nationalküche
zum Mitnehmen, wie sie „Jedim
doma!“ als patriotische Revolution
anpreist, ist nicht neu. Es gibt sie
bereits zuhauf an den Straßen der
Großstädte des Landes.
Eigene Fastfood-Ketten, die
sich speziell auf den russischen
Geschmack spezialisiert haben,
sind etwa: Teremok („Villa“),
Kroschka Kartoschka („Kleine Kartoffel“), Tschainaja Loschka („Teelöffel“) oder Jolki Palki.
Daher stellt sich neben der
Frage, ob die russischen Kunden
überhaupt wollen, dass „Jedim
doma!“ die „amerikanischen“ Speisen durch einheimische ersetzt,
auch die Frage, ob der Markt für
russisches Fastfood nicht ohnehin
längst gesättigt ist.
Grundsätzlich sei durchaus
noch Wachstumspotenzial auf
dem russischen Markt gegeben,
heißt es in einer Studie zum russischen Fastfood-Markt von RBCResearch. Pro Kopf gesehen gebe es
in Russland bislang noch deutlich
weniger Schnellrestaurants als in
Europa oder den USA. Allerdings
verdrängten transnationale Ketten
zunehmend die russischen, stellte
die Studie aus dem Sommer 2014
fest. Das liege vor allem an den
Franchise-Systemen und den großen Erfahrungen ihrer Entwicklungen in Europa und den USA.
Russische Kunden verbänden die
internationalen Ketten auch mit
einheitlichen Qualitätsstandards.
Für russische Unternehmer sei
es zudem oft einfacher, von den
Technologien der großen internationalen Ketten zu profitieren und
als Franchise-Nehmer zu agieren.
Das Pfannkuchen-Restaurant
Teremok, die größte russische
und insgesamt viertgrößte Kette
des Landes und die zweitgrößte
russische Kette, Kroschka Kartoschka, hätten beide gegenüber den
transnationalen Ketten verloren.
Und das, obwohl sie speziell auf
russische Kunden zielten.
Der Umsatz von Teremok belief
sich 2014 auf sechs Milliarden Rubel
(115 Millionen Dollar) und stieg
damit im Vergleich zum Vorjahr um
26 Prozent an. Zum Vergleich:
McDonald‘s machte in Russland
einen Umsatz von etwa 2,2 Milliarden – Dollar.
sim
РЕКЛАМА
Die geplante Kette „Jedim
doma!“ beschwört die Nationalküche. Auf dem russischen Markt
für schnelles Essen gibt es schon
viele solcher Anbieter. Besteht
überhaupt Bedarf an einem weiteren? Teremok und Co. werden
schon jetzt von internationalen
Riesenküchen verdrängt.
Wirtschaftsprüfer, Steuerberater,
Rechtsanwälte
Dr. Andreas Knaul
Business Center LeFort
Elektrosawodskaja uliza 27,
Gebäude 2, 107023 Moskau
Tel.: +7 495 933 51 20 / 20 55
[email protected]
www.roedl.com/ru
Die im Dezember 2013 eingeleitete Reform der (nichtstaatlichen)
Schiedsgerichte wird fortgesetzt. Die
vom Justizministerium vorgeschlagene Reform der Schiedsgerichte
wurde unlängst von der Kommission
der Regierung für Gesetzentwürfe
gebilligt. Der Dokumentensatz sieht
den Ersatz des derzeit geltenden
Gesetzes „Über die Schiedsgerichte
in der Russischen Föderation“ durch
das neue Gesetz „Über Schiedsverfahren“ vor und bringt Änderungen
in die Prozessordnungen und eine
Reihe anderer Rechtsakte ein.
Gegenwärtig steigt die Inanspruchnahme von nichtstaatlichen Schiedsgerichten durch Unternehmen stark
an, daher werden die neuen Entwürfe und Vorschriften von Juristen mit
Vorsicht zur Kenntnis genommen.
