SWR2 MANUSKRIPT ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE SWR2 Musikstunde Pasticcio musicale 08-16 Von Konrad Beikircher Sendung: Redaktion: Samstag, 20. August 2016 Martin Roth 9.05 – 10.00 Uhr Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Musik sind beim SWR Mitschnittdienst in Baden-Baden für € 12,50 erhältlich. Bestellungen über Telefon: 07221/929-26030 Kennen Sie schon das Serviceangebot des Kulturradios SWR2? Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. 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Sie wissen ja, ich stamme aus Südtirol und lebe seit 51 Jahren im Rheinland, in Bonn und Umgebung. Napoleon kam also ins Rheinland, und er ist ja, wie wir wissen, hauptsächlich erstmal im Linksrheinischen geblieben Er hat das Rechtsrheinische, also das Bergische und Oberbergische, eigentlich nur betreten, um schneller nach Preußen und noh Moskau kommen zu können, sonst hätte er den Umweg über die A3, Duisburg und den Ruhrschnellweg nehmen müssen. Der Franzose wurde, wollen wir mal sagen, mehrheitlich nicht unfreundlich empfangen, ich meine: Paris war ja immer schon direkt hinter Grevenbroich, der Rheinländer ist immer schon gerne mit Schäfers Reisen Siegburg zu Ostern da hin gefahren, bisschen Champs Elysées rauf und runter, Invalidendom geguckt (das muss man sich mal vorstellen: ein ganzer Dom nur für Invaliden!) und der Rheinländer hat sich auch immer schon mit einem gewissen savoir vivre geschmückt, um sich vom Sauerländer und dem Westfalen zu unterscheiden. Die freiheitsliebenden Intellektuellen und die benachteiligten unteren Klassen – heute würde man sagen: Studenten und soziale Brennpunkte – haben überall Freiheitsbäume aufgestellt, die sahen aus wie ein Maibaum mit Jakobinermütze oben drauf und Bändern in den Freiheitsfarben Grün-Rot-Weiß, was ja heute noch die Farben NordrheinWestfalens sind. Und Beethoven hat sich auch gefreut, auch wenn er nicht mehr in Bonn lebte, er war da schon in Wien. Aber bis zur Kaiserkrönung Napoleons war er schon ein großer Verehrer! 3 Ludwig van Beethoven: Finale. Alla Fuga aus: 15 Variationen mit einer Fuge über ein eigenes Thema EsDur op-35 „Eroica-Variationen“ Emil Gilels (Klavier) Dauer: 4‘40 Wie das so war, als Napoleon ins Rheinland kam, beschreibt plastisch wie kein anderer Heinrich Heine, der große Sohn Düsseldorfs, im Buch Le Grand, ich darf zitieren: "Aber, wie ward mir erst, als ich ihn selber sah, mit hochbegnadigten, eignen Augen, ihn selber, Hosiannah! den Kaiser. Es war eben in der Allee des Hofgartens zu Düsseldorf. Und der Kaiser mit seinem Gefolge ritt mitten durch die Allee, die schauernden Bäume beugten sich vorwärts, wo er vorbeykam, die Sonnenstrahlen zitterten furchtsam neugierig durch das grüne Laub, und am blauen Himmel oben schwamm sichtbar ein goldner Stern. Der Kaiser trug seine scheinlose grüne Uniform und das kleine, welthistorische Hütchen. "Er ritt ein weißes Rößlein, und das ging so ruhig stolz, so sicher, so ausgezeichnet wär' ich damals Kronprinz von Preußen gewesen, ich hätte dieses Rößlein beneidet. Nachlässig, fast hängend, saß der Kaiser, die eine Hand hielt hoch den Zaum, die andere klopfte gutmüthig den Hals des Pferdchens - Es war eine sonnigmarmorne Hand, eine mächtige Hand, eine von den beiden Händen, die