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SWR2 Tandem - Manuskriptdienst
Dutchbat III
Holländische Blauhelmsoldaten 20 Jahre nach ihrer Rückkehr aus Srebrenica
Autor:
Rainer Schwochow
Redaktion:
Nadja Odeh
Sendung:
Montag, 19.01.15 um 19.20 Uhr in SWR2
Wiederholung:
Dienstag, 20.01.15 um 10.05 Uhr in SWR2
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MANUSKRIPT
O-Tonatmosphäre Ebel D. (Ebel spricht deutsch mit ndl. Akzent)
Ich habe hier eine Karte. Hier die ist Stadt Bratunac im bosnisch-serbischen Gebiet.
Ist etwa die Grenze von Save-Area. Hier ist Srebrenica. Das ist der Ort Potocari, hier.
Potocari war das Hauptquartier Dutchbat. In alte Fabriksgebäude, zerstört in den
Jahren davor im Krieg zwischen den Moslems und den Serben.
Überblenden in Atmosphäre Potocari 2014: Stille, ländliche Atmosphäre
Autor
Es ist Sommer in Potocari. Genauer gesagt: Es ist der 9. Juli 2014. Verlassen liegt
das Fabrikgelände in der Mittagssonne. Halb verfallen die Gebäude, zerborsten die
Fenster, verrostet die Treibstofftanks. An der Zufahrt ein grauer Betonklotz,
daraufgemalt mit großen, schwarzen Buchstaben: „HQ Dutchbat“. HQ für
Headquarter, Dutchbat für Dutch Bataillon. Noch vor einem Jahr war der Schriftzug
verwaschen nach all der Zeit, kaum mehr lesbar. Jetzt ist er frisch nachgefärbt:
Gegen das Verblassen, gegen das Vergessen … Atmosphäre wird kräftiger,
Stimmen… - Eine Stunde später haben sich einige Dutzend Frauen und Männer auf
dem Gelände eingefunden. Im Schatten einer grauen Betonhalle mit rahmenlosen
Fensterlöchern suchen sie Schutz vor der Hitze. Die Frauen tragen lange, schwarze
Röcke, die Haare verhüllt unter Kopftüchern.
O-Ton Ebel
Okay, wir müssen da als UN-Soldaten dafür sorgen, dass die beide Parteien nicht
miteinander anfangen zu streiten, und nach sechs Monate kommt ein andere
Bataillon und können wir gehen nach Hause.
Atmosphäre: Ankunft eines LKW, Stimmen….
Autor
Plötzlich kommt Bewegung in die Menge. Ein gewaltiger Truck biegt auf das Gelände
ein. Der Anhänger ist bedeckt mit einer riesigen bosnischen Fahne. Vor dem rostigen
Eisentor der Halle endet die Fahrt. Ein kurzer Segensspruch, dann öffnet der Fahrer
die Türen: Särge, übereinandergestapelt bis unters Dach, eingeschlagen in grünes
Seidentuch.
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Wortlos heben vier Männer einen Sarg nach dem anderen vom Stapel, reichen sie
hinaus, wo sich unzählige Hände zur Übernahme der Fracht entgegenstrecken.
Männer bilden eine Kette hinein in die Halle, sie reichen die Särge weiter, setzen sie
ab, reihen sie auf. Ein Totenfeld auf Beton.
O-Ton Ebel D.
Ich fuhr ab am 4. Januar 95. Zuerst von Schiphol-Flughafen nach Zagreb. Dann mit
dem Bus durch Kroatien nach der serbischen Grenze. Durch Serbien, bei der Stadt
Zvornik nach Bosnien hinein.
O-Ton Hans Thijsen (Dutch) Bij Zvornik wuren we anhalt
Sprecher (Overvoice)
Bei Zvronik wurden wir angehalten, wir mussten unser Gepäck mitnehmen und
standen vor bewaffneten Serben. Unser ganzes Gepäck wurde durchsucht und wir
haben zugeguckt und taten nichts. Man steht draußen im Schnee, sie gucken auf die
Passfotos, sie machen ein paar Scherze, ein paar Bemerkungen, Erniedrigungen,
um uns deutlich fühlen zu lassen, dass sie der Chef sind und wir nichts zu sagen
haben. Unser Kommandeur sagte: "Ja, das müssen wir akzeptieren. Benehmt euch,
lächelt, bleibt freundlich."
O-Tonatmosphäre Ebel D.
Haben nachgeguckt, ob wir Munition bei uns hatten oder neue Waffen oder so etwas.
Das war verboten von den bosnischen Serben. Und die UN hat da nichts gemacht.
So wir haben wenig Waffen, keine schweren Waffen. Nur Maschinengewehre und
normale Handwaffen, Pistolen und Gewehr.
Atmosphäre: Gesang Totenklage
Autor
175 Särge liegen in der Halle. An der Stirnseite jedes Sarges ein kleines Schild:
Name, Wohnort, Todestag. Muslimische Männer, gestorben im Juli 1995. Erst jetzt,
19 Jahre später, konnten sie identifiziert werden.
Imame und Frauen stimmen eine Totenklage an.
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O-Ton Ebel D.
Dann fuhren wir nach Bratunac. Bratunac lag außerhalb der Grenze von Srebrenica.
O-Ton Hans T. (Dutch) De Enclave…
Sprecher (Overvoice)
Die Enklave war ein Gebiet von ungefähr 20 mal 20 Kilometern. Da stand kein Zaun
drum herum. Eigentlich war es ein Tal mit Bergen drum herum. Ein paar Straßen
führten hinein und ein paar Bergpässe. Auf der einen Seite waren bosnische
Stellungen und auf der gegenüberliegenden Seite vom Berg waren die Serben mit
ihren Stellungen.