Ausstoß schädlicher
Substanzen
Die Gebühr für den Ausstoß schädlicher Substanzen in die Atmosphäre
durch mobile Emissionsquellen wird
von juristischen Personen und Einzelunternehmern seit 1. Januar nicht
mehr erhoben. Damit sind Änderungen im Föderalen Gesetz „Über
den Schutz der Atmosphäre“ in Kraft
getreten, denen zufolge diese Gebühr
lediglich für den Ausstoß schädlicher
(verschmutzender) Substanzen durch
stationäre Emissionsquellen erhoben
wird. Derzeit erstellt das Umweltministerium Rechtsakte, die die Vorschriften zur Berechnung, Entrichtung
und Korrektur der Gebühr für eine
negative Beeinflussung der Umwelt
konkretisieren werden.
ThinCap-Regeln
Nachdem mit Gesetz vom 8. März
die Unterkapitalisierungsvorschriften
bzw. die Grundlage für die Ermittlung des damit zusammenhängenden Eigenkapitals durch Fixierung
des Rubel-Euro bzw. Dollarkurses
an die Währungsschwankungen
angepasst wurde, ist damit zu rechnen, dass im Juni der Geltungsbereich der ThinCap-Regeln auch auf
Schwestergesellschaften erweitert
wird. Die Tendenz gab es in den letzten Jahren bereits bei Finanzverwaltung und Rechtsprechung, trotz entgegenstehendem Gesetzeswortlaut.
Der neue Entwurf stellt nunmehr
auf die Verbundenheit der Personen
nach Verrechnungspreisvorschriften
ab und nimmt eine Konzernbetrachtung vor. Damit würde eine
Lücke geschlossen, die erhebliche
Auswirkungen auf die Finanzierung
von russischen Tochtergesellschaften
haben kann, was bereits jetzt bei
der Liquiditäts- und Steuerplanung
berücksichtigt werden sollte.
12
RUSSLANDS NACHBARN
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Nr. 9 (400) MAI 2015
B A L T I K U M
Halb Moskau
an der Ostsee
Europäische Gemütlichkeit vor Russlands Haustür: Riga.
Medienmacher strömen ins Baltikum
In Tallinn wie in Riga finden immer mehr Journalisten aus Belarus
und Russland ideale Arbeitsbedingungen: Russischsprachiges Umfeld,
Moskauer Kollegen und eine kurze Flugdauer in die russische Hauptstadt. Die liberalen Moskauer trennen jedoch Welten von der konservativen russischen Minderheit vor Ort.
Wer die Adresse nicht kennt, wird
die Redaktionsräume des weißrussischen Oppositionssenders Aru.
tv nicht finden in den engen Altstadtgassen der estnischen Hauptstadt Tallinn. Auf der Webseite
ist keine Adresse angegeben, am
Hauseingang hängt kein Schild.
Wer aber weiß, wo er hin muss,
der braucht noch nicht einmal zu
klingeln: Die Tür steht offen, und
wer hereingeht, findet sich auf einmal wieder in einer Wohnküche, in
der ein gutes Dutzend Anwesender
Dissidentenliedern aus den 1980er
Jahren lauscht – übersetzt in die
weißrussische Sprache, in Gitarrenbegleitung zu Gehör gegeben
von Zmitser Vajtsjukewitsch, der in
seiner Heimat Auftrittsverbot hat.
In einem kleinen Nebenraum hat
Pawel Morosow ein Fernsehstudio
vor einer Collage aus Zeitungsseiten
von der „New York Times“ bis zur
„Kyiv Post“ eingerichtet. Hier tritt
einmal wöchentlich Artemij Troizkij für eine Nachrichtensendung vor
die Kamera. Der Musikkritiker, der
als Autorität zur russischen Rockmusik gilt, ist nur einer von zahlreichen Emigranten, die es aus Moskau oder St. Petersburg in jüngster
Zeit ins Baltikum verschlagen hat.
Pawel Morosow ist bereits länger
in Tallinn. In seiner Heimat drohte
ihm aufgrund satirischer Zeichen-
trickfilme, deren Held der weißrussische Präsident Lukaschenko
ist, eine Haftstrafe. Morosow floh
Ende 2006 nach Estland und betätigte sich von dort oppositionell.
