wenn die falschen gewinnen

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DIE
ZEIT
WOCHENZEITUNG FÜR POLITIK WIRTSCHAFT WISSEN UND KULTUR
30. JUNI 2016 No 28
Warum wir
reisen müssen!
Die Welt ist in
Aufruhr. Wäre es
da nicht besser,
im Urlaub zu
Hause zu bleiben?
Auf keinen Fall!
Fünf Seiten zur
schönsten Form
der Fortbewegung
Was tun,
wenn die Falschen
gewinnen?
Z – Zeit zum
Entdecken,
Seite 51
Trump, Johnson, Le Pen: Was früher
nur wenige äußerten, wird
plötzlich mehrheitsfähig. Doch die
westlichen Demokratien hätten
Gegenmittel. Sie müssen aber wollen
Titelillustration: Smetek für DIE ZEIT
POLITIK, WIRTSCHAFT, FEUILLETON
EINWURF
NACH DEM BREXIT
Jugend heult
Wie viel Volk darf’s denn sein?
Sie weint. Tränen laufen über die Wangen. Eine junge Engländerin auf einem
Foto im Netz. »I am heartbroken«, steht
darunter. Es zeigt den Kummer, den wir
gerade teilen: Europa-Schmerz.
Wir, das sind die Jungen Europas, die
Vielgereisten, die Vielvernetzten. Die, die
dachten, am Ende gewinnen doch immer
die Guten. Seit Freitag wissen wir: Das
stimmt nicht. Es gibt einen Weg zurück
in ein Angst-Europa.
Jugend heult. Wer tröstet?
Die Eltern nicht. Die kommen aus
einer Generation, die in Großbritannien
mit für den Brexit gesorgt hat: Die Mehrheit der über 50-Jährigen hat für den Austritt gestimmt. Aber wir sind selbst schuld.
Zu wenige Junge haben abgestimmt.
Das ist zu erklären: Wir mussten
kämpfen, aber nur privat. Über Politik
streiten? Anstrengend. In vielen Timelines
ist das Leben ein Kuschel-Konsens. Zu
lange haben wir gedacht, Demokratie sei
ein Lebensgefühl und Ironie unser Schutz.
Aber wir tun doch was! Letzten Sommer, als die Flüchtlinge kamen. Nach dem
Helfen ging es zurück in die Komfortzone. Dass Europa für viele keine Komfortzone mehr ist, haben wir zu spät gemerkt. Unser Engagement ist atomisiert,
verteilt auf Netzwerke. Wie stellt man
eine Gemeinschaft her, wenn man Parteien langweilig findet? Wir müssen verstehen: Solange man den Institutionen
nichts als virtuelle Empörung entgegensetzen kann, sollte man sie ernst nehmen.
Wer sich nur darum sorgt, was in seinem Viertel, in seinem Freundeskreis, bei
seiner Arbeit passiert, wer nur auf die
eigene Karriere und auf die Familie
schaut, der ist nicht unpolitisch – das ist
der eigentliche Schock: Wir sind politisch,
ob wir wollen oder nicht. Denn Europa
ist kein Ich, sondern ein Wir. Und wenn
wir nicht handeln, tun es die anderen.
Es gibt einen Gegner, die Europa-Hasser. Sie müssen wir endlich ernst nehmen.
Er ist bestens organisiert, über Ländergrenzen hinweg, er hat einen Slogan: Take
back control, »Gewinnt die Kontrolle zurück«. Take back control ist ein verdammt
guter Slogan – nur für die falschen Leute.
Wir sollten ihn uns zurückholen. Für unser Europa.
KILIAN TROTIER
Der Autor, 32, ist stellvertretender
Ressortleiter der Hamburg-Seiten der ZEIT
Den Eliten bleibt nichts anderes übrig, als besser zuzuhören und hinzuschauen
W
enn in Großbritannien die
Brexit-Befürworter siegen, in
Österreich ein FPÖ-Mann
nur um 30 000 Stimmen an
der Präsidentschaft vorbeischrammt oder in einigen deutschen Bundesländern die AfD in Umfragen plötzlich bei
zwanzig Prozent liegt – dann schlägt die Stunde
der Welterklärer. Am tröstlichsten ist noch die
Interpretation, dass Zeiten bedeutender Umbrüche immer eine hohe Zahl von Unzufriedenen und Verunsicherten hervorbrächten, dass
das »Rendezvous mit der Globalisierung«
(Wolfgang Schäuble) Protestparteien rechts wie
links erstarken lasse, dass alles ein vorübergehendes Phänomen sei.
Das kann man nur hoffen. Denn wenig
spricht dafür, dass die Zwietracht in fast allen
westlichen Gesellschaften bald nachlassen wird.
Starke Reizthemen wie die zunehmende Ungleichheit von Arm und Reich, vor allem aber
der massenhafte Zustrom von Flüchtlingen bergen so viel negative Energie, dass sie sich immer
wieder mit Hass und Unmut aufladen können.
Spätestens seit dem Votum für den Brexit ist das
Entsetzen groß. Und aufseiten jener, die sich der
europäischen Idee verbunden fühlen, ist nun
endlich Kampfeslust auszumachen, jedenfalls
verbal. Auch das kann man sich nur wünschen.
Eine Frage allerdings bleibt offen: Wie holt man
jene Bürger zurück, die sich partout nicht überzeugen lassen und andere Prioritäten haben?
Was tun, wenn die Falschen gewinnen?
Die Frage drängt sich auf, aber sie kann auch
eine Falle sein. Dann nämlich, wenn sie eine
Spaltung akzentuiert, statt sie zu überwinden.
Wenn also mit den Richtigen die aufgeklärten
und politisch interessierten, weltläufig und
liberal gesinnten Menschen und mit den Falschen die angstgetriebenen, politisch unterbelichteten, ressentimentgeladenen Leute gemeint
sind, wahlweise die Zukurzgekommenen, die
Alten, die weißen Männer oder die Landpomeranzen, denen man am besten keine Ja/NeinFragen in Form eines Referendums stellen sollte. Wer die Welt so sieht, der muss auf Volkserziehung setzen, nach dem Motto: Erkenne,
wie irrational deine Angst vor Flüchtlingen ist!
Darum auch das wiederkehrende Stereotyp,
wer Probleme der Zuwanderung allzu deutlich
benenne oder gar auf Ängste zu viel Rücksicht
nehme, stärke die Populisten. Spätestens nach
dem Brexit spricht aber vieles dafür, dass wir
mit solchen Mitteln nicht weiterkommen, dass
stattdessen die politischen, gesellschaftlichen
und kulturellen Eliten ihre Haltung zum Volk
überdenken müssen.
Was wir nämlich heute erleben, sind keine
einzelnen politischen Streitfälle, es ist vielmehr
ein Zusammenprall der politischen Kulturen
und Lebenswelten – und das vor allem zwischen Inländern und Inländern. Gelingt es
nicht, den Graben, der sich in fast allen westlichen Ländern aufgetan hat, zu überbrücken,
drohen die aus Unverständnis und Unzufriedenheit erwachsenen neuen Bewegungen vieles
zum Einsturz zu bringen, was über Jahrzehnte
an Gutem und Bewahrenswertem aufgebaut
wurde. Dazu gehört auch, Gewalt gegenüber
und Diskriminierung von Andersdenkenden
zu ächten, eine der großen Errungenschaften
der letzten Jahrzehnte und keinesfalls immer
gleichzusetzen mit politischer Korrektheit. Beinahe täglich verschiebt sich der roher und abstoßender werdende Ton weiter über die Grenze
des Erträglichen hinaus – von Trumps Beleidigung der Mexikaner als Vergewaltiger bis zu
Höckes unsäglichem Wort der »Tat-Elite«, das
von der SS gebraucht wurde.
Es ist unmöglich, das Desaster des Brexits
und das Erstarken populistischer Bewegungen
in Europa und Amerika losgelöst von Fehlern
des Establishments zu sehen. Wie in der vorigen
Ausgabe der ZEIT ausführlich beschrieben, hat
der in Harvard lehrende britische Politikprofessor Niall Ferguson kürzlich fünf Faktoren benannt, die zusammenwirken, wenn Populisten
stark werden: 1. ansteigende Einwanderungszahlen, 2. große Ungleichheit, 3. der Glaube,
dass es korrupt zugehe und Eliten dies für sich
nutzten, 4. eine große Finanzkrise (wie die von
2008) oder ein wirtschaftlicher Schock und
5. schließlich ein Demagoge, der die Unzufriedenheit der Masse nutzt (Fergusons Rede gibt es
in voller Länge auf YouTube).
Für Demagogen mit Charisma können die
Eliten nichts, aber man kann Ferguson nur
schwer widersprechen: Viele Leute fühlen sich
seit Jahren in ihrem Gerechtigkeitsempfinden
beleidigt und von Teilen der Politik für dumm
verkauft. Kein einziger Topmanager der USBank Lehman Brothers, deren Pleite 2008 die
Finanzkrise auslöste, ist bis heute verurteilt worden. Keiner der Banker, die im Boom noch als
Stars gefeiert worden waren, musste nach dem
Platzen der Blase wirklich haften. Stattdessen
kam es zu milliardenhohen Interventionen
durch die Zentralbanken, an deren Folgen heute
VON GIOVANNI DI LORENZO
Kleinsparer nicht nur in Deutschland leiden.
Die deutsche Flüchtlingspolitik ist ein Musterbeispiel dafür, was Regierungen im Guten wie
im Schlechten ausrichten können. Gut war im
September 2015 die spontane, großzügige Hilfe
für Menschen, die Krieg und Tod entflohen
sind. Dies sollte ursprünglich eine einmalige
Aktion sein. Doch als sie dann aus dem Ruder
lief, wurde sie mit nicht mehr glaubwürdigen
Argumenten verteidigt: dass nämlich die Flüchtlinge eh alle unterwegs gewesen seien und es
keinen Anreiz aus Deutschland gegeben habe,
zu uns zu kommen. Dass es nicht möglich sei,
die Grenzen zu schließen, und so weiter. Durch
diese Widersprüche entstehen die Bruchstellen
des gesellschaftlichen Zusammenhalts, nicht an
der Frage, ob man Kriegsflüchtlinge aufnimmt
– das will eine Mehrheit der Menschen von
Herzen gern weiter tun. Nur eben nicht ungefragt, unkontrolliert und ohne eine glaubwürdige und leidenschaftliche Begründung.
Weil Zweifel und Ängste als vordemokratisch und irrational kleingeredet oder diffamiert
worden sind, konnten in so vielen Ländern
furchterregende Bewegungen groß werden, die
nach dem Brexit vermutlich noch mehr Auftrieb erhalten. Nun hat man das Gefühl, dass
das Volk seine gewählten Vertreter vor sich hertreibt. Aber was sind das für Konstellationen:
Regierungen und Eliten, die ihr eigenes Volk
fürchten? Es bleibt ihnen gar nichts anderes
übrig, als künftig besser hinzuschauen und hinzuhören. Krisen und Flüchtlingswellen haben
immer Ursachen, sie werden nie ganz zu vermeiden sein. Was man aber sehr wohl beeinflussen kann, ist die Verhältnismäßigkeit der
daraus erwachsenden Maßnahmen und die
Glaubwürdigkeit jener, die sie verkörpern.
EU-Kommissionspräsident
Jean-Claude
Juncker, dem nun wirklich niemand ernsthaft
vorhalten könnte, die europäischen Ideale gut
zu vermitteln, und auch die Bundeskanzlerin
haben gerade in diesen Tagen versucht, die
Lage als leicht verschärfte Normalität zu beschreiben. Wir leben aber in einer Zeit des Disruptiven, der allgemeinen Zerstörung: Gutes,
Bewährtes droht weggefegt zu werden – von
der repräsentativen Demokratie über ein vereintes Europa bis hin zu toleranten Gesellschaften. Wer so weitermacht, als sei nichts
geschehen, mag auf der richtigen Seite stehen,
betreibt aber das Geschäft der Falschen.
Schlafzimmer
sind
gefährliche Orte
Die Reform des
Sexualstrafrechts
ist unnötig
und verhängnisvoll
Ein Essay von Sabine Rückert
Feuilleton, Seite 39
PROMINENT IGNORIERT
Füße im Feuer
Der amerikanische Motivationstrainer Anthony Robbins hat in
Dallas 7000 Gläubige versammelt
und ihnen gesagt, mit hinreichender Willenskraft könnten sie über
glühende Kohlen gehen. Etwa 30
verbrannten sich dabei die Füße,
fünf kamen in die Klinik. Von der
heiligen Kunigunde und von der
heiligen Christina wird erzählt, sie
hätten Glut und Feuer unversehrt
überstanden. Merke: Es ist nicht
ganz leicht, heilig zu werden. GRN.
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o
N 28
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C 7451 C
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WORTE DER WOCHE
»Ich muss die Figuren
inhalieren, anders kann man es
gar nicht sagen, ich inhaliere sie,
ohne intellektuell darüber
nachzudenken.«
Götz George, verstorbener deutscher
Schauspieler, über seine Art, Rollen zu spielen
»Wo immer es um Europa geht,
sollte Deutschland bis zum
Schluss dabei sein.«
Norbert Lammert, Bundestagspräsident, mit
Blick auf das Brexit-Votum und die Fußball-EM
»Er würde garantiert keinen
Toilettenplatz bekommen.«
Theodore Theodoridis, Uefa-Generalsekretär,
auf die Frage, wo der wegen dubioser
Überweisungen gesperrte Uefa-Präsident Michel
Platini beim Besuch eines EM-Spiels sitzen würde
Berichtigung
Bedauerlicherweise ist uns in der vergangenen Ausgabe Nr. 27/16 ein Versehen unterlaufen: Unter dem Essay Du bist super – gewöhn dich dran! von Steven Hill ist im Verlauf der Produktion der Name des Übersetzers verschwunden. Matthias Schulz hatte den Text für uns aus dem Englischen
übersetzt. Leider ist uns dieser Fehler auch
nicht zum ersten Mal passiert: In der Ausgabe Nr. 19/16 fehlte unter dem Beitrag
Wir sterben vom syrischen Filmemacherkollektiv Abounaddara der Name der Übersetzerin Elisabeth Thielicke.
Wir bitten, das Missgeschick zu entschuldigen. Es muss bei dieser Gelegenheit gesagt
werden: Ohne Übersetzer, die fremde Stimmen in unseren Debatten erklingen lassen,
würde unsere Öffentlichkeit provinziell. DZ
TITELTHEMA: WENN DIE FALSCHEN GEWINNEN
I
st ein Ausstieg aus dem Ausstieg denkbar? Nur wenige Tage nach dem Votum
für den Brexit dämmert es selbst einigen
seiner Befürworter, dass sie über etwas
entschieden haben, was es in der Geschichte noch nie gab und dessen Folgen
deshalb niemand vorhersagen kann.
»Take control« hatte der Brexit-Kampagnenführer
Boris Johnson versprochen. Stattdessen bemerken die Briten gerade einen dramatischen Kontrollverlust. Das EU-freundliche Schottland
droht, die Union im Königreich aufzukündigen,
das Pfund sinkt schneller als die Titanic, und in
Nordirland könnten »Troubles« neuer Art über
die Zugehörigkeit der Provinz losbrechen.
Wege, den Ausstieg mit allen seinen Folgen
doch noch abzuwenden, gibt es durchaus. Denn
juristisch gesehen ist bisher überhaupt nichts
passiert; das Referendum war lediglich eine Befragung, sein Ergebnis bindet die Regierung
nicht. Ausgelöst würde der Brexit erst durch einen Antrag nach Artikel 50 des EU-Vertrages,
der Scheidungsklausel.
Doch welchen Weg die britische Regierung
jetzt auch wählt, sie hat nur die Wahl zwischen
zwei Übeln: Entweder die Glaubwürdigkeit der
Demokratie nimmt Schaden oder das Land. Es
sei denn, die Wählerschaft bekommt eine Gelegenheit zur tätigen Reue. Welches sind die
Möglichkeiten?
1. Ein zweites Referendum
Es ist eine ungute Tradition in der EU, Volksabstimmungen zu wiederholen, wenn sie nicht
das gewünschte Ergebnis liefern. So war es 1992,
als die Dänen den Maastricht-Vertrag ablehnten,
und so war es 2005 und 2008, als sich Franzosen,
Niederländer und Iren gegen die nächste Integrationsstufe stemmten. Ein paar Zugeständnisse
später stimmten alle vier Nationen dann doch
noch zu.
Nur haben die Briten nicht über neuerliche Integrationsschritte abgestimmt, sondern über »Alles
oder nichts«. Dennoch wäre theoretisch ein zweites Referendum auch in Großbritannien möglich.
Es gibt mangels geschriebener Verfassung keine
Regel, die der Anberaumung einer erneuten Volksbefragung entgegenstehen würde. (Erzwungen
werden kann Letztere vom Volk aber auch nicht.)
Da David Cameron jedoch versprochen hat, sich
an das Ergebnis zu halten, und ein Bruch dieser
Zusage das ohnehin angeschlagene Grundvertrauen der britischen Bevölkerung in demokratische Prozesse schwer erschüttern würde, ist
diese Option unwahrscheinlich.
Raus
aus dem
Raus
Wie die Briten ihren Austritt doch
noch abwenden könnten
VON JOCHEN BITTNER
Für demokratischen
Widerspruchsgeist
berüchtigt:
Bewohner der
Britischen Inseln
2. Die Regierung ignoriert das Referendum
Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich
meine Meinung – unter Berufung auf diese
Weisheit des großen Ökonomen John Maynard
Keynes könnte die britische Regierung nach
dem Blick in den Abgrund einen Brexit
schlicht für unverantwortlich erklären. Großbritannien, ließe sich argumentieren, ist zwar
das Land des Fair Play, aber es ist auch eine
repräsentative Demokratie, die irrationale Politik verhüten soll. Bloß, würde ausgerechnet
Boris Johnson, der monatelang für ein Nein
gekämpft hat, sich als neuer Premier für einen
Verbleib einsetzen? Vielleicht. Im Februar, als
Johnson ankündigte, für ein Brexit-Votum zu
kämpfen, begründete er dies mit dem scheinbaren Paradox, dass die EU »einer Bevölkerung
nur dann wirklich zuhört, wenn diese Nein
sagt«. Hat sich der Cameron-Rivale in Wahrheit also nur ein taktisches Nein gewünscht,
eines, das ihn zum nächsten Premier macht
und zum Rächer der Entnervten gegenüber
einem bis zur maximalen Kompromissbereitschaft eingeschüchterten Brüssel-Europa? Ja,
genau das könnte sein.
3. Neuwahlen gegen den Brexit
Aber was, wenn Boris Johnson gar nicht Premier wird? Es ist keineswegs ausgemacht, dass
der Feuerkopf sich innerhalb der Tory-Partei
gegen gemäßigte Kandidaten durchsetzen
wird, etwa gegen die derzeitige Innenministerin Theresa May. Für David Cameron könnte
es daher klug sein, auf den letzten Metern seiner Amtszeit, unterstützt von einer Zweidrittelmehrheit des Parlaments, Neuwahlen auszurufen. Den Wahlkampf würden die Parteien
dann allein der Entscheidung widmen, die EU
zu verlassen oder – unter welchen Bedingungen auch immer – in ihr zu verbleiben. Gewönne das Remain-Lager, ließe sich dies als
parlamentarisches Mandat lesen, das Volksvotum für den Brexit im Unterhaus zu überstimmen. Diese Lösung wäre die eleganteste,
weil sie das Gesicht aller Beteiligten wahren
würde – und das der britischen Demokratie.
4. Die schottische Abschreckung
Um nicht aus der EU herausgerissen zu werden, droht Schottlands Regierungschefin
Nicola Sturgeon mit einem zweiten Referendum über den Ausstieg aus dem Vereinigten
Königreich. In Nordirland, wo ebenfalls eine
Mehrheit für den Verbleib in der EU ist,
könnte sich eine ähnliche Dynamik entwickeln.
30. J U N I 2016
D I E Z E I T No 2 8
Jeder neue Premierminister müsste sich also
entscheiden: Ist er oder sie bereit, die Einheit
Großbritanniens zu opfern, weil sich am Ende
nur England und Wales aus der EU führen ließen? Darüber, außerdem, haben die Briten am
vergangenen Donnerstag gar nicht abgestimmt
– auf dem Wahlzettel stand die Frage, ob das
Vereinigte (!) Königreich die EU verlassen soll.
Angesichts dieser neuen Lage wären vier neue,
getrennte Referenden in Nordirland, Schottland, Wales und England denkbar. Die britische Bevölkerung hätte dann selber die Chance,
zu entscheiden, ob sie den Preis der Zersplitterung ihrer Nation zahlen will.
5. Artikel 50 als Reformhebel
Die Regierung könnte aber auch die übrigen
Europäer fragen, wie viel ihnen die Mitgliedschaft der Briten im Club wert ist: Entweder
die EU schneidet ihre Kompetenzen zurück
und gewährt den Nationalstaaten wieder mehr
Souveränität – oder die Insel verabschiedet
sich. Ganz abgesehen von der Frage, wie richtig eine solche Reform wäre, aus Sicht der
Kontinentaleuropäer ist es der falscheste Zeitpunkt ever. In Frankreich, Ungarn und anderswo warten ausgemachte EU-Feinde wie Marine
Le Pen oder Viktor Orbán nur darauf, dass die
Brüsseler Verträge aufgeschnürt werden; sie
würden dann alles daransetzen, dass die Fäden
nie mehr zusammenfänden. Zu viel Wut hat
sich im System angestaut, um es geregelt zu erneuern. Es würde vielmehr zerbersten. Zudem
soll verhindert werden, dass das britische Beispiel anderen Nationen einen Anreiz liefert,
eine Mitgliedschaft à la carte herauszuhandeln.
Letzte Möglichkeit: Brexit ohne Katastrophe
Und wenn nichts davon geschieht, sondern die
britische Regierung wie versprochen den Austrittsantrag nach Brüssel schickt? Dann haben
UK und EU zwei Jahre Zeit, um über 43 Jahre
hinweg gewachsene Rechtsbeziehungen abzuwickeln. Allzu kompliziert müsste das nicht werden, glaubt der deutsch-britische Juraprofessor
Stefan Talmon. Großbritannien könnte die EUGesetze als nationales Recht übernehmen und
sie anschließend beliebig ändern. Auch die EUHandelsverträge, etwa mit Kanada, könnte
London schlicht mitnehmen. Es wäre dann nur
Sache der anderen Länder, ob sie diese Abkommen mit Großbritannien weiterführen wollen.
Ein Brexit, der nicht als Katastrophe endet,
sondern mit dem Modell eines neuen »Plug-inEuropas« – auch das wäre denkbar.
Foto (Ausschnitt): Interfoto (Szene aus »Bean«; m. Rowan Atkinson, 1997)
2 POLITIK
D I E Z E I T No 2 8
POLITIK 3
WENN DIE FALSCHEN GEWINNEN
Foto: Mads Nissen/Berlingske/laif
30. J U N I 2 0 1 6
Eine junge Frau in
einem Flüchtlingslager
in der Demokratischen
Republik Kongo
Was hat diese Frau
mit dem Brexit zu tun?
D
ass es die EU überhaupt
noch gibt, ist ein reines
Wunder. Würde ein Mensch
oder ein Staat auch nur annähernd so falsch und so
schlecht über sich selbst reden, wie es die EU mit
wachsender Wirrnis tut, er wäre schon vereinsamt
oder zerbrochen.
Zugegeben, auch andere große Mächte erzählen eine Geschichte von sich selbst, die nur lose
mit der Realität verbunden ist. Allen voran die
USA. Aber die reden sich – jedenfalls wenn es ums
Grundsätzliche geht – groß, schön, stark und erhaben. Nicht so die EU, sie liefert zurzeit sicher die
am schlechtesten erzählte Geschichte der Welt.
Beispielsweise die Sache mit dem Brexit. Da hat
eine knappe Mehrheit der Briten für den Austritt aus
der EU gestimmt, und schon verfällt Europa in tiefe
Selbstzweifel, fragt sich, was es alles falsch gemacht
haben könnte, spricht nicht allein über die Probleme
der EU, sondern über die EU als Problem.
Wer die EU-Politiker in diesen Tagen reden
hört, der fragt sich, ob sie ihr Handwerk auf
Lummerland gelernt haben oder auf Saltkrokan.
Wieder wird angesichts einer offenkundig eher
mäßigen Beliebtheit der EU geklagt, dass die Politiker in den Hauptstädten immer alle Schuld auf
Brüssel schieben. Ja Gott. Wenn in Berlin etwas
schiefläuft, dann schiebt es die CSU auf die CDU,
die SPD auf beide und alle zusammen auf den
Bundesrat. Oder eben auf Brüssel. Dieses blame
game aber ist weder ein Webfehler der europäischen
Verfassung noch eine spezifisch gegen die arme EU
gerichtete Gemeinheit, es handelt sich schlicht um
das offene Geheimnis der repräsentativen Demokratie, die nicht nur, wie es das Schulbuch sagt, den
Willen des Volkes wirksam machen, sondern noch
viel mehr die Wut des Volkes unwirksam machen
soll: Aggressionsabfuhr nach oben statt gegeneinander oder gegen Minderheiten. Die EU sollte
froh sein, Teil dieses zivilisatorischen Prozesses zu
sein, statt jetzt wieder rumzuhühnern.
Ohnehin ist noch nicht mal sicher, ob die Briten bei ihrer Abstimmung über die EU wirklich
über die EU abgestimmt haben oder doch über
etwas ganz anderes. Denn in Österreich beispielsweise würde man jederzeit eine Mehrheit für die
EU bekommen, doch ob bei einer möglichen Wiederholung der Präsidentenwahlen der FPÖ-Mann
Hofer, das alpenländische Pendant des Pub-Politikers Farage, noch einmal knapp unterliegen würde, muss bezweifelt werden.
Dass man durchaus für die EU sein kann und
zugleich für eine nationalistische Regression, für
den Rückzug in die kleinste denkbare Einheit,
zeigen in diesen Tagen nicht zuletzt die Schotten.
Auch in den USA tritt ja ein Mann als Präsidentschaftskandidat an, der sich mit Boris Johnson,
Marine Le Pen, Alexander Gauland und Norbert
Hofer politisch und kulturell ganz ausgezeichnet
versteht. Und Trump will vielleicht aus der Wirklichkeit austreten, aber bestimmt nicht aus der EU.
Offensichtlich ist etwas Größeres im Gange,
etwas, wovon der Brexit nur ein Ausdruck ist, etwas, unter dem die EU zwar leidet, das sie aber
nicht verursacht. Das jedoch kann sich in Europa,
insbesondere in Brüssel, kaum jemand vorstellen:
Dass nicht die EU die Ursache sein könnte für die
Probleme der EU.
Und doch, es gibt sie noch, die Außenwelt, die
Wirklichkeit, und in der geht etwas vor, das die
sogenannte Krise der EU erklärt: Die Mauer zwischen Erster und Dritter Welt ist dabei zu fallen.
Die Globalisierung ist an ihrem dialektischen
Punkt angekommen, sie geht nicht mehr nur in
eine Richtung, von Norden nach Süden, sie
kommt jetzt auch zurück: in Gestalt von wirtschaftlicher Konkurrenz wie auch in der von
Flüchtlingen und von Terrorismus.
Zugleich hat dieselbe Globalisierung die realen
und erst recht die gefühlten Unterschiede zwischen
Arm und Reich in den westlichen Ländern zuweilen bis ins Obszöne hinein vergrößert. Zwei Gerechtigkeitsfragen kommen jetzt zusammen, nein,
sie prallen brutal aufeinander.
Auf diese vervielfachte Wucht der Globalisierung haben sich in den vergangenen Jahren zwei
große Antworten herausgebildet: Die eine versucht, mit dieser neuen Welt bei allem Schreck
konstruktiv und inklusiv, Grenzen überwindend
fertig zu werden. Die andere behauptet, die Mauer zur Dritten Welt, zu Südamerika, zum Nahen
und Mittleren Osten und zu Afrika könne wieder
aufgerichtet werden, der Terror ließe sich bändigen, indem man die Muslime raushält und rausschmeißt, und mit den Chinesen könne man
ganz andere Saiten aufziehen, alles eine Frage des
politischen Willens.
Immer legt die EU falsche Maßstäbe
an sich an. Das hat fatale Folgen
Liberale Internationalisten gegen autoritäre Nationalisten, so ließe sich die aktuelle globale Alternative umreißen.
Die Macht dieser neuen politischen Polarisierung ist so groß, dass sie in den meisten westlichen
Staaten gerade in hohem Tempo das bisherige Parteiensystem zerschmettert. Die konservativen Parteien spalten sich, die sozialdemokratischen zerbröseln, die Ränder bedrängen die Mitte.
Eine globale Revolution findet also statt, die
Überwindung der letzten großen Grenze, der letzten Mega-Ungerechtigkeit – oder aber eine globale
Konterrevolution, der Versuch also, dies mit immensen aggressiven Energien zu verhindern.
In allen wichtigen demokratischen Entscheidungen geht es derzeit im Kern um diese Richtungsfrage. Mal wird dafür eine österreichische
Nichts. Und alles. Denn in
Wahrheit haben die Briten über
etwas Wichtigeres als den
Austritt aus der EU abgestimmt
VON BERND ULRICH
Präsidentschaftswahl hergenommen, mal ein Referendum über die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU, demnächst das Referendum
über die italienische Verfassung, bald dann schon
die Präsidentschaftswahlen in den USA, gefolgt
von der in Frankreich, schließlich, in gut einem
Jahr, die Bundestagswahl.
Es hat also wenig Sinn, jetzt über eine institutionelle Reform der EU nachzudenken, denn ihre
Verfasstheit ist nicht das Problem. Wer in diesen
Tagen mit Amerikanern über deren Verfassungswirklichkeit und den Zustand der dortigen demokratischen Institutionen redet, der bekommt mindestens so viel von Systemkrise zu hören wie hier.
Das perfekte demokratische System gibt es eben
nicht. Dass die Demokratien zurzeit überall so
unter Druck kommen, hat jedoch weniger mit ihren unvermeidlichen und seit je bestehenden Defiziten zu tun als mit der Ungeheuerlichkeit dieses
letzten globalen Mauerfalls.
Für Europa stellt sich diese Herausforderung,
kurz gefasst, so dar: Die Flüchtlinge kommen, der
Terror geht nicht, die Amerikaner ziehen sich zurück, und die Russen attackieren. Gemessen daran
war der Kalte Krieg nicht mehr als eine forcierte
Schachpartie. Dennoch misst sich die EU in ihren
Debatten und Statements nicht an der Größe der
Probleme, denn dann hätte sie mehr Verständnis
für sich selbst; sie vergleicht sich auch nicht mit
der anderen westlichen Supermacht, den USA, die
bei ähnlich hohem Problemdruck derzeit einiges
mehr an Verrücktheit produzieren. Nein, die EU
denkt an bessere, leichtere und vermeintlich heroischere Tage nebst angeblich größeren Europäern,
sowie stets an ihr Ideal vom voll integrierten Staatenbund, das viele umso inniger herbeisehnen, je
weiter es sich von ihnen entfernt.
Weil die EU immer falsche Maßstäbe an sich
anlegt, produziert sie unentwegt eine Atmosphäre
der Vergeblichkeit, selbst da, wo sie sich zu verteidigen sucht. Diese dunkle Stimmung wird noch
genährt durch eine routinierte Apokalyptik, die
seit Jahrzehnten von Brüssel ausgeht: Vertiefung
oder Untergang, Verfassung oder Zerfall. Dieses
Denken war schon immer ein Problem und hat
gewiss mehr zum Legitimationsverlust der EU
beigetragen als alle vermeintlichen oder realen
Demokratiedefizite zusammen. Aber erst heute
entfaltet die Ideologie der Depression ihr ganzes
zerstörerisches Potenzial.
Einmal, weil die Wirklichkeit selbst eine apokalyptische Gestalt angenommen hat. Das heißt nicht,
dass sich die Welt auf einen Untergang zubewegt,
nur haben die Probleme eine so enorme Größe angenommen, dass man ihnen ohne Weiteres zutraut,
einiges hinwegfegen zu können, viel mehr als die EU
jedenfalls. Zum anderen betätigen sich die Autoritären, die Abschotter und Mauerbauer selbst als politische Unternehmer des drohenden Armageddon.
Gauland, Trump und Le Pen sind allesamt historische Pessimisten, besessen vom Untergang. Dass sie
zurzeit so gute Laune haben, hängt keineswegs mit
ihrem Weltbild zusammen, sondern mit ihren Erfolgen. Wenn die EU, wie es ihren Instinkten entspricht, mit diesen Leuten in einen Wettstreit um
das dunkelste Dunkel einsteigt, dann wird sie ihn
verlieren. Cameron hat es schon mal vorgemacht.
An zwei Faktoren hängt die politische
Lebensbilanz dieser Generation
Neben den düsteren Drohungen hat die EU immer noch ein zweites Kampfmittel im Arsenal: die
Sachlichkeit. Mal abgesehen davon, dass Sachlichkeit und Apokalyptik sich eher schlecht vertragen,
so hat das britische Referendum doch gezeigt, wie
wenig die Leave-Leute nach ihren eigenen ökonomischen und sozialen Interessen abgestimmt haben. Und zwar ganz bewusst – diese Menschen
sind nicht blöd, sie setzten nur andere Prioritäten.
Längst geht es weniger um Interessen als um Identitäten, es geht um das Eigene und das Fremde,
mehr um symbolische Gesten als um reale Politik.
(Auch das ist natürlich demokratisch erlaubt.)
Ohnehin war nicht zu erwarten, dass die Liberalen
gegen die Autoritären in diesem und im nächsten Jahr
alle Abstimmungen gewinnen würden, in Großbritannien, in den USA, in Italien, Frankreich und
Deutschland. Die Frage ist vielmehr, was künftig den
Ausschlag gibt, wenn es weder Apokalyptik noch
Sachlichkeit allein sein können. An zwei Faktoren
hängt – wie soll man es sagen? – das Schicksal des
Westens? Die politische Lebensbilanz unserer Generation? Das Schicksal unserer Kinder?
Zum Ersten: Stärke.
Wer sich wie die EU gewohnheitsmäßig schwachredet, hat keine Chance in diesen Zeiten der großen,
mitunter übergroßen Probleme. Bisher jedoch hat
Europa es aufgrund seiner oben beschriebenen depressiven Disposition versäumt, sich so starkzureden,
wie es ist. Das hängt mit einer fast tragischen Phasenverschiebung zusammen. Staaten und Staatenbünde
entstehen nur aus gewaltigen Krisenenergien. Für die
EU war dies der Zweite Weltkrieg, ein Impuls, der
sie bis in die achtziger Jahre vorangetrieben hat. Dann
bekam die Union noch einen zweiten Schub durch
den Fall der Mauer und den Beitritt der Osteuropäer.
Danach begann aber schon die byzantinische Phase,
der Ursprungsimpuls ließ nach, die Völker machten
nicht mehr recht mit, und Brüssel hob ab. Und tut
das noch immer. Zugleich kamen neue Krisen vor
die Hohe Pforte von Brüssel, gottlob nicht so massiv
wie einst, aber doch von einiger Geschichtsmacht:
Finanzkrise, Euro-Krise, Ukrainekonflikt, Flüchtlinge. Unter dem Druck der Krisen wird das Projekt
EU von der anrollenden Geschichte neuerlich vorangetrieben und weitergegründet, aber nicht so, wie es
sich die ever closer Union-Anhänger ausgedacht hatten
(die infolgedessen auch nicht erfrischt sind, vielmehr
beleidigt und verzweifelt), sondern von der Wirklichkeit zusammengehauen, krumm, bucklig und rauchend. Diese staatsschöpferische Kraft der Krisen
nicht zu sehen, ja, sie zu Zeichen eines dysfunktionalen Europa umzudeuten gehört zu den größten
Fehlleistungen, seit Kolumbus Amerika entdeckte
und es für Indien hielt.
Zum Zweiten: Wirklichkeitssinn.
Der Fall der Mauer zwischen Erster und Dritter
Welt ist objektiv eine Revolution, die dringend nach
ihrem revolutionären Subjekt sucht. Die Autoritären
haben sich dieser Rolle mit ihrer demolition-Politik
und ihrer Vision von Mauern, Internierungslagern
und Säuberungen schon sehr viel mehr genähert als
die Liberalen, die außer Sachlichkeit vor allem Stabilität versprechen – an die indes kaum noch jemand
glaubt. Wolfgang Schäuble hat sich zuletzt in dieser
Zeitung daran versucht, die Umrisse einer maßvollen
Revolution zu skizzieren, bisher blieb er damit allerdings ziemlich allein. Die Autoritären hingegen geben
eine visionäre Antwort auf die neue historische Lage,
wenn auch in der Darth-Vader-Variante; sie wissen,
dass bewahren heute zurückdrehen bedeutet und ein
Zurückdrehen ohne gewaltige und gewalttätige Veränderungen nicht auskommen kann. Man muss das
nun wirklich nicht mögen, aber die Autoritären haben ein zur Größe der Herausforderung proportionales, ein geschichtssymmetrisches Projekt.
Was aber gibt das liberale Lager den Menschen,
die sich davor fürchten, dass ihr Empathie-Muskel
überstrapaziert werden könnte, dass aus vielen
Flüchtlingen unendlich viele werden, dass die
neue Zuständigkeit der Europäer für Afrika nicht
zu bewältigen ist? Diese Menschen, gerade die
Mutigen und Zuversichtlichen, die geborenen
Europäer und weltbewegten Zeitgenossen lässt die
Politik zurzeit regelrecht verhungern. Wo wird
etwa ein neues Konzept für Afrika diskutiert? Wo
ein New Deal für den Mittleren Osten? Wo eine
neue, proafrikanische Agrar- und Energiepolitik?
Wo wird von den Liberalen überhaupt nur ausgesprochen, was auf der Agenda steht? Ist es nicht
sogar so, dass sich die liberalen Kräfte von den
Autoritären immerzu erwischen lassen beim notdürftigen, stummen Managen der Revolution, die
sie dann wieder leugnen?
Die Wirklichkeit annehmen, die Revolution
gestalten, die eigene Stärke begreifen, die Depression abschütteln – das wäre ein Europa, das
den Brexit verkraftet. Und die Briten irgendwann zurückholt.
4 POLITIK
30. J U N I 2016
WENN DIE FALSCHEN GEWINNEN
D I E Z E I T No 2 8
London
er Himmel über London ist
wie meistens bewölkt, die
gläsernen Türme der City
stehen noch, die roten Busse
kriechen die Straßen mit
derselben Langsamkeit entlang wie früher. Früher, das
ist diese Ära, die am vorigen Donnerstag endete.
Alles wirkt gleich, doch alles ist anders. Es ist, als
habe sich das Bild im Kopf umgedreht, und dort,
wo der Himmel war, verläuft nun die Straße. Die
Ordnung ist aufgehoben. Ich erkenne das Land, in
dem ich vier Jahre gelebt habe, nicht wieder. Es
fühlt sich an wie nach einer Trennung.
Hier in Großbritannien; drüben auf dem Kontinent; noch weiter drüben in den USA; in den
Sphären des Internets und der Finanzmärkte spaltet sich die Welt nun in zwei Hälften: Es gibt die,
die mit dem Brexit den Sieg ihres Lebens errungen
haben. Und die, denen etwas aus ihrem Herzen
gerissen wurde. Was wollen die Gewinner mit ihrem Sieg erreichen? Wie gehen die Verlierer mit
ihrer Niederlage um? Und wie sollen alle jetzt verdammt noch mal weitermachen?
D
Ein Pub in Westminster
Was die Zahlen sagen
Durchschnittseinkommen in den Leave-Gegenden:
18 000 Pfund (21 630 Euro, Kurs vom 28. 6.).
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Symbolfoto [M]: Daniel Sambraus/SPL/Agentur Focus
Ich war so sicher, dass Remain gewinnen würde,
dass ich im Wettbüro 100 Pfund darauf gesetzt
hatte. Auch wenn alle Umfragen ein knappes Ergebnis vorhergesagt hatten, ging ich davon aus,
dass sich die pragmatischen Briten für die Vernunft
und gegen die Wut entscheiden würden. Doch am
Morgen nach dem Referendum sehe ich auf meinem Handy als Erstes einen Newsletter mit dem
Betreff »Independence Day«. Beim Frühstück höre
ich David Camerons Stimme brechen, als er seinen
Rücktritt erklärt. Am Vormittag kündigt die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon an, die
Bedingungen für ein zweites schottisches Unabhängigkeitsreferendum zu überprüfen.
Boom, boom, boom. Die Folgen des Referendums krachen wie Felsbrocken auf den Boden der
Realität. Fünf Stunden nach der Verkündung des
Brexits liegt die politische Landschaft Großbritanniens in Trümmern.
So ist das also, wenn Wahlen Wandel auslösen.
So sehen also Wähler aus, die das zum ersten Mal
begreifen. »Ich habe nicht geglaubt, dass meine
Stimme etwas bewirkt!«, sagen nun einige Briten
mit bedröppelten Gesichtern in die Kameras.
Ein Gefühl von Müdigkeit und Schwindel begleitet mich auf dem Weg in die Stadt. Ich schiebe
mich vorbei an unbeschwerten Touristen, die die
Themse fotografieren, und britischen Anzugträgern, die zu ihren Terminen eilen. Ich muss an
Google denken, das acht Stunden nach Schließung
der Wahllokale die beliebtesten Suchanfragen aus
Großbritannien veröffentlicht hat.
Platz 1: Was heißt es, die EU zu verlassen?
Platz 2: Was ist die EU?
Platz 3: Welche Länder sind in der EU?
Ich passiere den Palast von Westminster. Mahnmal einer intelligenteren Zeit.
Auf dem Bürgersteig laufe ich in einen Mann
mit einem roten Schild hinein, das mit lauter Unterschriften bekritzelt ist, wie ein Fußballtrikot.
»Vote Leave – take back control«. Das Leitmotiv der
Brexisten, im Wahlkampf so oft wiederholt, dass
es an neurolinguistische Programmierung erinnerte. Es scheint gewirkt zu haben: Boris Johnson,
Führungsfigur des Leave-Lagers, wird wahrscheinlich der Nachfolger von David Cameron. Eine
Kampagne, die auf Lügen und Stimmungsmache
basierte, soll aus den Trümmern dieses Landes ein
neues Empire errichten. Kein Experte hatte an
diesen Ausgang geglaubt. Alle hatten prognostiziert, dass die Menschen nicht gegen ihre wirtschaftlichen Interessen stimmen würden.
Was wir über die Regeln der Politik zu wissen
meinten, war ein Irrtum. It’s not the economy, stupid! It’s immigration!
Der Mann, der das »Vote Leave«-Schild trägt,
heißt Sean Howlett und war bis gestern Kampagnenmanager. Schmales Kinn, helles Haar, blauer Anzug.
Er sei seit 36 Stunden wach, sagt er und wirkt wie
besoffen vor Glück. Zwei Frauen in schwarzen Etuikleidern tanzen um ihn herum. Ein Polizist, der
hinter dem Gitter von Westminster die Abgeordneten
bewacht, grinst ihm zu. Fußgänger klopfen ihm auf
die Schulter. Howlett führt eine kleine Gruppe zu
einem Pub gegenüber der Downing Street.
»Happy Independence Day!«, rufen die Brexisten
und stoßen an. Die Regierungskrise, die mir Angst
macht, gibt ihnen Hoffnung. »Raus mit den Alten
und rein mit den Neuen!«, jubeln sie.
Die Frauen sind stolz, denn sie kommen aus
Basildon, in der Brexit-Welt so etwas wie ein
Leuchtturm. Der Londoner Vorort ist die symbolische Heimat des kleinen Mannes – jenes Wählertyps, der entgegen allen Warnungen für den Austritt gestimmt hat. 70 Prozent für Leave! Glauben
Sie, dass der Brexit Ihr Leben verändern wird? Die
Frauen zucken die Schultern: »Wahrscheinlich gehen die Preise für Lebensmittel und Benzin hoch,
aber sonst? Wahrscheinlich nicht viel.« Howlett ruft
herüber: »Im Herbst haben wir endlich eine richtige
Regierung, und im Winter ist wieder alles klar!«
Zum Abschied umarmen sie mich und raten
mir, nicht so pessimistisch zu sein. Am nächsten
Morgen beginnen die Brexit-Spitzenleute, die ersten Wahlkampfversprechen zurückzunehmen: Die
350 Millionen Pfund an angeblichen EU-Geldern
sollen nun doch nicht an den Krankendienst NHS
fließen. Begrenzung der Zuwanderung: war auch
nicht so gemeint. Was wird aus den Menschen, die
aus Wut über die Elite für Leave gestimmt haben
und nun schon wieder enttäuscht werden?
London in den Tagen nach dem Brexit:
Für viele Bewohner ist eine Welt zerbrochen –
auch für unsere Autorin KHUÊ PHAM
Er zuckt die Schultern. Der Aktienkurs seines
Arbeitgebers ist gestern zwischenzeitlich um 30
Prozent gefallen. Das Geschäft lebt vom Zugang
zur Euro-Zone. Nun ist das Pfund gegenüber
dem Dollar abgestürzt, die Rating-Agenturen haben das Land herabgestuft, große Investitionen
geraten in die Schwebe. Da unklar ist, wer der
neue Premierminister wird, ist auch unklar, welche Beziehung Großbritannien in Zukunft zur
EU haben wird.
Wird die neue Regierung versuchen, den Zugang zum EU-Markt zu erhalten, und dafür euroWir waren verblendet
päische Einwanderung akzeptieren wie NorweEs regnet, als mein griechischer Freund Dimitris gen? Oder würde sie darauf verzichten und in
am nächsten Abend das Le Mercury betritt und Kauf nehmen, dass die Finanzindustrie nach
Dublin oder Frankfurt abwandert? Rob, ein Holsagt: »Das ist das Ende der Welt!«
länder, hat sich schon darauf
Um nicht allein zu bleiben
eingestellt, dass er vielleicht
mit meinen Fragen, habe ich
War dieses Land so weltumziehen muss. »Ich kann
mich mit ein paar Freunden
meinen Job überall machen«,
in einem französischen Resoffen, wie wir dachten?
sagt er.
taurant verabredet. Wir fallen
Oder haben wir in einer
Das Referendum hat die
uns in die Arme wie ÜberleMachtverhältnisse
umgedreht.
bende eines Schiffsunglücks,
Londoner Blase gelebt?
Die Verlierer der Globalisiedann setzen wir uns an einen
rung sind jetzt die Gewinner
Tisch mit weißer Decke und
Kerze. Eine Selbsthilfegruppe mit sechs Leuten aus und andersherum. Wir, die dachten, dass die Gevier Ländern. Sehr London. Wird das so bleiben? sellschaft im Großen und Ganzen unsere Werte
Was wir als Wahlheimat betrachtet haben, hat uns teilt, stellen nun fest, dass wir die Gesellschaft nie
kannten. Warum sollte ein Arbeiter in Nordgerade abgewählt.
england, der anders lebt, anders arbeitet und anRotwein, bitte!
Jeder hat mehrere Meinungen dazu, warum ders denkt, von europäischer Freizügigkeit und
Remain verloren hat. »Es war ein Spiel«, sagt Raf- internationaler Solidarität genauso überzeugt sein
faella, eine Italienerin. »Cameron, Boris und die wie wir? Warum sollte er dafür sein, dass die Dinge
Wähler haben das Referendum nicht ernst genom- so bleiben, wie sie sind?
»Sie wollten uns bestrafen«, sagt Dimitris. »Ich
men. Jetzt müssen wir alle leiden!« Sie ist vor 14
Jahren aus Italien hergezogen, weil sie die Engstir- war wie ein Schlafwandler und habe es nicht benigkeit der Berlusconi-Ära nicht ertragen konnte. merkt, aber nun weiß ich es.«
Nun fühlt sie sich davon eingeholt.
War dieses Land so weltoffen, wie wir dachten? Was die Politik macht
Oder haben wir in einer Londoner Blase gelebt?
In London trifft man immer jemanden, der Die konservative Partei sucht nach einem Nacheinen Akzent, schwule Freunde und eine pro- folger für Cameron und muss diese Woche zwei
gressive Einstellung hat. Der Kultur-Clash be- Parlamentarier nominieren, die im Sommer an der
ginnt, sobald man die Stadt verlässt. So wie Basis Wahlkampf machen.
81 Prozent der Labour-Abgeordneten haben
Großbritannien früher in Bourgeoisie und Proletariat zerfiel, so zerfällt es heute in Welthaupt- Parteichef Jeremy Corbyn ihr Misstrauen ausgestadt und Brexit-Land. In Gewinner und Ver- sprochen, zwei Drittel seines Schattenkabinetts
lierer der Globalisierung. Rob, wie ist die Stim- sind zurückgetreten. Bis zum Redaktionsschluss
am Dienstagabend beharrte er darauf, zu bleiben.
mung bei deiner Bank?
Durchschnittseinkommen in den Remain-Gegenden: 32 000 Pfund (38 468 Euro).
60 Prozent der über 60-Jährigen stimmten für
Leave. 73 Prozent der 18- bis 24-Jährigen stimmten für Remain. Die Wahlbeteiligung der Alten
war höher als die der Jungen.
74 Prozent der Leave-Unterstützer finden Feminismus schlecht.
71 Prozent der Remain-Unterstützer finden
Multikulturalismus gut.
Eine Petition für ein zweites Referendum erhält
rund 3,5 Millionen Stimmen. Eine weitere für die
Unabhängigkeit von London hat bislang rund
175 500 Unterzeichner.
In den Tagen, in denen die Panik des Börsencrashs auf die Wucht der politischen Krise trifft,
gibt es in Großbritannien keine Führung, keinen
Plan. In den nächsten Wochen werden beide
Parteien mit Machtkämpfen beschäftigt sein. Im
nächsten halben Jahr sind Neuwahlen wahrscheinlich. 2017 wird ein zweites Unabhängigkeitsreferendum für Schottland erwartet.
Aufstand in der British Academy
Am Montag nach dem Referendum versammelt
sich eine Gruppe geschlagener Remain-Anhänger
in der British Academy, um den Kampf fortzusetzen. Die nationale Akademie für Geisteswissenschaften bewohnt eines der prachtvollen weißen
Gebäude im Herzen Londons. An der Wand
hängen Ölgemälde von Nelson und Edward II,
die Decken sind mit goldenem Stuck verziert.
Die anwesenden Männer tragen dunkle Anzüge
zu dunklen Mienen. Die Stimmung erinnert an
eine Trauerfeier.
Ein schmaler Mann mit weißem Hemd und
schwarzer Hose erhebt sich: der Journalist Hugo
Dixon, der im Wahlkampf auf der Seite InFacts.
org die Lügen der Leave-Kampagne aufgespießt
hat. Er hat hochrangige Remain-Vertreter eingeladen – den ehemaligen Chef der Liberaldemokraten, Abgeordnete, Juristen, Autoren. Die
Frage ist: Was nun? »Wenn wir jetzt nach der
Annullierung des Ergebnisses rufen oder nach
einem zweiten Referendum, sehen wir aus wie
schlechte Verlierer.« Dixon spricht beschwörend.
»Das Referendum war eine legitime Wahl, aber
die Menschen wussten nicht, wofür sie abgestimmt haben. Die Leave-Kampagne hat sie mit
Absicht im Dunkeln gehalten.« Er fordert die
Runde auf, Ideen zu sammeln, wie man weiter
vorgehen könne.
Ein Schriftsteller will auf einer Webseite Geschichten von Leave-Wählern sammeln, die ihre
Entscheidung für den Brexit bereuen. Ein Anwalt
will die neue Regierung verklagen, falls sie ohne
Zustimmung des Parlaments Artikel 50 des EUVertrages in Gang setzt, also die Trennung von der
Union. Eine Journalistin schlägt vor, eine neue liberale Partei zu gründen. Zwei Freunde haben
eine Dating-App entworfen, um Pro-Europäer
zusammenzubringen. Ein politischer Berater will
mit den Brexit-Leuten zusammenarbeiten, um ein
norwegisches Modell auszuhandeln. Zugang zum
Binnenmarkt plus Freizügigkeit plus Budgetzahlungen. Eine EU-Mitgliedschaft light. Auch
Boris Johnson tendiert in diese Richtung.
Eigentlich widerspricht das allem, was die
Leave-Kampagne in den letzten Wochen versprochen hat. Aber: »Sie sind in der Scheiße. Wir sind
in der Scheiße. Wir sind alle in der Scheiße!«, ruft
der Berater.
Das Paradoxe ist, dass vielen Remain-Anhängern (und einigen Brexisten) jetzt klar wird, wie
viel ihnen Europa bedeutet. Der Schock, die Trauer
und die Wut haben eine Leidenschaft freigesetzt,
die sie alle überrascht. Aus einer unerwarteten Niederlage gehen sie als unerwartete Rebellen hervor.
Es geht hier nicht nur um die Mitgliedschaft in der
EU – es geht auch um die liberale Tradition Großbritanniens. In den vergangenen Tagen häufen
sich Berichte über fremdenfeindliche Angriffe.
Auch die Menschen in diesem Raum erkennen ihr
Land nicht wieder.
Vielleicht, sagt Hugo Dixon, könnte das politische Chaos auch eine Chance bedeuten. Sein
Szenario sieht so aus: Boris Johnson wird Premierminister und entscheidet sich für das norwegische
Modell. Er stellt es dem Parlament zur Abstimmung, woraufhin konvertierte Brexisten ein neues
Referendum auslösen. Die neue Frage lautet: Norwegen oder EU? Die Remain-Kampagne wirbt
daraufhin mit aller Kraft für die einfachere von
zwei ähnlichen Lösungen. Die Bevölkerung, von
den Folgen des ersten Referendums traumatisiert,
stimmt für die EU. Je schlimmer sich die politische
und wirtschaftliche Krise entwickelt, desto besser
stehen die Chancen.
Dixon schaut auf und sieht in skeptische Gesichter. Auch ich weiß nicht, ob ich diesen Vorschlag für Wunschdenken oder Realpolitik à la
Brexit-Britain halten soll. Vor drei Monaten hätte
ich gesagt: Das ist völlig absurd. Nun weiß ich:
Die Regeln der Politik sind außer Kraft gesetzt.
Vielleicht ist tatsächlich alles möglich.
www.zeit.de/audio
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POLITIK 5
WENN DIE FALSCHEN GEWINNEN
Drama
Queen
Die Krisen werden immer größer, die Kanzlerin
wird immer cooler. Aber kann eine einzige Frau
einen ganzen Kontinent beruhigen?
A
Angela Merkel im Kanzleramt
am 24. Juni 2016, dem Tag
nach der Brexit-Abstimmung
Foto: Carsten Koall/Getty Images (Berlin, 24.06.16)
m vergangenen Freitagmorgen
um Viertel nach neun passiert
Angela Merkel, was sie am meisten hasst: Sie wird überrascht. In
ihrem Büro im Kanzleramt sieht
sie den Fernsehauftritt des britischen Premierministers David
Cameron. Der Verlierer des Brexit-Referendums
hat an diesem Morgen nicht mit Merkel telefoniert, und was er sagt, kommt ohne Ankündigung:
Cameron tritt zurück – aber will noch bleiben. Mit
der Möglichkeit eines Brexits hatte Merkel gerechnet, damit jedoch nicht. Chaostage in London.
Und in Berlin.
Schon um 7.20 Uhr am Morgen hat SPD-Chef
Sigmar Gabriel Parteipräsidium und Fraktionsspitze
zur Schaltkonferenz zusammengerufen. Die sozialdemokratische Kampflinie lautet: demonstrative
Härte gegen die Briten und gezielte Kritik an Merkel.
Die SPD-Parteizentrale verbreitet ein Papier von
Gabriel und Martin Schulz, dem Präsidenten des EUParlaments: Europa neu gründen. Telefonisch fragt
Gabriel bei Merkel nach, ob man nicht gemeinsam
vor die Kameras treten wolle, wie in der Finanzkrise
2008, als Merkel mit Peer Steinbrück die Öffentlichkeit beruhigte. Sie lehnt ab. Auch Wolfgang Schäuble
ruft an diesem Morgen bei Merkel an: Er warnt sie
vor inhaltlichen Zugeständnissen an Gabriel.
Die Kanzlerin scheint an jenem Freitag in der
Defensive zu sein – jedenfalls tritt sie so auf. Als sie
um 12.41 Uhr eine kurze Erklärung abgibt, lautet
ihre Linie: Bloß keine Vorwürfe an die Briten. Abwarten. Lage beruhigen. Es ist wie immer bei ihr:
Sollen sich die anderen sortieren. Erst dann will sie
sich äußern.
Doch was zu diesem Zeitpunkt noch defensiv
wirkt, erscheint in den Tagen darauf als kluge Taktik.
Auch weil es weitere Überraschungen gibt.
Vor der britischen Abstimmung dachte man, im
Falle des Brexits würde die EU zerfallen. Nun aber
droht der Zerfall Großbritanniens. Vor der Abstimmung dachte man, nach einem Brexit würden auch
die Franzosen, Niederländer oder Österreicher einen
Austritt anstreben. Nun aber sind sie alle vorsichtig
geworden. Vor der Abstimmung dachte man, wenn
die Brexit-Befürworter siegten, würden bald überall
Referenden gefordert werden. Seit Freitag aber klingt
das ganz anders. Es ist sogar so, dass mit jedem weiteren Tag die Wahrscheinlichkeit wächst, dass es am
Ende gar nicht zu einem Brexit kommen wird.
Umso überlegter wirkt Merkels Reaktion: Die
Briten sollen schon selbst den Schmerz ihrer Entscheidung spüren, sie brauchen dazu nicht noch
Belehrungen aus Berlin.
Als David Cameron am Dienstag dieser Woche
zum gemeinsamen Abendessen in Brüssel eintrifft,
fordern ihn die 27 anderen Regierungschefs auf,
»so schnell wie möglich« das reguläre Austrittsverfahren einzuleiten. Doch während es etwa den
Franzosen gar nicht schnell genug gehen kann,
haben es andere Länder weitaus weniger eilig. Vor
allem jene Staaten, die wirtschaftlich oder politisch besonders eng mit Großbritannien verbunden sind. Dazu gehören Irland, Dänemark oder
Polen – und auch Deutschland.
Die Spitzen der deutschen Wirtschaftsverbände
sollen in den vergangenen Tagen in Gesprächen mit
dem Kanzleramt und dem Wirtschaftsministerium
darauf hingewiesen haben, dass eine radikale Trennung von den Briten nicht in ihrem Interesse sei.
Immerhin gehen gut sieben Prozent aller deutschen
Warenausfuhren nach Großbritannien. Insbesondere die ohnehin gebeutelte Automobilbranche sowie
die Pharmaindustrie würden unter einem erschwerten Zugang zum britischen Markt leiden.
Und allen Beteiligten ist klar: Die EU hat keine
Mittel, London zum Austritt zu zwingen. Ob und
wann die Verhandlungen beginnen, bestimmt allein
die britische Regierung.
Mindestens so wichtig wie der Umgang mit den
Briten ist außerdem die Frage, welche Schlussfolgerungen die Union für sich selbst zieht. In die Schusslinie ist jetzt der EU-Kommissionspräsident JeanClaude Juncker geraten. Der Luxemburger sei
»nicht der richtige Mann für den Job«, sagt der
slowakische Außenminister Lubomír Zaorálek. Eine
Meinung, die man zuletzt auch in Berliner Regierungskreisen hören konnte. Doch die Motive der
Kritiker sind unterschiedlich.
In Berlin stoßen sich konservative Finanzpolitiker
an Junckers lockerer Handhabe des Stabilitätspakts.
In den mittel- und osteuropäischen Ländern wird
ihm vorgeworfen, die Kommission habe durch ihre
liberale Linie in der Flüchtlingspolitik den EUGegnern in Großbritannien Auftrieb verschafft. »Die
Kommission ist verantwortlich für den Ausgang des
Referendums«, sagt ein osteuropäischer Diplomat in
Brüssel. Auch der starke Mann in Warschau, Jarosław
Kaczyński, fordert nach dem Referendum eine
Schwächung der Kommission.
Kaczyński will einen »neuen EU-Vertrag«. Die
nationalen Regierungen sollten mehr Souveränität
erhalten; das Europäische Parlament solle aus Vertretern der nationalen Parlamente gebildet werden,
wie in den Anfangszeiten der Gemeinschaft. Die
Kommission müsse sich darauf beschränken, den
Binnenmarkt zu regulieren. Sein Ziel ist ein »Europa der Vaterländer«.
Auffällig ist, dass die Kritiker ihre Pfeile auf
Juncker richten und nicht auf Merkel. Dabei trägt
die Kanzlerin für die Flüchtlingspolitik der EU mindestens so viel Verantwortung wie die Kommission,
wenn nicht sogar mehr.
Angela Merkel hat ihren Einfluss auf das britische Referendum immer mit »zero« veranschlagt.
Dennoch steht die Kanzlerin im Zentrum einer
Auseinandersetzung, die unabhängig davon stattfindet, ob die Briten wirklich gehen oder am Ende
doch bleiben: Was sind die politischen Lehren aus
dem Referendum? Während die Beteiligten öffentlich die Gemeinsamkeiten beschwören, ist
hinter den Kulissen ein Grundsatzkonflikt über
die gesellschaftliche Ausrichtung des Kontinents
ausgebrochen. Es geht grob gesagt um die Frage,
wo künftig die Grenze zwischen Markt und Staat
verlaufen soll.
Das französische Lager – unterstützt von Italien,
der EU-Kommission und weiten Teilen der deut-
schen Sozialdemokratie – will die Gunst der Stunde Ausscheiden der Briten für eine »weitere Vergemeinnutzen, um die Währungsunion schrittweise zu ei- schaftung« nutzen könnten. Dem müsse sich
nem engen Staatenverbund auszubauen, innerhalb Deutschland entgegenstellen.
Am Montag dieser Woche sitzt Wolfgang
dessen viel Geld transferiert wird. Sigmar Gabriel und
Martin Schulz fordern in ihrem Papier eine »wirt- Schäuble an einem kleinen Tisch auf der Bühne
schaftspolitische Wende« mit mehr Investitionen und des Fürther Stadttheaters, neben sich eine goldene
größeren Spielräumen für die Aufnahme neuer Büste von Ludwig Erhard, dem Vater der sozialen
Schulden. Der italienische Regierungschef Matteo Marktwirtschaft. Einmal im Jahr wird hier ein
Renzi will ein milliardenschweres Subventionspaket Preis an junge Wissenschaftler verliehen. In seiner
für die eigenen Banken, das nach europäischem Recht Festrede sagt Schäuble, dass Europa nicht mehr
bis jetzt nicht zulässig wäre. Und die EU-Kommis- weitermachen könne wie bisher. Die Mitgliedssion möchte nun rasch einen europaweiten Schutz staaten müssten wieder »Verantwortung für ihr
Handeln« übernehmen. Lehren aus dem Brexit zu
für die Spargelder durchsetzen.
Auch der deutsche Außenminister hat ein Papier ziehen, das heißt für Schäuble etwas anderes als
geschrieben, es entstand im Wesentlichen auf An- für Steinmeier: eine Rückbesinnung auf marktregung seines französischen Amtskollegen. Frank- wirtschaftliche Grundsätze – den freien Warenverkehr, die Einhaltung von ReWalter Steinmeier und Jeangeln, die Stärkung der WettMarc Ayrault sprechen sich
Das ist ihre Stärke und
bewerbsfähigkeit. Es gibt nedarin für einheitliche Sozialben der sozialdemokratischen
standards und sogar ein geihre Schwäche zugleich:
eben auch eine konservative
meinsames Budget der MitSie weiß immer genau,
Vision von Europa.
gliedsstaaten der Euro-Zone
Am Anfang dieser Woche,
aus. Bereits Ende April trafen
was nicht geht
noch bevor der Brüsseler EUsich deutsche und französische
Gipfel begann, reisten die
Regierungsbeamte, um an diesem Papier zu arbeiten; erst am vergangenen Freitag wichtigsten Akteure erst einmal nach Berlin. Es
kommt in diesen Tagen schon sehr darauf an, wie
informierte Steinmeier die Kanzlerin.
Wie sehr die Franzosen drängen, zeigt sich auch sich die Deutschen verhalten werden, zu welchen Verin der – für die internationalen Medien gedachten änderungen sie bereit sind.
– englischen Übersetzung des Steinmeier-AyraultAm Montagnachmittag saß EU-Ratspräsident
Papiers. Während es in der deutschen Fassung heißt, Donald Tusk im Kanzleramt, um sich bei Kaffee und
einen gemeinsamen Haushalt für die Euro-Zone Erdbeertörtchen mit Angela Merkel zu beraten. Am
könnte es »ab 2018« geben, steht dort auf Englisch: Abend reisten François Hollande und Matteo Renzi
»It should start by 2018 at the latest«.
an. Während Merkel mit den beiden zu Abend aß,
Aus Sicht der Franzosen und ihrer Verbündeten arbeiteten die Vertrauten der Kanzlerin noch an den
war Großbritannien eben auch ein Störfaktor, der letzten Details der für den nächsten Morgen geplanwegen seiner ausgeprägten marktwirtschaftlichen ten Regierungserklärung.
Tradition eine Sozialdemokratisierung des europäAls Merkel am Dienstagmorgen im Bundestag
ischen Verbunds verhinderte. Insofern ist ihnen das spricht, mag man nicht glauben, dass sie am Vorabend
Ausscheiden der Briten eine historisch einmalige mit Hollande und Renzi geredet hat. Mit keiner
Gelegenheit für den Umbau der Union.
Formulierung erweckt sie den Anschein, inhaltlich
Genau das befürchtet man im Bundesfinanzminis- auf die beiden zugehen zu wollen. Merkel analysiert
terium, wo die Briten trotz aller politischer Differen- die gegensätzlichen Kräfte in der EU, bittet herzlich
zen immer als Partner im Kampf gegen staatsinter- um Vorschläge, die die EU zusammenführen, statt
ventionistische Bestrebungen im Süden Europas zu spalten – macht aber selbst keinen einzigen Vorgeschätzt wurden. Mit dem Brexit fällt ein wichtiger schlag. Nicht einmal eine Andeutung. Stattdessen
Alliierter aus. In einem vertraulichen Positionspapier organisiert sie einen Prozess. Das ist ihre Stärke als
aus dem Bundesfinanzministerium warnen Wolfgang Europapolitikerin und ihre Schwäche zugleich: Sie
Schäubles Beamte, dass Italien und Frankreich das weiß immer genau, was nicht geht.
Merkel sagt, dass Europa seine Versprechen nicht
immer eingehalten habe. Sie spricht vom Vertrag von
Lissabon und von dem dort gefassten Entschluss,
Europa »zur wettbewerbsfähigsten Zone der Welt«
zu machen. Es ist exakt die Linie, die sie seit Jahren
verfolgt. Und es ist bezeichnend, dass Gabriel und
Steinmeier genau während dieser Lissabon-Passage
in Merkels Rede auf der Regierungsbank die Köpfe
zusammenstecken und tuscheln.
Man müsse behutsam in eine inhaltliche Diskussion darüber kommen, wo die Herausforderungen
Europas liegen, heißt es im Kanzleramt. Aber der
Schutz der Außengrenzen und die Ängste der Bevölkerung vor Migration, das gehöre sicherlich dazu.
Das klingt, als könnte sich damit auch die widerborstige Schwesterpartei CSU anfreunden –
der innerparteiliche Streit mit Horst Seehofer ist
Merkels anderer großer Konflikt in diesen Tagen.
Tatsächlich hat der Brexit-Schock auch auf die
Christsozialen mäßigende Wirkung entfaltet.
Zwar pocht die CSU weiterhin darauf, in Europa
müsse auch über das Thema Sozialleistungen gesprochen werden – aber bitte einvernehmlich. Die
britische Angelegenheit habe »manches wieder
auf Normalmaß« schrumpfen lassen, heißt es in
der CSU. Beim großen Versöhnungstreffen der
Unionsparteien in Potsdam flüchtete man erleichtert in die größeren Probleme. Bis weit nach 21
Uhr sprachen die Teilnehmer am Freitag über das
Thema, das offiziell gar nicht auf der Tagesordnung stand, den Brexit.
Auch von einem getrennten Wahlprogramm ist
– vorerst – nicht mehr die Rede. »Ich gehe davon aus,
dass wir gemeinsam marschieren und die Wähler mit
einem gemeinsamen Wahlprogramm von uns überzeugen«, sagt Gerda Hasselfeldt, die Vorsitzende der
CSU-Landesgruppe. Daneben werde es vermutlich
wie üblich einen »Bayernplan« geben, um »eigene
Akzente« zu setzen. Darin könnten durchaus auch
Punkte untergebracht werden, über die es mit der
CDU keine Einigung gebe.
Klingt so, als hätte Merkel an dieser Front etwas
Ruhe. Das Fundament, befand Horst Seehofer nach
dem Treffen in Potsdam, sei intakt. Wie hieß noch
mal der alte Werbespruch? Hoffentlich ist es Beton.
Marc Brost, Peter Dausend, Daniel Erk,
Tina Hildebrandt, Matthias Krupa,
Mark Schieritz, Michael Thumann
6 POLITIK
30. J U N I 2016
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Euch sollte es doch
mal besser gehen
Bis vor Kurzem hatten wir nur Sorge, dass unsere Kinder zu verwöhnt sein könnten
und an zu vielen Möglichkeiten verzweifeln. Das hat sich brutal geändert VON HEINRICH WEFING
Illustration: Davide Bonazzi für DIE ZEIT
I
ch habe zwei Kinder, eine Tochter, einen Sohn, fast 16 und 13 Jahre alt.
Sie sind nicht mehr klein, sie sind
noch nicht groß, sie wachsen, wie man
wohl sagt, behütet auf, aber sie bekommen vieles mit. Sie sehen abends die
Nachrichten, sie sind im Netz unterwegs. Hören von Putin, von Trump, von Erdoğan. Und manchmal fragen sie mich, in letzter Zeit häufiger: Spinnen die eigentlich alle?
Tja, gute Frage.
Vater zu sein, das ist für die Männer meiner
Generation ja so etwas wie ein Projekt, eigentlich das Großprojekt schlechthin. Wir wollen
das gut machen, aber tasten uns immer nur
versuchsweise vorwärts. Man hat so seine Gedanken, man hat so seine Sorgen. Und in den
letzten Monaten beschleicht mich immer häufiger ein mulmiges Gefühl. Das Gefühl, dass
sich gerade etwas ziemlich Grundlegendes verändert. Für mich, aber auch für meine Kinder.
In was für einer Welt werden sie eigentlich erwachsen?
Früher, als sie noch kleiner waren, vor drei,
vier Jahren, da haben sie gern eine Art Spiel gespielt, so etwas wie ein Familienquiz. Sie haben
mich gefragt, was es denn noch nicht gegeben
habe, als ihre Großeltern Kinder waren. Was
war damals anders?
Da gab es noch kein Telefon in jedem Haus,
habe ich gesagt, denn eure Großeltern sind ja schon
ziemlich alt. Es gab noch keine Fernseher, nur
Radios. Keine Geschirrspüler, keine Toaster, keine
Pizza vom Lieferdienst. Überhaupt keine Pizza.
Das schien ihnen eine fremde, merkwürdige
Welt, faszinierend, aber unglaublich weit weg.
Dabei ist es erst sechzig, siebzig Jahre her.
Manchmal haben sie auch mich gefragt, was
es noch nicht gegeben habe, als ich so alt war
wie sie heute.
Da gab es noch keine iPhones, habe ich dann
gesagt, kein Google, kein WhatsApp oder
Skype. Nur drei Fernsehprogramme. Und Sendeschluss irgendwann kurz nach Mitternacht.
Komisches Leben, haben sie geantwortet
und gelächelt, halb erstaunt, halb mitleidig.
Was ich ihnen nicht erzählt habe oder erst
viel später, ist all das, was es damals, Mitte der
siebziger Jahre, gab und heute nicht mehr gibt.
Damals gab es noch Flüsse in Deutschland,
in denen man nicht baden konnte, weil sie zu
giftig waren. Damals stand das Schwulsein noch
unter Strafe, und eine Frau an der Spitze des
Staates war undenkbar. Das kommt mir selber
heute schier unglaublich vor.
Damals gab es noch eine Grenze mitten
durch Deutschland, mit Betonwällen und Stacheldraht, und wer darüberzuklettern versuchte,
in die falsche Richtung, wurde erschossen. Ich
habe meinen Kindern nicht erzählt oder nur
einmal, eher beiläufig, dass eine Stunde Autofahrt von Hamburg entfernt sowjetische Panzer
standen und Soldaten der Roten Armee, feindliche Soldaten. Ich habe ihnen nicht erzählt,
dass meine Freunde und Mitschüler, als wir so
alt waren wie sie jetzt, über die Aufstellung von
neuen Atomraketen mitten in Deutschland gestritten haben. Und dass wir fest davon überzeugt waren, es gehe dabei wirklich um das
Überleben der Menschheit.
Warum ich das nie erwähnt habe? Nicht weil
ich das verschweigen wollte. Sondern weil es mir
nicht mehr so wichtig schien. Weil es auch mir
wie ein ferner, seltsamer Albtraum vorkam, eine
Verirrung der Geschichte. Weil es danach immer besser wurde. Und weil wir die Erfahrung
gemacht haben, dass sich die Dinge positiv entwickeln. Nicht von selbst, aber durch Hartnäckigkeit und Arbeit.
Als 1989 die Mauer fiel, als der Stacheldraht
verschwand und auch die russischen Panzer, da
begann etwas Neues, etwas grundlegend anderes, so schien mir, eine glücklichere Epoche, und
für diese Zeit haben wir, halb bewusst, halb unbewusst, unsere Kinder erzogen. Da spielte der
Ost-West-Konflikt wirklich keine Rolle mehr,
das Wettrüsten, die atomare Bedrohung. Ich
wollte meine Tochter und meinen Sohn auf
eine andere Welt vorbereiten. Und ich bin noch
immer sicher, dass das richtig ist.
Natürlich wissen die beiden von den Verbrechen der Nationalsozialisten, sie lesen die
Bücher, sie lernen in der Schule, wie es zum
Holocaust kommen konnte, aber dennoch haben sie und ihre Freunde, vielleicht als erste Generation nach dem Zweiten Weltkrieg, ein entspanntes Verhältnis zu diesem Deutschland,
heiter und selbstbewusst, so wie man es auch aus
anderen Ländern kennt, in denen die Menschen
unbefangen ihre Flagge schwenken.
U
nd warum auch nicht? Viel besser
als hier, viel besser als heute, in
dieser Bundesrepublik, lässt es
sich ja kaum leben. Mehr Sicherheit, mehr Toleranz, mehr Reichtum, mehr Freiheit ist schwer vorstellbar. Natürlich, auch hier gibt es Abgehängte und Ausgeschlossene, Menschen, die nur das Allernötigste haben oder weniger als das, auch in
Deutschland gibt es Armut und Einsamkeit und
Depression. Aber für circa neunzig Prozent aller
Menschen auf der Welt ist das Land, in dem wir
leben, schlicht das Paradies. Deshalb machen
sich ja auch so viele auf den Weg zu uns. Und
wir würden es wahrscheinlich genauso tun,
wenn wir an ihrer Stelle wären, um unseren
Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.
Unsere Kinder sind in eine Welt hineingeboren worden, die voller Optionen ist und fast frei
von Widerständen schien. Wenn ich mir Sorgen
um sie gemacht habe, dann war es eher die Sorge, dass sie vor lauter Optionen verzweifeln
könnten, dass sie überwältigt würden von den
vielen Möglichkeiten, dass sie nichts richtig machen, in Verwöhntheit versinken könnten. Aber
Eltern müssen sich wohl immer Sorgen machen,
und diese Sorge war halbwegs erträglich.
So kommt es mir jedenfalls im Rückblick vor.
Denn seit ein paar Monaten schiebt sich etwas
anderes, Neues ins Bild, verändern sich die Sorgen.
Jeden Tag sterben im Mittelmeer Menschen,
jeden Tag, wir haben uns schon fast dran gewöhnt.
Es gibt Terroranschläge, in Paris, in Brüssel, in
Florida. In der Türkei werden Journalisten verhaftet, in Österreich wird um ein Haar ein Rechtspopulist zum Präsidenten gewählt, in Deutschland
brennen Flüchtlingsheime. Und jetzt haben die
Briten dafür gestimmt, ausgerechnet die pragmatischen, nüchternen Briten, aus der Europäischen
Union auszutreten. Die Bewohner des Landes, in
dem meine Kinder vor einem Jahr Gastschüler
waren. So wie ich vor mehr als dreißig Jahren.
Es kommt mir vor, als seien die Fundamente
plötzlich wieder in Gefahr. Was selbstverständlich schien, ist nicht mehr selbstverständlich.
Das ist für meine Generation eine ziemlich verstörende Erkenntnis.
Fast überall, so scheint es, schwillt die Wut
an, wird herumgebrüllt, ist die Gesellschaft gespalten. Nicht so sehr in Arm und Reich oder
Oben und Unten oder Links und Rechts. Eher
in Wütend und Gelassen, in Empört und Zuversichtlich. Die eine Hälfte setzt auf Abschottung und Nationalismus, die andere auf Offenheit und Zusammenarbeit. Die eine sieht in den
Fremden eine Bedrohung, die andere eher in
Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Für die
eine Hälfte ist Europa ein Monstrum, für die
andere eine Hoffnung.
Natürlich frage ich mich, wie das passieren
konnte, und ich habe bislang keine wirklich
gute Antwort darauf. Und noch mehr frage ich
mich, wieso ich diese andere Hälfte, die Wütenden, die Empörten, die Nationalisten, so lange
nicht bemerkt habe. Oder wieso ich sie nicht
wirklich ernst genommen habe.
Vielleicht liegt es daran, dass ich mir sicher
war, zu sicher, dass in Europa nichts mehr so
richtig schiefgehen kann.
Natürlich hatte ich Sorge vor Terroranschlägen auch bei uns, mir war klar, dass wir uns mit
Ausländerfeinden und Rassisten herumschlagen
müssen. Aber das Grundlegende, die Fundamente, die wichtigsten Spielregeln? Die schienen nicht mehr bedroht.
Und dann hat Putin die Krim erobert. Dann
hat die Regierung in Polen das höchste Gericht
des Landes entmachtet, wie zuvor schon die
Regierung in Ungarn. Und nun sieht es plötzlich fast so aus, als könne die Europäische
Union zerbrechen.
Das ist schon ein bisschen viel auf einmal.
Im Grunde dachte ich, wir hätten die tiefsten Einschnitte bereits erlebt, die Ereignisse,
die alles verändern, den Mauerfall 1989 und
dann, zwölf Jahre später, die Anschläge vom
11. September 2001 in New York und Washington. Oder genauer, ich dachte, im Stillen
jedenfalls, ohne mir darüber selbst ganz klar zu
sein, das sei eigentlich schon genug Geschichte
für das Leben meiner Generation, genug Wen-
de, viel mehr Historisches werde da nicht
mehr kommen.
Und nun kommt es mir so vor, als sei das,
was wir da erlebt haben, nur ein Anfang gewesen. Als springe uns die Geschichte wieder an,
von allen Seiten. Und wenn das so ist, dann
frage ich mich natürlich, was das für meine Kinder bedeutet. Für ihr Leben, für ihre Zukunft.
V
ielleicht ist es noch ein bisschen zu
früh, um darauf eine Antwort zu
geben. Ich bin aber sicher, dass sie
auch weiter sehr viele Möglichkeiten haben werden. Möglichkeiten,
von denen die Mehrzahl der Menschen nur
träumen kann. Doch zu diesen Möglichkeiten
werden nun, vielleicht zum ersten Mal in ihrem
Leben, auch echte Widerstände kommen. Härten. Abwehr, Gegendruck. Und das ist neu und
ungewohnt für sie. Und für mich.
Wir haben ja das Autoritäre, das Herrische,
Brutale zurückgedrängt, aus den Familien, aus
den Schulen, auch aus vielen Unternehmen,
aus der Nationalmannschaft sowieso, diesem
Labor unserer Wunschgesellschaft. Undenkbar
heute, dass ein Michael Ballack noch vor wenigen Jahren mitten im Spiel einem Mitspieler
ins Gesicht schlug, weil der sich nicht unterwerfen wollte.
Gewalt ist heute zum Glück verpönt und geächtet, außer in den Schattenreichen am Rande
der Gesellschaft. Doch nun kommt das Autoritäre mit Macht zurück, und auch die Gewalt.
Und ein wenig bang frage ich mich jetzt, ob
wir unsere Kinder eigentlich auch darauf vorbereitet haben, auf die Auseinandersetzung mit
Leuten und Mächten, die sich nicht an die Regeln halten, die mit Gewalt drohen und Angst
verbreiten. Wie Putin. Wie Erdoğan. Wie
Trump. Und deren Anhänger.
Wie wehrt man sich dagegen, ohne selbst aggressiv zu werden? Wie werden meine Kinder
mit blanken Lügen und physischer Gewalt umgehen? Wir haben sie Sprachen lernen lassen
und Klavier und Volleyball. Aber haben sie auch
ein hartes Tackling gelernt? Das taktische Foul?
Haben wir ihnen auch das beigebracht? Werden
sie, wenn sie auf Widerstand stoßen, klein beigeben? Oder standhalten? Und gegenpressen?
Ich weiß es nicht. Aber eigentlich bin ich da
ganz zuversichtlich. Sie sind ja stark geworden,
auch wenn sie das selbst vielleicht noch nicht
genau spüren. Sie sind selbstbewusst und können auf vieles bauen.
Als letztes Jahr die Flüchtlinge kamen, da
sind sie losgezogen mit ihren Freunden und haben geholfen, in Kleiderkammern und Unterkünften, einfach so. Wir haben sie nicht dazu
gedrängt, sie haben es von sich aus getan, es
schien ihnen richtig, und wir, die Eltern, waren
ziemlich stolz darauf. Manche von ihnen helfen
immer noch, auch ein Jahr später.
Ich weiß noch nicht, was aus den Veränderungen wird, die sich jetzt abzeichnen, niemand
kann das sagen, aber
ich vermute, irgendwann
werden sie zurückschauen und
sagen, damals, im Spätsommer
2015, hat sich etwas verändert. Gut
möglich, dass sie sagen werden, sie seien in
diesen Wochen politisch geworden.
Denn vorher mussten sie gar nicht politisch
sein. Warum auch?
Die Abschaffung der Atomenergie? Ordnete Angela Merkel an. Das Ende der Wehrpflicht? Beschloss die Bundesregierung. Mehr
Rechte für Schwule? Setzte das Verfassungsgericht durch.
Viele Jugendliche engagieren sich in der
Entwicklungshilfe, gehen für ein paar Monate
oder ein ganzes Jahr nach Guatemala oder nach
Sambia. Einige der Mitschüler meiner Kinder
sind für Edward Snowden auf die Straße gegangen und gegen die Vorratsdatenspeicherung, und viele protestieren gegen das Freihandelsabkommen TTIP.
Die großen Kämpfe jedoch schienen alle
schon ausgetragen, und an uns, an der Generation ihrer Eltern, konnten sich unsere Kinder
nur schwer politisch reiben, wir sind ja so liberal und lässig, sanft und ökologisch, jedenfalls
versuchen wir das, und so blieb als Gefechtsfeld allenfalls der Kampf um den veganen
Weihnachtsbraten.
Das ist gar kein Vorwurf. Es war ja ein Glück.
Aber damit ist es jetzt wahrscheinlich erst
mal vorbei.
Und das muss kein Unglück sein.
Was genau es heißt, in diesen Zeiten politisch zu werden, das kann ich gar nicht sagen.
Das müssen meine Kinder selbst herausfinden.
Aber vielleicht ist das auch nicht so schwer.
Denn das Diffuse schwindet, das Beliebige, das
Gleichgültige. Die Fronten klären sich, die Fragen spitzen sich zu.
Die Zukunft, um es mal ein wenig pathetisch zu formulieren, ist wieder offen. Das, was
so abstrakt Globalisierung heißt, schiebt sich
massiv in unser Leben: die teils aufreizend ungleiche Verteilung des Reichtums zwischen den
wenigen und den vielen. Die destruktive Ungerechtigkeit zwischen Nord und Süd. Die Flüchtlinge. Deutschlands neue, noch ganz unerprobte
Rolle in der Welt.
Wie das gemanagt, ausbalanciert, neu justiert werden kann, das ist ganz ungewiss. Aber es
muss passieren. Und unsere Kinder sind darauf
vielleicht besser vorbereitet als irgendwer sonst.
Sie wachsen in einem Land auf, das ein waches
soziales Gespür hat. Sie sprechen mehr Sprachen als unsereiner in ihrem Alter, sie haben
schon mehr von der Welt gesehen.
Und, das ist vielleicht das Wichtigste, sie
werden erleben, dass es auf sie ankommt.
Ja, und eine Weile lang sind wir natürlich
auch noch da.
www.zeit.de/audio
8 POLITIK
30. J U N I 2016
D I E Z E I T No 2 8
Ein Fehler für 300 000 Euro
Wer eine Stadt regieren will, führt einen täglichen Kampf gegen deutschen Vorschriftswahn. Ein Interview mit dem Leipziger Oberbürgermeister
Foto: Daniel Hofer für DIE ZEIT (Leipzig, 03.06.16)
DIE ZEIT: Herr Jung, als vor einem Jahr die Flücht-
lingszahlen stark stiegen, sagte die Kanzlerin: »Deutsche Gründlichkeit ist super, aber jetzt wird deutsche
Flexibilität gebraucht.« Hat das geklappt?
Burkhard Jung: Nur bedingt. In meinem Alltag als
Oberbürgermeister erlebe ich immer noch die absurdesten Dinge. Nur ein Beispiel: Es ist ja seit einem
Jahr möglich, Flüchtlingsunterkünfte auch in Gewerbegebieten zu errichten. Anders ging es einfach
nicht mehr. Nun zeichnet sich ab, dass wir bestimmte
Unterkünfte phasenweise nicht brauchen. Es kommen
derzeit ja viel weniger Flüchtlinge.
ZEIT: Wie viele nimmt Leipzig im Moment noch
auf?
Jung: Ganz wenige, vielleicht 65 pro Woche. Wir
könnten in den Unterkünften also andere Menschen
unterbringen: Studenten, Lehrlinge, Obdachlose. Für
sie brauchten wir in Leipzig dringend Wohnraum.
Nur: Das geht nicht. Denn die Ausnahmegenehmigung besteht ausschließlich für Flüchtlingsheime.
ZEIT: Klingt nicht sehr flexibel.
Jung: Es gibt viele solche Beispiele. Wir hatten ein
Altenpflegeheim, ein wunderschönes Gründerzeitgebäude, das wurde bis 2015 vom städtischen Altenhilfebetrieb genutzt. Nachdem wir ein neues Pflegeheim gebaut haben, wollten wir im alten Gebäude
Flüchtlinge unterbringen. Schlagartig waren Brandschutzauflagen zu erfüllen, die jenseits aller Vorstellungen liegen. Was jahrelang für alte Menschen funktioniert hatte, sollte plötzlich nicht mehr zulässig sein ...!
ZEIT: Also haben Sie dort keine Flüchtlinge untergebracht?
Jung: Doch, es ging nicht anders. Wir haben zwei
Millionen Euro investiert. Leipzig ist momentan die
am schnellsten wachsende Großstadt in Deutschland, und da sind die Flüchtlinge noch nicht einmal
mit eingerechnet. Jedes Jahr kommen rund 15 000
Menschen dazu. Das bedeutet: Wir brauchen 20
neue Schulen bis 2025. Wir brauchen neue Kindergärten. Da werden natürlich die Bauplätze eng. Und
zugleich sind die Vorschriften abenteuerlich: Es ist
zum Beispiel nahezu unmöglich, einen Kindergarten
an einer belebten Straße zu bauen. Allein die Lärmschutzvorschriften machen unglaubliche Zusatzinvestitionen erforderlich. Oder in Altenpflegeheimen
muss gewährleistet sein, dass es in jedem Zimmer
eine genau vorgeschriebene Sonneneinstrahlung gibt
– das habe ich bei mir zu Hause nicht. Der Abstand
zwischen Waschbecken und Toilettenschüssel muss
so groß sein, dass ein breiterer elektrischer Rollstuhl
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Burkhard Jung, SPD, ist seit 2006
Oberbürgermeister von Leipzig
gewendet werden kann. Einmal haben wir einen Fehler
gemacht, da fehlten fünf Zentimeter zwischen Waschbecken und Toilettenschlüssel. Also mussten alle
Waschbecken ersetzt werden. Das bedeutet Mehrkosten
von 300 000 Euro. Dabei ist der vorgeschriebene Abstand so groß bemessen, dass ein elektrischer Rollstuhl
zweimal wenden kann!
ZEIT: Das klingt frustriert.
Jung: Nein, ich ärgere mich nur. Meine Erfahrung nach
zehn Jahren im Amt ist: Jeder, der Entbürokratisierung
verspricht oder versucht, fabriziert im Ergebnis nur
mehr Verwaltungsvorschriften.
ZEIT: Woran liegt das?
Jung: Daran, dass wir aufgrund von Lobbyinteressen
bestimmte Standards vorschreiben, die nur dazu dienen, die Bedeutung der jeweiligen Lobbyisten zu erhöhen. Die Bauordnungsleute versuchen, ihre Standards
festzulegen, Versicherungen tun ihr Übriges, staatsanwaltliche Ermittlungen gegen einzelne Mitarbeiter
einer Verwaltung erzeugen ein Klima, in dem niemand
mehr Verantwortung übernehmen mag.
ZEIT: Sie sind immerhin Oberbürgermeister von Leipzig. Können Sie nichts gegen den Regulierungswahn
unternehmen?
Jung: Das haben wir natürlich versucht, über den
Städtetag zum Beispiel. Aber die bauordnungsrechtliche
Lobby ist sehr stark in Deutschland. Es ist wirklich irre,
was da alles geregelt wird: Wie viel Quadratmeter
braucht ein Kind im Klassenzimmer, wie viel auf dem
Schulhof? Müssen alle Schulen behindertengerecht ausgebaut sein? Inklusion ist mir sehr wichtig, aber schaffen wir es, auch eine alte Gründerzeitschule exakt nach
Vorschrift umzubauen? Wie steil darf die Neigung einer
Rampe sein? Wir haben alles geregelt, und dieses Regelwerk wird stets weitergedreht.
ZEIT: Und daran hat auch die Flüchtlingskrise nichts
geändert?
Jung: Wir hatten eine Chance, aber ich fürchte, wir
haben sie vertan. Wir leben in einer solch gesättigten
Gesellschaft, dass wir kaum in der Lage sind, schnell
und flexibel etwas wirklich grundsätzlich infrage zu
stellen. Ich glaube, das hat vor allem zwei Gründe:
zum einen die Macht der Fachlobbys, zum anderen
ganz schlicht Angst.
ZEIT: Angst wovor?
Jung: Angst vor dem Fremden, Angst vor der Veränderung. Ich bin der Letzte, der auf die Medien schimpft,
aber die tägliche Flut von Bildern im vergangenen Jahr,
ich glaube, das hat eine unglaubliche Wirkung gehabt.
Man hatte das Gefühl, dass da Menschenmassen kom-
men, ungesteuert, und dass das an den Grenzen nicht
organisiert abläuft; Stichwort Staatsversagen. Die Kanzlerin sagte zwar, »Wir schaffen das«, aber ich glaube,
dass die Bevölkerung vielfach nicht gespürt hat, dass es
zu schaffen ist. Wenn dann gleichzeitig die Rede davon
ist, dass Regeln aufgebrochen und Normen fallen gelassen werden sollen, dann klingt das womöglich nicht
nach einer Erleichterung, sondern bedrohlich. Vorschriften, und seien es auch nur Verwaltungsvorschriften, können verunsicherten Menschen ein Stück Sicherheit geben. Sie haben dann etwas, das weiterhin
gilt, auch wenn scheinbar alles in Bewegung geraten ist.
ZEIT: Würden Sie sagen, die Beharrungskräfte, die Sie
da beschreiben, speisen sich aus derselben Quelle wie
der Hass und die Wut, die sich gerade ausbreiten?
Jung: Ja, vielleicht ist das so.
ZEIT: Sie haben das selbst zu spüren bekommen. Sie
wurden von Unbekannten bedroht, die »No Asyl« und
»OB Jung, wir kriegen Dich« auf einen Baustellencontainer sprühten. Wer will Sie kriegen?
Jung: Das ist ganz klar: Das kommt aus dem Umfeld
der Fremdenfeinde von Legida, also dem Leipziger Ableger von Pegida. Neben den Spruch war ja ein Galgen
gemalt, das war eindeutig. Kurz davor hatten die PegidaLeute in Dresden einen Galgen hochgehalten. Für mich
ist das eine neue Erfahrung: dieser offene Hass, diese
Brutalität in der Sprache, diese Verrohung.
ZEIT: Sie haben im Vorfeld des Kirchentages gesagt: »Ich
halte die Stimmung im Land Sachsen kaum noch aus.«
Das war aber auch kein Beitrag zur Mäßigung, oder?
Jung: Also, ich muss das doch mal sagen dürfen. Ich
ertrage in der Tat diesen dumpfen Hass nicht, weil ich
ihn letztlich auch nicht verstehen kann. Ich kann nicht
verstehen, dass wir uns daran gewöhnen, dass Flüchtlingsheime brennen. Da gibt es Hunderte von Übergriffen in Sachsen – aber haben Sie je eine Empörung
erlebt? Ich finde, wir haben uns zu empören! Ich möchte
auch nicht auf Bürgerbriefe antworten müssen, in denen sich Menschen beschweren, dass sie montags nicht
mehr in die Innenstadt zum Einkaufen kämen, weil
dort die Leute von Legida demonstrieren. Ich möchte
Briefe bekommen, in denen ich gefragt werde, wo man
montags hingehen kann, um gegen Legida zu demonstrieren! Da sind wir wieder bei dem Sättigungseffekt,
über den wir vorhin gesprochen haben: Uns geht es so
unglaublich gut, dass die fehlende Möglichkeit einzukaufen einige Menschen offensichtlich mehr belastet als
der Fremdenhass in ihrer unmittelbaren Umgebung.