O-Ton Anne M. (Dutch): Heteerstewatikdacht….
Sprecher (overvoice)
Das erste, was ich dachte: Die UN sind hier nicht der Boss. Ein unheimliches Gefühl.
Atmosphäre im Büro von Anne Mulder
Autor
Den Haag im Frühsommer 2014. Anne Mulder, der Abgeordnete der „Volkspartij voor
Vrijheid en Democratie“ empfängt mich in seinem Büro. Draußen, auf den Gängen im
Parlamentsgebäude, ist es noch still. Um zehn Uhr beginnt der Sitzungstag. Die
Stunde davor ist die einzige Zeit, über die Anne Mulder frei verfügen kann.
O-Ton Anne M. (Dutch): De tweede…
Sprecher (Overvoice)
Das zweite war: Die Enklave war umzingelt. Und ich merkte am ersten Tag, dass die
bosnischen Serben in den Bergen rundherum mit Artillerie standen. Die konnten uns
in der Enklave jeden Tag unter Feuer nehmen.
Autor
Neben Anne sitzt sein persönlicher Assistent. Auch die Sekretärin kommt an den
Besprechungstisch. Ob es nicht besser wäre, wenn wir allein miteinander sprechen
würden?, hatte ich am Telefon gefragt. Anne hatte gelacht. „Je mehr meine
Mitarbeiter über mich wissen, desto besser arbeiten wir zusammen“, antwortete er.
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O-Ton Anne M. (Dutch): En de derde was heteersteweekend…
Sprecher (Overvoice)
Und das dritte war, gleich am ersten Wochenende nach unserer Ankunft ist ein
Dutchbat auf eine Landmine getreten und die hat ihm beide Beine abgerissen.
Autor
Während er erzählt, sieht Anne Mulder mich unentwegt an. Seine ersten Antworten
sind kurz. Wie alt er damals war, als er nach Bosnien ging? 26 Jahre. Einer der
Jüngeren. Er lacht unsicher. Es ist wie ein Herantasten an die Vergangenheit und an
sein Gegenüber. Da ist auf der einen Seite die Routine des Berufspolitikers, aber
hinter dieser Routine spüre ich die unausgesprochene Frage: Hat dieser deutsche
Journalist eine Meinung über mich, über uns Dutchbatter, die er nur bestätigt finden
will?
O-Ton Anne M.: Ik was 1994 een…
Sprecher (Overvoice)
Ich war 1994 Wehrpflichtiger. Ich hab mich freiwillig für den Einsatz in Bosnien
gemeldet. Ich wollte einfach etwas Nützliches tun in meiner Armeezeit. Natürlich hab
ich vorher mit meiner Familie gesprochen. Mein Vater fand das sofort gut. Aber
meine Mutter sagte: Das ist nichts für dich. Dort brechen sie dir die Beine. Mein
Bruder war ein paar Jahre vorher mit dem Studentenbund in Bosnien. Der hat nur
gesagt: Du bist verrückt.
Atmosphäre Ankunft bei Hans T.
Autor
Frühsommer 2014, ein Dorf nahe bei Amsterdam: Ein Jachthafen an einem großen
See. Ein weiter Blick über das Wasser. Zwischen ein paar Bäumen eingekuschelt
steht das kleine Einfamilienhaus.
O-Ton Hans Thijsen (Dutch) Ik was in beroepsmilitair
Sprecher (Overvoice)
Ich war Berufsmilitär und meine Einheit ging nach Bosnien. Zu der Zeit war ich schon
15 oder 16 Jahre beim Militär, ich gehörte zum technischen Dienst.
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Meine Aufgabe in Bosnien bestand darin, die Stromversorgung und die
Trinkwasseranlagen in Gang zu halten. Außerdem musste ich viele von unseren
Beobachtungsposten warten. Wenn zum Beispiel ein Schützenpanzer kaputt war
oder eine Lampe nicht brannte oder sonst was, dann ging ich hin, um das zu
reparieren.
Autor
Hans steht hinter seiner Frau, als sie die Tür öffnet. Er ist groß und rund, der Kopf ein
wenig gesenkt, fast schüchtern. Sie bittet mich in die Küche, sie stellt geschäftig
Tassen, Gläser, Kaffee und Wasser auf den großen Küchentisch.
O-Ton Hans Thijsen (Dutch)
Sprecher (Overvoice)
Ich wusste schon vorher, dass uns eine schwierige Aufgabe erwartete. Das UNMandat war nicht wirklich etwas, womit man was anfangen konnte. Wir sollten die
Bosnier in der Enklave eigentlich entwaffnen. Aber wie soll man das ohne Gewalt
tun, wenn sie die Waffen nicht freiwillig abgeben? Andererseits hieß es: Mischt Euch
nicht ein. Unsere Vorschriften waren völlig ungenau und wir lavierten ständig herum.
Eigentlich konnten wir nicht viel tun. Das war ein Scheißgefühl.
Autor
Auf den ersten Blick sieht er mit seinen 55 Jahren aus wie ein in die Jahre
gekommener Teddybär: ein rundes Gesicht mit Sommersprossen, auf den Armen
wuchert ein weicher, blonder Flaum. Und auf den zweiten Blick? Da sitzt er
angespannt, nach vorn gebeugt, die Hände auf der Tischplatte zittern leicht. Er weiß
nicht, wohin mit ihnen. Er faltet sie zusammen, damit sie endlich still halten. Aber sie
halten nicht still.
O-Ton Hans Thijsen (Dutch) Es werd regelmatig geschote….
Sprecher (Overvoice)
Es wurde regelmäßig geschossen. Schon im Januar, ich war gerade eine Woche da,
da gab es die erste Geiselnahme. Da wurden 100 Dutchbatter als Geisel genommen
durch die Bosnier in der Enklave. Ich kam als einer der Letzten gerade noch weg.