Auslöser für die Gründung eines
eigenen Fernsehsenders, der derzeit hauptsächlich über das Internet verbreitet wird, waren nach
Morosows Worten aber erst die
Ereignisse vom Frühjahr 2014:
„Die Olympiade, der Maidan, dann
der Krieg. Es wurde klar, dass in
den gegenwärtigen aggressiven
Handlungen eines Landes gegen
ein anderes das Militär eine minimale Rolle spielt. Natürlich wird
dort geschossen. Aber der Grund,
warum geschossen wird, ist die
Propaganda.“
Was Morosow mit einem Team
aus etwa 15 teils ehrenamtlichen
Mitstreitern in Estland, der Ukraine, Weißrussland und Moldawien
macht, soll dem eigenen Anspruch
nach nicht Gegenpropaganda sein,
sondern Journalismus, wenn auch
manchmal mit Mitteln der Satire.
„Wir streben die Wahrheit und
Tatsachen an. Auch in Weißrussland gibt es eine Menge Leute, die
russisches Fernsehen gucken und
glauben, die Krim sei jetzt ,unsere‘.“
Einen ähnlichen Anspruch vertritt in einem renovierten Speichergebäude in der lettischen
Die fünfte Welle
Ehemalige TV-Journalistin
über ihr Exil in Riga
Hauptstadt Riga das 23-köpfige
Redaktionsteam des Internetportals Meduza.io. Die Redakteure
stammen ausnahmslos aus Russland, beinahe alle von ihnen haben
bei namhaften Moskauer Medien
gearbeitet. Chefredakteurin Galina Timtschenko verlor im Frühjahr 2014 ihren Posten bei der
russischen Online-Zeitung Lenta.
ru und entschloss sich, fortan aus
dem Exil zu arbeiten. Die Zielgruppe von Medusa ist nach den
Worten von Ilja Krassilschtschik,
der vom Moskauer Stadtmagazin
„Afischa“ als Herausgeber zum
Rigaer Team kam, weiterhin größtenteils in Russland ansässig.
Die Medienmacher operieren
auch im Exil weiterhin in Moskauer Kreisen – mit der im Baltikum
lebenden russischsprachigen Bevölkerung hat Krassilschtschik nach
eigenem Bekunden wenig Kontakt.
Die informiere sich lieber aus dem
russischen Staatsfernsehen. „Einmal“, erzählt der 28-Jährige, „habe
ich im Radio gehört: Lettland ist
meine Heimat, Russland mein
Vaterland. Medusa ist in meine Hei-
mat gekommen, um mein Vaterland
in den Dreck zu ziehen.“
Ortstermin in Daugavpils. Lettlands zweitgrößte Stadt wirkt trotz
ihrer knapp 100 000 Einwohner im
Vergleich zum quirligen Riga wie
ein Provinznest. Die Bewohner der
Stadt sind mehrheitlich russischsprachig, Schilder und Hinweise
im öffentlichen Raum beinahe ausschließlich in lettischer Sprache.
Dmitrijs Oļehnovičs, der an der
örtlichen Universität Geschichte unterrichtet, stört das nicht –
obwohl seine eigene Muttersprache
Russisch ist. „Aussagen, laut derer
unsere Region Lettgallen so etwas
wie ein lettischer Donbass ist, sind
dumm.“ Die Einwohner seiner Stadt
seien in erster Linie Patrioten ihrer
Region. Riga ist fern, die Moskauer Intellektuellen sind es erst recht.
Von den neuen russischsprachigen
Oppositionsmedien erhofft sich
Oļehnovičs keinen nennenswerten
Einfluss auf die lokale Bevölkerung:
„Im Gegenteil. Die Russen in Lettland sind in ihren Ansichten eher
konservativ. Ultraliberale Medien
wie Medusa stören sie höchstens.“
In Moskau arbeitete Olga Schakina für den oppositionellen Fernsehsender „Doschd“, bevor sie sich
vor zwei Jahren zur Emigration
entschied. Nebenbei verfasste
sie eine praktische Anleitung für
Landsleute, wie diese am einfachsten „abhauen“ könnten.
für den Immobilienerwerb sowie
13 000 Euro Gebühr an den Staat.
Allerdings habe ich die baltischen
Staaten immer schon geliebt. In
der Sowjetunion war das hier ein
kleines Europa. Damals fuhren,
grob gesprochen, das gemeine
Volk und die Beamten zum Urlaub
in den Süden, die Intelligenzija an
die Ostsee. Auch, weil sie diese
Gegend aus ihrer Kindheit kennen, kommen derzeit viele meiner
Journalisten-Kollegen hierher und
kaufen Häuser.