Die Fragen stellten Marc Brost und Heinrich Wefing
30. J U N I 2 0 1 6
POLITIK 9
D I E Z E I T No 2 8
MAIL AUS:
Corinto
Von: [email protected]
Betreff: Landschaftsführung
Fotos: Michael Engelberg/BILD-Zeitung (Ausschnitt); IAM/akg-images (u.); privat (r.)
»Gefährlich
soll ich
sein?«
Sami A.
am 15. Juni
im Prozess
gegen die
Abschiebung
Sami A. wurde nach Ansicht der deutschen Justiz in Afghanistan von Al-Kaida
ausgebildet – vielleicht war er sogar der Leibwächter Osama bin Ladens.
Doch die Behörden dürfen ihn nicht abschieben, weil ihm in seiner Heimat Tunesien
Folter droht. Verrückter Rechtsstaat? VON MARTIN KLINGST
Ich nehme immer einen ortskundigen Führer
mit, wenn ich in die problematischen Landstriche Kolumbiens reise. Sicher ist sicher. Der
Mann ist sauertöpfisch, aber verlässlich. Kürzlich noch fuhren wir stundenlang in einem
Geländefahrzeug durch satte Wiesen und gepflegte Felder, nur mein Begleiter schaute etwas angespannt aus dem Fenster. In der einen
Hand hielt er eine Suppenschüssel aus Plastik,
aus der er kalten Kaffee vom Vorabend trank,
mit der anderen umklammerte er eine Gauloise, die seit längerer Zeit erloschen war.»Ah,
kein Rebellengebiet«, werfe ich munter ein,
als wir einen Militärposten passieren. »Hast
du gesehen, wie verängstigt die hinter ihren
Sandsäcken kauern?«, gibt mein Kolumbienführer zurück.
Wir halten an einem Dorfplatz; ein kleiner
Markt am Rand ist gut besucht, Kinder spielen auf der Straße. »Hier hat es schon Massaker gegeben«, bekomme ich als Antwort auf
meinen gut gelaunten Blick, »auf dem Dorfplatz haben die Farc-Rebellen öffentliche
Hinrichtungen durchgeführt.« Aber heute
sind doch andere Zeiten, ist die Staatsgewalt
denn nicht in diesen Landstrich zurückgekehrt? »Die Leute wollten das gar nicht, einmal haben die Bauern sogar wütend mit
Mangos nach den Soldaten geworfen. Da
wurde gleich scharf geschossen, und zwei
Menschen starben.«
Wir erreichen unser Ziel, ein Bergdorf mit
gepflasterten Straßen. Wir atmen die kalte,
dünne Luft kolumbianischer Berge. Mein Begleiter entspannt sich. »Hier kenne ich mich
aus, hier können wir in Ruhe übernachten.«
Vorn im Wagen meldet sich der Fahrer, der
bisher kaum gesprochen hat. »Vergangene
Woche gab es hier aber noch sieben Morde«,
sagt er und stellt unser Gepäck auf die Straße.
MAIL AUS:
Paris
Von: [email protected]
Betreff: Männer aus Eisen
Gelsenkirchen/Bochum
r selbst sieht sich als »Opfer« und
hält die Anschuldigungen für eine
»fatale Mischung« aus Lüge und
Irrtum. Die Gerichte sagen, der in
Deutschland lebende Tunesier
Sami A. sei Ende 1999, Anfang
2000 in einem Terrorlager in Afghanistan gewesen und gefährde darum die öffentliche Sicherheit. Seit zehn Jahren ist er zur Ausreise verpflichtet, doch darf er nicht abgeschoben
werden, weil er in seiner tunesischen Heimat verhaftet und unter Folter verhört werden könnte.
Soeben hat das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen
ein neues Abschiebeverbot verhängt.
»Skandal!«, rufen die einen, Deutschland übertreibe es mit den Menschenrechten und sei nicht
einmal in der Lage, Terroristen loszuwerden. Fälle
wie dieser trieben der rechtspopulistischen AfD
die Wähler in die Arme.
Andere dagegen sehen im Abschiebeverbot den
Sieg des Rechts. Tunesien sei immer noch ein
Folterstaat und dürfe darum auch nicht, wie es die
Bundesregierung jetzt plane, zu einem »sicheren
Herkunftsland« erklärt werden. Zu einem Land
also, aus dem niemand fliehen müsse.
Wenige Fälle erregen derart die Gemüter. Und
wenige Fälle zeigen so deutlich, wie kompliziert das
Ausländer- und Asylrecht ist, wie strikt das Folterverbot die deutschen Behörden bindet und warum
Terrorverdacht oft so schwer zu beweisen ist.
E
Ein Terrorist? Er sei doch viel zu klein,
argumentiert der rundliche Mann
Nein, nie sei er in Afghanistan gewesen, nie in einem Ausbildungslager von Al-Kaida, und nie habe
er dem Terrorchef Osama bin Laden als Leibwächter gedient. »Wie auch, mit meinen gerade
einmal 1,65 Metern?«, sagt der rundliche Mann
mit dem schwarzen Bart und der sanften Stimme.
»Alles erfunden.« Eigentlich wollte Sami A. nicht
mit Journalisten reden, denn die würden ja nur
alles verdrehen und ihn als einen Terroristen beschreiben. Doch er ist gekommen, sitzt in der
Kanzlei seiner Anwältin in einer beschaulichen
Wohnstraße am Rande von Bochum und streitet
alles ab, was über ihn behauptet wird.
Salafist? Nein. Mitglied des radikalislamistischen Vereins Tablighi Jamaat? Nein. Fundamentalistischer Prediger, zu dessen Schülern zwei
junge Männer gehörten, die sich im Mittleren
Osten dem Dschihad angeschlossen haben sollen?
Die kenne er gar nicht. Nie sei er ein Prediger gewesen und habe auch nie zur Gewalt aufgerufen.
»Gefährlich soll ich sein?«, lächelt er und schaut
zu seiner Anwältin auf der anderen Schreibtischseite, »ich werde doch von morgens bis abends
überwacht und muss mich seit zehn Jahren täglich
zwischen 10 und 12 Uhr auf der Polizeiwache
melden.« Sieben Tage die Woche, 365-mal im
Jahr. Diesen Druck, diesen Stress ertrage er nur
dank seines Glaubens. Er wolle mit seiner Frau
und seinen vier Kindern in Bochum ein normales
Am 10. März 2006, wenige Monate nach dem
Leben führen. Niemand danke es ihm, dass er seit Ende des Düsseldorfer Al-Tawhid-Prozesses lehnt
fast 20 Jahren seine Glaubensbrüder im Ruhrge- die Ausländerbehörde der Stadt Bochum eine Verbiet in persönlichen Gesprächen dazu anhalte, ein längerung seiner Aufenthaltserlaubnis ab und
rechtschaffenes Leben zu führen, keinen Alkohol weist ihn wegen Unterstützung einer terroriszu trinken und einen Beruf zu erlernen.
tischen Vereinigung aus. Sein Pass wird einbehalBehörden und Gerichte des Landes Nordrhein- ten und Sami A. verpflichtet, sich jeden Tag auf
Westfalen zeichnen ein anderes Bild von Sami A. der Polizeiwache zu melden. Wenige Wochen daFür sie ist er eine schwere Sicherheitsbedrohung. nach, Ende März, eröffnet der GeneralbundesanDie Reise nach Afghanistan ist der Dreh- und walt gegen A. ein Ermittlungsverfahren wegen
Angelpunkt ihrer Argumentation.
Verdachts der Mitgliedschaft in der TerrororganiIm September 1997 reist der damals 21-jährige sation Al-Kaida. Ein Jahr später wird das VerSami A. zum Studium nach Deutschland ein und fahren eingestellt, Deutschlands oberster Ankläger
erhält eine Aufenthaltsbewilligung, die regelmäßig hält fest: Der Verdacht habe weder erhärtet noch
verlängert wird. An der Fachhochschule Nieder- ausgeräumt werden können.
rhein in Krefeld belegt er zunächst das Fach TexSami A. wehrt sich vor Gericht gegen die Austiltechnik, dann technische Informatik und weisungsverfügung. Ohne Erfolg. Im Jahr 2015
schließlich Elektrotechnik. Einen Abschluss bestätigt das Oberverwaltungsgericht Münster noch
macht er nicht. Er zieht nach Köln
einmal seine Gefährlichkeit. Es hat
und Anfang 2004 nach Bochum.
dafür eigens Beweis erhoben und eiÜber ihn ist wenig bekannt.
nen weiteren Mitreisenden von damals
Doch 2005 wird er im Al-Tawhidals Zeugen vernommen.
Prozess vor dem Oberlandesgericht
Bereits am 10. April 2006 stellt
Düsseldorf als Zeuge geladen. Es geht
Sami A. beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vorsichtsdabei um die Vorbereitung eines Terrorhalber einen Antrag auf Asyl. Die
anschlags in Deutschland, mit der Sami
Begründung: Müsste er nach TuneA. nichts zu tun hat. Doch einer der Ansien zurückkehren, drohten ihm
geklagten, der Kronzeuge in diesem Verdort ein unfairer Prozess und Folter.
fahren, berichtet, er sei Ende 1999,
Der Antrag wird anderthalb Jahre
Anfang 2000 gemeinsam mit dem Tuspäter abgelehnt, denn wer eine Genesier und drei anderen Männern von
fahr für die öffentliche Sicherheit
Deutschland aus über Saudi-Arabien
Arbeitete der
ist, hat dieses Schutzrecht verwirkt.
nach Pakistan gereist. Er und Sami A.
Tunesier Sami A.
Doch im März 2009 verpflichtet das
seien weiter nach Afghanistan gefahren,
für Osama bin Laden?
Verwaltungsgericht Düsseldorf das
A. habe sich dort militärisch ausbilden
Bundesamt, ein Abschiebungsverlassen und danach einige Monate lang
bot zu erlassen. In Tunesien regiert
für Osama bin Laden gearbeitet.
Organisiert wurde diese Reise von der sunnitisch- damals noch der Diktator Ben Ali, Folterungen
islamischen Missionsbewegung Tablighi Jamaat (TJ). von Islamisten und Oppositionellen sind an der
Laut einem Bericht des Bundesamts für Verfassungs- Tagesordnung. Das Regime kennt die Medienbeschutz aus dem Jahre 2006 neigt sie zum islamischen richte über Sami A. und würde ihn gern verhören.
Im Januar 2011 wird Ben Ali vom Volk verjagt,
Radikalismus, einzelne Mitglieder von terroristischen
Organisationen hätten den Verein zu Reisezwecken die neue Regierung verpflichtet sich, die Menschengenutzt. Allerdings ist TJ nicht verboten.
rechte zu achten. Zwei Jahre nach der Revolution,
Die Richter halten die Aussage des Kronzeugen im Sommer 2014, gelangt das Bundesamt zu der
für glaubwürdig. Seither steht trotz gegenteiliger Auffassung, die Verhältnisse in Tunesien hätten sich
Beteuerungen des Zeugen Sami A. gerichtlich fest: nun endgültig zum Besseren gewendet und Sami A.
Er war bei Al-Kaida in Afghanistan und ist darum könne ruhigen Gewissens abgeschoben werden. Der
eine Gefahr.
wehrt sich und bekommt vom Verwaltungsgericht
Bis heute beschwört Sami A., er sei nur zu Reli- Gelsenkirchen recht. Das Bundesamt muss ein
gionsstudien in den Mittleren Osten gereist, habe neuerliches Abschiebeverbot erlassen.
nie seinen Fuß auf afghanischen Boden gesetzt und
In seinem Urteil vom 15. Juni 2016 bezieht sich
sich bis zu seiner Rückkehr ausschließlich in Mo- das Verwaltungsgericht auf Stellungnahmen des Ausscheen der pakistanischen Stadt Karatschi aufgehal- wärtigen Amtes und der Weltorganisation gegen die
ten. Belegen kann er das nicht. Weder kann er genau Folter (OMCT), die der ZEIT vorliegen. Am 18.
sagen, wann und in welcher Moschee er gewohnt Dezember 2015 schreibt das Außenministerium in
und gebetet hat. Noch kann er Zeugen benennen, Berlin: »Eine abstrakte Gefährdung« von Terrorverdie ihn dort gesehen haben und seinen Aufenthalt dächtigen in tunesischer Haft sei »nicht auszuschliebestätigen können. Sami A. sagt, das sei auch so gut ßen«. Es gebe Hinweise auf Misshandlungen, und
wie unmöglich, denn die Religionsschulen führten seit 2011 sei es noch »in keinem einzigen Fall gekein Buch über ihre Besucher. Zwar habe er einige lungen, eine Verurteilung von Amtspersonen wegen
Moscheen um Auskunft gebeten, aber auf seine Folter, Misshandlung oder rechtswidriger InhaftieE-Mails keine Antwort erhalten.
rung zu erreichen«.
Eigene Erkenntnisse besitzt das Amt allerdings
nicht, es bezieht sich in erster Linie auf Berichte
des OMCT. Das Gericht stellt der Weltorganisation gegen die Folter fünf Fragen, die diese am
10. Februar 2016 ausführlich beantwortet. Es ist
ein erschreckendes Dokument der Polizei- und
Justizwillkür. Auch wenn Tunesiens Verfassung
seit 2014 die Folter als ein »unverjährbares Verbrechen« bezeichne, steht dort, »dauern Folter
und Misshandlungen auch nach der Revolution
bis heute an«. In Folterfällen sei »die Justiz von
einer solch extremen Langsamkeit, sodass dies bereits an Rechtsverweigerung grenzt«. Gerade nach
den Anschlägen des vergangenen Jahres hätten
»brutale Massenverhaftungen« und Übergriffe auf
Terrorverdächtige massiv zugenommen. Man
könne von einer »gewissen Rach- bzw. Vergeltungssucht« der Ordnungskräfte sprechen.
Die tunesischen Sicherheitsbehörden
hätten ihn gern in ihrer Gewalt
Auch die neue Regierung in Tunis äußert Interesse
an Sami A. Laut eines Vermerks des Bundeskriminalamts hat sich die tunesische Regierung
am 19. November 2012 beim BKA-Verbindungsmann in Tunis erkundigt, »worin die Problematik
der Abschiebung des Klägers begründet sei und
welche aktuellen Erkenntnisse in Deutschland
gegen diesen vorlägen«. Das Verwaltungsgericht
Gelsenkirchen kann gar nicht anders entscheiden,
es muss die Abschiebung von Sami A. wegen
Misshandlungsgefahr ein weiteres Mal verbieten.
Das Folterverbot, eines der ältesten Menschenrechtsgebote, steht im Grundgesetz und in der
Europäischen Menschenrechtskonvention, es gilt
absolut und kennt keine Ausnahme.
Der Terrorverdacht besteht weiterhin, aber
Sami A. darf in Deutschland bleiben. Mehr als
geduldet wird er jedoch nicht. Das hat rechtliche
Konsequenzen für ihn und seine Familie, schränkt
die Chancen, eine Arbeit aufzunehmen, enorm
ein. Mit seinen Kindern besuchte er ein muslimisches Schwimmbad und musste eine Strafe bezahlen, weil er dafür die Stadtgrenze von Bochum
überquerte. Weil seine Frau und seine Kinder die
deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, bat er
2009 aus Gründen des Familienschutzes um eine
Aufenthaltserlaubnis. Vergeblich.
Die juristischen Möglichkeiten sind inzwischen ausgereizt, auf dem Schreibtisch seiner Anwältin stapeln sich die Gerichtsakten.
Um herauszufinden, wie es weitergehen kann,
traf man sich vor zwei Monaten im Büro der
Anwältin mit zwei Herren vom nordrheinwestfälischen Innenministerium, zuständig für das
»Aussteigerprogramm Islamismus«. Man unterhielt sich freundlich. Nach einer guten Stunde
standen die beiden Herren auf und meinten, sie
könnten leider nichts ausrichten. Denn woraus
solle Sami A. sechzehn Jahre nach seiner
Afghanistan-Reise und nach zehn Jahren nahezu
lückenloser Überwachung jetzt noch aussteigen?
Es gibt eine Christuslegende der schwedischen
Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf, in
der ein römischer Legionär auf Wachposten
in Bethlehem, »ein Mann aus Eisen«, den
Überzeugungskräften des dreijährigen JesusKindes erliegt. Die Geschichte hat mich als
Kind sehr beeindruckt und kommt mir nun
bei fast jedem Pariser Spaziergang mit meiner
knapp dreijährigen Tochter wieder in den
Sinn. Denn fast zwangsläufig begegnen wir
einer Gruppe französischer Soldaten, nicht
mit »Harnisch und Helm« wie der Legionär in
der Geschichte, aber doch in beeindruckender
Uniform, mit Gewehr, Rucksack und roter
Mütze. Überall in Paris trifft man seit den Attentaten vom 13. November diese Patrouillen.
»Die Soldaten, die Soldaten«, ruft dann jedes
Mal meine Tochter, sagt »bonjour!« und winkt.
Oft geht der erste der Soldaten noch grußlos
vorbei, wagt der zweite nur einen Seitenblick.
Doch sie kommen meist zu fünft oder sechst,
und noch nie ist es passiert, dass nicht einer
der Soldaten meiner Tochter zurückwinkte,
sich dabei sein Gesicht aufhellte und ein Lächeln über seine Lippen ging. Über die französischen Patrouillen schmunzeln viele. Aber
diese Freude der Soldaten, wenn sie heute in
den Straßen von Paris ein Kind erblicken,
zeugt davon, wie bitterhart und aufopferungsvoll ihr Dienst ist.
MAIL AUS:
Moskau
Von: [email protected]
Betreff: Rythm is a Dancer
Du nimmst ein Taxi, nachts, wenn es dämmert und Moskau zur Verheißung wird. Du
kommst von außerhalb, die Stadt liegt erleuchtet vor dir, sie wirkt unwirklich schön.
Du fährst an Birkenwäldern vorbei, und sie
erscheinen dir vollkommen mit ihren zarten,
biegsamen Stämmen.
Du steckst den Kopf aus dem Fenster, der
Wind rauscht dir in den Ohren, die Luft ist
warm, und die Lichter rücken näher.
Es ist Sommer, endlich. Könnte es einen
besseren Ort geben als diesen? Kitsch tröpfelt
in dein Gemüt, während die Dunkelheit sich
auf die Stadt senkt, die du gleich erreichen
wirst, das Auto fährt und fährt, kein Stau und
keine Ampeln, da, war das nicht der Gesang
einer Nachtigall? Du denkst an nichts, nur an
die Wärme und den Duft der Sommerstadt,
die dir gerade so viel verspricht, du lässt dich
davon tragen, bis du plötzlich frontal mit der
Realität zusammenstößt. Der Fahrer macht
das Radio an. Snap. Rhythm is a Dancer.
»Guter Song, oder?«, sagt der Fahrer. Hallo,
Moskau. Schön, zurück zu sein.
10 POLITIK
30. J U N I 2016
MEINUNG
D I E Z E I T No 2 8
ZEITGEIST
Hello Muslime!
Warum in Amerika keine Parallelwelten
entstehen und Integration funktioniert
Heute
Der Einreisestopp für Muslime ist ein Trump-Klassiker; nach Orlando hat er nun jene drei Millionen
aufs Korn genommen, die bereits in Amerika leben: »Die assimilieren sich nicht wirklich. Und ich
rede über die zweite und dritte Generation.«
Wie die meisten seiner Sprüche ist auch dieser
falsch. Wie misst man Assimilation? Man vergleiche
die Sitten und Gebräuche der Neuen mit denen des
Rests der Republik. Siehe da: Die Muslime sind so
amerikanisch wie alle anderen. Ebenso viele – drei
Viertel – trennen Müll. Sie verbringen fast genauso
viel Zeit vor dem Fernseher. Und fast sechs von
zehn sind in den Sozialen Netzwerken unterwegs
– in der Gesamtbevölkerung sind es nur 44 Prozent.
Es wird noch besser. Muslime sind zufriedener
mit Amerika: Gut sechs von zehn meinen, dass »es
gut läuft« in der neuen Heimat, was nur 23 Prozent der
Bürger insgesamt glauben
(Pew Research Center, A Portrait of Muslim Americans).
Eine frühere Pew-Studie
(2007) wirft ein Schlaglicht
auf die Kluft zwischen Amerika und Europa. Entschieden
Josef Joffe
mehr US- als Euro-Muslime
ist Herausgeber
bekunden, es gehe Frauen in
der ZEIT
der neuen Heimat besser als
in der alten. Das Gefühl der Nichtzugehörigkeit teilt
weniger als die Hälfte; in Europa sind es zwei Drittel.
Assimilation heißt: Ich will Amerikaner werden! Auf der Patriotismus-Skala liegen Muslime
vor allen anderen Einwanderern. Von diesen beantragen nur 50 Prozent die Staatsbürgerschaft,
bei den Muslimen sind es 70. Trump weiß also
nicht, wovon er redet.
Warum die Integration in den USA so gut funktioniert, dafür gibt es drei Gründe. Erstens: Selbstselektion. Aus der islamischen Welt gehen viele nach
Amerika, um dort zu studieren (und zu bleiben); als
Gruppe sind sie besser ausgebildet als etwa Türken
in Deutschland oder Algerier in Frankreich. Die Einkommen belegen das. Der Anteil jener, die 100 000
Dollar oder mehr melden, ist fast so hoch wie unter
den Alteingesessenen. Dramatisch ungleicher geht es
dagegen in Europa zu.
Zweitens: nationale Vielfalt der Neuen. Anders
als in Europa, wo jeweils eine Nationalität dominiert, etwa Marokkaner in Belgien, kommen Amerikas Muslime aus achtzig Ländern – von Indien
über Iran bis Ägypten, unterteilt in unzählige Sekten. Das Gemisch stärkt den Druck aufs gedeihliche Zusammenleben. Parallelwelten wie in Molenbeek werden hier rasch aufgesogen.
Drittens: religiöse Toleranz (oder besser: Indifferenz) auf beiden Seiten. Amerika kennt keine
Staatsreligion; jeder kann nach seiner Fasson selig
werden, sich sein Gotteshaus bauen. Unter den
Muslimen sorgt die chaotische Sektenvielfalt dafür, dass sich die Gläubigen untereinander sowie
mit Christen und Juden vertragen müssen. Der
Moschee-Architekt Chris McCoy bringt’s auf den
Punkt: »Es geht nicht darum, ob die Kuppel nach
saudischem oder indischem Muster gebaut wird,
sondern darum, ob man sich überhaupt eine Kuppel leisten kann.« Geld schlägt Gott.
Wie gut die Assimilation läuft, zeigen auch die
hässlicheren Statistiken. Die Harvard-Soziologin
Mary Waters notiert: »Amerikaner zu werden heißt,
weniger Sport zu treiben, fetter und straffälliger zu
werden.« Herzkrankheiten und Scheidungsraten
passen sich in der zweiten Generation ebenfalls an.
Der Schmelztiegel funktioniert also im Guten wie
im Schlechten – wie einst für Deutsche, Iren, Polen
und Juden. Bloß sind dem Demagogen Zahlen und
Trends egal.
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27. JUNI 2016
So sehen Verlierer aus. Als den
Einwohnern des britischen Königreichs gerade dämmerte, dass
dieser Brexit möglicherweise eine
ganz blöde Idee gewesen sein
könnte, oblag es plötzlich allein
elf Männern in kurzen Hosen,
Englands Daseinsberechtigung
im europäischen Spiel zu verteidigen. Der Schlachtruf der gegnerischen Wikinger (»Huuuh!«) gab
den gebeutelten Brexisten dann
aber offenbar den Rest: Island fegte England bei der EM in Frankreich mit 2:1 vom Platz und ist
spätestens jetzt unser Favorit der
Herzen. Well done, boys.
MTH
Foto: Laurence Griffiths/Getty Images
Foto: Larry Fiebert
VON JOSEF JOFFE
Petzen gilt nicht
NEIN. QUARTERLY
IDEOLOGIE DES ALLTAGS
Die Regierung zieht eine seltsame Lehre aus dem NSA-Abhörskandal.
Sie will den Geheimdiensten ihre Geheimnisse nehmen VON MARIAM LAU
W
enn am Freitag der neue Prä- Viele dieser Ziele waren sozusagen automatisch
sident des Bundesnachrich- in die Datenüberwachung eingespeist worden.
tendienstes, Bruno Kahl, sein Der inzwischen abgesetzte BND-Präsident GerAmt antritt, wird er sich einer hard Schindler war darüber nach eigenem BePhalanx des Misstrauens ge- kunden ebenso wenig im Bilde gewesen wie
genübersehen. Zeitgleich wird nämlich ein Ge- seine Aufsicht im Kanzleramt. Es ist zwar richsetz von den Regierungsfraktionen gebastelt, tig, dieses Durcheinander an Verantwortung zu
dem zufolge künftig »jeder Tätigkeitsbereich des entwirren, indem künftig beide Seiten größere
Dienstes umfassend reguliert und kontrolliert« Abhöraktionen abzeichnen müssen. Vor allem
wird. Bald sollen nicht wie bisher drei, sondern das Kanzleramt wird sich dann nicht mehr wegvier Gremien darüber wachen, was der BND tut ducken und die Schuld einzig auf den BND abladen können wie zuletzt
und lässt. Das erhöhe seine
geschehen.
demokratische Legitimation,
Der Versuch, den BND
Nur, damit ist das eiheißt es.
gentliche Problem der deutDas Gegenteil wird der
parlamentarisch völlig
schen Nachrichtendienste
Fall sein. Der Versuch, einen
kontrollieren zu
nicht gelöst: Ein immer
Geheimdienst der völligen
wollen, kann nur
größerer Teil des Publikums
parlamentarischen Transparenz zuzuführen, kann nur Enttäuschung produzieren – und deshalb auch immer
mehr politisch VerantwortEnttäuschungen produzieren:
liche – glaubt ernsthaft,
Entweder ist das Ergebnis
ein permanenter Untersuchungsausschuss, mit staatliche Behörden dürften überhaupt keine
den immergleichen Vorwürfen, Verteidigungs- Geheimnisse mehr haben. Schon der Name
linien und Indiskretionen, der ganze Bataillone »Nachrichtendienst« statt »Geheimdienst« sugvon Personal auf beiden Seiten bindet. Oder es geriert, dass BND oder Verfassungsschutz (BfV)
läuft auf die faktische Abschaffung von geheim- im Grunde nichts anderes tun sollten, als Zeidienstlicher Arbeit hinaus, weil in den entspre- tungsarchive auszuwerten.
Ehrenhaft kann in diesem Gewerbe aus Sicht
chenden Gremien oft mindestens zwei Parteien
sitzen, Grüne und Linke, die ohnehin nicht von der Geheimdienstkritiker eigentlich nur einer
der Notwendigkeit solcher Dienste überzeugt sein: der Whistleblower, für den im neuen Gesetzentwurf sogar ein extra Schutzparagraf vorsind.
Das Gesetz ist der Versuch, auf die Enthül- gesehen ist. Vergebens hat BfV-Präsident Hanslungen im Zuge des NSA-Skandals zu reagieren. Georg Maaßen immer mal wieder die Frage
Damals hatte der BND im Auftrag des amerika- aufgeworfen, warum unter Edward Snowdens
nischen Dienstes europäische Ziele ausgespäht. zwei Millionen Datensätzen nicht ein einziger
aus Russland oder China stammte. Es half
nichts. Snowdens Konterfei prangt nun auf
T-Shirts, nicht Maaßens.
Viele der jüngeren Deutschen sehen Geheimdienste als eine Art Gürtelrose, eine systemische Erkrankung, die sich immer weiter ausbreitet, wenn sie nicht eingedämmt wird. Das
ist einmalig in demokratischen westlichen Gesellschaften, wo die Notwendigkeit eines »Secret
Service« außer Frage steht. Die Bundesregierung, die Kanzlerin zumal, hat wenig dafür getan, das zu ändern. Man kann es mit der StasiErfahrung erklären, mit der Gestapo – es ändert
nichts daran, dass den Diensten der politische
Rückhalt fehlt.
Die Bundesregierung müsste etwas sagen,
was die meisten Menschen nicht hören wollen.
Deutschland ist dabei, so etwas wie die USA
Europas zu werden – ein Land, das Hoffnungen
auf Freiheit, Fairness und Wohlstand auslöst.
Und deshalb hat Deutschland auch mehr Gegner als früher. Für autoritäre Regime, aber auch
für aggressive Nichtregierungsorganisationen
wie den IS sind wir mit allem, was wir repräsentieren, eine Bedrohung.
Da reicht es nicht, Zeitungsausschnitte zu
sammeln. Gerhard Schindler hat darauf immer
wieder hingewiesen. Der BND muss »operativer« werden, muss Agenten in die Reihen der
Gegner einschleusen können, und diese Agenten müssen sich im Fall einer tödlichen Gefahr
zur Not auch mit der Waffe wehren können.
Gerade wer auf regime change und Säbelrasseln
verzichten will, braucht gute Geheimdienste.
Wir haben Feinde. Wir sollten sie kennen.
ERIC JAROSINSKI
#WieEsWeiterGeht
Zukunftsfrage:
Same procedure as last Brexit,
Miss Sophie?
Zukunftsantwort:
Same procedure as every Brexit,
James.
Als @NeinQuarterly kommentiert
Eric Jarosinski, 44, auf Twitter das
Weltgeschehen. Seine abgründigen
Sinnsprüche finden dort Zehntausende
Follower. Jarosinski ist amerikanischer
Germanist und deutscher Aphoristiker.
Bei uns erscheint seine Printkolumne
30. J U N I 2 0 1 6
D I E Z E I T No 2 8
POLITIK 11
MEINUNG
Doppelt ein
ganzer Kerl
Mit Bud Spencer stirbt
auch das Männerduo
Damals
UM 1987
Fotos: Gillman&Soame/Internet (gr.); ZIF (kl.)
Auch so sehen Verlierer aus. Wobei den Studenten, die es in Oxford in den elitären Bullingdon
Club schaffen, eine Karriere in
der Wirtschaft oder Politik ja eigentlich in den maßgeschneiderten Frack eingewebt ist. Auch auf
einen gewissen David Cameron
(oben, 2. v. l.) und seinen Kommilitonen Boris Johnson (unten,
3. v. l.) schien Großes zu warten.
Knapp 30 Jahre später haben die
beiden tatsächlich Monströses
vollbracht, wobei selbst Camerons potenzieller Nachfolger
Johnson nun nicht wie ein Sieger
wirkt. Well done, boys.
MTH
VON AUSSEN
DAUSEND
Statt weißer Tauben
Mister 120 000 Volt
Die internationalen Krisen nehmen zu und werden komplizierter. Deshalb
brauchen wir Friedensmediatoren VON ALMUT WIELAND - K ARIMI
CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer und »Politikergattin« Sabine gewähren
Einblick in ein Leben zwischen Rauhaardackel und Ruhepol
D
er Bundespräsident hat es
gesagt, die Bundesverteidigungsministerin hat es gesagt
und der Bundesaußenminister
auch: Deutschland will und
wird sich international stärker engagieren.
Aber was bedeutet ein stärkeres Engagement
genau? Mehr Soldaten? Mehr Waffen?
Wir können es auch ganz anders handhaben. Wegen seiner überschaubaren Kolonialgeschichte und seiner Berechenbarkeit genießt
Deutschland ein hohes Ansehen, auch in den
Konfliktregionen dieser Welt. Deshalb sollte
die Friedensmediation künftig eine deutlich
stärkere Rolle spielen, wenn es um das internationale Engagement Deutschlands geht.
Das Grundprinzip einer internationalen
Friedensmediation ist dasselbe wie bei Mediationsverfahren in Nachbarschafts-, Eheoder Geschäftsstreitigkeiten. Mit der HarvardMethode entwickelten Roger Fisher und
William Ury 1981 vier Grundsätze: Unterscheide klar zwischen den Personen und ihren Interessen; konzentriere dich auf die zentralen Interessen, die ihren Positionen zugrunde liegen; entwickle mehrere Handlungsoptionen; und verankere möglichst objektive Beurteilungskriterien, wie Gesetze
oder völkerrechtliche Vereinbarungen. So
entsteht idealerweise eine Win-win-Situation
oder wenigstens ein Kompromiss, der für alle
Konfliktparteien tragbar ist.
In Syrien muss sich diese Theorie derzeit
an der Wirklichkeit messen lassen. Mögen
Almut Wieland-Karimi
ist Direktorin
des Zentrums
für Internationale
Friedenseinsätze
mit Sitz in Berlin
die oppositionellen Gruppierungen auch einen Rücktritt Assads zur Bedingung für Verhandlungen machen, so ist ihr zentrales
Interesse ein anderes: ein Ende der Gewalt
und eine Transformation des politischen Systems unter ihrer Beteiligung. Dem steht
Assad zwar eindeutig im Weg, aber auch er
will, dass seine Partei und Teile des Regimes
an der Macht beteiligt bleiben. Das ist die
Grundlage, auf der das Mediatorenteam unter der Ägide der Vereinten Nationen derzeit
mit den Konfliktparteien verhandelt. Ergebnis der Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen könnte sein, dass Assad selbst
nicht mehr Teil der Regierung sein wird, dafür aber Vertraute aus seinem Umfeld plus
Vertreter aus der Opposition.
Kein anderer Krieg fordert zurzeit weltweit mehr Opfer als der in Syrien. Und er
zeigt nur zu deutlich die qualitative Veränderung von Konflikten in Form von Extremismus und Regionalisierung. Seine Komplexität ist immens, da es sich auch um einen
Stellvertreterkrieg zwischen den USA und
Russland und zwischen dem Iran und SaudiArabien handelt. Eine erfolgreiche Mediation
muss auch diese Akteure einbeziehen, um
konvergierende Interessen zumindest ansatzweise zu integrieren.
Ganz zu schweigen vom Elefanten im
Raum, dem sogenannten »Islamischen Staat«
(IS). Obwohl er eine zentrale Kriegspartei ist,
möchte den IS niemand am Verhandlungstisch sitzen haben. Aus der Vergangenheit
nichts gelernt oder, wie einer der Mediationsgrundsätze heißt: Unterscheide zwischen den
Personen und ihren Interessen. So saßen die
Taliban bei den Petersberger Verhandlungen
im Jahr 2001 auch nicht mit am Tisch. Das
Ergebnis kennen wir: Afghanistan ist bis
heute nicht zur Ruhe gekommen. Inzwischen
verhandelt nicht nur die afghanische Regierung mit den Taliban, sondern auch China
und die USA. Der Afghanistan-Chefunterhändler von 2001, der ehemalige algerische
Außenminister Lakhdar Brahimi, bereut heute das Versäumnis von damals: »Tabu hin
oder her, wir hätten mit den Taliban sprechen
müssen und nicht hoffen dürfen, dass sie sich
in Luft auflösen.« Tabus der Vergangenheit
aufzubrechen, auch hierin liegt eine Chance
der Mediationsteams.
Für Mediatoren sind die großen Weltkonflikte Alltag. Ihr Leben gleicht oft dem
eines Vertreters. Sie reisen im Auftrag einer
Regierung oder internationalen Organisation, leben aus dem Koffer und ziehen von
Region zu Region. Manchmal sind schmucke Hotels in der Schweiz ihre Unterkunft,
manchmal aber auch heruntergekommene
Herbergen in der Ukraine. In der Regel weiß
ein Mediator nicht, wie lange er vor Ort sein
wird. Kommt es zu einem Waffenstillstand
oder einem umfassenden Friedensschluss?
Oder bricht eine der Konfliktparteien den
Verhandlungsprozess ab?
Bisher sind fast nur ältere Herren aus wenigen Ländern in Sachen Friedensmediation
unterwegs, sie kommen aus der Schweiz,
Norwegen und Finnland. Nur etwa fünf Prozent der Unterhändler sind Frauen. Von ihnen brauchen wir viel mehr, schließlich vertreten sie rund 50 Prozent der Weltbevölkerung. Zudem sind »klassisch« weibliche
Kompetenzen genau das, was ein Mediator
braucht. Erstens: »Den Mund halten und zuhören!«, wie Julian Hottinger, der erfahrenste
schweizerische Mediator in Krisen- und
Kriegsgebieten, einmal gesagt hat. Zweitens:
Den Weg zu einer Lösung nicht vorgeben,
sondern begleiten.
In den vergangenen Jahren ist die Zahl der
Gewaltkonflikte – nachdem sie seit Ende des
Kalten Krieges lange rückläufig war – deutlich gestiegen. Mediatorennachwuchs wird
also dringend gesucht. Die Motivation: Frieden zu stiften und Menschen vor Gewalt zu
schützen. Die Fähigkeiten: gute Sprachkenntnisse, interkulturelle Kompetenz, hohe
Frustrationstoleranz, Grundoptimismus und
viel Geduld. Vor allem aber hartgesotten sollte dieser Nachwuchs sein – heute Syrien,
morgen Kolumbien und übermorgen eine
andere Region in dieser Welt, in der Konflikte
mehr und zugleich komplexer werden.
Übrigens: Bei gleicher Eignung werden
Frauen bevorzugt!
Als der Andreas damals von dem riesigen Baustellenfahrzeug sprang, so ganz und gar nicht Politiker, da
hat es schon etwas gefunkt bei der Sabine, weshalb
die Sabine und der Andreas heute eine Tochter und
zwei Hunde – Loisi, einen echten Rauhaardackel,
und Henry, einen Parson Russell Terrier – haben,
die Sabine aber nicht mehr als Redaktionsleiterin bei
Donau TV arbeitet, weil der Andreas ja einen Ruhepol braucht und der Sabine Liebe und Familie wichtiger sind als der Beruf, zumal da der Andreas ja seine Ideale verfolgt, weshalb die Sabine den Andreas
zwar kraftstrotzend, aber auch erholungsbedürftig
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kennt, was vorkommt, wenn man, wie der Andreas,
Duracell zum Freund, aber nicht jeden Tag 120 000
Volt in sich hat. All das erfahren wir in einem Interview, das CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer
und »die Politikergattin« Sabine der Bunten gaben.
Dass es bei der Sabine schon etwas gefunkt hat, als
der Andreas damals, so gar nicht erholungsbedürftig,
seine 120 000 Volt in Loisi, einen echten Rauhaardackel, entlud, weshalb der Sabine riesige Baustellenfahrzeuge heute wichtiger sind als der Andreas, wäre
zwar die interessantere Geschichte gewesen. Aber was
wissen wir schon von Donau TV? PETE R DAU S E N D
Zusammen waren Bud Spencer und Terence
Hill wie das heutige Menü 1 in unserer Kantine, Gyros mit Zwiebeln, Knoblauch und
Zaziki: krass in der Mischung, penetrant in
der Außenwirkung und dennoch von sättigendem Wohlgefühl. Nun ist Bud Spencer
tot. Mit ihm hat das Halleluja zwei seiner
vier Fäuste verloren. Und mit diesen zwei
verlorenen Fäusten endet auch endgültig die
Ära des Männerduos.
Dick und Doof, Derrick und Harry,
Winnetou und Old Shatterhand, Batman
und Robin, Dieter Bohlen und Thomas
Anders, Fix und Foxi – sie sind das Yin und
Yang in der Welt der Testosteronbesitzer
gewesen.
Jeder von ihnen wäre für sich genommen nur ein Mann mit Macken gewesen,
im Doppelpack aber erlangten sie Vollkommenheit. Was der eine nicht war, durfte der
andere sein. Im Duo konnte schon als
Manns genug gelten, wer einen Wagen holte, hautenge Strumpfhosen trug, fehlerfrei
dreimal hintereinander Brother Louie sang
oder einfach nur einen Plattfuß hatte. Es
war das Zusammenspiel mit dem anderen,
das selbst Banales zum Part eines großen
Ganzen werden ließ.
Das Duo ist Teil der Evolution des modernen Mannes. In Kurzform lässt die sich
so beschreiben: vom Rat Pack über das
Doppelpack zum Metrosexuellen. Diesen
Namen, der so weltläufig daherkommt, hat
man ihm gegeben, damit er nicht merkt,
dass der Verlust des eigentlich so primitiv
klingenden »Pack« ein einschneidender ist.
Denn der Metrosexuelle muss nun ohne
Konterpart auskommen. Er muss das Gegensätzliche, das sich anzieht, wenn es auf
zwei verteilt ist, nun in einer Person einen.
Er muss alles zugleich sein – vier Fäuste, der
Wagenholer, der Indianer, der keinen
Schmerz kennt und die Mutter unserer
Kinder ist.
Mit unserem heutigen Kantinenspeiseplan gesprochen, ist der Metrosexuelle nicht
mehr Menü 1 – Gyros mit Zwiebeln,
Knoblauch und Zaziki –, sondern Menü 2:
bunter Linsensalat mit Joghurt-Minz-Dip.
Von allem ein bisschen und hübsch anzusehen, aber doch nur eine Hülse. Des Teufels
rechte und linke Hand kann eben einer allein nicht ersetzen.
DAGMAR ROS E NFE LD
Siehe auch Feuilleton, S. 39, Doppelbackpfeife
– ein Nachruf auf Bud Spencer
30. J U N I 2 0 1 6
D I E Z E I T No 2 8
RECHT & UNRECHT
Ein Bürger führt einen Privatkrieg gegen das
Gericht: Unbezwingbar, unversöhnlich
Das hat womöglich weniger mit der feinsinnigen
Unterscheidung zwischen »äußern« und »zu eigen
machen« zu tun als mit den Orten, an denen über
beides entschieden wurde – schließlich gilt gerade
die Hamburger Justiz in presserechtlichen Streitigkeiten als besonders klägerfreundlich. Dass die
dortigen Richter für die Äußerung eines Kölner
Satirikers über einen türkischen Politiker auf einem
Fernsehkanal aus Mainz überhaupt zuständig waren,
kann man durchaus erstaunlich finden – normalerweise müssen Prozesse nach deutschem Recht
schließlich am Sitz des Beklagten (hier: Böhmermann) geführt werden. Im Kölner Verfahren sind
die Parteien freilich genauso über die Landkarte verteilt: Döpfner wohnt in Potsdam, die Welt sitzt in
Berlin, und auch der türkische Präsident ist zwischenzeitlich nicht nach Köln migriert.
Eine solch bizarre geografische Konstellation
ermöglicht der sogenannte »fliegende Gerichtsstand« – eine Sonderregelung des deutschen Prozessrechts, nach der sich ein Kläger etwa in
presserechtlichen Verfahren den Ort des Geschehens frei aussuchen darf. Dahinter steht die einleuchtende Überlegung, dass, wer in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt wurde, nicht auf eine
Klage am womöglich weit entfernten Sitz eines
Mediums angewiesen sein soll, dessen Anwälte
mit den örtlichen Richtern obendrein aus früheren Verfahren bestens vertraut sein dürften.
Stattdessen soll er die Rufschädigung überall
dort bekämpfen dürfen, wo sie sich auswirkt –
also im gesamten Verbreitungsgebiet des Mediums. Diese Möglichkeit hat aber keineswegs zu
einer bundesweit gleichmäßigen Verteilung der
Verfahrenslast geführt: Nach einer im Jahr 2014
vom Spiegel-Justitiar Uwe Jürgens durchgeführten Untersuchung entfallen knapp zwei Drittel
aller presserechtlichen Verfahren auf die Oberlandesgerichte Hamburg, Berlin und Köln, obwohl dort nicht einmal zwölf Prozent der Bevölkerung leben.
Für diesen Befund gibt es eine Reihe von Erklärungen, von denen manche harmlos, andere
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aber alarmierend sind. Zur harmlosen Gattung
zählt, dass in den drei Metropolen überdurchschnittlich viele Prominente leben, die überdurchschnittlich oft in der Zeitung stehen und
sich deshalb auch häufig zu einer Klage veranlasst sehen.
Problematisch wird es hingegen, wenn Kläger
ohne jeden Bezug zu Berlin, Köln oder Hamburg einen der drei Standorte wählen, weil sie
sich dort die besten Erfolgsaussichten für ihre
Verfahren versprechen. Für dieses sogenannte
forum shopping bildet das Presserecht ein ideales
Terrain: Da sich die Lösung eines Rechtsstreits
in dieser Sparte fast nie rein aus dem Gesetz ergibt, sondern stets von den Neigungen und
Überzeugungen des Richters durchdrungen ist,
kann in dessen Auswahl schon eine Vorentscheidung des Verfahrens liegen. Und weil die Landgerichte in Hamburg, Berlin und Köln (und ei-
Tatsächlich haben die Richtersprüche aus der
Hansestadt es in der Vergangenheit mehrmals zu
fragwürdiger Bekanntheit gebracht: etwa im Jahr
2005, als die Pressekammer den Heise-Verlag für
einen rechtswidrigen Nutzerkommentar in seinem Internetforum haftbar machte, obwohl der
Verlag den Kommentar auf einen entsprechenden Hinweis hin sofort gelöscht hatte. Oder
2008, als die Saarbrücker Zeitung wegen eines
Interviews verurteilt wurde, in dem gar nicht sie
selbst, sondern ihr Interviewpartner eine unwahre
Behauptung aufgestellt hatte.
Oder im selben Jahr, als Spiegel Online verpflichtet wurde, die – ursprünglich zulässige –
namentliche Nennung des Täters aus archivierten Berichten über den Mord am Schauspieler
Walter Sedlmayr zu tilgen, da das Persönlichkeitsrecht des Verurteilten nun, viele Jahre nach
dem Verbrechen, schwerer wiege als das Infor-
rung entströmt. Und es ist ganz gewiss nicht
überraschend, wenn den Richtern ihr unpopulärer Beschluss zugunsten des türkischen Präsidenten als »von allen Witzen in dieser Sache
der schlechteste« (Tagesspiegel) vorgehalten wird.
Man ist dort ohnehin andere Dimensionen der
Kritik gewohnt, seit 2005 ein Rentner namens
Rolf Schälike seinen persönlichen Kreuzzug gegen die Hamburger Medienrichter begonnen
hat. Als Stammgast besucht er seither die öffentlichen Verhandlungen und verfasst auf seiner
Website bruchstückhafte Sitzungsprotokolle, die
das Geschehen zwar nur annähernd aufklaren,
ihren anderen Zweck jedoch durchaus erfüllen:
die maximale Schmähung der »Zensoren in
Richterrobe«. Nebenbei macht Schälike erfolgreiche Unterlassungsklagen gegen unzulässige
Berichterstattung dadurch zunichte, dass er über
die Klage und die zu unterlassenden Äußerun-
Fotos: Getty Images; Rolf Vennenbernd/dpa (r.)
D
ass ein paar giftige
Reime das Verhältnis
Deutschlands zur Türkei vor nicht allzu
langer Zeit auf die
Zerreißprobe gestellt
haben, wirkt im Angesicht jüngerer diplomatischer Krisen wie
eine Obskurität der Geschichte. Doch die Auseinandersetzung in dem Fall dauert an und dürfte
die deutsch-türkischen Beziehungen in den kommenden Wochen und Monaten weiterhin belasten. Voraussichtlich Anfang Juli wird Präsident
Erdoğan am Landgericht Hamburg Klage erheben,
nachdem seinem einstweiligen Unterlassungsantrag gegen Jan Böhmermann dort weitgehend
stattgegeben worden ist.
Viele Zeilen des Schmähgedichts seien in einer
Weise beleidigend und ressentimentgeladen, die
auch von der Kunst- und Meinungsfreiheit nicht
mehr gedeckt sei, erklärte die Hamburger Pressekammer am 17. Juni ihre Unterlassungsverfügung. Die steht in seltsamem Kontrast zur nur
vier Tage später ergangenen Entscheidung des
Oberlandesgerichts Köln, das eine Verfügung
gegen Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner
ablehnte, obwohl dieser in der Welt erklärt hatte,
er wolle sich Böhmermanns »Formulierungen
und Schmähungen inhaltlich voll und ganz anschließen und sie [sich] in jeder juristischen
Form zu eigen machen«. Anders als ihre hanseatischen Kollegen erklärten die Richter in Köln,
dass an den Äußerungen des Beklagten nichts
auszusetzen sei, obwohl Döpfner sich mit seiner
Loyalitätsbekundung ganz offenkundig genauso
angreifbar hatte machen wollen wie Böhmermann selbst.
12
Erdoğan (Türkei) vs. Böhmermann (Köln). Gerichtsstand? Hamburg!
Wichtige presserechtliche Verfahren landen in der Regel
in Köln, Hamburg oder Berlin – und selten
vor Kammern etwa in Bremen oder München. Warum?
Fliegende Richter
VON CONSTANTIN VAN LIJNDEN
nigen anderen Städten) presserechtliche Konflikte stets denselben Richtern zur Entscheidung
zuteilen, ist es für spezialisierte Anwälte ein
Leichtes, sich mit deren jeweiligen Gepflogenheiten und Einstellungen vertraut zu machen.
»Wer den höchsten Schadensersatz will, klagt in
Berlin, wobei die Kachelmann-Entscheidung
Köln attraktiver machen könnte. Wer eine
möglichst schnelle Unterlassung sucht, wird in
Köln ebenfalls gut bedient – die besten Chancen
auf eine Unterlassungsverfügung hat man hingegen nach wie vor in Hamburg«, sagt Markus
Kompa, der als Fachanwalt für Urheber- und
Medienrecht die Piratenpartei vertritt, seit ihr
die Wiedergabe des Böhmermannschen Schmähgedichts zu Demonstrationszwecken untersagt
worden ist.
Die Entscheidung gegen den Satiriker hält
Kompa für typisch: »Wenn es darum geht, den
Kontext einer Aussage zu ignorieren oder von
mehreren Interpretationsmöglichkeiten die für
den Beklagten ungünstigste zu wählen, ist man
in Hamburg von jeher ganz vorne dabei. Das hat
sich in den letzten Jahren zwar ein bisschen relativiert, kann aber gerade in knappen Fällen immer noch den Ausschlag geben.«
mationsinteresse der Öffentlichkeit. Diese und
andere Entscheidungen, deren Implikationen
weit über den Fall hinausreichten und die Existenz von Foren, Kommentarspalten und Nachrichtenarchiven oder gar den Abdruck von Interviews grundsätzlich infrage stellten, wurden
später vom Bundesgerichtshof gekippt (oder, wo
dies nicht möglich war, für falsch erklärt). Nach
den Untersuchungsergebnissen von Uwe Jürgens
lag die Quote für die Aufhebung von Hamburger Presseentscheidungen durch den BGH in
den Jahren 2010 bis 2012 bei etwa 50 Prozent
und damit um ein Vielfaches höher als bei anderen Zivilverfahren.
Viele Medien scheuen den Weg nach Karlsruhe
aber, weil er Jahre dauern und Zehntausende
kosten kann. Und beim Oberlandesgericht, der
zweiten Instanz in Hamburg, brauchen sie auf
eine Kurskorrektur meist nicht zu hoffen – umso
weniger, als dem für Berufungen in Pressesachen
zuständigen Senat seit 2011 der Richter Andreas
Buske vorsitzt, der zuvor elf Jahre lang selbst die
Leitung der Pressekammer innehatte.
Es ist daher nicht verwunderlich, wenn den
Medienberichten über die Hamburger »Kammer
des Schreckens« (Focus) eine gewisse Verbitte-
gen selbst ausführlich berichtet. Gegen »Zensuranwälte« polemisiert Rolf Schälike auch – mit
solcher Beharrlichkeit, dass der Medienrechtler
Christian Schertz, der aktuell zwar als Verteidiger von Jan Böhmermann, sonst aber vor allem
als Klägervertreter agiert, ihn sich im Jahr 2009
mithilfe von Stalking-Gesetzen vom Halse halten musste. Mit Hunderten Klagen haben
Christian Schertz und seine Leidensgenossen
den renitenten Rolf Schälike im Laufe der Jahre
überzogen – doch der hat die Ausdauer und
ganz offenbar auch das Geld, um jede bis zum
Ende durchzufechten. Man könnte meinen, er
sei die fleischgewordene Rache für alle überzogenen Hamburger Presserechtsurteile: unbezwingbar, unversöhnlich. Der perfekte Gerichtstroll.
»Auf jeden Fall ist er eine Heimsuchung«,
meint Sven Krüger, als Hamburger Medienrechtler selbst leiderprobt im Umgang mit
Schälike. Dessen Tiraden deutet er als extreme
Erscheinungsform einer Gerichtsschelte, die in
milderer Ausprägung manchmal auch in seriösen Medien vorkomme. »Es liegt in der Natur
der Sache, dass die Presse eigene Niederlagen
nicht mit Begeisterung registriert und vermeldet. Daraus folgt aber gelegentlich unfaire Ur-
teilsschelte – und das völlig unzutreffende Narrativ, die Richterschaft in Hamburg oder Köln
oder Berlin habe sich gegen die Pressefreiheit
verschworen.« Für die hohe Verfahrenskonzentration an diesen drei Standorten hält Sven Krüger
eine andere Erklärung bereit: »Die drei Städte
sind die größten Medienmetropolen des Landes,
also lassen sich dort die meisten Anwälte für
Medienrecht nieder. Und die klagen oft schon
aus Zeit- und Kostengründen am liebsten bei
jenem Gericht, das sie am schnellsten erreichen
können – auch wenn sie sich ein anderes aussuchen könnten.«
Wenn einzelne Kammern in einzelnen Rechtsfragen zeitweise strengere oder laxere Maßstäbe
anlegten, dann deshalb, weil neue Mitglieder
hinzukämen oder alte ausschieden oder die vorhandenen ihre Auffassung änderten. Einen – von
Kritikern des »fliegenden Gerichtsstands« unterstellten – stillen Wettbewerb um Fallzahlen mittels klägerfreundlicher Urteile hat Krüger unter
den Gerichten jedenfalls nicht beobachtet.
Schließlich sei eine Pressekammer kein Unternehmen, und die Posten ihrer Mitglieder seien
selbst dann nicht in Gefahr, wenn sämtliche Kläger zu einem vermeintlich vorteilhafteren Standort abwanderten. Die Berechenbarkeit der Entscheidungen der wichtigsten Pressekammern sei
zudem kein Missstand, sondern – im Gegenteil
– für alle Beteiligten ein Segen: »Gerade weil
Presserecht Richterrecht ist, müssen die Richter
erfahrene Presserechtler sein. Nur wer ständig
mit der Materie zu tun hat und weiß, wie ähnliche Sachverhalte bisher entschieden wurden,
kann dieselben Maßstäbe auch im nächsten Verfahren anlegen und den Parteien ein Mindestmaß an Planungssicherheit geben.« Selbst bei
den spezialisierten Gerichten ergingen hin und
wieder noch verblüffende Entscheidungen –
»aber beim Landrichter in Aurich oder Schweinfurt, der im Jahr zwei derartige Fälle auf den
Tisch kriegt, könnten Sie genauso gut eine
Münze werfen«.
Es gibt eine Art Wettkampf der drei großen
Pressekammern: Momentan greift Köln an
In dem unter Fachleuten schwelenden Streit hat
sich Krügers Auffassung bislang durchsetzen können: 2008 fasste das Bundesjustizministerium eine
Abschaffung des »fliegenden Gerichtsstandes« in
Presseverfahren (auf Drängen von Verlegern und
Journalisten) zwar ins Auge, ließ das Vorhaben
nach Kritik seitens der anwaltlichen und richterlichen Berufsverbände aber fallen und nahm es
auch dann nicht wieder auf die Agenda, als dem
Spiegel-Juristen Uwe Jürgens in seiner Untersuchung 2014 der Beweis gelang, dass das Klageaufkommen einzelner Gerichte tatsächlich von ihrer
Entscheidungspraxis abhängt.
Jürgens hatte beobachtet, dass die Eingangszahl am Landgericht Köln just vom Jahr 2002
an zu steigen begann, als eine neue, klägerfreundliche Richterin den Vorsitz der Pressekammer übernahm. Das bei ihrem Antritt mit
jährlich 125 Presseverfahren noch unbedeutende
Kölner Landgericht konnte seine Eingänge bis
2010 mehr als verdreifachen und neben Hamburg und Berlin (deren Zahlen im selben Zeitraum entsprechend sanken) zu einem der drei
zentralen deutschen Pressegerichte aufsteigen.
Gern würde man hören, was die Richter in
Hamburg vom neuen Nebenbuhler halten und
wie viele weitere der als kurzweilig und angenehm geltenden Presseverfahren sie ihm abzutreten bereit sind. Doch die hanseatischen Vorsitzenden halten sich gegenüber Journalisten
grundsätzlich bedeckt, was man vornehm finden
kann – oder einfach clever. Schließlich besagt
eine Grundregel des Medienrechts, dass man
sich umso angreifbarer macht, je mehr man sich
äußert, und sei es in bester Absicht. »Die Kammer und der Senat sprechen durch ihre Entscheidungen«, heißt es daher auf die Anfrage der
ZEIT. Das kann man wohl sagen.
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DOSSIER
Epochales Ereignis:
Vor 150 Jahren
siegte Preußen
über Österreich
Seite 17
13
Brüssel,
22. März 2016
Drei Bomben. 35 Tote. 340 Verletzte. Gibt es ein Leben nach dem Terror?
VON AMR AI COEN UND TANJA STELZER
E
s ist Freitagnachmittag,
die gläubigen Muslime
der Stadt sind vom Gebet
zurück, die gläubigen Juden treffen die letzten
Vorbereitungen für den
Sabbat. Auch Walter Benjamin, Jude, aber nicht
gläubig, ist vorbereitet. Er
hat dabei:
das Antibiotikum,
das Mittel gegen die Phantomschmerzen,
die Tabletten gegen die Angst,
die Thrombosespritzen,
das Pflaster gegen den Grundschmerz,
die Kapseln gegen den Akutschmerz.
Die Medikamente stecken in drei Papiertüten,
»Freitag«, »Samstag«, »Sonntag«. Walter Benjamin ist guter Dinge. Noch 26 Treppenstufen bis
zum Wochenende.
Am besten, riet die Krankenschwester, nimmst
du eine von den Akutkapseln, bevor du raufgehst.
Walter Benjamin, 47 Jahre alt, bis zum 22. März
dieses Jahres, 7.58 Uhr, Chef einer Partnervermittlungsagentur, seitdem Attentatsopfer auf der Suche nach einer Zukunft für sich und die Welt, hat
Heimaturlaub. Jetzt, an diesem Freitag im Mai,
darf er für zwei Tage sein Zimmer im Krankenhaus gegen seine Wohnung im Brüsseler Stadtteil
Ixelles tauschen. Ein Jugendstil-Altbau, im ersten
Stock: vier Zimmer, zwei Erker, ein Hund. Seit
zwei Monaten hat Walter Benjamin nur noch ein
Bein, das linke, und das ist, sechsfach gebrochen,
in ein Metallgestell eingespannt. Rechts trägt er
seit zwei Tagen eine Prothese.
Die Ärzte sagen, er muss ausziehen aus seiner
Wohnung. Walter Benjamin sagt, die kennen Walter Benjamin nicht. Ihn, der seit der Explosion
eine noch viel größere Aufgabe hat als jene, die
26 Stufen zu bewältigen.
Es sind zwei Freunde da, um ihn aufzufangen,
falls er fällt. Walter Benjamin stemmt sich mit der
Krücke aus dem Rollstuhl hoch und wankt die
Treppe hinauf, das Prothesenbein, eine Schiene aus
Stahl, ist auf einmal aus Gummi, und Walter Benjamin, eben noch ein kräftiger Mann, hat sich in
eine viel zu schwere Marionette verwandelt, die jede
Sekunde zu Boden sinken muss. Auf Stufe 19
strauchelt er, die Freunde halten ihn. Sie halten ihn
noch einmal auf Stufe 21. Stufe 25 ist schräg angeschnitten. Er setzt die Krücke ab und findet auf
Stufe 25 keinen Platz für das Prothesenbein. Er hat
vergessen, die scheiß Schmerzkapsel zu nehmen,
denkt Walter Benjamin, aber da liegt er schon.
340 Menschen wurden bei den Brüsseler Anschlägen am 22. März verletzt, 35 getötet, davon drei
Attentäter. Viel ist geschrieben worden über die
Terroristen Ibrahim und Khalid El Bakraoui, Mohamed Abrini und Najim Laachraoui. Nach den Anschlägen wurde ein Netz sichtbar, das der »Islamische
Staat« zwischen Rakka in Syrien, Paris und Brüssel
gesponnen hatte, auch nach Deutschland führen
einige Fäden. Es gibt aber noch ein zweites Netz, über
das bisher wenig geschrieben wurde. Das Netz, das
die Opfer miteinander verbindet.
Walter Benjamin, der gerade den aufrechten
Gang neu lernt, bildet eine Schmerzensgemeinschaft mit Menschen in den USA, in Liberia, China, Japan, Ecuador, Polen, Deutschland. Mit
Frommen und Atheisten, Armen und Reichen.
Walter Benjamin, benannt nach seinem Großvater,
nicht nach dem berühmten Philosophen, ist aus
Zufall und ohne dass er sich dazu entschlossen
hätte, verbunden mit den Angehörigen des Software-Ingenieurs Raghavendran Ganesan, die am
anderen Ende der Welt leben, in Chennai, Indien.
Er ist verbunden mit dem Witwer und den drei
Kindern der muslimischen Lehrerin Loubna Lafquiri, die am anderen Ende der Stadt leben. Walter
Benjamin ist verbunden mit den Eltern von Sascha
und Alexander Pinczowski, zwei Geschwistern, die
zwischen Maastricht und New York pendelten.
Alles Menschen, denen sich die für unser Jahrzehnt existenziellen Fragen brutal konkret stellen:
Wie kann man nach dem Terror weiterleben? Wie
kann man mit ihm leben? Wie geht das, »die Terroristen nicht gewinnen lassen«, wie alle reflexhaft
fordern, sobald wieder einmal etwas passiert ist?
Man kann als westlicher Bürger ein halbes Jahr
nach dem 13. November zu einem EM-Spiel ins
Stade de France in Paris gehen. Man kann in Orlando demonstrativ in einem Schwulenclub tanzen. Man kann in Brüssel, wo tagtäglich EUBeamte, Diplomaten und Politiker ein- und ausfliegen, weiter einen globalen Lebensstil pflegen.
Man kann in der Türkei Urlaub machen, auch
nach dem jüngsten Anschlag am Atatürk-Flughafen in Istanbul. Aber es wird sich nicht anfühlen,
als würde man »einfach weitermachen wie bisher«,
sondern, unterschwellig zumindest, wie eine geFortsetzung auf S. 14
14 DOSSIER
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Brüssel, 22. März 2016 Fortsetzung von S. 13
E
s ist der 22. März, halb neun am Morgen, am Flughafen Zaventem hält der
Muslim Hassan Elouafi den Juden
Walter Benjamin wach, als Raghavendran Ganesan in seiner Brüsseler Wohnung sitzt. Wie jeden Morgen öffnet er das Computerprogramm Skype, um die 8000 Kilometer in
seine indische Heimat zu überbrücken und seine
Mutter und seine Frau anzurufen.
Sie reden über die Hitzewelle in Indien, und er
fragt, wie es seinem Jungen geht, Arjun, erst sechs
Wochen alt, die letzten Tage hat er ein wenig gekränkelt. Wieder gesund, sagt die Mutter, aber
komm bald, er braucht seinen Vater. In zwei Monaten bin ich zurück und bleibe für immer, sagt er
und legt auf.
Raghavendran Ganesan ist 30 Jahre alt und
schlauer als die meisten Menschen, ein Programmierer, der von seinen Kollegen »Genie« genannt
wird. Ein schlanker, langer Mann mit freundlichem
Gesicht, Seitenscheitel und Brille. Vor vier Jahren
kam er nach Brüssel, um für den größten Mobilfunkanbieter des Landes zu arbeiten. Er hat hier in
Belgien viel Geld verdient und sich in Indien eine
Wohnung gekauft, in einem neuen Hochhauskomplex, fernab von den überfüllten, schmutzigen
Straßen der Stadt, in einer Gated Community. Die
Globalisierung, sie hat ihm den sozialen Aufstieg
ermöglicht. In wenigen Wochen will er dort einziehen: mit seinem Sohn, seiner Frau und seinen
Eltern. Den Flug in seine Zukunft hat er schon
gebucht, ein One-Way-Ticket.
Raghavendran Ganesan ist ein pünktlicher
Mensch, jeden Tag um kurz vor neun verlässt er
das Haus, um die U-Bahn zur Arbeit zu nehmen. Von der Station Merode sind es mit der
Metrolinie 5 vier Stationen bis zu seiner Arbeit.
Er steigt an diesem Morgen in den zweiten Waggon, jenen, in den zwei Stopps zuvor auch Khalid El Bakraoui gestiegen ist. Die Metro hält bei
der Station Schuman und dann in Maelbeek.
Um 9.11 Uhr sprengt Khalid El Bakraoui sich in
die Luft.
Im indischen Chennai sitzt die Mutter des
Getöteten, vergräbt ihr Gesicht in den Händen
und ruft: »Fünf Minuten! Hätte ich doch nur
fünf Minuten länger mit meinem Sohn gesprochen! Ich hätte sein Leben gerettet.« Sechs Wochen sind vergangen, seit der Terror auch ihren
Alltag zerstörte. Sechs Wochen, in denen sie sich
in Hätte-wäre-könnte-Spiralen verfängt. Sie sitzt
auf dem nackten Boden ihres bescheidenen Hauses aus Beton, an den Wänden hängen Bilder von
Hindu-Göttern, ein Ventilator weht die Hitze
durch den Raum. Von draußen dringt eine Kakophonie aus Hupen und knatternden Rikscha-Motoren ins Haus.
HASSAN ELOUAFI
Besuch am Krankenbett:
Nach dem Anschlag sind der Muslim Hassan
Elouafi und der Jude Walter Benjamin
Freunde geworden
zurückbomben in eine Welt, in der sich Kulturen
nicht mischen.
Am 11. September 2001 griffen die Terroristen
den Kapitalismus an, beim Massaker in der Redaktion von Charlie Hebdo die Meinungsfreiheit, beim
Attentat vom Bataclan den westlichen Lebensstil
und in Orlando die sexuelle Freiheit. Brüssel war
ein Angriff auf die Internationalität. Der Anschlag
am Flughafen Zaventem und an der Metrostation
Maelbeek mitten im EU-Viertel steht wie kaum
ein anderer für die Überforderung durch diese
neue Weltordnung.
Während die Mutter indisches Curry und Chapatis serviert, erzählt die Familie von den Stunden
nach dem Attentat. Als sie das Skype-Gespräch
beendet hatten, schaltete die Mutter den Fernseher ein und sah die Trümmer am Brüsseler Flughafen, die Menschen, die aus dem Terminal flüchteten. Immer wieder wählte sie die Handynummer ihres Sohnes, es klingelte und klingelte, aber
Raghavendran hob nicht ab. Der Bruder erreichte
Brüssel noch am selben Tag und lief in der panischen Stadt von Krankenhaus zu Krankenhaus,
aber keiner konnte ihm sagen, wo Raghavendran
war. Zwei Tage später kamen auch die Eltern in
Brüssel an, Arbeitskollegen von Raghavendran
halfen ihnen bei der Suche. Als sie auch am dritten
Tag nichts von ihm hörten, wuchs der Gedanke an
das Unerträgliche.
Benjamin darum bitten, die Besucher mögen
nicht unangemeldet kommen. Wer immer kommen darf: Hassan.
Walter Benjamins Nachricht, Hassan Elouafi
habe beim Wiedersehen im Krankenhaus in seinen Armen geweint und gesagt: »Ich bin so froh,
dich lebend zu sehen«, wurde 28 000-mal auf
Facebook geteilt.
»Hassan« heißt übersetzt »der Gute«. Am Flughafen war Hassan Elouafi bis zum 22. März zuständig für die Luftzufuhr der Flugzeuge und die
Bildschirme im Flughafengebäude. Als die erste
Bombe explodierte, machte er gerade einen Kontrollgang durch die Abflughalle. Seitdem war er
nicht mehr am Flughafen, er weiß nicht, wie er
diesen Ort wieder betreten soll, an dem er den
Daueralarm der blockierten Gepäckbänder hörte,
wie er den Fuß auf den Boden setzen soll, auf dem
die Trümmer und die Leichen und die abgetrennten Körperteile lagen. Das Wasser der Sprinkleranlage regnete darauf, bis alles einen See bildete
und bis irgendjemand ihn, den Techniker, bat, die
Sprinkleranlage abzuschalten.
Sein Körper ist gesund, und trotzdem wirkt
Hassan Elouafi im Vergleich zu Walter Benjamin
viel schwerer verletzt. Er ist krankgeschrieben.
Anstatt zur Arbeit zu gehen, bringt er jetzt Couscous an Walter Benjamins Klinikbett. Er rasiert
seinem Freund den Schädel, er schiebt ihn im
Rollstuhl durch den Krankenhauspark.
Ein Zeichen des Sieges über die Terroristen: Ihr wolltet den Krieg zwischen
den Religionen – was ihr bekommt, ist
unsere Versöhnung.
Sobald Walter Benjamin wieder
reisen kann, wollen sie zusammen nach
Israel fliegen. Walter Benjamin will einen Baum für Hassan Elouafi pflanzen,
Hassan Elouafi will in der Al-AksaMoschee in Jerusalem beten, weil ein
Gebet dort 500-mal so viel wert ist wie
ein Gebet in Brüssel. Walter versucht,
seinem Freund Hassan zu erklären,
dass die israelische Mauer ein notwendiges Übel ist. Hassan ermahnt seinen
Freund Walter, ihn bitte nicht als »Araber« zu bezeichnen, sondern als »Muslim«. Die beiden versuchen im Kleinen, was die Gesellschaft im Großen
lernen muss, nach jedem Terroranschlag mehr: sich auszutauschen.
D
ie weiterführende Schule
La Vertu, »Die Tugend«,
an der Loubna Lafquiri
unterrichtete, ist in einem Altbau im Brüsseler
Stadtteil Schaerbeek untergebracht. Die
Nachbarn rechts und links: zwei katholische Schulen. La Vertu ist eine muslimische Schule. Sie wurde, nach jahrelangem Streit mit den Behörden, erst im
letzten Sommer gegründet. Zuletzt hatten Gegner eine Online-Petition gestartet. Die Unterzeichner wüteten: »Man
will uns infiltrieren!« – »Wir sind nicht
in Saudi-Arabien!« – »Aus diesen Schülern werden Dschihadisten!«
Heute hat La Vertu 122 Schüler.
Sport, Schwimmen, Biologie sind
Pflicht, das Kopftuch ist es nicht. Trotzdem tragen es viele Schülerinnen und
die meisten Lehrerinnen.
Das Wort »Ghetto-Schule« trifft es
nicht. Die Schüler sind wild gemischt:
Diplomaten- und Professorenkinder
sind dabei, viele kommen aus einfachen
Familien. Imame schicken ihre Töchter
und Söhne hierher, auch Salafistenfamilien. An der Schule La Vertu zählt die
Toleranz mehr, als die Kritiker vermuteten. Und die Toleranz gilt auch für die,
die ihren Glauben streng leben. Mit allen, auch mit den Salafisten, sagen die
Kollegen, kam die Sportlehrerin Loubna
Lafquiri gut zurecht.
Loubna Lafquiri trug kein Kopftuch, dafür
neonfarbene Turnschuhe, was gut zu ihrem Tempo
passte, wie die Kollegen sagen. Sie ging oft schwimmen und joggen, sie tanzte, sie spielte Hockey. Vor
einigen Jahren hatte sie einen Verein gegründet,
der Schwimmkurse und Wanderausflüge für
Frauen anbot. Loubna Lafquiri wollte die muslimischen Mütter aus ihren Wohnungen herausholen, ihnen ein positives Körpergefühl vermitteln,
Selbstbewusstsein.
Ein Foto, das nach dem Attentat kursierte,
zeigt eine strahlend lächelnde Frau, die ein Kleinkind auf dem Rücken trägt. Ihren Arm hat sie um
ein älteres Kind gelegt. Die beiden sind ihre jüngeren Söhne, zwei und acht Jahre alt, es gibt auch
noch einen Zehnjährigen.
Bevor sie ihre Arbeit an der neuen Schule antrat, hatte Loubna Lafquiri zehn Jahre an einer
muslimischen Grundschule unterrichtet. Jetzt
wollte sie sich um die Älteren kümmern, sie dazu
motivieren, sich eine Zukunft aufzubauen.
Im Lehrerzimmer ist das Fach mit der Aufschrift »Loubna« unberührt, die Schule will noch
keinen Nachfolger suchen. »Wir stecken immer
noch mittendrin«, sagt Loubna Lafquiris Vorgesetzter Hamza Boukhari. Ein bärtiger Mann, Belgier mit marokkanischen Wurzeln, 35 Jahre alt.
An seinem Büro hängt ein Schild mit einem
Descartes-Zitat: »Der Zweifel ist der Weisheit
Anfang.« Hamza Boukhari bedauert es, dass die
Gesellschaft so viel über Kopftücher streitet. Er
würde sich lieber über Bildung unterhalten.
»Die muslimische Gemeinschaft zahlt einen höheren Preis als alle anderen«, sagt Hamza Boukhari.
Seine Schüler trauern nicht nur um ihre Lehrerin,
die viele von früher aus der Grundschule kannten.
Fotos: Geert Vanden Wijngaert/AP/dpa; Bas Bogaerts für DIE ZEIT; Amrai Coen für DIE ZEIT (v.o.n.u.)
sellschaftliche Pflicht. Andere ahnen es erst. Diejenigen, die zum Netz der Opfer gehören, wissen es:
»Einfach weitermachen wie bisher« ist weder klug
noch möglich.
Die chirurgisch-orthopädische Station des Universitätskrankenhauses Jette, Brüssel, ein Tag im
Mai. Gerade hat die Besuchszeit begonnen. In
Walter Benjamins Zimmer drängeln sich schon
seine Mutter, ein Freund, den er seit 20 Jahren
nicht gesehen hat, und zwei frühere Schulkameraden. Die Tür steht offen, es lohnt sich nicht, sie zu
schließen. Weitere Besucher werden kommen, und
für jeden werden die Pfleger geduldig einen neuen
Stuhl hereintragen.
Zwei Tage nach dem Attentat beginnt Walter
Benjamin, auf Facebook über sein Leben im Krankenhaus zu schreiben, erst nur für Freunde, um ihnen zu sagen, dass er noch lebt. Für Helfer, Ärzte,
Krankenschwestern, um ihnen zu danken. Dann
für ein größeres Publikum. Das Fernsehen wird auf
ihn aufmerksam. In seinem Krankenzimmer gibt er
dem Sender RTL ein Interview. Er sagt, dass 99,99
Prozent der Muslime fabelhafte Leute seien.
Am 28. März, sechs Tage nach dem Attentat,
schreibt Walter Benjamin auf Facebook:
»Ich lese im Internet, dass manche denken, ich
hätte 99 Prozent meiner Neuronen verloren.«
Am 29. März, eine Woche nach dem Attentat, bringen die Pfleger Stühle für das belgische
Königspaar.
Am 31. März, neun Tage nach dem
Attentat, klopft ein Mann schüchtern
an die Tür. Es ist Hassan Elouafi, den
Walter Benjamin zuletzt am Flughafen
sah und der ihn in der Universitätsklinik ausfindig gemacht hat. Von nun an
wird er drei-, viermal die Woche zu Besuch kommen.
Auch heute, an diesem Tag im Mai,
quetscht er sich zu der Mutter und den
anderen Besuchern ins Zimmer. Sofort
beginnt Walter Benjamin, seinen alten
Freunden von Hassan Elouafis Heldentat zu berichten. Er hat diese Geschichte
schon Hunderte Male erzählt, aber
auch dieses Mal wird er seinen Retter
wieder nach einigen Details fragen, um
die Lücken in seiner Erinnerung zu füllen. Es ist, als erobere er sich seine eigene
Biografie zurück.
Walter Benjamin wollte nach Tel
Aviv fliegen, zu seiner Tochter, die dort
bei seiner Ex-Frau lebt. »Ich stand am
Check-in-Schalter gegenüber von Starbucks«, sagt er, »da hörte ich einen
Knall. Ich dachte, es wäre ein Böller,
und fragte mich, wer so doof ist, mitten
am Flughafen mit einem Böller rumzuknallen. Dann sah ich eine Feuerkugel
ein paar Meter von mir entfernt.«
Als in der Abfertigungshalle alle Menschen, die noch rennen konnten, rannten – um nach draußen zu fliehen, um
sich im Gepäckverladeraum zu verstecken oder hinter dem Vorhang eines
Fotoautomaten –, da sah der Flughafentechniker Hassan Elouafi, ein 41 Jahre
alter Belgier mit marokkanischen Wurzeln, Muslim, verheirateter Vater von
vier Kindern, dass sich zwischen all dem
Staub und den Trümmern, zwischen den
Leichen und den herumliegenden Körperteilen etwas bewegte. Hassan Elouafi
stieg über die Toten und kam etwa
gleichzeitig mit einem Soldaten bei Walter Benjamin an: Das rechte Bein war
weggesprengt, aus dem Stumpf schoss
Blut. Der Soldat legte einen Druckverband an. Hassan Elouafi fragte den
Schwerverletzten: »Wollen Sie jemanden
anrufen?« Walter Benjamin sagte die einzige Nummer, die er auswendig kann. In
das Handy, ans Ohr gehalten von seinem
Helfer, sprach er hinein: »Mama, sei einmal im Leben still, das ist jetzt wichtig.
Ich bin am Flughafen. Es gab eine Explosion, ich
bin verletzt worden. Vielleicht werde ich sterben.«
Sie solle in Israel anrufen, bei der Familie.
Die Mutter, im Krankenzimmer zusammengesackt auf dem Stuhl, sagt: »Ich bin verrückt geworden vor Angst.«
Hassan Elouafi flüstert: »Der Mann neben
Walter hatte keinen Kopf mehr.«
An ihrer Seite sitzt die trauernde Familie: der
Vater, der früher Angestellter bei einem Logistikunternehmen war und vor ein paar Monaten in
Rente gegangen ist. Der kleine Bruder, der in Paderborn Elektrotechnik studiert und nun angereist
ist, um der Familie zu helfen. Und die Ehefrau Vaishali, Witwe mit 26, eine indische Schönheit mit
riesigen braunen Augen, aus denen Tränen fallen.
In ihren Armen hält sie das schlafende Baby, eine
ständige Erinnerung an das Hätte-Leben.
Raghavendran war der einzige Verdiener der
sechsköpfigen Familie, er hatte seinen Eltern gesagt, er werde sie nun, da sie alt sind, versorgen.
Auch deshalb schien den Ganesans die Globalisierung wie ein Segen: Raghavendran konnte in
Europa Karriere machen, konnte sich und seiner
Familie damit in der Heimat neue Freiheit erkaufen. Heute wissen sie, dass die Globalisierung
nicht nur den Wohlstand bringt, sondern auch
den Terror.
Brüssel, die Stadt, in der die Attentäter ihre
Zelle gegründet hatten, ist eine der globalsten
Städte der Welt. Die Hauptstadt Europas, 1,2
Millionen Einwohner, davon sind zwei Drittel
nichtbelgischer Herkunft. Wer durch die Straßen
geht, hört Niederländisch, Französisch, Arabisch,
Englisch, Türkisch.
Globalisierung bedeutet immer, dass Grenzen
verwischt werden, die Grenzen zwischen den Ländern, die Grenzen in den Köpfen, die Grenzen
zwischen den Kulturen. Traditionen gehen verloren, alte Regeln gelten nicht mehr. Die neue
Freiheit bringt auch neue Unsicherheit. Man kann
sagen: Die Globalisierung ist die Stärke und die
Schwäche der Moderne zugleich.
Die Bakraoui-Brüder, Abrini, Laachraoui und
die anderen Terroristen: Sie wollen den Westen
WALTER
BENJAMIN
Bei der Explosion am Flughafen verlor
er sein rechtes Bein. Inzwischen
lassen ihn die Klinikärzte die
Wochenenden zu Hause verbringen.
Hier begrüßt Walter Benjamin seinen
Hund, um den sich zurzeit meistens
die Mutter kümmert
FAMILIE GANESAN
Bruder, Mutter, Vater, Witwe (von links):
Die Hinterbliebenen von Raghavendran
Ganesan in Chennai, Indien
Raghavendran Ganesan, Walter Benjamin,
Hassan Elouafi: Man könnte sie als Kriegsopfer
unserer Zeit bezeichnen. Wie die Weltkriege bringen die terroristischen Attentate Witwen und Waisen hervor, Versehrte und Traumatisierte.
»Frankreich ist im Krieg«, sagte François Hollande
nach den Anschlägen von Paris. Auch Joachim Gauck
nannte den Terror eine »neue Art von Krieg«, und
Papst Franziskus sprach vom »Dritten Weltkrieg«.
Es gibt heute keine klare Definition mehr: Krieg
bedeutet längst nicht mehr, dass Staaten gegen Staaten kämpfen. Nicht mal im Frieden ist kein Krieg.
Als George W. Bush nach dem 11. September den
»Krieg gegen den Terror« begann, war das eine
Entschuldigung für alles: für Guantánamo, für Folter,
für den Angriff auf den Irak. Wenn wir das, was jetzt
geschieht, einen Krieg nennen – tun wir dann genau
das, was die Terroristen von uns wollen?
Am 7. April, 16 Tage nach dem Attentat, postet
Walter Benjamin:
»Wir dürfen nicht das Spiel jener Barbaren
spielen, die zu Unrecht eine Religion benutzen,
um den Tod zu säen und Unschuldige in Henker
zu verwandeln. Muslime, Juden, Christen, lasst
uns handeln.«
9. April, 18 Tage nach dem Attentat: »Ich weine
wie ein Idiot, ich bin 47 Jahre alt, und ich sage mir:
Scheiße, welchen Schmerz habt ihr diesem Land
zugefügt, das ich so sehr liebe?«
Walter Benjamins Äußerungen werden immer
politischer. Der Oberrabbiner von Brüssel, der
Vorsitzende der Muslime in Belgien und die israelische Botschafterin besuchen ihn im Krankenhaus. Es tauchen fremde Menschen auf, die
Walter Benjamin kennenlernen wollen. Menschen, die ihn schon lange vergessen hatten. Alle
bekunden ihre Solidarität. Bald muss Walter
Sie haben nicht nur, wie alle, Angst vor einem
neuen Attentat. Für sie gibt es da noch etwas anderes, etwas, wovon sie erst eine grobe Ahnung
haben. »Die Islamophobie wird noch ganz neue
Formen annehmen.«
Einmal, erzählt Hamza Boukhari, sei Loubna
Lafquiri mit 50, 60 Schülern zu einem Ausflug gefahren. Viele der Mädchen trugen ein Kopftuch.
In der Metro stürmte ein Mann auf die Lehrerin
zu und schrie sie an: »Ihr seid alle Terroristen!«
Nachdem Loubna Lafquiri selbst Opfer von
Terroristen geworden war, kam niemand von den
katholischen Schulen nebenan vorbei, um zu kondolieren. Kein Politiker ließ sich blicken. Das
kränkt Hamza Boukhari. Als Opfer passen die
Muslime nicht ins Bild, nur als Täter.
Am 18. März hetzte Loubna Lafquiri zur Schule.
»Bei uns im Viertel ist der Teufel los«, sagte sie zu
Hamza Boukhari, »die haben alles abgesperrt.«
Loubna Lafquiri lebte mit ihrem Mann und ihren
Kindern in Molenbeek, jenem Stadtteil, den die
Welt seit einiger Zeit zu kennen glaubt. Sie fühlte
sich wohl dort, sagen die Kollegen. Doch an dem
Tag, an dem die Polizei Salah Abdeslam festnahm,
den Attentäter von Paris, wurde es Loubna Lafquiri
unheimlich. Die Wohnung, in der er sich versteckt
hatte, ist nur ein paar Häuser von ihrer entfernt, »so
nah!«, sagte sie.
Vier Tage später, am 22. März um 9.07 Uhr,
steigt Loubna Lafquiri auf dem Weg zur Schule
an der Station Schuman in den zweiten Waggon
der Metrolinie 5, in jenen Waggon, in dem schon
der indische Programmierer Raghavendran Ganesan sitzt.
Der Mann von Loubna Lafquiri war Metrofahrer.
Ein Beruf, den er kaum wieder ausüben wird. Am
1. April, zehn Tage nach dem Attentat, verliest eine
Lehrerin bei einer Trauerfeier einen Brief des Witwers: eine Liebeserklärung an seine tote Loubna. Der
letzte Satz lautet: »Molenbeek, das ist nicht nur Salah
Abdeslam, Molenbeek, das ist auch Loubna Lafquiri.«
B
DOSSIER 15
D I E Z E I T No 2 8
ei der Feuerwehr gibt es eine Regel, die
besagt: Der Jüngste muss als Erstes los.
Die Regel soll dafür sorgen, dass Feuerwehrleute Einsatzerfahrung sammeln.
Als um 8.10 Uhr in der Zentralen
Wache von Brüssel, Avenue de l’Héliport, über
Lautsprecher die Ansage »Notruf wegen Feuer«
tönt, haben die Männer gerade ihren Morgenappell
im Innenhof beendet. Der Kapitän Nicolas Jalet,
36, nimmt die Meldung »zwei Explosionen in
Zaventem« entgegen und schickt den Jüngsten der
Offiziere mit einer Kolonne zum Flughafen. Um
9.12 Uhr wieder ein Alarm – die Explosion in
Maelbeek. Maelbeek, das ist die Metrostation von
Nicolas Jalets Kindheit. Er kennt sie in- und auswendig. Und er hat, seitdem er Feuerwehrmann
ist, immer wieder durchgespielt, wie er bei einem
Attentat auf eine U-Bahn-Station vorgehen würde.
Er hat das Attentat von London im Kopf.
Es gibt einen Offizier, der jünger ist, der nun eigentlich rausmüsste. Aber das hier ist Nicolas Jalets
Ding, »ich mache das«. Seine Kolonne rast los. Sie
stoppt an einem Seiteneingang der Metrostation.
Dann steigt Nicolas Jalet hinunter in den Rauch.
»Wir sind für das Schlimmste zuständig«, sagt
er. »Alle Probleme landen am Ende bei uns.« Es
war seine Kompanie, die den verletzten Salah
Abdeslam ins Krankenhaus brachte – und es waren
er und seine Leute, die die Verletzten aus der Station
Maelbeek rausholten.
An seinem freien Tag sitzt Nicolas Jalet in seinem Wohnzimmer, ein durchtrainierter Mann in
grauem T-Shirt und einer kurzen blauen Hose, die
in auffälligem Kontrast zu seinen strengen Gesichtszügen steht. Er wohnt alleine hier in einem
Stadthaus am Rande von Brüssel. Im Regal: Bücher über Stalingrad, Hitler, den D-Day, Pompeji.
Eigentlich wollte er Historiker werden. Dann fand
er, es sei klüger, im Heute etwas zu verbessern, als
zu versuchen, das Früher zu verstehen.
Nicolas Jalet zieht einen Stadtplan aus dem Regal,
faltet ihn auseinander und breitet ihn auf dem
Marmortisch aus. Über den Plan sind größere und
kleinere schwarze Punkte verstreut. Er hält alle Feuer
fest, die er gelöscht hat, er kartografiert seine Siege
über den Schrecken. Bei der Metrostation Maelbeek
ist noch nichts eingezeichnet. Nicolas Jalet hat noch
nicht abgeschlossen mit diesem Einsatz.
Vielleicht kann man erahnen, was Nicolas Jalet
erlebt hat, wenn man weiß, dass er die Menschen,
deren Überreste er in der Metrostation gesehen
hat, nicht mit den Fotos zusammenbringen konnte, die später in den Zeitungen erschienen. »Vielleicht bin ich auf diese Leute draufgetreten«, sagt
er, als enthalte die Brutalität seiner Worte gleichzeitig eine Beruhigung: »Ich halte das aus.«
Als sie unten waren in der Metrostation, klingelten unablässig die Handys der Toten.
Nicolas Jalet denkt mit Grauen an jenen Tag.
»Meine Kollegen und ich, wir sind in gewisser Weise auch Opfer. Wir sind alle gezeichnet.« Trotzdem
sagt er, dass er das Leben seit dem 22. März positiver
sieht. Er hat überlebt. Er konnte helfen. Und in Zukunft wird er noch besser vorbereitet sein.
»Ich will nicht«, sagt er, »dass der 22. März
mein Leben ist.«
Wie kommt es, dass der eine ein grauenvolles
Erlebnis gut verkraftet, der andere nicht? Und
wenn es eine Antwort auf diese Frage gibt, können
wir als Gesellschaft etwas daraus lernen?
Die erste Therapeutin, bei der Walter Benjamins
Freund Hassan Elouafi Hilfe suchte, war überfordert.
Als er weinte, weinte auch sie. Es war Walter Benjamin, der Hassan Elouafi empfahl, es einmal mit einem Spezialisten zu versuchen, den er kennt. Ein
Israeli, der mit der Psyche von Attentatsopfern vertraut ist. Israel hat auf dem Gebiet einen traurigen
Vorsprung an Erfahrung.
Yori Gidron ist ein kleiner, freundlicher
Mann, der versucht, Gefühle zu ordnen. Ein Psy-
chologe und Neurowissenschaftler, für den das
Leiden einer Seele viel mit Hirnzellen, Synapsen
und Nervenbahnen zu tun hat. Yori Gidron hat
in Kanada und Israel geforscht, zurzeit lehrt er an
der Universität Brüssel. Er ist besessen von der
Idee, herauszufinden, was genau im Gehirn geschieht, wenn ein Mensch eine existenzielle Bedrohung erlebt – und wie man dieses Wissen
nutzen kann, um eine Traumatisierung zu verhindern oder zu behandeln.
Er war schon oft an Orten, an denen sich Katastrophen ereignet hatten. Er hat humanitäre Einsätze im Erdbebengebiet in Nepal begleitet, Einsätze bei Tsunami-Opfern in Japan, zuletzt war er
für die Vereinten Nationen in Haiti. Das Erstaunliche ist: An all diesen Orten hat Yori Gidron viele
Menschen kennengelernt, denen noch so schreckliche Ereignisse nichts anhaben konnten. Diese
Menschen hatten alles verloren, sie hatten Tage in
Todesangst verbracht, dennoch waren sie psychisch vollkommen intakt. Yori Gidron nennt sie
lieber »Überlebende« als »Opfer«, was ein feiner
und gleichzeitig ein großer Unterschied ist.
Betritt man Yori Gidrons kleines Büro an der
Brüsseler Universitätsklinik, zwei Etagen unter
dem Krankenzimmer von Walter Benjamin, erscheint einem das, was der Terror mit den Opfern
macht, zwar noch immer grausam, aber doch zu
fassen, mit Zahlen, Berechnungen, Statistiken. Im
Gespräch mit dem Fachmann für die Leiden der
Seele wird der Blick auf das Leben mit dem Terror
beruhigend rational.
Yori Gidron klappt sein Notebook auf und
startet eine PowerPoint-Präsentation. Auf dem
Bildschirm bauen sich Balkendiagramme auf:
Nach einem Verkehrsunfall haben 20 Prozent der
Opfer eine posttraumatische Belastungsstörung,
nach einer Vergewaltigung 45 Prozent. Bei einem
Terrorakt sind es knapp 30 Prozent. 30 Prozent –
das heißt, dass 70 Prozent der Menschen, die einen
Terrorakt miterleben, seelisch gesund bleiben. Sie
haben keine Flashbacks, keinen erhöhten Puls,
keine Schlaf- oder Konzentrationsstörungen, alles
typische Merkmale einer posttraumatischen Belastungsstörung. Der Fachbegriff für die Unverwüstlichkeit dieser Probanden lautet »Resilienz«.
Was ist anders im Gehirn dieser Menschen?,
fragte sich Yori Gidron. Forscherkollegen schoben
Patienten, die etwas Bedrohliches erlebt hatten, in
ein MRT-Gerät und spielten Geräusche ein, die
der Klangkulisse des traumatischen Ereignisses
ähnelten: zerspringendes Glas, berstendes Holz,
zusammengedrücktes Metall. Andere Wissenschaftler machten ähnliche Versuche mit Videos.
Bei den Traumatisierten war eine Hirnregion besonders aktiv, während sie die Geräusche hörten
und die Videos sahen: die Amygdala, die für die
Verarbeitung von Gefühlen zuständig ist. Bei den
resilienten Patienten flackerte der Neokortex auf,
der für den Verstand zuständig ist. Was, wenn man
den Neokortex animieren könnte?
Es ist bekannt, dass Bilder eher die Amygdala
reizen, Worte eher den Neokortex. Yori Gidron
bat Unfallopfer, ihre Geschichte zu erzählen. Sie
taten das wie alle Menschen, die einer bedrohlichen
Situation entkommen sind: durcheinander, aufgeregt, voller Emotion. Yori Gidron unterbrach sie
immer wieder. Sagte ein Proband »Ich hatte
Angst« oder »Ich war in Panik«, fragte der Professor: Warum hatten Sie Angst? Warum waren Sie
in Panik? Er hakte nach: Was geschah zuerst, was
genau passierte dann? Er machte sich Notizen,
und dann erzählte er seinen Probanden ihre Geschichte noch einmal neu, nüchtern, klar, eins
nach dem anderen. Eine logische, ein wenig langweilige Schilderung, in der viele Sätze mit »weil«,
»deshalb«, »darum« verbunden waren. »Der Knall,
den Sie hörten, kam von dem Aufprall.« – »Sie
fürchteten sich, weil Sie Ihre Tochter nicht sehen
konnten.« Dann bat er die Patienten, ihre Erlebnisse noch einmal auf genau diese Weise zu berichten. Er bat sie, sie aufzuschreiben.