Unsere Leute haben wochenlang festgesessen.
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Und im Februar explodierte dicht neben mir eine Handgranate. Das war ein Schock.
Autor
Erst zu Hause, beim Anhören des Interviews, stutze ich: Weshalb haben Bosnier
holländische Soldaten als Geisel genommen? Ausgerechnet jene Menschen, die sie
vor den bosnischen Serben schützen sollten? In einem Buch über Srebrenica finde
ich die Erklärung: Seit Einrichtung der Schutzzone misstrauten viele bosnischmuslimische Kämpfer den Blauhelmsoldaten. Wie wollten die sie vor den Serben
schützen? Ohne Bereitschaft, zu kämpfen? Vorsichtshalber gaben die Bosniaken nur
die schweren Waffen ab. Gewehre und Pistolen behielten sie. Das widersprach zwar
dem Status der entmilitarisierten Schutzzone, aber gab die Wirklichkeit ihnen nicht
Recht? Die Serben schossen auf die Enklave. Und was taten die Holländer? Sie
guckten zu. Nach anfänglicher Hoffnung wuchs die Wut der bosnischen Kampfer.
Vielleicht musste man die Blauhelme in den Kampf zwingen. Zur Not mit einer
Geiselnahme. Die „Peacekeeper“ standen zwischen den Fronten.
O-Ton Ebel D.
Die militärische Spannung wurde stets größer. Es dauerte noch einige Monate, und
in jener Nacht vom 6. auf 7. Juli fingen die Serben an, das Gebiet zu bombardieren
mit Granaten, mit Stalinorgeln. Die meisten Observationsposten von uns sind
überrascht worden von den Serben, und die Leute sind gefangen genommen und die
holländischen Soldaten waren nach die Stadt Bratunac gebracht.
Atmosphäre im Büro
Autor
Westerbork, im Norden der Niederlande, Frühsommer 2014. Ebel Dijkman hatte das
KZ Westerbork für unser Treffen vorgeschlagen. Es ist jener Ort, von dem Anne
Frank auf ihre Todesreise in die deutschen Vernichtungslager geschickt wurde. Er
sei schon ein paar Jahre in Rente, hatte er geschrieben, aber dort habe er hin und
wieder zu tun.
O-Ton Ebel D.
Wenn man so ein Gebiet soll normalerweise militärisch verteidigen gegen einen
Feind, dann hätten wir hier etwa 8 bis 9000 schwerbewaffnete Soldaten gebraucht.
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Wir waren etwa 350, 400 Leute und haben fast keine Munition mehr. Von den
Maschinengewehren war - die Bänder waren verrostet, nach zwei, drei Schüsse
stoppte das. Unsere Soldaten konnten nichts machen gegen die Serben.
Atmosphäre mit Ebel, er sucht Fotos (Ebel) Ich habe tausende Fotos…
Autor
Ebel hat Fotos mitgebracht. Holländische Soldaten, die mit Maultieren zu den
Beobachtungsposten laufen. Zu wenig Benzin für die Fahrzeuge, die Serben ließen
keine Nachschubtransporte in die Enklave. Auf dem nächsten ein Blauhelm, der ein
Maschinengewehr zerlegt. Nicht in einer Werkstatt, nein, auf dem freien Gelände des
Hauptquartiers. Waffen, Munition, Verpflegung – es fehlte an allem. Seit Ende April
bekamen sie Fertigessen aus den Notrationen.
O-Ton Ebel scheint auf: Ich war etwa 100 Kilo, wenn ich im Januar nach Srebrenica
ging. Und wenn ich zurückkehrte am 23. Juli also war ich 74 Kilo.….
Autor weiter: Das nächste Foto zeigt ein enges Zimmerchen, vor dem
Fensterrahmen eine Plastikplane. Büro und Schlafraum für Ebel und einen Kollegen.
Dabei hatte er noch gute Bedingungen als sogenannter Betreuungsoffizier.
„Betreuungsoffizier?“ Eine Mischung aus Psychologe und Seelsorger, erklärt Ebel.
O-Ton Ebel D.
Ein Niederländischer Soldat ist getötet worden durch die Bosniaks. Die sind im
Panzerwagen geflohen vor den Serben, und wenn sie einige Moslems passieren,
einer davon hat eine Handgranate geworfen in den Panzer, und da ist einer von
unseren Soldaten getötet worden.
O-Ton Hans T.: ….
Sprecher overvoice
Am 11. Juli fiel die Enklave, aber eigentlich war das schon die Tage davor
abzusehen. Zum Beispiel am 10. oder am 9. Juli war das, da hab ich ein
Panzerfahrzeug von uns repariert, das ausgefallen war. Als ich fertig war, sagte ich:
"Leute, er fährt wieder. Ihr könnt weiter". Keine 5 Minuten später wurden sie als
Kriegsgefangene genommen.
O-Ton Anne Mulder: …
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Sprecher Overvoice
Ich habe gerade mit meiner Mutter telefoniert. In dem Moment begann der Beschuss.
Stalinorgeln. 24 Granaten, tick, tick, tick. Dann zwei Minuten Pause, weil sie
nachladen müssen. Dann wieder 24 Granaten. Ich hab gesagt: Mama, ich muss jetzt
auflegen, ich brauch das Telefon für dringende Dienstgespräche.