das vielköpfige Ungeheuer der Anarchie gebändigt und den Völkerzweykampf geordnet hatten - und sie klopfte gutmüthig den Hals des Pferdes. Auch das Gesicht hatte jene Farbe, die wir bey marmornen Griechen- und Römerköpfen finden, ... und auf diesem Gesichte stand geschrieben: Du sollst keine Götter haben außer mir. Ein Lächeln, das jedes Herz erwärmte und beruhigte, schwebte um die Lippen und doch wusste man, diese Lippen brauchten nur zu pfeifen - et la Prusse n'existoit plus - diese Lippen brauchten nur zu pfeifen - und die ganze Klerisey hatte aus geklingelt - diese Lippen brauchten nur zu pfeifen - und das ganze heilige römische Reich tanzte." Felix Mendelssohn-Bartholdy: „Auf Flügeln des Gesanges“ Lied (Text: Heinrich Heine) bearbeitet für Violine und Klavier Renaud Capucon (Violine) Jérome Ducros (Klavier) Dauer: 2’20 4 Nun wissen wir ja alle: alle Macht ist endlich und nach Napoleon kam der Wiener Kongress. Und bei dem war ja so wat von wat los! Fürst Metternich hatte gerufen und alle, alle kamen. Zar Alexander I., der Preußenkönig Friedrich Wilhelm soweitichweißderDritte, Talleyrand, der meinen Lieblingskoch mitbrachte, Antonin Carême, einen der wirklich ganz großen Erneuerer der Küche und des Essens er war derjenige, der mit den schweren Saucen aus der Rokokoküche endlich Schluss machte und der sagte, die Gerichte müssten nach dem schmecken, was drin ist, Spinat nach Spinat, Kalb nach Kalb, Gänseleber nach Gänseleber -, dazu ein Riesengewusel kleinerer Fürstlichkeiten und Herrscherchen, und natürlich Hans Moser, Theo Lingen, Paul Hörbiger. Schön! Und während der Kongress tanzte, teilte man Europa auf. Als unser Friedrich Wilhelm WurzelausSieben bei der Zuteilung dran war, fragte ihn Metternich in seiner bekannt höflich-weanerischen Art: „Was darf‘s denn sein, königliche Hoheit?“ „Die Rheinlande“, schnarrte der Preuße. Friedrich Wilhelm Dreimal-Null-Es-Null-Bliev-Null also wollte das Rheinland. Metternich: „Bitte höflichst, königliche Hoheit, bedienen Sie sich“ und hat sich halb totgelacht, weil er wusste, an der Verwaltung des Rheinlandes ist schon der Römer gescheitert. Nun haben die Preußen das Rheinland bekommen und haben es mit typisch preußischer Feinfühligkeit gleich umbenannt in „preußische Rheinprovinzen“. Wat hat sich da der Rheinländer aber gefreut! Nicht genug damit, sie haben das Zentrum der Macht, die Verwaltungszentrale, nicht nur nicht nach Köln gelegt oder nach Aachen, sie haben es noch nicht mal nach Düsseldorf gelegt, selbst das hätte man ihnen verziehen, nein, sie haben es nach Koblenz gelegt, das muss man sich mal vorstellen! Übrigens hat sich – und das sage ich ohne jede Wertung oder Gehässigkeit – bis heute noch kein Preuße dafür entschuldigt! Das nur mal dazu! Johannes Brahms: 3. Satz aus der Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90 Staatsorchester Rheinische Philharmonie Koblenz Leitung: Daniel Raiskin Dauer: 6‘10 Und wir haben hier heroben in NRW noch ein Jubiläum, auf das ich den Süden und seine Hörerinnen und Hörer gerne aufmerksam machen möchte: NRW ist 7o Jahre alt geworden. Das hätte doch sicher keiner der Briten, die nach dem Weltkrieg dieses sonderbare Bundesland geschaffen haben, gedacht: 7o Jahre! Ich möchte quasi als Botschafter von Nordrhein-Westfalen Ihnen