Christian Gogolin
Warum haben Sie vor zwei Jahren entschieden, Russland zu
verlassen?
Ganz einfach: Mir gefällt überhaupt nicht, was in Russland
geschieht. Es findet ein Zerfall der
Gesellschaft auf allen Ebenen statt.
Die Gesellschaft ist dort heute wie
ein toter Körper. Und daher bringt
jeder systematische Kampf mit
dem, was in Russland geschieht,
nur ein sehr geringes Resultat ein,
wesentlich geringer, als der betriebene Aufwand.
Weshalb war ausgerechnet Lettland Ihr Ziel?
Aus praktischen Gründen: Hier war
es am einfachsten, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Ich konnte mir für 75 000 Euro ein Haus
am Meer kaufen und habe dafür
das Dokument erhalten. Heute ist
das teurer geworden, 250 000 Euro
Was bedeutet „viele Kollegen“? Ist die Emigration ein
Massenphänomen?
Statistiken über Emigranten führt
keiner, aber allein aus meinem
Bekanntenkreis, Moskauer und
Petersburger Journalisten, sind
vielleicht 20 Personen hier. Dann
gibt es noch andere Zirkel, etwa
rund 20 ehemalige Journalisten
des Fernsehsenders NTW, die im
Küstenort Jurmala so etwas wie
eine Gemeinschaft bilden. Ich treffe viele bekannte Moskauer hier auf
der Straße. Was die Emigration von
Beamten oder Managern angeht,
kann ich dazu nicht viel sagen, ich
weiß, dass viele reiche Banker jetzt
Christian Gogolin (2)
Von Robert Kalimullin
28-jähriger Herausgeber: Ilja
Krassilschtschik vom ExilMedium Medusa.
Häuser erwerben. Soziologen sprechen bereits von der historisch fünften Migrationswelle aus Russland
ins Baltikum. Und es werden noch
viele ausreisen.
Lettland hat unter allen baltischen
Staaten den größten Anteil russischsprachiger Bevölkerung, nahezu 50 Prozent. Haben Sie Kontakt
zu Ihren Landleuten, die hier länger ansässig sind?
Nein. Sie sind für mich uninteressant. Ich fühle mich nicht zugehörig zur sogenannten „russischen
Welt“. Ich glaube, die Hälfte der
russischsprachigen Bevölkerung ist
nicht loyal gegenüber der lettischen
Regierung. Ich dagegen unterstütze die Außenpolitik Lettlands,
bin froh, dass das Land zur Nato
gehört. Die Russen hier würden
mich wahrscheinlich als Verräterin
und Liberale betrachten – für sie
ist das ein Schimpfwort. Sie unterstützen Putin, in Russland leben
wollen sie allerdings nicht – dafür
mögen sie die sozialen Sicherheiten
und die Möglichkeit, in Europa zu
reisen, zu sehr.
Das Interview führte
Robert Kalimullin
13
MOSKAU
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Nr. 9 (400) MAI 2015
Moskaus Metro wird 80
Doch das wichtigste Transportmittel der Stadt hat bereits große Zukunftspläne
Die Metro fährt seit dem 15.
Mai 1935 unter der russischen
Hauptstadt hindurch. Bis zu neun
Millionen Passagiere nutzen sie
an Wochentagen. Doch auch zu
ihrem 80. Jubiläum plant man
den weiteren Ausbau der Strecken und eine zweite Ringlinie –
auch mit privaten Investoren.
I N F O
Geburtstagsfeiern
Die Zukunft
der Metro
Nach der 80-jährigen Vergangenheit lohnt sich auch ein Blick in
die Zukunft des Transportunternehmens. Noch dieses Jahr soll die
200. Station eröffnet werden. Bis
2020 sollen die Metro-Züge gar an
64 zusätzlichen Haltestellen anhal-
Viele Feiern: Am 15. Mai begeht die Moskauer Metro ihren 80. Geburtstag. Hier spielt
ein Nowosibirsker Orchester anlässlich des Kriegsendes vor 70 Jahren in der Metro.
ten. Immer wieder finden daher
Bauarbeiten statt. Anfang Mai fuhren wegen Arbeiten an einer Verlängerung der Strecke der roten
und der lila Linie die Ersatzbusse
an den letzten Stationen. Im Laufe
des Jahres sollen insgesamt acht
neue Stationen eröffnen.