Atmosphäre auf dem Friedhof
Autor
Potocari, 11. Juli 2014. Der Erinnerungsfriedhof gegenüber dem ehemaligen
Dutchbat Hauptquartier ist voller Menschen. Am Rand der Gedenkstätte sind die
Särge jener Toten aufgereiht, die heute beigesetzt werden. Eine Frau kniet nieder,
sie streicht über die Kiste, als würde sie den Mann ein letztes Mal berühren. Tränen
fallen auf das grüne Tuch. Mit scheuer Geste streicht sie über die Stelle, als könne
sie den Fleck trocknen. Wenige Schritte weiter küsst ein kleiner Junge einen Sarg.
Neben ihm sitzt ein kräftiger Mann in den besten Jahren, das Gesicht in den Händen
verborgen. Immer mehr Menschen drängen auf das Gelände.
O-Ton Ebel D.
In den Tagen, wenn der Krieg da war, von Donnerstag bis Montag, bin ich häufig von
den einen Bunker nach dem anderen gerannt. Denn ich wollte wissen, wie´s geht mit
den Soldaten, wie die Moral war, und da hörte ich die Kugeln über meinem Kopf. Da
dachte ich: Welche Kugel hat meinen Namen? Da hatte ich Angst.
O-Ton Hans T. …
Sprecher (Overvoice)
Am 11. Juli war ich noch damit beschäftigt, das Krankenhaus von Srebrenica zu
evakuieren. Das ist komplett missglückt, weil ich in eine Schießerei kam. Letztendlich
hat das Krankenhauspersonal alles selber gemacht. Ich bin zurückgeblieben in der
Kommandozentrale in Srebrenica, und mit dem letzten Fahrzeug, mit Evakuierten
aus dem Krankenhaus zum Stützpunkt nach Potocari gefahren. Ich bin selbst
gefahren und überall sind Granaten eingeschlagen, eine Granate schlug vielleicht 10
Meter von mir entfernt ein. Aber gut, wir sind heil da rausgekommen und dann waren
wir in Potocari, wo alle anderen Dutchbatters waren. Und da kamen die Flüchtlinge
alle hin. Ein Irrenhaus.
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Sehr, sehr viele Menschen in einem Irrenhaus und ich stand mittendrin.
Atmosphäre Friedhof
Autor
Der Friedhof ist ein weites Feld. Auf grünem Rasen weiße Grabstelen, soweit das
Auge blicken kann. Dazwischen frisch ausgehobene Gruben, Erdhügel, Schaufeln.
Auf einem Gedenkstein die Zahl 8372: Bosnische Männer, umgekommen im Kampf
die einen, ermordet die anderen. Geflohen und vertrieben aus Srebrenica, aus
Hunderten Dörfern rund um die Stadt. Auf dem Festplatz der Gedenkstätte, sammeln
sich muslimische Geistliche, Minister und Ehrengäste: Politiker aus Bosnien, aus
Kroatien, aus Montenegro sind da, Abgesandte aus Österreich, der Türkei, Saudi
Arabien, sogar aus Serbien. Aus den Niederlanden ist kein offizieller Vertreter
erschienen.
O-Ton Anne M. (Dutch) ….
Sprecher (Overvoice)
Auf unserem Camp war es unerträglich. Tausende Menschen waren
zusammengedrängt in dieser kleinen Halle. Sie hatten nichts zu essen. Das war der
reine Wahnsinn. Was sollten wir tun? Wir dachten: Wenn jetzt hier eine Epidemie
ausbricht, das ist die Hölle. Für uns ging es ja noch irgendwie, aber für die Bosnier?
Eine Frau hat zwischen all den Menschen ihr Baby zur Welt gebracht. Inmitten all
des Drecks und Gestanks. Du musst dir das vorstellen: Tausende Menschen ohne
Toiletten, ohne Wasser.
O-Ton Hans T. (Dutch)…
Sprecher (Overvoice)
Wir waren völlig machtlos. Wir saßen in einem Tal, um uns herum serbische
Stellungen, überall waren schwere Waffen auf uns gerichtet und wir hatten dem
nichts entgegenzusetzen. Stell dir vor, wir hätten zurückgeschossen: Bei uns waren
40 000 Menschen! Vor allem Frauen und Kinder, aber auch einige Männer, vor allem
Alte und Kranke. Wenn da irgendwas falsch läuft, dann kommt es zu sehr, sehr
vielen Opfern. Eigentlich kann man überhaupt nichts tun. Man ist eine Geisel der
Situation.
10
Atmosphäre Friedhof
Autor
Feierliche Worte, Gesang, Gebete. Die Menschen knien nieder. Kein Wort, kein
Lachen, kein Handyton. Unfassbare Stille. Tausende Menschen. Doch außer den
Geräuschen der Natur ist nichts zu hören.
O-Ton Anne M. (Dutch) …
Sprecher (Overvoice)
Auch für die Bosnier selbst war es unerträglich. Sie wollten auch weg, denn natürlich
merkten sie, das geht hier alles nicht. Aber ob das wirklich freiwillig war, als sie
abtransportiert wurden? Das glaub ich nicht. Jedenfalls kamen dann die Busse, die
Menschen sind eingestiegen, und der Plan war, dass wir diese Konvois begleiten
würden, bis sie in sicherem bosnischem Gebiet wären. Da waren auch 250 Männer
zwischen 18 und 50 Jahren, die im Kampf gewesen waren. Ich rieche das heute
noch, da war die pure Angst, du konntest das wirklich riechen. Und von denen hat
unser Major Franke alle Namen aufgeschrieben, bevor sie deportiert wurden. Diese
Liste hat er immer bei sich getragen in der Unterhose. Er hat den bosnischen Serben
gesagt, wenn da später auch nur einer von den Männern fehlt, dann weiß ich, wer
verantwortlich ist. Aber das hat die Serben überhaupt nicht interessiert. Sobald die
Busse außerhalb der Reichweite unseres Camps waren, wurden unseren Soldaten
die Waffen abgenommen, Blauhelme und alles. Und die bosnischen Männer sind alle
erschossen worden.