In Belgien und Israel hat Yori Gidron mehrere
Studien zu dieser Methode gemacht, auch mit
Terroropfern. »Wir konnten es selbst nicht glauben«, sagt er. Drei Monate nach dem Ereignis
hatten die Probanden so gut wie keine Flashbacks
mehr. Auch ein israelischer Kollege, der eine ähnliche Methode entwickelte, hat großen Erfolg.
Wenn Yori Gidron seine Forschungsergebnisse
bei Kongressen vorstellt, verlassen manche seiner
Kollegen den Saal. Denn die Methode widerspricht
dem, was in der Traumatherapie lange üblich war
und noch oft praktiziert wird: Man animiert den
Patienten dazu, die traumatische Situation immer
und immer wieder emotional zu durchleben – man
provoziert also ein ständiges Feuern der Amygdala.
In Israel ist Yori Gidron selbst um Sekunden
einem Attentat in einem Zug entkommen, seine
Mutter wurde bei einem Anschlag verletzt. »Wir
wissen noch so wenig«, sagt er, »und wir müssen
so dringend mehr wissen.« Nicht nur die Medizin wird sich weiterentwickeln müssen. Es geht
darum, den Neokortex der ganzen Gesellschaft
zu aktivieren.
E
dmond und Marjan Pinczowski sind
ein schönes Paar, immer noch. Er: 70
Jahre alt, schlank, graue Haare, das
Hemd mit Manschettenknöpfen,
Kurzname Ed. Sie: 63, zierlich, hellgrüne Augen, der Teint lässt ihre indonesischen
Wurzeln erahnen. Die beiden Niederländer sind
seit 38 Jahren verheiratet, er war Hotelmanager, sie
die Frau an seiner Seite, die ihm überallhin folgte,
wo er die Hotels großer Ketten leitete: nach Nairobi, Jerusalem, Jamaika, Brüssel, Antalya, Frankfurt, Athen. Ein Leben, das ihnen viele schöne
Momente schenkte. Zu den schönsten gehörten
jene Abende in Antalya, wenn der Muezzin rief.
Dann ging Marjan Pinczowski raus auf den Balkon, um ihm zuzuhören.
Die Pinczowskis sind Weltbürger, aufgeschlossene Menschen. Seit Kurzem lebt das Ehepaar in
der Nähe von Maastricht, Niederlande, wo
Edmond, der die Rente gerade mal zwei Wochen
lang ertrug, nun an der Hotelfachschule unterrichtet. Die Tochter Sascha, 26 Jahre alt, und der
Sohn Alexander, 29, pendelten nach New York,
wo sie studierten. Mit den Eltern waren sie, über
Ozeane und Zeitzonen hinweg, ständig über das
Handy verbunden.
Gerade waren die Kinder für ein paar Wochen
bei den Eltern zu Besuch gewesen, am 22. März
wollten sie zurück in die USA. In der Abflughalle, an Schalter 11, Delta Airlines, warteten sie auf
die Abfertigung. Alexanders Handy klingelte, es
war seine Mutter.
»Habt ihr schon eingecheckt?« – »Wir stehen
gerade in der Schlange«, sagte Alexander
Pinczowski. »Warte«, sagte die Mutter, »Papa will
dir noch was sagen.« Als Edmond Pinczowski das
Vier
Opfer
RAGHAVENDRAN
GANESAN
Der indische Programmierer war
30 Jahre alt und arbeitete in Brüssel.
In diesem Sommer wollte er zurück in
die Heimat, zu Frau und Kind
SASCHA
PINCZOWSKI
Die Tochter eines Hotelmanagers
führte schon als Kind ein globales
Leben. Zuletzt studierte sie in
New York. Sie starb mit 26
ALEXANDER
PINCZOWSKI
Saschas Bruder wurde in Jerusalem
geboren. Er studierte in London und
dann in New York, wo er 2013
heiratete. Er wurde 29 Jahre alt
LOUBNA
LAFQUIRI
Sie unterrichtete Sport an einer
muslimischen Schule in Brüssel.
Sie war 34 Jahre alt und hinterlässt
einen Mann und drei Söhne
erträglicher zu machen. Einen Sitz neben ihnen,
nur durch den Gang von ihnen getrennt, saß ein
düster blickender junger Mann. Marjan Pinczowski fand, er sehe den Attentätern ähnlich. Wie
konnte er einfach so einen Film schauen und das
Bordmenü essen? Sie brach in Tränen aus und
weinte den ganzen Flug über, sechs Stunden lang,
die Stewardess versuchte, sie zu trösten.
Beschämt erzählt Marjan Pinczowski, die
schon auf der ganzen Welt gelebt hat, umgeben
von Menschen aller Religionen und Hautfarben,
der junge Mann sei vielleicht nicht mal marokkanischer Abstammung wie die Attentäter gewesen,
vielleicht war er Inder. Seine Hautfarbe reichte,
um ihn in ihren Augen verdächtig zu machen. »Er
hörte mit, wie Ed der Stewardess unsere Geschichte
erzählte«, sagt sie, »und dann beugte er sich hinüber
zu meinem Mann und sagte: Ich bete für Sie und
Ihre Frau.«
Nach dem Terror wächst die Angst vor dem
Fremden, so war es in den USA nach dem 11. September, so war es in Madrid nach den Zuganschlägen, so war es in Israel nach der Zweiten
Intifada. Eine verletzte Gesellschaft ist empfänglich für Vorurteile – und für Populismus. Unsicherheit soll überspielt werden mit Machtdemonstrationen. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt Parteien wie die AfD, die FPÖ, der
Front National so erfolgreich sind in Europa.
Nach 9/11 schoss der Verkauf amerikanischer
Flaggen in die Höhe, die Hersteller kamen nicht
hinterher mit der Produktion. Zu groß war der
Wunsch, sich gegen den Feind abzugrenzen, den
eigenen Patriotismus auszustellen. In der Vergangenheit haben Terroranschläge Gesellschaften immer nach rechts driften lassen.
Man würde annehmen, dass eine Gemeinschaft, die ständigem Terror ausgesetzt ist, auch in
ständiger Angst lebt. Dass sie irgendwann angeschlagen sein wird und krank wie ein Boxer, der zu
viele Kämpfe hinter sich hat.
Das Gegenteil ist der Fall. Irgendwann gewinnt der Neokortex die Oberhand, jener Teil
des Gehirns, der für den Verstand zuständig ist. Je
häufiger eine Gesellschaft vom Terror erschüttert
wird, desto mehr gewöhnt sie sich daran. Es gibt
nicht nur eine individuelle, sondern auch eine
soziale Resilienz.
Im Zweiten Weltkrieg verließen Menschen in
den Pausen zwischen Luftangriffen den Bunker
und holten beim Bäcker Brötchen. Während des
Nordirland-Konflikts, in dem Tausende Bomben
gezündet wurden, fuhren die Menschen weiter mit
dem Bus zur Arbeit. In Israel trafen sich die Bürger
mitten in der Intifada im Café und aßen Falafel,
auch wenn sie dabei auf ausgebrannte Autos blickten. Und in Bagdad gehen die Menschen jetzt
noch täglich auf den Markt, obwohl dort immer
wieder Bomben explodieren.
»An alles kann sich der Mensch, dieses
Schwein, gewöhnen!«, so formulierte es einst
Fjodor Dostojewski.
Der Terror wird zu einer neuen Normalität
und dient als weiterer Beweis, unter welch widrigen Bedingungen wir leben können. Und wie
immer, wenn der Mensch widrigen Bedingungen ausgesetzt ist, versucht er sich durch Rituale
zu beruhigen.
Z
Fotos: privat
30. J U N I 2 0 1 6
Handy nahm, hörte er ein berstendes Geräusch.
Dann war die Leitung tot.
Es ist vieles zerstört seitdem. Der Alltag, ein
Lebensplan, Überzeugungen. Nichts ist mehr wie
zuvor, die Welt hört sich nicht einmal an wie früher. Die Mutter schläft jetzt mit Ohrstöpseln, weil
das Vogelgezwitscher am Morgen sie an den ersten
Tag erinnert, an dem sie mit dem Gedanken aufwachte: »Meine Babys sind fort.«
Fünf Wochen nach dem Anschlag, vier nach
der Beerdigung der Kinder, begleitete Marjan
Pinczowski ihren Mann auf eine Dienstreise in die
Vereinigten Arabischen Emirate. Als sie im Hotel
eincheckten, drang die Stimme des Muezzins in
die Lobby, und Marjan trat vor das Hotel. Die
Stimme des Muezzins, sagt sie, klang bittersüß.
Der Flug nach Dubai war ihr erster nach dem
Anschlag gewesen. Abflug in Düsseldorf, um es
wei Monate sind seit dem Attentat vergangen, als die belgische Regierung zu
einer Gedenkfeier lädt. Der 22. Mai ist
ein verregneter Sonntag, in Brüssel sind
die Straßen um den Königlichen Palast
abgesperrt, Soldaten marschieren über die Bürgersteige, Polizisten kontrollieren Autos. Vor einer
Absperrung steigt aus einem Taxi die indische Familie Ganesan. Die Eltern des Programmierers
Raghavendran, der Bruder, die Witwe mit dem
Kind im Arm. Die beiden Frauen tragen ihre feinsten Saris, die Männer Lungis, traditionelle Wickelröcke. Sie gehen die Treppen des gigantischen Palasts hinauf.
Vor einem Jahr ist die Witwe Vaishali die Stufen schon einmal hochgelaufen, an ihrer Seite der
Mann, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte.
2014 hatte sie Raghavendran kennengelernt, und
es war eine Liebesgeschichte wie aus einem Bollywood-Film: verliebt beim ersten Treffen, ein halbes Jahr später die Hochzeit mit Henna und Blumen und Tanz. Sie zog zu ihm nach Brüssel, sie
spazierten durch den Botanischen Garten und ließen sich durch den Königspalast führen. Als sie
schwanger wurde, beschlossen die beiden, dass ihr
Kind in Indien geboren werden und aufwachsen
sollte. Vaishali sollte auf ihrem gemeinsamen Weg
ins neue, indische Leben vorausgehen und dort
auf ihn warten.
Rund 600 Gäste sind in den Thronsaal gekommen, Regierungsmitglieder, Botschafter, Soldaten, Feuerwehrmänner, Überlebende und Hinterbliebene aus der ganzen Welt. Zwischen ihnen
nimmt Familie Ganesan nun schüchtern Platz in
der zweiten Reihe, unter goldverzierten Kronleuchtern, auf Stühlen, die mit rotem Samt bezogen sind.
Ein Bläserquintett spielt Mozart, der König
und der Premierminister halten auf Niederländisch und Französisch Reden, in denen sie von Anerkennung, Mut und einer besseren Welt sprechen.
Familie Ganesan sitzt still im Publikum und
versteht kaum ein Wort, weil keiner für sie
übersetzt.
Die Namen der 32 Todesopfer werden laut und
langsam verlesen, und für jedes einzelne wird eine
weiße Rose niedergelegt.
Raghavendran Ganesan.
Loubna Lafquiri.
Alexander Pinczowski.
Sascha Pinczowski.
Nach dem Anschlag von Brüssel hat es weitere
Attentate gegeben, auf den Schwulenclub in Or-
lando, auf einen Polizisten bei Paris. Kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe dann der Angriff
auf den Atatürk-Flughafen. Er wirkt wie eine Kopie der Tat von Brüssel, auch diesmal könnte es der
IS gewesen sein. Die Bilder aus Istanbul und die
aus Brüssel gleichen sich. Es ist, als wären wir in
einer Endlosschleife des Terrors gefangen.
Wie kann man mit dem Terror leben? Die
Opfer von Brüssel und ihre Angehörigen haben
unterschiedliche Antworten gefunden. Die Eltern
und die Witwe von Raghavendran Ganesan werden mit dem Baby in die Wohnung ziehen, die er
gekauft hatte; der Bruder überlegt, von Paderborn
nach Chennai umzusiedeln, denn er ist es jetzt,
der für die Familie sorgen muss. Auch die
Pinczowskis überlegen wegzugehen, die Mutter
sieht in Europa keinen sicheren Ort mehr. An der
Grundschule, an der Loubna Lafquiri früher unterrichtete, wollen sie eine Turnhalle nach ihr benennen. Der Feuerwehrmann Nicolas Jalet hat
sich in der Schweiz über Brände im Tunnel fortbilden lassen, denn wer weiß, ob die nächste
Bombe nicht in einem Tunnel explodiert.
Und Walter Benjamin?
Im Universitätskrankenhaus, Abteilung Reha,
hat er Besuch von einer Schülerzeitungs-AG.
Sechs Mädchen, zwischen 15 und 17 Jahre alt,
eine Lehrerin und ein Lehrer sitzen auf dem Krankenbett, auf Stühlen, auf dem Fußboden. Die
Mädchen gehen auf eine katholische Schule.
Trotzdem sind von den sechs Schülerinnen fünf
Musliminnen, zwei kommen aus Molenbeek, »die
Eltern schicken sie zu uns«, sagt die Lehrerin,
»weil sie wissen: Hier lernen sie was.« Jetzt hören
sie zu, mit aufgerissenen Augen, wie Walter Benjamin seine Geschichte erzählt: von dem Knall, von
der Feuerkugel, von Hassan Elouafi, der ihm den
Hörer ans Ohr hielt und der blieb, auch als ihm
klar wurde, dass Walter Benjamin Jude ist. Ein
Mädchen sagt: »Ich habe noch nie einen Israeli
gesehen. Wenn das mein Vater wüsste.« Walter
Benjamin erklärt ihr geduldig, dass er zwar Jude
sei, aber die belgische und die französische Staatsangehörigkeit habe, dass Religionszugehörigkeit
und Nationalität nicht dasselbe sind.
Unter den ungläubigen Blicken der Mädchen
entblößt er die Wunde an dem Bein, das ihm geblieben ist, und sagt: »Es wird weitergehen. Es
wird noch mehr Attentate geben. Und man wird
Moscheen anzünden. Es liegt jetzt bei eurer Generation. Ihr müsst miteinander reden.«
Als das Gespräch zu Ende ist, stehen die Mädchen so vorsichtig auf, als könnten sie mit einer
einzigen fahrigen Geste, mit einem einzigen zu
lauten Geräusch das Band zwischen Walter Benjamin und ihnen zerreißen. Höflich verabschieden
sie sich, aber er lässt sie noch nicht gehen.
Er muss ihnen noch von dem Fotoapparat erzählen, den er in seinem Rucksack hatte, als am
Flughafen die Bombe explodierte und wohl auch
den Fotoapparat sprengte. Walter Benjamin hing
sehr an dieser Kamera. Oft zog er am Wochenende
los, um Brüssel, seine geliebte Stadt, zu fotografieren. Nach Molenbeek kam er nie.
Und jetzt will Walter Benjamin nichts dringender als das. Deshalb ist er an seinem Wochenende
daheim, dem ersten Wochenende, an dem er wieder aufrecht ging, noch einmal mit seinem Marionettenbein die 26 Treppenstufen hinabgestiegen.
Er hat sich zu einem Fotogeschäft fahren lassen
und eine neue Kamera gekauft.
Wenn er wieder laufen kann, sagt er jetzt zu
den Mädchen, will er als Fotograf durch Molenbeek ziehen. Er will die Jugendlichen, die bei ihm
im Krankenhaus waren, auch die Mädchen, zu
Hause besuchen. Er will die Welten zusammenbringen. Das ist der einzige Sinn, den er in dem
Attentat sehen kann.
HINTER DER GESCHICHTE
Ausgangsfrage: »Charlie Hebdo«, Bataclan und Brüssel – wir wollten wissen,
wie es an dem Punkt weitergeht, an dem
die Berichterstattung normalerweise aufhört, für die Opfer und die Angehörigen, aber auch für uns alle. Wie verändert der Terror eine Gesellschaft?
Recherche: Die Autorinnen haben per
E-Mail und über soziale Netzwerke
Angehörige von Opfern und Überlebende
kontaktiert. Einige, wie ein Mann aus
Deutschland, der auf dem Weg in die
Flitterwochen seine Ehefrau verloren
hatte, waren nicht bereit, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Andere waren froh,
Gehör zu finden.
Nach der Recherche: Es gibt Momente,
in denen Reporter sich nicht auf ihre Beobachterrolle zurückziehen können. Als
die Protagonisten erfuhren, mit wem die
Autorinnen bereits gesprochen hatten,
baten sie um die Kontaktdaten der anderen Verletzten und Angehörigen – und
bekamen sie. Den Opfern und Hinterbliebenen ist es wichtig, Erfahrungen auszutauschen, Erinnerungslücken zu schließen und sich womöglich als Gruppe zu
organisieren. Walter Benjamin hat eine
Anwältin beauftragt, die Klagen gegen die
belgische Regierung sowie den Flughafenund den Metrobetreiber vorbereitet. Der
Vorwurf: unzureichende Sicherheitsmaßnahmen. Für die Auseinandersetzung
sucht Benjamin noch Mitstreiter.
30. J U N I 2 0 1 6
D I E Z E I T No 2 8
LESERBRIEFE
DAS LESERZITAT
IM NETZ
»Aus unseren Mitgeschöpfen haben wir zu
Unrecht Waren und dann sich selbst verschleißende
Produktionsmaschinen gemacht.« Von Ute Esselmann
Weitere Leserbriefe
finden Sie unter
blog.zeit.de/leserbriefe
0
ZUR AUSGABE N 26
Der Wahlkampf
ist eröffnet
Heiko Maas: »Wir müssen reden,
Leute« ZEIT NR . 26
Der Justizminister beklagt zu Recht den Verfall der politischen Streitkultur und die daraus
folgende Spaltung der Gesellschaft.
Diese Entwicklung ist aber gerade ein herausragendes Merkmal der Bundesregierung, deren Mitglied er ist! Die große Koalition bevorzugt, wie Heiko Maas selbst beklagt,
Scheindebatten, statt sich intensiv den drängenden Problemen der Bürger zu widmen.
Die Regierung, allen voran die Kanzlerin,
lehnt es notorisch ab, alternative Lösungen zu
diskutieren. Stichwort: »alternativlos«. Es
wird beschlossen und gehandelt, ohne die
Bürger zu überzeugen.
Die Wahrheit ist wohl, dass große Koalitionen eben keine Dauerbrenner sind und die
jetzige hat mit absoluter Sicherheit ihr Verfallsdatum überschritten.
Michael Deil, Bargteheide
Ein starker Artikel von unserem Justizminister. Der Mann kann Kanzler. Sigi muss ihn
nur vorbeilassen.
Marc Pitzer, Marburg
Welcher Ihrer Redakteure ist auf die Schnapsidee gekommen, ausgerechnet Heiko Maas
mit dem Verfassen dieses Textes zu betrauen?
War es nicht Heiko Maas, der populistisch
die Pegida-Demonstranten als »Schande für
Deutschland« bezeichnete? War es nicht Heiko
Maas, der mit diesen Leuten nicht reden
wollte? War es nicht Heiko Maas, der Anfang
des Jahrhunderts im Fall der sogenannten
Tosa-Klause das freisprechende Gericht massiv bekämpfte? Ausgerechnet dieser Populist,
sucht nun mit dem Ausruf »Leute, wir müssen reden!« das Gespräch.
Dass Sie solchen Leuten Platz gewähren, halte
ich für äußerst fragwürdig.
Titelillustration: Smetek für DIE ZEIT
Reiner Bühling, Hamburg
Kühe am Weltmarkt
Tanja Busse: »Die Milchmaschine«
ZEIT NR . 26
D
tierhaltung einstellen, besser heute als morgen. Es
gibt kein Menschenrecht auf Tierquälerei.
er Artikel eröffnet mir eine
neue Sichtweise auf die unglückliche Entwicklung der
Milchproduktion. Eine Kuh
kann bis zu 20 Jahre alt werden, überlebt aber als Hochleistungsmilchmaschine gerade mal zwei bis drei Jahre? Ein neuer Aspekt, der
mich darin bestätigt, Biomilch zu kaufen.
Lisa Strippchen, Bielefeld
Der Artikel beschreibt eindrücklich die desolate
Situation der konventionellen Milchproduktion.
Jedoch ist zu bedauern, dass die Alternative dazu,
Biomilch zu produzieren und zu vermarkten, nur
ganz am Schluss erwähnt wird.
Ich sehen die Alternative nicht nur in Biomilch,
sondern mehr noch in der Kombination von biologischer Erzeugung und Direktvermarktung.
Die Schwäche der Landwirtschaft ist, dass sie sich
vollständig in die Klauen der Molkereien und des
Handels begeben hat – selbst landwirtschaftliche
Großbetriebe sind winzig im Vergleich zu den
Großmolkereien und Supermarktkonzernen.
Dr. Bernhard Wessling, Gesellschafter des Kattendorfer Hofes, per E-Mail
Aus unseren Mitgeschöpfen haben wir zu Unrecht
Waren und dann sich selbst verschleißende Produktionsmaschinen gemacht. Wer braucht denn
wirklich Milchprodukte? Eiweiß und Kalzium sind
leicht auch über pflanzliche Alternativen und Mineralwasser aufzunehmen. Wir sollten die Nutz-
Über den Beitrag des Justizministers habe ich
nur den Kopf geschüttelt. Was denkt er sich
eigentlich dabei, die Leser der ZEIT als Leute
zu titulieren? Für kumpelhaftes Verhalten besteht kein Anlass.
Hat Herr Maas Kreide gefressen, dass er Dialoge führen will? Die Menschen, die er mit seinen verbalen Ausrastern beschimpft hat, wird
er mit so einem Angebot sicherlich nicht zurückgewinnen. Er hat ja fast drei Jahre Zeit gehabt,
mit den Bürgern Gespräche zu führen. So erscheint die ganze Aktion doch eher als ein verfrühtes Vorwahlkampfmanöver.
Jörg Lau: »Fetisch Gewalt«
Der Kunde des Bauern sind die Großmolkereien,
die von wenigen Eigentümern bestimmt werden.
Der Bauer hat fast keine Wahl, wenn er seine
Milch verkauft. Hinter den Großmolkereien stehen dann die fünf Supermarktketten, die sich einig sind, so wenig wie möglich zu bezahlen.
Bitte rütteln Sie die Bauern auf, sich wieder zu Genossenschaften zusammenschließen. Sich gegen
halsabschneiderischen Zwischenhandel aufzulehnen
war der Urgedanke der Genossenschaften.
Alexander Breitenbach, per E-Mail
Was für ein wunderbarer Artikel! Vorbehaltlos!
Informativ und in einer schönen, unaufgeregten
Sprache.
Klaus Riediger, per E-Mail
Neben viel Nostalgie und wichtigen Informationen zum Problem, aber auch sachlichen Ungenauigkeiten, enthält der Artikel nur einen weiterführenden Vorschlag, der leider nicht genauer erläutert wird: die Bindung der Milchproduktion
an die Verfügbarkeit von Grünland für jeden Betrieb. Eine solche Regelung wäre ökologisch doppelt sinnvoll: Schutz des Grünlandes in der landwirtschaftlichen Kulturlandschaft und tiergerechte Haltung des Rindviehs.
Politisch wäre das allerdings wohl nicht durchsetzbar: Gerade Großbetriebe ohne Grünland
müssten schließen, und regional würde sich die
Milchproduktion stark verschieben beziehungsweise konzentrieren, zum Beispiel nach Irland
mit ganzjährigem Weidegang.
W
as für ein irreführender Titel:
»Frauen ganz oben«! Da möchte
man als Frau nur lachen – oder
weinen. Oder beides. In den Beiträgen geht es eigentlich um das
Gegenteil. Hätten Sie lieber geschrieben: »Eine
Frau ganz oben und eine zweite, die dasselbe versucht.« Beide Frauen sind immer noch Ausnahmen
in einer männlich dominierten Welt. Ganz oben?
Wir Frauen sind noch weit davon entfernt.
Pia Carazo, per E-Mail
Dr. Artur Behr, Hermannsburg
Ein neuer BMW ist Prestige, steht vorne auf der
Einfahrt. Die Milch versteckt sich im Kühlschrank.
Der tägliche Weidegang gehört der Vergangenheit an, in Laufställen fressen die Kühe ganzjährig Silage und Kraftfutter, ob bio oder konventionell. Die Milch schmeckt entsprechend eintönig (mangelnde Kräutervielfalt, weniger gesättigte Fettsäuren). Ich traue mir zu, dies zu beurteilen, bin seit Jahren im Sommer Senn auf
den Schweizer Alpen. Die Kühe geben hier im
Durchschnitt zwölf Liter Milch am Tag. So viel
gibt eine Kuh, die Bewegung hat und kein
Kraftfutter bezieht – das schmeckt man! Und bei
all den vielen Siegeln: wieso nicht eines »aus
kleinbäuerlicher Erzeugung«? Dann braucht
sich die Milch im Kühlschrank auch nicht mehr
zu verstecken.
einziehen wird und seine Frau – wie diese schon
angekündigt hat – beraten soll. Die Clintons sind
ein politischer Mini-Clan, nicht unähnlich anderen Clans vor ihnen. Es bleibt Benedikt Erenz
vorbehalten, in derselben Ausgabe der ZEIT auf
die »Ehe mit Bill, dem vormaligen US-Präsidenten« hinzuweisen, nachdem er die anderen politischen Clans und ihre Frauen aufgelistet hat, angefangen bei Indira Gandhi über Benazir Bhutto
bis Marine Le Pen. So gesehen ist Hillary Clinton
mit ihrer vom Ehemann abgeleiteten politischen
Existenz eher eine Repräsentantin der alten Zeit.
Dr. Hans-Peter Basler, Frankfurt am Main
Carsten Lorenzen, per E-Mail
Mit welchem Recht oder Anspruch erlauben Sie
sich, die Lebensweise meiner Mutter, meiner Tante
Martha und vieler anderer Frauen als »haustierartig« zu bezeichnen? Schämen Sie sich nicht?
Begriffe wie Zeitenwende wären Iris Radisch mit
Blick auf eine mögliche US-Präsidentin Hillary
Clinton wohl nicht so leicht aus der Feder geflossen, wenn sie Frau Clinton als Ehefrau eines früheren US-Präsidenten betrachtet hätte. Darüber
aber verliert sie kein Wort. Gerade so als wäre es
nicht wichtig, dass Bill Clinton im Falle des
Wahlsieges seiner Ehefrau auch ins Weiße Haus
ZEIT-Scrabble-Sommer (2)
Mitspielen und gewinnen bei der großen Simultan-Partie
Als schwuler Mann interessierten mich besonders ihre Einlassungen, die Bezug auf die entsetzlichen Morde in Orlando nahmen. »Homophobie ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die
enormen Emanzipationsgewinne der Schwulen
und Lesben«, schrieben Sie. Ich musste ihren
Satz schon dreimal lesen und war immer wieder
aufs Neue irritiert. Kann man denn Lesben,
Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen und Intersexuellen ein Eigenverschulden anlasten? Haben
wir Anteil an den Morden, weil wir uns zeigen
und aus dem Schattendasein heraustreten?
Arno Klüglein, Schweiz
Die Preise für Grundnahrungsmittel sind extrem niedrig. Auch als Rentnerin mit 700 Euro
im Monat plädiere ich dafür, dass Milch teurer
werden muss, damit die Bauern davon leben
können. Der Aufschlag dürfte aber nur den Bauern zugutekommen.
Thomas Beyer, Leipzig
Warum der Fokus auf Fußball, EM und Islam?
Weil er gefällig ist. Was ist mit den Drogenkartellen in Mittel- und Südamerika, die vom
Auseinanderklaffen von Moral und Realität in
den Konsumentenländern am Leben gehalten
werden? Was mit Exportsubventionen und
Schutzzöllen bei Agrarprodukten, die die kleinbäuerlichen Strukturen in aller Welt zerstören
und Gewalt über die Menschen bringen? Was
ist mit Klimawandel und Waffenexporten?
Wir leben in einer gewalttätigen Welt. Die
Gewalt brach bisher nur meist anderswo los.
Gudrun Wizisla, Falkensee
Johannes Stockerl, per E-Mail
männliche Seiten. Jesus Christus ist ein Mann
und somit Sohn, denn eine Frau hätte im damaligen Palästina nicht öffentlich wirken können.
Der Heilige Geist ist im Hebräischen weiblich und
wird von den Kirchenvätern als Trösterin und
Mutter weiblich benannt. Von der alten Taufformel
daher eine Erfindung eines männlichen Gottes
durch Männer abzuleiten ist ein Trugschluss.
Es gibt ein probates Mittel gegen Gewalt: niemanden zum Verlierer werden lassen! Bis sich
Denken und Handeln diesbezüglich geändert
haben, bleibt wohl nur die Möglichkeit, Gefährder rechtzeitig zu erkennen und entweder
zu resozialisieren oder wegzusperren. Ich bin
immer wieder erstaunt, zu lesen, dass Attentäter zwar wegen vorheriger Straftaten der Polizei oder dem Verfassungsschutz bekannt, aber
dennoch nicht als gefährlich eingestuft waren.
Dr. Michael Preß, München
Dr. Ulrich Willmes, Paderborn
Es ist falsch zu glauben, Frauen wüssten bessere
Wege. Wenn das stimmte, sähe es im Privaten,
Beruflichen und Politischen anders aus.
IHRE POST
Friedrich Beyer, Pfahlbronn
Thomas Lohmann, per E-Mail
Der christliche Gott hat kein Geschlecht. Gottes
Name ist: Ich bin, der ich bin. Wenn Gott Frau
und Mann nach seinem Bild schafft, so hat er in
der Beziehung zu den Menschen weibliche und
Scrabble-Turnier freuen darf, das im
Herbst in Rheinsberg ausgetragen
wird. Wir gratulieren!
Nun liegen sieben neue Buchstaben
auf dem Bänkchen. Und wieder
lautet die Frage: Welcher Zug bringt
die höchste Punktzahl? Teilen Sie
uns das bitte bis
Montag, 4. Juli 2016, 12 Uhr,
unter der Internetadresse
www.zeit.de/scrabble mit!
Bitte füllen Sie die Eingabemaske
vollständig aus, und vergessen Sie
nicht, Ihre Telefonnummer anzugeben, damit wir Sie umgehend
verständigen können, falls Sie gewonnen haben! Als Trostpreise verlosen wir am Ende der neun Wochen unter allen Mitspielern, die
mindestens einmal eine gültige Lösung eingesandt haben, 20 ScrabbleSpiele aus dem Hause Mattel.
erreicht uns am schnellsten unter der E-MailAdresse [email protected]
Leserbriefe werden von uns nach eigenem Ermessen
in der ZEIT und/oder auf ZEIT ONLINE veröffentlicht. Für den Inhalt der Leserbriefe sind die
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die Texte der ZEIT auf Twitter (@DIEZEIT) diskutieren und uns auf Facebook folgen.
Bei dem Absatz »Die Männer erlegten Tiere (...).
Die Frauen sammelten und blieben im Iglu« bin
ich skeptisch. Meiner Kenntnis nach ist dies eine
Erfindung der – natürlich männlichen – Anthropologen und Archäologen des letzten Jahrhunderts. Es gibt bis heute Stämme, die vom Jagen
und Sammeln leben – und in vielen davon
jag(t)en Frauen und Männer gleichermaßen.
Carola Kamuff, Frankfurt am Main
Das sind unsere Preise:
MEXIKO
Atlantik
DOM.
REP.
JAMAIK A
se schöne Lösung brachte – je nach
Platzierung – jedoch nur 79 bis 90
Zähler ein. Nicht zu toppen war
hingegen die Beugungsform ARTIGEM, die auf 13C–13I mit insgesamt 94 Punkten zu Buche schlug.
Neben gut 800 weiteren Mitspielern kam auch Astrid Hurt-Rosengarten aus Oberursel auf dieses
Wort. Sie ist die Glückliche, die sich
über die Einladung zum ZEIT-
Arne Baron, Berlin
ZEIT NR . 26
Glückwunsch, Frau Radisch! Herzerfrischend,
Ihre Brandrede, und längst überfällig!
BEILAGENHINWEIS
Alle Buchstabensteine in einem Zug
abgelegt – derlei lässt das ScrabblerHerz stets höher schlagen. Schließlich fällt in jedem Fall die Bonusprämie von 50 Punkten an. In der
ersten Runde des Scrabble-Sommers
kamen die Teilnehmerinnen und
Teilnehmer gleich auf ein gutes
Dutzend dieser sogenannten Bingos. Sehr häufig wurde uns dabei
der RAGTIME vorgeschlagen. Die-
Sie behaupten, wir hätten alles getan, um den
Terror zu bekämpfen?!
Dass der Einfall in den Irak 2003 mit dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung eine Farce
war, um einen Krieg um das Öl zu starten, ist
mittlerweile allen bekannt.
Donald Trump als alleinigen Visionär darzustellen ist ebenfalls unangebracht. Sind Ihnen Antiterrormaßnahmen wie ein Stopp von Waffenlieferungen und ein Ende der Rohstoff- und
Arbeitskraftausbeutung entsprechender Länder
wirklich nicht in den Sinn gekommen?
Haustier oder Jägerin
Wiebke Karstens, per E-Mail
Unsere heutige Ausgabe enthält in Teilauflagen
Publikationen folgender Unternehmen: Digitec
Galaxus AG, CH-8005 Zürich; Hamburger Theater
Festival, 20457 Hamburg; HS Bildende Kunst
Braunschweig, 38118 Braunschweig; LeibnizGemeinschaft, 10115 Berlin; Staatliche Museen zu
Berlin, 10785 Berlin
Sind die Schwulen
etwa selber schuld?
ZEIT NR . 26
Ute Esselmann, Bielefeld
Iris Radisch: »Na endlich, sie kommen!«/Titelthema »Frauen ganz oben«
16
Pazifik
PANAMA
Eine Mittelamerika-Kreuzfahrt für 2 Personen
auf der »Mein Schiff 4«, dem vierten Wohlfühlschiff
von TUI Cruises, von La Romana (Dominikanische
Republik) über Ocho Rios, Montego Bay, Cozumel,
Belize, Roatán, Puerto Limón, Colón, Cartagena und
Santo Domingo zurück nach La Romana. Balkonkabine, »Premium Alles Inklusive«, An- und Abreise
von (und nach) einem deutschen Flughafen, Termin
9. bis 23. Dezember 2016. Gewinnen kann, wer mindestens einmal die optimale Scrabble-Lösung findet.
20-mal die Duden-Profi-Box Deutsch
Rechtschreibung, Grammatik und Fremdwörterbuch: In dieser limitierten
Ausgabe, die im September neu erscheint, finden Sie alles, was Sie
brauchen, um die deutsche Sprache wirklich zu beherrschen. Gewinnen
kann am Ende der neun Wochen jede gültige Einsendung.
9-mal: ZEIT-Scrabble-Turnier
Jede Woche verlosen wir unter jenen Mitspielerinnen und Mitspielern, die den besten
Spielzug gefunden haben, eine Einladung
zum 17. ZEIT-Scrabble-Turnier, das vom
30. Oktober bis zum 6. November 2016 im
Maritim Hafenhotel Rheinsberg stattfindet.
Für jeweils eine Person: An- und Abreise per
Bahn, Transfer zum Hotel, Unterkunft mit
Halbpension und Turnierteilnahme.
Spielregeln: Mit dem wertreichsten Wort,
das uns vorgeschlagen wird, spielen wir
nächste Woche weiter. Es zählen nur Wörter,
die im Duden, »Die deutsche Rechtschreibung«, 26. Auflage, verzeichnet sind.
Es gelten die allgemeinen Scrabble-Regeln in
Verbindung mit dem Turnierreglement
(www.scrabble- info.de). Über alle Gewinne
entscheidet das Los, sie können nicht in bar
ausgezahlt werden und sind nicht übertragbar
(im Fall der Kreuzfahrt auch nicht auf eine
andere Reise). Die Punkte aus den einzelnen
Runden werden automatisch registriert
und addiert, wenn Sie jedes Mal unter
demselben Namen und derselben Anschrift
teilnehmen. Pro Person und Woche wird
nur eine Einsendung gewertet: die mit der
höchsten Punktzahl. Weitere Informationen
unter www.zeit.de/newsletter
30. J U N I 2016
D I E Z E I T No 2 8
GESCHICHTE
17
Ein deutscher Vernichtungskrieg
Vor 150 Jahren siegte Preußen in der Schlacht von Königgrätz über Österreich – ein epochales Ereignis, das Europa verändert hat
war zugleich ein Bild für das gewaltgestützte Bewahren der alten Herrschaftsverhältnisse innerhalb des
Deutschen Bundes gegenüber aufbegehrenden Partizipationsansprüchen aus der Gesellschaft.
Dem »bewaffneten Frieden« folgte der »Prinzipienkrieg«. Während Zeitgenossen damit ihre
Kriegsvorstellungen zusammenfassten, stützt
der Begriff aus heutiger Sicht die Einschätzung,
das 19. Jahrhundert sei ein »Zeitalter der Ideologien« gewesen.
Der Meinungs- und Deutungsstreit – zunächst
über den imaginierten, dann über den beendeten
tig als vor zweihundert Jahren der dreißigjährige es
war«, warnte Ende Mai 1866 ein anonymer Autor
der konservativen preußischen Kreuzzeitung. Er
zielte auf das Schreckensbild eines Bürgerkrieges,
der zugleich als fanatisch und leidenschaftlich geführter Kampf unter christlichen Glaubensbrüdern
imaginiert wurde. Zwar riefen nur sehr wenige
Stimmen offen dazu auf. Aber umso engagierter
suchte man wechselseitig den Gegner durch den Vorwurf zu diffamieren, mit dem Appell an die Konfession den Religionskrieg erst zu provozieren. Protestanten und Katholiken erlagen dieser Versuchung
staaten ein, deren Koalition mit Habsburg den
Waffengang erst zum Bruderkrieg machen würde. Die
damit einhergehende Radikalisierung der verbalen
Kriegsführung, bei der entmenschlichte Feindbilder
an bürgerlichen Ordnungs- und Besitzängsten rüttelten, nahm man billigend in Kauf.
Wer in der öffentlichen Debatte hingegen den
Duellcharakter in der Auseinandersetzung zwischen
Preußen und Österreich unterstrich, zielte auf dynastische Loyalitäten und partikularstaatliche Bindungen.
Nach Kriegsende wurde vom »Siebenwöchigen Krieg«
oder auch vom »Seven Weeks’ War« gesprochen. In
Abb.: akg-images; kl. Abb.: Interfoto; Wappen: Wikipedia
Z
eitgenossen fühlten sich an Waterloo erinnert: Als sich am 3. Juli
1866 der Pulverdampf nahe dem
nordböhmischen Königgrätz, dem
heutigen Hradec Králové, legt, ist
nicht nur eine blutige Schlacht
geschlagen; fast 8000 Tote und
14 000 Verletzte blieben zurück. Der deutschdeutsche Krieg hat mit der verheerenden Niederlage Österreichs gegen die preußische Armee auch
politisch Weichen gestellt.
Königgrätz war ein weltgeschichtlicher Einschnitt. Umso erstaunlicher ist es, dass er
in Deutschland weitgehend vergessen ist.
Die preußischen Sieger schrieben in der
Folge ihre eigene, kleindeutsche Geschichte. Mit ihr geriet aus dem Bewusstsein, dass Österreich vor 1866 ganz selbstverständlich zu Deutschland zählte und
die Habsburger, die über Jahrhunderte die
deutschen Kaiser gestellt hatten, seine zumindest historisch legitime Führungsmacht waren. In Österreich ist die Erinnerung daran noch wach und Königgrätz bis
heute traumatisch aufgeladen.
Der vor 150 Jahren geführte Krieg verdient unsere Aufmerksamkeit auch aus
einem anderen, aktuellen Grund. Denn
während Schlachtenverlauf, Bündnisse
und militärgeschichtliche Aspekte, etwa
die kriegsentscheidende Wirkung des
preußischen Zündnadelgewehrs, oft erörtert wurden, ist kaum bekannt, welch
extreme Rhetorik den Krieg begleitete.
Beide Seiten griffen auf religiöse Gefühle
zurück, die als Mittel der Kriegspropaganda ausgeschlachtet wurden.
Die Zeitgenossen hatten hellsichtig die
epochale Bedeutung der Schlacht von
Königgrätz erkannt. »Casca il mondo!«, die
Welt stürzt ein, soll der römische Kardinalstaatssekretär Giacomo Antonelli ausgerufen haben, als er von ihrem Ausgang erfuhr.
Die in München erscheinenden Historischpolitischen Blätter für das katholische
Deutschland konkretisierten: »Das Neue
hat definitiv gesiegt über das Alte; das besiegte Alte aber datirt nicht erst von 1815
herwärts, sondern bis auf Karl den Großen
zurück. Die Reichs-Idee ist gefallen und
begraben; und wird das deutsche Volk je
wieder in einem Reiche vereinigt werden,
so wird es ein Reich seyn, das nicht eine
tausendjährige, sondern nur eine dreihundertjährige Geschichte hinter sich hat.«
Das war klug beobachtet, auch wenn erst
Jahrzehnte später ein österreichischer Gefreiter die exhumierte Reichsidee endgültig
in den Orkus der Geschichte beförderte,
als er die Entscheidung von 1866 revidierte, seine Heimat »heim ins Reich« holte
und skrupellos ein neues tausendjähriges
Reich anstrebte – das nach nur zwölf Jahren in einer
beispiellosen Katastrophe unterging.
Die Ursache für den Krieg von 1866, der drei
Wochen nach der entscheidenden Schlacht von
Königgrätz endete, bildete der schwelende Wettstreit
Preußens mit Österreich um die Führungsrolle im
Deutschen Bund. In dem waren seit der politischen
Neuordnung durch den Wiener Kongress 1815 die
deutschen Einzelstaaten zusammengeschlossen. Der
Zwang zu einer gewaltsamen Entscheidung, den Otto
von Bismarck im jahrzehntealten preußisch-österreichischen Dualismus angelegt sah, machte einen
»gründlichen inneren Krieg« aus seiner Sicht alternativlos. Später bekannte der Generalstabschef
Helmuth von Moltke: »Es war ein im Kabinett als
notwendig erkannter, längst beabsichtigter und ruhig
vorbereiteter Kampf, nicht um Ländererwerb, Gebietserweiterung oder materiellen Gewinn, sondern
für ein ideales Gut, für Machterweiterung.«
Als Anlass diente Bismarck ein Konflikt um die
beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein. Ihretwegen hatten Preußen und Österreich 1864 noch
vereint einen Feldzug gegen Dänemark geführt.
Doch der Sieg war schnell in die Konfrontation der
beiden konkurrierenden Großmächte im Deutschen
Bund gemündet.
Im Zentrum des neuerlichen Streits stand das
Wiener Vorgehen bei der Verwaltung Holsteins,
das seit der Gasteiner Konvention von 1865 Österreich unterstand, während Preußen Schleswig
erhalten hatte.
Am 9. Juni ließ Bismarck seine Truppen in Holstein einmarschieren. Fünf Tage darauf beschloss
der Bundestag die Mobilmachung des Bundesheeres, in das alle Mitgliedsstaaten Truppen entsandten. Preußen reagierte wiederum mit dem Austritt aus dem Deutschen Bund und erklärte ihn für
aufgelöst – die Entscheidung wurde fortan auf dem
Schlachtfeld gesucht.
Damit endete ein lang gewahrter »bewaffneter
Frieden«, eine Art Kalter Krieg avant la lettre. Dieser
Begriff beschrieb die auf einem prekären Mächtegleichgewicht beruhende Friedenszeit in Europa und
Das preußische Heer in der Schlacht von Königgrätz, nach einem Aquarell von Carl Röchling, 1894
Krieg – wurde wesentlich auf den Schlachtfeldern
geschlagener Kriege ausgetragen. Wer die Folgen
eines innerdeutschen Krieges mit einem historischen
Beispiel belegen wollte, berief sich auf das Bild vom
Dreißigjährigen Krieg als einer »Art Armageddon der
deutschen Geschichte«, wie der Historiker Nikolaus
Buschmann sagt. Das war keine Laune der Kriegspropaganda 1866. Die Kontrahenten knüpften
vielmehr an Deutungsmuster an, die seit den Befreiungskriegen zu Beginn des Jahrhunderts besonders in Krisenzeiten präsent waren.
In der Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg
als deutsches Urtrauma pflegten Eliten der National-
Die Österreicher warnten vor einem
»Bruderkrieg«, vergleichbar
dem amerikanischen Sezessionskrieg
bewegung eine Art Tragikstolz: Nationale Minderwertigkeitsgefühle, ausgelöst durch die partikulare
Zersplitterung und Schwäche des Deutschen Bundes,
und Einkreisungsängste gegenüber dem Ausland
mischten sich mit einer spezifisch deutschen Hybris
– dem aus einem verklärten Bild des mittelalterlichen
Reiches abgeleiteten Sendungsbewusstsein. Hier zeigt
sich, wie nachhaltig sich die Erfahrungen extremer
Gewalt und nicht verarbeiteter Schuld auf die politische Kultur in der nationalen Findungsphase auswirkten. Das offenbart insbesondere die konfessionelle Intonation der Kriegsauslegung.
»Vielfache Anzeichen deuten darauf hin, daß ein
Religionskrieg im Anzuge ist, vielleicht ebenso blu-
gleichermaßen und griffen tief in die Asservatenkammer der konfessionellen Polemik.
In Preußen wurde von der »neuen Österreichischen Liga« fabuliert und den »Römlingen in Österreich« unterstellt, sie strebten einen »heiligen
Krieg«, einen »Kreuzzug gegen die protestantischen
Ketzer in Deutschland« an. In Süddeutschland wiederum machte eine Kriegsspielfigur mit Pickelhaube
Furore, deren Inschrift das Kinderlied Maikäfer flieg
aus der Zeit der Glaubenskämpfe aktualisierte: »Leise, Kindlein, leise! / Sonst kommt der böse Preuße /
Der Bismarck kommt dahinter / Und frisst die großen Kinder«. In unzähligen Artikeln beider Seiten
trieben die Feldherren des Dreißigjährigen Krieges
Gustav Adolf, Wallenstein und Tilly als historische
Wiedergänger ihr Unwesen.
Der Versuch, religiöse Gefühle politisch auszubeuten und die Kriegsführung zu fanatisieren, blieb
1866 – auch wenn vereinzelt über Kirchenschändungen und Gewalt gegen katholische Priester berichtet wurde – ein Phänomen der Propaganda. Religion war längst, wie Heinrich August Winkler
betont, zur Ideologie geworden, so wie sie auch
heute oftmals ein Vehikel zur Durchsetzung machtpolitischer Ansprüche ist und vielfach bloß dazu
dient, weltliche Interessen oder soziale und kulturelle
Verwerfungen zu kaschieren.
Als wirkmächtig erwiesen sich in der angespannten Vorkriegsstimmung Berichte über den amerikanischen Sezessionskrieg, der von 1861 bis 1865
währte. Als Bürgerkrieg wie als Vorbote des modernen industrialisierten Krieges konnte er Ängste
schüren. Im Deutschen Bund gehörte die Warnung
vor dem »Bruderkrieg« insbesondere zum Arsenal
großdeutsch-österreichischer Deutungseliten, die sich
in Zeitungen, Zeitschriften, Flugschriften und Büchern ihren Gegnern entgegenstemmten.
Anhänger der preußischen Konfrontationspolitik
stellte das Bild vom »Brudermord« vor eine ernste
Herausforderung. Wohl als Reaktion darauf fantasierten sie mit Blick auf den habsburgischen Vielvölkerstaat von einem drohenden »Rassekrieg«. Dadurch
forderten sie die Neutralität der süddeutschen Mittel-
der Assoziation des auf wundersame Weise gewonnenen Siebenjährigen Krieges Friedrichs des Großen
spiegelt sich die allgemeine Überraschung über den
Sieg Preußens gegen das vermeintlich überlegene Österreich, auf dessen Seite immerhin die Mehrzahl der
Bundesstaaten gekämpft hatte. »Du hast’s erreicht. In
dreißig Tagen / Hast Du den dreißigjährigen Krieg /
und dreißig Herrn aufs Haupt geschlagen«, fasste entsprechend ein dem preußischen König gewidmetes
Gedicht die partikularstaatlichen Konsequenzen des
Kriegsausgangs in pathetische Verse.
Im Moment des preußischen Sieges brachen im
liberal- und nationalprotestantischen Lager alle
Die Preußen stilisierten den Krieg
zum Kampf um
Sein oder Nichtsein der Nation
Dämme der konfessionspolitischen Zurückhaltung.
»In der Schlacht bei Königgrätz hat endlich der dreißigjährige Krieg seinen Abschluß gefunden: der nationale Gedanke und der Protestantismus haben
gesiegt«, jubelte in Berlin die Protestantische Kirchenzeitung für das evangelische Deutschland. Unter Preußens Führung könne sich die nunmehr selbstständige
deutsche Nation durchweg nach protestantischen
Grundsätzen gestalten.
Diese kulturkämpferische Deutung des Krieges
war für das kulturprotestantische Lager im Ganzen
typisch. Zwar stand sie im Kontrast zur Bedeutung
der »unbeseelten« Kriegstechnik, die für den Ausgang
des Krieges verantwortlich gemacht wurde. Doch
VON HILMAR SACK
selbst das Zündnadelgewehr wusste man mit der
grotesken Überhöhung seines Erfinders Johann
Nikolaus von Dreyse zum »Luther der Waffentechnik« konfessionell zu deuten.
Im militärischen Dreisprung zur kleindeutschen
Einheit unter preußischer Führung – 1864, 1866,
1870/71 – nimmt der innerdeutsche Krieg eine
Sonderstellung ein. Hans-Ulrich Wehler hat zu
Recht seine komplexe Natur betont. Er sei ebenso
ein konventioneller Staatenkrieg um die Vorherrschaft wie ein nationaler Integrationskrieg und im
Ergebnis ein Bürgerkrieg gewesen. Im militärischen
Sinn waren die Schlachten der Höhepunkt der Kabinettskriegsführung im
industriellen Zeitalter.
Den Rubikon zur Totalisierung des
Kriegs überschritt die militärische Führung noch nicht, wie der Historiker Stig
Förster sagt. In der öffentlichen Debatte
hatten Teile der politischen Öffentlichkeit
den entscheidenden Schritt allerdings bereits getan. Hier wurde die Auseinandersetzung zum Kampf um Sein oder Nichtsein der Nation stilisiert und in unversöhnlicher Härte zum »Vernichtungskampf« aufgerufen.
Der Kriegsausgang hinterließ tiefe
Spuren im politischen Bewusstsein und
zog Parteigrenzen neu. Manche von Bismarcks schärfsten konservativen und liberalen Kritikern ergaben sich der Realität,
andere sahen ihren Kriegsfatalismus oder
ihre kriegstreiberische Haltung vom Frühsommer in der Entscheidung von Königgrätz nachträglich sanktioniert.
Einige Zeitgenossen erkannten im Sieg
Preußens und in der anschließenden Annexion von Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau und der Freien
Stadt Frankfurt eine nationale Umwälzung. »Die 1848 und 1849 von unten
nicht durchgeführte Revolution ist 1866
von oben fortgeführt worden«, lautete das
überraschend positive Fazit der liberalen
Augsburger Allgemeinen Zeitung, deren
großdeutsches Ideal in Königgrätz zerschlagen worden war. Finis Germaniae
riefen diejenigen, die sich der legitimierenden Interpretation der preußischen
Annexionspolitik als nationaler »Revolution von oben« nicht unterwerfen wollten.
In einer Einschätzung trafen sich alle
Seiten: Der Ausgang der Schlacht von
Königgrätz hatte das deutsche Schicksal
nur halb entschieden – innerdeutsch. Dass
sich der »bewaffnete Frieden« Europas erst
im einigenden Nationalkrieg gegen Frankreich wirklich beenden lasse, wurde zum
Allgemeinplatz der Nachkriegsdebatte.
Der Frieden mit Österreich trug, wie die
Zeitgenossen ahnten und später Marx und
Engels betonten, den Krieg mit Frankreich
bereits in seinem Schoß.
Als dieser Krieg fünf Jahre später geschlagen war,
kommentierte Jacob Burckhardt das Ergebnis ironisch mit den Worten, von nun an werde »die ganze
Weltgeschichte von Adam an siegesdeutsch angestrichen und auf 1870/71 orientirt«.
Er sollte recht behalten. Der Sieg über den vermeintlichen Erbfeind, mit dem sich im Spiegelsaal
von Versailles der Traum vom deutschen Nationalstaat
in seiner kleindeutschen Version erfüllte, ließ den
Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 und den innerdeutschen Krieg von 1866 als Zielgerade einer nationalpolitischen »Einbahnstraße« (Dieter Langewiesche)
erscheinen. Auf ihr lief die deutsche Geschichte
zwangsläufig auf das Kaiserreich unter preußischer
Führung zu – eine Interpretation, der über Generationen hinweg nachhaltig Erfolg beschieden war.
Vermutlich wird das 150-jährige Jubiläum des
Deutsch-Französischen Kriegs in fünf Jahren eine
große öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Dem
deutsch-deutschen Krieg ist das in diesem Jahr nicht
beschieden. Was man bedauern muss, zumal HansUlrich Wehler zufolge der historische Einschnitt des
Kriegs von 1866 tiefer reichte als der des DeutschFranzösischen Krieges. Mit dem wurde die innerdeutsche Weichenstellung nur noch einmal besiegelt.
Dass sich das ansonsten so gedenkaffine
Deutschland für den 150. Jahrestag von Königgrätz
kaum interessiert, ist auch deshalb schade, weil
wesentliche Aspekte des Kriegs von 1866 bemerkenswert aktuell sind. Das trifft vor allem für die
erstaunliche religiöse Überfrachtung der Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich zu.
Diesem Befund sollten wir uns gerade in heutiger
Zeit stellen, da wir nicht selten mit einer Attitüde
kultureller Überlegenheit auf andere Religionen und
Weltregionen schauen.
Von Hilmar Sack erschien 2008 beim Berliner Verlag
Duncker & Humblot das Buch »Der Krieg in den
Köpfen. Die Erinnerung an den Dreißigjährigen
Krieg in der deutschen Krisenerfahrung zwischen
Julirevolution und deutschem Krieg«
30. J U N I 2 0 1 6
D I E Z E I T No 2 8
FUSSBALL
EURO 2016
18
Offene Wunde
Nach dem EM-Aus 2012 trifft Joachim Löws Team nun erneut auf Italien.
Hat sich der Trainer seitdem weiterentwickelt? VON CATHRIN GILBERT
Löw ist nicht zu dechiffrieren, er will sein
Inneres als letzten Rückzugsort bewahren
Es gibt kaum einen Tag, an dem der 56-Jährige
nicht präsent ist. Jogi Löw ist nicht nur Trainer, er
wirkt während dieses Turniers auch wie der Außenminister des DFB. Vielleicht liegt das daran,
dass es seit dem Weggang von Co-Trainer Hansi
Flick kein weiteres bekanntes Gesicht auf der Trainerbank mehr gibt. Seit Wochen erklärt er akribisch die Entwicklung der Mannschaft und seine
Arbeit. Aber warum bloß verfliegen seine Worte so
schnell, und am Ende hallt, wie bei der Pressekonferenz in Lille, wieder nur diese lästige Frage
eines österreichischen Reporters nach: »Herr Löw,
wissen Sie schon, welches T-Shirt Sie beim nächsten Spiel tragen werden?«
Vielleicht ist das ständige Beurteilen seines Äußeren Resultat der Tatsache, dass Löw als Person
trotz seiner Präsenz nach wie vor nicht zu durchschauen ist. Er ist nicht zu dechiffrieren, er will sein
Inneres als letzten Rückzugsort bewahren.
Seit der Niederlage gegen die Squadra Azzurra
im Halbfinale der Europameisterschaft 2012 hat
sich etwas Entscheidendes geändert: Die Deutschen sind Weltmeister, und Joachim Löw ist
Weltmeistertrainer. »Dieses tiefe Glücksgefühl«,
sagte er nach dem Titelgewinn 2014, »wird auf
ewig bleiben.« Wie sehr ihn das geprägt hat, kann
man hier in Frankreich in den Momenten beobachten, die nicht von der Kamera eingefangen
Bundestrainer
Joachim Löw und
Jérôme Boateng
beim Achtelfinale
gegen die Slowakei
HITZLSPERGER
Island im Finale? Wie bezwingt man ältere Herren?
Dringende EM-Fragen an unseren Kolumnisten
DIE ZEIT: England ist bei diesem Turnier aus-
geschieden, Nationaltrainer Roy Hodgson ist
nach der Niederlage gegen den Außenseiter Island zurückgetreten. Wollen wir jetzt alle Isländer sein?
Thomas Hitzlsperger: Zugegeben, das Ergebnis
hat mich sehr überrascht. So souverän die
Engländer die Qualifikation bestritten haben,
so kläglich sind sie diesmal wieder gescheitert.
Die Isländer haben jedoch wieder eine ganze
Menge Fans hinzugewonnen, weil sie mit ihrer
ganzen Leidenschaft den Sieg erzwungen und
erkämpft haben.
ZEIT: Wie weit kann diese Begeisterung die Isländer tragen? Bis ins Finale?
Hitzlsperger: Das ist natürlich nicht ausgeschlossen, aber ich würde trotzdem nicht darauf wetten. Diese Überraschungssiege machen doch einen großen Teil der Attraktion
aus. Allerdings: Die Deutschen sollten nicht
zu viel über Island nachdenken. Dafür ist das
Spiel gegen Italien am Samstag eine zu große
Hürde. Es ist das vorweggenommene Endspiel
dieser Europameisterschaft.
ZEIT: Eine Altherrenmannschaft sollte doch
zu schlagen sein.
Hitzelsperger: So leichtsinnig ist Jogi Löw
nicht. Es ist unerheblich, dass hier die jüngste
gegen die älteste Mannschaft des EM-Turniers
antritt. Joachim Löw steht vor einer großen
und schwierigen Aufgabe. Italien hat nämlich
bewiesen, dass sie nicht nur hervorragend
verteidigen, sondern auch das Spiel bestimmen können. Letzteres war bisher die Spezialität der Deutschen und der Spanier. Die Taktik wird eine ganz wichtige Rolle spielen. Es
gilt, von Beginn an zu agieren und nicht zu
reagieren.
ZEIT: Was beeindruckt Sie am Spiel der Italiener besonders?
Hitzelsperger: Ihre taktische Disziplin. Die
Spanier, die als Favorit gehandelt wurden, hatten kaum Tormöglichkeiten gegen die Italiener. Ich war erschrocken.
ZEIT: Spätestens seit dem Sieg im Halbfinale
bei der EM 2012 gilt Italien als der Angstgegner der deutschen Nationalmannschaft ...
Hitzelsperger: Vier Jahre sind eine lange Zeit
im Fußball. Am Samstag beginnt eine neue
Zeitrechnung.
Die Fragen stellte Hanns-Bruno Kammertöns
W
as stört eigentlich an Cristiano Ronaldo?
Warum wird der größte Star der EM unablässig mit Schmutz beworfen? Spielt er
nicht wie ein Gott, nämlich wirklich spielerisch,
springt er nicht wie ein Gott, nämlich flügelleicht,
kann er nicht sogar – das Schwierigste – sich zurücknehmen, wenn es die Taktik verlangt?
Gewiss, er hat Tore nicht geschossen, die er
hätte schießen können. Aber gehört zum Fußball
nicht immer auch etwas Glück? Spricht mangelndes Glück gegen Begabung? Doch wohl nur dann,
wenn man wie der zynische römische Diktator
Sulla der Meinung ist, dass Glück ein Teil der Begabung sei. Wir alle wissen, dass es so nicht ist.
Auch Pech und Begabung können sich vermählen.
Im Übrigen hat Ronaldo in seiner glänzenden Karriere von Sporting Lissabon über Manchester
United zu Real Madrid das Glück schon im Übermaß genossen. Viermal hat er den Goldenen Schuh
als bester Torschütze Europas bekommen. Was
vermag dagegen die eine oder andere Mattigkeit,
der eine oder andere Fehlschuss in einer ohnehin
matten EM voller fehlgeschlagener oder, schlimmer noch, gar nicht versuchter Torschüsse anderer?
Und es ist ja auch nicht so, dass sich Ronaldos
Charisma gar nicht entfaltet hätte. Er hat schon
sehen lassen, was er kann. Eine besondere Aura,
dieses gewisse Strahlen, ist sowieso immer um ihn,
jener Glamour, den sonst nur Schauspieler durch
ihre bloße physische Präsenz entfalten. Natürlich
ist er auch ein hübscher Junge, natürlich erzählt
seine Karriere auch vom Wunder der Befreiung
aus elenden Verhältnissen. Vieles wird daran übertrieben sein, manches spricht dafür, dass der Vater,
werden: Rollte er früher noch den Oberkörper
schutzsuchend ein, streckt er jetzt die Brust raus, er
lächelt, sucht die Begrüßung selbstbewusst mit
Handschlag, fragt, wie es dem Gegenüber geht. Da
ist kein Suchender, kein Fragender unterwegs, der
Weltmeister Löw weiß, was er erreicht hat. Aber
weiß er auch, wo er hinwill?
Er möchte den WM-Titel in Russland verteidigen. Davon spricht er oft. Dieses Ziel ist sein größter Antrieb. Und natürlich will er auch die Europameisterschaft gewinnen. »Am Samstag treffen die
beiden stärksten Teams dieses Turniers aufeinander«, sagt Löw, er habe keine bessere Mannschaft
als Italien und Deutschland beobachtet. Die
Chancen auf einen Sieg der Deutschen im Viertelfinale stehen nicht schlecht, die DFB-Elf hat sich
im Verlauf dieses Turniers immer weiter gesteigert,
jetzt wirkt sie vor allem in der Defensive stabil.
Löw veränderte seine Mannschaft in der vergangenen Partie gegen die Slowakei nur auf einer
Position: Julian Draxler rückte für Götze in die
Startelf und interpretierte die Rolle des Linksaußen
anders. Er bewegte sich nicht nur im linken Halbraum, er war meist dort zu finden, wo der Ball war.
Durch flexibles Wechseln der Seiten sorgte er mal
für Überzahl auf dem rechten Flügel, mal bot er
sich an der linken Seitenlinie für einen Doppelpass
mit dem Linksverteidiger an. Das Team zeigte viel
Bewegung im letzten Drittel, das Positionsspiel entfaltete sich jetzt freier als in den Begegnungen zuvor.
Thomas Müller ließ sich immer wieder ins zentrale
Mittelfeld fallen, Mesut Özil rochierte im Gegenzug
dazu nach links oder rechts. Diese Sprints in den
Sechzehner oder auf die Flügel führten dazu, dass
mehr Akteure anspielbereit waren, sie zogen Gegenspieler auf sich. Mit ihrem Aufrücken sorgten die
Außenverteidiger für eine breitere Spielanlage.
Löw sagt, er habe aus der Niederlage gegen die
Italiener im Jahr 2012 gelernt. Und dies gilt auch
für Profis wie Manuel Neuer, Thomas Müller, Mesut Özil oder Toni Kroos. Sie alle spielen seit Jahren
auf höchstem Niveau, die Niederlage vor vier Jahren könnte eine zusätzliche Motivation sein. Sie
gilt als der bislang einzige echte Rückschlag in der
Ära von Jogi Löw, die einzige Wunde, die es noch
zu schließen gilt.
Was geschieht mit dem Bundestrainer im Falle
einer Niederlage gegen Italien? DFB-Präsident
Reinhard Grindel hat sich bereits festgelegt: Er
will den Trainer sogar über die WM-Endrunde
2018 in Russland hinaus an den DFB binden.
»Selbstverständlich wünsche ich mir, dass wir mit
ihm noch sehr lange zusammenarbeiten. Wenn
der Bundestrainer nach der EM auf mich zukommt und über eine Vertragsverlängerung reden
möchte, werden wir uns zusammensetzen«, sagt
Grindel. Das Angebot sei unabhängig vom Ausgang der EM in Frankreich. »Ich halte ihn für den
besten Trainer für unsere Nationalmannschaft. An
diesem Urteil wird sich auch nichts ändern, wenn
Deutschland nicht den EM-Titel holt«, sagt Grindel. Joachim Löw genießt so hohe Beliebtheitswerte, da kommt es in der Öffentlichkeit gut an,
wenn man sich zu ihm bekennt.
Aber die Situation ist trügerisch. Eine Niederlage
am Samstag könnte vieles verändern: Der Nimbus
des erfolgreichen Weltmeistertrainers wäre beschädigt. Das Schöne am Erfolg ist, dass man ihn
nicht erklären muss. Das Hässliche ist, dass er
sich manchmal verflüchtigt, ohne sich zu verabschieden. Diese Erfahrung machte Spanien am
vergangenen Montagabend im Spiel gegen Italien. Der Titelverteidiger wirkte lethargisch, als
hätte die Mannschaft Valium zu sich genommen.
Ihr Coach Vicente del Bosque hat immer Wert
darauf gelegt, Teams eine nachhaltige Identität zu
geben. Das lebte er schon als langjähriger Vereinstrainer von Real Madrid vor. Der Spanier glaubt,
dass sich »in einer Mannschaft der Charakter des
Trainers widerspiegelt«. Taktisch wie zwischenmenschlich und auch im öffentlichen Auftreten
verstand er es perfekt, den Mittelweg zwischen
Extremen zu finden. Er beherrschte nicht nur
lange die Kunst, zwischen schwierigen und glamourösen Spielerpersönlichkeiten Harmonie aufzubauen, sein Antrieb als Coach ging darüber hinaus: Sein Beitrag als Nationaltrainer war es auch,
»eine gewisse Einfachheit beizubehalten, diese
ganze Welt des Marketings zu entdramatisieren«.
Weil er sich nicht verbiegen lassen wollte, wurde
er bei Real Madrid entlassen. Der Präsident sagte
damals, del Bosques Profil passe nicht zum Image
des Vereins.
Das Strahlen
von CR7
obzwar Alkoholiker, reizend war. Aber in der Legende liegt ohnehin nicht die Erklärung.
Ronaldo zwingt zur Bewunderung; das ärgert
die Leute. Darum suchen sie unablässig nach
Gründen, sich der Bewunderung zu entziehen.
Was könnte man gegen Ronaldo sagen? Wobei
ihn ertappen? Wie, besser noch, seine Stärken in
Schwächen umdeuten? Darum versucht man,
Charisma in Arroganz umzudeuten, obwohl er
nach allen Spielerzeugen der Allerlustigste im
Umgang ist. Aber hat er nicht gerade einem zudringlichen Reporter das Mikrofon ins Wasser
geworfen? Gegenfrage: Warum sollte er nicht?
Hat nicht auch ein Prinz von Hannover einen
Reporter sogar mit dem Regenschirm geschlagen? Ungesetzlich ist so etwas, aber unrecht noch
lange nicht. Ungebetene Reporter sind die Pest.
Nur leider neigen diese Reporter und andere
Schnattermäuler zu einer rachsüchtigen Solidarität. Auch sie fühlen sich als Stars, da stört es,
wenn ihnen ein Fußballer in die Sonne tritt. Ist
Ronaldo, der manchmal schmollt und verzagt,
vielleicht ein verwöhntes Bürschchen, das sich als
etwas Besseres fühlt? Das wäre natürlich, aus dieser journalistischen Perspektive, hassenswert. Der
tiefste Grund der Antipathie könnte darin liegen,
dass er so gar nicht als das dumpfe und stumpfe,
verschmierte und verschwitzte Männertier daherkommt, das hierzulande als Inbegriff des Fußballers gilt. Ist dieser manierlich gescheitelte
Ronaldo mit den feinen Gesichtszügen am Ende
unzureichend proletarisch? Die besessene Kritik
an ihm verrät viel über ein archaisches Männerbild, dessen Ideal die Rohheit ist.
Cristiano Ronaldo zwingt
zur Bewunderung, das ärgert
die Leute. Deshalb rächen
sie sich, deuten seine Stärken
in Schwäche um
VON JENS JESSEN
Ein Bürschchen, das sich
als etwas Besseres fühlt?
Der Mann aus dem Schwarzwald nimmt
Situationen immer so an, wie sie sind
Nun ist Joachim Löw der Trainer dieses Turniers,
der vor allem für Kontinuität steht. Er ist kein Revolutionär. Er stellt sich nicht gegen das System
und die Bedingungen. Er hat sich schon immer
mit den Begebenheiten arrangiert. Als sich der damalige Kapitän Michael Ballack im Sommer 2010
so schwer verletzte, dass er für die WM in Südafrika
ausfiel, baute Löw kurzfristig die Mannschaftsführung komplett um. Aus der Not heraus entwickelte sich ein neuer Spielstil mit begeisternden
Auftritten. Als einer der Vereine, die Löw in Österreich trainierte, zahlungsunfähig war, trainierte
er die Mannschaft ohne Gehalt weiter und führte
sie zum Titel. Er übernahm den VfB Stuttgart zu
einem sportlich schwierigen Zeitpunkt, obwohl
sein Nachfolger schon feststand. Und erreichte
mehr, als man ihm zunächst zugetraut hatte. Er
verfügt über die Fähigkeit, Turniere auf sich zukommen zu lassen. Er führt und entscheidet intuitiv. Bei der Einwechslung im WM-Finale sagte er
Mario Götze: »Zeig der Welt, dass du besser bist als
Messi.« Das war kein Satz, den er sich lange zurechtgelegt hatte. Er sagte ihn spontan, aus der Spannung
des Augenblicks heraus.
Der Mann aus dem Schwarzwald nimmt Situationen immer so an, wie sie sind. Er ist derjenige, der den Raum schafft, damit äußerst begabte und sehr unterschiedliche Ballartisten
zusammen ihre Kunst vollenden können. Im
Moment ist er noch der umjubelte Stararchitekt.
Im Erfolgsfall wird er das auch noch nach dieser
EM sein. Er möchte keinen Heldenstatus, der
über den des Trainers Löw hinausgeht. Er hat
nicht vor, sich zu verstellen und sich selbst zu
erhöhen.
Fotos: Tim Groothuis/Witters; [M] Francisco Leong/AFP/Getty Images (u.)
G
erade wirken die Bilder des
Triumphs der Squadra Azzurra noch nach, da vibriert das
Handy. Keine Stunde ist seit
dem Schlusspfiff des Duells
zwischen Italien und Spanien
vergangen, schon vermeldet
der Deutsche Fußball-Bund per SMS: »Jogi Löws
Statement zum Viertelfinalgegner Italien ab 20:45
Uhr auf DFB-TV«. Und so erscheint der Bundestrainer wenig später vor einer im Garten des Mannschaftshotels in Évian aufgestellten Kamera und
blinzelt in die Abendsonne, bordeauxrote Hecken
blühen im Hintergrund, eine rauchige DFBStimme fragt: »Italien 2 : 0 gegen Spanien, du hast
das Spiel gesehen, wie hat’s dir gefallen?« Ganz
schön imponierend, dieses Spiel der Italiener, sagt
Löw und fügt hinzu, Deutschland sei diesem Team
bisher bei jedem Turnier unterlegen, aber: »Jetzt
haben wir die Chance, das mal umzudrehen.« Warum macht Joachim Löw so was, anstatt seine Einschätzung in Ruhe am nächsten Morgen zu erklären? Weil selbst er sich an die Spielregeln seines Jobs
halten muss, und dazu gehört im Jahr 2016 auch
verbandsinterne Öffentlichkeitsarbeit via DFB-TV.
Es ist bereits die zweite SMS des DFB an diesem
Tag: Löws Besuch auf der Pressekonferenz am
nächsten Morgen wurde auch schon angekündigt.
Und am Vorabend saß der Trainer nach dem
3 : 0-Sieg gegen die Slowakei vor versammelter Presse auf dem Podium im Stadion in Lille und sagte:
Falsche Neun, richtige Neun, das sei doch jetzt
wirklich nicht so entscheidend. Hauptsache, »wir
kommen aus der Tiefe in die gefährliche Zone«.
30. J U N I 2016
D I E Z E I T No 2 8
EURO 2016
19
Mit Tugenden
zum Tor
D
er Abpfiff im Stadion von Toulouse war kaum verklungen, da
brachen zu Hause in Belgien alle
Dämme. »Außerirdisch«, »stratosphärisch«, »der neue Messi« – kein
Wort und kein Vergleich schien groß genug zu
sein, um die Leistung von Eden Hazard zu würdigen. Endlich, nach mehr als 60 Einsätzen, hatte
der kleine, feine Techniker ein großes Länderspiel
gezeigt. Ein Tor vorbereitet, eines geschossen, 4 : 0
hatten die Belgier Ungarn geschlagen. Und, was
noch wichtiger war: Endlich hatten Hazard und
seine Mitspieler das Versprechen erfüllt, das diese
hochbegabte belgische Mannschaft bei diesem
Turnier begleitet. Von nun an dürfe Belgien wirklich träumen, kommentierte die sonst eher zurückhaltende Tageszeitung Le Soir: »The sky is the
limit«, nach oben gibt es keine Grenzen.
Um die Erwartungen zu verstehen, mit denen
die belgische Mannschaft bei dieser Europameisterschaft konfrontiert wird, muss man zurückblenden in den Sommer 2014. Das kleine Land
hatte sich zum ersten Mal nach langer Durststrecke wieder für ein großes Turnier qualifiziert.
Spieler wie Hazard, Axel Witsel oder Kevin De
Bruyne waren schon damals keine Unbekannten.
Doch Vincent Kompany, der Kapitän, bemühte
sich noch vor dem Abflug, die Erwartungen zu
dämpfen. Man möge von dieser Generation der
Roten Teufel in Brasilien nichts Unmögliches
verlangen, sagte er: »Der Augenblick der Wahrheit kommt für uns in zwei Jahren bei der Europameisterschaft. Dann werden wir bereit sein!«
In Zukunftsteams bekommen
Spätentwickler eine Chance
Kompany ist verletzt, er verfolgt die EM auf der
Tribüne. Aber das Versprechen, das er damals
formulierte, hat die belgische Mannschaft eingeholt. Wie schwer es wiegt, konnte man ahnen, als
sie das erste Gruppenspiel recht klanglos mit 0 : 2
gegen Italien verlor. Belgien wähnt sich im Besitz
einer goldenen Spielergeneration. Das bedeutet
aber auch: Die Ansprüche an das Team sind gewachsen. Anders als noch bei der WM reicht es
jetzt nicht mehr, nur dabei zu sein und vielleicht
das Viertelfinale zu erreichen. Wenn diese Spieler
nicht mindestens unter die letzten vier kämen,
»können sie den Beruf wechseln«, forderte JeanMarie Pfaff, einst belgischer Weltklassetorhüter
in Diensten von Bayern München, bereits vor
Beginn des Turniers.
»Diese Ambitionen sind vollkommen neu«,
sagt Jean-Michel De Waele, Soziologe an der
Freien Universität Brüssel (ULB). »Wir sind ein
kleines Land mit einer fragilen Identität und einer Reihe von Komplexen. Wir haben keine Geschichte, keine Erzählung, die erklärt, warum wir
gewinnen sollten.« Einmal erst stand Belgien in
einem großen Finale, 1980 bei der Europameisterschaft, den Titel gewann damals Deutschland. Belgien fehlt die Erinnerung an große Siege.
Hinzu kommt, dass der Fußball in kaum einem anderen Land politisch so aufgeladen ist wie
in Belgien. Das Land, zerrissen zwischen Flamen
und Wallonen, ringt seit je um eine gemeinsame
Identität. Die flämischen Nationalisten würden
Belgien lieber heute als morgen auflösen, die
Bürger haben sich in einer politischen Dauerkrise eingerichtet. Zuletzt kam auch noch der
Terror hinzu. Die Nationalmannschaft war lange
Zeit ein Spiegelbild dieser Misere. Wann immer
ein Trainer eine Mannschaft aufstellte, stets
wurde nachgerechnet: Wie viele Flamen standen
auf dem Platz, wie viele Wallonen?
Die souveräne Qualifikation für die Europameisterschaft, der vorübergehende Aufstieg an
die Spitze der Fifa-Weltrangliste und die Anerkennung, die dem belgischen Fußball plötzlich
weltweit entgegengebracht wurde, haben viele
Belgier daher mit Stolz erfüllt. Im Stadion wissen
die Anhänger zwar nach wie vor nicht, in welcher
Sprache sie die Nationalhymne singen sollen, ob
auf Niederländisch oder Französisch. Dennoch
funktioniert die Nationalmannschaft als Klammer, die das zerrissene Land zumindest für 90
Minuten zusammenhält. Außerdem, sagt der
Soziologe De Waele, habe der Fußball ein Beispiel dafür gegeben, dass diese Gesellschaft sich
trotz aller Widerstände erneuern kann – die
Roten Teufel als Ikone eines »neuen Belgiens«.
Wie kommt es, dass ausgerechnet das kleine
Belgien über so viele außerordentliche Talente
verfügt? Die Vertreter der goldenen Generation
spielen zwar ausnahmslos im Ausland, aber die
meisten von ihnen sind zu Hause ausgebildet
worden. De Bruyne, Witsel oder Nainggolan haben die Kaderschmieden des belgischen Fußballs
durchlaufen, bevor sie aufgebrochen sind, um ihr
Glück in Manchester, St. Petersburg oder Rom
zu suchen. Nun hängt der Erfolg im Fußball von
vielen Variablen ab; damit etwas gelingt, müssen
mehr als zwei Rädchen ineinandergreifen. Bob
Browaeys will deshalb die Frage, wie groß sein
Anteil am Aufschwung des belgischen Fußballs
ist, lieber nicht beantworten. Stattdessen schickt
er noch vor dem Treffen eine 144 Seiten umfassende PowerPoint-Präsentation: die belgische
Vision für die Entwicklung des Jugendfußballs.
Browaeys, 46, verantwortet den Jugendbereich
des belgischen Fußballverbands. Er hat die U-17Auswahl trainiert, die bei der WM in Chile 2015
Bronze gewann. Belgische Nachwuchsspieler sind
zu einem international begehrten Markenartikel
geworden. Den Anfang dieser Entwicklung datiert
Browaeys fast 20 Jahre zurück. 1998, nach der
WM in Frankreich, habe die Stunde null des belgischen Fußballs geschlagen. »Wir hatten nichts«,
sagt Browaeys, »keine Trainerausbildung, keine
Philosophie, keinen Plan. Die Nationalmannschaft spielte einen armseligen Fußball.«
Heute, 18 Jahre später, verteilt sich ein engmaschiges Netz von Fußballschulen über das
Land. Im Süden von Brüssel ist ein nationales
Leistungszentrum entstanden, mit fünf Rasenplätzen und angeschlossenem Hotelbetrieb. Die
Auswahlmannschaften spielen durchgängig, von
der U15 bis zur A-Mannschaft, ein 4-3-3-System.
Als einer der ersten Verbände überhaupt hat
Belgien zusätzlich sogenannte Zukunftsteams gegründet, in ihnen sollen auch körperliche Spätentwickler eine Chance bekommen. Yannick Carrasco, ein rasanter Tempodribbler – gegen Ungarn
hat er das vierte Tor geschossen –, spielte früher in
einem solchen Zukunftsteam. »Wenn wir im
Wettbewerb mit Deutschland oder Frankreich bestehen wollen, können wir es uns nicht erlauben,
auch nur ein Talent zu verlieren«, sagt Browaeys.
Die Vorbilder, denen der belgische Fußball dabei folgt, sind unschwer zu erraten. Bob Browaeys
zieht die Linie von den Niederländern Rinus
Michels und Johan Cruyff zu Pep Guardiola.
Lange Zeit waren die Niederländer die kleine
unter den großen Fußballnationen, nun fehlen
sie in Frankreich. Ihre Rolle würden die Belgier
gerne übernehmen. Der Trainer der belgischen
Auswahl heißt allerdings Marc Wilmots. Dass
ausgerechnet ihm die Aufgabe zugefallen ist, aus
den vielen Hochtalentierten ein Ensemble zu
formen, ist eine hübsche Pointe. Auf Schalke galt
der bullige Offensivspieler als »Kampfschwein«,
in Belgien hieß er »der Stier von Dongelberg«,
nach seinem Heimatort. Als er mit dem Fußballspielen aufhörte, wechselte er vorübergehend in
die Politik, als Abgeordneter saß er im belgischen
Senat. Der 47-Jährige kennt die Komplexe seines
Landes besser als viele andere.
Wilmots ist Wallone. Als er im Frühjahr 2012
die Nationalmannschaft übernahm, begrüßten
ihn vor allem flämische Journalisten mit Herablassung. Einer von ihnen schrieb, es reiche nicht,
»rote Shorts zu haben und am Spielfeldrand
›Hopp, hopp!‹ zu rufen«. Auch nach der Auftaktniederlage gegen Italien klang die Kritik im flämischen Teil des Landes lauter als in der Wallonie.
Früher galt Wilmots als »Kampfschwein«,
jetzt gilt er als »großer Einiger«
Dabei ist Wilmots etwas gelungen, woran seine
Vorgänger allesamt gescheitert waren: Er vermittelte der belgischen Auswahl Disziplin und ein
Gefühl der Zusammengehörigkeit jenseits der
notorischen Sprachgrenzen. Früher aßen die niederländisch- und französischsprachigen Spieler
in getrennten Gruppen, heute sitzen sie an einem
großen Tisch. Dass sie aus Tottenham, Barcelona
oder St. Petersburg anreisen und nicht mehr aus
Lüttich oder Brügge, hat dazu beigetragen, frühere Konflikte zu entschärfen. Handys sind beim
Essen verboten; wenn die Spieler aus dem Mannschaftsbus aussteigen, müssen sie die Kopfhörer
abnehmen, um Ordner und Sicherheitsleute zu
begrüßen. Respekt und Regeln sind der Kitt, mit
dem Wilmots versucht, die Fliehkräfte zu bändigen. »Das Wir wird bei uns großgeschrieben«,
wird er nicht müde zu betonen. »Wer das nicht
kapiert, spielt nicht mehr mit. So einfach ist
das.« Spricht er, erinnert Wilmots eher an Huub
Stevens als an Johan Cruyff oder Pep Guardiola.
Das »Wir«, das der Trainer beschwört, klingt
banal. In Belgien hat es zwangsläufig politische
Bedeutung. In den vergangenen Jahren wurde
Wilmots als »großer Einiger« gefeiert. Die Zweifel an seinen taktischen Fähigkeiten indes sind nie
ganz verschwunden. Nach dem 0 : 2 gegen Italien
kritisierte selbst Thibaut Courtois, der Torhüter,
das Team sei »taktisch deklassiert worden«.
An diesem Freitag spielt Belgien gegen Wales,
für Wilmots und seine Hochbegabten ist es
schon fast ein Endspiel. Noch ein Sieg, dann
hätten sie die Vorgabe von Jean-Marie Pfaff erfüllt, mindestens das Halbfinale zu erreichen.
Verlieren sie, könnte aus der goldenen Generation hingegen schnell eine verlorene Generation
werden. 90 Minuten, die über die Arbeit und die
Träume von fast 20 Jahren entscheiden.
Siegreiche vier:
Eden Hazard
(rechts unten),
Michy Batshuayi
Tunga (rechts oben),
Radja Nainggolan
(links unten) und
Kevin De Bruyne
(links oben)
Foto: Pascal Pavani/AFP/Getty Images
Belgiens Fußball hat es weit gebracht – dank guter Nachwuchsarbeit.
Dazu fordert Trainer Marc Wilmots Höflichkeit VON MATTHIAS KRUPA
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WIRTSCHAFT
21
DIESE WOCHE
TITELTHEMA: WENN DIE FALSCHEN GEWINNEN
Foto: Imago; kl. Fotos.: Dominik Butzmann für DZ; Claus Hecking; Wolfgang Rattay/Reuters (v. o.)
Erst »Spiegel«-Chef und
jetzt »Welt«-Chef: Stefan
Aust wird 70 und zieht im
Interview Linien durch
sein Leben Seite 24
Brexit-Befürworter Boris Johnson beim Verlassen eines Festlandautos
Jetzt redet die Wirtschaft
Äthiopien soll mit
Solarenergie zum
Industrieland werden.
Kann der große Sprung
gelingen? Seite 26
Was VW in den USA
bezahlen muss, ist jetzt
klar. Aber was droht dem
Ex-Chef Martin
Winterkorn? Seite 28
QUENGEL
ZO N E
Konzerne sind die Vorreiter Europas. Sie wollen dafür sorgen, dass auch nach einem Brexit alles so bleibt, wie es ist
Wege zur Weißheit
VON CLAUS HECKING, JOHN F. JUNGCLAUSSEN , DIETMAR H . LAMPARTER ,
ROMAN PLETTER , ARNE STORN UND JENS TÖNNESMANN
MARCUS ROHWETTERS
wöchentliche Einkaufshilfe
D
er Premierminister ist in die
Hafenstadt Hull im Nordosten Englands gereist, um die
Nettozahler aus Deutschland
feierlich zu begrüßen. Manager des Siemens-Konzerns
hatten hundert Standorte in
Europa geprüft und sich für die britische Nordseeküste entschieden, um dort Rotorblätter zu fertigen.
Die Aussichten zu verkünden ist eine dankbare Aufgabe für David Cameron: Tausend neue Jobs in einer
von Arbeitslosigkeit geplagten Region, die mit dem
Bau von Offshore-Windrädern den Anschluss an die
Zukunft gewinnt! Für einen Politiker gibt es kaum
Schöneres. Auch der zuständige Siemens-Vorstand
zeigt sich zufrieden mit England: »Wir investieren in
Märkte mit zuverlässigen Rahmenbedingungen...«
Das war vor zwei Jahren. Nun haben die Briten
in einer Volksabstimmung für den Austritt aus der
EU votiert. David Cameron erklärte seinen Rücktritt. Und die Rahmenbedingungen sind überhaupt nicht mehr zuverlässig.
Siemens hat inzwischen mit Partnern 310 Millionen Pfund in die Rotorenfabrik investiert und ein Netz
aus Zulieferfabriken gespannt, das vor allem ein Binnenmarktnetz ist: ohne Zoll und Bürokratie. Hull wird
fertiggestellt. Doch nach dem Brexit hat Siemens sofort
weitere geplante Windkraftinvestitionen in Britannien
gestoppt. Zugleich lässt Vorstandschef Joe Kaeser eine
kaum verhohlene Drohung auf die Website des Konzerns setzen: Die britische Regierung solle »unverzüglich Maßnahmen einleiten, um sich über die Natur der
Beziehungen Großbritanniens zur EU und zu anderen
Handelspartnern abzustimmen und einen klaren Weg
vorzuzeichnen, um künftige Investitionen anzuziehen«.
Nach nationaler Selbstbestimmung der Briten
klingt das nicht. Dabei hatten die Brexit-Befürworter bis zur vergangenen Woche mit dem Slogan
»Take back control!« geworben, der sehr nach Selbstbestimmung klang. Doch nachdem eine Mehrheit
der Wähler beschlossen hat, keine EU-Bürger mehr
sein zu wollen, ist der Alltag vieler in Großbritannien aktiver Konzerne weiter: europäisch. Und deren Führungen planen keineswegs, diesen Umstand
wegen des Brexit-Referendums zu ändern. Im Gegenteil: Sie arbeiten daran, dass aus dem Abschied
der Briten ein EU-Austritt light wird: mit möglichst
freiem Handel, einheitlichen Standards und ohne
Hürden für Arbeitsmigranten.
Es ist dies eine ironische Pointe der Geschichte: stark zu beschädigen und die Rolle Londons zu verEuropas Politiker nutzten seit der Montanunion die zwergen, das bislang der Brückenkopf der globalen
Wirtschaft und den Markt als Werkzeuge, um die Finanzwirtschaft nach Europa ist.
Interessen der Staaten auf dem Kontinent zu verVor allem Investmentbanken der New Yorker Wall
flechten und die EU politisch zu vertiefen. Nun könn- Street wie J.P. Morgan, die Citigroup oder Goldman
te eine politische Entscheidung diese Verflechtung Sachs haben sich in London niedergelassen, um von
zunichtemachen – und Unternehmen versuchen, das der englischsprachigen Stadt aus Geschäfte in der
mit wirtschaftlichem Druck zu verhindern. Ihnen ganzen EU zu machen. Basis dafür ist der sogenannte
graut davor, dass die EU die Kontrolle verliert.
EU-Pass. Er sorgt dafür, dass die Lizenz einer einzelnen
Europa hat dafür gesorgt, dass nicht jede Regie- nationalen Aufsichtsbehörde ausreicht, um überall in
rung ihre eigenen Regeln erlässt für Standards, dass der EU aktiv zu sein. Die britische Lizenz ist für inUnternehmen Produkte und Dienstleistungen nicht ternationale Großbanken die Eintrittskarte nach
in jedem Staat neu genehmigen lassen müssen. Klar, Europa. »Wenn London nicht mehr wie bisher als
die Konzernmanager haben es manchmal auch nicht Sprungbrett für Geschäfte in der EU dienen kann,
dürften viele Banken ihre
so gern gehabt, wenn die EUStandortwahl überdenken«,
Kommission sie zu mehr
glaubt ein einflussreicher InWettbewerb und damit zu
vestor. Finanzhäuser könnten
günstigeren Angeboten zwang
Zehntausende Jobs nach Paris
– zum Beispiel bei Telefontarioder Frankfurt verlagern.
fen oder Medikamenten. Und
Viele Banker in London
natürlich haben irre Subvenhoffen, dass es eine Einigung
tionssysteme für die Agrargeben wird zwischen der EU
wirtschaft und strukturschwaAxa-Chef Henri de Castries im
Interview über den Brexit Seite 22
che Regionen den Wohlstand
und Großbritannien. Doch die
Außerdem: Was wird aus der
nicht nur gemehrt. Doch für
werden die Briten nicht gratis
deutschen Konjunktur? Bekommen
bekommen: »Die EU dürfte
Konzerne und Verbraucher ist
die Briten einen neuen Deal? Und
wohl keinen freien Zugang
in Brüssel bei allen Defiziten
warum irrte die Börse? Seite 23
gewähren, ohne dafür etwas
auch eine Ordnungsmacht erzu verlangen«, sagt Andrew
wachsen: Die Beamten und
Bosomworth, DeutschlandPolitiker dort haben der Wirtschaft einen Rahmen geschaffen, der nationale Büro- Chef der Investmentfirma Pimco. Vertreter deutscher
kratien geschwächt und Konsumenten gestärkt hat. Banken rechnen schon mit dem norwegischen MoDen Verlust dieser Ordnungsmacht fürchten jene dell. Danach erhalten Banken den EU-Pass, obwohl
Konzerne, die inzwischen weit europäischer sind als ihr Land kein EU-Mitglied ist. Im Gegenzug dürfen
viele Bürger Europas. Aus ihrer Sicht haben die Briten sich EU-Arbeitnehmer in Norwegen frei bewegen.
nicht etwa ein Bürokratie-Europa abgewählt. Sie Für die Brexit-Briten wäre das ein hoher Preis, hatten
haben sich vielmehr für ein Bürokratie-Britannien sie doch vorher gegen Migranten Stimmung gemacht.
entschieden, dessen Unternehmen gleichzeitig weiter
Bislang spielen die Briten auf Zeit, den Antrag zum
mit dem Ordnungs-Europa auskommen müssen. Austritt wollen sie nicht überstürzen. Doch Banker
Dagegen wehren sich nun viele Konzerne. Die bri- hassen wenig mehr als Unsicherheit, zumal da Nietische Regierung wird sich diesem Druck kaum ent- derlassungen zu gründen eine Weile dauert. »Große
ziehen können.
Banken können es sich nicht leisten zu warten. EiniEs beginnt schon damit, dass ansonsten das Herz ge werden sicher schon bald erste Maßnahmen trefdes britischen Kapitalismus weniger kraftvoll schlagen fen«, sagt Neville Anderson, Vorsitzender der British
würde: das Finanzzentrum in der City of London. Chamber of Commerce im Rhein-Main-Gebiet.
Vor allem Fintechs, also Internet-Alternativen zu
Die Hauptstadt des Königreichs steht für 20 Prozent
der britischen Wirtschaftsleistung. Der vor allem dort den klassischen Banken, spielen den Abschied aus
beheimatete Finanzsektor macht allein acht Prozent London durch. Die unsichere Lage sei »ganz, ganz
aus. Der Austritt aus der EU droht dieses Geschäft beschissen«, sagt etwa Jutta Frieden vom britischen
Mehr zum
Titelthema
Start-up GoCardless, das es Unternehmen europaweit
ermöglicht, Lastschriften einzuziehen. Nun müssen
sich die 75 Mitarbeiter wie die der Großbanken auf
den Fall vorbereiten, dass die Zulassungen der britischen Aufsicht für den Rest der EU ungültig werden.
Dazu kommen Probleme mit Personal aus dem EUAusland: »Es wird sicher schwieriger, qualifizierte
Leute hierherzulocken«, sagt Frieden.
Gerard Grech, Londons oberster Lobbyist von
der staatlich geförderten Initiative TechCity, versichert zwar tapfer, seine Stadt werde bei Innovation
und Unternehmertum führend bleiben, »ganz egal,
wie die Verhandlungen mit der EU ausgehen«.
Doch die Konkurrenz läuft sich schon warm:
Frankfurts Standortlobbyisten schickten bereits
diese Woche einen Emissär nach London, um Unternehmen anzulocken, und Florian Nöll, der Vorsitzende des Bundesverbands Deutsche Startups,
kürte die »deutsche Startup-Hauptstadt Berlin«
nach dem Referendum zur Gewinnerin des Brexits.