Der geplante
zweite Ring
Das größte Zukunftsprojekt der
Metro ist eine zweite Ring-Bahn.
Sie wäre die 13. Metro-Linie. Wie
bisher die braune Linie soll sie einen
weiteren Kreis um die Metropole
ziehen und vor allem den Bewohnern der Außengebiete die Fahrt
erleichtern. Der Beginn der Bauar-
Wann kommt die kalte
Dusche?
In Moskau wird ab dem 12. Mai
stadtweit das Warmwasser abgestellt. Grund dafür sind Wartungsarbeiten an den Rohren.
Auf einer Website können Sie
erfahren, ob und wann auch Sie
betroffen sind.
Anfang Mai wurden in Moskau
die Heizungen abgeschaltet. Die
Heizperiode dauert jedes Jahr von
Oktober bis etwa Anfang Mai. Die
Entscheidung, ob es nun drinnen
kälter wird, hängt davon ab, dass
draußen fünf Tage in Folge mehr
als acht Grad Außentemperatur
herrschen.
Nun kann es aber vorkommen,
dass sogar das Wasser, das aus den
Hähnen kommt, einige Zeit kalt
bleibt. In Moskau werden vom 12.
Mai an in vielen Gebäuden Wartungs- und Reparaturarbeiten an
den Rohren erfolgen. Dazu muss
das Warmwasser abgestellt werden. Das kann heißen, dass die
Moskauer nun bis zu zehn Tage
lang kalt duschen müssen.
Der Pressedienst der Moskauer
Energieunternehmen MOEK empfiehlt, dann warmes Wasser per
Ventil zu verriegeln und nur kaltes
Wasser zu verwenden. Sonst könne
es zu höheren Kosten kommen, weil
der Druck in den Rohren erhalten
bleiben müsse und das fälschlicherweise mit verrechnet werde.
Warmes Wasser ist teurer als kaltes. Zuletzt hatte es im November
2014 eine Preiserhöhung für die
Warmduscher gegeben. Im Juli soll
eine weitere folgen. In diesem Jahr
werden bis zu einem Viertel mehr
Haushalte als im Vorjahr von den
Arbeiten betroffen sein, teilten die
Moskauer Energieunternehmen
mit. Auch in den nächsten Jahren werde es erforderlich sein, das
Wasser abzudrehen.
Ob das Warmwasser auch bei
Ihnen abgestellt wird und wann
das geschehen wird, können
Sie auf der Website des MOEK
nachsehen, indem Sie dort ihre
Adresse eingeben (auf Russisch):
www.oaomoek.ru
sim
beiten ist für 2016 geplant und soll
in mehreren Abschnitten erfolgen.
Insgesamt soll der zweite Ring 30
Stationen beinhalten – davon 16 an
Kreuzungen bisheriger Linien. Neu
gebaute, aber auch alte Stationen,
die in das neue Netz integriert werden, sollen sich über eine Strecke
von rund 60 Kilometern ziehen.
Auf der Website der Moskauer
Stadtplaner heißt es zudem, dass
von der neuen Linie täglich etwa
eine Millionen Fahrgäste profitieren würden. Die Umwege über
den Ring im Zentrum, um von
einer Außenlinie zur anderen zu
kommen, fielen so weg. Dadurch
würden die Stationen im Zentrum
entlastet. Außerdem verkürze sich
dadurch oft die Fahrzeit deutlich.
Allerdings hat es bereits in der
Vergangenheit stets deutliche Verzögerungen bei der Bauzeit großer
U-Bahn-Projekte in Moskau gegeben. Daher kann das ambitionierte Projekt durchaus länger dauern. Bereits jetzt muss aufgrund
der derzeitigen Wirtschaftskrise
umgeplant werden.