Atmosphäre Friedhof
Autor
Abrupt endet die Stille. Ein Mann tritt ans Mikrofon. Er verliest die Namen der 175
Toten: 1995 hektisch verscharrt in Massengräbern, Jahre später entdeckt,
ausgegraben, identifiziert. Heute werden sie zu Grabe getragen. Männer laufen zu
den Särgen, heben sie an, jeweils acht bis zwölf Hände greifen zu, tragen sie zu den
vorbereiteten Gruben, betten die Toten in ihre letzte Ruhestätte.
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O-Ton Hans T. (Dutch) …
Sprecher (Overvoice)
Dass es Opfer gab, das wusste ich eigentlich schon - ich habe es am 10. Juli selber
gesehen, wie ein ganzes Dorf ermordet wurde. Ich stand da mit einem Fernglas und
sah, wie es passierte. Es war Krieg. Es war wirklich Mord und Totschlag! Aber als ich
von den Massenhinrichtungen hörte, das begann ich erst zu begreifen, als wir in
Zagreb waren, auf dem Heimweg. Da bekam ich erst eine Ahnung davon, was
wirklich passiert war. Davor wusste ich das wirklich nicht. Ein totaler Schock.
O-Ton Ebel D.
Wir kamen nach Hause am 23. Juli. Eine Woche später fing ich an mit meinem
Urlaub. Und nach drei Wochen kamen wir wieder nach Hause, und da stand in den
Zeitungen, was möglich passiert war. Das war erste mal, dass ich davon hörte.
O-Ton Hans T. (Dutch) …
Sprecher (Overvoice)
Die erste Woche waren wir eine Art Helden. Und plötzlich waren wir die Bösen. Es
ging mir dreckig.
O-Ton Ebel D.
Als man das hörte, dachte man, das kann nicht wahr sein. Und in einigen Tagen,
dann ist es wahr. Dann sind da die Fakten, da weiß man, dass das echt passiert ist.
O-Ton Anne M. (Dutch)…
Sprecher (Overvoice)
Als ich zurückgekommen bin, war ich wie ein Zombie. Total verstört, apathisch. Die
Medien haben uns radikal kritisiert, ich konnte das nicht aushalten. Ich hab einfach
keine Zeitung mehr gelesen, keinen Fernseher angemacht.
O-Ton Ebel D.
Ja, dann wird man böse auf den- ja, eigentlich noch nicht auf die Serben. Auf die UN.
Wir hatten ein neues Wort für die UN. UN ist United Nations, wir nennen das United
Nothing. Das vereinigte Nichts. Das war unser neues Stichwort für die UN.
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O-Ton Anne M. (Dutch)…
Sprecher (Overvoice)
Ich hatte ja noch meine Uniform von den Dutchbatters, damit bin ich einmal in der
Stadt gewesen. Da bin ich gleich beschimpft worden. Ich dachte, nur noch weg hier.
Ich hab 10 000 Dollar genommen, mir ein Ticket nach Mexiko gekauft und bin sechs
Monate dort geblieben. Das war im November 95.
O-Ton Hans T. (Dutch)…
Sprecher (Overvoice)
Ich habe die ersten drei Wochen nicht gewagt, ins Bett zu gehen. Ich hatte solche
Angst vor den Albträumen. Es war – wie soll ich sagen? Ich hatte das Gefühl, ich
muss gegen die Wand laufen. Dann beginnst du erst zu verstehen, was da alles
passiert ist, und dann siehst du dich selbst--- . , Nur wenn ich getrunken hatte, konnte
ich eine Stunde schlafen und bin dann schreiend wieder aufgewacht. Von der
ganzen Welt wirst du beschimpft, das war unerträglich. Natürlich weiß man, dass
einem alles entglitten ist. Aber man hat niemanden absichtlich fallen lassen, man hat
wirklich versucht zu retten, wen man retten konnte. Und hier in den Niederlanden
sitzen die Menschen und rufen: "Das hast du falsch gemacht.", "Das hast du falsch
gemacht.", "Das hast du falsch gemacht." Irgendwann nimmt man es nicht mehr
wahr, man denkt nur noch, lass mich in Ruhe.
Atmosphäre Friedhof
Autor
Schnell füllen sich die Gruben mit Erde. Es scheint, als wolle kein Mann abseits
bleiben: Alte, junge, Männer in den besten Jahren. Schaufeln werden weitergereicht,
wer keine abbekommt wirft den Sand mit bloßen Händen auf den Sarg. Bereits nach
wenigen Minuten türmen sich kleine Hügel auf, wo eben noch tiefe Löcher waren.
Und dann knien sie nieder, Männer und Frauen umringen die Gräber, beten für ihre
Verstorbenen. Wieder fließen Tränen, Frauen umarmen einander, ein Streichen über
das Gesicht, den Arm - Gesten des Trostes, des Abschieds, der Trauer...
O-Ton Hans T. (Dutch) …
Sprecher (Overvoice)
Irgendwann bin ich dann wieder arbeiten gegangen, also beim Militär.
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Dann hatten wir vom Verteidigungsministerium ein Debriefing, eine
Nachbesprechung, um unsere Traumata zu verarbeiten. Aber das war nicht
irgendwie therapeutisch, in Wirklichkeit wurde ich vier oder fünf Tage verhört. Das
war wirklich ein Kreuzverhör, wie gegen einen Verdächtigen. Dazu schlugen die
Medien weiter auf uns ein. Das war eine furchtbare Zeit.