Der Brexit befällt die Wirtschaft wie ein Virus.
Selbst wenn Großbritanniens Politiker das Herz der
britischen Wirtschaft heilen und die Rhythmusstörungen im Finanzzentrum beruhigen können, wäre
dies nur eines von vielen Organen der Volkswirtschaft, die das Virus angreift, weil sie so sehr mit der
EU verwachsen sind.
In der britischen Luftfahrtindustrie zum Beispiel
warten die Manager der Unternehmen schon gar nicht
mehr darauf, dass Verbandslobbyisten die Regierung
bearbeiten. Vor lauter Panik machen sie das selbst.
Nur wenige Stunden nach dem Brexit-Votum verschickte Carolyn McCall, die Konzernchefin der
Billig-Fluglinie easyJet, Brandbriefe an die britische
Regierung und die EU-Kommission, mit der Bitte,
»den Verbleib des Vereinigten Königreichs im EULuftverkehrsbinnenmarkt zu priorisieren«.
Bislang haben die britischen Fluglinien das Recht,
innerhalb der EU von Flughafen zu Flughafen zu
fliegen. EasyJet aus Großbritannien darf etwa ohne
spezielle Genehmigung Flüge von Hamburg ins kroatische Split anbieten. Dieses Geschäft ist nun in Gefahr.
So sich die britische Regierung nicht mit der EU einigt,
werden die nationalen Fluglinien ihren Zugang zum
europäischen Luftverkehrsmarkt verlieren.
An der Börse spiegelt sich diese Aussicht schon
wider. EasyJet gab unter anderem wegen des Brexits
Fortsetzung auf S. 22
Zu den Phänomenen der Überflussgesellschaft
gehört es, dass Konsumenten regelmäßig
zwischen Produkten wählen sollen, die sich
kaum mehr voneinander unterscheiden. Für
die Hersteller dieser Produkte ist das ein Problem – schließlich müssen sie Kunden dazu
bringen, sich genau für dieses und nicht etwa
für ein Produkt der Konkurrenz zu entscheiden. Dann beginnt die Phase der bekloppten
sprachlichen Differenzierung. Sie ist typischerweise der letzte Versuch, einen echten Innovationsschub noch zu verhindern und die dafür
notwendigen Investitionen zu sparen.
Bei Zahnpasta ist das derzeit schön zu beobachten, wie Leser Christian P. auffiel. Alle
Hersteller versprechen auf unterschiedliche
Weise das Gleiche: weiße Zähne. Sie nennen
das nur unterschiedlich, etwa Samtweiß, Max
White, Sensation White, White & Shine oder
3D White, was immer das genau ist. Von
Odol-med3 ist das schöne High Definition
White zu haben, man sollte beim Zähneputzen aber nicht zu lange über die Übersetzung
»hochauflösend« nachdenken. Perlweiß hingegen unterscheidet bereits zwischen Schönheits-Zahnweiß, Pro-Age Zahnweiß und
Raucher-Zahnweiß. Was gut klingt, jeden
gelbzahnigen alten Raucher aber verwirrt, weil
er vermutlich nicht weiß, welches der drei Perlweiß-Sub-Weiße für ihn das richtige ist.
Die Entwicklung des Zahnpastamarketings
folgt einem aus der Waschmittelwerbung bekannten Muster. Auch dort ging es jahrzehntelang nur um Weißheit, die von strahlendem
Weiß über den Weißen Riesen bis hin zum
weißesten Weiß aller Zeiten und was weiß ich
noch alles führte. Diese Entwicklung endete
mit einer disruptiven Innovation, die demnächst wohl auch bei Zahnpasta zu erwarten
ist. Etwas Vergleichbares wie Colorwaschmittel für leuchtende Farben zu erfinden ist
für die Zahnpastaindustrie allerdings kein
Ausweg. Solange sie nicht dafür sorgt, dass
bunte Zähne in Mode kommen.
Von Verkäufern genötigt? Genervt von WerbeHohlsprech und Pseudo-Innovationen? Melden
Sie sich: [email protected] – oder folgen Sie
dem Autor auf Twitter unter @MRohwetter
22 WIRTSCHAFT
WENN DIE FALSCHEN GEWINNEN
30. J U N I 2016
D I E Z E I T No 2 8
MACHER UND MÄRKTE
George Soros gegen die
Deutsche Bank
In der Finanzwelt ist der
US-Investor eine lebende Legende
Airline-Chef Müller
heuert am Golf an
Hat genug von Malaysia Airlines:
Manager Christoph Müller
Der deutsche Chef der schwer angeschlagenen
Fluggesellschaft Malaysia Airlines, Christoph
Müller, wechselt offenbar zum Wettbewerber
Emirates. Der 54-jährige Rheinländer soll bei
der Fluglinie aus Dubai »Chief Transformation
Officer« werden, sich also um Digitalisierung
kümmern. Müller hatte vor wenigen Wochen
überraschend angekündigt, den Chefposten bei
Malaysia Airlines zu räumen (ZEIT Nr. 19/16).
Nach den zwei Katastrophen mit einem verschwundenen und einem abgeschossenen
Passagierjet sowie einem Beinahebankrott
sollte Müller die angeschlagene Fluglinie sanieren. Doch nach 14 Monaten im Amt erklärte er
seinen Rückzug – und bescherte dem Unternehmen so eine neue Krise. Seine Kündigung
begründete Müller damals mit persönlichen
Gründen. Warum ihn diese nicht daran hindern, für Emirates zu arbeiten, wollte er am
Dienstag am Telefon nicht erläutern.
CHE
Atmen kann
tödlich sein
742
Menschen pro Stunde sterben
an verdreckter Luft
In Kürze werden sie wieder um die Welt gehen:
die Bilder vom Smog in Peking, Delhi oder
anderen Metropolen. Luftverschmutzung ist
nicht nur hässlich und deprimierend, sondern
auch gefährlicher als gedacht. Laut einer neuen
Studie der Internationalen Energieagentur
(IEA) sterben jährlich 6,5 Millionen Menschen
an verseuchter Luft, macht im Durchschnitt
742 Tote pro Stunde. Besonders gefährlich seien die Verbrennung von Holz und Dung zum
Kochen in privaten Haushalten sowie die Abgase
von Kohlekraftwerken und Fahrzeugen, sagte
IEA-Chef Fatih Birol. Schon mit relativ geringen Investitionen und besserer Energieeffizienz
ließen sich mehr als drei Millionen Menschenleben retten.
CHE
M+M
Henri de Castries auf den Treppen des Élysée-Palastes
»Der Teufel klopft an die Tür«
Axa-Chef Henri de Castries über die Folgen des Brexits und die Rolle der Wirtschaft in Europa
DIE ZEIT: Sie und Ihr Vorgänger haben aus Axa
einen europäischen Weltkonzern gemacht. Doch
was ist Ihr Erfolg heute wert, wenn er von den
Völkern Europas abgelehnt wird?
Henri de Castries: Die Völker lehnen nicht die
Arbeit der Unternehmen ab, die sich globalisiert
haben. Sie lehnen unglücklicherweise die Idee
eines Europas ab, obwohl dieses Europa ihnen
seit 60 Jahren viel Wohlstand und Frieden bringt.
Das gilt gerade für Großbritannien und macht
die Entscheidung der Briten umso paradoxer.
ZEIT: Haben nicht auch Konzernchefs wie Sie
versagt, das europäische Allgemeinwohl zu erklären?
De Castries: Das ist nicht unsere erste Aufgabe.
Kein namhafter europäischer Unternehmenschef
ist gegen Europa. Einige von uns haben die Brüsseler Bürokratie kritisiert, aber wir sind nie so weit
gegangen, das europäische Projekt abzulehnen.
ZEIT: Die rechtsextreme französische Parteiführerin Marine Le Pen hat zum Brexit gesagt:
»Die Demokratie ist immer stärker als die
Märkte.« Das zeugt von einem Ansehensverlust der Wirtschaft.
De Castries: Le Pen verkörpert den klassischen
Populismus, die Ablehnung allen Wandels und
die Angst vor der Zukunft. Sie in Frankreich,
Trump in den USA und Pegida in Deutschland:
Diese Bewegungen gründen auf der Angst vieler
Mitbürger vor einer Welt, die sich ändert und in
der die meisten unserer etablierten Politiker unfähig sind, Hoffnung zu vermitteln und eine klare
Linie aufzuzeigen. Diese Abwesenheit einer Pädagogik der Globalisierung trägt zur Angst unserer
Mitbürger bei.
ZEIT: Konzernchefs wie Sie sind heutzutage
mächtiger als Politiker, oder?
De Castries: Die Politiker haben durchaus viel
Macht. Sie schreiben die Gesetze und strukturieren damit unsere Gesellschaften.
ZEIT: Was haben sie falsch strukturiert?
De Castries: Unsere Mittelklasse fürchtet um den
Sozialvertrag, der seit 100 Jahren viele westlichen
Gesellschaften prägt. Unser System allgemeiner
demokratischer Wahlen konnte funktionieren,
weil die Mehrheit am Fortschritt teilnahm. Diese
Fortschrittsmaschine funktioniert schon seit 30
Jahren nicht mehr richtig, weil das Wachstum in
der Welt gerechter verteilt ist und die neuen
Technologien unsere Arbeitsverhältnisse von
Grund auf verändern. Das bewirkt Brüche, Arbeitslosigkeit und wiederum Angst.
ZEIT: Sie haben Ihren Konzern vor allem in
China ausgebaut. Hätte man den Franzosen
sagen müssen, welche Einbußen es zu Hause
bewirkt, wenn man den Wohlstand mit den
Chinesen teilt?
De Castries: Man hat der Mittelklasse vor allem
die Vorteile der Globalisierung nicht richtig erklärt. Schauen Sie sich Deutschland an: Ihr Land
ist einer der wichtigsten Handelspartner Chinas.
Und dort liegt eine große Chance für Europa.
ZEIT: Profitiert Frankreich von der Globalisierung weniger als Deutschland?
De Castries: Auch Frankreich profitiert. Dafür
stehen unsere zahlreichen, gesunden Großunternehmen wie Axa. Unser Hauptvorteil aber ist die
Demografie, die wachsende Bevölkerung. In den
vielen Kindern drückt sich ein Glaube an die Zukunft aus. Deutschlands Vorteil sind die Strukturreformen: der flexiblere Arbeitsmarkt, der
breite Mittelstand, eine vernünftige Steuerpolitik
und kontrollierte Staatsfinanzen.
ZEIT: Weshalb die Deutschen sagen: Macht erst
mal eure Reformen! Reicht das noch als Antwort
auf den Brexit?
De Castries: Natürlich müssen wir unsere Reformen jetzt dringend durchsetzen. Die Briten
haben eine historische Entscheidung getroffen.
Großbritannien ist kein Feind Europas, aber
nicht mehr Teil Europas. Bürger und Märkte
wollen nun wissen, was das bedeutet. Doch 27
EU-Länder dürfen nicht Geisel der internen
Planungen der britischen Regierungspartei sein.
ZEIT: Ist nicht die viel größere Gefahr, dass sich
Paris und Berlin über den Fahrplan uneins sind?
De Castries: Sicher ist das eine Gefahr. Deutschland und Frankreich müssen sich, bevor sie Verhandlungen mit London beginnen, über das Ziel
verständigen.
ZEIT: Wie sollte das lauten?
De Castries: Draußen ist draußen. Alles Wohlwollen muss von großer Entschiedenheit begleitet werden. Wer draußen ist, kann nicht mehr
die Vorteile derer besitzen, die drinnen sind. Ein
Beispiel: Die britischen Finanzhäuser können
nicht mehr die gleichen Rechte besitzen wie die
in der Euro-Zone.
ZEIT: Das liegt im Eigeninteresse Ihrer Firma.
De Castries: Nicht nur. Großbritannien wird im
Dienstleistungsbereich viel verlieren. Und was
die Finanzdienstleistungen betrifft, wo London
große Wettbewerbsvorteile besaß, hat sich das
Land ins eigene Knie geschossen. Bestimmte
Finanzdienstleistungen könnten auf den Kontinent wandern: nach Frankfurt, nach Paris,
vorausgesetzt, die französische Regierung senkt
die Steuern.
ZEIT: Sehen Sie bereits, welche Zelte der AxaKonzern in London abbricht?
De Castries: Was den reinen Verkauf von Versicherungen betrifft, ändert sich für uns nicht viel. Aber
302,5
Großbritannien und die EU
Handelszahlen 2015, Angaben in Milliarden Euro*
Das Gespräch führte Georg Blume
184,3
Export in die EU
Import aus der EU
*nur Warenhandel, ohne Dienstleistung
Jetzt redet die Wirtschaft Fortsetzung von S. 21
eine Gewinnwarnung heraus, die Aktie brach am
Freitag um 14 Prozent ein. Zudem macht die Entwertung des britischen Pfunds den Treibstoff teurer.
EasyJet-Konzernchefin McCall sprach bislang
nebulös von einem »Notfallplan«, um ihr Unternehmen vor dem Brexit zu schützen. Was das wohl
bedeutet, hat die Zeitung Daily Telegraph berichtet. Demnach könnte bald eine Tochtergesellschaft
in einem EU-Land das Geschäft in Kontinentaleuropa betreiben. Aber auch der Komplettumzug
sei eine Option, heißt es in der Branche.
Ähnlich wie bei den Banken gibt es auch für die
britische Flugindustrie eine Rettungsoption norwegischer Art: den Verbleib im Branchenbinnenmarkt. Schließlich darf auch die Fluglinie Norwegian am Luftverkehr ganz normal teilhaben. »Wir
werden alles dafür tun«, sagt ein britischer Branchenlobbyist. »Aber es wird nicht einfach, wenn der
Brexit wirklich kommt. Dann muss die britische
Regierung im Gegenzug wohl einige Zugeständnisse machen.« Diese wären wie der Zugang zu
Europas Bankenmarkt im Ergebnis teuer für die
Briten: Sie müssten Geld nach Europa schicken und
Menschen aus Europa nach Großbritannien lassen.
Der Druck der Wirtschaft, Großbritannien im
Regel-Raum der EU zu halten, trifft nicht nur die
Politiker in London. Auch die Regierungen der
übrigen EU-Staaten, die einen harten Verhandlungskurs gegen die Briten fordern, werden ihn zu
spüren bekommen, allen voran die deutsche.
Ein Fünftel der in Deutschland gebauten Pkw
werden auf der Insel verkauft. Damit ist das Vereinigte Königreich der wichtigste Exportmarkt für
ein großer Teil unserer Anlagen-Manager arbeitet
bislang in London. Wenn sich morgen das Herz
der europäischen Finanzindustrie in Richtung
Kontinent bewegt, werden wir dabei sein.
ZEIT: Was soll Europa für die Menschen sein?
De Castries: Europa, das ist die Bewahrung unserer demokratischen Zivilisation. Dafür brauchen
wir zuallererst eine stärkere Sicherheits- und Verteidigungspolitik, nach innen und nach außen.
ZEIT: Jetzt reden Sie wie François Hollande.
De Castries: ... weil die Bürger an nichts anderes
denken und Staatschefs das allmählich begreifen.
ZEIT: Wo haben diese Staatschefs bisher versagt?
De Castries: Sie haben seit Anfang dieses Jahrhunderts Häuser ohne Dächer gebaut, vieles
begonnen und nicht zu Ende geführt. Schengen war eine wunderbare positive Idee: dass
sich alle Bürger in Europa frei bewegen können. Aber wir haben die Idee nicht ganz umgesetzt, weil wir unfähig waren, uns über die Sicherheit an unseren Grenzen zu einigen. Es
gibt bis heute keine europäische Grenzpolizei.
Ebenso wenig gibt es einen gemeinsamen digitalen europäischen Pass. Das ist nicht normal.
ZEIT: Die EU-Länder gehen nicht gemeinsam
vorwärts.
De Castries: Noch zu Beginn des Jahrhunderts
ging es Europa nicht schlecht: Es gab ein Währungsprojekt und die Lissabon-Agenda. Doch
seither haben einige Regierungen einen faustischen Pakt geschlossen. Sie haben Zeit gekauft,
indem sie die nötigen Reformen aufgeschoben
haben. Heute aber klopft der Teufel an die Tür.
ZEIT: Sind Reformen in Frankreich machbar?
De Castries: Weniger Staatsausgaben, mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt, eine einheitlichere
Steuerpolitik: Das ist nicht unmöglich.
ZEIT: Und in Europa?
De Castries: Die Rolle der Europäischen Kommission muss sich ändern. Sie wird von den Bürgern nicht akzeptiert, sie erscheint ihnen wie ein
Schiff ohne Steuer.
125,0
62,8
51,3
38,0
35,5
15,1
Gesamt
Maschinen
Chemikalien
und Ähnliches
ZEIT- GRAFIK/Quelle: Eurostat
in Deutschland gefertigte Autos. Gleichzeitig ist das
Land ein zentraler Produktionsstandort. BMW
etwa betreibt auf der Insel vier Fabriken mit 8000
Beschäftigten. Inklusive der Zulieferbetriebe sorgt
der Konzern nach eigenen Angaben für 50 000 Jobs
in Großbritannien. Zum Geschäftsmodell gehört
es, dass ein großer Teil der dort montierten Fahrzeuge nicht in Großbritannien bleibt. Gut 80
Prozent – im vergangenen Jahr waren es 201 000
Mini und rund 4000 Rolls-Royce – gehen in den
Export, die Hälfte davon in andere europäische
Länder. Mit dem Brexit steht nun die Geschäftsgrundlage infrage, zumal da unzählige Teile und
Motoren zwischen den Ländern und verschiedenen
Standorten hin- und hergeliefert werden. Deshalb
Lebensmittel,
Getränke und
Tabak
3,6 7,8
Rohstoffe
fordert BMW, »die Bedingungen für den Personen- und Warenverkehr zwischen Großbritannien
und den EU-Mitgliedern müssten nun neu verhandelt werden«. Den konkreten Wunsch formuliert der Präsident des Branchen-Lobbyverbandes
VDA, Matthias Wissmann: »Nach einem EUAustritt sollte niemand Interesse daran haben,
mit Zollschranken zwischen Großbritannien und
dem Festland den internationalen Warenverkehr
zu verteuern.«
Selbst die für Gesundung zuständige Industrie
übt Druck auf den britischen Patienten aus. Die
britischen Pharmakonzerne GlaxoSmithKline (GSK)
und AstraZeneca gehören zu den größten Arzneimittelherstellern der Welt, 73 000 Menschen ar-
beiten im Land für die Branche. Einfuhrzölle und
Absatzrückgänge auf dem Kontinent bedrohen
diese Jobs. GSK-Vorstand Andrew Witty hat die
Mitgliedschaft in der EU daher vor dem Votum als
»unabdingbar« für eine »erfolgreiche wirtschaftliche
Zukunft« bezeichnet. Amerikanische Hersteller,
allen voran der Pillenriese Pfizer, haben ihre europäische Zentrale in London eingerichtet, weil Großbritannien Zugang zu allen EU-Staaten garantiert.
»Ohne diesen Vorteil werden amerikanische und
asiatische Firmen ihre Standortstrategie zweifellos
überdenken«, sagt Alan Carr, Analyst bei der New
Yorker Investmentbank Needham.
Dazu kämen, so hat es die Analystin Karen
Taylor von Deloitte berechnet, 150 000 Arbeitsplätze in der Chemie und den Biowissenschaften,
die durch den Brexit gefährdet seien. »Zehn Prozent der globalen Forschungs- und Entwicklungsarbeit wird in britischen Labors durchgeführt«, sagt
sie. Die EU hat in den vergangenen zehn Jahren
mehr als acht Milliarden Euro an Forschungsmitteln beigesteuert. »Außerhalb der EU wird
diese herausragende Stellung nicht bestehen
können«, sagt Taylor.
Während die Politik noch paralysiert ist, führt
die Wirtschaft die Bewegung gegen den Nationalpopulismus an. Die Konzerne wollen in europäischer
Ordnung statt in britischer Nationalbürokratie leben. Doch der Deal, der dafür nötig wäre, würde
teuer für die Briten, ohne dass sie die Regeln weiter
mitbestimmen könnten. Das wäre dann geblieben
von ihrem Projekt, die Kontrolle zurückzugewinnen.
Weitere Informationen im Internet:
www.zeit.de/brexit
Fotos (Ausschnitte): ddp images; Visum (l.o.); Maruritius (l.u.)
Mitten im Brexit-Chaos wettet George Soros
gegen die Deutsche Bank. Ein Fonds des 85
Jahre alten Star-Investors machte am Freitag vergangener Woche Aktiengeschäfte, die Gewinne
bringen, wenn der Aktienkurs der Bank sinkt. Die
Geschäfte betrafen 0,51 Prozent aller Aktien und
damit ein Volumen von 90 bis 100 Millionen
Euro, je nachdem, zu welchem Preis Soros gehandelt hat. Bereits am Dienstag hatte der Spekulant – der Anfang der neunziger Jahre berühmt
geworden war, als er viel Geld gegen das britische
Pfund setzte und damit ein Vermögen machte –
das Volumen des Deals wieder reduziert.
Ob der Milliardär Soros damit Geld verdient
hat, lässt sich nur schwer sagen. Am Dienstag
kostete eine Aktie der Deutschen Bank bei Handelsschluss rund 12,70 Euro, nur etwas weniger
als am Freitag. Lukrativer wäre der Deal sicher
gewesen, wenn Soros schon am Donnerstag zugeschlagen hätte – am Tag vor dem Brexit-Votum
lag der Kurs noch bei 15,60 Euro.
STO
30. J U N I 2 0 1 6
D I E Z E I T No 2 8
WIRTSCHAFT 23
WENN DIE FALSCHEN GEWINNEN
Was wird aus der
deutschen Konjunktur?
D
Populist Nigel Farage ist gut gelaunt: Er hat mit
einer Wette auf den Brexit 3500 Pfund gewonnen
Was hat die Börse
falsch gemacht?
Warum auf Wettbüros kein Verlass ist
B
anker sollten öfter mal in Wettbüros gehen. Dann wären sie
vom Brexit nicht so kalt erwischt
worden. Ein Pensionär, der mit Kollegen in einem Londoner Laden des größten britischen Wettanbieters Ladbrokes
über Pferderennen fachsimpelt, hätte
ihnen schon vorher sagen können:
Wettquoten taugen nicht zur Vorhersage. »Das ist doch nur die Hammelherde«, erklärt der Mann. »Wie man bei
uns sagt: Follow the money.«
Und dann erklären die Alten weiter:
Wenn tausend Personen je ein Pfund auf
den Brexit setzen, sind das 1000 Pfund.
Wenn gleichzeitig eine einzige Person
1200 Pfund darauf setzt, dass Großbritannien in der EU bleibt, ist das mehr
Geld. Und das zählt. Dann ist zwar mehr
Geld darauf gewettet worden, dass Großbritannien in der EU bleibt. Aber das
eignet sich nicht als Wahlprognose.
Und es geht weiter: Wer jetzt eine relativ sichere Wette eingehen möchte, unterliegt mit dem Blick auf die Wettquoten
dem Irrtum, dass die Wahrscheinlichkeit
des Brexits gering sei. Er setzt ebenfalls auf
die EU. Und so verschieben sich die Wettquoten und die vermeintlichen Wahrscheinlichkeiten noch mehr. Ebendas geschah vor dem Referendum. Viele Finanzinvestoren interpretierten die Wettquoten
als Prognose – und fielen auf die Nase. So
stieg der deutsche Aktienindex (Dax) in
den fünf Handelstagen vor dem Referendum um rund 700 Punkte, trotz schwankender Umfrageergebnisse. Als es anders
kam, brachen die Kurse ein.
»Viele Marktteilnehmer, auch wir,
haben sich stark auf die Quoten der Wettanbieter verlassen«, erzählt ein Analyst eines Bankhauses. »Da gibt es einen Herdentrieb: Du siehst das Sentiment der Marktteilnehmer, du siehst die Wettquoten. Und
da kommst du nicht auf die Idee, dass es
anders laufen könnte.«
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VON BETTINA SCHULZ
Kann man diesen Markt manipulieren? Der Haudegen im Wettbüro grinst:
»Natürlich kann man das. Es ist eine alte
Taktik: Man setzt auf die Verlierer, die
Hammelherde rennt hinterher, und im
letzten Moment wettet man auf den – verschmähten, aber lukrativen – Gewinner
und kassiert ab.« Der Ladbrokes-Manager
für politische Wetten wiegelt hingegen ab:
»Wir haben keine Hinweise darauf, dass
der Markt von Großinvestoren manipuliert wurde.« Aber es sei eben so, dass die
Befürworter des Verbleibs in der EU vor
allem reiche Londoner waren. Wenn sie
wetten, dann mit relativ hohen Einsätzen.
Gleichwohl haben einige Hedgefonds
im Brexit-Tumult richtiggelegen und an
den Finanzmärkten ein Vermögen abkassiert – allen voran der britische BrexitBefürworter Crispin Odey, der mehr als
200 Millionen Pfund abgesahnt haben soll.
Das muss nicht Betrug sein. Gerade
weil sich Wettquoten von Buchmachern
nicht für die Vorhersage politischer Ereignisse eignen, hatten viele Hedgefonds –
von Natur aus zur Skepsis erzogen – auch
eigene Umfragen vornehmen lassen.
Die meisten Banker und Manager
indes haben sich überhaupt nicht vorstellen können, dass ein Volk eine wirtschaftlich falsche Entscheidung treffen
könnte. Jetzt weiß der Markt nicht einmal,
welches Preisniveau angebracht ist – weder
für Aktien noch für Wechselkurse, noch
für Immobilien. Also wird verkauft.
»Die Märkte hören mit ihrer Panik auf,
wenn die Politiker in Panik geraten«,
lautet eine alte Börsenweisheit. Das war
in der Finanzkrise so. Erst als die Notenbanker und Politiker begriffen hatten, wie
ernst die Lage war, atmeten die Märkte
auf. Jetzt ist es wieder so. Erst wenn die
Politik begreift, dass diese Krise pragmatisch von allen Seiten gelöst werden muss,
beruhigen sich die Märkte. Wetten kann
man darauf allerdings nicht.
ie Folgen des Brexits erreichten
zu Wochenbeginn die portugiesische Atlantikküste. Im
malerischen Provinzstädtchen Sintra
wollte sich Europas oberster Notenbanker Mario Draghi mit seinen Kollegen Mark Carney aus Großbritannien
und Janet Yellen aus den USA treffen,
um in entspannter Atmosphäre über die
Zukunft der Geldpolitik zu plaudern.
Daraus wurde nichts: Draghi musste
nach Brüssel, Carney nach London und
Yellen nach Washington. Noch bevor
alle Stimmen ausgezählt waren, aktivierten die Zentralbanken einen sorgfältig einstudierten Notfallplan. Carney
verteilte 250 Milliarden Pfund an die
britischen Banken, Draghi ordnete den
Ankauf südeuropäischer Staatspapiere
an, und Yellen versprach anhaltend
niedrige Zinsen. Das Ziel der Operation:
die nervösen Weltfinanzmärkte wieder
zu beruhigen.
Das scheint vorerst gelungen. Die
Börsen haben sich zu Wochenbeginn
stabilisiert. Doch auch wenn eine neue
weltweite Finanzkrise abgewendet werden kann, wird der Brexit nach Einschätzung von Experten den Lauf der
Weltwirtschaft beeinträchtigen.
Faktisch ändert sich wenig durch das
Referendum. Erst wenn die Briten einen Austrittsantrag gestellt haben, werden die Verhandlungen über die künftigen Handelsbeziehungen zur EU beginnen. Dafür ist ein Zeitraum von zwei
Jahren vorgesehen – und mindestens so
lange bleiben die bisherigen Bestimmungen voraussichtlich in Kraft.
Ganz genau weiß das allerdings niemand, und die Unsicherheit dürfte Unternehmen zögerlich werden lassen.
Tatsächlich deuten Branchenumfragen
bereits darauf hin, dass zumindest in
Großbritannien wichtige Investitionen
aufgeschoben werden – und die meisten
VON MARK SCHIERITZ
Ökonomen gehen davon aus, dass das
Land in eine Rezession rutscht.
Weil gut sieben Prozent der deutschen Warenexporte auf die Insel gehen, wird das auch den deutschen Unternehmen schaden. Sie spüren den
Brexit bereits, weil die Abwertung des
Pfunds deutsche Produkte im britischen
Königreich teurer macht. Die Deutsche
Bank erwartet, dass darunter vor allem
die Automobilbranche leiden wird, weil
Großbritannien nach den USA für die
deutschen Autofirmen der zweitwichtigste Markt ist; mit einem Anteil an
den Gesamtexporten von 12,8 Prozent.
Gefahr droht noch aus einer anderen
Ecke: Viele europäische Banken sind verwundbar, weil sie noch jede Menge Problemkredite in den Bilanzen stehen haben.
Auch deshalb haben Börsianer nach dem
Referendum massenhaft Bankaktien verkauft. Die italienische Regierung denkt
bereits über ein neues Hilfspaket für die
heimischen Institute nach – und bringt
damit die Bundesregierung gegen sich auf,
die darin den Versuch einer unerlaubten
Beihilfe sieht. Aus konjunktureller Sicht
würde die missliche Lage der Banken zum
Problem, wenn diese wegen des Kursverfalls weniger Darlehen vergeben.
Solange das nicht passiert – und die
Briten und die EU sich so weit aufeinander zubewegen, dass der Handel nicht
beeinträchtigt wird –, dürfte das Referendum die deutsche Wirtschaft zwar
belasten, aber nicht im Kern erschüttern. Die Investmentbank Goldman
Sachs etwa hat ihre Wachstumsprognose für das kommende Jahr nur leicht
von 1,5 auf 1,3 Prozent revidiert.
Die Bundesregierung hält sogar an
ihrer bisherigen Konjunktureinschätzung fest – auch weil Deutschland davon profitieren könnte, dass Unternehmen ihren Sitz von London nach Frankfurt oder Berlin verlagern.
Lidl in London: Die deutsche Wirtschaft
ist präsent auf der Insel
Oh, wie ist das schön: Freunde der britischen
Nation am Sonntag auf dem Weg zu Big Ben
Was können die Briten in
Brüssel aushandeln?
Warum sie am kürzeren Hebel sitzen
E
s dauerte nur einen Tag, dann erfuhren viele Briten, dass sie beim
Referendum einer Lüge aufgesessen waren. Mit riesigen Lettern auf der
Seite eines roten Doppeldecker-Busses
hatten die Brexit-Befürworter die Botschaft verbreitet: Wir überweisen der EU
jede Woche 350 Millionen Pfund – lasst
uns stattdessen unser Gesundheitssystem
finanzieren! Die Zahl war irreführend.
Denn nach Abzug eines Rabatts und der
Leistungen, die sie umgekehrt von der
EU erhalten, zahlen die Briten nur
137 Millionen Pfund pro Woche an Brüssel, also nicht einmal halb so viel. Am
Morgen nach der Abstimmung räumte
Nigel Farage, Chef der EU-kritischen
Ukip-Partei, im Fernsehen ein, die Botschaft auf dem Bus sei ein Fehler gewesen.
Es wird ein paar Tage mehr brauchen,
bis sich zeigt, dass viele Briten neben einer
Lüge auch einem Irrtum erlegen sind. Unabhängig von der korrekten Zahl – ob nun
350 oder 137 Millionen Pfund – erscheint
es unwahrscheinlich, dass die Briten den
»besseren Deal« von Europa bekommen,
den sich viele Brexit-Freunde erhoffen:
Zugang zum EU-Binnenmarkt, aber zu
besseren Konditionen als bisher.
Kommt es wirklich zum Brexit, hat
Brüssel in den Verhandlungen über das
künftige Verhältnis zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU weit bessere Karten. Zwar wollen beide Seiten,
dass der freie Handel zwischen ihnen
möglichst frei bleibt. Aber mehr zu verlieren haben die Briten: Rund die Hälfte
ihrer Exporte geht in die EU. Für sie wäre
es desaströs, den ungehinderten Zugang
zu einem der größten Märkte der Welt zu
verlieren. Umgekehrt ist ihre Insel für die
übrige EU deutlich weniger wichtig, auf
sie entfallen nur sieben Prozent der Exporte aus den übrigen EU-Ländern. Unter
Einigungsdruck stehen daher in erster
Linie die Vertreter Brexitanniens.
VON KOLJA RUDZIO
Ihre ungünstige Verhandlungsposition
verschärft sich für sie noch, sobald sie nach
Artikel 50 des EU-Vertrags formell den
Austrittswunsch erklären. Denn dann
läuft die Zeit gegen sie. Kommt innerhalb
von zwei Jahren keine Einigung zustande,
endet die Mitgliedschaft automatisch, und
alle EU-Privilegien sind weg.
Hinzu kommt, dass es Vorbilder gibt,
die nicht im Sinne des Königreichs sein
dürften. Verhandlungsexperten sprechen
von einem Anker, einem Bezugspunkt, der
die Erwartungen entscheidend prägt. Zwei
Länder außerhalb der EU, Norwegen und
die Schweiz, haben schon einen besonderen Zugang zum Binnenmarkt. Im Gegenzug mussten sie jedoch faktisch alles akzeptieren, was die Brexit-Fans gern vermeiden würden: Freiheit für EU-Bürger,
sich in ihren Ländern niederzulassen,
tonnenweise EU-Vorschriften – Norwegen hat mehr als 10 000 Rechtsakte der
Union übernommen – und finanzielle
Beiträge. Die Summen, die sie im Verhältnis zu ihrer Wirtschaftskraft zahlen, ähneln denen normaler EU-Mitglieder.
Es dürfte sehr schwer werden für die
Briten, einen besseren Deal zu erreichen,
weil die EU dann vor dem Problem stünde: Was sollen wir Oslo oder Bern sagen?
So werden die Briten wohl auch in Zukunft jede Woche Geld nach Brüssel überweisen. Allerdings ist es wenig sinnvoll,
nur auf diese Kosten zu schauen. Der wirtschaftliche Nutzen des Binnenmarktes
dürfte weit größer sein. Eine Studie der
Bertelsmann Stiftung kam zu dem Ergebnis: Neue EU-Handelsschranken könnten
das Bruttoinlandsprodukt des Vereinigten
Königreichs langfristig um zwei bis vierzehn Prozent verringern – je nach Szenario. Im Höchstfall gingen den Briten demnach 250 Milliarden Pfund verloren. Das
wäre, selbst auf zehn Jahre verteilt, eine
halbe Milliarde pro Woche.
Very expensive.
Fotos (Ausschnitte): Sebastian Böttcher für DZ; action press (l.); AFP (r.)
Warum jetzt zählt, was die Politiker tun
24 WIRTSCHAFT
30. J U N I 2016
D I E Z E I T No 2 8
»Vielleicht mögen mich Pferde lieber«
Er ist einer der erfolgreichsten und eigensinnigsten Chefredakteure der vergangenen Jahrzehnte. Mit 70 Jahren baut sich Stefan Aust nun seine eigene »Welt«
Foto (Ausschnitt): Dominik Butzmann für DIE ZEIT
Stefan Aust zu treffen heißt, einem Mann zu begegnen,
der sich zumindest äußerlich kaum verändert hat, nur
die Mähne ist weg: runde Brille, ein Button-downHemd, Marke Brooks Brothers, Farbe Hellblau, dazu
Jeans. Aust empfängt in seinem Büro, er ist dieser Tage
Chefredakteur der »Welt« beim Berliner Springer-Verlag.
Wenn er am Schreibtisch sitzt, schaut er auf ebenjene
Straße, auf der er 1968 mit der außerparlamentarischen
Opposition gegen Springer demonstrierte. Damals war
Aust Redakteur beim linken Kultmagazin »Konkret«
und dort Kollege der späteren Terroristin Ulrike Meinhof, Jahre später baute er Spiegel TV auf und war Chefredakteur des »Spiegels« – bis ihn die Belegschaft rauswarf. Auch war er mal Berater der ZEIT. Am Tag des
Interviews ist Aust gut gelaunt. Der Grund sind ein
paar Blätter in seiner Hand, auf seinem Schreibtisch
liegt der dazugehörige Stapel, drei Zentimeter hoch.
Sein neues Buch.
DIE ZEIT: Herr Aust, worüber haben Sie ge-
schrieben?
Stefan Aust: Es ist ein Buch über Konrad Heiden,
einen deutschen Journalisten, der 1935 die allererste Biografie über Adolf Hitler veröffentlicht hat.
Eine Originalausgabe habe ich zum 60. Geburtstag geschenkt bekommen und vergessen, aber irgendwann entdeckte ich sie wieder – und habe die
Nacht durch nicht mehr aufgehört zu lesen. Wer
ist das eigentlich?, habe ich mich gefragt. Und aus
dieser Frage ist das Buch entstanden. Einen Film
wird es wohl auch geben.
ZEIT: Warum sind Sie von Heiden so fasziniert?
Aust: Weil er die furchtbare Entwicklung vorausgesehen hat, die totale Diktatur, die Ermordung der
Juden, selbst auf welche Weise dieses geschehen
würde. Wenn man seine Beobachtungen liest, fragt
man sich: Warum haben andere das nicht auch gesehen? Heiden beobachtete den Aufstieg Hitlers in
den zwanziger Jahren aus nächster Nähe, hat ihn
auch gelegentlich im kleinen Kreis beobachten können und registrierte, die »beseelten Gesichter des
Publikums«, wie er schrieb. Aber er selbst hielt immer eine kritische und neugierige Distanz.
ZEIT: Konrad Heiden kennt heute niemand mehr.
Aust: Obwohl sich wahrscheinlich alle großen
Hitler-Biografen bei ihm bedient haben. Heiden
konnte übrigens während des Krieges noch nach
Amerika fliehen.
ZEIT: Eine Woche vor Ihrem Geburtstag müssen
Sie häufig Bilanz ziehen, weil Journalisten von Ihnen wissen wollen: Wie waren die vergangenen
Jahre? Also, wie waren sie?
Aust: Auch nicht viel anders als die Zeit vorher,
nur dass ich vielleicht mehr schreibe. Irgendjemand hat neulich gesagt, dass ich – seit ich bei
der Welt bin – mehr geschrieben hätte als in 13
Jahren beim Spiegel. Das ist noch untertrieben. Ich
habe allein in diesem Jahr mehr geschrieben als in
13 Jahren beim Spiegel. Wahrscheinlich brauchte
ich so lange, um zu lernen, wie das geht.
ZEIT: Wie fühlt es sich an, mehr zu schreiben?
Aust: Sehr gut. So ähnlich wie früher bei Spiegel
TV, da habe ich ja die Moderationen und eine ganze
Menge Manuskripte für die Magazinbeiträge geschrieben, jahrelang, das übt. Manchmal habe ich
später Texte mit »Guten Abend meine Damen und
Herren ...« begonnen, dann fiel der erste Satz leichter. Nachher habe ich die Anrede wieder gelöscht.
ZEIT: Was hat Sie daran gereizt, mit Ende 60 die
Welt zu leiten?
Aust: Ich war ja an dem Fernsehsender N24 beteiligt, den wir vor drei Jahren an Springer verkauft
haben. Mathias Döpfner fragte mich damals, ob
ich als Herausgeber von WeltN24 dabeibleiben
wolle. Das hat mich schon sehr interessiert, weil
ich immer der Ansicht war, dass Print, Online und
Fernsehen zusammengehören.
ZEIT: Schön, so viel Selbstvertrauen. Wann genau
hatten Sie die Vision?
Aust: Vor fast 20 Jahren, bei Spiegel TV und dem
Spiegel. Das Internet gab es schon, spielte aber
journalistisch kaum eine Rolle. Mir war klar, dass
sich Journalismus in Zukunft vor allem elektronisch abspielen würde. Ich habe hart dafür gekämpft, neben Spiegel Online auch in einen Fernsehsender zu investieren. Damals entstand XXP.
Aber dann hat der Verlag den Sender verkauft.
ZEIT: Es ging um einen zweistelligen Millionenbetrag, von dem ein großer Teil an die Gesellschafter ausgeschüttet worden ist. Haben Sie sich damals Ihren ersten Porsche gekauft?
Aust: Das habe ja nicht ich bekommen. Es ist zum
Teil in der Firma geblieben, zum großen Teil aber
an die Gesellschafter, die Mitarbeiter KG sowie
Gruner + Jahr und die Augstein-Erben ausgeschüttet
worden. Und im Übrigen: Meinen ersten Porsche
habe ich schon etwa 20 Jahre vorher gekauft. Unter
anderem hat sich ja der Baader-Meinhof-Komplex
gut verkauft, war zwei Jahre lang auf der Bestsellerliste. Leider nie auf Platz eins, da stand damals
Günter Wallraff mit dem Buch Ganz unten. Ich
habe insgesamt ungefähr 200 000 Hardcover verkauft und später eine ganze Menge Taschenbücher.
ZEIT: Wenn man sich das ausrechnet: mindestens
zehn Prozent brutto von jedem verkauften Exemplar, da kommen wir auf eine schöne Summe ...
Aust: Ja, aber Sie dürfen nicht vergessen, dass ich
an dem Buch drei Jahre lang geschrieben habe,
plus die zehn Jahre, in denen ich zu dem Thema
recherchiert habe. Viele Kollegen hielten mich damals für verrückt, das will doch kein Mensch mehr
lesen, sagten sie.
ZEIT: Sie sind nicht nur Journalist, sondern auch
Pferdezüchter. Was wäre denn besser: Wenn Ihr
Stefan Aust
Buch auf Platz eins der Bestsellerliste landet oder
eines Ihrer Pferde den ...
Aust: ... Großen Preis von Aachen gewinnt! Das
wäre das Tollste überhaupt. Aber da muss man erst
mal hinkommen.
ZEIT: Ihnen wird nachgesagt, dass Sie Pferde lieber mögen als Menschen ...
Aust: Vielleicht ist es so, dass die Pferde mich lieber mögen. Aber umgekehrt gibt es auf jeden Fall
Pferde und Menschen, die ich furchtbar finde.
Aust ist ein Arbeitstier. Menschen, die ihn kennen,
sagen, dass er nur beim »Spiegel« wirklich glücklich
war. Dass er der Zeit dort immer noch sehr verbunden zu sein scheint, hört man an seinem Handyklingelton. Es ist die Titelmelodie von Spiegel TV.
Die habe sonst keiner, sagt Aust.
ZEIT: Schauen Sie heute noch immer wöchentlich
auf den Spiegel mit der Frage: Genau die Woche
getroffen, oder nicht?
Aust: Nicht wirklich. Ich weiß ja, wie schwer das
ist. Ich wusste ja als Chefredakteur des Spiegels
auch nie, was funktioniert. In 51 Prozent der Fälle
funktionierte das wohl, sonst wäre die Auflage
nicht über 13 Jahre einigermaßen stabil geblieben.
Aus dem Nebenzimmer holt Aust einen Zettel. Drei
Kurven sind darauf zu sehen: Sie zeigen, wie sich
»Spiegel«, »stern« und »Focus« im Abo und am Kiosk
verkauft haben. 1990 ist der »stern« die Nummer
eins, sinkt danach aber wie auch der »Spiegel«. Von
1994 an, dem Jahr, in dem Aust Chefredakteur wird,
bleibt der »Spiegel« bis etwa 2007 stabil, während
die Auflagen von »stern« und »Focus« sinken. Dann
wurde Aust rausgeworfen – und es ging mit der Auflage des »Spiegels« abwärts. Aust entfährt ein triumphales »Ha!«.
ZEIT: Sind Titelzeilen eigentlich noch wichtig?
Aus den letzten vier Wochen: Die Mission, Bitte
geht nicht, Geht’s noch?, Paris ...
Aust: Ich glaube, ich hätte keine dieser Zeilen gemacht. Wenn ich getitelt habe, habe ich das nie in
der Erwartung getan, ob sich das jeweilige Angebot
verkauft. Ich habe mich zumeist danach gerichtet,
Der Mensch
Stefan Aust wurde am 1. Juli
1946 geboren, der Vater war
Landwirt. Kurz hegte Aust den
Plan, Soziologie zu studieren,
besuchte aber nur ein paar
Vorlesungen. Dem Landleben
ist Aust bis heute verbunden
geblieben: Wenn es geht, fährt
er an den Wochenenden nach
Niedersachsen. Dort hat er
einen Hof und züchtet Pferde.
Der Journalist
Mit 20 Jahren begann Aust,
bei der linksorientierten Zeitschrift »Konkret« und dem
Hamburger Männermagazin
»St. Pauli-Nachrichten« zu arbeiten. Beim NDR war er für
das Magazin »Panorama« tätig.
1988 gründete er Spiegel TV,
sechs Jahre später wurde er
dann Chefredakteur des
»Spiegels«. 2008 verlor er diese
Position. Seit 2014 ist er
Herausgeber von WeltN24,
seit 2016 kommissarisch auch
Chefredakteur der Gruppe.
Der Buchautor
1985 erschien sein Buch »Der
Baader-Meinhof-Komplex«,
das bis heute neu aufgelegt
wird. 2008 entstand daraus ein
Film mit Moritz Bleibtreu und
Martina Gedeck in den
Hauptrollen. Weitere Bücher
waren: »Mauss: Ein deutscher
Agent«, »11. September: Geschichte eines Terrorangriffs«
oder »Deutschland, Deutschland: Expedition durch die
Wendezeit«. Im Herbst
erscheint sein neues Werk, es
handelt vom ersten HitlerBiografen Konrad Heiden.
was mich selbst interessiert. Einen anderen Maßstab haben Sie nicht. Und wenn Sie zu oft danebenliegen, sollte sich der Verlag schnellstens von
Ihnen trennen. Sie können kein Magazin, keine
Zeitschrift, keine Zeitung machen für eine Zielgruppe, der Sie selbst nicht angehören.
ZEIT: Sie haben den Spiegel im Abo, Sie gehören
zur Zielgruppe, also können Sie sagen, was passieren
müsste, dass es dem Magazin wieder besser geht.
Aust: Ich glaube, ich wüsste schon, was ich anders
machen würde. Aber das ist alles schwierig genug.
Es gibt Zehntausende von Menschen, die überall
auf der Welt darüber nachdenken, wie man Journalismus finanzieren kann. Wir werden sehen, ob das
neue Bezahlmodell beim Spiegel funktioniert, ich
hoffe das für die Kollegen.
ZEIT: Was würden Sie tun?
Aust: Da halte ich mich zurück.
ZEIT: Manche Ihrer Bekannten sagen, Aust werde
erst Ruhe geben, wenn er zum Spiegel zurückkehrt.
Aust: Quatsch. Das ist vorbei. Hinterm Pflug ist
geackert. Jetzt kann ich bei der Welt das machen,
was ich immer wollte, also Fernsehen, Zeitung
und Online miteinander verweben. Die Welt hat
drei Dimensionen.
ZEIT: Gibt es eigentlich große Fehler, die Sie aus
Ihrer damaligen Zeit bereuen? Titel, Personalentscheidungen, so etwas?
Aust: Nein. Aber viele kleine.
ZEIT: Nun sind Sie Chefredakteur und Herausgeber von WeltN24. Wer hat sich über die Jahre
mehr verändert. Die Welt oder Sie?
Aust: Ich habe mich kaum verändert, glaube ich
wenigstens. Um dazu Bertolt Brecht zu zitieren:
»Sie haben sich gar nicht verändert – Oh!, sagte
Herr K. und erbleichte.«
ZEIT: Sie waren in Ihren Anfängen Redakteur bei
der ultralinken Zeitschrift Konkret. Wie geht das
zusammen?
Aust: Ich bin ja auch nicht zu Konkret gegangen,
weil ich damals so links war. Als der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer starb, sagte Ulrike Meinhof, damals noch Kolumnistin bei Konkret, zu mir:
»Jetzt ist dein Vorbild gestorben.« Das war boshaft.
So reaktionär war ich nicht. Aber es zeigt, für wie
links sie mich damals hielt. Es war die Zeit der au-
ßerparlamentarischen Opposition, und wie Konkret
war ich gegen den Vietnamkrieg. Ich hatte viel
Sympathie für die protestierenden Studenten.
ZEIT: Haben Sie mal gekifft?
Aust: Als ich 1969 ein halbes Jahr in den USA war,
ein paar Mal. War nicht mein Ding. Aber danach
habe ich angefangen, Zigaretten zu rauchen, woran man sehen kann, dass ein Joint zu stärkeren
Drogen führt.
ZEIT: Was genau haben Sie mit der Welt vor?
Aust: Ich möchte ein besonderes journalistisches
Angebot machen. Das Wichtigste ist und bleibt
die journalistische Qualität und: Online weiter zu
versuchen, mit den Geschichten und den Abos
Geld zu verdienen. Das ist schwer, aber ich glaube,
wir sind auf dem richtigen Weg. Journalismus hat
sich im Grunde noch nie nur durch den zahlenden
Leser finanziert. Ulrike Meinhof hat das, als sie
noch Journalistin war und keine Terroristin, mal
auf den Punkt gebracht: Zeitschriften sind Unternehmungen, die Anzeigenraum produzieren als
Ware, die durch redaktionellen Inhalt absetzbar
wird. Das klingt hart, aber da ist etwas dran.
ZEIT: Gilt aber nicht mehr, weil das Anzeigengeschäft Jahr für Jahr schrumpft.
Aust: Deshalb müssen die Leser künftig den Journalismus zu einem großen Teil finanzieren. Es ist eine
echte Revolution, die sich da gerade vollzieht. Wir
haben bei der Welt im Digitalen über 75 000 zahlende Abonnenten. Das ist schon eine ganze Menge.
ZEIT: Wird die Welt künftig zu einem Drittel
Bewegtbild sein?
Aust: Kommt darauf an, wie Sie ein Drittel zählen:
Klickzahlen? Verweildauer? Ich glaube, dass das Potenzial in der Verbindung zwischen Text und Bewegtbild noch absolut nicht ausgeschöpft ist. Diejenigen, die diese Verbindung beherrschen, die daraus ein Produkt machen, werden erfolgreich sein.
Wir haben bei WeltN24 alle Elemente, die man
dafür braucht und sind da schon ziemlich weit vorn.
ZEIT: In den vergangenen Monaten überwiegt
aber der Eindruck, dass Ihr Spätwerk das eines
Sparkommissars ist. Bei WeltN24 bauen Sie bis zu
50 von 400 Stellen ab.
Aust: Warum sollte das, was in allen Medienunternehmen passiert, teilweise in noch größerem Umfang, warum sollte das hier nicht passieren?
ZEIT: War die Welt personell genauso üppig besetzt wie der Spiegel?
Aust: Bevor ich bei der Welt angefangen habe, gab
es auch schon Sparrunden. Wenn im Printbereich
überall Auflagen sinken, dann muss man gelegentlich ganz genau hinsehen und anpassen, bevor
man unter Druck gerät.
ZEIT: Sie sagen also: Die Welt beugt sich dem ökonomischen Diktat?
Aust: Wir wollen, dass Journalismus ein funktionierendes Geschäftsmodell bleibt. Die Welt ist seit
Langem digital ausgerichtet. Und das ist gut so.
Aber wahr ist auch: Das Internet hat keine natürlichen Grenzen wie etwa bei der Seitenzahl einer
Zeitung. Das ist im Prinzip ja sehr schön. Aber gelegentlich muss man auch fragen: Machen wir möglicherweise zu viel? Man muss sich auch die Strukturen anschauen, die Ressorts anschauen und prüfen, welche Veränderungen sinnvoll sind. Kein Haus
bleibt verschont, so etwas gelegentlich zu machen.
ZEIT: Manche sehen darin einen kulturellen
Rückschritt, ein Ende von »Online first«.
Aust: Im Gegenteil. Weil wir in den vergangenen
Jahren so viele Erfahrungen gesammelt haben,
wissen wir besser als früher, was unsere Leser gerade im digitalen Bereich interessiert. Und das wollen wir jetzt effizienter, also mit einem Spezialteam, das die Inhalte digital aufbereitet, produzieren. Die recherchierenden Kollegen sollen entlastet
werden. Noch mal: Es geht um Fokussierung, um
Qualität! Klar ist aber auch: Unsere gesamte Redaktion ist und bleibt eine Online-Redaktion!
ZEIT: Springer verdient massiv mit Rubrikenportalen wie beispielsweise Immonet, das heißt der
finanzielle Untergrund ist da, um nicht das tun zu
müssen, was Sie gerade tun.
Aust: Mathias Döpfner hat mal gesagt, dass Journalismus nicht quersubventioniert werden sollte.
Davon bin auch ich überzeugt. Die einzelnen Bestandteile des Konzerns müssen sich im Prinzip
selbst tragen.
ZEIT: Viele Medien investieren derzeit in eigene
Webvideo-Teams. Sie haben dieses Team aufgelöst.
Sind eigene Web-Bewegtbild-Formate ein Irrweg?
Aust: Bewegtbild im Fernsehen sieht ein Stück
anders aus als Bewegtbild im Netz. Aber wenn Sie
einen Fernsehsender mit vielen Nachrichtensendungen haben, verfügen Sie über die bestmögliche
Grundlage. Da macht es wenig Sinn, einen weiteren eigenen Online-TV-Apparat aufzubauen. Die
Zukunft liegt in der Integration: gleiche Dinge
unterschiedlich aufzubereiten.
Zeit: Sie sagen, die Elemente seien da, um Ihre
Vision zu verwirklichen. Wann werden wir diese
Vision sehen?
Aust: Sie werden nie ein finales Produkt sehen. Bei
der Welt wird immer daran gearbeitet, noch besser
zu werden. Gerade entwickeln wir eine neue Version von welt.de, die sehr viel schneller lädt. Es
wird wohl die schnellste Nachrichten-Plattform
im Internet in Deutschland sein.
Das Gespräch führten
Jana Gioia Baurmann und Götz Hamann
Weitere Informationen im Internet:
www.zeit.de/thema/stefan-aust
26 WIRTSCHAFT
30. J U N I 2016
GRÜNER LEBEN
D I E Z E I T No 2 8
Strom wie Heu
Foto: Jenny Vaughan/AFP/Getty Images; kl. Fotos: AFP/Getty Images
Äthiopien will zum Industriestaat werden – nur mit erneuerbaren Energien. Es könnte der Welt zum Vorbild avancieren.
Oder sich selbst ruinieren VON CLAUS HECKING
Zwischen Viehzucht und Hightech – Bauer im Windpark Ashegoda
A
ls die Sonne hinter den Bergen
verschwindet und die Moskitos
einfallen, riecht es in der Savanne plötzlich nach frischem Beton. Scharen von Männern in
neongelben Westen laufen auf
die halb fertige Staumauer.
Spätschicht am »Großen Damm der Äthiopischen
Wiedergeburt«, Afrikas kolossalstem, umstrittenstem, waghalsigstem Bauprojekt.
Hier am Blauen Nil, in Äthiopiens einsamem
Westen, entsteht der mächtigste Staudamm des Kontinents. Er soll die 95 Millionen Äthiopier mit Elektrizität versorgen. Und das arme Agrarland in eine
moderne Industrienation verwandeln: die erste, die
ihren Strom nur aus erneuerbaren Energien gewinnt.
Wer sieht, wie in Deutschland Großvorhaben scheitern und wie lange die Energiewende braucht, der
kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wie will es
ausgerechnet Äthiopien schaffen: hier im Nirgendwo,
drei Stunden Rüttelpiste entfernt von einer asphaltierten Straße?
Förderbänder spucken nassen Beton auf die
Dammkrone, er stammt von den computergesteuerten Mischwerken im Tal. Bulldozer verteilen die
graue Masse, Dampfwalzen pressen und glätten sie.
Dutzende Arbeiter wuseln im grellen Scheinwerferlicht hin und her zwischen den tonnenschweren
Fahrzeugen, klauben Steine aus dem Beton, ehe er
sich verfestigt. Zwei-, dreimal müssen die Maschinen hart bremsen, um die Menschen nicht zu überANZEIGE
rollen. Und mitten im Chaos steht Semegnew
Bekele, das Smartphone am Ohr, und telefoniert,
telefoniert, telefoniert.
Ingenieur Semegnew, wie ihn hier alle nennen, ist
der Verantwortliche für Äthiopiens Wiedergeburt.
Nicht weniger als ein neues Zeitalter des Wohlstandes
und der Industrialisierung soll GERD (Great Ethiopian Renaissance Dam) dem Entwicklungsland bescheren. So verkündet es das autoritäre Regime, das
dieses Prestigeprojekt beschlossen hat und nun Milliarden von Dollar für den Bau fast ohne ausländische
Hilfe auftreiben muss. So verbreiten es die staatlich
kontrollierten Medien. So erhoffen es Millionen
propagandabeschallter Bürger ohne Stromanschluss.
Richten soll es Ingenieur Semegnew, Mitte 50,
untersetzt, grau melierter Bart, Lesebrille auf der
Nasenspitze. Zwei Staudämme habe er schon für
seine Nation erbaut, erzählt er, als er den Jeep mit
einer Hand durch den Staub zurück zu seinem
Containerbüro steuert. Aber GERD habe eine
andere Dimension. »Dieses Projekt«, sagt Ingenieur
Semegnew pathetisch, »ist ein modernes Weltwunder.«
Dabei hat der Betonklotz noch nicht eine einzige
Kilowattstunde Elektrizität erzeugt.
Monumental ist schon jetzt, was die rund 10 000
Leute hier in Äthiopiens malariaverseuchtem wilden
Westen erschaffen. Eine fast 150 Meter hohe, 1780
Meter lange Betonmauer zieht sich quer über einen
Talausgang. Bald wird sie dem Blauen Nil den Weg
in den Sudan versperren, den wichtigsten Quellstrom
des Nils auf gut 240 Kilometer Länge aufstauen, Tal
um Tal fluten. Dreimal so groß wie der Bodensee soll
der künstliche See werden. Und wenn das Wasser
dann durch die Turbinen des Kraftwerks bergab
schießt, soll es bis zu dreimal so viel Strom erzeugen
wie Ägyptens berühmter Assuan-Staudamm, der
größte in Afrika. »Wir werden mit diesem Damm die
Armut ausrotten«, verkündet Ingenieur Semegnew.
Doch wenn das pharaonische Projekt schiefgeht, kann
es das Land auch ruinieren.
GERD ist das Herzstück einer kühnen Wette auf
massenhaft Regen. Ganz Äthiopien will die Regierung binnen zehn Jahren elektrifizieren, in die Moderne katapultieren – und das ausschließlich mit
Grünstrom. Wasser- und Geothermiekraftwerke,
Windräder und Solarmodule sollen nicht nur den
gesamten Strombedarf von künftig 100 Millionen
Bürgern und Tausenden Fabriken stillen. Sie sollen
dazu auch eine Reihe von Nachbarstaaten mit überschüssiger Elektrizität versorgen, die leere Staatskasse mit Devisenmilliarden wieder auffüllen – und
Äthiopien zum Vorbild machen für Entwicklungsländer der ganzen Welt.
Ob Indien, Nigeria, Bangladesch: Überall wollen
und müssen Regierungen ihr Land elektrifizieren.
Aber woher soll der Strom für Hunderte Millionen
Menschen kommen? Aus Kohlekraftwerken, Atommeilern oder aus regenerativen Energiequellen? An
dieser Frage hängt die Zukunft unseres Planeten.
Afrika zählt heute etwa 1,2 Milliarden Menschen,
die Hälfte von ihnen hat Strom. 4,4 Milliarden
Afrikaner wird es zur Jahrhundertwende geben,
prognostizieren die UN, und alle werden Strom
fordern. Äthiopien, dem die UN fast 250 Millionen
Bürger vorhersagen, will vormachen, dass es geht:
Industrialisierung ohne fossile Brennstoffe. Ausgerechnet Äthiopien, das berüchtigte Hungerland.
Kinder mit Blähbäuchen: zu apathisch, um die
Insekten zu verscheuchen, die sich auf ihnen niederlassen. Mütter, denen die Säuglinge in den Armen
sterben. Diese Bilder haben viele von uns noch in den
Köpfen. Sie stammen aus den 1980er Jahren, der Zeit
des Bürgerkriegs. Auch heute sind mehr als 18 Millionen Menschen nach einer extremen Dürre angewiesen auf Hilfspakete von ausländischen Organisationen und der Regierung.
Zugleich prosperiert Äthiopiens Wirtschaft. Und
wie. Überall wird gehämmert und gebaut – Gewächshäuser und Fabriken, Wohnsilos und Bürogebäude,
Bahntrassen und vierspurige Highways, auf denen
dann auch mal Ochsengespanne gegen die Fahrtrichtung zockeln. In der Hauptstadt Addis Abeba hat
kürzlich die erste Metro Schwarzafrikas den Betrieb
gestartet: finanziert, konstruiert und oft auch noch
gesteuert von Chinesen.
Äthiopien ist Afrikas Wachstumsstar. Mehr als
verdreifacht hat sich die Wirtschaftsleistung seit 2004,
macht im Schnitt elf Prozent plus pro Jahr. Der Anteil der extrem armen Menschen mit weniger als 1,25
US-Dollar pro Tag ist von 55 Prozent auf unter 30
Prozent gefallen. Bis 2025 soll das Land nach dem
Plan des Regimes eine sogenannte Volkswirtschaft
mit mittlerem Einkommen werden. Um diesen Welt-
bank-Status zu erreichen, müsste sich das Pro-KopfEinkommen noch einmal fast verdoppeln.
Bekleidungskonzerne wie H&M, Kik oder
Tchibo lassen in Äthiopien schneidern und nähen.
Schuh- und Lebensmittelhersteller entdecken den
preiswerten Produktionsstandort. Internationale Investoren setzen Zementwerke und Zuckerfabriken
in die Savanne. Die staatliche Ethiopian Airlines ist
heute eine der führenden, profitabelsten Fluglinien
des Kontinents. Und die Farmer exportieren etwa
eine Milliarde Rosen jährlich in die Welt. Viele landen
in deutschen Vasen.
Doch die Blumen müssen in die Kühlkammer,
wenn sie geschnitten sind und auf den Abtransport
warten. Nähmaschinen, Webstühle, Flughäfen, Zuckerraffinerien oder Zementmixer – alles steht still
ohne Elektrizität. Und eine zuverlässige Stromversorgung hat nicht einmal die Hauptstadt.
In Addis Abeba ziehen sich Kabel kreuz und quer
über die Flure des Energieministeriums, blanke
Drahtenden hängen aus den Wänden. Von draußen
wummert es hinein ins Gebäude: Der Dieselgenerator ist angesprungen. Stromausfall im Regierungsviertel, schon wieder. »Diese Blackouts schädigen
unsere Entwicklung, sie schrecken Investoren ab, hier
Fabriken zu eröffnen«, sagt Motuma Mekassa, der
Energieminister. »Wir wollen vom Agrarland zum
Industriestaat werden. Aber ohne Elektrizität gibt es
keinen Fortschritt, keine moderne Gesellschaft,
nirgends auf der Erde.« 2012 besaß laut Weltbank
nur jeder vierte Haushalt einen Stromanschluss. Aber
D I E Z E I T No 2 8
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sitzung mit dem Präsidenten sinnierten Kairos Politiker
sogar schon einmal über Militärschläge gegen GERD.
Um den Stausee einmal zu füllen, müsste Äthiopien
den gesamten Blauen Nil etwa ein ganzes Jahr lang
anstauen. Dann aber säßen flussabwärts der nördliche
Sudan und Ägypten fast auf dem Trockenen. Streckte
Äthiopien das Aufstauen über drei Jahre, müssten die
anderen Nilanrainer dann mit etwa einem Viertel
weniger Wasser auskommen.
Mittlerweile haben die Ägypter erkannt: Drohgebärden werden den Damm nicht stoppen. Auf Vermittlung des Sudans hin verhandeln sie wieder mit den
Äthiopiern. Aber schon im Herbst könnte der Streit
eskalieren. Dann will Ingenieur Semegnew den Blauen
Nil aufstauen und die ersten Turbinen in Betrieb nehmen. Das Volk will endlich Strom haben.
Um den Bau von GERD zu stemmen, hat das Regime die letzten Reserven mobilisiert. Drei Jahre hintereinander hat es sämtlichen Staatsbediensteten nachdrücklich nahegelegt, je ein Monatsgehalt als »freiwilligen« Kredit bereitzustellen. Wenn äthiopische Banken
private Darlehen vergeben, müssen sie 27 Prozent der
Summe der Regierung für den Dammbau pumpen.
Neuerdings veranstaltet der Staat sogar SMSLotterien, um Geld aufzutreiben. Es tut not. 4,8 Milliarden Dollar sollte das Projekt anfangs kosten – das
entspricht zehn Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung; Insidern zufolge reicht das längst nicht. Viele
Finanziers bangen nun, ob sie ihren Einsatz je wiedersehen. Denn bislang mangelt es dem geplanten Wasserkraftwerk am Wichtigsten: Wasser.
In diesen Wochen erinnert der Blaue Nil eher an
einen größeren Gebirgsbach, so schmal, so flach ist er.
Bauarbeiter stehen auf ausgetrockneten Stellen des
Flussbetts und halten ihre Angeln ins brühwarme
Wasser. Nur die bis zu 15 Meter hohen Uferwälle lassen
erahnen, wie mächtig der Strom sein kann. 2015 sind
jedoch beide Regenzeiten in weiten Teilen Äthiopiens
nahezu ausgefallen, und dieses Jahr war die Kleine Regenzeit im Frühling abermals schwach. Bauern mussten
ihr Vieh notschlachten, Nomaden trieben ihre Kamele aus der Halbwüste auf die Städte zu: in der Hoffnung, dort Grünes zu finden. Und Äthiopiens kleinere, fertiggestellte Staudämme fielen als Stromlieferanten
immer wieder aus, so niedrig waren die Pegel. Die
Folge: noch mehr Blackouts.
»Der Strom kommt und geht jede Stunde«, klagt
Vasanthar Kumar, Betriebsleiter von Ethiopian Steel,
»bei jedem Ausfall werden Rohstoffe beschädigt, die
gerade in der Fertigungslinie sind.« Zwei Werke hat der
Hersteller von Metalldächern bereits geschlossen, eins
läuft noch mit verringerter Kapazität. Die ständigen
Stromausfälle seien das größte Problem der Industrie
in Äthiopien, sagt der Inder Kumar. »Ohne zuverlässige
Versorgung können Fabriken nicht arbeiten.«
Ro
schon in fünf Jahren sollen 90 Prozent einen Zugang
zum Netz haben, verspricht Mekassa, ein dynamischer
Endfünfziger mit Goldrandbrille.
Seine Regierung muss liefern. Wachstum und
Wohlstand sind die Legitimation für das Machtmonopol der regierenden Einheitspartei »Revolutionäre
Demokratische Front der Äthiopischen Völker«. Allerdings mangelt es an Devisen, fossile Brennstoffimporte
sind teuer. Daher setzt das Regime alles daran, selbst
im großen Stil Strom zu erzeugen. Und für saubere
Energieträger ist das Land wie geschaffen.
Mächtige Gebirge mit Dutzenden Drei- und Viertausendern fangen den Regen ein. Das starke Gefälle
der Flüsse macht Äthiopien zum idealen Standort für
Wasserkraftwerke. Diese liefern schon jetzt mehr als 90
Prozent des Stroms. Die Sonneneinstrahlung ist im
Schnitt mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland.
In den Senken des Rift Valley, das sich Hunderte Kilometer von Norden nach Süden zieht, wird die Erde oft
schon in geringer Tiefe kochend heiß – ideal für Energiegewinnung aus Geothermie. Und vielerorts weht zu
Lande so viel Wind so regelmäßig wie in hiesigen
Breiten allenfalls auf offener See.
Äthiopien könnte es als erster großer Staat schaffen, sich fast ohne fossile Brennstoffe von einer rückständigen zu einer modernen Gesellschaft zu entwickeln. Alle wohlhabenden Nationen sind bei der
Energieversorgung denselben Weg gegangen: erst
Holz, Torf und Dung, dann Kohle und Erdöl, nun
beginnt der Schwenk zu den Erneuerbaren. Die
Äthiopier könnten die mittlere Phase mit den hohen
CO₂-Emissionen überspringen. Ihr Modell wäre die
perfekte Blaupause für andere arme Staaten. Eine
Chance zur Rettung des Klimas.
»Wenn es uns gelingt, unsere natürlichen Ressourcen zu nutzen, werden wir das Kraftwerk Ostafrikas«,
schwärmt Minister Mekassa. »Wir wollen die Anführer der sich entwickelnden Nationen werden und
der Welt beweisen, dass sich Entwicklung und Klimaschutz vereinen lassen.« Doch dafür brauche Äthiopien jetzt dringend das Know-how und Kapital der
Industriestaaten. Denn: »GERD frisst unsere Devisenreserven auf.«
Internationale Geldgeber meiden das Megaprojekt,
selbst die sonst überall im Land präsenten Chinesen.
Wer will schon verwickelt sein in einen internationalen
Konflikt zwischen den Nilanrainern? Vor allem im
Wüstenland Ägypten stromabwärts ist der Zorn groß
über den Damm. »Ägypten ist ein Geschenk des Nils«,
erkannte einst der antike Historiker Herodot. Ohne
das Süßwasser und den fruchtbaren Nilschlamm hätte
es die Hochkultur der Pharaonen nie gegeben. Nun
bangen die Ägypter um beides, denn gut 70 Prozent
des Nilwassers und das Gros der fruchtbaren Sedimente stammen aus Äthiopiens Bergen. Bei einer Krisen-
WIRTSCHAFT 27
GRÜNER LEBEN
Nil
30. J U N I 2 0 1 6
KENIA
ZEIT- GRAFIK
400 km
Afrikas größter Staudamm GERD soll
Äthiopien zum Industrieland machen. Unten:
Frauen lesen mithilfe einer Solarlampe
Vor einigen Tagen hat in weiten Teilen des Landes
der Regen eingesetzt. Im Juni beginnen normalerweise
die starken Monsunregen. Sie sollten die Turbinen ans
Laufen bringen. Sofern der Klimawandel und das
Wetterphänomen El Niño nicht wieder alles durcheinanderbringen. Klimaforscher warnen, die globale Erwärmung werde zu extremen Schwankungen des
Monsuns führen. Werden die Regenfälle noch erratischer, ist es Glückssache, ob Äthiopien den Damm je
im geplanten Umfang nutzen und wirklich seine Stromversorgung sichern kann. »GERD ist ein überdimensioniertes Projekt, eine gigantische Wette der Regierung
auf den Monsun«, sagt ein Energieexperte, der aus
Angst vor Repressionen anonym bleiben will. »Kommt
der Regen wieder wie früher, kann Äthiopien Milliarden am Stromexport verdienen. Kommt er nicht, kann
der Staat bankrottgehen.«
Auch der Energieminister räumt ein: Das jetzige
System mit rund 90 Prozent Strom aus Staudämmen
ist wetteranfällig. Denn sind die Pegelstände zu niedrig,
müssen Turbinen stillgelegt werden. »In Dürreperioden
ist es gefährlich, ausschließlich von Wasserkraft abzuhängen«, sagt Mekassa. Dafür scheine in diesen Trockenphasen meist umso mehr Sonne oder wehe mehr
Wind. »Wir müssen also alle erneuerbaren Energieträger nutzen.« Bloß wie? Die Regierung hat ihre gesamten Ressourcen für GERD verbraten. Sie sucht
verzweifelt nach ausländischen Investoren.
Adama, eine gute Autostunde südöstlich der Hauptstadt. Ein Bauer treibt seinen Ochsenpflug zwischen
den weißen Masten hin und her. Hoch über seinem
Kopf ernten 34 rot-weiße Propeller gerade jede Menge
Windenergie. Rasend drehen sich die Turbinenblätter,
Tag und Nacht. Hier, wo das Hochland zum ostafrikanischen Grabensystem abfällt, weht acht Monate im
Jahr ein stetiger Nordostpassat die Berge hoch. »Wir
haben solche brillanten Bedingungen an vielen Standorten im Land«, sagt Stephan Willms, Gründer des
Frankfurter Projektentwicklers Africa Enablers. Und
doch sind bislang erst drei Windparks in Betrieb. Alle
drei haben internationale Geldgeber.
Willms, 45, bereitet seit sechseinhalb Jahren einen
schlüsselfertigen Windpark vor. Dieser wäre der größte in Afrika südlich der Sahara. Aber die Bauarbeiten
haben noch immer nicht begonnen: weil unklar ist, wer
bezahlt. »Äthiopien versucht, die Infrastruktur für eine
nachhaltige Energiegewinnung der Zukunft aufzubauen«, sagt Willms. »Aber das Land wird das alleine nicht
schaffen, wenn es der Westen jetzt im Stich lässt.«
Oft sind es gerade nicht die Megabauten, sondern
die kleinen, dezentralen Projekte, die den Menschen
wirklich helfen. Wie die 20 Solarmodule vor der Krankenstation des Dorfs Gebaba, einer Ansammlung von
Stroh- und Lehmhütten, vier Fahrstunden südlich von
Addis Abeba. Hier tragen Frauen in bunten Gewändern
Wasserkrüge auf dem Kopf, traben Ziegen über die rote
Staubpiste, ist die nächste Stromleitung 20 Kilometer
weit weg. Umso wertvoller ist die kleine Solaranlage.
Etwa fünf Kilowattstunden Elektrizität produziert sie
an einem normalen Tag; eine vierköpfige deutsche
Durchschnittsfamilie verbraucht gut doppelt so viel.
Aber für das Dorf leistet das Mini-Kraftwerk mit seinen
zehn Speicherbatterien unschätzbare Dienste.
»Wir können endlich die Impfstoffe kühlen«, sagt
Gadissa Sahle, der einzige Angestellte der Krankenstation. Lebensrettend in dieser Region, in der Typhus,
Polio und Gelbfieber herrschen. Ehe die deutsche
Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)
2013 mit ihrem Programm Energising Development
die Solaranlage aufstellen ließ, wurden die empfindlichen Seren unter Eispaketen gelagert, so erzählt der
Projektleiter Rainer Hakala, ständig gingen dabei Impfstoffe kaputt. »Und wenn eine Frau nachts ihr Baby
bekam, musste der Krankenpfleger die Taschenlampe
in den Mund nehmen, um die Hände frei zu haben«,
sagt Hakala. Jetzt haben sie in Gebaba einen funktionierenden Kühlschrank und Licht rund um die Uhr.
»Wir wollen gar nicht ans Stromnetz«, sagt Gadissa
Sahle. »Die Solaranlage ist viel zuverlässiger.«
Beyra Dedgabe, die Nachbarin der Krankenstation,
hätte auch gerne so ein Modul. Dann müsste sie nicht
mehr in ihrer Hütte kochen: auf der offenen Feuerstelle, wo sie Dung verbrennt, Stroh oder was sie sonst
so findet. Die Reste des Frühstücksfeuers qualmen noch
in der Mitte des dunklen, runden Raums. Links schlafen die Kühe, rechts das Ehepaar und die acht Kinder.
Beyra Dedgabe, die sich selbst auf Anfang 30 schätzt,
hustet und keucht wie eine langjährige Kettenraucherin. Ihr Baby, das sie auf dem Rücken trägt, hat ein
eiterverklebtes Auge. Das komme vom ständigen
Rauch, sagt die Mutter.
Mehr als 1,6 Millionen Menschen pro Jahr, unter
ihnen Hunderttausende Kinder, sterben laut der Weltgesundheitsorganisation an der Luftverschmutzung
durch offene Herdfeuer. Ein bisschen Sonnenstrom
und eine Kochplatte würden den Dedgabes reichen.
Aber sie können sich ja nicht mal eine Solartaschenlampe leisten. Und so müssen sie darauf warten, dass
die Regierung Gebaba ans Netz anschließt.
»Ohne Strom gibt es keine Entwicklung«, sagt
Energieminister Motuma Mekassa. »Ich hoffe, dass
uns die entwickelten Staaten helfen, unsere natürlichen
Ressourcen zu nutzen, damit wir nicht unsere Kohle
verbrennen müssen.« Mehrere Hunderte Millionen
Tonnen Steinkohle lagern in den Bergen; bislang hat
sie das Regime nicht angerührt. Aber wenn es nicht
anders geht, werden die Äthiopier den Bodenschatz
wohl erschließen, ein indischer Investor hat bereits
Interesse bekundet. Und die Kohle doch verheizen. So
wie es alle reichen Staaten vorgemacht haben.
28 WIRTSCHAFT
START
A
STOP
WOFÜR IST DAS DA?
Start-Stopp-System
D
ie Autozulieferer reagierten
schnell auf die Ölkrise im Jahr
1973. Um Kraftstoff zu sparen,
schaltete ihre Erfindung den Motor bei
einem Halt einfach ab und beim Tritt
aufs Gaspedal wieder an. Diese praktische Idee setzte sich damals nicht durch,
weil die Autofahrer fürchteten, die Anlasser hielten so etwas nicht aus. Die Befürchtungen waren grundlos, denn die
Anlasser hielten die Belastung aus, und
die Autos sparten im Stadtverkehr bis zu
15 Prozent Sprit. Kein Wunder also, dass
heute fast alle Autohersteller ausgereifte
Start-Stopp-Systeme anbieten, selbst für
Automatikautos. Kaum hält der Wagen,
gibt der (warm gefahrene) Motor Ruhe.
Werden Kupplung oder Gaspedal getreten, springt er nahezu geräuschlos sofort
wieder an.
DIETHE R RODATZ
DIE ZAHL
2 Mio.
Golf GTI wurden seit
1976 weltweit verkauft. Die
stärkste Version hat heute
310 PS unter der Haube
Quelle: VW
30. J U N I 2016
F
rieden ist teuer. Um die 15 Milliarden Dollar wird Volkswagen wohl
aufwenden müssen, um die wichtigsten juristischen Streitigkeiten
rund um die Diesel-Affäre in den
USA beizulegen. Ein mit Behörden
und privaten Klägern abgestimmter
Vergleichsvorschlag liegt seit Dienstag beim Bezirksgericht in San Francisco. Maximal zehn Milliarden Dollar kostet demnach die Rücknahme oder
Reparatur der manipulierten Fahrzeuge und die
direkte Entschädigung der Autobesitzer. 4,7 Milliarden Dollar gehen an Programme zum Schutz der
Umwelt, gegen 600 Millionen Dollar werden Verbraucherschutzklagen von US-Bundesstaaten zurückgezogen. Ist das Gericht einverstanden, könnte
der Vorschlag von Oktober an gelten. Damit wären
zwar nicht alle Verfahren in den USA beendet, aber
der Autokonzern hätte ein Problem weniger. Zugleich wäre der größte Teil des Geldes weg, das er
für die Folgen der Affäre zurückgelegt hatte: 16,2
Milliarden Euro, für alle Streitigkeiten weltweit.
Betroffene in Deutschland können über solche
Summen nur staunen. Ihnen bringen die Neuigkeiten aus den USA nichts. Volkswagen verspricht nur,
dass sie die Reparatur ihres Autos nichts kostet. Auch
die Entlastung des Vorstands auf der jüngsten
Hauptversammlung ist für die juristischen Aufräumarbeiten hierzulande irrelevant. Keines der Ereignisse beeinflusst die laufenden Schadensersatzklagen
von Aktionären oder die strafrechtlichen Ermittlungen gegen den früheren Konzernchef Martin
Winterkorn und ein anderes Vorstandsmitglied, die
vergangene Woche bekannt wurden.
Die verbliebenen juristischen Probleme hierzulande kreisen größtenteils um eine andere Frage:
Wurde der Kapitalmarkt manipuliert? Diese Frage
zu beantworten ist die bedeutendste offene Baustelle in der Affäre, entscheidend für die Ex-Manager
sowie für den Autokonzern in seinem Heimatmarkt.
Das Wertpapierhandelsgesetz sieht bei Marktmanipulationen nicht nur Schadensersatz vor, sondern
auch Geld- oder Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren.
Am 22. September 2015 hatte Volkswagen eine
Ad-hoc-Mitteilung zur Affäre veröffentlicht. »Es
bestehen allerdings zureichende tatsächliche
Anhaltspunkte dafür, dass diese Pflicht zu einer
Mitteilung über die zu erwartenden erheblichen
finanziellen Verluste des Konzerns bereits zu einem
früheren Zeitpunkt bestanden haben könnte«,
teilte die Staatsanwaltschaft Braunschweig nun mit.
Soll heißen: Winterkorn und der andere ExVorstand könnten Informationen bewusst zurückgehalten haben, die für den Aktienkurs relevant
gewesen wären. Das wäre dann eine Marktmanipulation. Doch auch wenn der Aktienkurs nach
Bekanntwerden der Diesel-Tricksereien um etwa
40 Prozent abgestürzt ist: Der Sachverhalt ist alles
andere als trivial.
Nur eine
Frage noch
In den USA zahlt Volkswagen Milliarden, hierzulande
ist die Diesel-Affäre aber noch lange nicht vorbei.
Muss Ex-Chef Martin Winterkorn am Ende büßen?
VON MARCUS ROHWETTER UND ARNE STORN
Gegen Martin Winterkorn ermittelt die Staatsanwaltschaft
Winterkorns Anwälte lehnten ein Gespräch ab
oder reagierten nicht auf eine Anfrage. Volkswagen
teilt nur mit, man habe seine »kapitalmarktrechtlichen Publizitätspflichten im Zusammenhang mit
der Diesel-Thematik ordnungsgemäß erfüllt«. Die
Fälle Winterkorn und Volkswagen sind zwar getrennt, haben aber eine inhaltliche Schnittmenge.
So ermöglichen die Zivilverfahren einige Rückschlüsse zu den strafrechtlichen Ermittlungen. Zugleich deuten sie darauf hin, dass ein möglicher und
frühzeitiger Ausweg von Volkswagen und seinen
Managern nicht genutzt – oder nicht erkannt wurde.
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft fußen
auf eigenen Erkenntnissen und Vorarbeiten der
Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht
(BaFin). Diese hatte Anhaltspunkte für Gesetzesverstöße erkannt, Anzeige erstattet und der Staatsanwaltschaft in den vergangenen Wochen Unter-
lagen übermittelt. So etwas passiert öfter: 2015
schloss die BaFin 214 Untersuchungen wegen
Marktmanipulationen ab, von denen 160 an Staatsanwaltschaften weitergegeben wurden. Viele solcher
Fälle werden später eingestellt. Verdächtigen müsste
nachgewiesen werden, dass sie persönlich vorsätzlich
und schuldhaft gehandelt haben – was in komplexen
Konzernen schwierig ist. Fehlverhalten von Mitarbeitern darf man ihnen in der Regel nicht zurechnen.
Das Gesetz verlangt, dass kursrelevante Informationen »unverzüglich« veröffentlicht werden. Diese
Informationen müssen konkret sein und Umstände
betreffen, die bereits eingetreten sind oder »mit
hinreichender Wahrscheinlichkeit« eintreten werden.
Gerade das ist knifflig und bei der Diesel-Affäre entscheidend: Denn um so eine Prognose abgeben zu
können, dürfen Manager einen Sachverhalt zunächst
untersuchen lassen. Nur trödeln dürfen sie nicht.
Foto [M]: Getty Images
AUTO
D I E Z E I T No 2 8
In einem Zivilprozess argumentiert Volkswagen
nun so: Dass US-Behörden seit Mai 2014 ermittelt
haben oder man selbst am 3. September 2015 sogar
Manipulationen eingestanden hat, seien für sich
genommen keine kursrelevanten Informationen.
Kurz: Wo keine Pflicht zur Ad-hoc-Meldung bestand,
konnte diese auch nicht verletzt werden. Mit dem
Argument müssen sich nun wohl auch die Staatsanwälte im Falle Winterkorns auseinandersetzen.
Anwälte des Konzerns erläutern gegenüber der
5. Zivilkammer des Landgerichts Braunschweig:
Man habe gehofft, sich mit den US-Behörden zu
einigen und mit einer üblichen Rückrufaktion sowie
einer moderaten Millionenstrafe davonzukommen.
Dies hätten vergleichbare Fälle anderer Unternehmen nahegelegt. Eine so niedrige Strafe hätte bei
Volkswagen, einem Konzern, der 2014 rund 203
Milliarden Euro Umsatz und 13 Milliarden Euro
operativen Gewinn gemacht hat, kaum den Aktienkurs beeinflusst. Erst nachdem US-Behörden am
18. September unerwartet an die Öffentlichkeit
gegangen seien, hätten Medien plötzlich über einen
Schaden von bis zu 18 Milliarden Dollar spekuliert.
Das habe die Aktie abstürzen lassen.
Offen lassen die Anwälte, warum Volkswagen
erst diese Meldung brauchte, um intern zu ermitteln,
dass es – wie am 22. September dann gemeldet –
weltweit um elf Millionen Autos ging und eine
Rückstellung in Milliardenhöhe nötig war.
Für eine Ad-hoc-Pflicht ist aber nicht nur der
mögliche Schaden relevant. Bei langen Verhandlungen oder behördlichen Untersuchungen können schon Zwischenschritte ausreichen, um eine
Veröffentlichungspflicht auszulösen. Im Einzelfall
mag das schwer zu beurteilen sein – für Manager
in Entscheidungsnot gibt es aber einen kurios
anmutenden Ausweg: Sie können die Veröffentlichung selbst aufschieben. »Wer ein berechtigtes
Interesse hat, darf sich zeitweise von der Ad-hocPflicht befreien und diese gewissermaßen zurückstellen«, erklärt Wirtschaftsstrafrechtler André
Szesny von der Kanzlei Heuking. »Das muss er
allerdings der BaFin gegenüber mitteilen, die
diese Entscheidung überprüft. Es ist denkbar, dass
laufende Untersuchungen, deren Erfolg durch
eine Veröffentlichung gefährdet würde, einen
solchen Befreiungstatbestand darstellen.«
Die Zahl der Selbstbefreiungen lag 2015 bei 324.
Ob eine von Volkswagen dabei ist, ist nicht bekannt
– aber wenig wahrscheinlich. Die BaFin schweigt.
Ihre Strafanzeige deutet aber darauf hin, dass der
Vorstand in ihren Augen schon vor dem 22. September erkannt hatte, dass er die Öffentlichkeit informieren müsste, dies aber bewusst unterließ. Hätte
das Management seine Pflicht erkannt, sich aber mit
guten Gründen selbst davon befreit, hätte die BaFin
wohl von einer Anzeige abgesehen.
www.zeit.de/audio
D I E Z E I T No 2 8
Gerechtigkeit kommt
nicht von allein
Verscherbelt die
Regierung unsere
Autobahnen?
W
Manuela Schwesig, SPD
und einem angeblichen »Regulierungswahn«, den
Rudzio beschwört? Bei zwei Prozent? Bei sieben?
Bei zwanzig?
Kolja Rudzio führt im Wesentlichen zwei
Argumente für seinen Vorwurf des Regulierungswahns an. Das Gesetz bedeute zum einen »viel
Bürokratie« und »umfangreiche Berichte«. Der
Bürokratievorwurf ist eine Ausrede: Für den Auskunftsanspruch genügt ein Blatt mit sechs
Fragen. Ist das zu viel, um dafür zu sorgen, dass
Frauen nicht bloß zufällig erfahren, dass sie
weniger bekommen?
Das zweite Argument: Äpfel würden mit
Birnen verglichen, Kantinenfachkräfte mit Fachinformatikern. Auch das stimmt nicht. Erprobte Prüfverfahren gibt es bereits. Sie sind in der
Praxis bewährt, etwa bei der Berliner Messe oder
der Hamburger Hafen und Logistik AG. Sie
vergleichen Beschäftigte, die messbar gleichwertige Arbeiten verrichten. Und sie begradigen
Lohnstrukturen, die laut dem Gehaltscoach
Martin Wehrle »schief sind wie der Turm von
Pisa«. Nicht nur zwischen Frauen und Männern
übrigens. Verbindliche Prüfverfahren bringen
große Unternehmen – und nur um die geht es
– dazu, sich mit ihren Lohnstrukturen auseinanderzusetzen. Große Unternehmen haben die
IT-Infrastruktur, um das ohne unzumutbaren
Aufwand zu schaffen – ansonsten wird es umso
dringlicher Zeit, dass sie sich über ihre Lohnstrukturen klar werden.
Was die übrigen 14 Prozent Lohnlücke angeht, hat Kolja Rudzio recht: Unterschiedliche
Ursachen müssen von unterschiedlichen Seiten
angegangen werden. Das ist für die Politik nichts
Neues: Schon der Mindestlohn hat zu leichten
Verbesserungen geführt. Es muss leichter werden,
Beruf und Familie zu vereinbaren. Dazu schlage
ich eine bezahlte Familienarbeitszeit vor. Wenn
Mütter und Väter gemeinsam Zeit für die Familie haben, werden es nicht mehr so oft die Frauen
sein, die im Beruf zurückstecken. Ein Rückkehrrecht von Teilzeit auf die frühere Stundenzahl
muss kommen – es steht im Koalitionsvertrag.
Der Ausbau der Kinderbetreuung geht voran.
Wir brauchen auch einen Rechtsanspruch auf
Ganztagsbetreuung für Schulkinder. Und schließlich müssen Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten, aufgewertet werden. Wer mit dem
Hinweis auf die Vielfalt der Ursachen für die
Lohnlücke ein Gesetz ablehnt, muss zumindest
bereit sein, Initiativen zur Beseitigung dieser
weiteren Ursachen zu ergreifen.
Nicht überall, wo man sich Gerechtigkeit
wünscht, würden neue Vorschriften und Gesetze
helfen, schreibt Rudzio. Das stimmt. Aber überall, wo man sich Gerechtigkeit wünscht und
gleichzeitig fordert, ein Gesetz möge »noch lange
geprüft und nie zertifiziert« werden, bleibt Ungerechtigkeit. Die Gleichberechtigung von Frauen ist immer nur durch Gesetze vorangebracht
worden, wenn der politische Mut und Wille vorhanden waren. Frauen wissen das – und fortschrittliche Männer sollten das unterstützen.
Wenig, aber genug
STANDPUNKT
Die vorsichtige Erhöhung des Mindestlohns ist richtig
D
er Mindestlohn bleibe ein Mangellohn,
so haben Politiker der Linkspartei seine
geplante Erhöhung kommentiert. Sie
haben recht damit. Hoch ist er auch dann nicht,
wenn der Mindestlohn bald von 8,50 Euro pro
Stunde auf 8,84 Euro steigt. Eine Familie ernähren kann man davon jedenfalls nicht. Trotzdem ist die vorsichtige Steigerung, die die Mindestlohn-Kommission jetzt vorschlägt, richtig.
Den Empfängern ist nicht geholfen, wenn
man die Lohngrenze rasant nach oben treibt,
wie es einige Links-Politiker und Gewerkschafter fordern, die schon nach 10 oder 12 Euro
rufen. Wer seinen Job verliert, weil ein Arbeitgeber den Lohn nicht mehr bezahlen kann, hat
nichts vom Mindestlohn. Viele glauben, diese
Warnung sei überholt – schließlich seien seit
VON KOLJA RUDZIO
Einführung der Lohnschranke Jobs entstanden
und nicht verloren gegangen. Doch so einfach
ist es nicht. Der Mindestlohn wurde zu einer
Zeit eingeführt, als die deutsche Wirtschaft
gleich mehrfach gedopt war: durch ultraniedrige
Zinsen, durch ultraniedrige Ölpreise und einen
sehr niedrigen Euro-Wechselkurs. Die gute Lage
am Arbeitsmarkt hat auch damit zu tun.
Außerdem hatten Arbeitgeber bei der Einführung des Mindestlohns viele Möglichkeiten,
den Kostensprung ohne Entlassungen abzufangen: Da wurde aus Weihnachtsgeld Monatslohn,
da wurden Pausen gestrichen, und es wurde Arbeit verdichtet. Das alles lässt sich aber nicht
beliebig wiederholen. Ebenso wenig wie die Wirtschaft immer rund läuft. Deshalb bleibt der
Mindestlohn ein heikles Instrument.
Die Pläne der Koalition sind
undurchsichtig. Das könnte
auch eine Strategie sein
VON FELIX ROHRBECK
Noch gehört diese Autobahnkreuzung
bei Duisburg allein dem Staat
E
ntgegen einer weit verbreiteten
Legende hat Adolf Hitler die
Autobahnen nicht erfunden. Die
erste vierspurige, schnurgerade,
kreuzungsfreie Straße ließ ein
späterer Bundeskanzler errichten:
Konrad Adenauer, damals noch
Oberbürgermeister von Köln. Er eröffnete die
knapp 20 Kilometer lange Strecke nach Bonn im
August 1932 – und setzte sich damit gegen Kritiker durch, die wie Reichsverkehrsminister Theodor von Guérard damals der Meinung waren,
Deutschland sei zu arm für solche »Luxusstraßen«.
Aus den 20 Kilometern sind bis heute 12 949
Kilometer geworden, Deutschland hat eines der
dichtesten Autobahnnetze der Welt. Experten
schätzen den Wert auf bis zu 200 Milliarden Euro,
das ist mehr, als jeder Dax-Konzern an der Börse
kostet. Anders als Guérard einst befürchtet hatte,
war der Staat nicht zu arm, um Autobahnen zu
bauen und zu betreiben. Seine Bürger können mit
Pkw und Bus bis heute gebührenfrei auf ihnen
fahren – mit dem asphaltierten deutschen Luxus
könnte es nun aber bald vorbei sein.
Die Bundesregierung plant, die Autobahnen in
eine eigene Gesellschaft auszugliedern, eine Art
Autobahn AG. Dafür will sie sogar die Verfassung
ändern. Ein Entwurf, der dazu kursiert, sieht vor,
dass Versicherungen, Pensionsfonds und Banken
bis zu 49 Prozent der Anteile an dieser Gesellschaft
übernehmen könnten. Das würde eine echte Privatisierung bedeuten. Völlig unklar ist aber, aus
welchem der drei beteiligten Ministerien der Entwurf stammt. Die ZEIT hat im Wirtschafts-, Finanz- und Verkehrsministerium nachgefragt. Alle
drei haben nur ausweichend geantwortet, betonen
aber, dass die Autobahngesellschaft vollständig im
Besitz des Bundes bleiben soll. Die Echtheit des
öffentlich gewordenen Entwurfs aber dementieren
sie auch nicht.