Private
Investoren
Dabei kommen private Investoren
zum Zug. Der schwedische Konzern IKEA kündigte Ende April an,
trotz der Krise eine Milliarde Rubel
(20 Millionen Dollar) für den Bau
einer Metro-Station in der Nähe
eines seiner geplanten Einkaufszen-
tren im nördlichen Moskauer Vorort Mytischi investieren zu wollen.
Geplant ist, dass die orangfarbene
Metro-Linie Mytischi bis 2020 erreichen soll. Der Bau des Zentrums
soll 2016 beginnen und 2018 abgeschlossen sein. Laut Armin Mikaeli,
dem Chef der IKEA-Shopping-Zentren in Russland, sei die Summe, die
man in die Metro investiere, rund
ein Viertel der Gesamtsumme von
den drei bis vier Milliarden Rubel
für den Bau einer Station.
Auch mit chinesischen Investoren waren im Sommer 2014 Vereinbarungen über Investitionen in
Höhe von rund zwei Milliarden
Dollar in die Metro getroffen worden. Für Ende des Jahres sind die
Vertragsabschlüsse geplant.
Einfach und sicher nach Russland Reisen
Visa aller Art
nach Russland, GUS und China
РЕКЛАМА
Am 15. Mai 1935 fuhr die Moskauer Metro erstmals die elf Kilometer lange Strecke der roten Linie
zwischen den Stationen Sokolniki
und Park Kultury. 13 Stationen gab
es damals. Heute, 80 Jahre später,
beträgt die Länge der gesamten
Strecke 327 Kilometer und es gibt
196 Haltestellen.
1931 wurde der Beschluss zum
Bau einer unterirdischen Bahn in
Moskau gefällt, um auf den überlasteten Verkehr auf den Straßen
der Millionenstadt zu reagieren.
Mit enormem finanziellen und
personellen Aufwand schloss
man die Bauarbeiten innerhalb
von drei Jahren ab. Die Metro mit
ihren prunkvollen Stationen gilt
als Lieblingsprojekt Stalins und
auch bei der Bevölkerung fand
sie große Zustimmung. Ausgebaut wurde sie danach eigentlich
immer – auch während des Zweiten Weltkriegs.
RIA Novosti
Von Simon Schütt
Die Feierlichkeiten werden
mit einer Reihe von besonderen Aktionen begangen:
Prominente lesen die Durchsagen auf den zwölf Linien,
es gibt unter anderem einen
Designwettbewerb für einen
Jubiläums-Zug, eine Zugparade, eine Ausstellung zur
Geschichte der Metro und ein
Sportfest für Metro-Mitarbeiter. Außerdem kann man
sich als Metro-Angestellter
fotografieren lassen.
Zudem ist anlässlich des
Jubiläums eine eigene Website eingerichtet, die hübsch
anzuschauen ist. Dort fahren
animierte Züge vor der Silhouette Moskaus herum:
www.mosmetro80.ru
[email protected]
www.euroturism.de
Tel. : +49 30 37 44 9283
Landsberger Allee 131A | 10369 Berlin
MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG
Nr. 9 (400) MAI 2015
K O N Z E R T | R E S T A U R A N T | B Ü H N E
K I N O | R E
Stunden und kostet 350 Rubel.
Die meisten Führungen leitet der
Museumsgründer Konstantin Kuksin persönlich. Die Idee zu dem
Nomadenmuseums kam dem Ethnographen und leidenschaftlichen
Reisenden während einer Fahrradreise vom Baikalsee durch die Mongolei nach China. Außer den Führungen bietet das Museum auch
Workshops an, bei denen Besucher
reiten können oder lernen, Leder
zu verarbeiten und Pfeile für das
Bogenschießen herzustellen.
Anna Braschnikowa
Nomadenmuseum
Ul. Awiamotornaja 30 A
Awiamotornaja
(916) 513 31 48
www.nomadic.ru
1
K I N O
OPEN AIR
Im Freiluftkino Museon im
Skulpturenpark hat die Sommersaison eröffnet. Jetzt gibt
es in Moskau endlich wieder
Kino unter freiem Himmel. Alle
Filme werden hier auf einer
Großleinwand in Originalfassung mit russischen Untertiteln
gezeigt. Tickets gibt es für 350
Rubel. Hierfür wird den Besuchern ein abwechslungsreiches
Angebot an Filmen geboten: Im
Mai stehen unter anderem die
amerikanische Komödie „She’s
funny that way“, das französische Drama „Gemma Bovery“
und eine packende Dokumentation über Nirvana-Sänger Kurt
Cobain mit auf dem Programm.