dieses Bundesland etwas näher bringen, wenn Sie gestatten, denn bis zum Ende des II. 5 Weltkrieges gab es Westfalen und die Rheinprovinz, erst die Briten haben in der Operation "marriage" diese beiden Landesteile zusammengebracht und am 23. August, also quasi am Dienstag vor 7o Jahren, war es dann soweit: NRW war geboren: ein schönes Land. Die wunderbaren Skigebiete im Rheinland, die herrlichen westfälischen Seenplatten, die riesigen Rinder-Auen und Weidelandschaften zwischen Dortmund und Oberhausen, die sauerländische Steppe – alles weltberühmte Fernerholungsparadiese, wie jeder weiß, der schon mal im Stau zwischen Siegen und Hagen stand und von den kühn geschwungenen Autobahnvolten weit ins Land hinein schauen durfte. Was die Briten nicht wussten: NRW war schon seit Jahrhunderten auf dem Weg zu einem einheitlichen Land und das hat mit einer großen Männerfreundschaft zu tun: mit der Freundschaft zwischen Karl dem Großen und Papst Leo III. Das eigentliche Wunder ist, dass die beiden sich in Paderborn zum ersten Mal trafen und dabei nicht nur nicht ‘laufen jejangen’ sind, sondern außer aneinander auch am Westfalen Gefallen fanden. Was übrigens für die oft unterschätzte Raffinesse des Westfalen spricht: er galt nämlich damals als Sachse, hatte aber die Zeichen der Zeit erkannt und war kurz vor dem Besuch der beiden rasch zum ‘normalen Glauben’ konvertiert - im Gegensatz zu den übrigen Sachsen, deren Halsstarrigkeit ja 3o.ooo von ihnen den Hals kostete. Zurecht, wie uns die Geschichte lehrt, denn wären sie damals ebenfalls Rechtgläubige geworden, wäre uns sicher das Trio infernale Ulbricht, Pieck und Grotewohl und in der Folge der Helium-Pavarotti Honecker und damit letztlich die teure Wiedervereinigung erspart geblieben. Nun denn: es hat nicht sollen sein. Leo III. kam übrigens aus Italien, weil man ihm in Rom übelst nachstellte, zuletzt versuchte man bei der Prozession am 5. April 799 ihn vom Pferd zu holen, zu blenden und ihm die Zunge abzuschneiden, denn er gehörte nicht zum römischen Adel und muss auch sonst etwas unangenehm gewesen sein. Um sich zu schützen floh er nach Paderborn, wo ihm die Pfalz und die Karlsburg derart gefielen, dass er beschloss, den Sitz des Vatikan von Rom nach Paderborn zu verlegen. Wäre ihm das gelungen, sprächen die Päpste unter dem Drei-HasenFenster zu den Gläubigen, no, wenn das nix wäre! Aus heute nicht mehr bekannten Gründen kam es dann doch nicht mehr zum Umzug. Schade aber auch. Tomás Luis de Victoria: „Ego vir videns“ Motette für 5-stimmigen gemischten Chor a cappella (Rom 1585) Ensemble Plus Ultra Leitung: Michael Noone Dauer: 7‘10 So ist also, dank der Briten, aus dem Völkergemisch aus Selfkantern, Eifelern, Rheinländern, Bergischen, Sauerländern, Ruhrgebietlern, Münsterländern, 6 OstWestfalen, Siegerländern - um nur einige zu nennen - eine Familie geworden, die sich sehen lassen kann. Einer hat das ganz genau erkannt: Johannes Rau, vormals Ministerpräsident in NRW. Er sagte: "Die Stärke des Landes NRW liegt in der einmaligen Kombination der Eigenschaften seiner Menschen: der Zuverlässigkeit des Rheinländers, der Leichtfüßigkeit des Westfalen und der Großzügigkeit des Lippers". Und einer seiner Lieblingswitze war: Woran erkennt man, dass ein Schiff unter lippischer Flagge fährt? Daran, dass