Atmosphäre Friedhof
Autor
Der Friedhof lehrt sich schnell. Nur an einigen Gräbern sitzen noch hier und da
Menschen. Lebhaft schwatzend die einen, schweigend die anderen. Mehr als drei
Stunden dauert es, ehe die vielen tausend Menschen in Bussen und PKW den Ort
verlassen haben. Stille breitet sich aus über dem Friedhof, über Potocari.
O-Ton Hans T. (Dutch) …
Sprecher (Overvoice)
Ich hab so gut es ging gearbeitet. Im Oktober 95 war ich für Manöver in Deutschland.
Wir machten eine Schießübung und irgendwann stand ich da, klatschnass vom
Schwitzen, ich zitterte - --. Später boten sie einem dann irgendwelche Behandlungen
und Gespräche an. Aber das kam viel zu spät. Ich habe ein Jahr darauf gekündigt.
Eigentlich wollte ich bei der Armee bleiben, ich war ja Offizier, aber dann hab ich
gesagt: Ich hör auf.
O-Ton Anne M. (Dutch) …
Sprecher (Overvoice)
Nach der Entlassung aus dem Wehrdienst haben wir von der Armee ein Schreiben
bekommen: Wenn ihr Hilfe braucht, dann meldet Euch. Aber natürlich hab ich
gedacht, ich bin gesund, ich brauch das nicht, ich bin ein Mann im besten Alter, ich
bin doch nicht krank.
O-Ton Hans T. (Dutch) ….
Sprecher (Overvoice)
Die Medien ließen uns nicht in Ruhe. Besonders 1998, da tauchte die Geschichte
von überfahrenen Menschen in Srebrenica und Potocari auf. Das wurde
geschrieben. Kein Mensch fragte uns, was genau passiert war.
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Ja, ich bin weitergefahren, als irgendjemand von unserem überfüllten Fahrzeug
runtergefallen ist. Wir waren alle auf der Flucht und anders wären noch mehr Leute
gestorben. Dann gab es natürlich Untersuchungen, Verhöre, du kommst vors
Gericht, erst bist du Zeuge, später aber auch Verdächtiger. Und schließlich stand ich
im Jahr 2000 dann in Arnheim vor Gericht. Es war wirklich ... ich weiß es nicht.
Können wir ganz kurz eine Pause machen? Ich bin zu aufgewühlt jetzt ...
Autor
Hans greift nach dem Wasserglas. Er holt ein Taschentuch aus der Tasche, wischt
über die Stirn, knüllt es in der Hand; nimmt einen Keks vom Teller, aber beißt nicht
ab. Einen kurzen Moment wirkt er, als wäre er ganz weit weg….
O-Ton Hans T. (Dutch) ….
Sprecher (Overvoice)
Letztendlich wurde ich freigesprochen. Aber sie sagten: "Du könntest es getan
haben.“ Glaubt wirklich jemand, das wäre eine absichtliche Tötung gewesen? Es
ging immer weiter, bis 2002 ein neuer Untersuchungsbericht herauskam. Darin
wurde der politischen und der militärischen Führung der Niederlande vorgeworfen,
unbeabsichtigt die ethnische Säuberung in Srebrenica unterstützt zu haben.
Daraufhin trat das Kabinett zurück. Aber vorher guckte dich jeder voller Abscheu an:
Du bist ein Versager, vielleicht sogar ein Verbrecher. Wie geht man damit um? Man
schweigt, sagt niemanden, wo man gewesen ist.
Nach dem Debriefing 1995 bin ich ungefähr sechs Monate in Behandlung gewesen.
Ich sollte alles aufschreiben, aber das funktionierte überhaupt nicht. Damit habe ich
aufgehört, denn ich bin davon verrückt geworden. Danach habe ich erstmal Ruhe
gesucht. Dann hatte ich Kontakt mit einer Hilfseinrichtung der Gewerkschaft. Für eine
Weile war das gut, das war in so einer Gruppe. Aber 1998 bin ich wieder
zurückgegangen zu individueller Hilfe und war wieder ein halbes Jahr in Behandlung.
Danach habe ich längere Zeit nichts gemacht.
O-Ton Anne M. (Dutch) …
Sprecher (Overvoice)
Erst viel später kam das, da konnte ich nicht mehr schlafen, ich hatte
Schweißausbrüche, Zittern. Ich dachte, das passiert dir nie.
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Aber dann war es plötzlich da, und es ging nichts mehr. Da hab ich mir einen
Psychologen gesucht, das war 2002.
O-Ton Hans T. (Dutch) ….
Sprecher (Overvoice)
2007 habe ich wieder eine ambulante Therapie begonnen. Das habe ich 3 1/2 Jahre
gemacht, bis 2010. Dann brauchte ich erstmal eine Auszeit. Aber seit einem halben
Jahr bin ich jetzt wieder dabei. Das brauche ich vorläufig auch noch. Ich hoffe,
irgendwann wieder zur Ruhe zu kommen, aber das ist nicht absehbar.
O-Ton Anne M. (Dutch) …
Sprecher (Overvoice)
Es hat sieben Jahre gedauert, bis ich mir Hilfe gesucht habe. Solange bin ich immer
davongelaufen. Ich wollte nichts mehr davon hören.
Autor
Anne hat seine anfängliche Zurückhaltung längst aufgegeben. Als er über die
Erlebnisse in Srebrenica spricht verschluckt er sich, ein trockenes Husten unterbricht
seine Worte. Wenn er über sich selber spricht, dann lacht er oft. Worüber lacht er?
Über die eigene Naivität zu jener Zeit? Oder ist es die einzige Möglichkeit, eine
Distanz zu dem Erlebten herzustellen, so dass er überhaupt darüber sprechen kann?