Bis September
Park Museon
Ul. Krymskij wal
Oktjabrskaja
(985) 382 27 32
www.muzeon.ru
3
F E S T I V A L
BLÜTENPRACHT
Gedenken an einen Trommler
Ausstellung zeigt das Leben und Werk von Günter Grass
Kulturzentrum SIL
Kaum ein anderer deutscher Schriftsteller hat die deutsche Nachkriegsgeschichte literarisch, politisch und
persönlich so geprägt wie Günter
Grass. Zum Gedenken an den im
vergangenen Monat verstorbenen
Literaturnobelpreisträger richtet
das Kulturzentrum SIL gemeinsam
Illustration von Grass zu seinem Roman „Hundejahre“.
mit dem Goethe-Institut Moskau
und dem polnischen Kulturzentrum eine Ausstellung aus, die seinem Werk als Autor und Künstler
gewidmet ist.
In der Bibliothek im zweiten
Stock der einstigen Fabrikhalle können Besucher zwischen Bücherregalen große Drucke der von Grass
selbst gezeichneten Illustrationen
zu seinen Prosawerken wie „Katz
und Maus“ oder „Hundejahre“
betrachten. Dazwischen hängen
große Banner mit Zitaten aus seinen Werken – jeweils auf Deutsch
und auf Russisch.
Dem interessierten Besucher wird
zudem ein Einblick in den Schöpfungsgeist des gebürtigen Danzigers
gegeben: Über einer Kommode, auf
der symbolisch eine Schreibmaschine steht, sind weitere Zeichnungen
des Autors zu sehen, außerdem ein
detaillierter Schreibplan, auf dem er
die Arbeitsschritte zu seinem ersten
Roman „Die Blechtrommel“ von
1959 genau festgehalten hat.
Eindrücke seiner Geburtsstadt
geben Schwarz-Weiß-Fotografien
des alten Danzig. Die Stadt, in der
durch den Deutschen Überfall auf
Polen 1939 der Zweite Weltkrieg
begann, ist ein zentrales Motiv in
seinem literarischen Werk.
An den Maifeiertagen vom 9.
bis 11. Mai bleibt die Ausstellung
geschlossen. Der Eintritt ist frei.
vkontakte.com
Religion im Zelt: Das buddhistische Kloster auf dem Museumsgelände.
Im „Aptekarskij Ogorod“,
dem botanischen Garten der
Lomonossow-Universität, findet
aktuell das 15. Frühlings-Blumenfestival statt. Dort können
Besucher sich an einem bunten
Meer aus blühenden Tulpen,
Magnolien, Krokussen, Narzissen, und vielen anderen Blumen
erfreuen. Außerdem erwarten
die Besucher verschiedene
Flieder-Sorten und Obstbäume.
Und auch die Kirschblüte hat
inzwischen begonnen, ihre rosafarbenen Blütenblätter in voller
Pracht zur Schau zu tragen. Ab
150 Rubel kann man den Frühling von seiner schönsten Seite
genießen.
2
M U S E U M
KULTURNACHT
Über 250 Museen und Galerien
laden am 16. Mai zur Nacht der
Museen ein. Die Türen bleiben
hierbei bis in die frühen Morgenstunden geöffnet. Das Beste
dabei: der Eintritt ist frei. Auf
dem Alten Arbat, dem Platz der
Revolution und im Gorki-Park
können Besucher außerdem an
den hier aufgestellten „Nachtstationen“ Informationen über
besondere Kulturprojekte des
letzten Jahres einholen. Wer
in der besagten Nacht nicht
lange in der Schlange vor den
Museeumstüren stehen möchte,
kann sich bereits ab dem 14.
Mai online Tickets sichern –
und dabei bis zu zehn Museen
wählen.
www.arts-museum.ru
en auf sich. „Jeder Mongole hält
sich für einen direkten Nachkommen von Dschingis Khan“, erzählt
der Museumsführer. Der Nomadenfürst nimmt daher auch neben
einem Dalai Lama-Bi