Ditib – Erdogans Helfer in Deutschland

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27. Juli 2016 | 14.26 Uhr
Islamverband
Ditib – Erdogans Helfer
in Deutschland
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Mit mehr als 900 Moscheegemeinden ist
die Ditib der größte Islamverband der
Bundesrepublik. Doch seine Nähe zum türkischen
Staat bringt ihn immer wieder in die Kritik.
Derweil hat sich der Sicherheitsexperte der NRWCDU, Gregor Golland, dazu ausgesprochen, die für
Sonntag geplante Großdemo von ErdoganAnhängern in Köln zu verbieten. Von Philipp Jacobs
Düsseldorf.
"Ich finde es unerträglich, dass innertürkische Konflikte in Deutschland
auf offener Straße ausgetragen werden", sagte Golland der Rheinischen
Post. Er fügte hinzu: "Wir müssen uns in Deutschland nicht alles gefallen
lassen." Nach den bisherigen Erfahrungen etwa bei den HogesaAusschreitungen dürfe die Demo keinesfalls in der Kölner Innenstadt
stattfinden. Falls ein Verbot nicht möglich sein sollte, müsste sie in einem
Randbereich - etwa auf die Rheinwiesen – verlegt werden, so Golland.
Zu der Demonstration am Sonntag werden zahlreiche ErdoganUnterstützer erwartet. Wie groß dessen Einfluss auf die in Deutschland
lebenden Türken hat, ließ sein Auftritt 2008 in Köln erahnen. Mehr als
20.000 Muslime kamen damals in die Köln-Arena. Viele Tausend
warteten draußen, weil sie keinen Platz mehr im Innern bekommen
hatten. Erdogan hielt eine Rede, die nachhallte. Der damalige
Ministerpräsident der Türkei forderte seine Anhänger auf, deutsch zu
leben, aber nicht deutsch zu werden.
Niemand könne von ihnen erwarten, sich einer Assimilation zu
unterwerfen, denn diese sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Dann fiel diese Aussage: "Manche Gemeinschaften sind in der Lage, auch
wenn sie nur aus einer Handvoll Menschen bestehen, basierend auf
ihrem intensiv betriebenen Lobbyismus, die Politik eines jeden Landes, in
dem sie sich befinden, zu beeinflussen. Sie können Druck ausüben, um
Beschlüsse der Parlamente der jeweiligen Länder zu erwirken. Warum
sollten wir nicht Lobbyismus betreiben, um unsere Interessen zu
schützen?"
Heute ist Erdogan Präsident der Türkei und mächtiger denn je. Manche
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Heute ist Erdogan Präsident der Türkei und mächtiger denn je. Manche
sagen, er sei Diktator. Und den Einfluss auf die deutsche Politik, den
Erdogan in Köln beschwor, erlangt er vor allem durch den größten
deutschen Islamverband: die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für
Religion, kurz Ditib ("Diyanet Isleri Türk Islam Birligi"), sagen Kritiker des
Verbands. "Ditib geht es darum, Einfluss auf die deutsche Politik zu
nehmen und sich als Partner des deutschen Staats anzubieten. Das
sichert Zugang zu Gremien und Einfluss auf den bekenntnisorientierten
Religionsunterricht", sagt Susanne Schröter, Ethnologin und
Islamexpertin an der Goethe-Universität Frankfurt.
Doch wer ist die Ditib überhaupt? Und ist ihre Macht wirklich so groß?
Es war der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU,
1982-1989), der mit dem türkischen Staat eine Vereinbarung getroffen
hatte, die es der Türkei erlaubte, den in Deutschland angesiedelten Islam
zu organisieren. Die Bundesregierung erhoffte sich dadurch, rechts- und
linksradikale sowie kurdisch-nationalistische Gruppen zurückdrängen zu
können.
1984 entstand so die Ditib. Anfangs verwaltete der Verband nur 230
Moscheegemeinden. 2002 waren es 770, heute sind es mehr als 900.
Daran gemessen ist Ditib der größte Islamverband Deutschlands.
Schließt sich eine Gemeinde der Ditib an, muss sie einer Mustersatzung
zustimmen. In dieser erkennt die Gemeinde die Ditib als beratende
Institution an und stimmt einer Überwachung der Tätigkeiten sowie der
Finanzen zu. Im Auflösungsfall der Gemeinde fällt das
Gemeindevermögen dem Dachverband zu.
In ihren Anfangsjahren bot die Ditib den deutschen Muslimen kleinere
Dienste wie Beratungen an. Mittlerweile hat sie den Anspruch, in allen
Bereichen des muslimischen Lebens tätig zu sein. So ist die Ditib einer
der größten Organisatoren für die Wallfahrt nach Mekka. Sie
beaufsichtigt die in den Moscheen predigenden Imame, sie bietet
Koranschulungen an, betreibt Moschee-eigene Bestattungsunternehmen
und regelt etwa in Hessen den islamischen Religionsunterricht. In
Nordrhein-Westfalen sitzt Ditib im Beirat, der über die
Unterrichtsinhalte oder die Lehrer entscheidet. In Form von Spenden
leistet die Ditib den Gemeinden Unterstützung, etwa für den Bau von
Moscheen.