O-Ton Anne M. (Dutch) …
Sprecher (Overvoice)
Die Erfahrungen in Srebrenica haben mein Menschenbild verändert. Ich glaube nicht
mehr an das Gute im Menschen. Auch politisch bin ich aufmerksamer geworden. Ich
finde heute, dass die niederländische Politik 1992/93 unglaublich naiv war, als sie
Truppen nach Bosnien schickte. Das Parlament hat selber gesagt: Wir schicken
keine Panzer mit, denn das könnte Aggressionen hervorrufen bei den bosnischen
Serben - naiver geht‘s nicht. Also die ganze Politik, die gut gemeint ist, ohne dass
man konkret überlegt, wie die Lösung aussieht - das ist einer der Gründe, warum ich
in die Politik gegangen bin: Ich will nie mehr, dass man so naiv bei einem Krieg
mitmacht. Ich hatte eine unglaubliche Wut in mir.
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O-Ton Hans T. (Dutch) ….
Sprecher (Overvoice)
2005 bin ich zurück nach Bosnien gegangen und war zwei Wochen da. Das hat mir
gut getan. Ich kam unter anderem in Kontakt mit einer Frau, die sich 1995 aufhängen
wollte. Ich hab die losgeschnitten, also die hab ich eigentlich von ihrem Selbstmord
zurückgehalten. Die habe ich dort zufällig gesprochen und sie erzählte: "Ich bin auf
der Suche nach einem Dutchbatter, der das und das und das gemacht hat." Dann
erzählte sie mir, was passiert war. Ich habe sie angeguckt und gesagt: Ja, das war
dort und dort. So haben wir uns erkannt. Das war unglaublich. Es machte viel wieder
gut.
O-Ton Anne M. (Dutch) …
Sprecher (Overvoice)
Ich habe oft darüber nachgedacht, ob es gut wäre, einmal nach Srebrenica zu
fahren. Aber ich glaube, dass es mir alles zu viel wäre. Ich habe dort nichts getan,
worauf ich stolz bin.
Ich habe da nichts zu suchen, es ist einfach komplett missglückt, was wir dort
gemacht haben. Ich kann da nicht mit guten Gewissen zurückgehen. Vielleicht später
irgendwann noch mal. Ich habe das noch nicht ausreichend verarbeitet. Das ist auch
nicht schlimm, denn ich weiß es. Es wäre schlimm, wenn ich nicht wüsste. Also ich
werde nicht davon überfallen, ich bekomme keine Angst mehr davor.
O-Ton Hans T. (Dutch) ….
Sprecher (Overvoice)
Ich habe dort mit sehr vielen gesprochen. Die meisten verstanden sehr gut, was wir
getan haben, und es war schon ein Stück Dankbarkeit, ein bisschen Verständnis.
Viel mehr, als es hier gibt. Ein paar Frauen aus Bosnien sagten: „Natürlich habt ihr
Fehler gemacht. Aber ihr habt das ausgeführt, was Euch befohlen wurde. Wir
machen Euch nicht verantwortlich.“ Hier aber sind wir noch immer für viele die
Schuldigen. Ich denke, die Menschen in Bosnien haben ein realeres Bild. Daran
halte ich mich fest. Ich finde es wichtiger, was die Menschen dort über mich denken.
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Autor
Ebel hat sich auf unser Gespräch vorbereitet. Neben den Fotos hat er Zeitungsartikel
mitgebracht, Bücher über Srebrenica aus der Zeit vor dem Krieg, sogar sein blaues
Barett hat er dabei. Anders als Anne und Hans ist er bis zur Rente beim Militär
geblieben, anders als die beiden gerät er nie ins Stocken. Ob er auch Albträume
hatte?
O-Ton Ebel
Nix. Glücklicherweise ist das gut gegangen bis heute. Und ich weiß, wie das kommt.
Ich kann viel darüber reden mit meinen Kollegen. Das Verständnis ist nur bei den
Kollegen, die das selber haben mitgemacht. Und ich habe jedes halbe Jahr ein
Gespräch mit Schülern. Das sorgt dafür, dass ich nicht geistig krank werde, denke
ich.
Autor
Erst nachdem ich mit Anne, Hans und Ebel gesprochen hatte, stand mein Entschluss
fest: Ich musste nach Srebrenica fahren, nach Potocari. Nur dort könnte ich ein
Gefühl davon bekommen, was sie und die anderen Dutchbatter erlebt hatten.
O-Ton Hans T. (Dutch)…
Sprecher (Overvoice)
Man spricht darüber, aber die meisten Menschen sagen: "Hör damit endlich auf." Ich
versteh es nicht, denn eigentlich hört man nie damit auf. Die meisten, die dabei
gewesen sind, wollen auch darüber sprechen.
Autor
In Srebrenica und den umliegenden Dörfern in den bosnischen Bergen sind die
Spuren des Krieges immer noch zu sehen: Ausgebrannte Häuser, Gräber, von
Einschüssen zernarbte Fassaden, abgesperrte, minenverseuchte Wälder. Das
gesamte Gebiet der damaligen Schutzzone liegt heute auf dem Territorium der
Republik Srpska, dem serbischen Teil von Bosnien Herzegowina. Von außen
betrachtet leben Bosniaken und Serben friedlich zusammen. Moscheen und
orthodoxe Kirchen stehen oft nur wenige Meter voneinander entfernt.
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Doch die Angst, die Republik könne sich von Bosnien Herzegowina abspalten und
sich Serbien angliedern, äußern einige Moslems erst bei abgeschaltetem Mikrofon.
O-Ton Ebel
Ich arbeite für Westerbork. Westerbork hat ein Projekt, das nennt man Gespräche für
Schulklassen. Früher waren das Überlebende Juden, Zigeuner, Kriegsgefangene
aus dem 2. Weltkrieg. Und in den letzten 15 Jahren hat man hier angefangen, mit
jungen Veteranen, um eine Geschichte über ihre eigene Friedensmission zu
erzählen für Schulklassen. Ich mache das jetzt 15 Jahre. Hier im früheren Camp
Westerbork, über meine Erfahrungen in Srebrenica.