Ja, was denn nun? Selbst gestandene Verkehrspolitiker sind ratlos. Und vielleicht liegt genau
darin die Strategie der Bundesregierung. Eigentlich würde man ja erwarten, dass es einen Aufschrei auslöst, wenn der Staat mit dem Gedanken
spielt, einen beträchtlichen Teil seiner Infrastruktur zu verscherbeln und dafür sogar Hand an das
ANALYSE
FORUM
Familienministerin Manuela Schwesig antwortet auf Kolja Rudzios Kritik
am »Regulierungswahn« bei den Gehältern von Frauen
arum soll es in Deutschland
nicht möglich und richtig sein,
für Transparenz bei den Löhnen
zu sorgen? Warum sollen Frauen und Männer nicht erfahren, ob sie fair
bezahlt werden?
ZEIT-Redakteur Kolja Rudzio räumt in
seinem Artikel vom 23. Juni ein, dass die Bruttostundenlöhne von Frauen um 21,6 Prozent
niedriger sind als die der Männer. Unbestritten
ist auch, dass diese Lohnlücke verschiedene Ursachen hat: Frauen arbeiten in schlechter bezahlten Berufen, sie gehen in Elternzeit, sie arbeiten
öfter in Teilzeit und weniger in Führungspositionen. Tatsache ist auch: Sieben Prozentpunkte
sind nach den Daten des Statistischen Bundesamts nicht zu erklären, da ist die Benachteiligung also direkt. Sieben Prozent entsprechen
einem Drittel der gesamten Lohnlücke – oder
2700 Euro, die bei einem durchschnittlichen
Jahreseinkommen von 41 000 Euro jeder Frau
jedes Jahr fehlen gegenüber einem Mann, der
gleichwertige Arbeit macht. Das hat Marcel
Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für
Wirtschaftsforschung, berechnet.
Sieben Prozent, stabil über viele Jahre, sind
eine hartnäckige Ungerechtigkeit und ein Grund
zu handeln. Wo liegt die Grenze zwischen der
grundgesetzlichen Aufgabe des Staates, die
Gleichberechtigung durchzusetzen und auf die
Beseitigung bestehender Nachteile hinzuwirken
WIRTSCHAFT 29
ANALYSE UND MEINUNG
Grundgesetz legt. Doch außerhalb von Fachzirkeln werden die Pläne kaum diskutiert. Das hat
auch mit der Geheimniskrämerei der Bundesregierung zu tun. Obwohl die Verfassung noch in
dieser Legislaturperiode geändert werden soll, beantwortet sie die Anfragen von Abgeordneten
und Journalisten nur wortkarg. Ihren Beteuerungen, die Autobahnen blieben im alleinigen
Besitz des Staates, glaubt nicht jeder. »Ein Verkauf wäre extrem unpopulär, also versichert die
Bundesregierung das Gegenteil. Die Frage ist nur,
ob sich das dann auch in der Verfassungsänderung widerspiegelt oder ob man dort bewusst so
schwammig formuliert, dass eine Veräußerung
von Anteilen eben doch möglich ist«, sagt Anton
Hofreiter, der Fraktionsvorsitzende der Grünen.
Die Alternative zum Verkauf von Anteilen der
Gesellschaft wäre eine versteckte Privatisierung.
Die Autobahn-Gesellschaft bliebe zwar zu hundert Prozent beim Bund, würde aber eigene Anleihen ausgeben und an Versicherungen und Ban-
Ob echte oder versteckte
Privatisierung – mit der kostenlosen
Raserei wäre es wohl bald vorbei
ken verkaufen. Diese würden der Gesellschaft also
eine Art Kredit geben – vorausgesetzt natürlich,
sie erhielten im Gegenzug eine attraktive Rendite.
Egal, ob echte oder versteckte Privatisierung:
Die Verlockung für den Staat ist groß. Er könnte
mit dem Geld der Privaten die bröckelnden Straßen und Brücken sanieren, ohne dass die schwarze Null im Haushalt gefährdet wäre. Mit dem
Luxus der kostenlosen Raserei wäre es dann wohl
aber auch über kurz oder lang vorbei. Schließlich
werden Unternehmen sich nur beteiligen, wenn
sie damit auch Geld verdienen. Finanzminister
Wolfgang Schäuble sagte kürzlich, die Autobahngesellschaft müsse ein Schritt sein, »um die Nutzung öffentlicher Infrastruktur, besonders der
Autobahnen, allmählich stärker nutzerorientiert
zu finanzieren«. Im Klartext bedeutet das: eine
Pkw-Maut für alle.
Um etwas Schwung in die Debatte zu bringen,
haben die Grünen beim Verfassungsrechtler
Christoph Möllers von der Humboldt-Universität
zu Berlin ein Gutachten in Auftrag gegeben. In dem
noch unveröffentlichten Dokument, das der ZEIT
vorliegt, werden drei grundsätzliche Zweifel an den
Plänen der Bundesregierung formuliert.
Erstens bestehe die Gefahr eines Schattenhaushalts. Es sei »nicht klar«, schreibt Möllers, »warum
man die Investitionsfähigkeit des Staates erst durch
Verfassungsrecht im Namen der Budgetstabilität
begrenzen will, um diese Regelung dann mittels
einer anderen Grundgesetzreform zu umgehen«.
Durch eine Autobahngesellschaft entstünde eine Art
separater Haushalt. Und die Zinsen, die man den
Privaten bieten müsste, wären höher, als wenn der
Staat sich direkt bei ihnen verschuldete. Für die
Steuerzahler ein schlechtes Geschäft.
Zweitens würden die Unternehmen sich wohl
nur die Rosinen herauspicken. »Es läuft darauf
hinaus«, schreibt Möllers, »dass Private, die mit
einem legitimen Profitinteresse in eine solche
Kooperation einsteigen werden, nur für solche
Straßen zuständig werden, die wegen ihres hohen
Auslastungsgrades profitabel« seien. In dem öffentlich gewordenen Entwurf der Bundesregierung ist tatsächlich nur von Autobahnen die
Rede, nicht aber von den weniger befahrenen
Bundesstraßen. Das macht aus verwaltungstechnischer Sicht wenig Sinn. Autobahnen und Bundesstraßen gehören dem Bund, werden aber bislang von den Ländern verwaltet. Wollte man
dieses ineffiziente Kuddelmuddel beseitigen,
müsste man beide in die neue Gesellschaft ausgliedern. Sonst setzt man sich dem Verdacht aus,
nur die kommerziell besonders verwertbaren Teile
für die Privaten herauszulösen.
Drittens, schreibt Möllers, würden die Rechte
der Abgeordneten beschnitten. Durch ein Auslagern der Autobahnen in eine GmbH oder AG
ergäben sich »bei der parlamentarischen Kontrolle beträchtliche Probleme«. Als Beispiel führt
er die Deutsche Bahn an: Dort könne man sehen,
über wie wenig Auskunftsmöglichkeiten der
Bundestag heute noch verfüge.
www.zeit.de/audio
Fotos (Ausschnitte): Kniel Synnatzschke/Plainpicture; Steffen Roth/Agentur Focus (l.)
30. J U N I 2 0 1 6
30. J U N I 2016
WAS BEWEGT BARBARA HENDRICKS?
D I E Z E I T No 2 8
Fotos (Ausschnitte): Ute Grabowsky/photothek; Plainpicture (u.)
30 WIRTSCHAFT
Barbara Hendricks im Kraftwerk Kalkar, heute ein Vergnügungspark
Barbara wer?
Die Bundesumweltministerin ist leise. Das ist sympathisch. Nur stellt sich die Frage, wie viel sie auf diese Art politisch verändern kann
F
ukushima, Japan, im Mai. Vor fünf
Jahren sind hier nach einem Tsunami die Kernreaktoren explodiert,
haben die Gegend verstrahlt und in
Deutschland das endgültige Aus der
Atomkraft besiegelt. Bis heute dürfen nur handverlesene Besucher in
das Sperrgebiet. Barbara Hendricks darf. An einem
sonnigen Morgen sitzt die deutsche Umweltministerin in Jeans und Jackett im Sonderbus der Betreiberfirma Tepco und schaut aus dem Fenster.
Über die Hände musste sie weiße Baumwollhandschuhe ziehen, über die Schuhe Plastikhüllen. In
der Brusttasche ihrer Schutzweste trägt sie ein
Messgerät. Das soll bei zu hoher Strahlung piepsen.
Die Fahrt führt vorbei an verfallenden Häusern,
verwilderten Reisfeldern und Polizeisperren. Dann
biegt der Bus am Ende eines steilen Abhangs um
eine Kurve, und plötzlich sind sie zu sehen, die
Reaktoren. Im ersten klafft noch das Loch der Explosion, zerfetzte Stahlträger ragen in den Himmel.
Draußen laden Arbeiter Werkzeug von einem Laster. Sie tragen trotz der heißen Mittagssonne feste
Schutzanzüge, Bleigürtel und Atemmasken. Noch
mindestens 40 Jahre, so erzählt ein Tepco-Mitarbeiter der Ministerin, müsse hier aufgeräumt
werden. Sie schweigt. Später legt sie, begleitet vom
Bürgermeister eines verlassenen Dorfes, einen
Kranz nieder, spricht ein paar vorbereitete Beileidsworte und schaut dann über die Ebene, in der Tausende von Plastiksäcken mit verstrahlter Erde lagern. Als sie aber gefragt wird, ob das alles ihr Herz
berühre, sagt sie trocken: »So habe ich es mir nicht
vorgestellt.« Und: »Es ist aufgeräumter als in
Tschernobyl.« Und: »Wir haben uns in Deutschland für einen anderen Weg entschieden.«
»Man muss nicht immer trommeln,
um etwas zu erreichen«
Solche Sätze machen keine Schlagzeilen. Barbara
Hendricks passiert das häufiger. Die Ministerin
tritt zwar oft auf, aber darüber berichtet wird wenig. Längst hat sie den Ruf, blass zu sein, sie gilt als
graue Maus im Kabinett. Eine, die jenseits des politischen Berlins kaum jemand kennt, weil sie ihre
Botschaften nicht klar formuliert, Kameras und
Mikrofonen wenig bietet. Und daraus schließen
dann wiederum viele: Die Hendricks, die bewegt
in der Politik nichts.
Am Abend, beim Bier in der Bar eines japanischen Hotels, lacht Barbara Hendricks, als sie das
hört. Mit niederrheinischem Singsang in der Stimme sagt sie: »Man muss nicht immer trommeln,
um etwas zu erreichen.« Sie ist jetzt so locker wie
den ganzen Tag über nicht. Ihr Blick, der bei öffentlichen Terminen oft suchend umherschweift
und ein Gefühl permanenter Unsicherheit transportiert, ist jetzt geradeheraus: »Unterschätzen Sie
nicht die Arbeit hinter den Kulissen. Ein stiller
Kompromiss bringt oft viel mehr als eine laute Inszenierung. Oder ein harter Satz.«
Das alles klingt, als stecke hinter Hendricks’ öffentlicher Verhuschtheit eine Strategie. Sie ist nun
kaum zu stoppen, als sie die Themen aufzählt, bei
denen sie so etwas in Gang gesetzt habe: Der Hochwasserschutz an den fünf großen deutschen Flüssen werde künftig länderübergreifend organisiert.
Endlich suche eine parteiübergreifende Kommission nach Kriterien für ein Atomendlager, auch die
Lagerung der Castoren sei friedlich geregelt. In
Brüssel habe sie durchgesetzt, dass es die EUNaturschutz-Richtlinien weiterhin gibt und dass
Deutschland den Anbau gentechnisch veränderter
Pflanzen verbieten kann. Besonders stolz sagt sie,
dass sie als SPD-Ministerin vom CDU-Finanzminister Schäuble mal eben »500 Millionen Euro
extra für die Baupolitik bekommen« habe.
All das sind tatsächlich echte und zugleich stille
Erfolge. Und sie werden die Ministerin nicht berühmt machen: weil sie Probleme verhindern, von
denen im besten Fall keiner etwas mitbekommt –
wie beim Hochwasserschutz. Weil sie Streit befrieden – wie sich an diesem Montag zeigt, als die Endlagerkommission zu gemeinsamen Empfehlungen
kommt, und zwar über Parteigrenzen hinweg.
Und doch, je länger die Liste wird, desto offener
stellt sich eine Frage: Reicht das?
In ruhigen Zeiten mag Politik so funktionieren.
Heute aber geht es bei Hendricks’ Job um nicht
weniger als die Zukunft des Landes, wenn nicht gar
der Welt. Um den Klimawandel. Die rasante Zerstörung der Artenvielfalt. Den ökologischen Umbau der Wirtschaft und der Städte, manche sagen
sogar, um die Transformation der Gesellschaft. Das
alles wird nur zu schaffen sein, wenn die zuständige
Ministerin weit jenseits ihrer offiziellen Zuständigkeiten und Haushaltslinien agiert. Wenn sie den
Wirtschaftsminister, die Energiekonzerne und die
Gewerkschaften, den Verkehrsminister und die
Autoindustrie, den Landwirtschaftsminister und
die Bauern antreibt – damit das Land weniger CO₂
produziert und weniger Ressourcen verbraucht.
Und wenn sie die Bürger daran erinnert: Leute, wir
haben ein Problem, das wirklich alle angeht.
Bloß, hinter den Kulissen geht das nicht.
Hendricks weiß das wohl, spätestens seit vergangenem Dezember. Damals verbrachte sie Tage
und Nächte auf der Klimakonferenz in Paris, ließ
sich mitreißen von Tony de Brum, dem Außenminister der Marshallinseln, wo man schon spürt,
wie der Meeresspiegel steigt. Voller Enthusiasmus
kämpfte sie dafür, dass sich die Regierungen
verpflichten, den Anstieg der Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad zu begrenzen und den CO₂Ausstoß ihrer Länder entsprechend drastisch zu
reduzieren. Am Ende des Gipfels zeigte die Tagesschau das Bild einer bewegten älteren Frau mit
müdem Gesicht und Freudentränen in den Augen:
Barbara Hendricks. Paris war ein Erfolg und in
diesem Moment auch der ihre. »Wir haben heute
alle zusammen Geschichte geschrieben«, sagte sie,
und dass »Paris nicht das Ende, sondern der Anfang eines langen Weges« sei. Das alles machte
Schlagzeilen, und für einen Moment redete das
Land so viel über Umweltpolitik wie lange nicht.
Kurz hofften Umweltschützer, dass dieses Erlebnis die Frau nachhaltig verändern würde. Dass der
Enthusiasmus sie weitertragen, sie sich von nun an
auch zu Hause emotionaler und damit hörbarer für
eine ehrgeizige Klimapolitik einsetzen würde, beispielsweise für eine schnelle Schließung der Braunkohlegruben in der Lausitz und am Niederrhein.
Das wäre ähnlich mutig wie einst der Atomausstieg. Doch schon am Montag nach Paris duckt sie
sich wieder weg. In der Bundespressekonferenz verfällt sie in ihren typisch sozialdemokratischen
Sprech, und auch danach redet sie von »sozialverträglichem Strukturwandel«. Davon, dass man
die Menschen nicht verschrecken dürfe. So, als ob
noch viel Zeit wäre, so, als ob es die Dringlichkeit
von Paris nicht gegeben hätte.
Ihre Vertrauten entschuldigen das auch mit der
Koalitionsarithmetik, damit, dass sie sich mit harten öffentlichen Forderungen nach schnellerem
Klimaschutz gegen den Wirtschaftsminister stellen
würde. Und das gehe nun mal nicht, denn der sei ja
zugleich Chef ihrer Partei. Das stimmt, und doch
gibt es noch eine zweite, traurigere und zugleich
persönlichere Erklärung: Genügsamkeit.
Über Jahrzehnte war das Hendrickssche Karriererezept die Unauffälligkeit. Bevor sie Ministerin
wurde, war sie Pressesprecherin im nordrhein-westfälischen Finanzministerium, Schatzmeisterin der
SPD und Staatssekretärin gleich unter drei SPDFinanzministern – ohne dabei jemals über den
kleinen Kreis der Experten hinaus bekannt zu werden. Sie machte sich unentbehrlich durch Kompetenz, schaffte Probleme weg und eckte nicht an,
auch nicht durch starke eigene Ideen.
Sie war das Modell Arbeitsbiene. Auf die leise
Weise immer weiter aufzusteigen kam ihr wohl auch
VON PETR A PINZLER
Die Baustellen
der Ministerin
Umweltschutz
Bis 2050 will die Bundesregierung
die Emissionen von Treibhausgasen
im Vergleich zum Jahr 1990 um 80
bis 95 Prozent senken. Die Umweltministerin darf die Strategie dafür
erarbeiten: den »Klimaschutzplan
2050«. Sie muss sich dabei gegen die
Minister für Wirtschaft, Verkehr und
Landwirtschaft durchsetzen. Wie viel
Überzeugungskraft sie wirklich hat,
wird sich vielleicht noch vor der
Sommerpause herausstellen.
Bau- und Wohnungspolitik
Weil die Energiepolitik im
Wirtschaftsministerium gebündelt
wurde, bekam die Umweltministerin
diese Politikbereiche dazu, quasi als
Entschädigung. Hendricks hat unter
anderem ein »Bündnis für bezahlbares
Wohnen und Bauen« initiiert.
Reaktorsicherheit
Der Betrieb von Atomkraftwerken,
die Lagerung radioaktiver Abfälle
(siehe Foto): Hendricks ist für
umstrittene Themen zuständig. Sie
hat erreicht, dass Experten und
Politiker Kriterien für die Suche nach
einem Endlager gefunden haben.
privat entgegen. Denn die 64-Jährige hat ihre politische Karriere am Niederrhein noch in einer Zeit
begonnen, in der zu viel Charisma gefährlich viel
Interesse an ihrer Person hätte wecken können. Seit
Jahren schon lebt sie mit einer Frau in einer eingetragenen Partnerschaft. Sie sagt heute, dass ihr
das nie geschadet habe. Aber vorsichtig war sie
schon. Und vielleicht funktionierte Karriere ja für
eine Frau ihrer Generation in ihrer Partei kaum
anders. Jedenfalls hat keine andere neben den
»Jungs«, all den sozialdemokratischen Alphatieren,
so lange durchgehalten, es so weit nach oben geschafft, und das sogar gegen den eigenen Parteichef.
Sigmar Gabriel wollte Hendricks nicht als Ministerin. Sie ist es geworden, weil sie gleich drei Quoten
erfüllte: SPD, NRW, Frau.
Ihr bleiben noch knapp zwei Jahre, um sich
selbst und alle anderen zu überraschen
Eigentlich könnte so eine Geschichte frei machen
von Rücksichtnahme, zumal Hendricks am Ende
ihrer Amtszeit das Pensionsalter erreicht haben
wird. Ihr bleiben also nur noch knapp zwei Jahre,
um sich selbst und alle anderen zu überraschen.
Nur würde das Brüche nötig machen – nicht zuletzt mit den eigenen Gewohnheiten.
Berlin im Juni. Zum 30-jährigen Jubiläum des
Umweltministeriums sind alle ehemaligen Chefs,
viele Promis und Fernsehteams gekommen. Die
Ex-Minister, darunter die Kanzlerin, schneiden
eine Torte an. Dann singt ein Chor, es folgen Reden. Das wäre nun die Chance für Hendricks: um
öffentlich Verbündete zu suchen für ihren »Klimaschutzplan 2050«, in dem ein paar ganz gute Ideen
stehen, wie der CO₂-Ausstoß des Landes gesenkt
werden könnte – und der gerade in anderen Ministerien kleingehäckselt wird. Oder um ganz andere, ganz neue und mutige Ideen zu lancieren.
Zuerst sind die Vorgänger dran. Der Ex-Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) breitet mal
eben, charmant wie immer, seine Vision der ökologischen Kreislaufwirtschaft von morgen aus. Er
erntet tosenden Applaus. Jürgen Trittin (Grüne)
verteilt elegant kleine Spitzen gegen die steuerliche
Förderung von Diesel und andere Ökosünden der
Regierung. Und Sigmar Gabriel (SPD) klagt: Die
Umweltpolitik kümmere sich zu wenig um die Artenvielfalt. Er schaut die Ministerin nicht an, sondern ihren Staatssekretär Jochen Flasbarth. Und
sagt: »Macht mal mehr, Jochen!«
Zum Schluss redet Hendricks. Die Gäste in
den hinteren Reihen beginnen mit ihren Handys
zu spielen.
30. J U N I 2 0 1 6
D I E Z E I T No 2 8
WISSEN
In ewiger Dunkelheit:
Schriftsteller Clemens
J. Setz besucht junge
Grottenolme
Seite 33
31
Tatort
Krankenhaus
Ein Pfleger tötet Patienten. Wie
lassen sich solche Fälle verhindern?
Das Krankenhaus ist ein Ort der Hoffnung.
Gewiss, auch dort machen Menschen
Fehler. Trotzdem gehen die meisten
Patienten voller Vertrauen in die Klinik.
Nun aber ist Ungeheuerliches geschehen:
Der Krankenpfleger Niels H. brachte in
Delmenhorst und Oldenburg reihenweise
Patienten um. Inzwischen ist von weit mehr
als 30 Opfern die Rede, eine Sonderkommission ermittelt noch immer, obwohl
Niels H. schon verurteilt wurde. Viele
Menschen fragen sich: Haben hier alle
Eine Million Menschen
arbeiten in deutschen
Krankenhäusern. Sind
jetzt alle verdächtig?
Warum
gibt es etwas und
nicht nichts?
Thomas Ruff:
»Stars«
Der Nachthimmel
hat ihn schon als
Kind begeistert,
festhalten konnte
Thomas Ruff ihn
damals mit seinem
Equipment nicht.
Später stieß er auf
Negative aus dem
Archiv der Europäischen Südsternwarte in Chile.
Daraus schuf
der Fotokünstler
großformatige
Bilder von Sternen
und Galaxien, die
beeindruckende
Muster bilden
Fotos: [M] Thomas Ruff
»Stern 16h 30m/-50°« 1989/
VG Bild-Kunst, Bonn 2016;
Capital Pict./Intertopics/
ddp (o.); F1online (r.)
Eigentlich dürften wir gar nicht existieren. Materie und Antimaterie
hätten sich nach dem Urknall gegenseitig auslöschen müssen.
Dennoch gibt es die Welt – und in ihr suchen Physiker heute fieberhaft
nach der verlorenen Antimaterie VON CHRISTOPHER SCHR ADER
W
enn es um das Fallenstellen geht, sind Physiker einfallsreicher als alle
Trapper und Wilderer.
Sie müssen schließlich viel
exotischere Geschöpfe als
Hase oder Fuchs fangen.
Wesen, die niemand sieht und die sich hartnäckig
jedem Versuch entziehen, sie festzuhalten: Reisende
aus den Tiefen des Alls zum Beispiel. Oder jene
rätselhaften Objekte der Antimaterie, die das
Gegenteil all dessen sind, was diese Welt ausmacht,
sozusagen die physikalische Entsprechung des
Faustschen »Geists, der stets verneint«. Überließe
man solch Antimaterie sich selbst, würde sie bei der
Begegnung mit gewöhnlicher Materie umgehend
in einem Blitz reiner Energie vernichtet. Dennoch
schaffen es Physiker, Antiteilchenmaterie nicht nur
zu fangen, sondern sogar fünfzehn Minuten lang
zu arretieren – nach den Maßstäben der atomaren
Welt eine Ewigkeit.
Wozu das gut sein soll? Um endlich eine Antwort zu finden auf die große philosophische Frage
(die gern Gottfried Wilhelm Leibniz zugeschrieben wird): »Warum gibt es etwas und nicht
nichts?« Dieses Grundproblem treibt nicht nur
Philosophen, sondern auch Physiker um. Bisher
kann die Naturwissenschaft nicht schlüssig erklären, warum es überhaupt Planeten, Atome,
Zeitungen oder Leser gibt, die alle aus Materie
bestehen. »In der Natur ist etwas geschehen,
weswegen wir überhaupt miteinander reden
können«, sagt der Physiker Walter Oelert, der
lange am Forschungszentrum Jülich gearbeitet
hat. »Aber wir wissen nicht, was es ist.« Sein Kollege Stefan Schael von der RWTH Aachen bestätigt: »Nach unserem Verständnis der Physik
müsste unser Universum nur noch aus Licht bestehen. Materie – und damit uns Menschen –
dürfte es eigentlich gar nicht mehr geben.«
Schiefgelaufen sein im Sinne der bisherigen physikalischen Theorie muss alles schon in den ersten
Sekundenbruchteilen nach dem Urknall. Damals,
vor 13,8 Milliarden Jahren, entstand nach derzeitigen
Vorstellungen das Universum in einem gewaltigen
Energieblitz quasi aus dem Nichts heraus. Nach den
Erhaltungssätzen der Physik muss das Ganze allerdings elektrisch und energetisch vollkommen neutral
abgelaufen sein. Das heißt: Was auch immer dabei
entstand, am Ende sollte es sich in der Gesamtsumme weiterhin zu null summieren.
Kontrollmechanismen versagt? Und wer
überwacht eigentlich die Arbeit des Klinikpersonals?
Der reflexhafte Ruf nach neuen Gesetzen
führt nicht weiter. Denn so grauenhaft der Fall
dieses Pflegers auch ist, er bleibt die Ausnahme. Niels H. ist nur einer von mehr als
einer Million Menschen, die in den knapp
2000 deutschen Krankenhäusern arbeiten – in
der Regel gewissenhaft und zuverlässig. Es
wäre absurd, diese Menschen nun pauschal zu
verdächtigen. Auch durchgängige Kontrollen
im klinischen Alltagsbetrieb helfen nicht weiter. Schließlich werden jährlich etwa 19 Millionen Patienten in Deutschland stationär
versorgt, etwa 400 000 Menschen sterben in
den Kliniken. Wollte man unter diesen Bedingungen, bei oft dünner Personaldecke, nun
künftig jede einzelne aufgezogene Spritze
kontrollieren, käme der Betrieb zum Erliegen –
auch das würde Patientenleben gefährden.
Im Falle von Niels H. hätte schon ein
wenig mehr Konsequenz geholfen. Schließlich
weiß man in Kliniken, wie viele Todesfälle in
einem Zeitraum auf einer Station normal sind.
Und es fällt auf, wenn immer wieder ein bestimmter Mitarbeiter im Zusammenhang mit
Todesfällen steht. In Delmenhorst und
Oldenburg aber wollten die Verantwortlichen
dem Verdacht nicht nachgehen. Denn der
Druck, den Betrieb nicht zu stören, ist schon
aus finanziellen Gründen enorm. Lieber wurde
der verdächtige Pfleger mit besten Zeugnissen
an andere Häuser weggelobt.
Wenn aber interne Kontrollmechanismen versagen, braucht es Stichproben und
mehr externe Kontrollen. Schon lange
beklagen Pathologen, dass es an Kliniken
zu wenig Obduktionen gibt. Das soll sich
vom nächsten Jahr an ändern. Allerdings
müssen die Ärzte dann auch die Todesbescheinigungen richtig ausfüllen. Zu häufig
kreuzen sie als Todesart »natürlich« an, selbst
wenn es »unklar« heißen müsste. Denn dann
muss die Staatsanwaltschaft ermitteln.
Gern wüsste man, wie viele Patienten pro
Jahr in einer Klinik sterben. Dann könnte
man auch extreme Abweichungen erkennen.
Bisher aber gibt es keine Stelle, an der solche
Daten zusammenlaufen und zeitnah ausgewertet werden. Zwar haben sich einige Krankenhäuser zur Initiative Qualitätsmedizin
zusammengeschlossen und legen freiwillig
die Zahl ihrer Sterbefälle offen. Doch das
sind bisher nur 230 Kliniken. Nun müssen
nur noch die restlichen 1700 Krankenhäuser
umdenken.
HARRO ALBRECHT
HALBWISSEN
Mehr Rouge, bitte!
Wie das gehen soll? Indem zu jedem materiellen Partikel zugleich dessen Gegenstück, ein entsprechendes Antimaterie-Partikel, entsteht. Wenn
sich etwa mit jedem negativ geladenen Elektron
zugleich ein positiv geladenes »Positron« bildet,
bleibt die elektrische Ladung insgesamt unverändert gleich null. Dabei ist beiden Teilchen ihre
Existenz gewissermaßen nur kurz geliehen: Finden
die Partner wieder zusammen, lösen sie sich gemeinsam in ein Nichts auf.
So jedenfalls beschreibt die Quantentheorie die
Genese des Universums aus dem Vakuum: Die
physikalischen Objekte entstanden jeweils paarweise in Form von Teilchen und Antiteilchen gemeinsam aus dem Nichts und vergingen nach
kurzer Zeit wieder ins Nichts. Eine elegante Theorie, die das Problem der Schöpfung quantenphysiFortsetzung auf S. 32
Sprechen Genetiker vom »Phänotyp«, dürfen
wir Laien »Erscheinungsbild« sagen. Phaíno
ist Griechisch für: Ich erscheine. Wie genau,
das bestimmen Erbanlagen und Umweltfaktoren. So weit, so biologisch. Doch wehe,
es wird sozialpsychologisch! Über einen »erweiterten Phänotyp« spekulieren Forscher der
Universität Stirling im Journal Perception.
Nicht um Psychogenetik geht es, sondern um
Kosmetik. Die Psychologen fanden heraus,
dass geschminkte Frauen anders wahrgenommen werden als ungeschminkte. Männer
finden sie attraktiver, Frauen entwickeln Eifersucht. Kurzum: Make-up verhilft auch jener
zu Status, der die nötigen Erbanlagen fehlen.
Echt jetzt? Diese Erkenntnis wird die Erscheinungsverbesserungsbranche nicht ungenutzt
lassen. Sicher beschert sie uns bald neue Kosmetika (»dermatologisch getestet«) mit teuren
Versprechen: »Phenotype extension«, wissenschaftlich belegt.
ST X
32 WISSEN
30. J U N I 2016
Warum gibt es etwas … Fortsetzung von S. 31
kalisch löst. Sie hat nur einen Schönheitsfehler: Sie
kann nicht ganz stimmen.
Denn wäre die Schöpfung wirklich exakt symmetrisch gewesen, müsste ja beim Urknall genauso viel Materie wie Antimaterie entstanden sein
– die sich am Ende wieder gegenseitig hätten
vernichten müssen. Doch das uns bekannte Universum ist voller Materie. Fragt sich: Wo ist die
Antimaterie abgeblieben?
Dieses Rätsel treibt die Grundlagenforscher
um. »Die Hälfte des Universums ist weg, und
unser Standardmodell gibt uns keinen ausreichenden Hinweis, warum das passiert ist«, sagt
Jeffrey Hangst von der Universität Aarhus. Wenn
nicht alles falsch ist, was bisher in der Physik als
richtig galt, bleiben nur zwei generelle Möglichkeiten: Entweder gibt es (bisher unbekannte)
Unterschiede zwischen regulärer und Antimaterie, die das Überleben der Materie erklären. Oder
aber beide Sorten haben sich durch einen
unbekannten Mechanismus nach dem Urknall
entmischt und koexistieren nun in weit voneinander entfernten Bereichen des Universums.
Die eine Lösung würde die heutige Physik genauso umwerfen wie die andere.
Foto: Paramount/A.P.L. Allstar Picture Library
Wenn die Antimaterie existiert, muss es dann
nicht auch Antischwerkraft geben?
Aus diesem Grunde widmen sich heute mehrere
Forschergruppen rund um die Welt der Antimaterie. Ihre Experimente lassen sich dabei grob
in drei Kategorien unterteilen:
• Die einen versuchen, auf künstlichem Wege
Antiteilchen zu erzeugen. Längst Routine geworden ist die Herstellung von Antiwasserstoff,
des Gegenstücks zum einfachsten chemischen
Element Wasserstoff, das aus einem Proton und
einem Elektron besteht. Auch Helium, das zweite
Element im Periodensystem, gibt es inzwischen in
Antigestalt. In einem Experiment in Brookhaven
östlich von New York City wurden vor vier Jahren
18 Kerne von Antihelium-4 nachgewiesen, die
jeweils zwei Antiprotonen und zwei Antineutronen enthielten. Das ist bislang Rekord. Je größer
die Antiteilchen werden, umso schwieriger ist ihre
Herstellung: Mit jedem weiteren Kernbaustein der
Geisteratome sinkt die Wahrscheinlichkeit ihrer
Erzeugung um den Faktor 1000. Das nächste Element Anti-Lithium-6 bildet sich demnach eine
Million Mal seltener als Antihelium-4. Dafür sind
vermutlich selbst die heutigen Riesenbeschleuniger zu klein.
• Andere Forscher blicken in die Tiefen des
Alls. Dort könnte sich die nach dem Urknall übrig
gebliebene Antimaterie zu Antigalaxien zusammengefunden haben. Solche Gegenwelten ließen sich
zwar allein anhand ihres Aussehens nicht von gewöhnlichen Materie-Strukturen wie der Milchstraße unterscheiden. Wenn beide allerdings in
Kontakt kämen, müsste eine charakteristische
Vernichtungsstrahlung entstehen. Hinweise darauf gibt es bisher nicht. Immerhin aber hat ein
Messgerät auf der Raumstation ISS in kosmischer
Strahlung sowohl Positronen (also Antielektronen)
als auch Antiprotonen mit unerwarteten Eigenschaften gefunden.
• Und dann gibt es noch Physiker, die nach
möglichen Unterschieden zwischen Materie und
Antimaterie suchen. Allerdings enden ihre Versuche bisher stets mit einem Gleichheitszeichen. Als
jüngstes Experiment wurde kürzlich die exakte
Messung der elektrischen Ladung von Antiwasserstoff veröffentlicht. Ergebnis: Keine Differenz
zum normalen Wasserstoffatom nachweisbar.
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Bombe aus
Antimaterie
Wie jeder Science-Fiction-Fan weiß,
lassen sich aus Antimaterie gewaltige
Mengen an Energie gewinnen. In den
Star Trek-Filmen etwa saust das
Raumschiff Enterprise (oben) mit
Überlichtgeschwindigkeit durch die
Galaxie, weil sein Warp-Antrieb von
einem fiktiven Antimaterie-Reaktor
gespeist wird. Und in Dan Browns
Bestseller Illuminati wiederum droht
ein obskurer Orden, den Vatikan mit
einer Antimaterie-Bombe in die Luft
zu sprengen. Sind das alles nur wilde
Fantasien? Nicht ganz.
Tatsache ist, dass die Physiker heute
zu jeder Sorte von Elementarteilchen
ein passendes Antiteilchen kennen.
Wenn beide aufeinandertreffen,
vernichten sie einander, und es bleibt
energetische Strahlung übrig. Gemäß
Einsteins berühmter Formel E = mc²
verwandelt sich dabei die komplette
Masse beider Teilchen in pure Energie.
Und die kann locker die Wucht einer
Nuklearexplosion übertreffen. Mit
einem Viertelgramm Antimaterie
ließe sich etwa die Sprengkraft einer
Hiroshima-Bombe erzielen.
So weit die Theorie. In der Praxis wird
allerdings pro Jahr weltweit nur rund
ein Milliardstelgramm Antimaterie
erzeugt. Um das bedrohliche Viertelgramm zu produzieren, müssten alle
einschlägigen Forscher zusammen 250
Millionen Jahre lang arbeiten – auf
absehbare Zeit wird es wohl nichts
mit dem antimateriellen Rumms.
Auch das Antiatom ist elektrisch neutral, mögliche
Abweichungen davon liegen (wenn überhaupt)
unterhalb von eins zu einer Milliarde. Ein anderes
Experiment zeigt, dass das Antiproton exakt dasselbe Zahlenverhältnis von Ladung und Masse aufweist wie das normale Proton. Auch die starke
Kraft, die Atomkerne zusammenhält, funktioniert
bei Antiprotonen ebenso wie bei Protonen. Lediglich in einigen exotischen Zerfallsprozessen bei
hohen Energien unterscheiden sich Materie und
Antimaterie. Diese Differenzen treten allerdings
erst in der 20. Stelle nach dem Komma zutage und
kommen daher kaum als Ursache dafür infrage,
dass Materie im Universum dominiert – und die
Antimaterie so gut wie unauffindbar ist.
Wie Modellrechnungen und Messungen der
Hintergrundstrahlung im Kosmos zeigen, liegt die
Diskrepanz zwischen Materie und Antimaterie
nämlich bei etwa eins zu einer Milliarde. Das
heißt: Nach dem Urknall wurden von je einer Milliarde Teilchen und Antiteilchen alle vernichtet –
bis auf ein einziges Materiepartikel, das nach dem
großen Massaker übrig blieb. Niemand weiß genau, worauf diese winzige Asymmetrie der Natur
zurückzuführen ist. Klar ist nur: Wir verdanken
ihr unsere Existenz.
»Eigentlich ist unsere Theorie von den Elementarteilchen unglaublich erfolgreich«, sagt Stefan
Schael. »Aber wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass es viele grundlegende Fragen gibt, die
über den Rahmen dieser Theorie hinausgehen.«
Man könnte auch sagen: Die Theorie sieht nicht
vor, dass es irgendwann einmal Menschen gibt, die
sich über das Rätsel ihrer eigenen Existenz das
Hirn zermartern.
Genau dies tun Physiker. Schon Ende des 19.
Jahrhunderts spekulierte der deutsche Forscher
Arthur Schuster: »Wenn es negative Elektrizität
gibt, warum dann nicht auch negatives Gold, so
gelb und wertvoll wie unseres?« Eine solche Antimaterie, vermutete Schuster, besäße auch Antischwerkraft. »Zu uns heruntergebracht, stiege es in
den Himmel auf mit einer Beschleunigung von
981« – er meinte damit eine umgekehrte Erdbeschleunigung, in Zentimeter pro Sekunde zum
Quadrat gemessen. An eine solche negative Gravitation glauben heute nur wenige Physiker, völlig
vom Tisch ist sie aber nicht.
Konkreter wurde es 1928, als der Brite Paul
Dirac eine Formel für das Verhalten von Elektronen suchte und dazu die Relativitätstheorie Einsteins mit der soeben entdeckten Quantenmechanik verknüpfte. Seltsamerweise erhielt er dabei
zwei Lösungen – eine für normale Elementarpartikel und eine für solche mit negativer Energie.
Überzeugt von der Ästhetik seiner Gleichung, beharrte Dirac darauf, dass es für die negative Lösung
auch eine physikalische Entsprechung geben müsse
– ein Antiteilchen. Tatsächlich wurde vier Jahre
später ein solches Gegenstück zum Elektron gefunden und Positron getauft. Danach wiesen Physiker auch zu den anderen Elementarteilchen das
jeweilige Antipartikel nach, angefangen 1955 mit
dem Antiproton.
Zum großen Medienrummel geriet 40 Jahre
später dann die Erzeugung der ersten Antiatome.
Am Europäischen Forschungszentrum Cern bei
Genf hatten Physiker Antiprotonen auf enorme
Geschwindigkeiten beschleunigt und dann auf
Atome des Edelgases Xenon treffen lassen. »Brachial« sei diese Methode gewesen, erinnert sich der
Jülicher Physiker Walter Oelert, der damals das
Experiment leitete. Aber es war erfolgreich: Nach
der Kollision fand sich in den Trümmern hin und
wieder ein Positron, das sich für einen Moment an
das weiterrasende Antiproton band und so ein Antiwasserstoffatom erzeugte. In drei Wochen ge-
schah das insgesamt nur elfmal – aber es reichte,
um Anfang 1996 einen weltweiten AntimaterieHype auszulösen. E.T., wir kommen! titelte die
Schweizer Boulevardzeitung Blick, der Spiegel berichtete, dass selbst der Papst nach dem Zusammenhang von Materie und Antimaterie, Himmel
und Hölle, Christ und Antichrist gefragt habe.
Dabei existierten die Antiatome damals im
Cern gerade einmal 40 Millisekunden lang. Walter
Oelert legt Wert auf die Feststellung, dass diese ultrakurze Lebenszeit nur der Versuchsapparatur geschuldet gewesen sei. Hätte man die Antiatome
sich selbst überlassen, »hätten sie auch länger überlebt«, sagt Oelert. »Sie trafen aber nach dieser Zeit
das Messgerät.«
Deshalb konnte sein Team das exotische Material auf dem kurzen Flug damals nicht genauer
untersuchen. Das allerdings hat sich seither geändert. Denn die Cern-Führung, die damals die
Antiprotonen-Produktion eigentlich schon hatte
einstellen wollen, war von dem weltweiten Interesse
sichtlich beeindruckt und reagierte darauf. Nach
Oelerts Fund modifizierte sie eine Anlage, die die
Antipartikel stark abbremst, damit man ihre Eigenschaften und die der Antiwasserstoffatome
vermessen kann. Die Apparatur ist bis heute einzigartig und wird zurzeit unter Oelerts Mitarbeit
sogar erweitert. Aus aller Welt schicken Forschungsorganisationen und Universitäten ihre
Leute nach Genf.
Fünf Arbeitsgruppen teilen sich die Anlage,
eine dieser Gruppen ist die Alpha-Kollaboration
mit ihrem Sprecher Jeffrey Hangst. Sie hält den
Rekord für das Einsperren von Antiatomen. Schon
2011 gelang es den Physikern, auf einen Schlag
300 Antiatome in einer »Falle« zu halten, die aus
einem ausgeklügelten Ensemble von Magneten besteht. Sie verhindern, dass Antiwasserstoff irgendeinen Teil der Apparatur berührt, die ja aus regulärer Materie besteht und die Teilchen prompt zerstören würde. 1000 Sekunden lang verwahren die
Forscher die exotischen Partikel im Schwebezustand. »Wir könnten die Zeit vermutlich verbessern, aber das bringt uns physikalisch nichts
mehr«, sagt der Däne. »Wir untersuchen schließlich, was wir tun müssen, um die Antiatome aus
der Falle zu bugsieren.«
Schon der Austausch von Wattebäuschen mit
einer Antiwelt gliche einem Atomschlag
Sobald elektrische Impulse einzelne Antiteilchen so
genau anregen, dass sie aus dem Magnetfeld katapultiert werden, registrieren die Physiker die unvermeidliche Vernichtungsreaktion; aus der Stärke des
Störimpulses kann man dann Rückschlüsse auf die
Eigenschaften der Antiatome ziehen. Auf diese Weise hat das Hangst-Team zum Beispiel nachgewiesen,
dass die Antiwasserstoffatome elektrisch neutral
sind. Als Nächstes wollen die Alpha-Physiker das
Strahlungsspektrum der Antiatome vermessen.
Dazu schießen sie Laserblitze in ihre Falle und beobachten die charakteristische Strahlung, die Atome
absorbieren oder aussenden. Das Experiment läuft
gerade an, über erste Ergebnisse will Hangst noch
nichts verraten.
Irgendwann wollen die Forscher ihre Atomfalle
auch senkrecht stellen, um zu beobachten, ob
Antiwasserstoff der gleichen Schwerkraft unterliegt wie sein reguläres Ebenbild oder ob eventuell
tatsächlich eine Art »Antigravitation« regiert, über
die seinerzeit Arthur Schuster spekuliert hatte.
Jeffrey Hangst selbst hält das zwar für eher
unwahrscheinlich. Dennoch geht er als Naturwissenschaftler unvoreingenommen an die Sache
heran: »Wir dürfen nichts als gegeben annehmen,
sondern müssen alles überprüfen.«
D I E Z E I T No 2 8
Ähnlich sieht es auch Stefan Schael. »Eigentlich
suchen wir alle nach einer Sensation, aber wo sie
liegt, wissen wir erst, wenn wir sie gefunden
haben«, sagt der Physiker aus Aachen. Angesichts
der Gleichheitszeichen, die seine Kollegen am
Cern produzieren, blickt Schael in eine andere
Richtung. Zwar laufen die Daten seines Experiments auch auf dem Gelände des Cern auf, aber
sie stammen aus dem Weltall, vom Alpha-Magnetischen Spektroskop (AMS). Das knapp sieben
Tonnen schwere Messgerät, das etwa zwei Milliarden Dollar gekostet hat, wurde 2011 von der Nasa
in den Orbit gebracht und auf der erdabgewandten Seite der Raumstation ISS installiert.
Das AMS registriert pro Sekunde etwa 500
Einschläge kosmischer Strahlen – insgesamt gut 83
Milliarden, seit es in Betrieb ging. Dabei handelt es
sich um Partikel, die aus den Tiefen des Alls herbeigeflogen sind. Die meisten der Fernreisenden
gehören zur regulären Materie: Elektronen und
Protonen sowie die Kerne leichter Elemente von
Helium bis Sauerstoff. Aber ein kleiner Anteil sind
auch Antimaterie-Partikel, Positronen und Antiprotonen. Bei beiden Teilchensorten ist dieser
Anteil deutlich höher als erwartet.
»Kein Teilchenspektrum des AMS passt derzeit
zum astrophysikalischen Standardmodell, während
bei den Cern-Messungen alles passt«, sagt Schael.
Das gibt Anlass zur Zuversicht, denn es bestärkt
den Physiker darin, nach den Besonderheiten der
Antimaterie eher im Weltall zu suchen. Immerhin
ist denkbar, dass in sehr großer Entfernung Bereiche des Universums existieren, in denen sich Antimaterie zu Antigalaxien organisiert hat. Dort, so
ist anzunehmen, explodieren immer wieder ausgebrannte Sterne. Eine solche Anti-Supernova könnte zum Beispiel Antikohlenstoffkerne aussenden.
»Wenn wir auch nur ein solches Partikel sicher
nachweisen, stellt das unser bisheriges Weltbild
auf den Kopf«, sagt Schael.
Noch ist es nicht so weit. Schon das Auffangen
von Antihelium aus den Tiefen des Alls gilt als
unwahrscheinlich. Dennoch regt bereits die mögliche Existenz solcher Antiwelten die Fantasie von
Physikern und Science-Fiction-Fans enorm an.
Sollte die Menschheit zum Beispiel einst Kontakt
zu einer fernen Zivilisation bekommen, müsste sie
vor einem echten Treffen erst ein physikalisches
Fachsymposium mit ihr abhalten. »Wir können
Materie und Antimaterie sicher voneinander unterscheiden«, sagt Schael. »Wir müssten die Aliens
also fragen: ›Wie zerfallen bei euch bestimmte
Teilchen?‹« Denn an diesem exotischen Zerfallsprozess lässt sich erkennen, mit welcher Sorte von
Materie man es zu tun hat. Im schlimmsten Fall
müsste man sich vor physischem Kontakt hüten.
Schon der Austausch von Wattebäuschen gliche
sonst einem Atomschlag.
Zwar glaubt kaum ein Physiker an die Existenz
intelligenter Lebewesen in einer AntimaterieRegion des Kosmos, aber per se ausschließen will
selbst das niemand. »Die Galaxien hätten sich aber
komplett anders entwickelt als die unsere«, ist
Walter Oelert überzeugt. Zweifel an der Einzigartigkeit seiner Existenz plagen den Physiker jedenfalls nicht. »Einen Anti-Walter-Oelert gäbe es dort
auf keinen Fall.«
30. J U N I 2 0 1 6
WISSEN 33
D I E Z E I T No 2 8
Hundert Jahre Leben
Der Grottenolm jagt in völliger Dunkelheit, braucht jahrelang keine Nahrung und wird älter als die meisten Menschen.
In einer slowenischen Höhle wurde der Lurch erstmals bei der Geburt gefilmt VON CLEMENS J. SETZ
A
Fotos: Dragan Arrigler/Höhle von Postojna; Capital Pict/intertopics (l.); P. Matsas/Opale/Leemage/laif (u.)
m 1. Juni dieses Jahres
schlüpfte in einem Aquarium, untergebracht in alten
Toilettenräumen in der
Tropfsteinhöhle von Postojna, Slowenien, beobachtet
von einer Infrarotkamera,
ein winziges Tier aus einem Ei. Dieses Tier war
ein Grottenolm. Selbstverständlich machte ich
mich sofort, nachdem ich die Meldung auf
Twitter las, reisefertig und nahm den nächsten
Zug nach Postojna.
Auf einem Schwarz-Weiß-Video, das gleich
nach dem Schlüpfen auf YouTube geladen
wurde, sieht man einen winzigen Olm, der
sich, während seine Geschwister neben ihm
noch reglos warten, innerhalb weniger Sekunden von seiner Eiblase freistrampelt, dann rasch
einige Runden schwimmt und schließlich zur
Ruhe kommt, frei, bereit, neu auf der Welt.
Kaum jemals soll dieses Ereignis von Menschen beobachtet worden sein. Über den
ersten Lebensabschnitt der Grottenolme (Proteus anguinus) ist uns nichts bekannt. Ihre
Kindheit verbringen sie an einem unbekannten Ort in den Höhlen. Sie sind überdies nicht
die fortpflanzungsfreudigsten Wesen, können
bis zu zehn Jahre damit warten, wenn es sein
muss. Und sie tun es an dunklen, für Menschen kaum zugänglichen Orten. Sie sind
überhaupt Meister im Verzicht. Einst, so wird
erzählt, vergaß ein Wissenschaftler an der
Universität von Ljubljana, einen Olm in in
einem Topf ohne Nahrung – zehn Jahre lang.
Als man ihn fand, hielt man ihn zuerst für ein
Präparat, aber dann wurde klar, dass er noch
Bizarres Leben aus
einer lichtlosen Welt:
In den Aquarien
der Tropfsteinhöhle
von Postojna in
Slowenien können
Touristen Grottenolme
beobachten
lebte. Olme sind außerdem blind. Als Jungtiere haben sie noch Augen, aber diese verheilen nach kurzer Zeit, eine dünne Haut
überwächst sie. Augen sind nur eine Kinderkrankheit des Olms. Auf Slowenisch nennt
man ihn človeška ribica. Menschenfischlein.
In Postojna ist man bei Weitem nicht der
einzige Olmnerd. Hunderttausende Besucher
kommen im Jahr dorthin, nicht wenige davon
wegen der geheimnisvollen und verehrungswürdigen Höhlenlurche.
Unser Führer durch die Höhle, der Biologe
Sašo Weldt, einer der Olmexperten vor Ort,
zeigte uns, nachdem wir mit einem Zug
mehrere Kilometer weit in den Berg gefahren
waren, einige bemerkenswert geformte Tropfsteine, die hier schon seit Millionen von Jahren
vor sich hin wachsen. Alle möglichen Bilder
erkennt das menschliche Gehirn in den Steinen: Es gibt einen Hahn, einen Hai und sogar
einen riesigen schlafenden Drachen, der vielleicht einen Anteil an der traditionellen Identifikation der Olme mit Jungdrachen in der slowenischen Folklore hatte. Es gibt einen Stein,
der stellenweise vollkommen schwarz ist von
den Berührungen früherer Besucher. Einige
wenige hätten sogar hineingebissen, erklärte
Sašo Weldt. Menschen hinterlassen seit Jahrhunderten ihre Spuren in der Höhle, die
früheste in eine der Höhlenwände eingeritzte
Unterschrift stammt von 1213. Ähnlich wie
beim Sternenhimmel sind je nach Epoche und
Kultur die vom Gehirn erkannten Muster und
Bilder verschiedene. Es gibt in der Höhle ein
»Manneken Pis«, benannt nach der Brüsseler
Sehenswürdigkeit. Auf alten Gemälden, von
denen man im Postojnamuseum einige Reproduktionen findet, sieht man die fantastischen
Deutungen der vielgestaltigen Formen, die auf
die Vorstellungskraft der Künstler einwirkten.
Früher sah man an einer Stelle sogar den »Stock
im Eisen«, ein Bild, das allerdings nur Österreichern geläufig sein dürfte. Das österreichische
Kaiserpaar besuchte übrigens 1857 die Postojnahöhle. Damals war die Öffnung noch ein
kleines Loch am Boden, durch das man sich
robbend zwängen musste.
Und wie sich die Interpretation der Steinformen durch die Zeiten verändert, so verändert sich auch die der Grottenolme 1689
wurden sie vom Wissenschaftler Johann Valvasor, der einem Hinweis eines Bauern nachging,
der kleine Lindwürmer gesehen haben wollte,
zum ersten Mal beschrieben. Nach Überschwemmungen fand man die Babydrachen oft
in Karstquellen und fing sie ein. Im 18. Jahrhundert fielen Olme immer wieder verblüfften
Ö S T E R R E IC H
SLOWENIEN
POSTOJNA
I TA L I E N
Ljubljana
K ROAT I E N
Adriatisches Meer
ZEITGRAFIK
50 km
Biologen in die Hände, die lange Beschreibungen
hinterließen. Im 19. dagegen wurden sie als Kuriosität
und Souvenir verkauft. Auf dem Fischmarkt von
Triest bot man sie als Delikatesse an, in manchen
Gasthäusern konnte man sie auch gebraten bestellen.
Der große Universalgelehrte Charles Babbage, dessen
»analytische Maschine« der Vorläufer des modernen
Computers ist, kaufte 1828 sechs Olme und hielt sie
über Monate in einem Behälter. Jede Nacht besuchte
er sie, wie er in seinen Aufzeichnungen mit verhaltenem Stolz vermerkt, mit einer Kerze und erschreckte dadurch die lichtscheuen Wesen. Noch
1960 wurden fünf Olme dem japanischen Kaiser
Hirohito vom jugoslawischen Diktator Tito als Staatsgeschenk überreicht.
Heute ist der Grottenolm ein Kuscheltier. Er zieht
verliebte Menschenmassen an, liegt als Stoffsouvenir
in Läden bereit. In der Höhle selbst sieht man eine
kuriose Fotografie eines der Männer, die für den
Weltruhm von Postojna und den Olmen verantwortlich sind: Ivan Andrej Perko, Höhlendirektor zwischen
den Weltkriegen, der schnauzbärtig, mit feinem
schwarzem Anzug, Handschuhen und Bowler Hut
unter Tropfsteinen steht. Ein an Monty Python erinnerndes Bild. Und ich stand davor, mit Sakko und
Mütze, das iPhone in der Hand. Von der Decke tropfte es. In jedem Tropfen befinden sich Höhlenkrebse,
eine Hauptnahrungsquelle der Menschenfischlein.
Gegen Ende der Tour kamen wir endlich an die
Stelle, wo man lebende Grottenolme in Aquarien
besichtigen kann. Daneben steht seit Kurzem ein
schmuckloser Bildschirm, der mit dem für Besucher
nicht direkt einsehbaren Aquarium verbunden ist,
wo die Drachenbabys in ihren Eiern warten. Ein andächtiger Moment. Ich stand vor dem Bildschirm
und verfolgte lange die schwarz-weiße Liveübertragung aus der unbekannten Zone. Die kleinen Olme
bewegten sich nicht. Ich zählte insgesamt drei Tat-
zelwürmchen in Eiblasen, machte hastig einige
Fotos, so wie man sich vor einem Bildstock rasch
bekreuzigt, und ging weiter zu einem der Aquarien der erwachsenen Tiere. Ein Olm, der von
der schonenden LED-Lampe des Höhlenführers
erfasst wurde, ringelte sich in Sicherheit. Nicht
hastig, nicht in Panik, eher in Zeitlupe, aber es
war eindeutig eine Art Flucht. Sašo Weldt erklärte, dass Olme das Magnetfeld der Erde erfühlen
können. Nach dieser Bemerkung kam mir die
Welt dreidimensionaler vor als sonst, und die
Olme vor mir erschienen wie fahl leuchtende
Sensoren für all meine unvorhersehbaren Bewegungen durch den Raum.
So passiv, wie sie immer dargestellt würden,
seien sie gar nicht, erklärte Sašo Weldt. Und
blind auch nicht, sie sehen mit dem ganzen
Körper, mit ihrer extrem lichtempfindlichen
Haut und ihrem Magnetsinn. Trifft ein Sonnenstrahl die Schwanzspitze eines Olms, wird dieser
davonschwimmen. Die Anwesenheit von Haseln
(einer kleinen Karpfenfischart), welche es zu
Überschwemmungszeiten gelegentlich in die von
Olmen bevölkerten Becken verschlägt, spüren die
Olme sofort und vermeiden deren Raubwege mit
fast telepathischer Sicherheit.
Ob die Olme gefährdet seien? Nun ja, erklärte
Sašo Weldt, das könne man nicht sagen, da es unmöglich sei, sie zu zählen. »Sie sehen alle gleich
aus.« Nicht mal ihr Geschlecht lasse sich bestimmen, äußerlich nicht, und selbst die genetische
Analyse sei nicht eindeutig, da häufig Mischformen aufträten, etwa Männchen, die Eier trügen. Man könne sie auch nicht mit einer Markierung versehen, da sie das umbringen würde. Ihre
Haut sei zu empfindlich. Man könne sie, sagte
Weldt, tätowieren, aber das sei Quälerei. Einen
Olm habe man übrigens vor rund 50 Jahren in
München drei Monate lang einer 40 Watt starken
Glühbirne ausgesetzt. Der Olm sei vollkommen
schwarz geworden. Das bedeute, das Hautpigment, das die Grottenolmvorfahren einst vor
den Strahlen der Sonne schützte, bevor das Tier
die Höhle als neuen Lebensraum auserkor, sei
noch vorhanden. Außerdem habe der Olm seine
Lichtscheu verloren.
Langlebigkeit und Genügsamkeit der Olme sind
noch immer nicht vollständig entschlüsselt, bis heute
versuchen Wissenschaftler, die Geheimnisse der
Olme zu erforschen. Sie werden niemals erwachsen,
sind fortpflanzungsfähige Larven, die keine Metamorphose durchmachen, und werden doch älter als
die meisten Menschen. Ihr bemerkenswerter Stoffwechsel und die antioxidativen Prozesse in ihren
Körpern erklären ihr hohes Alter nicht.
Der Olm bleibt rätselhaft – und versammelt die
seltsamsten Szenen um sich. Der für zehn Jahre in
einem Behälter vergessene Olm in seiner astronautenhaften Einsamkeit. Das 1857 durch die enge
Höhlenöffnung robbende österreichische Kaiserpaar. Der japanische Kaiser Hirohito, der sein
Olmgeschenk erhält. Charles Babbage, dem nach
und nach die nicht artgerecht gehaltenen Olme im
Topf wegstarben. Und nun der zwangsgebräunte
Olm in München. Postojna und der Grottenolm
sind Konzentrationspunkte, Hohlspiegel, in denen
die eigenartigen Interaktionen des Menschen mit
dem Planeten überdeutlich sichtbar werden.
Vielleicht ziehen sie deshalb die Dichter an.
Heinrich Detering beschreibt den Grottenolm
in einem Gedicht aus seinem Band Wundertiere
so: »keine Augen kein Gehör keine Empfindung
/ nur manchmal das Gefühl dieses konstant
acht Grad / warmen leicht mineralischen Wassers im Schlund // es muss eine Art Leben sein
das sie führen«.
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Auch Jan Wagner schreibt in seinen preisgekrönten Regentonnenvariationen über den Grottenolm, »der keine feinde / außer der sonne hat«.
Nun ja. Da sind zum einen die hungrigen Haseln,
die von Zeit zu Zeit lästig werden. Und dann die
Menschen, die ihn auf Marktplätzen anbieten, ihn
braten oder in Behältern vergessen. Außerdem
schreibt Wagner, der Olm sei »kaum schwerer als
ein brief / und leichter als ein schluck wasser«. Ich
weiß nicht, wie schwer ein Olm ist. Sašo Weldt
weiß es, er hatte schon oft einen in der Hand. Sie
seien sehr leicht zu fangen, sagte er. Sie bewegten
sich ja kaum. In diesem Augenblick begann ein
Mann aus einer koreanischen Reisegruppe neben
uns zu singen. Wir befanden uns im »Konzertsaal«
der Höhle, wo gelegentlich Musik aufgeführt wird.
Der Koreaner besaß eine schöne, ausgebildete Singstimme, und das Echo seiner Darbietung gregorianischen Gesangs erblühte prächtig rund um uns.
Eine der heiligen Erzählungen der Weltliteratur,
Herman Melvilles Bartleby der Schreiber, handelt von
einem Kanzleischreiber, der sich mehr und mehr
zurückzieht und auf jedes Interaktionsangebot der
Umwelt mit der Zauberformel »I would prefer not to«
reagiert. Am Ende tut er fast gar nichts mehr. Es ist
schwer, nicht an Bartleby zu denken, wenn man sich
Grottenolmen gegenübersieht. Sie hören uns, nehmen jede Verwerfung wahr, die unsere Körper im
Magnetfeld erzeugen, und bleiben davon, solange
wir ihnen nicht mit Lichtquellen auf die Nerven
gehen, relativ unbeeindruckt.
Wo Olme sind, da ist, nach menschlichen
Maßstäben, beinahe nichts und doch mehr, als wir
zu begreifen imstande sind. Dünnhäutig und
perfekt auf das karge Leben in den Höhlen abgestimmt, reagieren sie äußerst empfindlich auf
Verschmutzungen und Temperaturanstiege – jene
beiden Dinge, welche der Mensch auf Erden am
besten zu erzeugen versteht. Sie sind farblose,
unterirdische Empfänger all der überabzählbaren
Störsignale, die wir pausenlos aussenden. Aber wir
wissen nichts über ihre Interpretation dieser Signale. Es gibt sie nur hier, im Dinarischen Karst,
einem mythischen Gebiet alter Höhlensysteme, in
denen, wie Jan Wagner (völlig korrekt) bemerkt,
»verschwinden kann, wer spät in der nacht zum
rauchen hinausgeht«.
Am Höhlenausgang warteten bereits einige
aufgeregte Leute auf Sašo Weldt. Ein Notfall, er
müsse sofort mitkommen. Dieser Notfall war, wie
sich herausstellte, die Geburt eines weiteren Babydrachen gewesen. Offenbar war wenige Augenblicke nach unserer Andacht vor dem Bildschirm
einer geschlüpft. Gern stelle ich es mir so vor, dass
der majestätische Gesang des Koreaners auf das
unvorstellbar feine Gehör des kleinen Olms traf
und ihn dadurch aus seinem Ei lockte. Auf jeden
Fall muss beides etwa zur gleichen Zeit geschehen
sein. Glücklicherweise hatte ich mit meinem
iPhone – einem an Absurdität jedem Bowler, jedem kaiserlichen Reisegewand ebenbürtigen Instrument – in der Höhle eine Audioaufnahme des
anmutigen Olmbegrüßungsgesangs gemacht. Ich
höre ihn mir nun, da ich wieder zu Hause durch
die Straßen meines Bezirks laufe, immer wieder
an. Das Wort, das der Gesang ausdrückt, ist nicht
schwer herauszuhören: Dobrodošli. Willkommen.
www.zeit.de/audio
Clemens J. Setz, Schriftsteller und
Olmfan, lebt in Graz und gewann
zahlreiche Literaturpreise. 2015
erschien sein 1000-Seiten-Werk »Die
Stunde zwischen Frau und Gitarre«.
36 WISSEN
FRAGEN DER WOCHE
30. J U N I 2016
D I E Z E I T No 2 8
Stimmt’s?
Hilft ein nasser Lappen im Nacken
gegen Nasenbluten?
Fragt ANDRÉ RITONNALE aus Hamburg
N
asenbluten kann auf unterschiedliche Weise entstehen. Manchmal
ist eine Verletzung der Nasenschleimhaut die Ursache, oft
kommt die sogenannte Epistaxis
aber aus heiterem Himmel, ohne erkennbaren
Anlass. Wie bekommt man die Blutung am
schnellsten wieder gestoppt?
Der schlechteste Ratschlag: den Kopf in den
Nacken legen. Das Blut kann dann zwar nicht herausfließen. Das heißt aber nicht, dass es zu fließen
aufhört – es sucht sich nur einen anderen Weg,
nämlich den durch den Rachen. Das kann sehr
unangenehm sein und insbesondere bei kleinen
Kindern zu Brechreiz führen – man muss dann
nicht nur die Blutflecken aufwischen.
Ein weiteres Hausmittel ist der nasse Lappen
im Nacken, alternativ auch ein Kältepack aus dem
Eisfach. Auf manche Menschen mag das beruhigend wirken, andere – wie der Fragesteller dieser
Woche – finden das eher unangenehm. Aber hilft
es? Die Theorie hinter der Lappentherapie: Kälte
an der Haut führt dazu, dass sich die Blutgefäße an
der Oberfläche zusammenziehen. Und dann, so
die Vorstellung, fließt weniger Blut in den Kopf,
und aus der Nase fließt weniger heraus.
Nun ist das weiche Nasengewebe, der Ort der
Blutung, recht weit vom Hals entfernt. Kann der
nasse Lappen also eine so weitreichende Wirkung
haben? Im Jahr 2003 wollten Mediziner der Universität Marburg es genauer wissen. Sie untersuchten den Kälteeffekt an 56 Probanden. Allerdings
waren sie nicht so herzlos, bei ihnen absichtlich ein
Nasenbluten herbeizuführen. Stattdessen kühlten
sie deren Halsbereich und schauten dann nach, ob
sich der Blutfluss im sogenannten Locus Kiesselbachi vorne in der Nase, veränderte. Ihr Ergebnis, veröffentlicht in der Zeitschrift Clinical
Otolaryngology and Allied Sciences: »Nach der
Anwendung von Eis im Halsbereich konnte kein
statistisch signifikanter Effekt auf die Blutgefäße
der Nasenschleimhaut festgestellt werden.«
Der Lappen im Nacken hat also allenfalls
Placebowirkung, im schlechtesten Fall fügt er dem
Opfer des Nasenblutens noch weitere Pein zu.
Was hilft dann wirklich? Ärzte raten dazu, den
Kopf nach vorn zu beugen und die Nase leicht
mit den Fingern zuzudrücken. Letztlich muss
man darauf warten, dass die Blutung von selbst
aufhört.
CHRISTOPH DRÖSSER
»Schimmert’s grün, wird’s heftig«
Bei Unwettern flüchten die meisten Menschen ins Trockene. Andere fahren geradewegs in die Gewitter hinein.
Ein Gespräch mit dem Sturmjäger Jonas Piontek über die Faszination von Tornados und anderen Naturgewalten
www.zeit.de/audio
Mehr Wissen
Darf man von »Mann«
und »Frau« noch reden?
Ein Gespräch über die
ewige Geschlechterfrage.
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Illustration: Mrzyk & Moriceau für DIE ZEIT; Foto: Andreas Reeg
Die Adressen für »Stimmt’s«-Fragen:
DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg,
oder [email protected].
Das »Stimmt’s?«-Archiv: www.zeit.de/stimmts
DIE ZEIT: Das Phänomen der storm chaser, der
»Sturmjäger«, kannte man bisher vor allem aus
den USA. Aber Sie machen hierzulande Jagd auf
Gewitter. Wie muss man sich das vorstellen?
Jonas Piontek: Am letzten Wochenende hieß das
vor allem: wenig Schlaf. Wir sind mit unserer
Gruppe von Mittelhessen bis nach Belgien gefahren, als klar war, dass dort einige starke Gewitter herunterkommen. Und immer wenn wir
uns gerade hinlegen wollten, ging ein neues Unwetter los. Da haben wir dann lieber auf den
Schlaf als auf die Gewitter verzichtet.
ZEIT: Für die meisten Menschen klingt das nach
einem bizarren Hobby. Wie kommt man darauf?
Piontek: Gewitter sind einfach ein unglaubliches Naturschauspiel. Sie faszinieren mich, seit
in meiner Kindheit ein Tornado durchs
Nachbardorf gezogen ist. Ich war damals so beeindruckt von der Kraft der Natur, dass ich das
öfter sehen wollte. Ich habe mich dann einer
Gruppe von Sturmjägern hier in Hessen angeschlossen und begonnen, Gewitter zu fotografieren. Seit ein paar Jahren posten wir unsere
Bilder bei Facebook.
ZEIT: Wie viele Gleichgesinnte haben Sie mittlerweile in Deutschland?
Piontek: Im Vergleich zu anderen Hobbys sind es
vielleicht nicht besonders viele. Ich schätze, in
Deutschland gibt es ein paar Hundert Gewitterjäger. Aber nur wenige sind wirklich so gezielt
und viel unterwegs wie wir. Das sind vielleicht so
30 bis 50 Eingefleischte.
ZEIT: Und wie oft sind Sie unterwegs?
Piontek: Etwa 30 bis 40 Tage im Jahr. Wir fahren
allerdings nicht für jedes kleine Unwetter raus, es
muss schon etwas Besonderes sein. Dafür
nehmen wir dann aber auch mal längere Strecken
in Kauf – wie am Wochenende. Seit 2012 sind
wir bestimmt 50 000 Kilometer gefahren.
ZEIT: Woher wissen Sie, wo Sie ein gutes Gewitter finden?
Piontek: Wir benutzen vor allem Wetterkarten
und Apps. Im Internet findet man Satellitenund Radarbilder, Blitzortungen und andere
Messwerte. Mit etwas Übung kann man dann
gut abschätzen, wohin die Gewitter ziehen, wie wie es über uns aussah. Wir sind aufs Feld raus,
groß sie werden und wie sie aussehen. Superzel- und plötzlich schlug 40 Meter neben uns ein
len bilden zum Beispiel öfter funnel clouds ...
Blitz ein. Wir haben uns dann schnell ins Auto
ZEIT: Superzellen, funnel clouds – das müssen Sie gerettet. Kurz darauf kam noch ein Blitz runter,
der hätte uns treffen können.
erklären.
Piontek: Superzellen sind besonders große Ge- ZEIT: Obwohl Sie noch nicht einmal im Gewitwitter. Auf Wetterkarten erkennt man sie daran, ter standen?
dass sie oft in eine andere Richtung ziehen als Piontek: Genau, wir haben es aus einiger
andere Gewitterformationen. Typischerweise ro- Entfernung beobachtet und nur Blitze in den
tieren Windströme im Inneren der Wolken, Wolken gesehen. Es ist eher unwahrscheinlich,
manchmal kann man das auch von außen sehen. dass dann Blitze in den Boden einschlagen. Aber
Wenn Trichter an der Wolkenformation zu es kann natürlich passieren, wie wir dann ja am
Boden gehen, ohne ihn zu berühren, nennt man eigenen Leib erfahren haben. Verletzt hat sich
das funnel clouds. Aus solchen Gebilden können von uns aber noch niemand.
auch Tornados entstehen: Bei denen reicht der ZEIT: Klingt trotzdem ziemlich riskant. Wie verWindwirbel bis auf den Boden.
suchen Sie, sich zu schützen?
ZEIT: Solche Tornados bekommt
Piontek: Der beste Schutz sind die
man aber selten zu Gesicht, oder?
Wetterdaten. Mit deren Hilfe können
wir in etwa abschätzen, wie groß die
Piontek: Vor ein paar Wochen habe
Gewitter sind und in welche Richich einen in Hessen beobachtet. Tortung sie ziehen. Am Ende bleiben das
nados sind eher schwer vorherzusehen
aber immer nur Wahrscheinlichkeitsund kommen oft dann, wenn man sie
prognosen. Manchmal überlegt sich
gar nicht erwartet. Ich war gerade auf
das Wetter spontan eben doch etwas
dem Weg nach Hause und hab mich
spontan entschieden, dem Gewitter Jonas Piontek, 20, anderes. In der Regel erkennt man
doch noch hinterherzufahren. Da hat- fotografiert Stürme. aber zumindest, in welche Gewitter
te ich echt Glück.
Bilder zeigt er unter man besser nicht hineinfahren sollte.
ZEIT: Die meisten Menschen ergreiZEIT: Worauf achten Sie konkret?
gewitterjagd.net
fen eher die Flucht vor einem WirbelPiontek: Es gibt ein paar grundsätzsturm. Haben Sie keine Angst, dass
liche Merkmale: Wenn die GewitterIhnen etwas passiert?
formation grünlich oder bläulich schimmert, ist
Piontek: Wir passen schon auf, dass wir nicht das meist ein Zeichen für ein besonders heftiges
direkt in starke Gewitter hineinfahren. Wir ver- Gewitter. Da sollte man sich besser ins Haus
suchen, sie eher aus der Ferne zu beobachten. flüchten. Auch manche Superzellen sollte man
Damit nichts passiert, sind wir meist auch mit sich lieber aus der Ferne ansehen. Andere Zeichen
mehreren Leuten unterwegs. Allein kann man sind Starkregen und heftiger Wind. Wenn sich
schlecht alles im Auge behalten, gerade wenn ein Gewitter schnell verstärkt, bilden sich sogeman nebenbei noch das Gewitter fotografiert. nannte wall clouds: Durch Aufwinde und FeuchLetztes Wochenende gab es aber tatsächlich eine tigkeit entsteht eine Art Wolkenwand. Das ist
dann auch ein deutliches Zeichen, auf Abstand
etwas brenzlige Situation ...
zu bleiben ...
ZEIT: Was war los?
Piontek: Wir standen bei Rodgau in Hessen, um ZEIT: Dann halten selbst Sie sich fern?
ein Gewitter zu fotografieren, das etwa 15 Kilo- Piontek: Ja, wir würden uns nicht freiwillig in so
meter südlich von uns lag. Weil es mitten in der heftige Gewitter stellen. Wir fotografieren sie
Nacht war, konnten wir nicht genau erkennen, lieber mit Abstand.
ZEIT: Geht es eigentlich nur um tolle Fotos –
oder noch um etwas anderes?
Piontek: Die Fotos sind schon echt wichtig. Wir
sammeln aber auch Daten und melden starke
Gewitter an Skywarn. Das ist ein Verein, der
Unwettermeldungen sammelt und sie unter anderem an den Deutschen Wetterdienst oder die
Unwetterzentrale weitersendet. Die Daten helfen
dabei, Unwetter zuverlässiger vorherzusagen.
ZEIT: Kann sich da jeder melden, der ein Gewitter beobachtet?
Piontek: Im Prinzip schon, man muss nur vorher
einen kleinen Test machen und einige Grundlagen lernen. Nicht jedes Gewitter ist interessant.
ZEIT: Ein paar Blitze reichen nicht?
Piontek: Genau. Damit wir es melden, muss es
zum Beispiel mehr als 60-mal pro Minute blitzen, oder die Windgeschwindigkeit muss mehr
als 80 Kilometer pro Stunde erreichen. Auch
Tornados und funnel clouds melden wir bei Skywarn. Starkregen und besonders große Hagelkörner sind zwei weitere Kriterien.
ZEIT: Suchen Sie speziell nach gefährlichen
Gewittern?
Piontek: Eigentlich haben wir es auf die besonders fotogenen Gewitter abgesehen. Doch oft
überschneidet sich das.
ZEIT: Welches Gewitter war denn in der letzten
Zeit besonders fotogen?
Piontek: Ende Mai habe ich eine Superzelle bei
Würzburg fotografiert, das war schon beeindruckend. Das Gewitter war später für die heftigen
Überschwemmungen dort in der Gegend verantwortlich und hat noch ziemlich lange gewütet.
ZEIT: Wünschen Sie sich nie schönes Wetter?
Piontek: Ich freue mich zwar, wenn es gewittert,
langsam könnte das Wetter aber selbst meiner
Meinung nach wieder besser werden. Die ständige
Gewitterjagd ist schon etwas anstrengend ...
ZEIT: Sie müssten ja nicht jedes Mal rausfahren!
Piontek: Eigentlich nicht, aber ich schlafe lieber
eine Woche nicht, als ein gutes Gewitter zu verpassen, und bis jetzt hat sich das immer gelohnt.
Das Gespräch führte Lara Malberger
30. J U N I 2 0 1 6
D I E Z E I T No 2 8
Fotos: Ada Summer/Getty Images; Christoph Hetzmannseder/Getty Images (u.); ZEIT-Grafik (r.)
Wer’s glaubt,
isst selig
Eine Flut von Büchern verspricht, wir könnten
mithilfe bestimmter Diäten gezielt Organe stärken
VON CHRISTIAN HEINRICH
D
en Schlüssel zu »lebenslang
strahlender Gesundheit« und
»umfassendem Wohlbefinden« wollen sie gefunden
haben. Dabei haben Ann
Crile und Jane Esselstyn nicht
etwa eine neue Wunderarznei
entwickelt – sondern Kochrezepte gesammelt. In
ihrem Buch Essen was das Herz begehrt präsentieren
die amerikanischen Lehrerinnen 125 Speisen, die
nicht nur lecker und vegan sein sollen, sondern
auch: »lebensrettend«. Donnerwetter. Das verspricht viel. »Eine ganze Menge zu viel«, ärgert sich
der Gesundheitspsychologe Toni Faltermaier von
der Universität Flensburg. Für immer gesund dank
Grünkohl oder Zitrus-Gazpacho? Für Wissenschaftler wie Faltermaier ist das Quatsch.
Dennoch liegt die Idee im Trend. In jüngster
Zeit ist eine Flut an Büchern erschienen, die versprechen, dass sich mit einem bestimmten Speiseplan der Körper optimieren lasse. Die einen propagieren »die Anti-Stress-Ernährung«, andere »Rezepte für ein gutes Bauchgefühl und ein starkes
Immunsystem«. Sogar das Bindegewebe lässt sich
angeblich mit dem richtigen Essen stärken, verspricht der Ratgeber Richtig essen für die Faszien.
Es geht in diesen Büchern nicht einfach um eine
ausgewogene Kost oder einzelne »Superfoods«, die
angeblich viele Vitamine enthalten. Die Autoren
behaupten vielmehr, dass sich mit der von ihnen
empfohlenen Ernährungsweise ganz gezielt der
Zustand bestimmter Organe und Organsysteme
verbessern lasse. Die Vorstellung ist natürlich toll:
mit gegrillten Ananas das Herz in Schuss halten,
mit Ingwer und Knoblauch die Zellen gegen Stress
wappnen – doch ist das wirklich so einfach?
Schon rein praktisch ist es schwierig, das zu untersuchen. Um testen zu können, welche Ernährung
vor dem Auftreten gewisser Leiden schützt, müssten
Forscher Gesunde über lange Zeit beobachten. »Es
gibt solche Studien, aber sie sind aufwendig und teilweise problematisch. Wenn man für eine Studie die
Ernährungsweise am Anfang erfasst, weiß man nicht,
ob die Menschen in den 10, 15 Jahren danach genauso essen«, sagt Johann Ockenga, Ernährungsmediziner am Klinikum Bremen-Mitte. »Und wenn tatsächlich herauskommt, dass nach 15 Jahren Menschen,
die kein rotes Fleisch essen, seltener an Darmkrebs
erkranken, dann hat man einen Zusammenhang, aber
noch keine ursächliche Erklärung.«
Auch weil bei der Entstehung komplexer Leiden
wie Krebs oder Arteriosklerose mehrere Faktoren zusammenwirken. Als Erklärung reichen die Essgewohnheiten nicht aus. »Bei vielen Krankheiten
spielt Bewegungsmangel eine Rolle, die Gene, der
Stress oder die nächtliche Schlafdauer – die ganze
Lebensweise«, sagt Faltermaier. Die Gesundheit eines
Organsystems auf eine bestimmte Ernährungsformel
zu reduzieren, werde dieser Komplexität nicht gerecht.
Die Wirkung einzelner Lebensmittel auf die
Physis sei zudem schwierig zu untersuchen, sagt
Tilman Grune, wissenschaftlicher Vorstand des
Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke. »Die Ernährung stellt ein Gesamtkonzept für den Körper und seine Gesundheit dar.«
Einiges ist zumindest recht gut belegt: dass Omega-3-Fettsäuren die Cholesterinkonzentration im Blut
und damit den Blutdruck senken – allerdings gilt dies
für die in der Nahrung enthaltenen, nicht für jene in
Nahrungsergänzungsmitteln. Und es gibt Hinweise
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WISSEN 37
ZEIT DOCTOR ALLES, WAS DER GESUNDHEIT HILFT
darauf, dass man mit bestimmten Lebensmitteln die
Darmflora beeinflussen kann: Laut einer im Mai im
Magazin Science veröffentlichten Studie führt Buttermilch zu einem breiteren Spektrum der Darmflora, Vollmilch hingegen scheint die Mikrobenvielfalt im Verdauungskanal zu reduzieren.
Doch die Ratgeber begnügen sich meist nicht
damit, von »Hinweisen« zu sprechen. Oft werden
kühne Behauptungen aufgestellt, die gar nicht oder
nur schlecht untermauert sind. Irgendeine Studie,
die den Hauch von Wissenschaft verbreitet, auch
wenn sie entsprechenden Kriterien nicht standhält,
lässt sich für fast jede These finden. Einige Autoren
sparen sich den Blick auf die Studienlage auch ganz
und stützen sich einfach auf eine bereits bekannte
und etablierte Ernährungsphilosophie, die sie dann
– um überhaupt eine Rechtfertigung für ein neues
Buch zu haben – um eigene Ideen ergänzen.
Etwa so haben es Uschi Eichinger und Kyra
Hoffmann gemacht. Ihr Buch Die Anti-Stress-Ernährung basiert zu einem großen Teil auf der sogenannten LOGI-Methode. »LOGI« steht für »Low
Glycemic and Insulinemic Diet«. Die Idee dahinter: den Blutzucker- und Insulinspiegel möglichst
konstant zu halten, um die Zellen wenig Stress auszusetzen. Den Hauptbestandteil dieser Diät bilden
stärkearmes Gemüse wie Blumenkohl und Pilze
sowie zuckerarmes Obst. Ob das funktioniert und
ob der postulierte Stress überhaupt schädlich für
die Zellen ist, ist nicht bewiesen. Dennoch gibt es
inzwischen zahllose Bücher, die die Methode anpreisen. Das Buch von den Autorinnen Eichinger
und Hoffmann geht noch einen Schritt weiter und
identifiziert verschiedene »Stresstypen«: Wer in belastenden Situationen mehr esse als sonst, aber gut
schlafe, zähle zum »Adrenalinmangel-Typ« und
solle darauf achten, ausreichend Tyrosin zu verzehren, die Vorstufe von Adrenalin. Besonders
wichtig seien etwa Milchprodukte, Fleisch, Fisch
und Hülsenfrüchte. Menschen mit niedrigem Blutdruck und trockener Haut hingegen gehörten zum
»Thyroxinmangel-Typ« und sollten genügend Selen
zu sich nehmen, das für die Schilddrüse wichtig sei.
So einleuchtend das vordergründig klingen mag –
einen wissenschaftlichen Nachweis können die
Autorinnen dafür nicht anführen. Bisher ist nicht
einmal klar, ob Stress überhaupt in irgendeiner
Form zu Mangelerscheinungen beiträgt, geschweige
denn, ob er sich besser bewältigen lässt, wenn der
Körper bestens mit allem versorgt ist.
Nun schadet es gewiss nicht, darauf zu achten,
dass man ausreichend Vitamine, Nährstoffe und
Mineralien zu sich nimmt. Doch manche Ernährungslehren bergen auch Gefahren. So kann eine
radikale Low-Carb-Diät das Risiko für Herz-Kreislauf-Leiden steigern. »Jede Art von Diät birgt das
Risiko, sich fehlzuernähren«, sagt der Ernährungsmediziner Ockenga. Selbst eine auf den ersten
Blick harmlose Low-Fat-Diät berge das Risiko, dass
man nicht genug fettlösliche Vitamine aufnehme.
Die beste Methode, um seine Organe – und
zwar alle – gesund zu halten, sieht Ockenga in der
»mediterranen Ernährungsweise«, die unter anderem viel Obst und Gemüse vorsieht sowie wenig
Fleisch. Wer nach diesem Grundsatz isst, hat Studien zufolge ein geringeres Risiko, an Herz-Kreislauf-Problemen und Krebs zu erkranken. Und
muss nicht einen einzigen Ratgeber dafür lesen.
www.zeit.de/audio
DIABETES, MS, KREBS
Hilft Essen
heilen?
Bei einigen Leiden spielt die
Ernährung eine wichtige Rolle
1. Bluthochdruck
Die Faktoren, die zu Bluthochdruck führen,
sind ebenso vielfältig wie die Möglichkeiten,
ihn zu senken. Sich bewegen, den Stress reduzieren oder abnehmen – diese Dinge helfen
genauso wie eine vernünftige Ernährung. Die
Umstellung auf salzarme
Kost senkt nachweislich hohen Blutdruck, zumindest ein
Stück weit, das zeigen etliche
Untersuchungen. Darüber hinaus sollte man nicht zu viel
tierisches Fett und Fleisch zu
sich nehmen und übermäßigen Alkoholkonsum
vermeiden. Männer sollten täglich nicht mehr
als 24 Gramm Alkohol zu sich nehmen, was
etwa einem halben Liter Bier entspricht. Bei
Frauen liegt die Obergrenze bei 12 Gramm
Alkohol, das sind etwa 0,1 Liter Wein.
2. Diabetes
Bei der Behandlung von Diabetes ist die Ernährung nicht bloß ein Faktor unter vielen,
sie spielt eine entscheidende Rolle. Denn die
Kohlenhydratzufuhr – auch mit Blick auf die
Intensität körperlicher Bewegung – sollte jeder Diabetiker
kennen, um die medikamentöse Therapie immer entsprechend anzupassen. Die medizinischen Leitlinien zur Ernährung bei Diabetes empfehlen, etwa 45 bis 60 Prozent der benötigten
Energiemenge in Form von Kohlenhydraten
zu sich zu nehmen. Eiweiße sollten 10 bis 20
Prozent ausmachen, Fette nicht mehr als 35
Prozent.
3. Multiple Sklerose
Die Nervenkrankheit Multiple Sklerose ist
bislang nicht heilbar. Eine bestimmte Ernährungsform könnte jedoch das Fortschreiten
der Krankheit deutlich verlangsamen, vermuten Wissenschaftler um Friedemann Paul
von der Berliner Charité.
Dabei geht es um die sogenannte ketogene Kost, die
reich an Fetten und arm an
Kohlenhydraten ist. Die mögliche positive
Wirkung bei Multipler Sklerose erklärt man
sich mit dem Vermindern von freien Radikalen
im Gehirn. Diese entstehen vermehrt bei der
Verwertung von Kohlenhydraten.
Kann man mit Ananas sein Herz stärken? So einfach ist es leider nicht
Nahrhaftes Lesefutter
Wer verstehen will, wie Krankheiten entstehen und was das mit Ernährung zu tun
hat, dem sei dieses Standardwerk empfohlen:
Ernst Kofrányi/Willi Wirths: Einführung in
die Ernährungslehre, Umschau Buchverlag,
528 Seiten. Unter Studenten der
Ernährungswissenschaften beliebt ist ein
umfassendes Kompendium, das Lehrbuch
und Nachschlagewerk in einem ist: Ibrahim
Elmadfa/Claus Leitzmann: Ernährung des
Menschen, UTB, 788 Seiten.
Beide Bücher sind dick und anstrengend zu
lesen, aber sie haben vielen Ratgebern eines
voraus: Sie geben dem Leser die Möglichkeit,
sich vom Stand der Ernährungsforschung ein
eigenes Bild zu machen.
4. Krebs
Der Biologe Johannes Coy verspricht wahre
Wunder. In seinem Buch Die neue AntiKrebs-Ernährung: Wie Sie das Krebs-Gen stoppen
empfiehlt er eine öl- und proteinreiche Diät
mit möglichst geringem Kohlenhydratanteil.
Dies löse bei Krebszellen einen erhöhten
Zuckerverbrauch aus und
mache sie angreifbar. Auf
diese Weise ließe sich die
Wirkung von Chemo- oder
Strahlentherapien verstärken,
so lautet die Theorie. Sie ist
in Fachkreisen höchst umstritten und konnte sich in der Krebsmedizin
aus Mangel an aussagekräftigen Studien bislang
kaum etablieren. Der Krebsinformationsdienst
warnt vor den Belastungen für die Patienten
durch entsprechende Ernährungskonzepte und
fasst den aktuellen Wissensstand so zusammen:
»Eine ›Krebsdiät‹ gibt es nicht.«
38 WISSEN
GRAFIK: NATO
30. J U N I 2016
D I E Z E I T No 28
ZUM RAUSTRENNEN
Blockbildung
o
N
368
Vor 25 Jahren löste sich der Warschauer Pakt offiziell auf.
Die militärischen Kräfte verschoben sich, noch immer
aber stehen sich zwei hochgerüstete Armeen gegenüber
Legende
Nato-Länder
Soldaten
Grenze zwischen Ländern der Nato
und des Warschauer Paktes
Panzer
FINNLAND
766 055
Die Themen der
letzten Grafiken:
Kampfflugzeuge
Russland und das mit ihm verbündete
Weißrussland
NORWEGEN
367
26 500
52
K ANADA
Private Raumfahrt
15 398
3500
ESTLAND 6
104
366
SCHWEDEN
13 000
95 000
181
426
Exotische
Jagdtrophäen
4
LETTLAND
3547
LITAUEN
Kaliningrad
(zu Russland)
DÄNEMARK 25 000
USA
15 000
RUSSLAND
65 000
9
Typologie
der Bärte
57
GROSSBRITANNIEN
365
74
1665
WEISSRUSSLAND 181
POLEN
120 000
150 000
50 000
IRLAND
407
DEUTSCHLAND
1009
177 127
164
UKR AINE
NIEDERLANDE
461
TSCHECHIEN
408
BELGIEN 35 000
879
21 100
123
SLOWAKEI
114
MOLDA
WIEN
13 500 22 47
171
676
LUXEMBURG
1 400 000
RUMÄNIEN
UNGARN
ÖSTER
REICH
LIECHTENSTEIN
32
20 000
30
SLOWENIEN
205 000
FR ANKREICH
75 000
SCHWEIZ
7500
84
BOSNIEN
SERBIEN
U. HERZE
GOWINA
423
28
ITALIEN
875
125
KROATIEN
21 500
72
8848
BULGARIEN
410500
35 000 160
KOSOVO
MAZE
MONTENEGRO 14 550 DONIEN
68
1282
MONACO
68
22
ALBANIEN
320 000
TÜRKEI
410 500
ANDORR A
180 000
125 000
586
SPANIEN
3778
1556
327
40 000
785
133
601
540
110
GRIECHENLAND
1007
PORTUGAL
13 444
Gegenübergestellt
Potenzial mit Sprengkraft
Aufgeblasener Etat
Veränderte militärische Balance: Die Nato hat seit 1989
Verbündete gewonnen, Russland welche verloren
Aufrüstung der USA, Russland zog nach: Heute haben
die beiden Länder wieder fast gleich viele Atomsprengköpfe
Noch immer werden Milliarden in
die Rüstung gesteckt. Hier die Länder
mit den größten Militäretats für 2016
(in Dollar pro Einwohner)
2016
1989
Nato
Russland und
Weißrussland
Nato
Warschauer Pakt
40 159
2000
USA
1808
UdSSR
Russland
Truppenstärke
1500
31 255
1344
26 734
2 744 000
3 503 777
831 055
23 317
1000
858
795
Panzer
Kampfflugzeuge
2
500
4700
4500
8400
1
0
8245
9955
20 819
3781
1945 1949
1967
1986 1992
Dänemark
17 063
Norwegen
18 952
100 300
USA
43 500
Großbritannien
550
13 708
Italien
3 197 000
2015
Wichtige Ereignisse der Nato seit 1991
»Grundakte über gegenseitige
Beziehungen, Zusammenarbeit
und Sicherheit zwischen Nato
und der Russischen Föderation«
wird unterzeichnet
Nato-Kampfeinsatz im
Jugoslawienkrieg
1993
1994
1997
Erste gemeinsame Militäreinsätze mit ehemaligen
Warschauer-Pakt-Staaten in
Jugoslawien
1999
Bündnisfall nach den
Anschlägen in New
York vom 11. September
nach Artikel 5
2001
Nato-Einsatz im Kosovokrieg. Beitritt von Polen,
Ungarn und Tschechien
2002
Nato erhält das Kommando über
die Isaf-Einsätze in Afghanistan
(erster Einsatz außerhalb
des nordatlantischen Gebiets)
2003
Gründung des Nato-RusslandRats und der Nato-ResponseForce, einer schnellen KrisenEingreiftruppe
2004
Bündnisfall in der Türkei nach
Raketenangriffen aus Syrien.
Die Nato verlegt PatriotRaketen an die Grenze
Albanien und Kroatien
werden Nato-Mitglieder
2009
Bulgarien, Rumänien, Slowakei,
Slowenien, Estland, Lettland und
Litauen werden Nato-Mitglieder
2011
2012
Internationaler NatoMilitäreinsatz in Libyen
2014
Ukraine-Konflikt
um die Krim, Nato
beendet militärische
Zusammenarbeit
mit Russland
Illustration:
Matthias Holz
Recherche:
Sven Stillich
Quellen:
www.globalfirepower.com,
www.nato.int,
wikipedia.de,
Bulletin of the
Atomic Scientists
30. J U N I 2 0 1 6
D I E Z E I T No 2 8
FEUILLETON
Kampfgesänge für die
Generation YouTube:
Auch Dschihadisten
haben eine Popkultur
Seite 50
39
Große Bilder,
subtiles Gewusel
Marcel Beyer ist der neue
Büchnerpreisträger
Marcel Beyer erhält den Büchnerpreis. Das
ist gut so; jedenfalls ist es kein Drama. Die
Auszeichnung hat vielleicht nicht das ehern
Unabweisbare wie letztes Jahr bei Rainald
Goetz, diesem idiosynkratischen Klassiker
seiner selbst. Sie wird aber auch keine Feinde
auf den Plan rufen wie 2013 im Falle der
exzentrischen Sibylle Lewitscharoff oder
2012 bei Felicitas Hoppe, deren Werk manchen zu fragil für die Marmorlast des Preises
erschien. Gleichwohl verrät die Entscheidung nicht die erschöpfte Lustlosigkeit, die
von der Jury in den vergangenen Jahren auch
schon bewiesen wurde (Beispiele verbietet
der Takt). Marcel Beyer ist ein wirklicher
Der Lyriker und
Romancier Marcel
Beyer, geboren 1965
Das Schlafzimmer
Dichter mit einer poetischen Gabe, die sich
in seiner Lyrik zeigt, aber auch in der allegorischen Grundgestalt seiner Romane. Beyer
hat den Sinn für das große schlagende Bild
im Hintergrund, vor dem sich das subtile
Gewusel seiner Prosa entfalten kann. Zweimal hat er Wissenschaftler in dem undurchsichtigen Netz ihrer Nazi-Verstrickung
gezeigt – Flughunde (1995), Kaltenburg
(2008) – und dabei zugleich viel über die
Hilflosigkeit unseres zeitgenössischen Stocherns in der Vergangenheit gesagt. Immer
bleiben ein paar Spinnenfäden an unseren
Sonden kleben, immer zerreißt aber auch
das Bild, das wir uns machen wollten. Seit
Gert Hofmann, der für einen Büchnerpreis
leider zu früh starb, hat sich kein Schriftsteller derart raffiniert des Fortwucherns der
Geschichte angenommen. Man muss Marcel Beyer gelesen haben, wenn man den Anspruch hat, literarisch à jour zu sein. Mehr
kann man von einem Büchnerpreisträger
nicht verlangen.