das das einzige Schiff ist, hinter dem keine Möwen herfliegen...! So ist „mein“ NRW: europäisch, weltoffen und hat doch soviel mit sich selbst zu tun, dass es kaum dazu kommt, nach links und nach rechts zu gucken. Es ist die Keimzelle der EU, nur weiß das keiner und vielleicht ist das auch gut so. Es kämen sonst vielleicht doch einige auf die Idee, nach hier zu kommen und das wäre nicht opportun, denn das Hauptelement der vielen Völker in diesem wunderbaren Bundesland ist nach wie vor: sie bleiben am liebsten unter sich. Der Sauerländer im Sauerland, der Rheinländer im Rheinland, der Kumpel im Revier, der Westfale dortselbst. Und der Rest der Welt kann ihm, gäbe es DEN NRWler und fragten Sie ihn danach, gestohlen bleiben. Robert Schumann: Finale aus dem Klavierquartett Es-Dur op. 47 Hariolf Schlichtig (Viola) Trio Parnassus Dauer: 7‘35 Och, jetzt hab ich Ihnen die Ohren voll geplaudert und das auch noch mit Themen, die ja so gar nicht badisch oder schwäbisch, alemannisch oder hessisch sind, wenn auch vielleicht der ein oder andere Zuhörer im Elsass sich über einige Napoleon-Sätze gefreut haben mag, worüber ich mich sehr freuen würde, bin ich doch ein großer Elsass-Verehrer und der immer die Konzertabende mit der Choucrouterie genossen hat, wenn die beim WDR oder in Bonn zu Gast waren und falls Du mich hörst, Roger Siffer, schöne Grüße! Also, liebe Freunde und Freundinnen des pasticcio musicale, ein Bonbon habe ich schon noch für Sie, ein Gedicht, nein, ein August-Gedicht von Sandor Petöfi, dem großen ungarischen Dichter, der am 31. Juli 1849 im Freiheitskampf der Ungarn gegen die Habsburger in der Schlacht bei Segesvar gefallen ist. Damit aber entlasse ich Sie gernstens in den August-Samstag und bleibe bis zum silbernen September Ihr Konrad Beikircher Also: Sandor Petöfi 7 August Trag nun ihren Ring am Finger, ihren Ring, am Finger nun! Fühl beglückt auf meinen Lippen ihre warmen Lippen ruhn. Oh, wie süß ist es, zu küssen ihren holden roten Mund, süßer wohl als alle Süße auf dem weiten Erdenrund! Küss mich! ... Mögen's alle sehen, saug an meinem Mund dich fest! Recht ist's, dass sich die Verlobte vom Verlobten küssen lässt! Deine Augen, Stirn und Wangen, nicht die Lippen nur allein lass mich küssen, wie den Himmel küsst der Morgenröte Schein. Halte mich in deinen Armen! Ach, ich taumle, stürze hin, weiß nicht, ob von deinen Küssen, ob vom Wein ich trunken bin. Deine Küsse sind wie Nektar, so berauschend wie der Wein, der selbst Götter trunken machte! Sollt ich da nicht trunken sein? Liebesrausch hat meine Sinne ganz verwirrt, den Göttern gleich steige ich, entrückt der Erde, auf in aller Seligen Reich. Schwebe über bunter Wolken Wandrerheeren hoch im All zwischen Sternen, jeder singt mir zu wie eine Nachtigall. 8 Ja, sie singen nie gehörte holde Sphärenlieder mir! Licht wie hunderttausend Blitze blendet meine Augen schier. Doch mein Herz, es pocht wie rasend! So viel Glück erträgt es nicht! Mann, gib acht, dass es dir plötzlich nicht vor lauter Freude bricht! Wolfgang Amadeus Mozart: 2. Satz: Adagio aus dem Konzert für Klarinette und Orchester A-Dur KV 622 Wenzel Fuchs (Klarinette) Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker Leitung: Stephan Frucht
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