Autor
Ebel hatte mir erzählt, wie es zur Entsendung des holländischen Bataillons nach
Srebrenica gekommen war. Die Niederländer hatten 1993 eine neue Eliteeinheit
aufgebaut. Der damalige Verteidigungsminister Relus ter Beek begriff die Anfrage
der Vereinten Nationen als Chance, die neue Eingreiftruppe dem Praxistest
auszusetzen und sich international zu profilieren. Dass diese Truppe eine
Luftlandeeinheit war, deren spezielle Fähigkeiten in Srebrenica völlig überflüssig
waren, schien keine Rolle zu spielen. Als ich die Berge rings um Srebrenica sehe
frage ich mich, wie viele Politiker und Militärs vor ihren Entscheidungen für einen
Auslandseinsatz die politischen und geografischen Umstände des Einsatzgebietes
tatsächlich kennen?
O-Ton Anne M.
Sprecher (Overvoice)
Von Mierlo war zu der Zeit Außenminister und wir konnten RTL4 empfangen über
Satellit. Und ich dachte mir: "Der Typ weiß überhaupt nicht, was für eine Situation
hier ist. Wir sind abhängig von den Bosnischen Serben... Dieser Typ!" Selbst
Karremans, unser Boss, musste laut loslachen wegen van Mierlo, der hatte keine
Ahnung, wovon er redet. Das ist doch furchtbar. Van Mierlo, der hatte keine Ahnung.
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O-Ton Hans T.
Sprecher (Overvoice)
Die UN ist keine Organisation, die Dinge löst. Natürlich ist es schwierig, alles richtig
zu machen. Aber ich denke schon, dass man nicht mehr solche Fehler wie in
Srebrenica macht. Und was viel wichtiger ist, dass man gelernt hat, sich um die
Soldaten zu kümmern. Heute gibt es wirklich eine Begleitung und man wird
aufgefangen. Bei uns gab es das nicht.
O-Ton Anne M.
Sprecher (Overvoice)
Ich arbeite jetzt dafür, dass sich diese Dinge nicht wiederholen. Zum Beispiel bei der
Mission in Mali. Ich bekam mit, da kommt ein französischer General zu uns ins
Parlament. Ich habe mich vorbereitet und ihn gefragt: Können die niederländischen
Soldaten sicher sein, dass Sie als französischer General ihnen helfen werden?" Er
sagte: "Äh...äh. Ja." Und da wurde ich sofort aktiv. Nicht in der Öffentlichkeit, sondern
hinter den Kulissen. Ich habe unseren Fraktionschef angesprochen, bevor der
definitive Beschluss zur Abstimmung in die Kammer ging. Ich habe gesagt. Das! Das!
Das! und Das! muss klar sein, ansonsten stimme ich dagegen. Dann ging das hinter
den Kulissen weiter. Unser Mann hat vor der Sitzung gesagt: Leute, lieber Herr
Timmermans, wir haben Leute in unseren Reihen, die haben schlechte Erfahrungen
gemacht in Srebrenica, darunter den Anne Mulder. Also passt bei den
Vereinbarungen auf das und das und das auf, sonst kriegen wir kein Ja für einen
Einsatz von der VVD. Mein Mitarbeiter hat tagelang alles über Mali rausgesucht. Wie
sehen die Franzosen die Entwicklung dort? Was sind ihre Interessen? Wer hilft uns
im Zweifelsfall?
O-Ton Ebel
Wenn man militärisch eingreift, dann muss man da 20, 25 Jahre bleiben. Da muss
mindestens eine Generation vorübergehen, bevor man überhaupt denken kann an
zurückziehen. Wir Menschen aus der westlichen Welt wollen in zwei, drei, vier Jahre
transportieren eine Situation wie bei uns im Westen. Das dauerte bei uns Hunderte
von Jahren. Und das dauert auch in Afghanistan und wo auch in der Welt, dauert das
Jahre.
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Autor
In den halbverfallenen Hallen des ehemaligen Dutchbat-Hauptquartiers finde ich
Spuren der Holländer: Die Eisentür mit der Aufschrift „Wapenkammer“; Die
Speisekarte der Kantine, das Schnitzel für 5 Deutsche Mark; Aufkleber von der
Eliteeinheit „Luchtmobile Brigade“. Warum muss ich in diesem Moment daran
denken, wie ich mich von meinen drei Gesprächspartnern trennte? Anne hatte es
sehr eilig, er musste in seine Fraktionssitzung. Hans brachte mich zur Tür. Durch das
gardinenlose Fenster konnte ich sehen, wie er sich wieder auf seinen Stuhl setzte.
Gut, dass seine Frau in diesem Moment da war, dachte ich. Ebel lud mich ein zu
einem Rundgang durch das ehemalige Konzentrationslager Westerbork. Der Ort, von
dem Tausende Juden in den Tod fuhren. Wie die Moslems aus der „Save Area“…
Atmosphäre Gesang Potocari, geht über in Fernsehton Tagesschau:
Hier ist das erste deutsche Fernsehen mit der Tagesschau.
Die Niederlande tragen nach einem Gerichtsurteil Mitschuld am Massaker von
Srebrenica 1995 während des Bosnienkrieges….
Autor
Wenige Tage nach meiner Rückkehr aus Srebrenica stellt ein niederländisches
Gericht die Mitschuld der Niederlande am Tod von 300 bosnischen Männern fest.
Wessen Schuld ist damit gemeint, frage ich mich?
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