JENS JESSEN
als gefährlicher Ort
Was leidenschaftliche Liebesnacht und was Vergewaltigung war, definiert die Frau
künftig am Tag danach: Noch vor der Sommerpause soll eine unnötige und verhängnisvolle
Verschärfung des Sexualstrafrechts durchgepeitscht werden VON SABINE RÜCKERT
Fotos: Millennium Images/Look-foto; Arno Burgi/dpa, Steffi Loos/dapd (r.); Propagandavideo IS (o.)
A
m 20. April 2016 verurteilte
das Amtsgericht München den
früheren Präsidenten der dortigen Musikhochschule, Siegfried
Mauser, wegen sexueller Nötigung zu einer Freiheitsstrafe
von einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung. »Was da gerade passiert, ist der
totale Untergang meiner Existenz«, hatte der Angeklagte noch kurz vor dem Schuldspruch geklagt.
Eine Verurteilung wäre »akademisch, institutionell,
wissenschaftlich, musikalisch die totale Vernichtung für mich«. Es nützte ihm nichts. Unmittelbar
nach dem Urteil verlor der 62-jährige Pianist obendrein seine aktuelle Stelle als Chef des Mozarteums
in Salzburg. Er ist ruiniert.
Seine Verurteilung erfolgte allein aufgrund der
Angaben einer 57-jährigen Professorin der Musikhochschule. Diese hatte Mauser angezeigt, sie vor
sieben Jahren, im April 2009, bei einem Gesprächstermin in seinem Büro sexuell genötigt zu
haben. Gleich zur Begrüßung habe er sie überraschend gegen die Tür gedrängt und ihr seine Zunge in den Mund geschoben. Trotzdem fand das
Gespräch dann statt. In einem zweiten Überrumpelungsversuch habe er später ihre Hand an seine
Hose über dem erigierten Penis gelegt und versucht, ihr unter den Rock zu greifen. Sie habe ihn
verbal und durch Gegenwehr abgehalten, sagte die
Frau aus, Mauser habe sich daraufhin wieder in
seinen Sessel begeben. Beendet wurde die Situation durch das Eintreten eines Dritten, der aber
keine Übergriffe bemerkte.
Obwohl es keine Tatzeugen gibt, die Frau weder
aus dem Raum geflohen war noch um Hilfe gerufen
hatte, ja die Unterredung nicht einmal abgebrochen
und mit der Anzeige volle sechs Jahre gewartet hatte,
wurde Mauser verurteilt. Der Pianist ist erledigt –
durch die Anwendung geltender Gesetze.
Ein Recht, das die Frauen schützt, möchte man
meinen. Doch vielen reicht das nicht. Durch den
Druck aus Frauenverbänden, Frauenberatungsstellen,
Frauennotrufen, dem Juristinnenbund, von Terre des
Femmes und dem Deutschen Frauenrat liegen derzeit
gleich mehrere überstürzt verfasste Vorschläge diverser Parlamentarier auf dem Tisch, die das Sexualstrafrecht – mit dessen Entrümpelung und Modernisierung ohnehin eine Kommission im Auftrag des
Bundesjustizministeriums beschäftigt ist – zugunsten
von Frauen weiter verschärfen wollen. Ihre Verfasser
warten die Arbeit der Kommission nicht ab, sondern
fordern, bestehende »Schutzlücken« im Strafrecht
rasch zu schließen, ja einen »Paradigmenwechsel«
herbeizuführen. Die Abstimmung im Bundestag soll
am 7. Juli sein.
Im Zentrum des Interesses steht der Paragraf
177 Strafgesetzbuch, der sexuelle Nötigung und
Vergewaltigung unter Strafe stellt: Bislang musste
ein Täter Gewalt angewandt, sein Opfer bedroht
oder dessen schutzlose Lage ausgenutzt haben, um
sich nach diesem Paragrafen strafbar zu machen.
Das geht den Reformern nicht weit genug. Sie beklagen, dass Fälle straflos bleiben, in denen »das
Opfer mit Worten widerspricht, vom Täter überrascht wird, aus Angst erstarrt ist und sich nicht
wehrt, körperlichen Widerstand als aussichtslos erachtet oder befürchtet, sich dadurch weitere gravierende Verletzungen zuzuziehen«. So steht es beispielsweise im Eckpunktepapier zur Reform des Sexualstrafrechts – mit dem Grundsatz »Nein heißt
Nein« vom 16. Juni 2016, das elf Bundestagsabgeordnete von CDU/CSU und SPD verantworten.
Die Autoren schlagen vor, künftig »alle nicht
einvernehmlichen« sexuellen Handlungen als »sexuelle Übergriffe« unter Strafe zu stellen, auch
wenn der Täter nicht Gewalt anwendet und das
Opfer keinen Widerstand leistet. Maßstab sei allein
der »entgegenstehende Wille« des Opfers, wenn er
verbal (»Nein«) oder konkludent (Weinen, Abwehrgesten) geäußert werde.
Woran erkennt man den Widerwillen am Sex?
Auch die Bündnisgrüne Katja Keul will den Vergewaltigungsparagrafen so umformuliert wissen, dass es
»weder auf eine Nötigungshandlung des Täters noch
auf den Widerstand des Opfers ankommt«. Im Bundestag sagte sie: »Ob das Opfer diesen (entgegenstehenden) Willen verbal äußert oder durch Gesten,
Mimik, Körperhaltung, Tränen oder von mir aus
schriftlich, ist dabei nicht entscheidend.«
Die geltenden Voraussetzungen für Nötigung und
Vergewaltigung haben bislang – auch wenn sie von
Gerichten ohnehin schon sehr weit ausgelegt werden
– zumindest einen gewissen objektivierbaren Anteil,
der sich beweisen lässt: Was Gewalt ist, wissen Täter
und Opfer. Sie lässt sich außerdem durch Hämatome
und zerrissene Kleidung, aber auch durch ein herrschendes Klima der Angst (etwa in einer Beziehung
oder Familie) nachweisen. Was eine Drohung ist,
wissen die Tatbeteiligten auch. Eine schutzlose Lage
(Täter und Opfer befinden sich in einer einsamen
Gegend, oder das Opfer ist abhängig vom Täter)
erkennt ebenfalls ein jeder. Übrigens verlangt auch
das geltende Recht keineswegs immer ein »Nein« vom
Opfer und keineswegs immer Gegenwehr. Es reicht,
wenn die Richter der Nebenklägerin ihre Geschichte
für das Revisionsgericht nachvollziehbar glauben –
wie im Fall des Pianisten Mauser. Das aber wird von
den Reformern ausgeblendet.
Wie also soll der erkennbare (Wider-)Wille
nachgewiesen werden, wenn es nicht einmal ein
»Nein« braucht und er sich allenfalls in »Mimik«
und »Körperhaltung« – durchaus interpretationsoffene Kategorien – manifestiert? Oder andersherum und realitätsnäher: Wie soll ein Angeklagter
beweisen, dass er den entgegenstehenden Willen
nicht erkannt hat, wo er doch laut Opferzeugin
erkennbar gewesen ist? Dies zu klären soll den
Staatsanwälten künftig vorbehalten bleiben.
Der angestrebte »Paradigmenwechsel« besteht
offensichtlich darin, bei Nötigung und Vergewaltigung die Wahrheitsfindung unüberprüfbar aus der
Objektivität heraus und in die persönliche Deutungshoheit der Anzeigeerstatterin zu legen. Was leidenschaftliche Liebesnacht und was Vergewaltigung war,
definiert die Frau am Tag danach. Die Folge: Bei den
Sexualpartnern zieht das Misstrauen ein. Und die
Sexualität an sich – also ein sonst schönes und erwünschtes Verhalten – wird durch derartige Kampagnen ins Zwielicht und in die Nähe des Verbrechens gerückt. Das Intime gerät in Verdacht, das
Schlafzimmer wird zum gefährlichen Ort. Eine solche
Verrechtlichung des Intimlebens ist beunruhigend.
Dieser geschützte Raum, in dem eine Beziehung ausgehandelt und Verhalten erprobt werden kann, wird
der Kontrolle durch das Gesetz überantwortet. Und
kurios: Einerseits wehrt man sich gegen die Totalüberwachung durch NSA und Google, andererseits
misst man die eigene Intimsphäre mit dem Millimeterpapier des Strafrechts aus.
In einer idealen Welt, in der alle bloß die besten
Absichten haben und stets die Wahrheit sagen,
mögen derartige Gesetze geeignete Instrumente
zur Wahrheitsfindung sein – in unserer Welt, in
der die Menschen mitunter von Gefühlen wie Rache, Hass und Verwirrung erfasst werden, erscheint
es absurd. Es bürdet den ohnehin überlasteten Gerichten hochgradig risikobehaftete Beweisführungen auf und bindet erhebliche Kapazitäten der
Justiz. In den allermeisten Fällen wird eine Straftat
trotzdem nicht bewiesen werden können, denn
immer noch gelten vor Gericht gewisse Mindestanforderungen an die Erkennbarkeit des »entgegenstehenden Willens«. Schlimmstenfalls werden
Unschuldige verurteilt.
Dass eine Frau auch von anderen als hehren
Motiven durchdrungen sein könnte, davor verschließen all jene die Augen, die fordern, jeder
Frau, die eine Vergewaltigung anzeigt, müsse immer und unter allen Umständen geglaubt werden – und das sind nicht wenige. Als hätte es die
prominenten Fälle des unschuldig verurteilten
Lehrers Horst Arnold (seine Falschbeschuldigerin
wurde 2013 zu einer Freiheitsstrafe von fünfein-
halb Jahren verurteilt) oder des Fernsehmoderators
Jörg Kachelmann nie gegeben. Als gäbe es unter
weiblichen Menschen keine Wichtigtuer oder psychisch Defekten. Zu welch grotesken Blüten solcher Glaube führt, zeigte sich schon 2008 im sächsischen Mittweida, wo die 18-jährige Rebecca K.
der Polizei ein in ihre Hüfte geschnittenes blutverkrustetes Hakenkreuz vorwies und behauptete,
eine Rotte Neonazis, vor der sie ein Kind habe
bewahren wollen, hätte ihr das angetan. Umfängliche polizeiliche und gerichtsmedizinische Ermittlungen setzten ein und ergaben: Das Mädchen
musste die Geschichte erfunden und sich die
Wunde selbst zugefügt haben. Trotzdem entschloss
sich das Berliner Bündnis für Demokratie und
Toleranz, eine politische Initiative gegen rechte
Gewalt, Rebecca K. den Ehrenpreis für Zivilcourage
zu verleihen – unbeeindruckt von der Tatsache,
dass die Staatsanwaltschaft Chemnitz gegen die
Frau wegen »Vortäuschung einer Straftat« ermittelte. Frau K.s Laudatorin, die ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin Cornelie SonntagWolgast (SPD), sagte, es gehe allein um das »Lob
der Zivilcourage«. Kurze Zeit später wurde die
Preisträgerin verurteilt.
Die Familienministerin im »TeamGinaLisa«
Jetzt steht das Partygirl Gina-Lisa Lohfink, die im
Juni 2012 von zwei Männern vergewaltigt worden
sein will, im Zentrum der politischen Anteilnahme. Die Staatsanwaltschaft Berlin hält Lohfinks
Vergewaltigungsaussage für erlogen, deshalb läuft
vor dem Amtsgericht Berlin ein Prozess. Lohfink
wird »falsche Verdächtigung« vorgeworfen. Und
tatsächlich weisen die Angaben der Frau erhebliche
Widersprüche auf (ZEIT Nr. 27/16). Unter dem
Hashtag #TeamGinaLisa haben sich dennoch
zahllose Feministinnen mit Lohfink solidarisiert.
Am vergangenen Montag erschien diese im Tross
der Fernsehteams vor dem Amtsgericht Berlin.
Die Straße musste gesperrt werden, denn eine
Gruppe aufgebrachter Demonstrantinnen war
aufgetaucht und skandierte: »Nein heißt nein, du
bist nicht allein!« Der Prozess wurde zur Bühne
für die Beschuldigte.
Selbst die Bundesfamilienministerin Manuela
Schwesig hatte sich dem »Team GinaLisa« angeschlossen und den Link zu einem Onlineartikel Schwesig
schaltet sich in Fall Gina-Lisa Lohfink ein getwittert.
Darin wird sie mit den Worten zitiert: »Wir brauchen
die Verschärfung des Sexualstrafrechts. Nein heißt
nein muss gelten. Ein Hör auf ist deutlich.« Warum
macht ein Kabinettsmitglied so etwas? Wir wissen es
nicht. Doch Politiker, die sich hervortun wollen,
Fortsetzung auf S. 40
Doppelbackpfeife
Bud Spencer war der knuffige
Prügelbär der Babyboomer
Sein Vorbild war der Schauspieler Spencer
Tracy, Budweiser sein Lieblingsbier. Zwingend also der Künstlername: Bud Spencer.
Zwingend auch die Bewegungsfolgen, mit
denen er sich in die Erinnerungen der Babyboomer geprügelt hat. Die exakt synchronisierte Doppelbackpfeife und der von oben
Carlo Pedersoli alias
Bud Spencer
* 31. Oktober 1929
† 27. Juni 2016
ausgeführte K.-o.-Faustschlag auf den Kopf
waren seine Erfindungen. Doch Carlo Pedersoli, so der bürgerliche Name des 1929 in
Neapel geborenen Schauspieler-Autodidakten, hat auch zum Menschheitsnutzen Gedachtes patentieren lassen, darunter einen
Spazierstock mit ausklappbarem Stuhl und
Tisch. Außerdem war Pedersoli achtmaliger
Landesmeister im Schwimmen.
Wofür soll man ihn in Ehren halten? Die
letzten Jahre hat Pedersoli die Werke von
Immanuel Kant studiert, die er in einer CDROM-Edition in seinem Büro verwahrte.
Sein Philosophieren blieb aber verborgen, so
wie er die reflektierende Rede auch auf der
Leinwand stets dem minder muskulösen
Dauerpartner Terence Hill überließ. Bud
Spencer war eine Ikone der Vita activa, der
Meister praktischer Problemlösungen. Dass
es stets Kapitalisten, Ausbeuter und bigotte
Kirchenmänner waren, die er im Film verdrosch, machte ihn zu Fidel Castros Lieblingshelden. In Deutschland, wo er so beliebt
war wie nirgends, stand die politische Lesart
seiner Filme hinter der Lust an ihrer puren
Körperlichkeit zurück. Weil hier aber nie
Blut floss, ging Bud Spencer als im Grunde
knuffiger Prügelbär durch, der Vätern und
Söhnen an schlappen Fernsehnachmittagen
ein regressives Vergnügen spendierte. Bud
Spencer versprach eine Welt ohne Frauen,
Erklärungsnöte und Deodorant. Am Montag ist Pedersoli im Alter von 86 Jahren in
Rom gestorben.
RONALD DÜ KE R
40 FEUILLETON
TITELTHEMA: WENN DIE FALSCHEN GEWINNEN
30. J U N I 2016
D I E Z E I T No 2 8
Das Schlafzimmer als ... Fortsetzung von S. 39
nehmen immer gern prominente Kriminalfälle
zum Anlass. Und so dürfte die Sache Lohfink der
Familienministerin gerade recht gekommen sein.
Jedenfalls fiel sie – obwohl die Opfereigenschaft des
Partygirls mehr als nur fragwürdig ist – der Justiz
in den Rücken und versuchte, durch Äußerungen
von höchster Stelle das Verfahren zugunsten von
Lohfink zu beeinflussen. Dabei verraten Schwesigs
Statements, dass sie kaum etwas von der Sache wusste.
Politiker, die ihr Profil (oder das ihrer schwächelnden Partei) stärken wollen, machen sich immer wieder für die Verschärfung des Sexualstrafrechts stark. Egal, ob die Vorschläge sinnvoll oder
praktikabel sind – sie eignen sich zur volksnahen
Präsentation. Schon Gerhard Schröder hatte das
erkannt, als er 2001 – seine Umfragewerte befanden sich im Sinkflug – in der Bild am Sonntag
publikumswirksam forderte: »Kinderschänder wegschließen – und zwar für immer«.
Das Postulat war zwar unvereinbar mit dem
Gesetz und lag (wie der Rechtsanwalt Schröder
sehr genau wusste) völlig neben der Realität,
sicherte ihm aber den Beifall der Massen. Der frühere Kanzler blieb mit dieser Entgleisung nicht
allein. Viele Politiker folgten seinem Beispiel und
tun es bis heute. Die Zahl der Sexualdelikte sinkt
in Deutschland kontinuierlich, trotzdem führt das
Zusammenspiel populistischer Politiker und aufgeregter Journalisten dazu, dass das Sexualstrafrecht in den vergangenen 20 Jahren wieder und
wieder modifiziert wurde – immer zuungunsten
des Beschuldigten. Die pausenlos vorangetriebene
Verschärfung der Sicherungsverwahrung (vor allem für Sexualtäter) führte 2009 sogar dazu, dass
der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte
eingriff und die deutschen Regelungen zur Sicherungsverwahrung kippte. Deutschland musste von
Europa auf den Weg des humanen Strafrechts zurückgezwungen werden. Auch jetzt soll die mit
großer Leidenschaft vorangepeitschte Verschärfungsreform wieder bloß ein »erster Schritt« sein.
Drehen die Staatsanwälte den Spieß aber einmal um und verfolgen Menschen, die sich mutmaßlich zu Unrecht als Verbrechensopfer darstellen, müssen sie dafür sehr gute Gründe haben.
2015 fanden bei über sechs Millionen registrierten
Straftaten bloß 519 Ermittlungen wegen »Vortäuschens einer Straftat« statt, und die »falsche Verdächtigung« machte gerade 0,3 Prozent der polizeilichen Ermittlungsfälle aus. Nicht einmal gegen
jene Frau, die Jörg Kachelmann 2010 beschuldigte, gingen die Ermittler nach dessen Freispruch
vor. Dabei hatte sie vor Gericht nachweislich
mehrmals gelogen und sogar belastende Indizien
selbst gebastelt. Dahinter steckt die Sorge der Behörden, potenzielle Anzeigeerstatter(innen) abzuschrecken. In Kampagnen wird das Volk aufgerufen, der Polizei möglichst viele Straftaten zu melden. Da überlegen es sich die Strafverfolger sehr
gut, ob sie Anzeigeerstatter später selbst in Bedrängnis bringen wollen.
Nun geht die öffentliche Empörung auf jene
Richterin nieder, die den Strafbefehl gegen GinaLisa Lohfink erlassen hat, und auf jene Berliner
Staatsanwältin, die Lohfink zur Rechenschaft ziehen
will. Lohfink hat nicht das Patriarchat gegen sich,
sondern zwei nüchterne Juristinnen, die nicht zulassen wollen, dass der Verhandlungssaal zum Tollhaus wird. Bundesjustizminister Heiko Maas hat ein
mahnendes Wort zum Schutz dieser beiden dem
Gesetz verpflichteten Frauen vermieden, lieber stellte er – der den »Nein heißt nein«-Reformen zunächst
sehr zurückhaltend gegenübergestanden hatte – sich
jetzt dahin, wo alle stehen, die nicht in die Kritik
geraten wollen: »Die Verschärfung des Sexualstrafrechts darf nicht länger blockiert werden.«
»Nein heißt nein« – ein Schlagwort, das die
Frauen schützen soll und doch vielleicht demnächst
besonders rigorosen Männern entgegenkommen
könnte. In Berlin zeigte der Imam Kerim Ucar eine
Lehrerin der Platanus-Schule an, weil diese ihn dazu
zwingen wollte, ihr die Hand zu reichen. Der Imam
war zu einem Elterngespräch über seinen Sohn in der
Schule erschienen, dort weigerte sich der strenggläubige Muslim, der weiblichen Lehrkraft die Hand
zu geben. Viermal soll die Lehrerin den Mann vergeblich aufgefordert haben, ihre Hand zu nehmen,
dann brach sie das Gespräch ab. Der Imam soll sich
in seiner Anzeige auf »Beleidigung« und »Verletzung
der Religionswürde« berufen haben. Nach der neuen
Sexualstrafrechtsreform käme womöglich eine Anzeige wegen des Straftatbestandes der »Nötigung«
infrage, wenn der Imam – und auf seine subjektive
Sicht als Opfer kommt es künftig an – sich von der
Lehrerin sexuell belästigt fühlt: Immerhin wollte sie,
die er aufgrund ihres Geschlechtes nicht anfassen
mochte, seine Berührung erzwingen. Eine Illustration
für die Absurdität der »Nein heißt nein«-Reform.
Auch andere Fallkonstellationen sind denkbar,
in denen das »Nein heißt nein« den Frauen keine
Vorteile bringen, sondern Probleme bereiten
könnte. Der Vorsitzende des 1. Strafsenats des
Bundesgerichtshofs, Rolf Raum, stellte kürzlich in
einer Tagung Überlegungen an, was strafrechtlich
auf eine zärtlichkeitsbedürftige Frau zukommen
könnte, die ihren Mann durch sexuelle Avancen
etwa beharrlich beim Fußballgucken stört. Fasse
sie ihm dabei zum Beispiel gegen seinen erkennbaren Willen – und sein »Nein« überhörend – in
den Schritt, könnte dies (nach Paragraf 177 Abs.
1: Sexueller Übergriff ) künftig zu einer empfindlichen Strafe führen.
Ist der Brexit denn
Nein. Die Briten pfeifen zu Recht auf den
Finanzinternationalismus ihrer Eliten
VON WOLFGANG STREECK
M
an wird abwarten müssen, ob die deutschen
»Europäer« aus dem
Ausgang des britischen
Referendums etwas lernen werden. Viel Hoffnung besteht nicht. In
ersten Reaktionen wurde dem Land von
William Shakespeare und Adam Smith, von
Newton und Hobbes, Händel und Marx bescheinigt, dass es eigentlich nie wirklich zu
Europa gehört habe – offenbar aber wir. Dabei
liegt für jeden außerhalb des Bannkreises des
deutschen Nebels auf der Hand, dass ähnliche
Abstimmungen in einer ganzen Reihe von
Ländern ähnlich ausgegangen wären: Dänemark, Niederlande, Österreich, Ungarn, Italien, nicht zuletzt Frankreich. Die Europäische
Union, so wie wir sie kennen, als institutioneller
Rahmen einer »europäischen Integration«, wie
die Deutschen sie sich vorgestellt haben, erlebt
ihre Götterdämmerung, und wer es nicht glauben will, läuft Gefahr, von ihren einstürzenden
Neubauten begraben zu werden.
Wird die deutsche politische Klasse verstehen,
dass sie den Zusammenbruch ihres Brüsseler
Wolkenkuckucksheims wirkungsmächtig beschleunigt hat? Die britische Öffentlichkeit hat
mit erstauntem Gruseln verfolgt, wie die Regierung Merkel/Gabriel ihr »Europa« dazu eingesetzt
hat, Griechenland abzuwirtschaften und zu demütigen, zur Rettung der deutschen und französischen Banken, deklariert als Rettung Griechenlands und der »europäischen Idee«. Sie hat das
Spektakel des deutschen flüchtlingspolitischen
Alleingangs mehr oder weniger genau verfolgt:
die Öffnung der Grenzen zur Schließung der
deutschen demografischen Lücke, ausgegeben in
Abwesenheit eines Einwanderungsgesetzes als von
»Europa« zu übernehmende humanitäre Pflicht
»ohne Obergrenzen«, dafür mit festen Kontingenten für alle Mitgliedsstaaten, begleitet von
moralischer Verurteilung aller, deren Arbeitsmarkt
und Demografie dergleichen nicht hergeben, mit
anschließender Wende um 180 Grad, einschließlich EU-Beitrittsperspektive für den Halbdiktator
Erdoğan und gerichtlicher Verfolgung eines Kleinkabarettisten im Auftrag »der Kanzlerin«, der im
halbstaatlichen Fernsehen geschmacklose Gedichte über diesen verbreitet hatte.
Man hätte wissen können, dass es in Großbritannien populäre Instinkte gibt, wonach man
einem Club, in dem so etwas möglich ist, besser
nicht angehören sollte. So hat denn auch die
»Remain«-Partei ihre Position ausschließlich wirtschaftlich begründet und nicht mit Liebe zu irgendeiner »europäischen Idee«. Das britische
Denken neigt bekanntlich zur Empirie; »Ideen«
beurteilt es danach, wie sie sich im wirklichen
Leben bewähren. Dass das »Leave«-Lager trotz
nachhaltig angedrohter ökonomischer Nachteile
gewann, ist bemerkenswert in einer Welt, in der
angeblich nur noch der wirtschaftliche Vorteil
zählt, gerade unter Angelsachsen. Wer sich nicht
auf diese Weise einfangen ließ, gilt nun ausgerech-
net in deutscher Lesart als irrational, wenn nicht
denkunfähig. Vielleicht war man es aber nur leid,
von einem deutsch geführten Kontinent moralisch belehrt zu werden, etwa wegen der Schließung des Kanaltunnels für illegale Einwanderung?
Anders als Deutsche müssen Briten nicht unbedingt geliebt werden; es reicht ihnen, wenn jeder
ihre Sprache lernen muss. So konnten sich andere
Emotionen und Affekte durchsetzen als die Angst
vor einem europäischen Liebesentzug – Emotionen und Affekte, die auch außerhalb Großbritanniens verbreitet, dort aber bis vor Kurzem latent
geblieben sind. Freigesetzt werden sie durch die
Idolatrie der sogenannten Globalisierung durch
»Eliten«, die die »Offenheit« ihrer Gesellschaften
für die anstrengenden Schwankungen des Weltmarkts zum gleichermaßen moralischen wie wirtschaftlichen Wertmaßstab erheben. Die kulturelle
Geringschätzung der ortsfesten Anhänger lokaler
Traditionen durch eine sich kosmopolitisch gebende Ober- und Mittelschicht, die ihr Land und
seine Leute nach ihrer »Wettbewerbsfähigkeit«
beurteilt, ist in den europäischen Gesellschaften
weit verbreitet: Sie ist Teil der ökonomistischen
Umwertung aller Werte im Zuge des neoliberal
beschleunigten kapitalistischen Fortschritts.
W
er sich dem widersetzen will,
dem steht, infolge des Übergangs des Zeitgeists in das
gegnerische Lager, das den
Unterschied zwischen solidarischem und Finanzinternationalismus vergessen hat, oft keine andere Sprache zur Verfügung
als die der Nation und ihrer guten alten Zeiten.
Gebrandmarkt als »Populisten«, die der neuen
»Komplexität der Welt« intellektuell nicht gewachsen sind, und semantisch ausgebürgert als
»Anti-Europäer« verstecken sie sich in ihren gallischen beziehungsweise walisischen Dörfern –
bis eine Wahl oder ein Referendum sie hervorholt, gerne auch ermutigt, in Ermangelung anderer Ermutigungen, von Demagogen oft finsterer Art, und anschließend wortgewaltig als
gefährliche Hinterwäldler verurteilt von den
Schulzs und Junckers, oder gar als »Pack« von
ihren vormaligen Repräsentanten, den Gabriels.
Beim Brexit waren sie trotzdem erstmals in
einem Land der Europäischen Union mehrheitsfähig, und das könnten sie bald auch woanders
sein, und nicht nur einmal. Irgendwann werden
dann auch die Vorletzten erkennen, dass die Europäische Union als Zukunftsmodell schon lange
Vergangenheit ist (die Letzten, die Betreiber der
Brüsseler und Frankfurter Zentralisierungsmaschine, werden es nicht erkennen; das wird
dann aber auch nicht mehr nötig sein). Großstaaterei erscheint heute als ein unmodern gewordenes
Modernisierungsprojekt, seit sie sich als unfähig
erwiesen hat, den Prozess der Weltöffnung so zu
moderieren, dass er den unterschiedlichen lokalen
Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnissen auf
einem so diversen Kontinent wie Europa gerecht
wird. Das Ende der »sozialen Dimension« der EU
in den 1990er Jahren war auch das Ende der EU
als Schutzinstanz ihrer Bevölkerungen gegenüber
neoliberaler Umstrukturierung und Umerziehung. Inzwischen ist die EU als prospektiver
Groß- und Superstaat den neokapitalistischen
Fortschrittsbeschleunigern und der deutschen
Exportindustrie in die Hände gefallen – mithilfe
von nationalen Eliten, denen es egal ist, ob aus
Disraelis one nation wieder two nations werden,
solange dabei ihr Spielfeld entsprechend ihren
Ambitionen größer wird. Vor allem im Mittelmeerraum wirkt die EU, in Gestalt der Währungsunion, als Entmündigungs- und Rationalisierungsmaschine, als Instrument marktwirtschaftlich-ordoliberaler Gleichmacherei, oder versucht
es, zurzeit immerhin mit abnehmendem Erfolg.
Größe und Vielfalt, und ihr Verhältnis zueinander, sind in Zeiten der Globalisierung die
wichtigsten Variablen jeder politischen Architektur, gerade in Europa. Den Schotten – vielleicht Vorreiter einen neuen Modernität, wie sie
es schon einmal waren, zu Zeiten der schottischen Moralphilosophen? – war Großbritannien
schon lange vor der Brexit-Abstimmung zu
groß, weil es ihnen die Freiheit verweigerte, sich
auf eigene Rechnung in der globalen Welt einzurichten oder auch nicht. Deshalb sollten diejenigen, die die EU lassen wollen, wie sie ist, sich
angesichts schottischer Beitrittsabsichten keine
Illusionen machen: Kleine Länder, die gerade
einem großen Land ihre Autonomie abgerungen
haben – siehe die baltischen Staaten! – wollen sie
nicht sofort wieder an der Garderobe eines noch
größeren Landes abgeben. Auch Wales, Katalonien, Korsika, das Baskenland werden, wenn sie
einmal unabhängig werden sollten, der EU vor
allem zur Ausübung und zum Schutz ihrer Autonomie beitreten wollen.
Nachdem die EU als Großstaat im Wartestand gescheitert ist, weil sie das Interesse der
kleinen Leute an politischer Kontrolle des kapitalistischen Fortschritts nicht einlösen konnte,
gehört die Zukunft möglicherweise kleinen,
wendigen, zu selbstverantwortlichem Handeln
und frei ausgehandelter Kooperation fähigen,
nischensuchenden und -füllenden politischen
Einheiten. Einen Vorgeschmack könnten die
kleinen europäischen Nationalstaaten von heute
geben, ob in der EU oder nicht, Dänemark,
Schweden, Norwegen, die Schweiz und die
Niederlande, Länder, in denen kollektive Güter, kollektive Identitäten und kollektiv gebildeter Wille konkreter, greifbarer und erstreitbarer sind als in einem europäischen Superstaat. Vielleicht war der – von Berlin sofort
ausgebremste – Versuch des damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Rüttgers, mit seinem Bundesland dem BeneluxVertrag beizutreten, doch nicht so absurd, wie
viele damals geglaubt haben?
Gibt es einen realistischen Weg zu einem
Europa der variablen Geometrie, der selbstbestimmten und flexibel anpassbaren Kooperation
zwischen kleinen staatlichen Einheiten, ohne
Schulz und Juncker als Paten? Die mit London
jetzt auszuhandelnden Ablösungsverträge könn-
ten zur Konstruktion einer »EU light« genutzt
werden, einer zweiten, atmenden EU unterhalb
der Vollmitgliedschaft im Brüsseler ever closer
union-Apparat, als Plattform gleichberechtigter
lateraler Zusammenarbeit über zwischenstaatliche
Verträge und Konventionen, nach einem zur
Abwechslung einmal ernst genommenen, der
Verwässerung durch die Brüsseler Funktionäre
entzogenen Subsidiaritätsprinzip, »autonomieschonend und gemeinschaftsverträglich« (Fritz
Scharpf) zugleich: ohne Europäisches Parlament,
das keines ist, ohne Europäischen Gerichtshof als
freischöpfender und unkorrigierbarer Verfassungsgesetzgeber, ohne undurchsichtige Gipfelbeschlüsse, ohne öffentliche und geheime Politikauflagen
der Europäischen Zentralbank.
E
in solcher Rahmen könnte auch für
viele derzeitige Vollmitglieder attraktiv sein und sollte deshalb als
Auffanglager einer geordneten Auswanderung aus der alten, gescheiterten EU allen offenstehen, nicht nur den
Briten. »Brüssel« fürchtet das wie der Teufel das
Weihwasser – weshalb seine Repräsentanten
folgerichtig darauf drängen, den britischen
Austritt so schnell wie möglich abzuwickeln,
damit zum Nachdenken über eine zweite, zeitgemäße europäische Integration, am besten einschließlich eines flexibel erneuerten Währungssystems, keine Zeit bleibt.
Wird die EU, wird die deutsche Führungsmacht die in der britischen Entscheidung liegenden Chancen für eine Umgründung Europas
erkennen und nutzen? Die Brüsseler Funktionäre
und ihre Anhänger in den Nationalstaaten, nicht
zuletzt in der integrationskonformistischen deutschen Öffentlichkeit, wollen ein Exempel statuieren: London abstrafen, wo immer es geht, und
damit den Dänen, Niederländern, Ungarn und
so weiter zeigen, was eine Harke ist, sodass sie gar
nicht erst auf dumme Gedanken kommen. So soll
verhindert werden, dass der britische Austritt die
unterdrückte Debatte über die finalité der europäischen Integration – darüber, was eigentlich an
deren Ende stehen soll – endlich doch noch zum
Ausbruch kommen lässt. Ein Superstaat für alle,
ein einheitliches politisch-ökonomisches Regime
von Hammerfest bis Agrigent, in dem nach Bekunden stolzer Integrationseuropäer schon jetzt
achtzig Prozent der geltenden Gesetze in Brüssel
gemacht werden und die Nationalstaaten mit der
marktkonformen Pflege ihres kulturellen Erbes
zufrieden sein müssen? Wenn diese überfällige
Frage nicht so beantwortet wird, wie die neuen
Verhältnisse es verlangen, und das ist zu befürchten, wird die Verrottung des zunehmend desintegrierten Europas weitergehen. Die Neubauten
sind ins Rutschen geraten, und wenn nicht bald
mit ihrer kontrollierten Sprengung begonnen
wird, werden sie Europa erschlagen.
Wolfgang Streeck ist Soziologe und
Direktor emeritus am Max-Planck-Institut
für Gesellschaftsforschung in Köln
FEUILLETON 41
D I E Z E I T No 2 8
Fotos (Ausschnitte): Sebastian Boettcher für DIE ZEIT (l.); Chris Ratcliffe/Bloomberg/Getty Images
30. J U N I 2 0 1 6
Der neue
Bonapartismus
Der Wunsch nach Plebisziten
muss nicht demokratisch sein
VON ADAM SOBOCZYNSKI
wirklich so schlimm?
Ja. Die Briten haben die Kontrolle über ihr
Land jetzt erst recht verloren
VON CHRISTOPH MÖLLERS
E
uroskeptiker aller Art sehen sich
durch den Brexit bestätigt. Ihre
Gründe dafür sind freilich nicht
nur vielfältig, sondern oft auch
widersprüchlich: Für linke wie
den griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras kommt in
der Abstimmung die Niederlage einer auf Austerität und Marktliberalismus getrimmten ungerechten sozialen Ordnung zum Ausdruck. Diese Deutung wirkt allerdings eher paternalistisch, bedenkt
man die regulierungsfeindlichen Argumente der
Brexit-Befürworter und den harten Sparkurs der
frisch wiedergewählten konservativen Mehrheit in
Großbritannien. Viele in der Linken möchten
trotzdem nicht glauben, dass es demokratische
Mehrheiten für eine Sparpolitik gibt, die soziale
Ungleichheit befördert. Sie behandeln die Wähler
lieber als besinnungslose Opfer falscher Politik.
Für rechte Nationalisten ist es schlüssiger, sich
über den Brexit zu freuen, aber deswegen auch
nicht notwendig stimmig. Denn zu den Ironien
des aufkommenden Rechtsnationalismus gehört,
dass er sich entgegen Herders Behauptung, die
Nation sei ein Individuum, so sorgfältig europäisch koordiniert. Alle Nationen sollen gleichermaßen gegen Europa sein. So frohlockte Nigel
Farage nach der Abstimmung, dass dies der Anfang vom Ende der Europäischen Union sei. Warum aber interessiert ihn deren Schicksal noch,
nachdem die Briten sie verlassen haben?
Die Äußerung zeigt, dass es den rechten EUGegnern im Kern um anderes geht als die EU,
nämlich um eine bestimmte Art autoritärer minderheitenfeindlicher Politik, die in ganz Europa
verwirklicht werden soll. Die Rechte ist in einem
dunklen Sinne zutiefst europäisch. Es gäbe sie
auch ohne die EU, die ihr nur Anlass zu politischer Destruktion gibt.
Soweit die Europäische Union von politisch
konträren Lagern kritisiert wird, ist dies gute und
schlechte Nachricht zugleich. Die gute lautet, dass
die EU sich hierin als die zentristische Organisation erweist, als die sie von ihren Anhängern gesehen wird. Sie bedient ein legitimes Bedürfnis
nach Kompromissen. Die schlechte Nachricht
lautet, dass die EU genau deshalb in ganz Europa
schnell so zwischen den Lagern zerrieben werden
könnte, wie es nun in Großbritannien passiert ist.
Denn das Ergebnis von letzter Woche ist weniger
den ohnehin europaskeptischen Konservativen
zuzurechnen als vielmehr einer lahmen LabourPartei unter dem vom linken Flügel geliebten
Daueroppositionellen Jeremy Corbyn.
Die europäische Linke wird sich recht bald
entscheiden müssen, ob sie die Europäische
Union als Agenten des Neoliberalismus verwirft
oder ob sie die europäische Regulierungsleistung
vom Umweltschutz bis zur Antidiskriminierung
ernst nimmt. Dies ist im Moment auch eine zentrale sozialwissenschaftliche Debatte, die traditionell von Linken dominiert wird und von der ungewöhnlich viel abhängen könnte. Denn wenn
sich die europäische Linke zu größeren Teilen gegen die EU entscheidet, dürfte dies zu deren mög-
lichem Ende beitragen, ohne dass für das eigene
politische Projekt viel gewonnen wäre.
Eine dritte Lesart europäischer Abstimmung
kam traditionell aus der EU-Technokratie, so noch
bei den Verfassungsreferenden in Frankreich und
den Niederlanden 2005: Es sei dabei, so hörte
man damals öfter, gar nicht um die EU, sondern
um die jeweilige innenpolitische Befindlichkeit gegangen. Man mag es als Fortschritt nehmen, dass
das heute niemand mehr auszusprechen wagt.
Allen drei Deutungen unterliegt freilich ein gemeinsamer Denkfehler: Sie unterstellen, dass, wenn
sich die Briten von der EU trennen wollen, darin
mehr zum Ausdruck kommen muss, als dass EU
und Großbritannien aus der legitimen Sicht der
Briten nicht zueinanderpassten. Etwa auch, dass
entweder die EU politisch gescheitert sei oder die
Briten ein falsches politisches Bewusstsein hätten.
In der Abstimmung über den Brexit zeigt sich
natürlich die dramatisch abnehmende Anziehungskraft der EU. Aber anders als auch viele
EU-Freunde annehmen, ist die Ablehnung der
Briten eben nicht nur Ausdruck ihrer starken politischen Identität. Die Engländer sind (darin am
ehesten den Ukrainern und den Türken vergleichbar) eine Nation an der europäischen Peripherie, die sich nicht darüber einig werden kann,
ob sie zu Europa gehört oder nicht. Sie sind, anders als die Schotten, regional unbehaust. Eine
Stärke ist das kaum, denn zu einer Kontinentalregion zu gehören wird mehr und mehr zur Bedingung der Möglichkeit außenpolitischer Selbstbestimmung, selbst wenn es Kosten für die innenpolitische Selbstbestimmung hat. Ohne regionales Dach wird man als Mittelmacht schnell
zum Gegenstand der Machtpolitik wirklicher
Großmächte. Oder wie es die Publizistin und
Althistorikerin Mary Beard, einen Slogan der
Brexiteers aufgreifend, so schön formulierte: »Es
geht nicht darum, Kontrolle zurückzugewinnen,
sondern darum, was Kontrolle in einer verfugten
Welt noch bedeutet.«
W
ie sehr diese Frage in der britischen Debatte verdrängt wurde,
wird offenbar werden, sollten die
Briten, wie Boris Johnson nunmehr leichthin behauptet, einen
Status anstreben, der dem Norwegens oder der
Schweiz vergleichbar ist. Beides sind Länder, die
wesentliche Teile der EU-Regulierung übernehmen, ohne darüber mitbestimmen zu können. Das
Projekt der Wiedergewinnung von Souveränität
wäre so auf den Kopf gestellt.
Das ändert nichts daran, dass das britische
Volk gesprochen hat und es vermessen wäre, die
Verbindlichkeit der Entscheidung infrage zu stellen. Doch muss man das, was man respektiert,
deswegen noch nicht für vorbildlich halten.
Schwerlich dient die Abstimmung als Modell für
demokratische Verfahren. Zu viele Dinge erscheinen anfechtbar. Neben dem bemerkenswerten
Gewicht nachweislich falscher Behauptungen ist
es auch der spätfeudale Stil, in dem alte Oberschichtenfreunde ihre persönlichen Konkurren-
zen in der nationalen Politik ausleben können.
Kann man das wirklich für funktionaler halten als
das deutsche Parteiensystem?
Vor allem aber irritiert an der Abstimmung der
Umstand, dass sich eine so weitreichende Entscheidung mit einfacher Mehrheit treffen ließ.
Einfache Mehrheitsentscheidungen beziehen ihre
Legitimität daraus, dass sie durch einfache Mehrheiten wieder geändert werden können. Dies ist
hier nicht möglich. Trotzdem erkennt man die
echten EU-Gegner nun daran, dass sie auf Eile
dringen, um das politische Momentum zu nutzen,
während eine Figur wie Boris Johnson, die keine
eigene politische Überzeugung gegen die EU antrieb, sich erst sortieren muss. Eine informierte
demokratische Entscheidung über den Wert der
EU könnte auch für Skeptiker erst möglich werden, wenn man beobachten könnte, was nun in
und mit Großbritannien geschieht. Unmittelbar
nach der Abstimmung scheinen die Briten jedenfalls deutlich weniger beneidenswert zu sein als
zuvor. Sie gar zur neuen Avantgarde souveräner
Demokratien zu stilisieren, die neben Kanada und
Australien steht, erscheint eher abwegig und lässt
sich durch das Studium von Atlanten und Geschichtsbüchern einfach widerlegen.
Bedeutet dies, so wird nun gefragt, dass die EU
so weitermachen kann wie bisher? Nun, auf eine
falsche Frage gibt es keine richtige Antwort. Die
EU hat sich in den letzten Jahren immens verändert. Sie hat nie so weitergemacht »wie bisher«.
Dabei wird niemand behaupten, sie habe die Krisen der letzten Jahre gut bewältigt. Die Bankenregulierung ist schwächer als in den USA, die
Schuldenkrise bleibt ungelöst, und für die Migration gibt es kein europäisches Regime. Aber diese
Fehler werden durch den Brexit eben auch nicht
zwingend größer. Vor allem bleibt es unbefriedigend, wenn sich Kritiker über das Scheitern der
EU einig werden, doch gerade nicht darüber, wie
eine EU aussehen sollte, die nicht scheitert. Solange die einen eine regulierte Bankenwelt, die
anderen den Schutz ihrer heimischen Geldinstitute, die einen den gesamteuropäischen Finanzausgleich, die anderen mitgliedstaatliche Budgetverantwortung, die einen ein humanitäres gesamteuropäisches Flüchtlingsregime, die anderen
keine Zuwanderung wollen – so lange ist es witzlos, von einem Problem »der EU« zu sprechen,
wo es nur darum geht, die eigenen sachpolitischen Präferenzen, egal ob mit oder ohne EU,
durchsetzen zu wollen.
Deswegen sollte man sich nicht täuschen lassen, wenn nun Politiker fordern, dass die EU sich
ändern müsse – und zwar am besten so, wie sie es
jeweils immer schon wollten. Gerade weil die EU
aus demokratischen Staaten besteht, wird es keine
Änderung geben, solange darüber kein Konsens
besteht. Dass dieser fehlt, liegt an den Mitgliedstaaten und ihren Wählerinnen und Wählern: an
den Briten, die ihren Finanzplatz vor der Bankenregulierung schützen wollen, oder an den Deutschen, denen ihre moralischen Überzeugungen in
der Migrationsfrage wichtiger waren als europäische Einigkeit. Die viel beklagten abgekoppelten
Eliten der EU haben dagegen entweder so massiv
an politischem Einfluss verloren, dass sie in den
Krisen nur noch als privilegierte Zuschauer fungieren, wie die Europäische Kommission, oder
sie verdanken ihre mächtige Rolle direkt den
Mitgliedstaaten selbst. So ist die Europäische
Zentralbank eben das Produkt eines schlechten
institutionellen Kompromisses zwischen Deutschland und Frankreich.
I
n der gleichen Logik konnten es die Briten
nach der Osterweiterung der EU gar nicht
erwarten, Arbeitnehmer aus den neuen
Mitgliedstaaten aufzunehmen. Auf erlaubte
Übergangsfristen verzichteten sie freiwillig.
Dass gerade dieser Migrationsschub – die Flüchtlinge des Jahres 2015 kamen so gut wie gar nicht
in Großbritannien an – in der letzten Woche das
Hauptmotiv für den Austritt lieferte, ist typisch
für die politische Willensschwäche auch vieler
anderer Mitgliedstaaten. Es gehört zur demokratischen Selbstbestimmung wie der tägliche Griff
zur Scotch-Flasche zur persönlichen Freiheit.
Dass die Mitgliedstaaten sich in so vielen wichtigen Fragen nicht einig werden können, ist nicht
Schuld der EU, es ist die EU. Darum sollte man
schließlich auch denen nicht glauben, die Wert
darauf legen, die EU abzulehnen, aber »Europa«
zu mögen. Die EU bleibt die unvollkommene
politische Form Europas. Dass man mit ihr nicht
zufrieden sein kann, ist eines. Etwas anderes ist
es, von der Frage des »wie« nahtlos zu der des
»ob« überzugehen. Was bringt es, Probleme unbedingt alleine lösen zu wollen, die man alleine
gar nicht lösen kann?
Christoph Möllers ist Professor für
Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie
an der Humboldt-Universität zu Berlin
Z
u den großen Missverständnissen, die
derzeit über den Brexit kursieren, gehört
die Behauptung, im Vereinigten Königreich habe sich mit der Volksbefragung etwas
ausgesucht Demokratisches abgespielt. Zwar
wird der Austritt mit Pathos beklagt, aber das
Verfahren selbst, das zu ihm führte, gilt als ehrwürdig, und man verweist mit großer Genugtuung darauf, dass sich jetzt Millionen für ein
neuerliches Brexit-Referendum starkmachen –
ebenso wie darauf, dass Schottland eine erneute
Volksbefragung zur Unabhängigkeit vorbereitet, um der EU erhalten zu bleiben. Es irritiert
nicht einmal, dass besonders vehement die sogenannten Populisten, die Autoritären und Verehrer Putins, der AfD oder des Front National,
Volksentscheide als das Allheilmittel gegen die
repräsentative Demokratie einfordern.
Es scheint eben ganz aus dem Bewusstsein
gerückt, dass der Wunsch nach Plebisziten keineswegs immer Ausdruck einer demokratischen
Gesinnung ist. Häufig genug verhielt es sich
genau umgekehrt: Volksbefragungen wurden
in der Weimarer Republik von radikalen Kräften gezielt gegen die Demokratie in Stellung
gebracht. Volksabstimmungen, woran niemand
gern erinnert, prägten auch das »Dritte Reich«.
Das Volk durfte sich, vor allem in außenpolitischen Fragen wie dem Austritt aus dem Völkerbund, durchaus eingebunden fühlen. Nach den
Kriterien unseres vulgären Demokratieverständnisses könnte man den NS-Staat als Musterstaat der Volksherrschaft ansehen. Die Gegner der Demokratie waren immer gegen den
Parlamentarismus, aber nie zwingend gegen
Plebiszite. Sie waren gegen Gewaltenteilung,
aber im Einklang mit der Mehrheit des Volkes
wollten sie sehr wohl regieren.
David Cameron hat eine Volksbefragung
initiiert, um seine Macht gegen die Euroskeptiker in seinen Reihen auszubauen. Man
könnte diesen Vorgang als misslungenen Versuch begreifen, mit bonapartistischen Mitteln
oppositionelle Kräfte auszuschalten. Mit der
im 19. Jahrhundert populären Strategie, über
den Machthaber oder die Außenpolitik beständig Referenden abzuhalten, wurde der
Grundstein zum Antiparlamentarismus noch
unserer Tage gelegt.
Wie wunderbar demokratisch waren doch
die Briten, als sie die europäischen Institutionen torpedieren durften! Wie frei, da sie die
Arbeit von notorisch unter Filzverdacht stehenden EU-Politikern beschädigen konnten (und
nebenbei das Europäische Parlament)! Man erfreut sich insgeheim am Schlag gegen Brüssel
wie einst am Niedergang Weimars. Hier die
Demokratie, dort die maroden und volksfernen
Institutionen mit ihren Verwaltungen.
Ganz offenbar muss umständlich daran erinnert werden, dass plebiszitäre Elemente immer demokratische Verfassungsorgane wie etwa
das Parlament konterkarieren, dass aber erst der
auf zahlreiche Kompromisse setzende Meinungsbildungsprozess durch miteinander konkurrierende Institutionen und erst die Gewaltenteilung dafür sorgen, dass Minderheitspositionen sorgsam gegen Mehrheitswünsche austariert werden.
Plebiszite hingegen sind per se kompromissfeindlich: Man ist für ein bestimmtes Anliegen oder eben dagegen. Für den Brexit oder
gegen den Brexit. Nicht die Populisten haben
diese Wahl gewonnen, das Verfahren selbst war
populistisch.
Die Erniedrigten sind die jüngeren, proeuropäischen Wähler, die mit einer repräsentativen
Demokratie in Zukunft weitaus besser geschützt
wären als mit Referenden, in denen die Übermacht der Alten unheilvoll triumphiert.
42 FEUILLETON
Nachruf
30. J U N I 2016
D I E Z E I T No 2 8
Der flüsternde
König
Foto: Regina Schmeken/SZ Photo/laif
Er hatte die Statur eines Herrschers, doch seine Figuren waren Männer
ohne Schutz und ohne Reich. Er selbst mag daran gezweifelt
haben, aber Götz George war ein großer Schauspieler VON PETER KÜMMEL
Götz George (23. Juli 1938 bis 19. Juni 2016)
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V
ielleicht ist dies schon der Moment, in dem sich die Karriere
Götz Georges entschied: 1972,
er begegnet Rainer Werner Fassbinder in einem Berliner Spielsalon. Die beiden hatten noch
nie zusammengearbeitet, aber
ein gemeinsames Projekt lag in der Luft. Fassbinder flippert. George stellt sich neben ihn und
spricht ihn auf das Drehbuch an, das Fassbinder
ihm geschickt hat. Daran müsse, sagt George,
noch einiges geändert werden. Fassbinder antwortet nicht; er spielt weiter, als wäre er taub und
blind wie Tommy, das geniale Flipper-Kind aus
Pete Townshends Rockoper. George wartet eine
Weile und sagt: »Wenn Sie mir nicht antworten,
drehen Sie Ihren Scheiß alleine.« Aus. George sah
Fassbinder nie wieder.
Die Szene ist nachzulesen in Torsten Körners
Götz-George-Biografie Mit dem Leben gespielt. War
damals schon klar, dass George unser größter Star
werden würde, weltberühmt, aber eben nur in
Deutschland? Raumbeherrschend, aber vor allem
auf dem TV-Schirm?
Der junge, das Prädikat »Weltgeltung« eher
ruppig streifende deutsche Film und George kamen
nicht zueinander, was vielleicht, doch davon später,
an Georges Familienhintergrund lag. Populär wurde er in deutschen Heimatfilmen (Wenn der weiße
Flieder wieder blüht) und im Karl-May-Kino (Der
Schatz im Silbersee) – und durchs Fernsehen. Wenn
er Theater spielte, dann, abseits der Regietheaterhöhlen, als Zugpferd von Tourneetheaterproduktionen. Dass er ein großer Schauspieler war, begriff
man spätestens, als man ihn als den Massenmörder
Haarmann in Romuald Karmakars Der Totmacher
(1995) sah. George erfand eine Figur, die recht behaglich im eigenen Überdruck lebte. Dieser Haarmann war das Inbild vitaler Verschlagenheit, vergnügt damit beschäftigt, noch im letzten Verhör
Verbündete für eine sonnige Zukunft zu finden; ein
Mann, darum bemüht, das eigne Triebleben zu verschleiern und gleichzeitig zu erklären.
George war ein sehr körperlicher, zugleich aber
ein skeptischer Spieler. Sein Leib war der eines
Königs, eines Löwen, aber seine Stimme sandte
andere Signale aus: Sie klang überhitzt und unfest,
als hielte sie nicht mehr lang, sie war auf grandiose
Weise falsch ausgesteuert. Der Text wurde in
einem Keuchen, Bellen beiseite gesprochen. Ja,
noch das Lauteste wurde diskret beiseite gebrüllt.
Schwerer Armdrücker- und Kohlenschaufler-Atem
war zu hören, wenn er flüsterte. Mühelos war
dieses Spiel nie.
Oft hatte man das Gefühl, Götz George sei ein
unter Druck stehendes Großventil. Viele Rollen
waren zu klein für ihn, jedes Hemd zu eng, eingekreist und umstellt wirkte er – in ernsten Rollen von
Tätern und Opfern, in komischen Rollen von liebenden Damen und Genre-Trotteln. Aber man
wusste ja, es würde eine nächste Rolle geben, und in
der würde er es schaffen, der Enge zu entkommen,
allerdings nur in eine übernächste Enge. Immerzu
lockerte er sich den Kragen. Man sehe ihn in Helmut Dietls Komödien Schtonk! und Rossini, schon
fängt man an, für ihn fremdzuschwitzen.
Das Bedrängte war ihm auch privat anzumerken.
Der Mann und seine Prominenz fielen klaffend auseinander. George war ein Star, der nur in der Rolle
sein Publikum ertrug. Er wollte gesehen werden, aber
er wollte nicht dabei sein, wenn es passierte. Er war
omnipräsent als Figur, aber unauffindbar als Mensch.
Er lieferte seinen Körper der Kamera aus, aber er
entzog ihr demonstrativ seinen »wahren« Charakter.
Dabei war sein Leben danach ausgerichtet, zu
beeindrucken, Aufmerksamkeit zu erregen, anwesend zu sein. Aber Auftritte ohne Rolle bereiteten
ihm Pein. Und als er auf dem Sofa von Wetten, dass..?
mit Thomas Gottschalk aneinandergeriet (ernsthafter Künstler gegen Hallodri) und vom Publikum
ausgebuht wurde, dachte er, seine Karriere sei vorbei.
Offenbar war für den Volksschauspieler George jede
öffentliche Szene eine Prüfung, bei der herauszukom-
men drohte, dass das Volk ihn außerhalb der Rolle
gar nicht mochte. So diente ihm die Rolle als Rüstung, die ihm das Volk vom Leib hielt. In ihrem
Schutz mischte er sich unter uns.
Sein Duisburger Tatort-Kommissar Horst Schimanski ist eine unsterbliche, in Herzensgüte
schwimmende Figur, ein heiliger Rohling, welcher
die deutsche Gesellschaft mit seiner Courage und
seinem Mitgefühl durchaus verändert haben dürfte.
Und doch ahnt man, der Erfolg Schimanskis könnte George auch wehgetan haben: Wird da nicht der
Falsche geliebt, ein Mann, den es gar nicht gibt und
der seinen Urheber doch überstrahlt?
Das war das Lebensthema Götz Georges, die
Quelle seiner Arbeitswut und der Kern seines Argwohns: Der Mann musste sich seiner Größe immer
neu versichern, weil er ihr im tiefsten Inneren selbst
nicht traute. Er musste immer wieder um Anerkennung kämpfen, weil er sie von dem nicht bekam,
von dem er sie am dringendsten gebraucht hätte:
vom Vater.
Götz George war der Sohn zweier berühmter
Bühnenkünstler, des Schauspielers und Intendanten
Heinrich George und der Schauspielerin Berta
Drews. Vom Vater hatte Götz George einiges geerbt:
die Statur, den Willen zur Größe, die Begabung.
Was der Vater seinem Sohn aber vor allem hinterließ, war die Gewissheit, niemals ein so großer
Schauspieler werden zu können wie der Alte.
Vor knapp drei Jahren, zu seinem eigenen 75.
Geburtstag am 23. Juli 2013, machte Götz George
seinem Vater ein großes, spätes Geschenk: Der Sohn
spielte den Vater. Man sieht, wie ein Sohn sich ein
Bild seines Vaters erschafft – indem er ihn darstellt,
für ihn einsteht, in seine Fußstapfen tritt. George
hieß der Film, er war Götz Georges Verbeugung vor
dem Mann, ohne den er seine Karriere weder hätte
machen können noch müssen.
George war eine Vater-Sohn-Geschichte mit nur
einem Protagonisten. Man könnte von einer Übermalung sprechen: Götz George ersetzte das alte Bild
vom Vater durch ein neues, mit dem er leben konnte. Er stand nicht nur für das Bild Modell, er malte
es auch selbst.
D
as Bild, das man bis dahin von Heinrich George hatte, war das eines urgewaltigen, breitschädligen, manischen
Schauspielers, der sich mit den Nazis
arrangierte, im Durchhaltefilm Kolberg eine entscheidende Rolle spielte, dem »Führer« huldigte,
im Sportpalast Goebbels bei der Ausrufung des
totalen Kriegs zuhörte und nach dem Ende des
Krieges in sowjetischer Lagergefangenschaft
52-jährig starb. Hingegen war das Bild, das Götz
George nun in Joachim Langs Film von ihm
zeichnete, voller Güte. George zeigte seinen Vater
als einen Mann, der Macht, Intrige und Terror
nur auf der Bühne darzustellen wusste, im realen
Leben aber nichts davon verstand: ein reiner Tor
der Schauspielkunst, ein Einfältiger aus Überzeugung. Gegen einen solchen Mann, so ist das zu
deuten, waren Faschismus und Lager machtlos:
Sie konnten ihn töten, aber nicht brechen.
Der alte George, vom jungen George im Spiel
gerettet: Heinrich George war in diesem Film kein
Mittäter, er war nur ein großer, glücklicher Verdränger, der spielen musste, weil er sonst, seinem
rasenden Bewegungs- und Geltungstrieb ausgeliefert, vor die Hunde gegangen wäre.
Götz Georges Darstellung des Vaters: ein Großkobold mit kehliger Stimme. Alles Schwere wurde
durch ein keckerndes Lachen gebrochen, verkleinert,
aufgelöst, sodass es erträglich war (es ist in diesem
Vater-Lachen ein ähnlich brüchiger, abwiegelnder
Ton, wie Götz George ihn im Totmacher hatte).
George war ein Kunstwerk des wehmütigen
Blicks. Es war der Blick, mit dem – auf der Handlungsebene – der Vater auf den eigenen Sohn und
mit dem – auf der Darstellungsebene – der
Heinrich-George-Darsteller Götz George auf sich
selbst hinab- und zurückblickt: auf das vom Vater
unerkannte Kind, das er einst gewesen war. Es ist
der liebende Blick des Vaters, den er sich selbst
schenkt, ja nachträgt. Und es ist der liebende Blick
des Sohnes, den er dem Vater zurückschickt. Man
sieht hier etwas sehr Seltenes: eine Liebesgeschichte
mit nur einem Hauptdarsteller.
Man spürt in George eine große Sehnsucht des
Götz George, die nur in der Kunst erfüllt werden
konnte: dass nämlich nichts ungesehen blieb. Dass
wenigstens eine entscheidende Großaufnahme die
Wahrheit über einen Mann zeigt, wenn es schon im
echten Leben keinen gibt, der genau hinsah.
Abseits des Films gab es zwischen Sohn und
Vater noch eine andere Wahrheit. Als der Sohn achtjährig die Nachricht vom Tod seines Vaters hörte,
war er, wie er seinem Biografen Torsten Körner
sagte, keineswegs nur traurig: »Ich war sogar erst
einmal erleichtert, als es hieß, er kommt nicht mehr
zurück, weil ich jetzt keine Schläge mehr fürchten
musste.« Von dieser Dimension der Beziehung ist
im Film George nichts zu spüren. Götz George
macht darin dem Vater das Geschenk eines posthumen Freispruchs.
Vielleicht erklärt der frühe Verlust des Vaters
auch, dass der Sohn so gern »unfeste« Charaktere
darstellte: staunende Kinder, die irgendwann im
massigen Körper des erwachsenen Mannes erwachen
und damit klarkommen müssen.
I
n der Tat wirkte der erwachsene Götz George
selbst dann, wenn er Väter spielte, eher so, als
suchte er im eigenen Kind den Kumpan.
Und zu seinen besten TV-Szenen gehören
die, in denen er es mit orientierungslosen jungen
»Überflüssigen« zu tun hatte, mit heimatloser
Jugend. Heimatlose Jugend – das war sein Fall.
George war auf dauernde Höchstleistung geeicht,
weil er den Habitus des Sohnes aus »großer Familie« nie annehmen konnte. Künstlerruhm lässt
sich schwer vererben, er wirkt auf den Abkömmling eher als Fluch, und so kämpfte der Sohn darum, den übermächtigen Vater auf dessen eigenem Feld, der unüberwindbaren Körperlichkeit,
zu schlagen. Er schaffte es tatsächlich, den Alten
in dieser Hinsicht zu übertreffen: indem er seinen
eigenen Körper fast selbstzerstörerisch beherrschte. Er ließ sich nicht doubeln, er schluckte, wenn
nötig, zwölf rohe Eier, wenn in einer Tatort-Szene
Schimanski seinen Kater bekämpfte, er nahm
stets den großen Kino-Anlauf, selbst wenn nur
eine Sperrholztür aufzubrechen war. Man weiß,
wie wohl sich George in der Nähe der Stuntmen
fühlte, jener ewig jungen Burschen, die sich Freiheit ohne Text, durch Action bewahren. Und so
wurde Götz George in gewisser Weise zum Stuntman seiner selbst. Während im wahren Leben einem Mann Autorität eher durch das Amt oder
durch delegierende Grausamkeit zuwächst, suchte
George die Autorität des Augenblicks. Es war die
Gefahr, das nicht mehr Gespielte, was ihn trieb.
Diese Abgrundsneugier führte ihn zu seinen
größten Rollen, dem Totmacher, dem Lagerkommandanten Rudolf Höß in Aus einem deutschen
Leben, dem Aufsteiger aus Das Schwein – eine
deutsche Karriere, ja, die Neugier blitzt dem Betrachter entgegen in jeder Großaufnahme von Georges
Gesicht. Wozu, so heißt die Frage zu diesem Gesichtsausdruck, wäre ich in der Lage, wenn ich ein
anderer wäre? Oder vielleicht lautet sie auch: Wozu
werde ich in einer Stunde in der Lage sein, wenn die
Not es gebietet, dass ich ein anderer werde?
Dichten heißt, Gerichtstag zu halten über sich
selbst, das hat Henrik Ibsen geschrieben. Götz
George stellte sich in den Dienst dieses Satzes,
aber offenbar fand er, der berühmte Darsteller
flüchtender Männer, in seiner Arbeit einen Weg,
immer wieder Revision zu erwirken. In den letzten Jahren seines Lebens brauchte er bei diesen
Prozessen kein Publikum mehr, er zog sich zurück, und am Ende vermied er jedes Aufsehen. Er
starb am 19. Juni in Hamburg, kurz vor seinem
78. Geburtstag.
www.zeit.de/audio
E
s ist noch nicht lange her, da galten Tiere als lebende
Automaten; ähnlich wie man Kinder noch bis ins
18. Jahrhundert hinein als sprechende Automaten
betrachtete. Auf den Münzeinwurf folgte die entsprechende Warenausgabe – auf Futter die Zutraulichkeit, auf Schläge die Furcht. Man sah die
Tiere einem strikten Reiz-Reaktions-Schema unterworfen, das durch ererbte Instinkte vorgegeben
war. Selbst Lern- und Kommunikationsverhalten
hielt man nur in den engen Grenzen des genetischen Codes für möglich, und dieser Code galt
als eine Art unveränderliche Software, mit der
das Gerät beziehungsweise Tier schon im Auslieferungszustand beziehungsweise bei der Geburt
ausgestattet sei.
Insofern erübrigte sich für den naturwissenschaftlich aufgeklärten Menschen alle Einfühlung
– alle Fragen nach Gefühlen, Empfindungen und
Schmerzen der Tiere. Diese Fragen galten als
Kitsch. Niemand, ein paar romantische Spinner
ausgenommen, wäre auf die Idee gekommen, von
einem Seelenleben der Tiere zu sprechen, wie es
jetzt Peter Wohlleben in seinem gleichnamigen
Bestseller ganz selbstverständlich tut. Was hat sich
da verändert? Wie kommt es zu dem Massenerfolg eines Buches, das allen Nüchternheits- und
Wissenschaftlichkeitsgeboten der Moderne widerspricht?
Der Erfolg und übrigens auch das Wagnis des
Autors sind bei Weitem erstaunlicher als bei dem
Vorgängerbuch, ebenfalls einem Bestseller, das
von dem Geheimen Leben der Bäume erzählte.
Auch dort rückte Peter Wohlleben Naturwesen in
die Reichweite menschlicher Einfühlung, aber das
war wenig mehr als ein rhetorischer Trick. Die
wissenschaftlich gut gesicherten Erkenntnisse
über das Kommunizieren von Bäumen untereinander, über Botenstoffe und Selbstorganisation
im Pflanzenkollektiv wurden von ihm nur so erzählt, als handele es sich um Subjekte, die ein
Bewusstsein ihres Tuns und Seins haben. Die Vermenschlichung – das, was man abfällig Anthropomorphismus nennt – war lediglich ein Sprachgestus. Die Analogien zum Menschen, der ja auch
Botschaften austauscht und sich im Kollektiv organisiert, blieben genau dies: bloße Analogien,
zum besseren pädagogischen Verständnis. Und
natürlich sollte auch Respekt geweckt werden für
die Pflanzen, die mehr sind als ein bloßer Rohstoff, viel mehr sogar.
Von einem Seelenleben der Tiere zu sprechen,
und sei es nur fragend, geht aber weit darüber hinaus. Das ist kein sprachlicher Anthropomorphismus mehr, sondern eine Hypothese mit Anspruch auf Plausibilität, und zwar schon deswegen, weil sich der Mensch mit dem Tier in einer
gemeinsamen Evolutionskette befindet – auch er
ist ein Tier. Das aber heißt, dass Verhaltensähnlichkeiten keineswegs Analogien sein müssen, es
können auch Verhaltensverwandtschaften sein.
Ein Tier, das trauert, muss nicht nur für das
menschliche Auge zu trauern scheinen – es könnte
tatsächlich trauern. Die Einfühlung, die der
Naturwissenschaftspositivismus jahrzehntelang für
Kitsch, zumindest für trügerisch gehalten hat,
könnte durchaus zu Recht versucht werden. Und
mehr noch: Sogar die Einfühlung in die Einfühlung des Tieres wäre begründbar – also auch
der früher gerne belächelte Satz »Mein Hund
spürt, dass ich traurig bin«.
Peter Wohlleben ist kein naiver Schwärmer. Er
ist studierter Forstwirt, mit drei Jahrzehnten Praxis und entsprechend praktischer Nüchternheit.
Er weiß, dass er sich auf ungesichertes Terrain begibt, wenn er den Abstand zwischen Tier und
Mensch – den Abgrund funktionalen Missverstehens – solchermaßen verkleinert. Ein typisches
Peter Wohlleben:
Das Seelenleben
der Tiere.
Ludwig Verlag,
München 2016;
240 S., 19,99 €
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FEUILLETON 43
LITERATUR
Missverständnis ist beispielsweise, einem Tier
emotionale Zuwendung zu unterstellen, das in
Wahrheit nur gefüttert werden will. Aber selbst in
diesem Falle ist nicht das Tier der Automat, sondern der Mensch ist in der tierischen Perspektive
ein Automat. Und nicht alle Verhaltensweisen
lassen sich auf diese Art von Berechnung reduzieren. Wohlleben hat viele Beispiele dafür, wie sich
die naive Intuition (die als naiv denunzierte Intuition) durch genaue Beobachtung bestätigt – so
lassen sich tatsächlich persönliche Freundschaften
zwischen Tieren nachweisen. Er hat aber auch ein
gutes theoretisches Argument: Der Abstand verkleinert sich von selbst, wenn man ihn nicht als
Abstand von Mensch zu Tier, sondern als Abstand
von Tier zu Tier sieht, erst recht von Säugetier zu
Säugetier. Er verkleinert sich noch einmal, wenn es
sich im Falle der Haustiere um eine jahrtausendelange Züchtung zur Menschennähe handelt.
Die klassische Verhaltensforschung hat gerade
deshalb immer einen Bogen um die Haustiere
gemacht: weil in ihnen der Mensch als Züchter
immer schon enthalten ist und daher nicht als objektiver Beobachter auftreten kann. Peter Wohlleben geht sogar einen charakteristischen Schritt
darüber hinaus. Nicht nur das Haustier ist an den
Menschen herangezüchtet worden, der Mensch
selbst hat nach Jahrtausenden ein kulturell vermitteltes, vielleicht sogar inzwischen genetisch
ererbtes Vorwissen über diese Tiere.
Das leicht und flüssig, gleichzeitig unterhaltsam und vorsichtig geschriebene Buch täuscht ein
wenig über die wissenschaftliche und theoretische
Beschlagenheit des Autors. Man könnte es leicht
unterschätzen, wenn nicht die paar Fußnoten, die
er hier und da macht, profunde Kenntnis der einschlägigen Forschungen verrieten. Noch weniger
sollte man allerdings, trotz des sanften Tons, seine
polemische Energie unterschätzen. Wohlleben
liebt es, alle erstaunlichen Beobachtungen über
die Fähigkeiten, die Intelligenz und Kommunikationsbegabung von Wildtieren stets mit ein und
derselben Pointe zu versehen: dass sich diese Fähigkeiten auch bei Schweinen finden lassen.
Kolkraben erkennen ihr Spiegelbild? Das tun
Schweine auch. Rabenvögel lernen einen persönlichen Namen? Schweine auch.
Hier liegt nämlich das moralische Dilemma –
und der wahrscheinliche Grund dafür, warum die
Moderne so heftig daran interessiert war, Tieren
ein Innenleben abzusprechen. Es war die Voraussetzung dafür, sie der industriellen Massenproduktion und deren Grausamkeiten auszuliefern.
Automaten konnte man auch der Automatisierung unterwerfen. Und ebenso wahrscheinlich
ist, dass die Exzesse dieser Industrialisierung nun
den Blick auf den grundlegenden Fehler lenken,
der sie erst hat entstehen lassen. Dieser Fehler war,
das Tier als das ganz Andere zu denken.
Das ist es aber nicht. Peter Wohllebens Buch
enthält die indirekte, darum nicht weniger energische Aufforderung an den Menschen, aus seiner
herrischen Überlegenheitsposition herauszutreten
und sich wieder in die Schöpfung einzusortieren
– als Mitgeschöpf unter Geschöpfen. Die Fähigkeit dazu hat der Mensch, es bedarf gar keines
moralischen Appells, sie aufzurufen. Sie besteht in
der instinktiven Empathie, die jeder spürt, der
sich dem Pulsschlag unter einem Fell, dem Zutraulichkeitswiehern eines Pferdes oder auch nur
dem Blickkontakt mit einem Schwein aussetzt,
den immer wachen, aufmerksamen, forschenden,
schön bewimperten Schweinsäuglein. Das Tier ist
eine Person, nicht weniger als der Mensch. »Verkauft man nicht fünf Sperlinge für zwei Groschen? Dennoch ist vor Gott nicht einer von ihnen vergessen.« (Lukas 12,4)
In der
Gegenwart
Carolin Emcke wird mit dem
Friedenspreis ausgezeichnet
Person
Schwein
Peter Wohlleben
hat ein Buch über
»Das Seelenleben der
Tiere« geschrieben.
Kein Kitsch, sondern
das Ergebnis seriöser
Forschung und
langer Beobachtung
VON JENS JESSEN
Ferkel sind
schnell – und
schlau wie kaum
ein anderes
Jungtier
Foto: [M] F1online
D I E Z E I T No 2 8
SACHBUCH
30. J U N I 2 0 1 6
Als eine Mutter der Reporterin Carolin Emcke
in den Straßen von Bukarest ihr Kind entgegenstreckt, zum Verkauf für zehn Dollar, da
schüttelt Emcke wortlos den Kopf, darum
bemüht, dass der käufliche Junge dies nicht als
Geringschätzung seiner Person auffassen
möge. Aber später wird die Reporterin über
die erbärmliche Wirklichkeit von Bukarest
eine Geschichte schreiben, in der sie das moralische Dilemma zur Sprache bringt, unmöglich
ein Kind kaufen zu können und dabei doch
zu wissen, dass diesem Kind in der Kanalisation oder in den Bordellen von Bukarest weitaus Schlimmeres widerfahren wird, als von
einer Berliner Journalistin gekauft zu werden.
Carolin Emcke hat aus der Erfahrung und
Artikulation dieses Dilemmas einen ihrer einprägsamsten Texte gemacht. Ausgehend von
der offenen Wette, dass Worte nicht gleichgültig sind.
Nun wird Carolin Emcke für diese Wette
ihres Werks mit dem diesjährigen Friedenspreis
des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Die
Publizistin, die von 2007 bis 2014 auch Autorin der ZEIT war und heute eine wöchentliche
Kolumne in der Süddeutschen Zeitung schreibt,
steht durch die Entscheidung der Jury in einer
Reihe mit den Preisträgern der Vorjahre, dem
Chinesen Liao Yiwu, der Weißrussin Swetlana
Alexijewitsch und dem deutsch-iranischen
Schriftsteller Navid Kermani: politischen Intellektuellen, die ihre Sprachkraft einsetzen, um
den Verstummten, den Unterdrückten eine
Stimme zu geben und dem Ungehörten, dem
Unsagbaren einen Ausdruck. Es mag manchen
leichtfallen, darüber zu spotten, dass mit diesem Friedenspreis die pure Moral geehrt werde,
überhaupt alles Gute und Wahre, ganz prinzipiell. Aber dieser Spott geht ins Leere. Denn
Carolin Emcke hat sich ihren Recherchen, ob
im Irak, im Kosovo, in Gaza, unter Lebensgefahr ausgesetzt, und was sie in ihren Geschichten aus den verwüsteten Regionen zurückträgt, ist nicht anklagende Eindeutigkeit,
sondern Skepsis, Ungewissheit, Mehrdeutigkeit, Ambivalenz.
Wenn die Jury ihre Entscheidung nun damit begründet, Emckes Werk beweise »analytische Empathie«, dann würdigt sie die Erkenntnismethode, sich für Schrecknisse zu
öffnen, ohne Begriffe, Argumente, Normen
und ihre Dilemmata preiszugeben. In Carolin
Emcke wird auch eine Philosophin geehrt, die
wie Hannah Arendt der Auffassung ist, stumm
sei nur die Gewalt; und die wie ihr akademischer Lehrer Jürgen Habermas denkt, dass
Sprache den Menschen aus seiner Wehrlosigkeit politisch befreit. Emckes Texte halten die
Frage lebendig, ob es gleichgültig ist, wenn
Menschen übertönt werden und verstummen,
während andere beredt ihre Macht ausüben.
In Demokratien kann es niemandem gleichgültig sein: Wer von einer Entscheidung betroffen ist, soll an ihr auch beteiligt sein und
gehört werden, anders als durch Gespräch entsteht Gerechtigkeit nicht. Sonst gedeiht Hass.
Gegen den Hass heißt Carolin Emckes Buch,
das im Herbst erscheint. Pünktlich zur Preisverleihung.
E LI SABETH VON THADDE N
44 FEUILLETON
30. J U N I 2016
LITERATUR
DAS GEDICHT
(für Edith S.)
FRIEDERIKE MAYRÖCKER
»rosa Pelargonien am Balkon vom
D I E Z E I T No 2 8
Den Wind betrachten
VOM STAPEL
Eine hingetupfte Entdeckung: Der italienische Autor Antonio Tabucchi war auch ein begnadeter
Reiseschriftsteller. Seine Notizen von unterwegs staunen über das Unscheinbare VON PETER HAMM
Lesen wir nach, worauf
Frauen zählen können!
Ganz reizend
Türrahmen abgeschnitten ich meine das
Morgenwind gebläht gelber Sonnenschirm
und hingewürfelt des Städtchen’s
Wohnungen Schneise im Berg ........ deine
Haare = dein Seidenkleid ach Freudenküste
v.Kreta die nickenden Malven, 1 Rückenakt,
im Morgengrauen eine Schwalbe flog über
F
PROSA
Winken der Blüten beinahe schalkhaft im
dein Bett usw.«
Bad Ischl, 3.8.14
Friederike Mayröcker: fleurs.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016; 150 S., 22,95 €
WIR RATEN ZU
Tadellos sitzt der Anzug, wenn geschlagene
Politiker auftreten. Es gilt für Matteo Renzi,
François Hollande oder David Cameron: In
edlem Dunkelblau leuchtet die Niederlage. Das
mutet sogleich tröstlich an, denn dieses Blau
betäubt alle Wehklage-Impulse: Die Mäntel der
Geschichte wehen mal hierhin, mal dorthin –
aber die Anzüge bleiben. Kontinuität in der
Krise: Kleidung kann das vermitteln. Ein Auftritt im T-Shirt hingegen hätte verheerende
Folgen für die politische Spitzenklasse, so wie
umgekehrt der Aktienkurs von Apple einbrechen würde, sobald der CEO im Dreiteiler
vor den Aktionären aufträte.
Der Siegeszug des Anzugs begann im bürgerlichen England des 17. und 18. Jahrhunderts, als die neue Klasse der Händler und
Unternehmer sich auch optisch vom Rüschenund-Spitzen-Prunk des Adels abgrenzte – die
Uniform der Bourgeoisie entstand wie das
T-Shirt aus einem Freiheitsbedürfnis heraus.
Das erfahren wir aus Anja Meyerroses Buch
Herren im Anzug, das den Triumph der bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert an
diesem Kleidungsstück illustriert. Modebewusste Franzosen hatten naturgemäß mit
der gesellschaftlichen Nivellierungstendenz,
die der massenhaften Verbreitung des Anzugs
innewohnte, ihre Probleme: Tocqueville staunte
1831, dass in Amerika alle ähnliche Kleidung
wie in New York trugen, während man in Paris
der französischen Provinz modisch Lichtjahre
voraus war. Das lag am Geschäftssinn der Amerikaner, die jene billiger in Manufakturen und
nicht mehr vom Schneider produzierten
Ready-to-wear-Anzüge erfunden hatten. Diese bahnbrechende Innovation wiederum verdankte sich einmal mehr dem Militär: Für den
Krieg gegen England 1812 hatten die Amerikaner erstmals Uniformen so produziert – diese
Effizienz ließ sich danach zivil profitabel machen. Die Autorin analysiert die Zusammenhänge von Stil und Ökonomie, aber eben auch
von Mentalität: Im Deutschen Kaiserreich
schaffte es der bürgerliche Anzug nie an die
Macht – die Uniform blieb ganz oben in der
gesellschaftlichen Hierarchie. Es war also eine
britische Erfindung, die diese deutsche Mode
glücklich verbannte. ALE X ANDE R CAMMANN
Anja Meyerrose: Herren im Anzug.
Eine transatlantische Geschichte von Klassengesellschaften im langen 19. Jahrhundert;
Böhlau Verlag, Köln 2016; 359 S., 40,– €
Antonio
Tabucchi:
Reisen und
andere Reisen.
A. d. Ital. v.
Karin
Fleischanderl;
Hanser Verlag,
München 2016;
256 S., 19,90 €,
als E-Book
15,99 €
wohl seine Reiseskizzen auch philosophische Schlenker nicht scheuen und er selbst
sie als »metaphorische Umsegelung meiner
selbst« charakterisiert, kommen sie stets
ganz leicht daher, wie hingetupft, und
wenn sie dem Leser außer Staunen –
»Staunen, die beste Eigenschaft des Reisenden« – noch etwas nahelegen, dann die
Entdeckung der Leichtigkeit. Und der
Langsamkeit.
Tabucchi lässt Ländern, Städten, Dingen
und Menschen ihr Geheimnis, er will sie
nicht bis ins Innerste ergründen. Nicht das
Auffällige, sondern das Unscheinbare und
das Verborgene zieht ihn an, das sich oft
eher an den Peripherien als in den Zentren
findet. In Pisa ist es also nicht der Schiefe
Turm, sondern ein verwitterter Palazzo, in
dem der Dichter Giacomo Leopardi ein
Jahr lang lebte und den »Kokon der Depression durchbrach«. In Paris ist es das kleine
Delacroix-Museum an der Place de Furstenberg oder der Axolotl im Jardin des Plantes,
»den Julio Cortázar so oft besuchte, bis er
glaubte, selbst ein Axolotl zu sein«. In Kairo
sucht Tabucchi das Lieblingscafé von Nagib
Mahfus, in Kyoto das Grab von Tanizaki,
dessen Schrift Lob des Schattens zum Geheimnis Japans führt. Orte wie Buenos Aires oder Dublin werden ihm, durch Borges
und Joyce, zu »metaphysischen Städten«.
Ins Baskenland aber reist er, »um den Wind
zu betrachten«.
Immer wieder bricht bei Tabucchi die
Lust am Kulinarischen durch. So empfiehlt er nach einem Besuch des Escorial
mit seinen Bilderschätzen von Tizian,
Veronese und Velázquez den Genuss der
köstlichen callos (Kutteln) in einem Lokal
der Umgebung. Manchmal setzt es auch
Seitenhiebe, etwa wenn er an Hannah
Arendts Grab in New York räsoniert: »Als
junges Mädchen verliebte sie sich leider in
Martin Heidegger, den Schwarzwaldphilosophen.« Ganz schlecht kommen bei ihm
jene Reisenden weg, die noch nie die Uffizien oder den Prado gesehen haben, aber
die Seychellen oder die Komoren kennen,
wobei diese Kenntnis nicht weit reichen
kann. »Bei der Rückkehr«, so Tabucchi,
»steht nichts in ihrem Gesicht. (...) Sie
sind lediglich von der Sonne gebräunt.
Das hätten sie auch erreicht, wenn sie auf
ihrer Terrasse geblieben wären.« (So spricht
der sonnenverwöhnte Italiener.)
Erwartungsgemäß sind die PortugalPassagen besonders con amore geschrieben,
was schon ihr Obertitel Oh Portugal!
durch sein Ausrufezeichen ankündigt. Tabucchi lädt uns da zu einem Besuch von
Pessoas Lieblingscafés ein oder führt uns
in die verborgene Rua de Saudade in Lissabons Altstadt Alfama, auch nimmt er
uns mit auf Ausflüge ins Alentejo oder ins
nördliche Minho. Apropos saudade: Jahrelang habe ich vergeblich nach einer deutschen Entsprechung dieses Begriffs gesucht, der wie kein anderer das portugiesische Lebensgefühl bezeichnet. Jetzt kann
ich feststellen, dass Tabucchi auch im Italienischen kein Äquivalent dafür fand.
Also übersetze ich saudade weiterhin mit
dem wunderbaren deutschen Wort Unglückseligkeit.
E
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Junge Leser: Katrin Hörnlein (verantwortlich), Judith Scholter
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Gunhild Lütge, Felix Rohrbeck, Marcus Rohwetter, Dr. Kolja
Schmidt- Häuer, Dr. Hans Schuh-Tschan, Jana Simon,
Rudzio, Claas Tatje, Christian Tenbrock
Dr. Theo Sommer, Jens Tönnesmann, Dr. Volker Ullrich
hatten. Hitler-Gegner und SS-Generäle,
nahezu alles wurde, so gut es ging, zusammengefügt – in der stillen Hoffnung, das
historische Verdienst und die Standhaftigkeit von 1933 würden ohnehin anerkannt.
Es kam anders.
Zwei Seelen, ach: Die Sozialdemokraten
wollten Repräsentanten eines »anderen
Deutschland« sein und überboten sich doch
an Empathie für die Mitläufer. Über Jahrzehnte wurde daraus ein atemberaubender
Slalomlauf, vor allem die Geschichte einer
gewaltigen Zurückhaltung gegenüber den
Mehrheitsdeutschen, auch den 19 Millionen ehemaligen Soldaten wie Helmut
Schmidt. Auf dem Weg über die große
Koalition mit Kurt Georg Kiesinger, dem
Mitläufer ausgerechnet, mündet diese Strategie zunächst im Machtwechsel 1969, also
immerhin in der Kanzlerschaft des Exilanten Willy Brandt und seinem Kniefall in
Warschau. Insbesondere Brandt gerät der
Autorin in all seinen Ambivalenzen, Verbiegungen, aber doch auch mit seiner Klarheit
in entscheidenden Momenten zur Verkörperung des sozialdemokratischen Wegs zwischen dem Lernen aus der Geschichte, dem
Lehren und dem Zuhören.
Gleichsam als ein »Buch im Buch« erzählt Kristina Meyer die Geschichte der
Verfolgten, die sich in einer Arbeitsge-
Berater der Art-Direktion: Mirko Borsche
Art-Direktion: Malin Schulz (verantwortlich),
Haika Hinze (Sonderprojekte), Jan Kny
Gestaltung: Klaus-D. Sieling (Koordination),
Julika Altmann, Mirko Bosse, Martin Burgdorff, Mechthild
Fortmann, Sina Giesecke, Katrin Guddat, Lydia Sperber,
Annett Osterwold, Jan-Peter Thiemann, Delia Wilms
Infografik: Gisela Breuer, Nora Coenenberg,
Anne Gerdes, Jelka Lerche, Matthias Schütte
Bildredaktion: Ellen Dietrich (verantwortlich), Nico Baldauf,
Melanie Böge, Florian Fritzsche, Navina Reus, Jutta Schein,
Vera Tammen, Peter Unterthurner, Edith Wagner
Dokumentation: Mirjam Zimmer (verantwortlich),
Davina Domanski, Dorothee Schöndorf, Dr. Kerstin Wilhelms
Korrektorat: Thomas Worthmann (verantwortlich),
Astrid Froese, Volker Hummel, Christoph Kirchner, Anke
Latza, Irina Mamula, Ursula Nestler, Antje Poeschmann,
Maren Preiß, Karen Schmidt, Matthias Sommer, Oliver Voß
Hauptstadtredaktion: Marc Brost/Tina Hildebrandt
(verantwortlich), Peter Dausend, Christoph Dieckmann
(Autor), Martin Klingst (Politischer Korrespondent),
Mariam Lau, Petra Pinzler, Dr. Thomas E. Schmidt (Kulturkorres pondent), Michael Thumann (Außenpolitischer
Korrespondent)
Reporterin: Elisabeth Niejahr
Wirtschaftspolitischer Korrespondent: Mark Schieritz
Dorotheenstraße 33, 10117 Berlin,
Tel.: 030/59 00 48-0, Fax: 030/59 00 00 40
Investigative Recherche/Recht & Unrecht: Stephan Lebert
(verantwortlich), Anne Kunze, Daniel Müller, Yassin Musharbash
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Hamburg-Redaktion: Moritz Müller-Wirth (kommissarisch
verantwortl.), Charlotte Parnack, Frank Drieschner,
Hanna Grabbe, Daniel Haas, Oliver Hollenstein,
Sebastian Kempkens, Kilian Trotier, Marc Widmann
Frankfurter Redaktion: Arne Storn,
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Europa-Redaktion: Matthias Krupa, Residence Palace,
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Pariser Redaktion: Blume News Group GmbH,
17, rue Bleue, 75009 Paris, Tel.: 0033-173 71 21 95,
E-Mail: [email protected]
Audrey Vernon:
Geld spielt keine Rolex.
Aus dem Französischen von
Susanne Reinker; Piper
Verlag, München 2016;
96 S., 8,99 €
meinschaft (AvS) organisieren und kläglich
in den Schatten gedrängt werden. Bis in
die Verästelungen hinein – die Verjährungsdebatten, Brandts Blumen für Albert
Speer, der ewige Streit um den 20. Juli –
wird hier das innere Drama der Republik
aufgezeichnet: Die Politik balanciert zwischen verblüffend frühen Normalisierungswünschen und der Anstrengung, sich
selbst und unsereins mit dem Unverstehbaren zu konfrontieren, mit Auschwitz.
Manchmal, man spürt es zwischen den
Zeilen, hätte Kristina Meyer den Sozialdemokraten in diesen 45 Jahren mehr Mut
gewünscht, man kann es verstehen. Fair,
auch gegenüber Helmut Kohl (und durchaus zutreffend über Ernst Nolte), differenziert, vielfach überraschend, frei von
Schablonen, locker und luzide, ist Kristina
Meyers Buch eine andere, auf ihre Weise
faszinierende Geschichte der Republik geworden. Die Absurdität, dass ausgerechnet
die Hitler-Gegner sich so lange rechtfertigen mussten, lässt sich nun historisieren.
Reverenz!
Kristina Meyer: Die SPD und die
NS-Vergangenheit 1945–1990. Beiträge zur
Geschichte des 20. Jahrhunderts; hrsg. von
Norbert Frei; Band 18; Wallstein, Göttingen
2015; 549 S., 42,– €, als E-Book 33,99 €
Hier lesen Sie im Wechsel die Kolumnen von
Alexander Cammann über Hörbücher, von
Tobias Gohlis über Kriminal- und von Ursula
März über Unterhaltungsliteratur sowie von
Franz Schuh über Taschenbücher
Der Historikerin Kristina Meyer ist mit ihrem Buch über die SPD eine andere Geschichte
der Bundesrepublik gelungen VON GUNTER HOFMANN
ndlich wird diese rote Linie, die quer durch
die Geschichte der Bundesrepublik verläuft,
genau inspiziert: die Sozialdemokraten und
ihr Verhältnis zur NS-Vergangenheit. Alles
kommt in der Studie der Historikerin Kristina Meyer vorbehaltlos unter die Lupe. Ihr
gelingt es, nachvollziehbar zu machen, wie
die Bundesrepublik über 45 Jahre hinweg
nach sich selbst suchte. Ob die Kollektivschuld-These, das Bild des Widerstands gegen Hitler als »Landesverrat«, Willy Brandts
Ostpolitik, die Kontroverse um Bitburg oder
der Historikerstreit – nichts war so konstitutiv für unsere Identität wie der Umgang mit
dem Zivilisationsbruch seit 1933.
Erst Kristina Meyers Konzentration auf
die inneren Anpassungen, die Widersprüche,
auf die pragmatischen und auch aufklärerischen Beiträge der Partei zum Lernprozess
erklärt, weshalb die SPD in der bundesdeutschen Geschichte der Jahre von 1945 bis
1990 eine Schlüsselrolle innehatte. In keiner
anderen westdeutschen Partei waren so viele
Gegner des Regimes so aktiv, die SPD war
damit »alles andere als repräsentativ für die
deutsche Nachkriegsgesellschaft«. Sie konnte
aber keine Partei der Remigranten und Verfolgten sein, wenn sie an der Macht im Staat
teilhaben und um Unterstützung auch jener
7,5 Millionen Wähler werben wollte, die
der NSDAP angehört oder sie mitgetragen
Was spricht eigentlich dagegen, dass eine Frau
ihre sogenannten weiblichen Reize einsetzt,
wenn sie etwas erreichen möchte? Rabatt beim
Autohändler, Einser-Examen, Pöstchen als
Vorstandssprecherin etc. Das Einsetzen weiblicher Reize als Mittel der Vorteilsbeschaffung
und der Karrierebeschleunigung gilt als unemanzipiert, eine Frau, die das Mittel anwendet, als unterbelichtet (wenn sie was im Kopf
hätte, müsste sie ja nicht mit dem Hintern
wackeln) und als unterwürfig (wenn sie Persönlichkeit besäße, müsste sie sich nicht auf
ihr erotisches Potenzial reduzieren).