Die Ditib untersteht der türkischen Religionsbehörde
Seit seiner Gründung untersteht der Verband einer mächtigen türkischen
Behörde: der Diyanet, dem "Präsidium für Religionsangelegenheiten". Es
wurde 1924 gegründet. In der Türkei besitzt die Diyanet das Monopol auf
"öffentliche Religion". Sie regelt die Aufsicht über die Moscheen im Land,
stellt Religionsbedienstete ein, verfasst Vorlagen für Freitagspredigten
(die auch in Deutschland gehalten werden) und veröffentlicht religiöse
Literatur. Der Mitarbeiterapparat ist mittlerweile auf 100.000
angewachsen. Präsident ist seit 2010 der Theologe Mehmet Görmez. Er
hat Ministerrang. Innerhalb der Ditib besitzt der Chef der Diyanet
Mitspracherecht – als Mitglied des Beirats, der den Vorstand kontrolliert.
Die strittigste Aufgabe der Behörde ist die Entsendung der Imame. Ditib
Die strittigste Aufgabe der Behörde ist die Entsendung der Imame. Ditib
ist der einzige deutsche Islamverband, der seine Imame vom türkischen
Staat bezieht. Derzeit halten sich hierzulande 970 dieser Vorbeter auf.
Während ihres meist fünfjährigen Aufenthalts bleiben die Imame der
Diyanet unterstellt und werden auch von ihr entlohnt, was die
Gemeinden enorm entlastet, ihnen aber nur wenig Einfluss auf die
Entsendung einräumt. "Selbst wenn die Ditib es wolle, sie könnte sich von
der Türkei nicht losreißen. Ohne die immensen Finanzspritzen seitens
der Diyanet könnte der Verband nicht existieren", sagt ein
Islamwissenschaftler aus NRW.
Die Religion wird auf die ideologische Linie Erdogans gebracht
Diyanet ist dem türkischen Ministerpräsidentenamt unterstellt. Doch
Ministerpräsident Binali Yildirim fehlt es an Macht. "Herr Yildirim ist
nicht mehr als eine Marionette", sagt Susanne Schröter. Eine Marionette
Erdogans. Ditibs Nähe zum türkischen Staat würde wohl nicht so kritisch
beäugt werden, hätte der Islam in der Türkei nicht eine bedenkliche
Wandlung vollzogen. "Der türkische Staatsislam hat sich von einer
moderaten zu einer radikalisierenden Religion verändert. Dafür ist nicht
zuletzt die AKP unter Führung Erdogans verantwortlich", meint Schröter.
Und Grünen-Chef Cem Özdemir sagt: "In der türkischen
Religionsbehörde Diyanet wurden in der vergangenen Woche knapp 500
Mitarbeiter suspendiert. Das zeigt, wie auch in religiösen Fragen alle und
alles auf die ideologische Linie Erdogans konzentriert wird. Die Ditib als
deutscher Ableger der Diyanet ist davon unmittelbar betroffen."
Auf die Nähe zum Regime Erdogans angesprochen, schreibt DitibGeneralsekretär Bekir Alboga: "Die Selbstbestimmungs- und
Selbstverwaltungsrechte der Religionsgemeinschaften, also auch die der
Ditib, sind grundgesetzlich geschützt. Jede Religionsgemeinschaft
verleiht ihre geistlichen Ämter ohne die Mitwirkung von Politik oder
öffentlicher Meinung. Dies ändern zu wollen, käme einem
Verfassungsbruch gleich." Während eines Iftar-Festes (Fastenbrechen) in
Köln vor einigen Wochen habe Ditib-Chef Nevzat Yasar Asikoglu die
Armenien-Resolution des Bundestags verurteilt und beteuert, es gebe
keinerlei Einfluss aus der Türkei auf den Ditib-Bundesverband, erzählt ein
Teilnehmer der Veranstaltung. Es ist zumindest wunderlich, wenn solche
Worte aus dem Mund eines Mannes kommen, der als Chef der Ditib
formal auch türkischer Botschaftsrat ist.
Während in vielen Ditib-Moscheegemeinden gute und wichtige religiöse
Arbeit geleistet werde, sei der Dachverband ein politischer Verein, der
"unmittelbar von der türkischen Regierung gesteuert wird", sagt Cem
Özdemir: "Die Ditib-Funktionäre müssen sich unmissverständlich und
transparent von der Einflussnahme der Türkei befreien. Die religiösen
Belange müssen endlich ins Zentrum ihrer Arbeit gestellt werden."
Quelle: RP
http://www.rp-online.de/politik/deutschland/ditib-erdogans-helfer-in-deutschland-aid-1.6144124
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