Diese Logik hat allerdings einen puritanisch blinden Fleck. Nach dieser Logik werden weibliche Reize vom Rest der Frau gleichsam isoliert. Niemand stört sich daran, dass
eine Frau, die beim Chef um ihre Beförderung ringt, die komplette Schokoladenseite
ihrer Person präsentiert: Intelligenz, Berufserfahrung, Autorität, soziale Kompetenz,
rhetorisches Vermögen, gute Manieren. Wenn
nun aber die sogenannten weiblichen Reize
nicht zu den präsentationswürdigen Merkmalen der weiblichen Person zählen, wozu
zählen sie dann?
Wahrscheinlich sollte man die Frage heute sowieso anders stellen: Was spricht dagegen, dass Männer ihre männlichen Reize einsetzen, wenn sie etwas erreichen wollen? War
es nicht ein Vergnügen, wie Alexis Tsipras die
deutsche Bundeskanzlerin bezirzte, um ihr
ein paar Milliarden aus dem Rücken zu leiern?
Niemand nahm es dem knackigen Griechen
übel. Niemand hielt ihn wegen seiner bengelhaften Charmeoffensive für unemanzipiert
oder unterbelichtet. Er wurde bewundert.
Und warum? Weil männliche Reize offensichtlich als selbstverständlicher Bestandteil
der männlichen Persönlichkeit gelten. Tja, so
sieht es aus, das Kleingedruckte der Geschlechterungleichheit.
Einen noch schlechteren Ruf als das Einsetzen weiblicher Reize genießt lediglich die
weibliche Partnersuche mit scharfem Blick
auf den Kontostand potenzieller Kandidaten. Die blitzgescheite französische Komödiantin Audrey Vernon, nach eigener Aussage
überzeugte Marxistin, zerlegt das Tabu der
Geldheirat nach allen Regeln subversiver
Argumentation: Wenn Geld die wichtigste
Sache der Welt ist (was sich in Zeiten des
globalen Kapitalismus nicht bestreiten lässt),
dann gilt das ja wohl auch für die wichtigste
Entscheidung des Lebens, oder? Ihre Botschaft an Frauen: Vergesst den romantischen
Blödsinn! Studiert die Forbes-Liste! Vernons
Buch, das aus einem Bühnenprogramm hervorging, liest sich in drei vergnüglichen Stunden. Man erfährt viel über die Forbes-Liste
(weltweit gibt es 1826 Milliardäre, in
Deutschland immerhin 103) und empfindet
als Wohltat: Es gibt weibliche Marxisten mit
unverschämtem Humor.
U RSU L A MÄRZ
Verfolgt und voller Verständnis
POLITISCHES BUCH
Mächtig angezogen
ernando Pessoa sah im Reisen keinerlei
Sinn und ging selbst nie auf Reisen. Im
Buch der Unruhe ließ er sein Alter Ego, den
Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, erklären:
»Nur äußerste Schwäche der Einbildungskraft rechtfertigt, dass man den Ort wechseln muss, um zu fühlen. (...) Existieren ist
reisen genug.« Der 2012 gestorbene italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi galt
als bester Pessoa-Kenner außerhalb Portugals. Das Elementarerlebnis Pessoa hatte
ihn zu einem Wahlportugiesen gemacht,
der eine portugiesische Pessoa-Forscherin
heiratete, Lusitanistik lehrte und viele seiner Bücher in Portugal spielen ließ, so den
(vor allem durch die Verfilmung) berühmt
gewordenen, 1994 erschienenen Roman
Erklärt Pereira, eine wehmütig witzige Studie des Salazar-Faschismus. Von Pessoas
Reise-Skepsis ließ sich Tabucchi indes nicht
anstecken, unentwegt war er in der Welt
unterwegs, wobei seine Reisen ebenso in
weite Fernen führten (unter anderem nach
Mexiko, Indien, Australien, Brasilien oder
in die USA) wie in die nächste Nähe seines
Heimatortes Vecchiano bei Pisa. Gern geriet ihm auch die Lektüre eines Buches zur
Reise, wie umgekehrt jede seiner Reisen literarische Assoziationen weckte.
Als Reiseschriftsteller sah sich Tabucchi
freilich nicht: »Ich habe nie Reisen unternommen, um darüber zu schreiben, das
habe ich immer für dumm erachtet. Als
würde man sich verlieben wollen, um ein
Buch über die Liebe zu schreiben.« Der
Sinn der Reise war für ihn die Reise, »wie
der Sinn des Lebens das Leben ist«. Ob-
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ISSN: 0044-2070
Nachruf
D I E Z E I T No 2 8
FEUILLETON 45
Die Nussschale
So schön hässlich
Schluss mit Regie! In Berlin und in München schaffen zwei
Opern Raum für das mündige Publikum VON CHRISTINE LEMKE- MAT WEY
Der Niederösterreicher Manfred Deix malte das dumpf-glückliche
Kleinbürgertum in seiner nimmermüden, niederträchtigen Pracht VON GEORG SEESSLEN
W
äre die Oper ein klingendes Welttheater
und die luxuriöseste
aller Nussschalen für
die Sorgen der Gesellschaft, man könnte ein
kleines Gedankenspiel
wagen: So wie die Bürger Europas gerade nach
mehr Demokratie rufen, weil sie sich von ihren
Regierungen vernachlässigt, ja betrogen fühlen,
so möchte sich das Opernpublikum, das die
Musik liebt und mit der Regie in der Regel hadert, wieder mehr zu den Werken, den Partituren selbst in Beziehung setzen. Es will, in digitalen Welten geschult, sein eigener Regisseur
sein, sein eigener Dirigent, es will (natürlich im
übertragenen Sinn) selber singen, und das bedeutet: Die Zeit der überhöhten Lesarten und
handgreiflichen ästhetischen Erziehungsmaßnahmen, so lehrreich und vital sie war, ist unwiderruflich vorbei. Kein Regietheater mehr,
kein Hohelied der Werktreue. Und das ist nicht
die schlechteste der gegenwärtigen Nachrichten. Die Regisseure jedenfalls reagieren darauf.
Zu besichtigen ist diese Entwicklung nun an
zwei Werken, die passgenauer zur Weltlage
nicht hätten ausgewählt werden können: Die
Deutsche Oper Berlin bringt Mozarts Singspiel
Die Entführung aus dem Serail heraus (keine
leichte Aufgabe an einem solchen Riesenhaus),
und die Bayerische Staatsoper rehabilitiert zur
Eröffnung ihrer diesjährigen Opernfestspiele
Jacques Fromental Halévys La Juive – überfälligerweise, wie es heißt. Denn die Grand Opéra
eines jüdischen Komponisten über ein jüdisches
Thema verschwand auch in München mit dem
Jahr 1933 nachhaltig vom Spielplan.
Fast gruselt es einen, wie willig sich beide
Stücke auf unsere Gegenwart einlassen, auf jeden erdenklichen Ismus, und zwar ganz konkret, auf Nationalismus, Populismus und religiösen Fanatismus, auf das Eigene und das
Fremde und den Verlust von Identität, auf globalen Terror, sexuelle Ausbeutung und Gewalt.
Nicht wir lesen Mozart oder Halévy (den weithin unbekannten Lehrer Charles Gounods,
Camille Saint-Saëns’ und Georges Bizets). Sie
lesen uns. Und zwar mit Argusaugen und
-ohren, falls es Letztere in der Mythologie geben sollte. Gespenstisch.
Ist die gesellschaftliche Regression, fragt man
sich, so weit fortgeschritten, dass uns der Exotismus eines fiktiven »Mohrenlands« Mitte des
17. Jahrhunderts, in dem die Entführung spielt,
plötzlich wenig exotisch vorkommt – und die
archaischen Zustände anno 1414 im Umfeld des
Konstanzer Konzils, von denen die Jüdin handelt,
regelrecht vertraut scheinen? Bis vor Kurzem noch
konnte Halévy als Historienschinken-Compositeur abgetan werden und der frühe Mozart als
göttliches Spielkind. Glaubt man den aktuellen
Premieren in München und in Berlin, geht das
jetzt nicht mehr so leicht.
Oder haben wir es hier bloß mit der Binsenweisheit zu tun, dass große Kunst immer das
Ganze will, und mal lässt sich eben dieses aus
ihr herauslesen und mal jenes? »Gott ist in allem« projiziert der spanische Regisseur Calixto
Bieito in München auf die Metallmauer, die die
ansonsten kahle Bühne des Nationaltheaters
beherrscht, mehr pantheistisch-katholische Drohung als humanistisches Versprechen. »Kunst
und Musik sind in allem«, möchte man dagegenhalten, ist sich plötzlich aber nicht mehr sicher,
ob das so stimmt, ja ob es jemals richtig war.
Die beiden Aufführungen jedenfalls raten nicht
dazu, es sich in seinem rezeptionsästhetischen
Sessel hübsch bequem zu machen. Sie rufen
dazu auf, das Gesungene wenn schon nicht
seiner Bedeutung nach ernst zu nehmen, dann
doch wenigstens auf die eigene Person zu beziehen. Und zwar radikal.
Mozarts »Entführung aus dem Serail«
propagiert die Autorität des Edelmuts
Ein halbes Jahrhundert trennt die Entführung
aus dem Serail (1782) und La Juive (1835). Dazwischen liegen mindestens zwei Revolutionen
und die sich vor allem mit Mozart Bahn brechende Erkenntnis, dass die Oper mehr zu bieten hat als die formal geregelte Befriedigung
repräsentativer Gelüste – nämlich auch Psychologie, Subversivität und eine Sprache für das
Unsagbare. Beide Stücke arbeiten sich am Topos der herrscherlichen Milde ab und schließen
mit einem sogenannten Gnadenakt. In der
Entführung verzichtet der Muslim (und christliche Renegat) Bassa Selim just in dem Moment auf seine erotischen Ansprüche gegenüber der jungen Spanierin Konstanze, die er
gefangen hält, als diese zu fliehen versucht.
Seine Begründung: Es sei »ein weit größer Vergnügen, eine erlittene Ungerechtigkeit durch
Wohltaten zu vergelten, als Laster mit Laster zu
tilgen«. Autoritärer kann Edelmut kaum daherkommen. Besäßen Recep Erdoğan oder
Wladimir Putin nur ein Quäntchen davon,
man schliefe ruhiger in diesen Tagen.
In der Jüdin ist die Sache vertrackter, wer
dächte bei dieser kruden Fabel nicht an Verdis
Trovatore: Zweimal wird der jüdische Gold-
schmied Éléazar begnadigt und vom sicheren
Tod zurück ins Leben gestellt, zweimal hat er
dafür nur Hass und Hohn übrig. Zuletzt rächt
er sich an seinem Erzfeind, dem mächtigen
Kardinal Brogni, indem er diesem just dann
verrät, dass Rachel seine totgeglaubte Tochter
ist (und nicht etwa seine, Éléazars, eigene, woran auch das Publikum fast bis zum Schluss
glaubt), als diese für ihre Liebe zu einem verheirateten Christen bereits im Fegefeuer schmort.
Wäre sie nicht so hirnrissig kompliziert, Oper
könnte richtig Spaß machen.
Lohnt es sich eigentlich, einen Schmachtfetzen wie diesen zu exhumieren, was seit rund
15 Jahren immer mal wieder versucht wird, ohne
durchschlagenden Erfolg? Dramaturgisch gehen
Halévy und sein Librettist, der legendäre Eugène
Scribe, eher umständlich zu Werke, die Konflikte entspinnen sich in langen Fäden, gestorben
wird mit Ansage und über mehrere Akte hinweg.
Ausgerechnet im sich zuspitzenden zweiten Teil
weist das Ganze Längen auf, der beherzten
Münchner Strichfassung zum Trotz, die neben
sämtlichen Balletteinlagen vor allem die 79 (!)
Partiturseiten lange Ouvertüre tilgt.
In Halévys »La Juive« steht kathedralisches
Pathos neben Leierkasten-Schrummtata
Auch musikalisch vermag die Jüdin – entgegen
allen Lobhudeleien seitens Wagners, Liszts, Mahlers oder Pfitzners – nicht letztgültig zu überzeugen: Den Melodien fehlt der geniale Ohrwurmfunke eines Verdi oder Donizetti, der Drive
gründet sich hauptsächlich auf das ermüdliche
Leierkasten-Schrummtata im Graben, kathedralisches Orgel-Pathos steht staunend neben operettenhafter Behändigkeit, und so reiht sich Arie
an Duett an Arie an Ensemble an Arie. La Juive
ist zweifellos mehr historische Fundgrube und
Inspirationsquelle als selbst ein Werk für die Ewigkeit, was in der Musikgeschichte gar nicht so
selten vorkommt.
Nichts wäre nun leichter gewesen, als den
Glaubenskrieg à la Halévy/Scribe und Mozarts
Türkenzauber szenisch plattestmöglich zu aktualisieren. Vom IS-Terror bis Erdoğan, von
Putin über Trump und den dräuenden Exitus
der EU (Konstanzes Zofe Blonde ist Engländerin!) sind der »Fantasie« sicher keine Grenzen
gesetzt. Dass das gleich zweimal nicht passiert,
ist löblich, klug. Bei Halévy in München dominieren finstere Tableaus, und außer dass eingangs ein paar süße Kinderlein kurz zwangsgetauft, watergeboardet und sonst wie missbraucht werden und der Chor bisweilen in mystischen Zuckungen verharrt, passiert nicht viel.
Als habe sich Bieito, der Abonnenten-Schreck,
den Schneid abkaufen lassen, vom Opernfestspieleröffnungsbrimborium, vom Lärm der
Musik (die Bertrand de Billy am Pult des Bayerischen Staatsorchesters nicht recht zu zügeln
weiß), wovon auch immer. Während sich
Aleksandra Kurzaks Rachel zu großen, teils betörenden Momenten aufschwingt, singt Roberto
Alagna als Éléazar jedenfalls standhaft im
Dauermezzoforte. Sehr eindrücklich: VeraLotte Böcker, die Rachels Rivalin Eudoxie mit
sirenenhaften Koloraturen kurzerhand zur Blutsschwester Lucias di Lammermoor ernennt. Oper
as usual.
Ganz ähnlich verhält es sich an der Deutschen
Oper Berlin eine Woche zuvor. Zwar ist hier
deutlich mehr los, die Männer düsen in einem
Testosteron-Geschoss auf vier Rädern umher
(oben Manta, unten Bulldozer), Konstanze und
Blondchen werden per fliegender Untertasse entführt, Bassa Selim ist nicht nur weiblich, sondern
obendrein Lesbe und eine virtuose Crystal-MethKöchin, und die »Haremsmäuse« zeigen sich
kollektiv splitterfasernackt, wie einer PlayboyKampagne für die Durchschnittsfrau entsprungen. Von einem Skandal-Theatermacher wie dem
Argentinier Rodrigo García allerdings, Jahrgang
1964, der künstlerisch in Paris-Saint-Denis sozialisiert wurde und auf der Bühne lebende
Hummer zu exekutieren pflegt oder die blutenden Wunden Christi mit Geldscheinen versorgt,
hätte man mehr erwartet als derart halbherzige
Bebilderungen. Mehr als ein bisschen projiziertes
Gerammel im Zeitraffer, wo es doch hier und jetzt
um ganz andere Dinge gehen müsste als um die
Zurschaustellung des blanken Nichts.
Vielleicht ist aber genau das die Provokation
(die gedankliche Blässe der Münchner BieitoInszenierung würde diese These stützen): Uns
schaut hier das nach allen Regeln der Kunst
ausgelaugte und ausgesaugte, nackt gemachte,
bloßgestellte Werk an. Klassiker des Repertoires
wie Mozarts Entführung aus dem Serail oder
Randständiges wie Halévys La Juive mögen von
ihren Titeln her noch Hallräume erzeugen und
Reflexe wecken – in der Realisierung haben sie
nichts anderes zu bieten als eine überlebensgroße, exemplarische Leere. Diese zu füllen und
als alte neue Heimat zu begreifen könnte in Zukunft die Aufgabe eines mündigen, wissenden,
liebenden Publikums sein. Nicht als Gnadenakt
der Oper gegenüber, die schon so oft totgesagt
wurde, dass sie längst nicht mehr existieren
dürfte, sondern als Arbeit. Des Herzens wie des
politischen Gewissens.
E
in Künstler kann aus Liebe und
aus Hass, aus Entsetzen oder Begehren schöpfen. Meistens ist es
eine sehr eigene Mischung aus
beidem, insbesondere bei Vertretern der Hochkomik. Denn um
etwas von Grund auf zu entblößen, muss man es mit einem Teil seines Herzens
schmerzhaft verachten und mit einem anderen Teil
innig lieben.
Zum Beispiel die »Deixfigur«, die
ganz direkt und radikal ein Menschenbild ist. Lachende, gierige, wollüstigdumme Fleischgebirge aus einem Land,
nennen wir es Niederösterreich, das
Aufklärung und Moderne nur gestreift
hat und dessen die Welt bevölkernde
Geschöpfe dennoch die technischen
und sozialen Segnungen der Jetztzeit
mit vollen Herzen und Bäuchen genießen. Figuren aus der Hölle des Kleinbürgertums, hässlich, wie man so sagt,
korrupt und niederträchtig. Aber auch
selig, vollkommen glücklich in ihrer Beschränktheit und Anmaßung. Ohne
Scham und ohne die geringste Reue
über verpfuschte Leben und lustvoll zerstörte Körper. Man weiß nie so recht,
ob man diese Wesen eher fürchten oder
doch beneiden soll.
Die meisten komischen Zeichner
attackieren ihre Objekte in einem kräftigen oder verhuschenden Strich, nehmen Kontur und Silhouette zum Anlass
für Übertreibungen und Genauigkeiten. Bei Manfred
Deix dagegen sind Flächen, Wölbungen, Farben das
Wichtigste. Er ist, und jetzt, nachdem er am vergangenen Samstag gestorben ist, muss man leider
sagen: er war, einer der wenigen hochkomischen
Maler. In einer Deixfigur im Wasser ist nicht nur der
von gastrischen und sexuellen Ausschweifungen und
von reiner, dumpfer Blödheit gefärbte Gesichtsausdruck komisch, sondern auch das Muster einer Badehose; es ist nicht nur der gezierte Gestus einer Dame
im Bikini, der von medialen Vorbildern stammt,
sondern auch die Konstruktion der Textilie, die sich
den Körpermassen unterwirft. Ja mehr noch, selbst
die Postkartenlandschaft, sogar der Himmel wurden
komisch, wenn Deixens Pinsel sie berührte.
Das eminent Malerische in seinem Werk bedeutet
nicht, dass Deix nicht auch ein genialer Zeichner war.
Mit wie wenigen Strichen holt er aus einem (auch
realen) Menschen alles das heraus, was an ihm »nicht
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stimmt«! Dass uns dazu freilich immer nur das Wort
»hässlich« einfällt, belegt nur, wie sehr wir in einer
Welt der falschen Ideale leben. Natürlich liebte Deix
das Groteske, das Unharmonische, das Verräterische,
und natürlich kennt er, im Gegensatz zu den Hochkomikern, die ihr eigenes Milieu beschreiben, keinen
Hauch von Gnade. Deixfiguren sind schließlich auch
zu jeder lachenden Gemeinheit bereit. Aber zugleich
taucht dieser Gastwirtssohn eines Kriegsversehrten
auch tief hinein in ein Körpertheater, dem zum
Manfred Deix (1949 bis 2016) mit Deixfigur
Fellinesken nur der Schleier des Märchenhaften und
jede kulturelle Geborgenheit fehlen. Die Deixfigur
maßt sich alles an, aber sie ist nirgendwo wirklich zu
Hause. Was der Kleinbürger da seinem und dem
Körper des Mitmenschen antut, geschieht zwar aus
der Konstruktion dumpfer Zusammengehörigkeit
(Deix-Gestalten leben immer in Rudeln und Rotten),
aber auch aus Fremdheit heraus.
Vorstadt und Natur, Ritual und Ornament,
Geschichte und Mythos, alles wird böse und gemein, wenn es von den Deixfiguren in Beschlag
genommen wird. Den entfesselten und entformten Ulrich Seidlschen Bewohnern niederösterreichischer Keller und Garageneinfahrten, die unversehens in grelles Sonnenlicht und pastöse Farbschichten geraten sind und sich dort in ihrer ganzen niederträchtigen Pracht zeigen. Aber Deixens
Aquarellierung der Kleinbürgerwelt restauriert zugleich, was die Form zerstört. Die wuchernde
Brunftigkeit, die politische und soziale Gewalttätigkeit der Deixfiguren und die ungreifbare, fließende Zartheit von Farben und Flächen gehen
eine tückische Allianz ein. In diesen Bildern flackert Romantik noch einmal auf, grüßt ihre finstersten Wiedergänger und wird dann manchmal
buchstäblich zersetzt und zerhackt.
Andernorts wird Deix durchaus heftig. Seine
Körper entblößen sich nicht nur, sie hinterlassen auch
Spuren, beschmutzen einander und ihre Welt mit den
Zeichen der Notdurft und der Geilheit.
Es ist der Schatten des Marquis de Sade,
der dann in die Kleinbürgerwelt hineinreicht und den Körper mit Gewalt
wieder in reine Natur und reine Kultur
teilt. Nur dass die sadomasochistischen
Rituale eben nicht aus heroischen Opfergesten und metaphysischer Revolte
entstehen, sondern aus dem Triebüberschuss einer wahrhaft entfesselten Klasse der Unbedeutenden und der vulgär
Entformten. Ein ewiger Karneval ist
ausgebrochen wie eine Krankheit.
Und wieder anderswo verlässt die
dumpfe Blödheit den Raum der Selbstgenügsamkeit, wird politisch, verlangt
nach Macht, erzeugt Gewalt. Die Körperlichkeit der Deixfigur ist durchaus
zweischneidig. Wie die gierigen Hände
der Nächsten greifen schon Kirche, Parteibuch und Faschismus nach diesem
mythischen Niederösterreicher, der
übrigens als Kind so wenig Unschuld
ausstrahlt wie als Greis Bewusstsein.
Das wirklich Politische, das »Engagement«, das
ist bei Deix allenfalls Dreingabe, manchmal nur Vorwand. Der Sinn dieser Arbeit liegt ja tiefer; es geht
darum, das Wesen einer Art von Menschen zu ergründen, die einerseits aus einer dieser modernen
Höllen kommt, die aus Gründen der Überfüllung
ihre Insassen zurück auf die Erde schickt und der man
auf der anderen Seite jeden Tag begegnet, manchmal
sogar, wenn man an einem Spiegel vorbeigeht. Vom
normalen Menschen unterscheidet sich die DeixGestalt eigentlich nur, indem sie auf alle Maskerade
von Scham, Schuld und Kontrolle verzichtet. Man
kann einfach »Wahrheit« dazu sagen.
Seinem eigenen Körper hat Manfred Deix auch
eine Menge zugemutet. Zu viel. Jetzt ist er gestorben,
vielleicht auch daran, dass er in Wahrheit nie seinen
Frieden mit der Körperlichkeit des Menschenlebens
machen konnte. Die Liebe und der Hass sind dann
auch hier nicht zusammengekommen.
Foto: Peter Rigaud/laif
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46 FEUILLETON
30. J U N I 2016
D I E Z E I T No 2 8
Federleichte Mörderin
Im Kampfkunst-Film »The Assassin« befreit sich der Regisseur Hou Hsiao-Hsien von den Bildern des Metzelns
Foto: Wildbunch
U
m es gleich zu sagen: Wer etwas über die Meisterschaft und
Schönheit des Bildermachens
erfahren will, sollte sich diesen
Film anschauen. Wer erleben
will, wie ein Bild historische
Zeit enthalten und zugleich
reinste Gegenwart atmen kann, muss The Assassin
von Hou Hsiao-Hsien sehen. Einmalig ist die
Raffinesse, mit der der taiwanesische Großmeister
Farbe und Bewegung feiert, mit uralten kulturellen Codierungen und kunsthistorischen Verweisen spielt – und all dies zugleich in einem Akt
der filmischen Malerei überhöht.
Einmalig auch, wie Hou den Martial-ArtsFilm im historischen Gewand – chinesisch:
wuxiá –, an dem sich schon seine Kollegen Ang
Lee (Crouching Tiger, Hidden Dragon), Zhang
Yimou (Hero) und Wong Kar-Wai (Ashes of Time)
versuchten, in ein eigenes Genre überführt: den
Hou-Hsiao-Hsien-Film. Dass der siebzigjährige
Taiwanese von Martin Scorsese, Jim Jarmusch
und Quentin Tarantino als Vorbild verehrt wird,
liegt an seinem besonderen Gebrauch der Totalen. Ob er von seiner Kindheit unter der japanischen Besatzung erzählt, von höfischen Gesellschaften oder von Kleinganoven, die die Zeit totschlagen – bei Hou Hsiao-Hsien zieht in diese alles überblickende Einstellung das Leben ein, oft
in die Tiefe des Raumes gestaffelt, festgehalten
von einer Kamera, die sich nie in den Vordergrund spielt und umso aufmerksamer beobachtet.
Sein neuer Film The Assassin spielt im China
des 9. Jahrhunderts und erzählt von einer Auftragsmörderin, die für den kaiserlichen Hof Aufständische und Abtrünnige tötet. Im Alter von zehn
Jahren wurde Nie Yin-Niang von ihrer Familie
Shu Qi als elegante Auftragskillerin Nie Yin-Niang
weggegeben und von einer taoistischen Nonne und
Verwandten der Kaiserfamilie ausgebildet – im
Handwerk des leisen, schnellen Tötens. Die junge
Frau ist Instrument einer untergehenden Macht,
Soldatin einer Dynastie, deren Zenit überschritten
ist. Schon wenn sie zum ersten Mal auftritt, ist sie
von einer Aura der Einsamkeit umgeben, der Melancholie des verlassenen Kindes.
Ihr erster Mord geschieht so schnell, dass die
Kamera ihm kaum folgen kann. Wie aus dem
Nichts taucht Nie Yin-Niang aus einem Wald auf,
lässt ihr Messer in die Kehle des Opfers fahren und
ist schon wieder verschwunden, bevor der Mann
vom Pferd fällt. Hat man hier tatsächlich einen
Gewaltakt gesehen? Oder einfach nur den
Schwung eines schwarzen Gewandes vor lichtem
Waldgrün? Hou Hsiao-Hsiens Kämpferin ist wie
der Pinsel eines Kalligrafen, der in einer einzigen
fließenden Bewegung über die Leinwand fährt,
zugleich Bestandteil und Malerin des durch ihren
Angriff entstehenden Bildes.
Schon der zweite Auftrag zeigt, dass The Assassin
die Grundlagen des Martial-Arts-Films selbst infrage stellt, die Selbstverständlichkeit des Tötens und
Getötetwerdens, den Wechsel von Gewalt und
Gegengewalt. Nie Yin-Niang ist außerstande, einen
VON K ATJA NICODEMUS
korrupten General umzubringen, weil dieser seinen
schlafenden kleinen Sohn im Arm hält. »Töte erst
das, was dem Opfer am liebsten ist, und dann das
Opfer selbst«, sagt die Auftraggeberin. Die Nonne
wird ihre Schülerin auf die Probe stellen, sie nun erst
recht dem Widerstreit von Gefühl und Loyalität aussetzen. Nie Yin-Niang soll den abtrünnigen Militärgouverneur der Provinz Weibu umbringen, ihren
Cousin, dem sie einst als Frau versprochen war.
Wie ein Geist bewegt sich die Kriegerin durch
die Räume des Gouverneurspalastes. Diese Welt
aus Kerzenschein, erleuchteten Vorhängen, lackierten Möbeln und goldbestickten Gewändern
offenbart sich als Hort der Niedertracht und Verkommenheit. Hier werden Generäle verbannt und
lebendig begraben, schwangere Konkubinen von
eifersüchtigen Gattinnen mit tödlichem Zauber
belegt, Intrigen geschmiedet. Nie ist in diesem Film
von inneren Vorgängen oder Befindlichkeiten die
Rede. Aber man ahnt, dass sich die immer wieder
einsam durch das Bild gehende, manchmal nur vom
tiefen Schwarz der Nacht umgebene Kämpferin
angesichts dieses Treibens auch ihrem eigenen
Todeshandwerk entfremdet.
Nebenbei zeichnet Hou Hsiao-Hsien das Porträt einer jahrtausendealten Kultur, ihrer Gegenstände und Riten. Teekannen, Dosen, Zierobjekte,
Schriftrollen umgeben die Figuren. Was mag die
Schale mit den Granatäpfeln symbolisieren, die
auf dem Tisch steht, während Nie Yin-Niangs
Mutter die Geschichte ihrer ausgesetzten Tochter
erzählt? Oder die große, zarte Landschaftszeichnung im Hintergrund des Gouverneurspaares?
Beiläufig wird auch die sichtbare Unsichtbarkeit der Domestiken ins Bild gesetzt. In The
Assassin servieren sie lautlos den Tee im Bildvordergrund oder stehen noch im hintersten
Winkel der Raumfluchten als Silhouette hinter
einem Vorhang. Sie füllen Badewannen mit heißem Wasser und Blüten, entfernen mit großen
Wedeln Staub, bringen der Gouverneursgattin
den Schmuck, räumen nach dem Wutanfall ihres
Gatten die Scherben weg.
Indessen hat Nie Yin-Niang ihren Auftrag
immer noch nicht erfüllt.
Ganz langsam verschiebt der Film seinen Fokus
vom Konflikt zwischen Gefühl und Loyalität hin
zu einer Ahnung von Freiheit, die sich nur in der
Natur findet, fern dem hierarchischen Palastleben.
Allein die Weite der Landschaft scheint das Zuhause der Heldin zu sein, ihre spirituelle Heimat.
Verblühende Wiesen, dichte Wälder und grün
bewachsene Berge wirken wie vielschichtig aufgebaute Tableaus, die Raum lassen für ihre Melancholie. Nebel lichten sich langsam über einem See
im Morgengrauen, im Hintergrund schwarze
Baumgerippe wie hingetuscht. Die Zeit scheint sich
in der Tiefe des Bildes zu verlieren.
Einmal fährt die Kamera inmitten eines
Kampfes einen Schilfgürtel entlang. In der Ferne
sieht man noch die Köpfe der Kämpfer, hört das
leiser werdende Geräusch aufeinanderprallender
Klingen. Warum, scheint die Kamera zu sagen,
soll ich die Metzelei zeigen, wenn ich mich in der
Natur verlieren kann?
So wie sich seine Killerin ihrem tödlichen Auftrag verweigert, löst sich Hou Hsiao-Hsien ganz
langsam von seiner Geschichte. Irgendwann vereint sich die Kamera einfach mit der Landschaft,
zeigt Nie Yin-Niang nur mehr als Strich, der sich
in der Ferne durch die Totale bewegt. Am Ende ist
der Film so frei wie seine Heldin.
www.zeit.de/audio
48 FEUILLETON
30. J U N I 2016
KUNSTMARKT
D I E Z E I T No 2 8
TRAUMSTÜCK
Höhenrausch
E. L. Kirchners »Blaue Artisten«
bei Christie’s VON LISA ZE ITZ
»Sie rücken
nichts raus«
Münchner Museen verkauften nach dem Krieg
Raubkunst, die sie eigentlich an die Opfer
zurückgeben sollten. Deren Nachkommen
müssen heute um ihre Rechte kämpfen
Profitierte sie vom Kunstraub? Henriette von Schirach (links)
mit ihrem Mann Baldur (Mitte) beim Besuch einer Ausstellung 1942 in Wien
Fotos: Archiv Heinrich Hoffmann/Bayerische Staatsbibliothek/bpk; Kraus Family/Commission for Looted Art in Europe (2, u.); Christie’s Images Ltd. 2016 (r.)
E
s ist die Geschichte eines moralischen
Bankrotts: 75 Jahre nach der Beschlagnahmung durch die Gestapo hat John
Graykowski, ein Rechtsanwalt aus Washington, ein Gemälde aus der Sammlung seines
jüdischen Urgroßvaters Gottlieb Kraus in
Deutschland ausfindig gemacht – und bekommt
es nicht zurück. Sein Vorfahr war bis zum sogenannten Anschluss Österreichs ein wohlhabender Mann gewesen. Er lebte als tschechischer
Konsul in Wien. Seine bedeutende Kunstsammlung musste er auf dem Weg ins Exil zurücklassen. In den Jahren 1941 und 1942 teilten die
Nazis sich die Beute auf. Einige Gemälde gelangten in die Albertina in Wien, andere ins Joanneum in Graz. Nachdem sich Hans Posse, Hitlers
Chefeinkäufer für das in Linz geplante Führermuseum, bedient hatte, durfte auch Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann zugreifen. Einige
Bilder der Sammlung Kraus tauchten nach dem
Krieg im sogenannten Central Collecting Point
in München auf, in dem die US-Amerikaner die
von den Nazis geraubte Kunst zusammentrugen
und den rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben versuchten. Die Werke, deren Eigentümer
sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht
ermitteln ließen, gingen dann an die Bayerischen
Staatsgemäldesammlungen. Das Museum sollte
nun nach den Eigentümern suchen. Eine Aufgabe, die es anscheinend viele Jahrzehnte nicht sehr
ernst nahm. Ein Gespräch mit John Graykowski,
der sich als Erbe betrogen fühlt, und mit Anne
Webber, die mit der Commission for Looted Art
in Europe (CLAE) dabei half, das vermisste Bild
wiederzufinden.
DIE ZEIT: Hat Ihre Familie, Herr Graykowski,
nach dem Zweiten Weltkrieg versucht, die geraubte
Kunst wiederzubekommen?
John Graykowski: Meine Großtante versuchte bereits in den fünfziger und sechziger Jahren, aus
Deutschland und Österreich Kunst zurückzuerhalten, wurde aber von den Behörden in fast allen
Fällen abgewiesen. Erst im Jahr 2004 meldete sich
die Israelitische Kultusgemeinde aus Wien bei uns
und zeigte uns alte Fotografien von 13 Bildern
meines Großvaters, die dem Führermuseum in
Linz angeboten worden waren. Plötzlich waren
diese Gemälde, die wir nur aus Geschichten kannten, von denen wir nie Abbildungen gesehen hat-
ten, Realität. Aber es war noch ein langer Prozess,
bis wir etwas davon zurückbekamen. In diesem
Spiel sind alle Karten in den Händen derjenigen,
die unsere Bilder besitzen, sie verfügen über alle
wichtigen Informationen. Und sie rücken nichts
freiwillig raus. Man kann den menschlichen Instinkt der Habgier anscheinend nicht abschalten.
Die Museen verhalten sich wie Kinder im Sandkasten, die brüllen: Das ist meins! Unsere Familie
musste erst peinlich genau beweisen, dass diese
Bilder wirklich meinem Urgroßvater gehört hatten, bis uns schließlich sechs Bilder von österreichischen Museen restituiert wurden.
ZEIT: Die stellen aber nur einen Bruchteil der ursprünglichen Sammlung dar?
Graykowski: Wir hatten damals keine Ahnung,
wie viele und welche Kunstwerke genau zur
Sammlung gehörten, es gab keine Inventarlisten.
Deshalb baten wir Anne Webber und die CLAE
um Hilfe. In kürzester Zeit identifizierten sie
166 Werke.
ZEIT: Wie muss man sich die Arbeit Ihrer Organisation vorstellen, Frau Webber?
Anne Webber: Wir sind eine Non-Profit-Organisation, die international Restitutionsverfahren aushandelt und dokumentiert. Unsere Arbeit wird
durch Spenden finanziert. Zu unserem Team gehören Historiker und Provenienzforscher, wir vertreten Familien aus aller Welt. Wir versuchen dabei
stets, einvernehmliche Lösungen herbeizuführen.
Es gab vor unserer Gründung im Jahr 1999 in
Europa keine Organisation, die Familien bei der
Suche nach Raubkunst half.
ZEIT: Ist das nicht spätestens seit der sogenannten
Washingtoner Erklärung von 1998 die Aufgabe
der deutschen Museen und des deutschen Staats?
Graykowski: Mit uns nahm kein Museum Kontakt
auf. Die staatlichen Institutionen unternehmen
von sich aus nichts, das ist sehr verstörend. Und
dann hat Anne Webber auch noch herausgefunden,
dass die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen
unsere Kunst nach dem Krieg zu Spottpreisen an
ehemalige Nazis oder deren Familien verkauften.
ZEIT: Wie erfuhren Sie davon?
Webber: Nachdem wir durch eingehende Recherchen den Weg von zwei Kunstwerken in die
Bayerischen Staatsgemäldesammlungen hatten
nachverfolgen können, fragten wir dort nach deren Verbleib. Wir bekamen die kurze Antwort,
dass diese Gemälde 1961 und 1962 an Henriette
Hoffmann-von Schirach verkauft worden seien.
Wir konnten es zunächst nicht fassen: die Tochter des Fotografen Heinrich Hoffmann, die als
Sekretärin für Hitler gearbeitet hatte, später bis
1950 mit Baldur von Schirach verheiratet gewesen war, dem Reichsjugendführer und späteren
Reichsstatthalter in Wien. Sie und andere Mitglieder von Familien wie Hoffmann oder Göring
hatten nach dem Krieg Dutzende erfolgreiche
Rückgabeanträge an das Museum gestellt, wie wir
herausfanden. Das Gemälde Holländisches Platzbild, eine Kopie nach Jan van der Heyden, hatte
das Museum 1962 für den Schleuderpreis von
300 Mark an Hoffmann-von Schirach verkauft.
Der Xantener Dombauverein will das Bild dann
schon ein Jahr später für 16 100 Mark beim
Anne Webber gehört zu den
Gründern der Commission
for Looted Art in Europe
John Graykowski aus
Washington sucht das Erbe
seines Urgroßvaters
Kölner Auktionshaus Lempertz gekauft haben.
Eine Preissteigerung um mehr als das 50-Fache in
kürzester Zeit.
ZEIT: Wie reagierte der Xantener Dombauverein
auf Ihre Rückerstattungsanfrage im Jahr 2011?
Webber: Zunächst einfach gar nicht. Man behauptete dort, unser gut hundertseitiger, detailliert belegter Antrag sei nicht angekommen. Bis wir die
Empfangsbestätigungen der Deutschen und britischen Post vorlegten. Wir mussten den Antrag
schließlich noch einmal schicken, doch das half
auch wenig. Der Dombauverein behauptet, dass er
als nichtstaatliche Organisation nach dem Washingtoner Abkommen nicht zu einer Restitution
verpflichtet sei. Das hätten wir von einer katholischen Kirche, die in Xanten besonders auf ihre
nazikritische Haltung im Zweiten Weltkrieg stolz
ist, wirklich nicht erwartet.
Graykowski: Ich war schockiert, denn ich bin
selbst Katholik. Dieser Dombauverein hat in den
vergangenen sechs Jahren nicht ein Zeichen des
Mitempfindens an uns ausgesendet. Stattdessen
wird dort erstaunlich viel Energie in die Ablehnung der Rückgabe investiert. Und das bei einem
Gemälde, das zwar für meine Familie von großem
ideellem Wert ist, nicht aber für den Kunstmarkt.
ZEIT: Wie viel ist das Platzbild denn wert?
Webber: Vielleicht 20 000 Euro, es handelt sich
um eine alte Kopie. Das ist kein wertvolles Kunstwerk, darum geht es der Familie nicht.
ZEIT: Helfen Ihnen denn jetzt wenigstens die
Bayerischen Staatsgemäldesammlungen bei Ihrer
weiteren Suche?
Webber: Nein. Die dort für Provenienzforschung
zuständige Mitarbeiterin Andrea Bambi schrieb
uns schon 2012, dass sie in dieser Sache nicht weiter recherchieren werde, weil sich die Kunstwerke
seit 1962 nicht mehr im Eigentum der Staatsgemäldesammlungen befänden.
ZEIT: Was muss sich ändern in Deutschland?
Graykowski: Es müssen genaue Verfahrensregeln
für Restitutionsverfahren eingeführt werden,
und es muss viel mehr Transparenz vonseiten der
Museen geben. Es geht hier schließlich nicht um
Nuklearwaffen, die Geheimnistuerei muss jetzt
ein Ende haben. Obwohl die Staatsgemäldesammlungen verpflichtet sind, Akten, die älter
als 30 Jahre sind, ans Hauptstaatsarchiv zu übergeben, halten sie diese immer noch bei sich unter
Verschluss. Die Archive müssen für die Familien
auf der Suche nach der geraubten Kunst endlich
frei zugänglich gemacht werden. Oder will
Deutschland, dass dieses ruhmlose Kapitel nie
ein Ende findet?
Der Xantener Dombauverein reagierte auf eine
Anfrage der ZEIT bis Redaktionsschluss nicht.
Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen teilten zu einem am 25./26. Juni in der Süddeutschen
Zeitung erschienenen Artikel mit, dass die Geschichte der aus den Central Collecting Points
überwiesenen Werke bereits erforscht wird und
Archivalien zugänglich seien. Fragen der ZEIT –
etwa zu dem niedrigen Preis, den Henriette
Hoffmann-von Schirach für das Platzbild zahlte
– blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Das Gespräch führte Tobias Timm
Schwierige Zeiten in London, auch für
Auktionshäuser. Diese Woche ist die zeitgenössische Kunst dran. Noch vor dem Brexit
kamen Werke des Impressionismus und der
Moderne unter den Hammer, was bei Sotheby’s ganz gut lief, während die Umsatzeinbußen bei Christie’s empfindlicher ausfielen. Die Abendauktion umfasste ohnehin
nur 33 Lose, und davon fanden zwölf keinen Abnehmer. Doch auch bei Christie’s
gab es Lichtblicke: Dazu gehört Ernst Ludwig Kirchners Pastellzeichnung Blaue Artisten aus dem Jahr 1914. Das 68 mal 51 Zentimeter große Blatt zeigt vier schlanke Gestalten in hautengen blauen Anzügen. Eine
junge Frau im Vordergrund ist dem Betrachter zugewandt, während sich die drei
Artisten hinter ihr an ein Trapez schmiegen,
als ob sie elastisch und flexibel auch die
Bildfläche jederzeit mit einem eleganten
Schwung verlassen könnten. Die Schnelligkeit von Kirchners Strich wirkt berauschend. Als sei er selbst in Ekstase gewesen,
und etwas davon teilt sich uns mit. Fluchtlinien in Gelb-Schwarz ziehen den Blick
wie magnetisch nach unten. Höhenangst
oder Höhenrausch: Ist denn der Künstler
Schwerelos im Zirkuszelt
selbst auf das Trapez geklettert, dass er sich
jetzt auf einer Ebene mit den Zirkusleuten
bewegen kann? Zwar reichte der Zuschlag
nicht ganz an die obere Schätzung von einer
Million Pfund heran, aber mit 900 000
Pfund ist es trotzdem ein Rekord.
Lisa Zeitz ist Chefredakteurin von »Weltkunst«
und »Kunst und Auktionen«
ZAHL DER WOCHE
30000
... bis 50 000 Euro soll am 6. Juli im
Münchner Auktionshaus Neumeister
eine gotische Glasmalerei mit einer alttestamentlichen Szene kosten. Die bunte
Bleiverglasung entstand um 1270 in einer Straßburger Werkstatt, wahrscheinlich für die dortige Thomaskirche. Mittelalterliche Fensterbilder dieser Qualität
kommen nur noch selten auf den Markt.
FEUILLETON 49
D I E Z E I T No 2 8
O
b sie nun den Hammer
schwingen, damit sich der
Nagel schön tief ins Hirn
ihres Lieblingsfeindes bohrt.
Ob sie zum nächstbesten
Stein greifen, zum Schwert
oder doch lieber zur Keule,
um so lange auf ihren Nächsten einzuschlagen, bis
der Schädel aufplatzt und sich roter Glibber daraus
ergießt. Ob sie es also auf die schnelle Art tun oder
sich für quälend gründliche Folter entscheiden, ist
am Ende auch egal. Hauptsache, es blutet. Hauptsache, es geht schön grausam und erschreckend
tödlich zu. Denn so hat es das Publikum gern. Es
will zu Gott bekehrt sein, und ein ordentlicher Blutrausch kann da durchaus hilfreich sein.
Jedenfalls ließen die Künstler nichts unversucht,
um ihre Bilder und Plastiken so lebensecht, so leidensnah wie möglich in Szene zu setzen. Wahrscheinlich hätten sie die entsprechende Klangspur
gleich mitgeliefert, ein Wimmern, Stöhnen, verzweifeltes Schreien, wenn so etwas damals, im Spanien des 17. Jahrhunderts, schon möglich gewesen
wäre. Es waren Künstler mit Mission, eingespannt,
um der Kirche zu neuer, drastischer Wirklichkeitsnähe zu verhelfen. Die Kunst wurde selbst zum
Nagel, der sich hineinbohrt ins Hirn der Gläubigen,
damit der Glaube festsitzt auf immer.
Heute stehen die Besucher davor und tun sich
ein wenig leid. Die handelsübliche Krimileiche, dagegen ist nichts zu sagen. Aber das hier, fein bemalte
Quetschfüße, schwärende Wunden, ein Heiliger,
der sich so eng an den gekreuzigten Jesus schmiegt,
als wollte er ihm das Blut aus der Seitenwunde saugen, das hatten sie sich doch irgendwie anders vorgestellt. Der Nagel, so scheint’s, bohrt noch immer,
nur wo bleibt die Bekehrung?
Zumindest dringt eine unerwartete Erkenntnis
durch, hier im Museum, in dem all die Zeugnisse
einer wuchernden Volksfrömmigkeit jetzt zu sehen
sind. Die ebenso große wie großartige Ausstellung,
die an diesem Freitag in Berlin beginnt und gleich
mehrere Säle der Gemäldegalerie spannungsreich zu
füllen weiß, zeigt zum einen das, was üblicherweise
gezeigt wird, wenn es um spanische Barockkunst
geht: den fiebrigen El Greco, den geheimnisvollen
Zurbarán, den kühnen Velázquez, all die wichtigen,
zu Recht bewunderten Meisterwerke, aus aller Welt
zusammengeliehen. Doch damit mag sich die Schau
nicht begnügen. Sie weitet den Blick, entdeckt für
Deutschland ganz unvertraute Künstler und erkundet, wie es der Kunst auf unterschiedliche Weise gelang, zu einer neuen Wirklichkeit durchzudringen.
Manchmal nehmen uns die Künstler mit in die
Kneipen und auf die Straße, malen verlumpte Bettler, versoffene Bauern, hungrige Kinder, eine Welt,
in der es keine Ideallandschaften, keine Historiendramen und auch sonst nichts von dem gibt, was in
der Kunst eigentlich als bildertauglich gilt. Irgendetwas treibt die Maler an, die Welt auf andere Weise
in den Blick zu nehmen, unverstellt, unverpanzert.
Selbst der Kriegsgott Mars hat mit einem Mal die
Rüstung abgelegt. Der Hofmaler Diego Velázquez,
BERLINER CANAPÉS
Der
Treppenabsatz
VON INGEBORG HARMS
Nagel im Kopf
Was ist eigentlich Wirklichkeit?
Berlin feiert das goldene Zeitalter der spanischen Kunst
mit Velázquez, El Greco – und sehr viel Blut
VON HANNO R AUTERBERG
Abb.: Museo Nacional del Prado; Illustration: Jindrich Novotny/2 Agenten für DIE ZEIT (u.)
30. J U N I 2 0 1 6
Der Kriegsgott Mars posiert für Diego Velázquez
ausnahmsweise als Aktmodell (um 1638)
Berlin gehört zu den Metropolen, in denen das
komplexe Netz des öffentlichen Verkehrs zur Leidenschaft werden kann. Wer genug Zeit und ein
Smartphone hat, kommt immer von A nach B,
ohne mehr als 2 Euro 30 zu zahlen. Allerdings
findet der Sport schnell seine Grenzen, wenn man
Partysurfing betreibt und einen substanziellen
Teil des Abends an den Etappenzielen verbringen
will. Es gibt natürlich die große zwischen Ostund Westkreuz aufgespannte S-Bahn-Ader, zwischen der kommerziellen Hochburg des Messekomplexes und dem windigen, von jungen Rucksacktouristen und Halbliterjongleuren wimmelnden Friedrichshainer Gleissalat. Der kleinadrigen
Nord-Süd-Achse zog ich ein Taxi vor, um am
Prenzlauer Berg mit ein paar Freunden koreanisch
zu essen. Eine spanische Kuratorin fand das in
Granny-Smith-Soße eingelegte Kimchi »sehr
instagramy«. Ihre in London lebende portugiesische Freundin interessierte sich mehr für die
Theorie, dass David Cameron mit dem Brexit-
Resultat nicht gerechnet hatte, denn er brauchte
drei Stunden bis zu seinem Presseauftritt. Ergo
musste er seine Rede erst schreiben.
Zu einer Wilmersdorfer Party anlässlich des
50. Jahrestags des Besuchs eines Beatles-Konzerts
in der Essener Gruga-Halle wollte mich keiner
begleiten. Sie spielen Beatles-Platten, erklärte ich
dem polyglotten siebenjährigen Sohn der Kuratorin. But beetles are little animals?, sagte der an seinem iPhone hängende Kleine. Er wusste nicht
mal, was Platten sind. Sie fuhren mich noch zum
Alex. Ich hatte kein iPhone dabei und stieg am
Zoo aus, um im Zeitschriftengeschäft in den
Stadtplan zu schauen. Die einzige Straße in der
X-Rubrik schien nicht weit vom Westkreuz zu
liegen. Ich nahm aufs Neue die S-Bahn und landete in einem dreistöckigen Bahnhof, der auf eine
vierspurige Straße in einem Niemandsland führte. Es gab eine Busstation, ich stieg in den nächsten Doppeldecker. Der Fahrer dirigierte mich zu
einem Taxistand. Er meinte, ich hätte den Maß-
der mächtigste Künstler dieser Zeit, hat ihn für eines seiner Werke ausgezogen, hat ihm die Zeichen
seiner Macht geraubt. Nur den Helm trägt er noch,
unter dem er so müde hervorschaut, als wäre er
nur kurz zur Kostümprobe vorbeigekommen. Kein
Held, nur ein Heldendarsteller.
Velázquez hat ihn mit fahrig-fliehendem Pinsel
ins Bild gesetzt, gradezu achtlos in den Details,
ganz so, als wollte er auch seiner Kunst alles Zugerüstete, alles wehrhaft Perfekte nehmen. Anders als
die in Berlin so prominent gezeigten Holzskulpturen, die täuschend echt auftreten, um das Ungreifbare begreiflich, das Überwirkliche real zu machen,
setzt Velázquez auf eine stille Art von Schock: auf
Desillusionierung. Für ihn liegt die Wirklichkeit
dort, wo die Kostüme, die Masken fallen und etwas
aufscheint, das eigentlich nicht zu zeigen ist.
Das Siglo de Oro, das goldene Zeitalter der spanischen Kunst, war ja in Wahrheit alles andere als
glänzend. Das Imperium zerfiel, das Volk verarmte,
und was eben noch wahr und gewiss schien, bekam
ungeahnte Risse. So ist es kein Zufall, dass viele
Künstler, die jetzt in Berlin zu sehen sind, das Verhältnis von Sein und Schein neu bestimmen. Wenn
Velázquez’ wichtigster Schüler, Juan Bautista Martínez del Mazo, seine Familie porträtiert, dann feiert er geradezu die Doppelbödigkeit des eigenen
Schaffens, denn im Hintergrund hängen gleich
mehrere Gemälde an der Wand, darunter eines, das
ihn selbst bei der Arbeit im Atelier zeigt. Er malt
ein Bild, und auf dem Bild malt er ein Bild, auf
dem er ein Bild malt. Jeder Anspruch auf wahre
Wirklichkeit kippt vergnüglich aus dem Rahmen.
Das ist schon deshalb erstaunlich, weil man den
Künstlern damals gerne vorwarf, sie betrieben
nichts als Augentäuscherei. Allerdings gab es auch
gelehrte Philosophen wie Francisco Suárez, die
überzeugend darlegen konnten, dass es so etwas
wie die eine, unbestreitbare Realität nicht gibt. Es
gibt immer nur das, was wir uns darunter vorstellen, so seine Vermutung. Und spätestens damit
gewann das Kerngeschäft vieler Künstler, die Imagination, einen unverhofften Reiz.
Vor allem den Malern war es wichtig, die Welt
nicht einfach nur glaubhaft nachzuahmen. Sie verfolgten ein höheres Erkenntnisinteresse, das sich
übrigens mit einem gesteigerten Einkommensinteresse aufs Schönste verband. In Spanien galten die
Maler und Bildhauer noch immer als bloße Handwerker. Nun, zu Beginn des 17. Jahrhunderts,
wollten sie endlich wie Dichter behandelt werden,
als freie, auch von der Umsatzsteuer befreite Künstler, vom Hofe gefördert und geachtet, gerühmt für
ihre inteligencia y teoría.
In Berlin, in einem fulminanten Epochenporträt, lässt sich diese Emanzipationsgeschichte
bewundern. Hier lässt sich erleben, wie die Kunst
zu neuer Kraft gelangte: auf der Straße wie in den
Zirkeln der Macht, mal krude, mal voller Raffinesse. Und noch immer so lebendig, dass sie sich festsetzt in den Köpfen und nicht mehr weichen will.
Bis zum 30. Oktober (www.el-siglo-de-oro.de)
stab des Stadtplans unterschätzt. 10 Euro später
die Xantener Straße, eine der notorisch leer gefegten Westberliner Nachbarschaften. Die Tür stand
offen; als das Treppenhauslicht versagte, ein Moment der Panik.
Tapfer nahm ich die vier Stockwerke bis unters Dach. Love Me Do spielte auf der anderen
Seite der Wohnungstür. Die Einladung hatte
mich als Rundmail erreicht. Ich kannte die Gastgeber nur flüchtig. Der Treppenabsatz hatte viel
von einer Theaterkulisse. Vielleicht regelte ein
Bühnentechniker die Musik-Konserve. Mir wurde flau bei dem Gedanken, in diese Wohnung
einzutauchen. Ich glaubte nicht mehr an die
Existenz der Party. Wie zum Beweis drückte ich
die Klingel. Love Me Do spielte weiter, aber niemand machte mir auf. Ich hätte klopfen können.
Aber ich drehte auf dem Absatz um. Die Aussicht, in den Berliner Nahverkehr einzutauchen,
war zu verlockend. Ich war im zweiten Stock, als
die Tür sich auftat und der Lift gerufen wurde.
Das
Letzte
Altern ist der neue Volkssport. Nicht zufällig
spricht man von der alternden Gesellschaft.
Selbst wo es früher an Zeit und Geld zum Altern gefehlt hat, ist man jetzt ganz vorne mit
dabei. Anders als das Golfen, dem man zu Unrecht eine ähnliche Konjunktur vorausgesagt
hat – Golf und Altern sind ja eng miteinander
verwandt –, könnte sich das reine Altern zu einem bleibenden Trend entwickeln. Altern verlangt zwar ebenfalls viel Geduld, auch der
Grünflächenbedarf ist enorm, aber es braucht
weder Schläger noch Caddy. Für den Anfang
reichen ein paar starkfarbige Klamotten und
eine Baseballkappe; in den meisten Haushalten
dürfte auch ein SUV schon vorhanden sein,
mit dem man Langsamfahr-Rekorde aufstellen
kann (sogenannte Gleichmäßigkeitsrennen, bei
denen 30 km/h nicht überschritten werden
dürfen). Nicht leicht zu lernen ist die Schnappatmung, die in den Empörungswettbewerben
verlangt wird. Aber ein teures Pedelec oder einen Rennrollator braucht wirklich nur, wer in
extravaganten Teildisziplinen glänzen will. Entscheidend für die Durchsetzung als Breitensport ist die olympische Anerkennung, und da
hängt leider alles an der Übertragbarkeit im
Fernsehen. Selbst Rekorde im Schnell- und
Weitaltern könnten die Aufmerksamkeitsspanne des normalen Zuschauers überfordern.
Olympia-Chancen hätten wohl am ehesten die
Ungeschicklichkeitswettbewerbe (Brillensuche).
Beliebter sind nichtolympische Disziplinen wie
Kreuzfahrten, vor allem wiederholte Kreuzfahrten mit demselben Schiff auf derselben
Route. Der sogenannte Repeater wird von vielen Reedereien mit silbernen, goldenen und
diamantenen Ehrennadeln ausgezeichnet. Da
es sich um privatwirtschaftliche Wettbewerbe
handelt, sind Dopingkontrollen selten, zumal
da viele Mittel auf den Schiffen frei erhältlich
sind (Alkohol, Bingo, Kreuzworträtsel). Interessant ist die Begeisterung der Jugend für das
Altern. Früher undenkbar, entwickeln heute
schon Schüler ehrgeizige Vorstellungen über
Ehe, Familie und Renten. Viele träumen von
einer goldenen Hochzeit oder haben sich bereits für das harte Training einer lebenslangen
Ehe gemeldet. Andere wollen Alterspräsident,
Ehrenvorsitzender oder Dorfältester werden.
Man kann die kommenden Talente schon an
ihren sportlichen Bequemschuhen, vegetarischen Diäten und Kräutertees erkennen, die
eine Neigung zu Schnabeltasse und Breinahrung verraten. In diesem Zusammenhang
muss auch der Thermomix erwähnt werden.
Denn merke: Altern ist ein Gerätesport. FINI S
An ein Auto gelehnt, erwartete ich die Fahrstuhlinsassen. Es waren drei Koreaner. Auf meine Frage
nach der Gästeschar sagten sie: mostly writers.
Plötzlich verstand ich Europa. Europa ist wie
Berlin. Ein Terrain, in dem es immer noch besser
ist, Nomade zu sein, als Memory-Partys zu besuchen. Europa ist kybernetisch, praktisch, pragmatisch, ein Bewegungskonzept, in dem man auf sich
selbst gestellt ist. Man weiß nie, ob der Taxifahrer
einen hinauswirft, wie der Zielbahnhof aussieht,
ob der Maßstab stimmt, aber man ist Herr der
Odyssee, es gibt die Mobilität, das Votum gegen
jede Idylle. Es gibt Türen, vor denen man abdrehen kann.
Hier lesen Sie im Wechsel die Kolumnen »Berliner
Canapés« von Ingeborg Harms, »Jessens Tierleben« von
Jens Jessen, »Männer!« von Susanne Mayer sowie
»Auf ein Frühstücksei mit ...« von Moritz von Uslar
www.zeit.de/audio
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D I E Z E I T No 2 8
GLAUBEN & ZWEIFELN
50
»Auf dem Weg zu Gott leben und sterben wir. Entweder
ein Leben voller Ehre – oder Opfertod!«
»Die schwarzen Flaggen werden Deutschland bald erobern. Denn es wurde vom Propheten so verkündet.«
»Unser Blut soll wahrlich ein ums andere Mal vergossen werden.«
»Sprengt sie in die Luft!«
»Wir werden die Scharia nach Deutschland bringen.
Wir werden euch mit allen Waffen hier bezwingen.«
»Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.«
»Durch unseren Dschihad lassen wir Felsen zerbröckeln
und reißen den Unglauben in Stücke.«
»Bekehrt euch zu Allah, reumütig, o ihr
Ungläubigen! Sonst kommt ihr ins ewige Feuer.«
Der Song »Unser Staat ist
siegreich!« aus einem Propagandavideo
des Islamischen Staates
Der Soundtrack des Dschihad
Abb.: Propagandavideo Islamischer Staat, Song: Unser Staat ist siegreich; privat; EPA/TELENEWS/dpa (v.o.n.u.)
Islamisten machen mit Kampfhymnen mobil. Ein Gespräch mit dem Verfassungsschützer Behnam Said, der ein gefährliches Pop-Phänomen erforscht hat
DIE ZEIT: Herr Said, seit wann gibt es eine islamistische Popkultur namens Anaschid?
Behnam Said: Der Begriff Naschid beschrieb ursprünglich eine Rezitation religiöser arabischer
Poesie, eine Praxis, die lange Zeit vor allem SufiOrden ausgeübt haben. Erst in den 1970er Jahren
fanden Anaschid Eingang ins islamistische Milieu
und erfuhren dort einen Wandel zu einer Art
Kampfgesang. Heute verbinden wir damit hauptsächlich dschihadistische Hymnen.
ZEIT: Manche Anaschid wirken auf westliche Hörer überraschend. Wieso besingen Terroristen ihre
Mütter?
Said: Gesänge an die Mutter sind eine seit Langem
bestehende Subkategorie der Anaschid. »Mutter,
bleibe standhaft« ist ein gutes Beispiel dafür, wie
deutsche Dschihadisten diese Tradition adaptiert
haben. Das Lied richtet sich natürlich in Wahrheit
gar nicht an die eigene Mutter. Es geht um eine
Rechtfertigung für die Auswanderung ins Kampfgebiet, wobei die »Mutter« eine Art Projektionsfläche
bildet. Andere Unterkategorien dschihadistischer
Anaschid sind etwa Trauerlieder auf den getöteten
Märtyrer oder Lieder über die Gefangenschaft.
ZEIT: Warum werden Anaschid a capella, also
ohne instrumentelle Begleitung, gesungen?
Said: Die historischen Anaschid wurden oft von
Handtrommeln begleitet. Aber der zunehmende
Einfluss des Salafismus hat dazu geführt, dass sich
strengere Regeln durchsetzten. Die salafistischen
Gelehrten legten zum Beispiel fest, dass der Inhalt
von Anaschid islamisch korrekt und moralisch einwandfrei sein muss, dass die Melodien weder westlicher noch arabischer Popmusik ähneln und keine
Instrumente zum Einsatz kommen. Einzig Soundeffekte werden noch eingesetzt, etwa um Taktpausen auszufüllen.
ZEIT: Der IS benutzt oft das Geräusch von Explosionen oder Maschinengewehrsalven als Effekt.
Said: Genau. Aber wichtiger zum Verständnis ist
noch etwas anderes: Für Dschihadisten sind Anaschid gar keine Musik, denn Musik gilt als billiger
Zeitvertreib. Anaschid hingegen werden der religiösen Sphäre zugerechnet.
ZEIT: Werden die Anaschid als Teil des Gottesdienstes angesehen?
Said: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Es finden auch nicht alle salafistischen Prediger Anaschid gut. Im dschihadistischen Gebrauch von
Anaschid zeigt sich vielmehr ein Erbe der Muslimbruderschaft, die immer einen pragmatischen
Umgang mit Kunst und Kultur pflegte: als Mittel
zur Mobilisierung, aber auch als Zerstreuung.
ZEIT: In Ihrem Buch »Hymnen des Jihads« haben
Sie mehrere Textbeispiele ins Deutsche übertragen. Nehmen wir den sehr bekannten Song biDschihadina, in dem es heißt: »Durch unseren
Dschihad lassen wir Felsen zerbröckeln und reißen
den Tyrannen und den Unglauben in Stücke.« Das
klingt sehr martialisch und militärisch, aber nicht
sehr religiös.
Said: Ja, und in diesem bellizistischen Sinne sind
solche Kampfhymnen auch mit westlichen Soldatenliedern vergleichbar. Da werden Opferbereitschaft, Blutvergießen und Zusammenhalt besungen, und der Kampf wird gerechtfertigt. Anaschid
haben allerdings meistens drei Ebenen: Die Tyrannei in den arabischen Staaten wird beklagt; es
gibt einen Aufruf zum Widerstand und zur Mobilisierung; und als Lösung wird die Herrschaft mit
dem Koran in der Hand besungen.
ZEIT: Der IS legt Wert darauf, sich als wahrhaft
islamisch darzustellen, unter anderem durch das
vermeintlich nahtlose Anknüpfen an den Frühislam und an die Lebzeiten des Propheten Mohammed. Gibt es das in Anaschid auch?
Said: Durchaus, und ironischerweise sind es ausgerechnet einige salafistische Gelehrte, die dem IS
hier widersprechen, indem sie darauf hinweisen,
dass das Phänomen des »islamischen Naschid« in
der Frühzeit des Islams unbekannt war.
ZEIT: Gibt es denn Textbeispiele aus IS-Anaschid,
in denen der IS bewusst versucht, alle Muslime,
nicht nur andere Dschihadisten, anzusprechen?
Said: Ja, zum Beispiel in einem Lied, das zu einer
Art Nationalhymne des IS-Kalifats geworden ist
und die Idee eines allumfassenden islamischen
Staats besingt. Dieser Topos hat Anziehungskraft
weit über das dschihadistische Milieu hinaus. Das
ist ein entscheidendes Merkmal des Genres: Anaschid sind näher an den kulturellen Codes der
Gesellschaften, in denen Dschihadisten sich bewe-
Er sagt,
was ist
ei den früheren Päpsten wusste man meistens schon vorher, wen sie mit ihrem
nächsten Auftritt verärgern würden. Bei
Papst Franziskus weiß man es nie. Als
Reformer steht er natürlich im Verdacht, grundsätzlich die Konservativen in der katholischen
Kirche anzugreifen. Aber so einfach macht er es
seinen Gegnern und auch seinen Fans nicht.
Am vergangenen Dienstag sagte er zu Benedikt,
dem zurückgetretenen Papst, der zuletzt etwas
schwach gewesen war: »Die Kirche braucht Sie
noch!« Dann gratulierte der Neue dem Alten, der
Reformer dem Konservativen sehr herzlich zu seinem 65. Priesterjubiläum. Und wie Bergoglio das
tat, wirkte es gar nicht pflichtschuldig, sondern
ehrlich. Da runzelten Ratzinger-Fans ebenso wie
Bergoglio-Freunde die Stirn, fragten sich rechte wie
linke Vatikanisten, was das nun wieder bedeute.
Wie viele Chefs haben schon gern den abgedankten Vorgänger im Haus, um nicht zu sagen:
Papst Franziskus betont
das gute Verhältnis zu seinem
Vorgänger Benedikt
VON EVELYN FINGER
B
Singend
in den Kampf
Fast alle Propagandavideos des
»Islamischen Staates« (IS) und anderer dschihadistischer Gruppen sind
mit einer bestimmten Art von Musik
unterlegt, den sogenannten Anaschid
(Singular Naschid). Es sind Kampfgesänge für die Generation YouTube.
Die Texte, stets a cappella gesungen,
decken ein breites Spektrum an
Themen ab. »Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad«,
sangen vor einigen Jahren zwei
Bonner Dschihadisten, die sich in
Pakistan einer Terrororganisation
angeschlossen hatten. Ein besonders
populärer Text lautet: »Wir schreiten
auf dem Weg Gottes voran. Wir
streben danach, das Banner Gottes
zu erheben. Unser Blut soll wahrlich ein ums andere Mal vergossen
werden.« Manchmal heißt es aber
auch nur ganz platt:
»Sprengt sie in die Luft!« Der
Hamburger Islamwissenschaftler
und Verfassungsschutzmitarbeiter Behnam
Said veröffentlichte
kürzlich ein Buch
über die Hassgesänge: Hymnen des
Jihads (ErgonVerlag).
im Nacken? Wie viele abgedankte Chefs respektieren ihren jüngeren Nachfolger? Benedikt, 89, erwiderte am Dienstag die demonstrative Freundschaftsgeste von Franziskus, 79, mit den Worten:
»Ich hoffe, Sie gehen für uns weiter voran!« Und:
»Ich danke Ihnen für Ihre Güte, die mich mehr
erfreut als die Schönheit der vatikanischen Gärten.
Ich fühle mich beschützt!«
Das klang blumig und sogar ein bisschen sentimental. Aber es war eine klare Ansage an all jene,
die gern einen Keil zwischen den amtierenden
Papst und den Emeritus treiben wollen. Die sich
wünschen, aus einer Feindschaft der Chefs Nutzen
zu ziehen, vor allem Unterstützung gegen den Reformkurs Bergoglios. Jeder in Rom weiß, dass aus
der Fraktion der Besitzstandswahrer immer wieder
Einzelne bei Joseph Ratzinger – der zurückgezogen
innerhalb der vatikanischen Mauern lebt – Trost
und Beistand suchen. Jeder weiß es, keiner spricht
die Peinlichkeit laut aus. Nur Franziskus. Der sagte
gen, als etwa Heavy Metal oder Rockmusik. Man
erhofft sich durch den Einsatz dieser Musik eine
gewisse gesellschaftliche Resonanz.
ZEIT: Manche Anaschid wirken geradezu kitschig.
Ist das die typische Dschihad-Romantik?
Said: Wie jede Ideologie muss auch der Dschihadismus in konsumierbare Päckchen verpackt werden. Emotionen zu erwecken spielt dabei eine
wichtige Rolle. Über Gesang wird ein Gruppenzusammenhalt suggeriert und dann tatsächlich
auch hergestellt. Wenn sich jemand aus Deutschland zum Kämpfen auf den Weg nach Syrien
macht, dann folgt er oft auch einer Sehnsucht, die
die Aufnahmen von singenden Mudschahedin am
Lagerfeuer mitausgelöst haben können.
ZEIT: Es gibt dschihadistische Anaschid, die in
klassischen arabischen Versmaßen gearbeitet sind.
Daneben stehen ungelenke deutsche Zeilen des
beim IS aktiven Berliner Ex-Rappers Deso Dogg
alias Denis Cuspert, die zum Beispiel so gehen:
»Euer Ende nähert sich, verkrüppelte Soldaten,
Augen gingen verloren, Körper ohne Beine, wir
wollen euer Blut.« Da tut sich eine Kluft auf.
Said: Literarisch und musikalisch sind solche deutschen Gesänge ohne Zweifel minderwertig. Aber
das ist nicht entscheidend. Hier geht es um Authentizität, und da ist die Szene wenig wählerisch.
ZEIT: Werden durch Anaschid auch Ideologie und
Wissen vermittelt?
Said: Ja, sie sollen Ideologie-Transmitter sein.
Manche Anaschid-Sammlungen haben Vorworte,
aus denen das klar hervorgeht. Der Topos der
Gotteskrieger als Avantgarde des Islams ist ein
Ideologieversatzstück, das immer wieder besungen wird.
ZEIT: Spielen Anaschid eine Rolle bei der Radikalisierung?
Said: Beabsichtigt ist das in jedem Fall. Messen
kann man es nur schlecht. Aber nehmen wir zum
Beispiel Samir Khan, einen mittlerweile getöteten
US-Bürger, der Mitglied bei Al-Kaida im Jemen
war und für das dschihadistische Onlinemagazin
Inspire schrieb. Khan hat in einem Text einmal die
Emotionen beschrieben, die das Anhören von
Anaschid bei ihm ausgelöst hat. Er beschrieb, wie
er in einem Jeep durch die Wüste fuhr, den Wind
auf dem Rückflug von Armenien nach Rom: Er
höre, dass »einige Leute« in den Vatikan gingen,
um sich bei Benedikt über ihn zu beklagen. Doch
dieser, weise, schicke sie weg. Die italienische
Tageszeitung La Repubblica zitierte Franziskus im
Wortlaut: »Er hat die Tür für den neuen Papst geöffnet. Aber es gibt nur einen Papst!«
Das musste gesagt werden, weil der deutsche
Präfekt des päpstlichen Hauses, Georg Gänswein,
zuvor öffentlich über ein doppeltes Papsttum philosophiert hatte, dann revidierte er sich. Das hätte
einen Riesenskandal geben können. Oder (aus
Sicht der Franziskus-Gegner noch besser) Zwist
zwischen den Chefs. Aber da rechneten sie nicht
mit dem machtpolitischen Geschick des Barmherzigkeitspapstes. Eine seiner schärfsten Waffen ist
seine Offenheit: Er sagt, was ist. Gern unterwegs,
im Flugzeug, aber auch im Vatikan. Lächelnd
spricht er aus, worüber die anderen schweigen –
und entwaffnet sie.
in den Haaren, und dabei ein Loblied auf Osama
bin Laden hörte.
ZEIT: Bitte noch ein Beispiel.
Said: Die Mitglieder der sogenannten Frankfurter
Zelle, die im Jahr 2000 einen Anschlag auf einen
Weihnachtsmarkt in Straßburg und eventuell auch
auf eine Synagoge geplant hatten, hörten im Auto
stets Anaschid. Andere Terroristen hörten Anaschid beim Zusammenbauen eines Sprengsatzes.
Die Songs sind also mindestens eine Begleitmusik
der Radikalisierung. Natürlich gibt es radikale
Musikstile auch in ganz anderen Bereichen, etwa
im Rechtsextremismus.
ZEIT: Sie sind Verfassungsschützer. Würden Sie
sagen, es ist ein Alarmzeichen, wenn jemand
dschihadistische Kampflieder hört?
Said: Ja, definitiv. Man kann aus den angehörten
Liedern Rückschlüsse auf den Grad der Radikalisierung ziehen, aber auch darauf, ob jemand eher
dem IS oder eher Al-Kaida zuneigt.
ZEIT: Wäre es sinnvoll, Anaschid zu verbieten?
Said: Einige deutsche Anaschid sind durch die
Prüfstelle für jugendgefährdende Medien bereits
indiziert worden. In Zeiten des Internets sind
Verbote allerdings schwer durchzusetzen.
ZEIT: Wie produziert der IS eigentlich Anaschid
unter den Bedingungen eines Krieges in Syrien
oder im Irak?
Said: Nicht alle Anaschid, die Gruppen wie alKaida oder der IS einsetzen, wurden auf den
Schlachtfeldern produziert. Es gibt auch NaschidDichter und -Sänger andernorts, zum Beispiel auf
der Arabischen Halbinsel, deren Hymnen im Tonstudio aufgenommen wurden. Auch im Irak und
in Syrien gibt es trotz des Krieges professionelle
Möglichkeiten, solche Aufnahmen zu machen.
ZEIT: Sind Anaschid eine eigene dschihadistische
Subkultur?
Said: Ja, und die Subkultur ist mittlerweile vollständig und global ausgeprägt. Sie erlaubt es ihren
Anhängern, sich in einer ganz eigenen Welt zu
bewegen. Ich glaube, dass diese Kultur wichtiger
ist für den Erfolg des Dschihadismus als seine zugrunde liegende Ideologie.
Das Gespräch führte Yassin Musharbash
Lächelnder Machtpolitiker
Bergoglio, kurz vor dem Abflug
Illustration: Smetek für DIE ZEIT
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30. J U N I 2016
A N S AG E
Warum wir reisen müssen
Reisen
»Für das
gibt es keinen Ersatz.
Zu Hause sind andere die Fremden,
unterwegs sind wir es selbst«
Foto: Birgit Reitz/Prisma [M]; Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag (r.u.)
I
ch glaube an das Reisen. Zu diesem
Satz habe ich mich neulich in einer
Diskussion unter Freunden hinreißen
lassen. Es ging um die Angst in Zeiten
von Terroranschlägen und Reisewarnungen, und ich wollte die vielen Gegengründe, die ich nicht entkräften
konnte, wenigstens an ihren Platz verweisen. Dass sich Touristen in manchen Ländern nicht mehr sicher fühlen, kann ich verstehen. Ich weiß auch,
dass immer mehr Strände mit Hotels
zugebaut werden und Golfplätze in
unberührter Natur entstehen. Es gibt
gute Gründe, zu Hause zu bleiben,
manchmal liegt es schlicht am fehlenden Geld. Trotzdem glaube ich an das
Reisen. Wahrscheinlich weil ich damit
erwachsen geworden bin.
Meine erste Reise habe ich mit achtzehn unternommen. Zusammen mit dem
Freund meiner Schwester, die typische
Initiation ins eigenständige Unterwegssein: Interrail. Über Paris an die Côte
d’Azur, von Nizza nach Rom und weiter
zur Küste von Apulien, dann übers Meer
nach Korfu. Zusammen mit anderen
Rucksacktouristen saßen wir nachts an
Deck der Fähre, ich hörte zum ersten Mal
Losing my Religion, und nichts wäre
glaubwürdiger als die Behauptung, es sei
toll gewesen. War es aber nicht. Ich fühlte mich nicht frei, sondern verloren.
Größer als meine Neugierde waren Unsicherheit und ein peinliches Gefühl aus
der Kindheit: Heimweh, jene Einsamkeit
in der Fremde, gegen die der schönste
Sonnenuntergang nichts ausrichten kann.
Vielleicht hatte es mit meiner Herkunft zu tun. Kindheit und Jugend
habe ich in einer hessischen Kleinstadt
verbracht, in einem Haus, in dem meine Eltern bis heute wohnen. Ich weiß,
wo mein Zuhause ist, und ich liebe es,
aber inzwischen lebe ich mit meiner
taiwanischen Freundin am Stadtrand
von Taipeh. Da die Grammatik keinen
Plural erlaubt, spreche ich von meinem
zweiten Zuhause. Auch das liebe ich.
Zwischen beiden liegen Welten, zehntausend Kilometer, ein langer Weg im
wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
An meinen ersten Aufbruch nach
Asien erinnere ich mich gut. Nach vier
Semestern Philosophie-Studium in Berlin und ohne über China mehr zu wissen,
als jeder weiß, bewarb ich mich um ein
Stipendium in Nanking. Ich wolle mich
mit chinesischer Philosophie beschäftigen, behauptete mein Antrag etwas großspurig. Es war ein wagemutiger Schritt,
beinahe eine Selbstüberrumpelung. Bisher war ich nie länger als ein paar Wochen
aus Deutschland fort gewesen. Als der
Brief kam, in dem man mir zum Stipendium gratulierte, war ich geschockt. Aus
der vagen Fantasie von Reisen in Asien
wurde die Aussicht auf eine einjährige
Trennung von meiner damaligen Freundin. Der Abschied fiel mir schwer. Ich
hatte keine Ahnung, was mich in China
erwarten würde.
Die Fremde ist jener Teil der Welt, in
dem wir uns nicht auskennen und uns
folglich unsicher und angreifbar fühlen.
Wir verstehen die Sprache nicht, die
Sitten sind uns unvertraut, wir sind auf
Hilfe angewiesen, ohne zu wissen, ob
jemand es gut mit uns meint. Zu reisen
verlangt die Bereitschaft, sich einem Ri-
VON STEPHAN THOME
siko auszusetzen, und wir tun es, weil
Fremdheit zwar bedrohlich, aber gleichzeitig verlockend ist. Nur wer die Angst
bezwingt und das Bedürfnis nach vertrauter Umgebung suspendiert, wird den
Gewinn genießen, den wir uns vom
Reisen erhoffen. In kognitive Verwirrung
zu geraten ist Teil der Erfahrung.
Trotz zweier Sprachkurse in Deutschland verstand ich in Nanking anfangs
kein Wort. Von den tausend Schriftzeichen auf Schildern und Speisekarten
konnte ich nur ein paar Dutzend lesen.
Auf der Straße starrten Menschen mich
an und zeigten mit dem Finger auf mich.
Nie zuvor hatte ich eine Hitze erlebt, wie
sie im Sommer über dem unteren Jangtse-Tal hängt. Aus Deutschland kannte
ich Baustellen, in China wurden ganze
Städte umgepflügt. Neben den Baugruben campierten Heerscharen von Arbeitern. Mit einem zwei Jahre alten Stadtplan von bestenfalls
historischem Wert
erkundete ich die
fremde Umgebung.
Nach einer Woche begann der Unterricht, und nach
einem Semester gab
ich ihn auf. Statt im
Chor die Sätze zu
wiederholen, die
der Lehrer uns vorsagte, ging ich auf
Reisen. Ich wollte
nicht nur die Sprache lernen, sondern
China erkunden.
Mit Zug und Bus
fuhr ich in die abgelegensten Winkel
des Landes, an die
Grenze zu Myanmar und Vietnam,
durch die Berge von
Sichuan und hinauf
nach Tibet. Es gab
Momente, in denen
ich an der Sprachbarriere verzweifelte, das Essen nicht vertrug oder das
verdreckte Kopfkissen einer Pension in
Plastiktüten packen musste, um darauf
schlafen zu können. Und es gab andere,
in denen ich glücklich auf endlose
Reisfelder schaute oder von gastfreundlichen Chinesen zum Tee eingeladen wurde.
Fremdheit ist keine Eigenschaft einer
Person oder eines Ortes. Sie spiegelt die
Empfindung von Distanz zwischen dem
eigenen und dem anderen, dem Vertrauten und dem Neuen. Viel später, in
einer Doktorarbeit über konfuzianische
Philosophie, habe ich zu zeigen versucht,
dass unser Selbstverständnis der Herausforderung durch das Fremde bedarf, um
seine Selbstverständlichkeit zu verlieren.
Was selbstverständlich ist, weil es immer
so war, bleibt dem bewussten Hinterfragen entzogen. Es liegt in jenem toten
Winkel, in dem auch Vorurteile gedeihen: Urteile über die Welt, bevor wir sie
angeschaut haben. Mein Aufenthalt in
China hat mir damals eine neue Welt eröffnet und mich an das herangeführt,
worin ich bis heute den Sinn des Reisens
sehe: die Erfahrung von Fremdheit mitsamt der erfrischenden Verwirrung, die
sie auslösen kann; der Versuch, etwas zu
verstehen, das sich unserem Verständnis
zunächst entzieht; die Entdeckung, dass
sich die Distanz verringern lässt und wir
dabei etwas über uns selbst lernen.
Für mich kam diese Erkenntnis
nicht schlagartig, sondern allmählich.
Etwas begann sich unterwegs zu verändern. Mein Chinesisch wurde besser,
ich redete mit Taxifahrern und Mönchen und erfuhr mehr über das Land,
als ich im Unterricht hätte lernen können. Vieles von dem, was ich sah, blieb
mir unverständlich, aber vor allem war
es spannend. Seitdem bin ich oft durch
China und andere Länder Asiens gereist. Vor jedem Aufbruch gibt es einen
Widerstand, den ich überwinden muss,
dafür bietet jede Reise Erlebnisse, auf
die ich für nichts in der Welt verzichten
würde. Manchmal sind sie auf den
ersten Blick ganz unscheinbar.
»Reisen verlangt
die Bereitschaft,
sich einem Risiko
auszusetzen«
Nach einem Studienjahr in Japan fuhr
ich 2002 mit dem Schiff von Osaka nach
Shanghai und von dort weiter nach Westen, am Hochplateau des Himalaya vorbei und durch die riesige TaklamakanWüste bis in den zentralasiatischen Teil
Chinas. In der Wüste fuhr der Bus drei
Tage lang geradeaus, durch eine verstaubte Landschaft ohne Hinweis auf Leben.
Die Sitze waren unbequem, ich hatte
Sand in den Ohren und seit mehreren
Tagen nicht geduscht. Der Mann neben
mir sagte vier oder fünf Stunden lang
kein Wort, bis er sich plötzlich zu mir
umdrehte und fragte: »Was machst du
hier? Es gibt nichts.« Er wollte seine Familie in Kashgar besuchen, ich bin einfach gereist. Durch die weiteste, leerste
Landschaft, die ich je gesehen hatte. Dass
ich nirgendwo anders sein wollte, konnte ich meinem Sitznachbarn nicht vermitteln. Das Privileg des frei gewählten
Fremdseins, das ich genoss, war ihm
unbekannt.
Wenn ich sage, dass ich trotz allem an
das Reisen glaube, meine ich: Es gibt
dafür keinen Ersatz. Was ich in Kashgar
über das Leben der Uiguren gelernt habe,
hätte mir eine Fernsehdokumentation
vielleicht präziser vermitteln können,
aber die Frage nach dem Wozu des Reisens ist falsch gestellt, wenn sie das Erleben ausblendet. In der Fremde sind wir
aufmerksamer, sehen mehr und hören
genauer hin. Statt in den vorgegebenen
Bahnen des Alltags bewegen wir uns auf
unbekanntem Terrain. Tastend, voller
Spannung, staunend.
Vielleicht wird es heutzutage immer
schwieriger, etwas zu erleben. Wo jedes
alltägliche Ereignis zum Event hochgejubelt wird, das man nicht verpassen
darf, beschleicht uns das schale Gefühl,
alles schon mal gesehen und erlebt zu
haben. Mindestens waren wir auf Facebook dabei, als Freunde es erlebt haben.
Schwankend zwischen Erlebnishunger
und Abgeklärtheit, glauben manche,
dass sich der Aufwand des Reisens
nicht mehr lohne. Wer doch aufbricht,
steht sich im entscheidenden Augenblick oft selbst im
Weg, buchstäblich:
Vor jeder Touristenattraktion in Asien
stehen Menschen
und knipsen sich
selbst.
Die kleine Stange, an der man ein
Smartphone befestigt, um sich selbst
zu
fotografieren,
heißt auf Chinesisch zipai shenqi
und bedeutet so viel
wie »genialer Apparat für Selfies«. Ob
sein Siegeszug von
Genialität zeugt,
weiß ich nicht, aber
auch ohne Stange
erscheint mir das
Selfie symptomatisch für unsere
heutige Zeit zu sein:
Wir drohen das
Reisen zu verlernen,
weil wir das Erleben
verwechseln mit der
Inszenierung von Erlebnissen. Statt uns
einer fremden Umgebung auszusetzen,
setzen wir uns in ihr in Szene. Statt
Orte zu entdecken, machen wir sie zur
Kulisse unserer Selbstbespiegelung.
Aus der erhellenden Verwirrung, in die
wir in der Fremde stürzen können,
wird die fröhliche Beliebigkeit unseres
Lächelns vor wechselnden Hintergründen.
Ist das ein Gedanke für Spielverderber? Vielleicht. Ich kann aber
nicht an das Reisen glauben, ohne davon überzeugt zu sein, dass es wichtig
ist. Ich musste es erst lernen, bevor ich
es genießen konnte, und wenn ich heute zurückschaue, sehe ich mehr als eine
Abfolge von Etappen: Aus den vielen
Wegen, die ich gegangen bin, wurde
der eine, den ich gekommen bin. Er
besteht aus Erfahrungen und Erlebnissen, die ich nicht missen möchte, auch
wenn manche unangenehm waren.
Als mir 2010 in Delhi der Pass geklaut
wurde, musste ich zur Ausländerpolizei,
um ein Ausreisevisum zu beantragen. Eine
solche Behörde hatte ich noch nie gesehen. Es gab zwei Schalter, einen für Afghanen, einen für den Rest. Afghanen,
angeblich die größte Ausländergruppe in
Indien, sah ich nur wenige, dafür zog sich
die Schlange für alle anderen durch mehrere Flure. Vor mir stand ein Student aus
Mali und sagte, es sei sein vierter Tag. An
den ersten dreien war die Öffnungszeit zu
Ende, bevor er den Schalter erreicht hatte.
Zu den Gedanken, die mir in den
nächsten Stunden durch den Kopf gingen, bekenne ich mich ungern. »Das
können die mit mir nicht machen, ich
bin Deutscher!« Ich wollte das nicht
denken, aber ich habe es gedacht. Zum
Glück gab es niemanden, dem ich es
hätte sagen können. Nach fünf Stunden
erreichte ich den Schalter. Die Frau dahinter aß Kartoffelchips aus einer großen
Tüte. Zehn Minuten lang würdigte sie
mich keines Blickes. Als die Tüte leer war,
stöhnte die Frau demonstrativ auf und
stempelte den Antrag.
Meine Freundin mag die Geschichte. Mit ihrem taiwanischen Pass muss
sie auf vielen Flughäfen skeptische Fragen beantworten und beweisen, dass
sie nicht vorhat zu bleiben. Für mich
war es das erste Mal, dass mir ein Status
vorenthalten wurde, den ich mir angewöhnt hatte, normal zu finden.
Zu Hause sind andere die Fremden,
unterwegs sind wir es selbst. Das kann
befreiend oder beklemmend, beglückend oder bedrohlich sein. In jedem
Fall ist es lehrreich. Es eröffnet kleine
Einsichten und setzt Denkprozesse in
Gang, die unser Weltbild erweitern.
Oft bewirkt es eine Veränderung, die
uns erst bewusst wird, wenn wir zu
Hause fragwürdig finden, was vorher
selbstverständlich war.
Die Rückkehr von meiner ersten
China-Reise war so verwirrend wie die
Ankunft ein Jahr zuvor. Die Beziehung
zu meiner Freundin hielt nicht mehr
lange. Freunde konnte ich mit Reiseanekdoten unterhalten, aber was die Erfahrung für mich bedeutete, wusste ich
nicht. Inzwischen pendele ich zwischen
zwei Erdteilen und Sprachen. Jeder Aufbruch ist zugleich eine Rückkehr. Dabei
entsteht eine Übersetzung, die jeder
Reisende leisten muss: das Fremde in eigene Begriffe fassen, dem Erlebten einen
Sinn geben und ihn mit anderen teilen.
Diese Übung erscheint mir unverzichtbar
in einer Welt, deren kulturelle Unterschiede immer größere Konflikte verursachen, obwohl sie von der Globalisierung
angeblich eingeebnet wurden.
Vom chinesischen Schriftsteller Lu
Xun stammt die Einsicht, dass Wege erst
entstehen, wenn jemand sie geht. Bevor
man ihnen folgen kann, müssen sie gebahnt werden, aber beides geschieht gehend, und der Gehende selbst weiß
manchmal nicht, ob er das eine oder das
andere tut. Vielleicht spielt es auch keine
Rolle, solange es Neugierde ist, die uns
antreibt. Dann ist das Reisen eine vielleicht mühsame Art der Fortbewegung,
die mit Sicherheit ans Ziel führt. Immer
wieder. Der endlose Umweg, für den es
keine Abkürzung gibt.
www.zeit.de/audio
Stephan Thome, 43,
Schriftsteller, schrieb die
Romane »Grenzgang«,
»Fliehkräfte« und »Gegenspiel«
D I E Z E I T No 2 8
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D I E Z E I T No 2 8
SAMY DELUXE SIEHT IN
GLÜCKLICHE MÄNNERGESICHTER
Silvester 1999 habe ich meinen ersten Trip
in die USA gemacht – nach San Francisco,
wo die Mutter meiner damaligen Frau lebte.
In Hamburg bin ich als Hip-Hop-Fan mit
der amerikanischen Kultur aufgewachsen.
Schon deshalb fand ich es spannend, sie
jetzt mal live zu erleben. Ich habe dort
natürlich Hip-Hop-Klamotten gekauft,
endlich in den richtigen Übergrößen, und
mich beim Burger-Essen über die ganzen
Optionen gewundert: Wie soll das Fleisch
sein? Welcher Käse? Noch ein Belag extra?
Richtig neu war für mich, wie bunt eine
Stadt sein kann. Wir wohnten oben am
Hügel des Castro-Viertels, mitten in der
Regenbogenfahnengegend. Ich fand es
cool, als Heterosexueller dieser Kultur zu
begegnen, von der ich zu Hause wenig
gesehen hatte – als Jugendliche haben wir
die homosexuelle Community nur auf den
Sex reduziert. Wir haben jeden Morgen in
einem Café gefrühstückt, das ein schwules
Paar betrieb. Viele Stammgäste haben aus
ihrem Urlaub Fotos an die beiden geschickt,
und jeden Morgen sah ich so beim Kaffee
in lauter glückliche Männergesichter:
Riesenberserkertypen mit Bärten und
muskulösen Armen, die am Strand lagen
oder in den Bergen kletterten. Da habe ich
das ganz Normale dieser Beziehungen
gesehen – dass es einfach Menschen sind,
die sich lieben. Und ich habe kapiert,
dass ich mich mal ein bisschen lockerer
machen sollte.
Das hat uns
verändert
Unterwegs stoßen wir auf Dinge, die uns die Augen öffnen.
Neun Prominente – neun bleibende Erinnerungen
Samy Deluxe, 38, Rapper
ANTON HOFREITER ERLEBT
EINEN SCHOCK IM GEBIRGE
So leuchtende Farben wie in der
peruanischen Cordillera Blanca habe ich
sonst noch nirgendwo gesehen. Die Sonne
steht dort viel steiler und lässt alles intensiver
strahlen: Du kletterst einen Viertausender
hinauf und blickst auf blendend weiße
Gletscher vor tiefblauem Tropenhimmel.
Und in 4500 Meter Höhe wachsen noch
wunderschöne Blumen. In den Neunzigern
war ich mehrmals dort. Ich forschte über
südamerikanische Pflanzen. Unterwegs im
Gebirge plauderte ich mit den Bauern, die
ihre kleinen Felder bestellten. Sie erklärten
mir: Es regnet in den Tälern Richtung
Küstenwüste fast nie, aber wir haben ja die
Gletscher, deren Sommerschmelzwasser in
unsere Bewässerungsgräben fließt.
2013 war ich wieder in Peru, als Tourist.
Und war geschockt: Mit bloßem Auge
konnte ich sehen, wie stark die Gletscher
zurückgegangen waren. Auch die Bauern
sagten mir: Das Wetter ändert sich. Da
begreift man, was für eine Verantwortung
wir haben. Wir in den reichen Ländern
blasen massenhaft CO₂ in die Luft. Und in
naher Zukunft verdorren diesen Bauern
dann ihre paar Pflanzen. Ich stand da, mit
flauem Gefühl im Bauch, und dachte:
Wir müssen handeln, sofort.
CHRIS DERCON MISST SICH MIT EINER ECHSE
Auf dem Archipel Fernando de Noronha ist alles übergroß: die Wellen,
die ans Ufer schlagen, die Fische im Wasser, die Reptilien. Einmal bin ich am
Strand eingeschlafen, und als ich aufwachte, lag neben mir eine Echse, so
lang wie ich! Selbst die Pflanzen sind riesig, ihre Blüten, ihre Blätter, die Inseln
wirken überladen mit Chlorophyll.
Der Archipel liegt 545 Kilometer vor der Küste Brasiliens. Ein wilder Flecken,
entdeckt von Portugiesen, später hat Charles Darwin ihn bereist. Ich war
dort 2003. Eigentlich bin ich hingeflogen, um eine Ausstellung über Frans Post
vorzubereiten – einen niederländischen Künstler, der als erster Europäer Brasiliens
Landschaft gemalt hat. Aber ich verlor mich zwischen den unwirklichen
Erscheinungen ringsum. Jeden Tag sah ich Massen von Walen, Delfinen,
Chamäleons, rätselhaften Reptilien und Pflanzen, die Insekten verschlangen –
und nachts geisterten sie durch meine Träume.
Ich hatte damals gerade Michel Leiris gelesen, einen französischen Schriftsteller
und Ethnologen. Leiris schreibt: Reise, aber reise nicht zu viel. Auf den Inseln
merkte ich, wie recht er hat. Wie aufregend es ist, eine neue Welt zu entdecken.
Dass man aber auch Zeit braucht, die Erlebnisse in sich aufzunehmen und
zu verarbeiten.
JUDITH HOLOFERNES SCHREIBT SICH IN EINEN RAUSCH
Vergangenes Jahr bin ich spontan auf die Färöer-Inseln gefahren, um einen
befreundeten Musiker zu besuchen. Im Juni herrschen dort oben im Norden ganz
besondere Lichtverhältnisse: Wegen der Mitternachtssonne ist auch nachts alles
in ein silbriges Dämmerlicht getaucht. Wenn die Besoffenen frühmorgens aus
den Kneipen der Hauptstadt Tórshavn taumelten, war es beinahe schon wieder
taghell. Dadurch hatte die Szene was von der Zombieserie The Walking Dead.
Ich habe wenig geschlafen. Auch weil es den Färingern schnurz ist, ob sie
Vorhänge an den Fenstern haben oder transparente Seidensaris wie mein
Gastgeber. Die latente Müdigkeit und das surreale Licht versetzten mich
in einen fast meditativen Geisteszustand. Gleichzeitig spürte ich eine
wahnsinnige Energie. Das lag an der Natur um mich herum: Es gab sanft
rollende Hügel, raue zerklüftete Klippen, und besonders schön fand ich die
Felsnadeln, die aus dem Meer herausragen. Dazu erinnerte mich die
Landschaft an Mittelerde, weil überall kleine flache Häuser mit Grasdächern
aus der Erde wuchsen. Diese gewaltige Umgebung hat mich ungemein
inspiriert, wir haben Lieder geschrieben wie in einem Rauschzustand!
Fotos: privat
KATHARINA WACK ERNAGEL
STELLT SICH INTIMEN FRAGEN
MAX HOLLEIN LERNT
DEN VATER NEU KENNEN
Der Altausseer See ist umfangen von
hohen Bergen. Es gibt dort nur einen
einzigen Ort, Altaussee. Meine Eltern
liebten diesen idyllischen Fleck im
österreichischen Salzkammergut. Sie
mochten auch, dass er Kulturschaffende
anzog – auf der Straße begegnete man
Klaus Maria Brandauer, Marcel
Reich-Ranicki oder dem Regisseur
Hans Neuenfels. Wir fuhren jeden
Sommer hin.
Als Kind war ich davon nicht so
begeistert. Es regnete viel, das Wasser
war kalt. Es gab keine Segelboote, keine
Surfer. Wir unternahmen jedes Jahr
dasselbe: eine Elektrobootfahrt, eine
Bergtour, eine Wanderung. Damals
wäre ich lieber mal nach Italien an
den Strand gereist.
Erst als ich den See mit meiner Frau
besuchte, entdeckte ich seine wirkliche,
beruhigende, romantische Schönheit –
dass man vom Ort auf nichts als
Wasser und Felswände schaut. Und
wenn Gewitter aufziehen, reflektieren
die Berge den Schall, das hat was
Theatralisches. Ich fand es auch nicht
mehr zu kühl, sondern dachte:
Angenehm, diese Sommerfrische.
Solange mein Vater Hans noch lebte,
waren wir jedes Jahr mit ihm in
Altaussee. Vor zwei Jahren ist er
gestorben. Heute bin ich dankbar für
die gemeinsame Zeit dort. Mein Vater
hat seinen Beruf als Architekt gelebt
und geliebt, zu Hause war er im Kopf
sieben Tage die Woche damit beschäftigt.
Aber in Altaussee ist er zur Ruhe
gekommen – und so konnte ich Familie
anders erleben als daheim: Wir waren
aufeinander bezogen, ohne große
Ablenkung. Im Andenken an meine
Eltern haben meine Schwester und ich
am See eine Bank aufstellen lassen.
Und wir wollen weiter jedes Jahr nach
Altaussee reisen.
Sandra Maischberger, 49, Journalistin
und Moderatorin
Katharina Wackernagel, 37,
Schauspielerin
MARGOT KÄSSMANN WIRD
ZU TRÄNEN GERÜHRT
SANDRA MAISCHBERGER
BEGEGNET DER ANG ST
Mit 19 oder 20 flog ich zum ersten Mal nach
Thailand. Noch im Flugzeug hielt ich mich
für reiseerfahren. Immerhin war ich schon
mal mit einem altersschwachen Leihwagen
durch die Wüste Colorados gefahren. Dann
stieg ich in Bangkok aus, und es haute mich
fast um: Ich hatte das Gefühl, ich stehe in
einem Dampfbad. Und erst der Verkehr! Man
sah vor lauter Autos, Tuk-Tuks, Lastwagen
und Mofas nicht, wo eine Fahrbahn aufhörte
und die andere anfing.
Am meisten bewegt hat mich aber ein
Erlebnis in Chiang Rai, Nord-Thailand.
Dort übernachtete ich in einer kleinen
Hütte, mitten im Urwald. Vor dem
Einschlafen fiel mir noch der Lärm auf:
Draußen brummte, summte, kreischte es.
Dann wachte ich später in der Nacht wieder
auf – und musste mal raus. Ich knipste
die Taschenlampe an, leuchtete in die
Dunkelheit. Und sah nicht einen Fleck,
an dem sich nichts bewegt hätte. Ich hatte
nur Schlappen an, bei jedem Schritt
knirschte es unter den Sohlen. Ich wagte
nicht, mich an einem Baum festzuhalten,
weil ich ja nicht wusste, was da alles
krabbelte. Nie hätte ich gedacht, dass
die Natur mich so ängstigen kann. Und
zugleich war ich von ihr fasziniert: Diese
schiere Lust am Erschaffen zu erleben,
das war für mich ein überirdischer Moment.
Die Tour hat meine Begeisterung für den
Urwald geweckt – und mich furchtloser
gemacht. Wieder zu Hause, dachte ich:
Unsere Spinnen sehen so harmlos aus.
Mein Onkel hat eine Zeit lang in Mali
gelebt. Vor vier Jahren habe ich ihn in
Bamako besucht, einer riesengroßen,
flachen Stadt. Die Menschen dort
wohnen in Ziegelsteinhäusern, die
aussehen wie Rohbauten ohne
Fensterscheiben. Ich dachte beim
ersten Anblick, o je, die sind alle noch
nicht fertig. Dabei braucht man in
Bamako einfach keine Scheiben, weil es
das ganze Jahr über heiß ist, man
benötigt nur ein Dach über dem Kopf,
wenn es regnet. Eingerichtet sind
die Wohnungen spartanisch, eine
Matratze liegt auf dem Boden, dazu
ein paar Sitzkissen.
Das eigentliche Leben findet auf der
Straße statt: Die Kinder spielen vor
der Tür, die Frauen kochen an
Feuerstellen, die Männer diskutieren
am Straßenrand. Komm, wir machen
eine kleine Runde, hat mein Onkel
am ersten Abend gesagt. Wir kamen
aus dem Grüßen gar nicht mehr raus:
Ça va? Ça va bien?
Am Samstag hat mein Onkel dann
seine Boxen auf die Straße gestellt und
Gitarre gespielt, die Nachbarn haben
mitgemacht, und viele haben sich mit
mir unterhalten: der Taxifahrer von
nebenan, der Fotograf, der in seinem
Studio fast nur Hochzeitspaare
porträtiert, der Arbeiter, der um die
Ecke im Steinbruch arbeitet. Wie geht
es deiner Mutter?, fragten sie mich, und:
Was, noch keine Kinder? Noch nicht
verheiratet, um Himmels willen!
Und alle waren sie ungemein herzlich.
Die Reise hat mir die Augen geöffnet,
wie abgeschottet wir in Deutschland
wohnen: Wir kennen unsere Nachbarn
kaum noch, fragen uns höchstens,
wer wieder die Haustür offen gelassen
hat, und ziehen uns in die sorgsam
ausgewählte Inneneinrichtung zurück.
Max Hollein, 46, leitet das Fine Arts
Museum in San Francisco
Chris Dercon, 58, ist bis 31. August 2016 Emeritierter Direktor der Tate Modern
in London. 2017 wird der Belgier Intendant der Volksbühne Berlin
Anton Hofreiter, 46, Botaniker und
Vorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion
Judith Holofernes, 39, Sängerin
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WA R U M W I R R E I S E N M Ü S S E N
ROBERT STADLOBER TRINKT SICH DURCH
Vor zehn Jahren lud ein Musiker aus Transnistrien mich und zwei
Freunde in seine Heimat ein. An der Grenze mussten wir erst einmal
Schmiergeld zahlen und zwei Dosen Mückenspray obendrauf legen.
Als wir dann aber mit unserem kleinen Bus das Dorf erreichten, in dem
die Eltern des Musikers wohnten, wurden wir wie der Kaiser auf
der Durchreise empfangen. Die Familie hatte ein gigantisches Buffet
aufgebaut, es gab eingelegten Fisch, Speck, Käse, Gemüse, die komplette
Verwandtschaft begrüßte uns mit selbst gebranntem Schnaps und führte
uns in den Weinkeller: Jede Familie dort keltert ihren eigenen Wein, ihn
mit dem Gast zu teilen gilt als höchste Ehrbezeugung. Wieder bei Tisch,
hielt alle fünf Minuten jemand einen Trinkspruch auf uns, nach zwei
Stunden waren wir hackebesoffen. Jetzt gehen wir in die Dorfkneipe, hieß
es, und das machten wir auch. Ich kann kaum Russisch, und keiner dort
sprach etwas anderes als Russisch. Trotzdem haben wir uns zehn Stunden
lang bei Bier und Schnaps über alles Mögliche unterhalten, von Lenins
Imperialismus-Thesen bis hin zur US-Außenpolitik. Keine Ahnung, wie
das ging, aber es war eine der aufregendsten Nächte, die ich je hatte.
Ich fühlte mich zum ersten Mal nicht als Tourist, sondern als Reisender,
so wie vor 300 Jahren: als man an einen fremden Ort kam und es beiden
Seiten um den neugierigen Austausch miteinander ging.
Robert Stadlober, 33, Schauspieler und Musiker
Die Ruine des Rana-Plaza-Gebäudes in
Dhaka, Bangladesch, habe ich durch
Zufall entdeckt: Im Februar reiste ich
durch Asien und unterhielt mich in
Dhaka mit einer Frau, die ich über die
Kirche kennengelernt hatte. Sie sagte:
»Sie sollten unbedingt Rana Plaza sehen
– die Textilfabrik, die vor drei Jahren
eingestürzt ist.«
Wir fuhren los, durch lärmenden
Verkehr, Rikschas, Mofas, Autos, Laster.
Dann kamen wir an einen Platz mit
einer Ruine aus Beton in der Mitte:
die Überreste der Fabrik. Vor den
Trümmern standen zwei junge Frauen
und ein älterer Mann, versunken wie in
eine Art Gebet. Ein Moment der Stille
in dieser tosenden Stadt. Ich wurde
selber ganz ruhig und dachte nach:
darüber, dass wir mitverantwortlich sind
für all die Toten. Weil wir T-Shirts für
fünf Euro kaufen und es uns egal ist,
wie und wo unsere Hosen genäht
werden. Und dass wir Katastrophen wie
diese viel zu schnell vergessen. An die
Rana Plaza erinnert sich bei uns keiner,
weil das Unglück in Banglasdesch
geschah – dabei gab es mehr als 1000
Tote und 2500 Verletzte.
Dann war es vorbei mit der Stille,
viele Leute kamen herbeigelaufen.
Alle wollten der Europäerin erzählen,
wie sie den Tag des Einsturzes erlebt
hatten. Sie freuten sich sehr, dass sich
jemand für ihr Schicksal interessierte.
Später besuchte ich noch ein Projekt
ein paar Häuser weiter. Dort können
die 600 Kinder, die bei der Katastrophe
ihre Mutter verloren haben, nach
der Schule spielen. Sie drängten sich
um uns, zwei hielten lange meine
Hand. Ein Mädchen stellte sich vor
mich hin und sang: We shall overcome.
Ich hatte Tränen in den Augen.
Gleichzeitig merkte ich, dass es eben
schlicht Kinder waren, die scherzten
und lachten, Kinder, die eine Zukunft
wollen. Der Platz und diese Kinder –
sie haben mich mehr beeindruckt als
alles, was ich auf dieser Asienreise
sonst noch sah.
Margot Käßmann, 58, Theologin
und Pfarrerin, zurzeit unterwegs
als »Botschafterin für das
Reformationsjubiläum 2017«
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Allein
unter der Sonne
Jetzt in die Türkei? Die Deutschen haben ihrem geliebten Urlaubsziel den Rücken gekehrt.
Was bedeutet das für die Gastgeber, und wie denken sie jetzt über uns? Ein Besuch in Alanya
TEXT: MICHAEL ALLMAIER, FOTOS: CHARLOTTE SCHMITZ
Türkische Urlauberin am Kleopatrastrand von Alanya
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D
er Junge sagt, er sei schon elf. Aber das mag
geschwindelt sein; er sagt auch, er heiße
Hermès. Er verkauft fast echte Markenkleidung in der Altstadt von Alanya. Wenn
jemand vorbeikommt, der nach Tourist
aussieht, klappert er eine Melodie mit den
Sohlen zweier Sandalen. »Come in, my
friend. Special price for you today!«
Im Laden ist keine Menschenseele bis auf
einen mürrischen jungen Mann; Hermès ist
sein Cousin. Zeitvergeudung, das alles hier,
sagt er. »Die Bomben in Istanbul versauen
mein Geschäft.« Er weiß noch nicht, dass in
drei Wochen ein Anschlag den AtatürkFlughafen treffen wird. Aber er hat an diesem Morgen von dem Attentat auf einen
Polizeibus gelesen. »Ich weiß nicht, wann ich
zuletzt was verkauft habe, heute jedenfalls
nicht.« Diesmal soll es klappen, das merkt
man ihm an. Er nimmt den Gürtel aus der
Hand des Kunden und kokelt ihn mit seinem Feuerzeug an. »Siehst du? Spitzenqualität! Kunstleder würde jetzt brennen.«
Eine halbe Stunde später ist er ihn los –
und außer sich vor Wut. Was der Kunde zu
zahlen bereit war, hat ihn entehrt und ruiniert.
Die üblichen Basar-Floskeln, aber ohne das
Lächeln, das sie sonst begleitet. »Wenn nicht
Ramadan wäre, ich würde dich ...«, der Händler drischt mit seinem Schuhlöffel in die Luft.
Zuletzt muss Hermès noch einmal ran. Er hält
die Hand auf und bettelt.
Erzählt man Alanyanern von diesem Vorfall, schauen sie einen ungläubig an. Nicht
wegen der Markenpiraterie oder der Kinderarbeit – beides natürlich verboten. Sondern
weil ein Verkäufer einen Touristen derart bedrängt hat. Dabei steht in der Stadt doch schon
das Anquatschen von Passanten unter Strafe.
Aber in diesem Sommer ist wenig, wie es war.
Alanya an der türkischen Riviera, Hochburg der Deutschen – hier passt diese Floskel.
Über dem Ort thront eine seldschukische
Festung. Sie gibt ihm eine Seele, die den benachbarten Retortenstädten wie Side oder
Belek fehlt. Darum kommen pro Jahr um die
150000 Touristen, ein Drittel davon aus
Deutschland. Und wegen des Kleopatrastrands, der gleich an die Altstadt angrenzt.
Hasan, der
Zeitungsverkäufer
Wer am Vormittag vom Burgfelsen zu ihm
herunterschaut, sieht ein langes Nagelbrett
vorm Blau des Mittelmeers. Tausende Sonnenschirme stecken im Sand, fast alle sind
geschlossen. Am Abschnitt hinter dem Fischlokal hat Ceyhun einen für sich selber aufgespannt. »Einen Sommer wie den«, sagt er,
»habe ich noch nicht erlebt.« Normalerweise
geht er von Liege zu Liege und kassiert die
bescheidene Miete, 4 Euro am Tag. Heute
pirscht er sich an die wenigen Strandspaziergänger ran: »Hallo, wir haben WLAN gratis.
Setz dich doch, ich richte es ein.«
Sein Kumpel Hasan kommt vorbei. Er ist
noch brauner als Ceyhun, was darauf hindeutet, dass sein Geschäft noch schlechter läuft.
Hasan verkauft Zeitungen. Mit einem Packen
unterm Arm läuft er die drei Kilometer Strand
auf und ab, bis alle verkauft sind. Er kann die
Volkskrant auf Niederländisch anpreisen und
das Aftonbladet auf Schwedisch. Dieses Jahr
nützt ihm das wenig. Etwas macht den Ausländern Angst, so sehr, dass viele von ihnen
fortbleiben. Was das sei? Hasan klopft auf
seinen Stapel: »Die Politik.«
»Politik« ist in Alanya das Sammelwort für
jene fernen Erschütterungen, die alles hier ins
Wanken bringen. In kaum vier Jahrzehnten
wuchs die türkische Riviera vom dünn besiedelten Küstenstreifen zur wichtigsten Urlaubsregion im östlichen Mittelmeer. Und
obwohl hier gar nichts vorfiel, erlebt sie nun
ihre tiefste Krise. Diesen Sommer werden 40
Prozent weniger Gäste als in den Vorjahren
erwartet. Die Folgen spürt man jetzt schon.
Hunderttausende Saisonarbeiter werden nicht
mehr gebraucht. Selbst die Bestatter, heißt es,
müssen Personal entlassen, weil Badeunfälle
seltener geworden sind.
Alanya ist noch übler dran; hier fehlt sogar
die Hälfte der Touristen. Das liegt zum einen
an den Russen, die gerne wie jedes Jahr kämen. Sie dürfen es bloß nicht mehr. Seit dem
Abschuss eines Militärflugzeugs im November
boykottiert Russland die Türkei. Und dann
eben die Deutschen; die wollen nicht mehr.
Viele sorgen sich um ihre Sicherheit. Sie änderten ihre Reisepläne, als im Januar deutsche
Urlauber in Istanbul starben, und noch einmal, als Islamisten am Brüsseler Flughafen
mordeten. Andere misstrauen dem politischen
Kurs des Landes. In Alanya erzählt man sich
von einem Deutschen, Stammgast seit dreißig
Jahren. Sein Gastgeber wollte ihn zum Dank
eine Woche gratis einquartieren. Seine Antwort: »Ich komme gerne, sobald Erdoğan
nicht mehr regiert.«
Hasan Sipahioğlu empfängt im Garten
seines Hotels Gardenia an der Promenade
hinter dem Kleopatrastrand. Er war 15 Jahre
lang Bürgermeister, zuletzt in Erdoğans AKP.
Vor allem aber war er der Mann, der Alanya
herausgeputzt hat. Während andere noch das
schnelle Geld aus dem Massentourismus abschöpften, ließ er die alte Festung sanieren,
Schwimmer haben diesen
Sommer freie Bahn
Radwege bauen, einen Strand barrierefrei
machen, samt schwimmenden Rollstühlen.
Er war es auch, der Alanya als »Klein-Deutschland« für Dauergäste bewarb. Ein Fehler?
»Nein. Wir sind mit den Deutschen gewachsen, nicht nur wirtschaftlich.« Er zeigt auf den
Brotkorb vor ihm: »Früher aßen wir alle das
Gleiche, jetzt haben wir so viele Sorten.« Davon essen mag er nicht – noch ist Ramadan.
Sipahioğlu glaubt an den Tourismus.
Schon als Junge half er seinem Vater im
ersten Souvenirladen der Stadt. Er habe viele Krisen erlebt. Auch diese lasse sich meistern. »Hat alles sein Gutes«, sagt er grinsend.
»Meine deutschen Gäste fragen vorm Buchen immer: ›Sind denn auch Russen da?‹
Diese Angst kann ich ihnen jetzt nehmen.«
Spaziert man vom Gardenia zu den Hotels
in zweiter Reihe, wird es beklemmend still.
Leere Pools, ungeputzte Fenster, verschlossene
Eingangstore. Viele Häuser überspringen die
Hauptsaison; vielleicht wird der Herbst ja
besser. Andere scheinen ins Koma gefallen zu
sein. Im Kleopatra Carina ist am Mittag die
Rezeption unbesetzt, ein Junge holt den Koch.
Der wühlt in zerknüllten Zetteln herum. Auf
einem muss die Preisliste stehen. Ach hier: 16
Euro die Nacht. Das ist kaum ein Drittel der
üblichen Rate. »Nur noch ein Zimmer zum
Sonderpreis«, behauptet der Koch. Am
Schlüsselbrett hinter ihm fehlt nicht ein einziger Schlüssel.
»Da war auch Fehlplanung im Spiel«, sagt
ein Hotelier, der nicht genannt werden möchte. Er zeigt von der leeren Terrasse vor seinem
Haus auf das entlegene Ende des Strandes, wo
die Bettenburgen sich bis an den Horizont
ziehen. »Die Regierung hat zu viele Neubauten abgenickt. Und weil die Häuser alle
gleich sind, konkurrieren sie über den Preis.«
Doch die Kunden, die man so gewinne, sei
man schnell wieder los. »Die meisten verlassen
kaum ihr Resort; denen ist egal, wo sie sind.«
Auf die Deutschen lässt er nichts kommen:
»Die sind pflegeleicht. Wenn du ihnen gibst,
was du versprochen hast, feilschen sie nicht
um Extras.« Dass sie ihn jetzt im Stich lassen,
hat er kommen sehen. »Machen wir uns nichts
vor: Die lesen Bild. Und da sehen sie immerfort diesen Mann.« Er blickt sich um, bevor
er den Mann beim Namen nennt. »Kaum
jemand hier kritisiert Erdoğan offen; die
Leute haben Angst.«
Unten am Kleopatrastrand gibt es als
deutsche Zeitung tatsächlich nur Bild. Man
muss nicht lang darin blättern. Auf Seite zwei
prangt ein Foto des türkischen Präsidenten.
Der Artikel gibt ihm eine Mitschuld an den
Morddrohungen gegen türkischstämmige
deutsche Politiker. Armer Hasan, da trägst du
aus, was deine Kundschaft verjagt.
Zum Glück macht die Mittagsschwüle
es schwer, sich in Rage zu lesen. In der Ferne
ziehen Ausflugsboote mit Totenköpfen vorbei – eine Erinnerung an die Anfänge
Alanyas als antikes Seeräubernest. In der
Nähe hüpft eine Frau im Bikini auf die
Wellen zu. Sie schreit: »Oioioioioioi!« Nicht
aus reiner Lebensfreude, der Sand brennt
unter den Füßen.
Ein junger Mann in Khaki marschiert
durchs Bild. Sein strammer Gang macht
den Autoritätsverlust durch Shorts mühelos
wett. Er heißt Ali Özgür. Der Tourismusverband bezahlt ihn, damit die Urlauber sich
sicher fühlen. Um Terror ging es dabei noch
nie, mehr um die alltäglichen Dinge: einheimische Jungs, die Frauen angaffen. Kinder,
die allein am Wasser spielen. Verkäufer ohne
Lizenz. Vereinzelt Taschendiebe.
Durch seine Sonnenbrille mustert Ali die
Liegen Reihe um Reihe. Alles ruhig. Eine
Mutter bläst ein Schwimmtier auf, während
der Liegenvermieter Ceyhun ihr WLAN
einrichtet. Ein Mann, der zu geizig war
für einen Schirm, schläft in der prallen
Sonne. Den sollte man lieber wecken.
An Alis Gürtel, hinter dem Sheriffstern, baumelt ein Paar Handschellen.
Braucht man die wirklich? »Klar, neulich
erst. Da wollte ein Russe sturzbetrunken
schwimmen gehen.« Nein, seine Frau
sorge sich nicht darum, dass er mal in
etwas Ernstes geraten könnte. »Die hat
bloß Angst, dass ich mit den Mädchen
hier flirte. Manchmal kommt sie kontrollieren.« Eine Norwegerin, er hat sie
bei der Arbeit kennengelernt.
»Ich komme aus Adıyaman«, sagt
Ali, einer Region nahe der syrischen
Grenze. »Da möchte man gerade nicht
sein. Hier in Alanya ist es herrlich.«
Morgen hat er frei. Dann legt er sich
selbst an den Strand. Die Brust soll auch
noch bräunen.
Zum Schichtwechsel steuert er ein
Häuschen an, das von außen wie ein
Geräteschuppen wirkt. Darin sitzt sein
Boss, ein Sicherheitsmann wie aus einem
B-Movie: eine Narbe quer über die
bärtige Wange, dazu ein Gesichtsausdruck, der Tee gefrieren lässt. Er zeigt auf
den Monitor, mit dem er den Strand im
Blick hat. »Zehn Kameras allein für diesen Abschnitt!« Was beim aktuellen Buchungsstand heißt: ungefähr eine pro
Gast. »22 Aufpasser arbeiten für mich.
Wann immer etwas vorfallen sollte, ist
einer von ihnen zur Stelle.« Im Vorjahr
waren es noch 30, erzählt Ali später.
An der Strandbar nebenan reckt Angelika aus Bayern ihren Arm. Keine Bestellung, sie will etwas zeigen: »Siehst du
meine Gänsehaut?« Es ist ein Affekt der
Rührung. Mustafa, der Barbesitzer, hat
gerade einen ausgegeben. Die pensionierte
Beamtin trinkt Kaffee mit Freunden, die
wie sie mehr oder minder hier leben.
Alanya hat um die zehntausend deutsche
Bewohner, mehr als Palma de Mallorca.
Elke aus Hamburg kommt seit 26 Jahren.
»Damals haben sie am Strand noch Bananen angebaut. In der ersten Kneipe hockten
wir auf Bierkisten, machten Party bis morgens und frühstückten mit dem Personal.«
Manches sei noch so wie damals. »Die
Herzlichkeit der Türken ...« – »Die Flexibilität«, ergänzt Angelika: »Die machen
mir Kohlrouladen.« Damit sie auch wie
zu Hause schmecken, lassen die Köche
sich von ihr Maggi aus Deutschland mitbringen. »Hier kannst du gut leben mit
deiner kleinen Rente«, sagt Jogi, ein Berliner mit einer Initialhalskette über dem
stattlichen Bauch. Natürlich bekommen
auch die Halbauswanderer von türkischen Verstimmungen und deutschen
Ängsten etwas mit. »Freunde meinten:
›Jetzt Türkei – bis du irre?‹«, erzählt Elke.
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Aber alle hier am Tisch haben ihre
Seite gewählt. Es ist die, auf der mehr
Sonne scheint. Angelika hat ihrem
Stammlokal frische Tischtücher gekauft,
»man muss den Leuten doch helfen«. Sie
lernt seit Jahren fleißig Türkisch und
mokiert sich über deutsche Touristen.
»Neulich lief eine rauf zur Straße, nur im
Höschen!« »Lass mal gut sein«, beschwichtigt Jogi, streng genommen auch
nur im Höschen.
Diese Leute lieben ihre Türkei. Bloß
ist das nicht jene urbane, moderne, auf
welche die Türken selbst stolz sind, sondern die einer traulichen Dorfgemeinschaft, wie sie allmählich verschwindet –
auch durch den Tourismus. Man muss
an Enzensberger denken, an seine Dialektik des Tourismus: »Die Tugend [der
Gastfreundschaft], die man beschwören
will, wird vernichtet, indem man sie in
Anspruch nimmt.« 1958, als er das
schrieb, war Alanya ein unbedeutender
Asthma-Kurort, und Vater Sipahioğlu
verkaufte den ersten Besuchern Souvenirs. Heute reiht sich ein Laden an den
anderen. Es gibt alles von Atemtherapie
bis zu glutenfreiem Brot. Aber noch immer trifft man auf Menschen wie jenen
Busfahrer, der einem das Fahrgeld lächelnd zurück in die Hand legt.
Tourismus mag verformen, wenn er
kommt. Er vernichtet, wenn er weiterzieht.
In den kleinen Läden an der Strandpromenade spürt man die Enttäuschung
am stärksten. Mustafa Kanilmaz steht vor
Laut, aber leer: Die
Clubs in der Neustadt
seinem Geschäft – alles für den Badegast
vom Zehnagelknipser bis zum SelfieStick. Mit seiner Sonnenbrille auf dem
schwarzen Hut strahlt er die Lässigkeit
eines erfahrenen Verkäufers aus. Er würde
sicher keinem Kunden mit dem Schuhlöffel drohen; aber verstehen kann er die
Anspannung bei vielen Kollegen doch.
»Die meisten von uns haben Festpreise;
das hier ist kein Bazar. Aber die Leute
wissen, wie es uns gerade geht, und sie
nutzen es aus.«
Eine ältere Frau in Rot bleibt stehen,
eine britische Exzentrikerin von kolonialem Auftreten. Ein Paar Badeschlappen
soll es sein. »Sie sind schmutzig, aber was
soll’s? Pack sie ein.« Kanilmaz verlangt
sieben Euro dafür, sie bietet vier, sie einigen sich auf fünf. »Du beraubst mich«,
meckert die Frau. Vor seinen Augen zählt
sie das Wechselgeld, dreht jede einzelne
Münze. Kanilmaz lächelt milde. Gekränkt sein ist ein Luxus, den er sich
nicht leisten kann. Das Problem, sagt er,
seien nicht solche Kunden. »Das Problem
sind die, die nicht da sind.«
Warum sie diesen Sommer nicht da
sind, kann man sie nicht fragen. Darum
verpufft Alanyas Enttäuschung in den
Weiten der »Politik«. Aber manch einer
wundert sich doch, wie man ihn, sein
Land, seinen Glauben, im Westen
gerade sieht.
Kaffeestunde im Hotel Anik. Ananastorte steht auf dem Tisch; die Chefin
kommt ins Plaudern: »Was die Türkei
erschüttert, ist der Terror der PKK. Aber
das wollen die Deutschen nicht wahrhaben. Die denken, der IS kommt an die
Strände und schlägt allen die Köpfe ab.«
Funda Anik versteht etwas von deutscher Mentalität. Die erste Hälfte ihres
Lebens hat sie in Deutschland verbracht;
und man würde raten, dass sie es genossen hat. Heute führt die blendend blonde, ansteckend fröhliche Frau gemeinsam mit ihrem Bruder ein kleines Hotel,
das sich auf deutsche Kundschaft spezialisiert hat. Die Lobby hängt voller Auszeichnungen, trotzdem bleibt gerade
auch hier die Hälfte der Betten leer. Ja,
sagt Funda, es war heikel, nur auf den
deutschen Markt zu setzen. »Aber den
kennen wir nun mal am besten.« Sie sitzt
in ihrem Hippie-Garten voller seltener
Bäume und kurioser Erinnerungsstücke.
»Schmeckt der Kuchen? Selbst gebacken,
nach deutschem Rezept.«
Funda und ihr Bruder sind mutmaßlich die einzigen Alanyaner, die wissen,
wer Jan Böhmermann ist. Das war in
der Türkei kein Thema, anders als die
Armenien-Resolution, die Deutschland
kürzlich mitunterzeichnet hat. »Wir kennen hier auch Satire«, sagt Rechit Anik.
Er fand das Schmähgedicht anfangs lustig, »bis zu diesem Wort«, er flüstert:
»Ziegenficker«. So etwas gehöre sich einfach nicht, was immer man von Erdoğan
halte. »Noch ein Stück Streuselkuchen,
Helga?«, ruft Funda zum Nebentisch.
Es gibt ihr zu denken, dass nach dem
Anschlag in Brüssel besonders viele Kunden stornierten. Denken die, sie führen
in die Höhle des Löwen, nur weil die
Mörder von damals sich auf den Islam
beriefen? »Als muslimisches Land«, sagt
sie, »hast du die A-Karte gezogen.« Was
wäre, wenn eine Bombe hier an der Riviera explodierte? »Dann«, sagt Funda,
»hätten wir Tunesien, dann hätten wir
Ägypten.« Sie macht die Geste einer zuschlagenden Tür. Aber das klingt so ernst,
das wollte sie gar nicht. Sie sagt, was man
den Deutschen gar nicht oft genug sagen
kann: »Keine Sorge, alles wird gut.«
Blick auf Alanya vom
Festungsberg
Wird es tatsächlich, wenn der Trend
anhält. Die Buchungen für den Herbst
ziehen langsam an. Sicher wegen der immensen Rabatte. »Preis bricht Angst«,
lautet eine Weisheit des Tourismusforschers Karl Born. Vielleicht aber auch,
weil die deutsch-türkische Freundschaft
bei allen Hakeleien tiefer geht als die
zu den Ägyptern, Tunesiern oder selbst
Mallorquinern.
Am Abend, als die Sonne sinkt,
kommt von der Burg ein Böllerschuss. Er
beendet für heute den Ramadan und
bringt den leeren Lokalen unten ein paar
türkische Gäste. Am Aussichtspunkt unter der Festung spielt Daryan für Urlauber Geige. Er kommt seit sieben Jahren
jeden Sommer nach Alanya. Wie alt er
sei? »31, aber mein Lächeln macht mich
jünger.« Er lächelt wirklich, immerfort,
ein rührendes, langsames Lächeln. Es ist
auch immer dasselbe Lied, das er auf seiner angestaubten Geige spielt: »Ich hätte
mein Herz lieber auf die Steine betten
sollen als auf deinen Schoß ...«
Ein romantisches Stück für ein romantisches Setting: Dämmerung hinter den
Zinnen. Es hört ihn aber nur ein Paar, und
das ist mit Selfies zugange. 10 bis 15 Euro,
sagt Daryan, nehme er am Tag ein; manchmal auch überhaupt nichts.
Er steht unter dem Wachturm mit der
Landesflagge wie ein Sinnbild des türkischen Wegs durch die Krise: weitermachen und lächeln. »Einmal«, sagt Daryan,
»hat mir einer einfach so 100 Dollar gegeben.« Der Besucher greift in die Tasche
und findet nur Kleingeld darin. Daryan
lächelt und singt noch einmal von enttäuschten Hoffnungen.
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30. J U N I 2016
Unser
Illustration: Pia Bublies für DIE ZEIT; Fotos: Lucas Wahl für DIE ZEIT
N
eulich stand ich mit zwei Taschen voll Altglas
in meinem Flur, regungslos, minutenlang. Eigentlich hatte ich es eilig, ich musste zur Arbeit, aber ich konnte unmöglich die Wohnung
verlassen, denn nebenan wurde gerade die
Türe aufgeschlossen. Es ertönte der AufbruchSoundtrack des Durchschnittszerstreuten:
Schlüsselklimpern, Schlossschnalzen, Treppenstufengepolter, Stille, wieder lauter werdende Schritte, aha, was vergessen, Türe auf,
Rascheln, Türe zu. Mir schnitten die Trageriemen in die Finger.
Seit einem Jahr wohne ich mit 16 anderen
Klingelschildnamen unter einem Dach, aber
aus ihnen Menschen mit Gesichtern und SmallTalk-Themen für eine gemeinsame Treppenhausbegegnung zu machen, hatte ich immer
vermieden. Das ist ja auch der Plan, wenn man
aus der Enge der Provinz in die Großstadt zieht:
endlich mal nicht teilhaben zu müssen. Was
sich dann aber als unmöglich herausstellt, denn
die anderen sind ja trotzdem andauernd da.
Nehmen Pakete an und gehen damit in Freundlichkeitsvorleistung, sind nächtliches Möbelrücken, Bratengeruch, die absurd laut aufgedrehte Fernsehsendung Punkt 12, der kleine
Ganzjahresflohmarkt auf dem Fensterbrett im
Hochparterre (aktuell liegen dort: eine Gala,
zwei Leitz-Ordner, ein Miniaturbilderrahmen,
der das Bild einer grimmigen Eule fasst).
Mit den Tüten in der Hand dachte ich auf
einmal an zu Hause. An Dinslaken, den Bruch,
unsere Straße. »Wenn man dich im Bruch nackt
auf den Gehweg stellt, bist du fünf Minuten
später angezogen und hast fünf Mark in der
Tasche«, hat mein Vater immer gesagt und
meinte damit: Das ist Nachbarschaft. Wir passen aufeinander auf. Das war damals. Und heute in Hamburg? Vermeide ich jede Flurbegegnung, weiß ich noch nicht mal, wer diese Leute
sind, mit denen ich mir ein Dach teile. Ich beschloss, das zu ändern.
Samstagnachmittag, ich klingle an der
Wohnungstüre von Claus Friede. Herr Friede
ist für mich das, was man in der Drogenberatung ein niedrigschwelliges Angebot nennt.
Wenn ich mich nach all den Monaten dieser
eremitischen Kontaktverweigerung – meine
Wohnung, meine Grenze, meine Ruhe – der
Gemeinschaft dieses Hauses zumindest nähern will, verspricht er den leichtesten Einstieg, stand Herr Friede immerhin selbst schon
einmal unangekündigt vor meiner Türe. Sein
Internet machte damals Probleme, er bat um
kurzfristige Überbrückungshilfe in Form meines WLAN-Schlüssels.
Ich will heute ein bisschen mehr von ihm als
eine 17-stellige Zahlenkombination, ich möchte wissen, wo ich hier eigentlich genau lebe und
mit wem, und erstaunlicherweise findet Herr
Friede das gar nicht merkwürdig, sondern bittet
mich herein und geradewegs auf seinen Balkon.
Das Angenehme ist: Herr Friede scheint
sofort eine klare Idee zu haben, was wir besprechen könnten und in welcher Reihenfolge.
Wir starten mit dem Standard, Geschichte des
Hauses. Während er mit zwei ausladenden
Armbewegungen alle Straßenzüge rechter und
linker Hand des Balkons wegradiert (Ȇberall
nur Felder, unsere war lange die einzige Straße
der Gegend«) und anschließend die Entwicklungen der Nachbarschaft im Zeitraffer skizziert (»Nebenan hatte eine jüdische Brauereifamilie ihr Lager, die wurden aber in der
NS-Zeit zwangsenteignet und sind nach Rio
geflohen«), mustere ich ihn. Claus Friede ist
hochgewachsen, Mitte 50 und einer dieser
Menschen, denen man auf den ersten Blick
ansieht, dass sie schlau sind. Es gibt für dieses
Gesicht kaum eine Möglichkeit, dumme Sätze
zu sagen. Während des Gesprächs lächelt er
über lange Strecken überhaupt nicht, tut er es
doch, machen seine Augen mit.
Zurück in seiner Wohnung, verliere ich kurz
die Orientierung. Obwohl sie genau so geschnitten ist wie meine, haben wir die Räume
sehr verschieden interpretiert. Was bei mir
Wohnzimmer ist, hat Claus Friede als Arbeitszimmer eingerichtet, hell und wissensschwer,
Bücher, Blocks, Zeitungsstapel; alles sagt, dass
in diesem Raum ernsthaft gearbeitet wird. Auf
seinem Schreibtisch stehen drei kleine Acrylständer mit verschiedenen Visitenkartenstapeln,
laut ihnen ist Claus Friede Leiter einer Kulturstiftung in Schleswig-Holstein, Chefredakteur
eines Internetfeuilletons und Professor in Riga.
Überhaupt klingt sein Lebenslauf sehr kosmopolitisch: aufgewachsen in der Schweiz, Schulzeit auf einem Internat in der Eifel, Studium in
Chicago und Los Angeles. Sein Sohn Max, 24,
lebt gerade noch in Lugano, geht aber bald zum
Studieren nach Harvard.
Irgendwie erstaunt mich, dass ein Mann
wie er in diesem Haus wohnt. Natürlich,
Hamburg, Eimsbüttel, Ecke Grindelviertel:
tolle Lage, aber wenn einem doch offenbar die
ganze Welt offensteht, wieso ausgerechnet diesen Ort wählen? »Ich mag die Straße.« Herr
Friede lächelt jetzt, er weiß, wie merkwürdig
D I E Z E I T No 2 8
Nachbarn sind Leute, von denen wir m
Was geschieht, wenn man einfach mal b
Annabelle,
vierter Stock,
muss ständig
ihren Nachnamen
erklären
Herr Friede
aus dem
Zweiten hat drei
verschiedene
Visitenkarten
Die Brauns
aus dem
Souterrain
nehmen für
alle die
Pakete an
klein dieser Satz klingt. Er erklärt: »Das Kopfsteinpflaster, die alten Häuser. Wenn Sie morgens aufwachen und aus dem Fenster schauen,
könnten Sie genauso gut in Paris sein oder Zürich. Alles wirkt wie aus Raum und Zeit gefallen.« Je mehr er schwärmt, desto mehr schwinge
ich mit. So gesehen ja wirklich: tolle Straße.
Seit meinem Einzug gibt mir die Wohnungstür von Herrn Friede ein Rätsel auf. Neben dem
Messingschild mit seinem Namen steht: »Hier
auch Post für Dr. Reichardt«. In meiner Vorstellung ist Doktor Reichardt ein beschäftigter Wissenschaftler, der für seine Forschungen ständig
unterwegs ist und seinen alten Freund Claus
Friede gebeten hat, die lästigen Briefe für ihn aufzubewahren. Ist das so? »Der Name gehört meiner
Frau. Sie lebt nicht mehr in Deutschland, aber
manchmal kommt Post für sie.« Herr Friede
schaut wieder ernst, aber nicht peinlich berührt.
Ich bin es schon. Die Situation ist so merkwürdig wie das Konzept Mehrfamilienhaus überhaupt. Wie intim es da von einem auf den ande-
ren Moment werden kann. Völlig absurd eigentlich, welche Kriterien man für die Einzugsentscheidung so akribisch abklopft: Raumaufteilung, Helligkeit, Lage; die Frage, ob Grillen auf
dem Balkon okay und von wann an die Staffelmiete gedeckelt ist. Als ich vor einem Jahr das
Haus besichtigte, gefielen mir die Ruhe, die Fassade, der Schnitt der Wohnung. Ich wollte sie unbedingt haben, ohne die geringste Ahnung, mit
wem ich da unter einem Dach wohnen würde.
Irgendwie fragt man bei der Wohnungssuche
nicht, wem man in den nächsten Jahren beim
Leben zuhört und wen man dazu umgekehrt
zwangsläufig einlädt. Nachbarschaftsverhältnisse
werden wohl auch deshalb so oft Schauplätze von
absurden Streitigkeiten, weil die Menschen diese
distanzierte Nähe nicht aushalten.
Eine Distanzfrage ist es auch, die ich mir am
nächsten Tag stelle. Vier Mal hänge ich das RyanMcGinley-Foto in meinem Esszimmer ab und
wieder auf. Ich bin unsicher, ob Annabelle es nicht
vielleicht seltsam finden würde, sich unter einer
Frau Dunda,
erster Stock,
kann aus der
Entfernung
Stifte identifizieren
Aktfotografie mit ihrer fremden Nachbarin zu
unterhalten. Annabelle lebt seit acht Jahren in der
Wohnung über mir, ich habe sie seit meinem Einzug genau zwei Mal gesehen, wir hatten jeweils
Päckchen füreinander angenommen. Bei der letzten Übergabe hatte sie mich gefragt, ob mich ihr
Husten sehr störe, der sei leider chronisch. Das
menschliche Hirn ist leicht zu beeindrucken. Bis
zu diesem Tag hatte ich nie etwas wahrgenommen, seither höre ich ihr Husten ständig.
Man will die akustischen Rätsel, die einem
jedes Haus aufgibt, manchmal ja gar nicht so
genau aufschlüsseln. Als ich neulich das junge
Ehepaar Maren und Marco Braun traf, das in der
Wohnung neben mir lebt und zusammen ein
gutes Abbild meiner schizophrenen Gefühle zu
Nachbarschaft wiedergibt (er findet engen Kontakt zu den Hausmitbewohnern unnötig, sie
würde gerne voller Tatendrang am jährlichen
Straßenfest teilnehmen), erzählten sie mir, wie
Marco einmal im Halbschlaf durch die Wohnung geirrt sei, weil er Wasser laufen hörte und
dachte, er habe vor dem Zubettgehen womöglich einen Hahn nicht richtig zugedreht. Irgendwann kapierte er, dass das Geräusch aus der
Wand kam, hinter der meine Dusche steht, in
der ich mir gegen halb drei morgens den Rauch
der Nacht aus den Haaren wusch. Seit ich das
weiß, fühle ich mich unter der Dusche nicht
mehr alleine.
Jetzt sitzt Annabelle, 42, glänzendes rotes
Haar, an meinem Esstisch, erzählt von ihrer
Kindheit und dass der Beruf ihres Vaters, Bundeswehroffizier, sie früh zum Umzugsprofi gemacht habe. Ich überlege, wie ich das Gespräch
dezent auf ein Thema lenken kann, das mich seit
meinem Einzug neugierig macht. Da wir aber ja
unter einer Aktfotografie sitzen, ist die höfliche
Distanz ohnehin merkwürdig angeknackst, also:
»Sag mal, du hast da ja diesen interessanten
Nachnamen.« Annabelle lacht und antwortet
erst einmal nicht. Vermutlich ist ihr Name dauernd Thema, da muss man es schon zu Selbstunterhaltungszwecken spannend machen. Vor
30. J U N I 2 0 1 6
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Haus
möglichst wenig mitbekommen wollen.
ei ihnen klingelt? LENA STEEG hat es getan
Lena Steeg,
dritter Stock,
wollte Smalltalk
im Treppenhaus
immer umgehen
Die jungen
Brauns hören
im Dritten
manchmal nachts
ein Rauschen
durch die Wand
Herr Salomon
lebt im
zweiten Stock
zwischen
mehr als 3000
Büchern
sechs Jahren, beginnt sie nun eine Geschichte,
hatte sie eine neue Stelle als Grundschullehrerin
angenommen. Vor ihrem ersten Schultag ging
sie wie immer zu ihrem Stammbäcker, der ihr
dazu riet, besser mal einen Blick auf die Titelseiten der Tageszeitungen zu werfen. Ihr Einstand im neuen Job fiel auf den Erscheinungstag
von Deutschland schafft sich ab, und als Annabelle
zwei Stunden später mit Kreide ihren Nachnamen, Sarrazin, an die Klassentafel schrieb, begann das große Flüstern. »Erst Wochen später
haben sich die Eltern zu fragen getraut, ob es da
eine Verbindung gebe.« Kurzes, effektvolles
Schweigen. »Thilo Sarrazin ist tatsächlich ein
entfernter Vetter meines Vaters. Ich kenne ihn
aber nicht persönlich.«
Aha. Als Fragezeichengeschichte war die ganze Angelegenheit irgendwie spannender gewesen.
Kurz bevor wir uns verabschieden, hat Annabelle
dann auch noch eine Frage: »Ich stehe ja immer
so früh auf und lasse dann das Radio laufen, um
wach zu werden. Hörst du das eigentlich?«
Anderntags ist es mal wieder so weit: »Ihre
Sendung wurde bei Ihrem Wunschnachbarn hinterlegt.« Meistens müssen die älteren Brauns aus
der Einliegerwohnung im Souterrain meine nicht
gerade zurückhaltend getätigten Online-Einkäufe
entgegennehmen. Das Ehepaar lebt seit 42 Jahren
dort, 30 davon ist Karin Braun schon die Hausmeisterin. Den Job teilt sie sich mit ihrem Mann
Lothar, der Ur-Hamburger ist – was sein Siegelring mit Stadtwappen und die ebenso designten
Rückspiegelüberzüge des Familienkombis bezeugen. Herr Braun ist lustig und zugewandt und erzählt gerne von den 38 000 Fotos, die er im Jahr
von Hamburg macht. Bei ihnen Pakete abzuholen
ist normal, aber heute steht ein anderer Nachbarbarsname auf dem Postvermerk: Udo Salomon,
zweites OG.
Von seiner Wohnung kenne ich bisher nur den
spaltbreiten Ausschnitt, den man manchmal bei
Flurbegegnungen erhascht und der immer so
merkwürdig interessant ist, dass man versucht, extra nicht hinzuschauen. Bei der Salomon-Woh-
nung aber ist das unmöglich, weil einen dieser
Anblick so umhaut: Überall sind Bücher, vom
Boden bis zur Decke, die Regale ziehen sich durch
den gesamten Flur, durch fast alle Räume. »6500
waren es bei der letzten Zählung, irgendwann vor
der Jahrtausendwende«, sagt Herr Salomon, dessen feines, von weißem Haar umrahmtes Gesicht
das vielleicht freundlichste ist, das ich je gesehen
habe. Die Salomons leben seit 1973 in diesen
Räumen, länger, als es mich gibt, sie haben ein
eigenes Badezimmer ein- und den Kaminofen
ausgebaut, Einrichtungsmodewellen genommen
und umschwommen, ihre Tochter Nina großgezogen, die mittlerweile beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg arbeitet (schon wieder so ein Vorzeigelebenslauf), etliche Mieter kommen und gehen sehen. Ich finde
das schön und unvorstellbar zugleich. Ich bin
Nomade, seit meinem Auszug aus dem Elternhaus
vor zehn Jahren bin ich siebenmal umgezogen.
Alle paar Monate sortiere ich inzwischen auch anlasslos Dinge aus, Blumenvasen, Kleidung, sogar
Möbel, um beim nächsten Umzug weniger mitschleppen zu müssen. Ankommen finde ich als
Idee erstrebenswert, Bleiben ängstigt mich.
Herr Salomon nickt, im großen Kommen und
Gehen der Mitmieter hat er über die Jahrzehnte
viele dieser unsteten Biografien verfolgen können:
»Zum Beispiel die Dame aus Mecklenburg, die
wegen ihrer Beziehung zu einem deutlich jüngeren Mann von ihrer Familie verstoßen worden war
und erst wieder aufgenommen wurde, als er eines
Tages tot umfiel.« Er erzählt, dass Menschen in
diesem Haus geboren wurden, wie Herr Herrmann aus dem Fünften, und gestorben sind, wie
die Schwester von Frau Dunda aus dem ersten
Stock, die sich in der Silvesternacht 1975 das Leben nahm. »Die Alten«, sagt er, kennen sich und
sprechen miteinander, mit den Jüngeren gebe es
weniger Kontakt, vermutlich einfach, weil sie selten Zeit für einen kleinen Klönschnack hätten.
Ich finde es nett von Herrn Salomon, meinen
Hausgemeinschaftsautismus mit Geschäftigkeit
zu begründen, bin mir aber nicht sicher, ob ich
mich um die Verbindlichkeit nicht einfach gedrückt habe, weil sie automatisch Verantwortung nach sich zieht. Wenn man mit den anderen mehr teilt als nur hastiges Zunicken, dann
muss man doch fortan irgendwie zur Verfügung
stehen. Muss sich zum Teil eines Ganzen machen, muss sich interessieren.
Seine Tochter, erzählt Herr Salomon, sage
oft, seine Frau und er sollten nach Offenburg
ziehen. Dann könnten sie einander öfter sehen.
Herr Salomon aber hängt an Hamburg, er
hängt sowieso sehr an bestimmten Orten. Nach
seiner Pensionierung als Geschichtslehrer hat er
angefangen, Bücher über Städte zu schreiben.
Einfach weil sie ihm gefallen. Gerade hat er eines über Idar-Oberstein beendet.
Als ich ihn nach seinem Lieblingsautor
frage, wendet sich Herr Salomon konzentriert
dem Regal zu. »Wir haben die Bücher nach
Geburtsdatum des Autors sortiert, Moment, ... Ah, hier! Mein Liebster: Norbert
Scheuer, Heimatbücher aus der Eifel.« Selten,
sage ich, hat mich eine Antwort derart überrascht. Herr Salomon lacht. »Das ist wirklich
ganz wunderbar. Es passiert darin praktisch
nichts. Leute stehen in der Gaststube und betrinken sich und sind unglücklich verliebt,
und manchmal gehen sie zum Jahrmarkt. Aber
die Plätze werden so genau beschrieben, da
können Sie hinfahren und die ganze Geschichte ablaufen. Bücher müssen Orte haben.«
Was geschieht aber, wenn eine Geschichte
an einem Ort einfach angehalten wird?
In der Wohnung von Christa Dunda ist es
dunkel, die Möbel liegen schwer in den Räumen. Als ich ins Wohnzimmer trete, stellt Frau
Dunda den Fernseher lautlos. »Mein Freund«,
nennt sie ihn und erzählt, dass sich die Nachbarn im vergangenen Sommer beschwert hätten, weil sie ihn immer so laut aufgedreht habe.
»Jetzt benutze ich ein Hörgerät«, sagt sie und
legt sich ein Kissen in den Rücken. Im März
1963, da war Frau Dunda 23 Jahre alt, sei sie
mit ihrer jüngeren Schwester und ihrer Mutter
in die Wohnung gezogen. Sie spult frühe Lebenslaufstationen ab. Sie wirkt nicht so, als
würde sie sich selten unterhalten, aber ein Gegenüber, das noch mal ganz von vorne zuhört,
wird irgendwann selten. 42 Jahre lang hat Frau
Dunda bei Karstadt gearbeitet, Schreibwarenabteilung, ihre liebste Zeit, die Kollegen von
damals sind heute noch Freunde. »Lamy«, sagt
sie, macht eine Kunstpause, deutet auf meinen
Kugelschreiber. Kennerblick. Irgendwann lernte ihre Schwester einen Mann kennen und zog
aus, sie bekamen drei Kinder, die Ehe scheiterte,
sie kam zurück ins Haus, lebte in der Souterrainwohnung, litt an Depressionen und nahm
sich das Leben. Der älteste Sohn kam zu Frau
Dunda und ihrer Mutter, auch er starb früh.
Die Mutter pflegte Frau Dunda dann 14 Jahre
lang. Jetzt ist sie selbst 75, hat drei Bandscheibenoperationen hinter sich, kommt nur noch
schwer die Treppen hinauf. Sie erzählt das alles
binnen weniger Minuten, einfach so, wie einen
Filmtrailer, der die brutalsten, emotionalsten,
anrührendsten Szenen eines Menschenlebens in
schnellen Schnitten aneinanderreiht. Nur ohne
Musik. So ist das also, wenn man alleine alt
wird. Frau Dunda lacht ihr kräftiges hanseatisches Lachen. »Der Lack ist ab, nech?«
Im Haus verstehe sie sich mit vielen, die
jungen Brauns von oben nehmen immer ihren
Müll mit runter, am nächsten sei ihr aber die
Nachbarin von gegenüber, im vergangenen Jahr
hätten sie sogar gemeinsam deren Kinder in
London besucht, da habe sie auf einmal prima
laufen können. Wenn sie zu Hause ist, schmerzt
jeder Schritt. »Wieso sind Sie nie weggegangen
von hier, Frau Dunda?« Ein paar Sekunden
schaut sie mich ratlos an. »Aber wohin denn?«
Ich folge ihr durch den Flur, langsamer als
vorher. Ich habe ein schlechtes Gewissen, mich
bald schon wieder zu verabschieden, junge Geschäftigkeit hin oder her. Beim Hinausgehen
führt Frau Dunda mich noch in die Küche und
zeigt mir Fotos von Freunden, Arbeitskollegen
und Reisen, sie hängen am Kühlschrank, als
Kalender an der Wand, überall sind Bilder. Die
Küche ist der hellste Raum der Wohnung. »Ich
habe mein Leben gelebt«, sagt sie dann wirklich. Es klingt, als wolle sie mich trösten.
Und auf einmal, hier in dieser fremden Küche, wird alles viel ernster und größer und also
genau so, wie ich es ursprünglich hatte vermeiden wollen. Ich weiß jetzt Dinge über die Menschen in diesem Haus, und dieses Wissen, viel
Kleines und Belangloses, manches aber auch
intim und gewichtig, führt zu einer ebenso banalen wie konkreten Gewissheit: Die anderen
sind wirklich da. Und ich bin es damit irgendwie auch. Als ich ein paar Tage darauf spätabends noch einmal das Haus verlasse und Frau
Dundas Müllsack vor der Türe sehe, ihn mit
auf die Straße nehme, was eigentlich ja immer
die Brauns erledigen, aber vielleicht sind die
gerade im Urlaub, merke ich, dass das nun etwas weniger bedrohlich für mich klingt und,
wenn ich ehrlich bin, sogar schön: unser Haus.
30. JUNI 2016
D I E Z E I T No 2 8
59
SCHÖN & GUT
2
STUNDEN
I N G ÖT T I N G E N
Sternwarte
Hier richtete Carl
Friedrich Gauß
1833 die erste Telegrafenverbindung
der Welt ein.
Sie verknüpfte die
Sternwarte und das
Physikalische
Kabinett ein paar
Straßen weiter.
uni-goettingen.de/
de/sternwarte/91323.
html
G EST RAND ET I N . . .
Göttingen
Da wollten Sie nie hin? Jetzt sind Sie nun mal da. ELISABETH VON THADDEN nimmt Sie
zwei Stunden lang an die Hand. Sie entdecken: Die Unterwelt
G
öttingen ist zauberhaft, wie es sich in die
Hänge seiner Hainwälder
schmiegt!
Aber ob zauberhaft
oder nicht, in Göttingen landet man
mit einer gewissen Unvermeidlichkeit
sowieso, weil der ICE nun mal dort hält,
Umsteigebahnhof Richtung Thüringen.
Also auf zum Gänseliesel, zur Sternwarte
von Carl Friedrich Gauß, zum Lichtenberg-Haus! Alles hängt indes davon ab,
ob es Ihnen gelingt, das Bahnhofsgelände
zu verlassen. Die Stadtplaner wollten
nämlich, dass Sie stattdessen auf dem
Vorplatz vor Schreck versteinern. Sie
können da locker Ihre zwei Stunden stehen und auf den vielspurigen Autoring
starren. Besser, Sie gehen nach rechts
über den Vorplatz, dort zeigt sich bald
eine Ampel, und wenn man den Ring
überquert, ist man schon in der Altstadt.
Überirdisch! Das leichteste Ziel ist
der Gänseliesel-Brunnen am Markt.
Weltberühmt, wie manches in Göttingen: eine zierliche Mädchenfigur als
Bronzeskulptur, jeder Student in Göttingen seit circa 1900 klettert auf den Brunnenrand, um sie zu küssen. Die Göttinger sagen, sie sei die meistgeküsste Statue
der Welt.
Zauberhaft! Sie gehen vom Bahnhof
aus eine Viertelstunde durch die GoetheAllee, rechter Hand liegt die Universitätsbibliothek, das klingt harmlos, nach
altem Print, aber immerhin waren hier
die Brüder Grimm Bibliothekare. In diesen Hallen findet sich alles an Quellen,
was eine Stadt um 1800 zur wissen-
schaftlichen Weltstadt machte. Sie könnten also ruhig andächtig innehalten.
Dann geradeaus weiter, die Prinzenstraße hoch. An der Ecke Gotmarstraße
biegen Sie ab, nach rechts. Gleich wären
Sie bei der Gänseliesel, doch da steht
nun plötzlich diese überaus liebenswürdige Dame, weißhaarig, etwa 80. Sie ist
zu Besuch, ein Klassentreffen, aber in
Sachen Göttingen bestens informiert.
Gänseliesel, sagt sie, wie langweilig! Die
Keller seien viel interessanter. Kennen
Sie nicht? All diese Keller! Das aufgeklärte Göttingen sei seit dem Mittelalter
weiträumig unterkellert gewesen.
Gleich hier, im barocken Eckhaus,
hat Georg Christoph Lichtenberg seine
Studenten Gauß und Alexander von
Humboldt unterrichtet – aber was ist das
gegen den Keller? Im Gewölbe in der
W
1
3
2
Auf lösung von
Seite 60:
Schmetterling
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D R IN KS F Ü R J EDE L EB EN S L AG E
Der Drink: Pastis de Marseille
Die Lage: Lasst mich rein!
Tiefe ein uralter Brunnen! Und das sei
nicht der einzige frisch ausgegrabene
Fund. Die Dame schlägt nun vor, auf
einen Kakao zu Cron & Lanz zu gehen,
jenem Traditionscafé mit den unvergleichlichen Baumkuchenspitzen. Dort
fährt sie, in der Sahne rührend, in Kellerkunde fort.
Ich habe alles mitgeschrieben, die Sache kommt mir ideal für zwei Stunden
vor, die Schauplätze liegen in einem Radius von kaum 500 Metern im Herzen
der Stadt. Der zweite Keller liegt unter
der Akademie der Wissenschaften, und
darin findet sich im Gewölbe: 200 Jahre
alte Südsee-Stuckatur! Indianer-Insulaner,
aus purer Begeisterung für den Weltumsegler Georg Forster, dessen Fundstücke im 18. Jahrhundert von London
nach Göttingen kamen.
enn meine Eltern während des Urlaubs im südfranzösischen Ferienhäuschen die Nachbarn besuchten und
Pastis tranken, den Pastis de Marseille von Ricard,
dann bekam ich, das Kind, Teisseire-Sirup, Pastis ohne Alkohol.
Mein Vater, der im Krieg Frankreich erobert hatte, zwang mich,
das gelbe Gebräu ohne Mucks auszutrinken. Ich habe es gehasst.
Trotzdem musste ich irgendwann feststellen, dass ich ohne
Pastis nie ankommen würde in Frankreich. Der Anislikör ist so
etwas wie eine Eintrittskarte für die französische Gesellschaft.
Er gehört eigentlich nach Südfrankreich in ein Café, wie es die
Impressionisten malten, mit Holztresen, orangefarbenen Wänden und roten Bänken. Genau so ein Café ist das Cercle de
l’Avenir im Weinstädtchen Correns nördlich von Marseille.
Correns ist so schön, lieblich und behaglich, dass Brad Pitt und
Angelina Jolie sich hier ein altes Weingut gekauft haben. Nicht
weit von Correns liegt Picasso begraben. Eigentlich will die
ganze Welt nach Correns – nur die Leute in Correns wollen die
Welt nicht so recht haben. Und genau da hilft Pastis.
Man muss den richtigen Zeitpunkt kennen, zum Aperitif vor
dem Abendessen, zwischen 18 und 20 Uhr. Man muss ihn richtig
mischen, mit nicht zu viel Wasser, bis er leicht milchig aussieht.
Ein dritter Keller wird gerade unter
der Alten Mensa am Wilhelmsplatz freigelegt, dort findet sich ein ganzes Kloster, sieben Lagen Skelette sind geborgen,
offenbar auch die von Frauen und Kindern. Als Nächstes der Keller in der Roten Straße, in dem sich ein jüdisches
Tauchbad fand. Ein fünfter Keller unter
dem Rathaus zeigt, wie im 14. Jahrhundert Fußbodenheizung funktionierte –
neben jedem Ratsherrn im Boden ein
verstöpselbares Loch, durch das aus dem
Keller darunter heiße Luft aufströmen
kann. Fast das Beste: Viele der Keller
sind miteinander verbunden ...
Hier enden meine Notizen. Ich musste zurück zum Zug. Aber Sie haben ja
zwei Stunden Zeit! Am besten, Sie gönnen sich eine Führung. Die alte Dame ist
leider auch weitergereist.
Dann bedarf es nur noch des Muts, den er einflößt: Leute ansprechen, auch wenn sie dir an der Bar den Rücken zudrehen. Und
zwar wiederholt. Denn irgendwann drehen sie sich um, und dann
öffnet sich dir die französische Gesellschaft.
Plötzlich steht im Cercle de l’Avenir der Weinbauer Jean Paul
neben mir, ein 70 Jahre alter Proletarier, und erzählt, dass sein
Schwager Maurice, ein dicker Lastwagenfahrer, der gerade zur Tür
hereinspaziert, heute den Front National wählt. »Früher hätte man
Typen wie ihn nicht in dieses Café gelassen«, höre ich Jean Paul in
mein Ohr flüstern. Da kommt Maurice zu uns – sofort bestelle ich
ihm einen Pastis. Ohne zu fragen. Und siehe da: Jean Paul und
Maurice reden, beziehen mich in ihr Gespräch ein, das auch die
Politik nicht auslässt. Ich fühle mich aufgenommen.
Wenn ich nun im alten Ferienhaus meiner Eltern in einem
kleinen Pyrenäendorf mit Blick aufs Mittelmeer Urlaub mache,
trinke ich mit dem inzwischen fast 90-jährigen Monsieur Sicot,
einem ehemaligen Algerien-Offizier, der heute lieber Gedichte
schreibt, den üblichen Aperitif. Wie damals mein Vater. Pastis
schmeckt nach Lakritz, das ich als Kind ebenfalls hasste. Aber
das habe ich längst vergessen.
Georg Blume
Illustration: Monja Gentschow für DIE ZEIT; kl. Foto (u.; [M]): laif
Bismarckhäuschen
Hier hat der spätere
Reichskanzler als
Jurastudent
gewohnt. Das kleine
Museum auf dem
Stadtwall zeigt auch
seine Kritzeleien an
der Tür des Karzers
– dort saß er
wegen wiederholten
Unfugs ein.
Tel. 0551/499 80 12
60
30. J U N I 2016
Mark Forster bedankt sich
bei seinem Klavierlehrer
ich war der faulste Klavierschüler Deutschlands, aber ich hatte mit Dir den besten
Klavierlehrer der Welt. Ohne Dich hätte
ich als Kind nie angefangen, Imagine von
John Lennon zu spielen, hätte nie den Text
genauer durchgelesen und kapiert, was für
ein cooler Song das ist – der heute wieder
so aktuell klingt wie zu der Zeit, als er geschrieben wurde.
Ich glaube, Du hast mich das Lied spielen lassen, weil Du wusstest, diese Melodie
kriegt selbst der blödeste Schüler hin. Du
hast wirklich versucht, aus mir einen besseren Klavierspieler zu machen. Erst über
Klassik, dann über Jazz, Du hast mir erzählt,
wer dieser Gershwin und was für ein krasser
Typ Chopin war. Du wolltest mich damit
motivieren. Was Dir nicht geglückt ist. Erst
bei Pop und John Lennon habe ich mich ein
bisschen angestrengt.
Weißt Du, ich hatte keine Lust, Noten
auswendig zu lernen, aber das Klimpern am
Klavier hat mir gefallen. Ich hatte immer
Schiss, bevor ich für meinen wöchentlichen
Unterricht zu Dir kam. Eine Stunde ehe ich
die Wohnung verließ, habe ich angefangen
zu üben. Ich hätte mich aber nie getraut, mit
den Stunden aufzuhören. Das war keine Option. Nicht wegen meiner Eltern, sondern
Deinetwegen. Ich habe Dich Woche um
Woche enttäuscht, aber Deine Worte hatten
Gewicht. Du warst ein Jazzpianist aus Rumänien, Du kanntest die Welt, Du konntest
von ihr erzählen.
Ich hatte das Gefühl, Du wolltest mich
ein bisschen erziehen. Disziplin sei manchmal wichtig im Leben, sagtest Du. Eine
Deiner Methoden war, mir Bücher zu geben,
um meinen Charakter zu formen. Ich erinnere mich an Der Pate, Der Steppenwolf
und an Papillon von Henri Charrière. Du
hast mir die Aufgabe gestellt, das Buch auf
einer DIN-A4-Seite zusammenzufassen. Das
war vor YouTube und Wikipedia, ich musste
das Ding wirklich lesen – und irgendwann
fand ich es richtig gut.
Es geht darin um einen zu Unrecht verurteilten Mann, der eine lebenslange Haftstrafe absitzen muss. Im Gefängnis herrschen furchtbare hygienische Zustände,
manchmal muss er Kakerlaken essen, um zu
überleben. Er versucht ein paar Mal zu
fliehen, und als er ein alter Mann ist, schafft
er es endlich. Wenn ich heute eine Sache
durchziehen muss, flasht es in meinem Kopf.
Ich denke an diesen Typen, der nie aufgegeben hat. Dieser Papillon spornt mich an,
wieder neu anzufangen, wenn ich mich innerlich verrannt habe. Das habe ich Dir zu
verdanken, Homer. Vielen Dank!
Dein Mark
Mark Forster, 32, ist
Sänger und Songwriter.
Von ihm stammt der
EM-Song »Wir sind groß«
MEIN WORTSCHATZ
L IEB ES B R IEF
L
ieber Homer,
WAS MEIN
L E BE N
R E I C H E R
M ACHT
Mein Mann und ich joggen auf unserer
üblichen Strecke. Als ich um die Ecke
biegen will, er aber plötzlich weiter geradeaus in Richtung Wald läuft, stoßen wir
zusammen. Er bekommt mich an der
Hand zu fassen, wir sehen uns verdutzt
an. »Alles nur, um deine Hand zu halten«,
sagt er. Wir müssen lachen, dann joggen
wir weiter.
Cathrien Czurda, Wien
Erdbeerschorle. Der Geschmack erinnert
mich an meinen Opa Ernst, der uns als
Kindern vor 40 Jahren den kühlen Drink
auf seinem Bauernhof kredenzte.
Wolf Warncke,
Tarmstedt, Niedersachsen
Der Enkel einer Freundin, der auf die Frage
»Gibt’s bei euch im Kindergarten auch Ausländer?« antwortet: »Nein, nur Kinder.«
Brigitte Wegner, Wuppertal
Der U-Bahn-Fahrer, der allen Aussteigenden ein schönes Wochenende wünscht.
Christina Michaelsen, München
Wenn ich den alten Campingtisch vor das
kleine Urlaubshaus meiner Familie im
Harz stelle und in vollkommener Ungestörtheit Briefe schreiben kann, während
der Wald um mich herum rauscht.
Wolfgang Höff ken, Erfurt
Neulich auf dem Nachhauseweg stand eine
Katze am Straßenrand. Sie sah nach links,
nach rechts, wieder nach links und hob artig
die Pfote, wie um zu signalisieren, dass sie
auf die andere Seite möchte. Ich hatte es
eilig, trotzdem ließ ich sie hinüber. Ein entgegenkommendes Auto hielt ebenfalls. Der
Fahrer lachte über ihr hoheitsvolles Gebaren,
und auch mich lässt der Anblick des majestätisch über die Straße schreitenden Tieres
bis heute schmunzeln.
M A L EN N ACH ZA HL EN
Welches Tier
schmeckt mit
den Füßen?
Regina Zachmann,
Salem, Baden-Württemberg
Die Lösung finden Sie auf S. 59
ZEITSPRUNG
1966/2016: Die Band
Wir waren fünf Schüler, und nachdem die Rolling Stones ihre erste LP
veröffentlicht hatten, gründeten auch wir eine Band. Wir nannten uns
The Mods und erlangten – im Aachener Nordkreis – einen beachtlichen
Bekanntheitsgrad. Dann kamen das Abitur, die Lehre, der Beruf, und wir
gingen auseinander. Obwohl keiner von uns weiter als 20 Kilometer vom
andern entfernt lebte, hatten wir kaum Kontakt. Inzwischen sind 50 Jahre
vergangen, wir sind alle in Rente – und jetzt spielen wir wieder zusammen
– unter anderem die Hits unserer Vorbilder von damals.
Rolf Kretzschmar, Aachen
* Die Redaktion behält sich Auswahl, Kürzung und redaktionelle Bearbeitung Ihrer Beiträge vor. Mit der Einsendung geben Sie Ihr Einverständnis, Ihren Beitrag in der ZEIT, im Internet
(www.zeit.de/zeit-der-leser), in der ZEIT-App, in Sozialen Netzwerken oder in einem ZEIT-der-Leser-Sammelwerk zu veröffentlichen.
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Illustration: Uli Knörzer für DIE ZEIT; kl. Foto (u. l.): Alexander Heinl/dpa
»Du konntest von
der Welt erzählen«
Mein Freund Micha half mir, die alten, verzogenen Dielen unserer Wohnung abzuschleifen. Hätten wir das nach Vorschrift gemacht, wären wir verzweifelt. Glücklicherweise kannte Micha das göttliche Verb juckeln:
Einfach die Schleifmaschine ein wenig verkanten, hier und da ein bisschen mehr aufdrücken – kurz drüberjuckeln, und die Delle im Boden ist kaum noch zu sehen. Frank Schlößer, Rostock
WIR
D I E Z E I T No 2 8
Ich sitze im Zug, schlage in der ZEIT die
Rubrik »Was mein Leben reicher macht« auf
und mache ein Foto mit meinem Smartphone. Ein älterer Herr sagt mit leicht entrüstetem Unterton: »Da werden die Dinge
gleich abfotografiert!« Ich erkläre, dass ich
das Foto einer Freundin schicke, damit wir
uns – ein wöchentliches Ritual – gemeinsam
an den Geschichten freuen können. Als ich
aussteige, schenke ich ihm meine Zeitung,
und noch bevor sich die Zugtür öffnet, höre
ich, wie er seiner Begleitung aus dieser Spalte
vorzulesen beginnt.
Fabiola H. Gerpott, Bremen
Machen Sie mit!
Schreiben Sie uns, was Ihr Leben reicher
macht, teilen Sie Ihre »Wortschätze« und
»Zeitsprünge« mit uns.
Beiträge bitte an [email protected] oder an
Redaktion DIE ZEIT, »Z-Leserzeit«,
20079 Hamburg
30. J U N I 2 0 1 6
D I E Z E I T No 2 8
BBILDUNG
ILDUNG W
I S S E N S C H A F T B EBERUF
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WISSENSCHAFT
CHANCEN
THEMA
Psychiater –
wo sie wirken,
was sie bewirken
Seite 64/65
Sommer der Revolte –
Ex-Studentenführer
Knut Nevermann
über den Juni 1966
Seite 65
61
UNIVERSUM
Antiautoritäre
Verhältnisse?
Ein deutscher Professor in Yale soll
Studentinnen belästigt haben
Foto: Peter Cederling/Plainpicture (Symbolfoto); Illustration: Stephanie Wunderlich für DZ (u.); kl. Foto: Michael Gottschalk/ddp
Was macht
ihr mit mir?
#
Eigentlich sollen Kindergärten die
Jüngsten fördern und behüten.
Doch in manchen Einrichtungen
herrschen schlimme Zustände.
Eine Umfrage enthüllt nun das Ausmaß
VON ASTRID GEISLER UND K ARSTEN POLKE- MAJEWSKI
Für ein unglückliches Kind kann ein Tag in der Kita endlos lang sein
S
chließlich kündigt Amina Annabi Die Pädagogen bewerten die Lage sogar noch kri(Name geändert). Die Praktikantin tischer, als es die Eltern tun.
ZEIT ONLINE hat Dutzende der Fälle nacherträgt es nicht mehr, wie in der
kleinen Kita in Berlin-Kreuzberg recherchiert. Sie handeln von nass geweinten Kinmit den Kindern ihrer Gruppe um- dern, belogenen Eltern und überarbeiteten Erziegegangen wird. Über sieben Monate hern. Was in den meisten Geschichten fehlte:
hinweg hat sie schlimme Dinge ge- drastische Konsequenzen. Selten werden Mitarbeisehen: wie die Erzieherin einem Mädchen Essen in ter belangt, oft werden nicht einmal die Eltern inden Mund stopft, bis es sich erbricht. Wie sie Kin- formiert, und so gut wie nie erfährt die Öffentlichder aus nichtigen Gründen anschreit, schüttelt und keit etwas von solchen Vorfällen.
Kindergärten, Krippen und Tagesstätten gelten
auf den Boden stößt. Wie sie einen Jungen zur
Strafe in einen Raum sperrt und ihn dort vergisst, als perfekte kleine Welten. In den vergangenen zehn
als die Gruppe zu einem Spaziergang aufbricht. Jahren ist die Betreuung der Jüngsten auch zu einem
Doch obwohl die Praktikantin die Kitaleitung da- gewaltigen Geschäft herangewachsen. Seit die darüber informiert, was hinter der Tür des Gruppen- malige Familienministerin Ursula von der Leyen
raums geschieht, ändert sich nichts. Erst als die 2007 den Ausbau von Kitaplätzen massiv vorantrieb, boomt die Branche.
Eltern des vergessenen Jungen
Noch 2006 gaben Bund, Ländrohen, die Aufsichtsbehörde
Geschichten von
der und Kommunen rund 10
zu informieren, gesteht die
Milliarden Euro für KinderErzieherin, dass sie sich übernass geweinten Kindern,
betreuung aus. 2014 war es
fordert gefühlt und die Kinder
belogenen Eltern und
mit fast 23 Milliarden schon
grob angefasst habe. So beüberarbeiteten Erziehern
mehr als doppelt so viel. Die
richten es die Eltern. Leitung
Zahl der Kitaplätze stieg um
und Träger der Kita sagen, die
eine halbe Million. 6335 neue
Taten der Erzieherin seien ihnen zu keinem Zeitpunkt bekannt geworden. Le- Einrichtungen sind in den vergangenen zehn Jahren
diglich den Vorfall mit dem Jungen räumen sie ein. entstanden. Rund 170 000 zusätzliche pädagogische
Ein bedauerlicher Einzelfall? Leider nicht, Mitarbeiter nahmen die Arbeit auf.
Über die Abgründe dieser Boombranche
auch wenn viele Kinder jeden Morgen in den
Kindergarten gehen und nachmittags glücklich dringt wenig nach außen. Die Behörden reden
zurückkommen, weil sie den ganzen Tag liebevoll selten darüber; sie müssen festgelegte Zahlen erumsorgt wurden. Denn in manchen Kinder- reichen – jedem Kind ein Kindergartenplatz. Träbetreuungseinrichtungen ist das nicht so sicher: ger und Leitungen der Kitas äußern sich nicht,
In Heilbronn traktiert eine ältere Fachkraft ein weil sie dann zugeben müssten, wie schwer es ihKind so sehr, dass es mit Hämatomen nach Hau- nen fällt, trotz des starken Ausbaus die Qualität
se kommt. In Hamburg sperrt eine Mitarbeiterin ihrer Einrichtungen zu halten. Sogar Eltern
ein Kind 45 Minuten lang in einen Toiletten- schweigen oft, weil sie auf die Plätze angewiesen
raum; ein Kindergartenleiter ohrfeigt einen autis- sind. Ausgerechnet dort, wo es um die Schwächstischen Jungen. Im Eifeldorf Antweiler sollen ten und Wehrlosesten in der Gesellschaft geht,
Erzieherinnen die Hände und Füße von Kindern sehen alle weg. »Es gibt Leuchttürme, aber auch
mit Klebeband am Stuhl fixiert, ihnen den Mund Katastrophen-Kitas, die sofort geschlossen werden
zugeklebt und sie in einer dunkle Abstellkammer müssten. Schon innerhalb einer Einrichtung kann
es erhebliche Qualitätsunterschiede geben«, sagt
eingesperrt haben.
Diese Beispiele sind nur ein kleiner Ausschnitt die Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagoaus mehr als 2200 Erfahrungsberichten, die ZEIT gik in München, Fabienne Becker-Stoll, im InterONLINE seit Anfang Mai erreichten. ZEIT view mit der ZEIT (siehe Folgeseite). »In manchen
ONLINE hatte seine Leser nach Missständen in Kitas haben sich routinierte Handlungen etaihren Kindertagesstätten gefragt. Rund 2000 El- bliert, die gewaltsam sind und den Mitarbeitern
tern und 260 Kindergartenmitarbeiter antworte- dort gar nicht mehr auffallen«, beklagt Jörg Mayten. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ. Aber wald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das
sie zeigen: In allen Bundesländern sehen Eltern Kind. »Oft sehen nur Außenstehende, was wirkund Kitamitarbeiter schwere Qualitätsmängel. lich los ist.«
Krippen und Kitas in Deutschland erreichen
bundesweit nach wie vor keinen »kindgerechten
Standard«. Im diese Woche erschienenen Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme der Bertelsmann Stiftung wird erneut deutlich, wie groß die
Unterschiede in den einzelnen Bundesländern
sind. So ist eine ostdeutsche Erzieherin in der
Krippe für 6,1 Kinder zuständig, eine westdeutsche dagegen für 3,6 Kinder. Die Empfehlung liegt
bei drei Kindern pro Erzieherin.
Die Bundesregierung weiß schon lange, dass
kleine Kinder in vielen Kitas nicht besonders gut
aufgehoben sind, in einigen sogar furchtbar
schlecht. Sie selbst hatte die Nubbek-Studie in
Auftrag gegeben, eine Qualitätsanalyse in mehr als
550 Kinderbetreuungseinrichtungen, die das seit
2013 belegt. Die Wissenschaftler bewerteten damals nur sechs Prozent aller Kinderkrippen als
»gut« oder »sehr gut«. In fast sieben Prozent der
Krippen und 17 Prozent aller altersgemischten
Kindergärten schätzten sie die Qualität als unzureichend ein. Die allermeisten Kitas erschienen
den Forschern mittelmäßig. Die Autoren der Studie forderten deshalb schon vor drei Jahren eine
unabhängige, bundesweite Qualitätskontrolle und
genauso massive Investitionen in die Qualität, wie
es sie bisher in den flächendeckenden Ausbau der
Kitaplätze gab.
Geschehen ist wenig. Die Bundesregierung
schiebt ergebnislos ein längst versprochenes KitaQualitätsgesetz vor sich her. Die Ministerpräsidenten der Länder haben 2014 sogar einheitliche,
strengere Qualitätsregeln einmütig abgelehnt.
Mindestens bis zur nächsten Bundestagswahl.
»Die Politik schaut weg«, sagt Ilse Wehrmann. Sie
war jahrzehntelang Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen
für Kinder. Heute arbeitet sie als Sachverständige
für Frühpädagogik und sitzt im Expertenteam des
Zukunftsdialogs der Bundeskanzlerin. »Man hat
dort das Gefühl, seit der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz erfüllt ist, ist alles paletti – aber
nichts ist paletti.« Nötig sei ein KindergartenTÜV, der nicht nur die Breite von Türen und die
Quadratmeter des Außengeländes misst, sondern
vor allem auf die Prozessqualität achtet, also auf
die Art der pädagogischen Arbeit. Wehrmann
fordert: »Das muss ein Chefthema in der Bundesregierung werden.«
Gesetzliche Werkzeuge, um die Kinder in den
Kitas zu schützen und die Qualität zu garantieren, gibt es eigentlich längst. Sie werden aber
nicht durchgesetzt. Das 2012 überarbeitete Bundeskinderschutzgesetz bindet beispielsweise die
Betriebserlaubnis einer Kindertagesstätte daran,
dass die Kita ein eigenes Konzept für den Schutz
von Kindern vor Gewalt festgeschrieben hat.
Dieses soll nicht nur eine gewaltfreie Umgebung
für die Kinder sicherstellen, sondern auch den
Schutz der Fachkräfte, da auf diese Weise die
Kitas den Handlungsspielraum ihrer Mitarbeiter
im Umgang mit den Schutzbefohlenen definieren. Längst gibt es Vorbilder, wie solche Pläne in
den Teams entwickelt und im Alltag umgesetzt
werden können.
Doch auch vier Jahre nach Verkündung des
Kinderschutzgesetzes haben sich bei Weitem
noch nicht alle Kitas ein Schutzkonzept gegeben.
Ihre Aufsichtsbehörden, also die Bundesländer,
fordern dies offensichtlich nicht einmal flächendeckend ein. Die positive Ausnahme bildet
Hamburg. Der Stadtstaat verlangt seit vergangenem Jahr von jeder Kindertageseinrichtung ein
solches Konzept. In Berlin wurden Kitas vor vier
Jahren von externen Gutachtern evaluiert. Auf
Fehlverhalten zu achten war ein Nebenauftrag
des Verfahrens. Die Evaluation durfte jedoch nur
unter der Bedingung stattfinden, dass Bewertungen einzelner Kitas nicht veröffentlicht werden.
Was auch bedeutet: Eltern, die ihre Kinder in einer Tagesstätte anmelden wollen, wird die Möglichkeit vorenthalten, sich über deren Qualität zu
informieren.
Vorgeschrieben sind seit 2012 auch klare Meldepflichten: Kitaträger müssen die zuständige Aufsichtsbehörde umgehend über »Ereignisse oder
Entwicklungen« informieren, »die geeignet sind,
das Wohl der Kinder (...) zu beeinträchtigen«.
Merkblätter listen auf, was darunter fällt. Doch
wie häufig Kitaträger den Aufsichtsbehörden auf
diesem Weg von Missständen in ihren Einrichtungen berichten, weiß niemand. Nur fünf Bundesländer zählen überhaupt, was ihnen aus den Kitas
gemeldet wird: Baden-Württemberg, RheinlandPfalz, Thüringen, Brandenburg und das Saarland.
Vergleichbar sind diese Daten jedoch nicht. Übrig
bleibt ein undurchdringbares Dunkelfeld.
Ohnehin gilt das Thema Kitaqualität in Fachkreisen als vorerst erledigt. Im Herbst soll eine
Bund-Länder-Arbeitsgruppe noch einen Zwischenbericht vorlegen. Dann ist die Legislaturperiode
auch schon wieder fast vorbei.
Zuschriften. Eltern ärgerten sich vor allem über
den spürbaren Personalmangel in den
Einrichtungen ihrer Kinder – 34 Prozent der
Beschwerden handelten davon. Die Ergebnisse
sind nicht repräsentativ, zeigen aber, wie viel
Kritik selbst Kitamitarbeiter üben. 85 Prozent
benannten mindestens einen strukturellen
Missstand. 24 Prozent der Mitarbeiter äußerten
sich kritisch über die mangelhafte Ausbildung der
Fachkräfte. Mehr zu den Ergebnissen der Umfrage
und den Recherchen von ZEIT ONLINE lesen Sie
unter zeit.de/kita-qualitaet
www.zeit.de/audio
Im Jahr 2009 nannte die ZEIT ihn einen
»Weltverändererdenker« – da war der deutsche Philosoph Thomas Pogge gerade nach
Yale berufen worden. Seine Ideen über
globale Gerechtigkeit, Armut und Macht
sind bis in Politik und Wirtschaft vorgedrungen. Nun aber wird der Professor für
Philosophie und Internationale Angelegenheiten in mehreren Fällen der sexuellen Belästigung und Nötigung beschuldigt.
Die Gerüchte sind nicht neu, neu aber sind
Berichte und Stellungnahmen im Internet. Im
Fokus stehen die Vorwürfe der ehemaligen
Studentin Fernanda Lopez Aguilar. Sie behauptet, Pogge habe sie körperlich bedrängt
und ihre Bewunderung für seine Arbeit ausgenutzt. Auch Frauen anderer Institutionen
berichten von Belästigungen. Seit vergangener
Woche hat der Fall nun eine neue Dimension.
In einem offenen Brief beschuldigen 169
Wissenschaftler Pogge eines »Langzeitmusters
diskriminatorischen Verhaltens«. Er habe das
Vertrauen der Scientific Community verraten.
Zu den Erstunterzeichnerinnen gehören Forscherberühmtheiten wie Seyla Benhabib aus
Yale sowie die Politologinnen Wendy Brown
und Nancy Fraser oder die Philosophin Martha
Nussbaum. Ebenfalls unterschrieben hat der
Institutsleiter des Philosophie-Departments in
Yale, Stephen Darwall.
Auch gegen die Universität ist wegen sexueller Diskriminierung eine Bürgerrechtsbeschwerde beim US-Bildungsministerium
eingelegt worden. Die Universität soll von den
Vorwürfen gegen Pogge seit Langem gewusst
haben wie auch von einem weiteren Fall mutmaßlicher sexueller Belästigung an der Columbia University im Jahr 1995.
Thomas Pogge selbst bestreitet die aktuellen Vorwürfe in einer von ihm im Internet
veröffentlichten sechsseitigen Verteidigungsschrift und schreibt, der »Internetprozess«
gegen ihn gleiche einer »Steinigung«. Für den
Ton und die Argumentation seiner Verteidigung wird Pogge scharf kritisiert. Die Politologin Melissa S. Williams wirft ihm in einem
persönlichen, später auf ihrer Facebook-Seite
veröffentlichten Brief vor, in seinem Schreiben
die Glaubwürdigkeit der Anklägerin unterminiert und sich als Opfer dargestellt zu haben, statt seine Machtposition zu reflektieren.
Im Gespräch mit der ZEIT reagiert Thomas Pogge auf diese Vorwürfe. »Mein Verteidigungsschreiben hat mir sehr geschadet«,
sagt Pogge, »aber ich kann die sexuelle Belästigung nicht zugeben, wenn sie nicht geschehen ist.« Richtig sei, dass er 2010 auf einer
Forschungsreise mit Lopez Aguilar in einem
Hotelzimmer gewohnt und im Flugzeug auf
ihrem Schoß geschlafen habe. »Das hätte ich
nicht tun dürfen.« Doch er pflege ein »freundschaftliches, antiautoritäres Verhältnis« zu
seinen Studierenden. Über die anderen Fälle
sagt er, dass die Frauen vergangene Situationen
nun nachträglich »anders interpretieren« würden. Pogge, der sich gerade beruflich in Nepal
aufhält, sagt außerdem, er habe derzeit keinen
Rechtsbeistand und müsse überlegen, was er
jetzt mache: »Ich ziehe eine Klage wegen Diffamierung in Betracht.« Von seiner Universität
sei er noch nicht kontaktiert worden.
Seyla Benhabib, die als Professorin in Yale
Politische Philosophie und Theorie lehrt, sagt
auf Anfrage, dass Thomas Pogge sich verantworten müsse. Als Kollegin habe sie den Gerüchten über ihn lange keinen Glauben geschenkt. Das nun öffentlich gemachte Material
zeige aber, dass Pogge ein »erschreckend
schlechtes Urteilsvermögen und Charakterschwäche in seinem übergriffigen Umgang mit
Studentinnen und jungen Kolleginnen« besitze. Moralisch geboten sei es, so Benhabib,
dass Pogge »von seinem Posten in Yale zurücktritt, bis der juristische Fall geklärt ist. Die Universität Yale sollte ihn darum bitten, sofern er
diesen Schritt nicht freiwillig anbietet. Zur
Lehre ist er derzeit nicht in der Lage.«
Die Universität Yale hat sich bis zum
Redaktionsschluss nicht öffentlich zu dem
Fall geäußert.
ANNA- LE NA SCHOLZ
#
Kitas außer
Kontrolle
Haben Sie Missstände in der Kita Ihres Kindes
erlebt?, fragte ZEIT ONLINE seine
Leser. Mehr als 2000 haben geantwortet.
Die Berichte zeigen systematische Probleme in
der Boombranche Kindergarten. Aus allen
Regionen Deutschlands erhielt die Redaktion
Jetzt am Kiosk:
Das neue ZEIT SPEZIAL
132 Seiten über Arbeit,
Liebe, Geld und die Rushhour
des Lebens, in der alles auf
einmal passiert
62 CHANCEN
30. J U N I 2016
KITAS AUSSER KONTROLLE
WORK-LOVE-BALANCE
D I E Z E I T No 2 8
Wunsch und Wirklichkeit
Qualität I: So viele Kinder werden in Krippengruppen
von einer Erzieherin betreut
Qualität II: So schlecht schneiden Kitas bei
Betreuung und Pflege der Kinder ab
Personalschlüssel*
Karriere oder Beziehung? In der
Rushhour des Lebens wird es ernst.
RUDI NOVOTNY kriegt das zu spüren
Tagespflege (n = 161)
1.3.2012
1.3.2015
4,0
altersgemischte Gruppen (n = 128)
3,7
Krippe (n = 117)
Nach einer Empfehlung der
Bertelsmann Stiftung sollen
auf eine(n) Erzieher(in) drei
Kinder kommen
88,3 %
6,1
Professors Praxis
Seit ich längere Texte nur
noch häppchenweise anbiete,
greifen die Studierenden
viel lieber zu und nehmen
auch was für zu Hause mit
Stephan Porombka, 48,
ist Professor für Texttheorie
an der UdK Berlin. Mehr unter
www.zeit.de/porombka
90 %
6,0
5,7 5,1
3,2 3,3
Ich suche. In den Taschen meines Mantels. Im
Wäschekorb. Im Geschirrschrank. Der Mensch,
der mit mir wohnt, schaut mir zu. Er hat noch
nie etwas gesucht. Seine Mäntel hängen mit
geleerten Taschen in der Garderobe. Seine
Wäsche ist nach Farbe sortiert. Sein Geschirr
nach Aussehen und Größe.
Der Mensch, der mit mir wohnt, sagt: »Nur
in einem aufgeräumten Haus wohnt ein aufgeräumter Geist.« Ich sage: »Panta rhei, alles
fließt, so ist das Leben.«
Niemand lebte aufgeräumter als Klara von
nebenan. Klara trug Zöpfe und spielte das dazu
passende Instrument. Querflöte. Ihre Schulnoten konnten sich ebenso sehen lassen wie
ihre Freundinnen. Und ihr Hamster war der
einzige in der Nachbarschaft, der eines natürlichen Todes starb und nicht, weil sich jemand
auf ihn setzte oder ihn als Prinzessin verkleidet
in einem Puppenhaus vergaß.
Klaras Eltern waren seit ihrer Schulzeit zusammen. Ihr Vater arbeitete als Buchhalter in
einem Betrieb, der vor allem mittelständisch
war. Klaras Mutter war zu Hause. Die beiden
hatten sich über den Bruder der Mutter kennengelernt. Damals spielte Onkel Heinrich
mit dem Vater in einer Fußballmannschaft,
trank mit ihm Bier und küsste mit ihm Mädchen in der Diskothek. Das mit dem Biertrinken war gleich geblieben. Ansonsten hatte sich
bei Klaras Vater viel verändert. Bei Onkel
Heinrich weniger.
Manchmal kam Klara zu mir rüber und
wunderte sich. Darüber, dass ich mir Schokolade aus der Vorratskammer holen durfte, wann
immer ich wollte, darüber, dass unsere Verwandten in anderen Ländern lebten, und darüber, dass meine Eltern immer so viel stritten.
Klara wunderte sich laut. Ich erklärte leise. Sie
riss ihre Augen auf. Und meine Wunden.
Dann stand Klara eines Abends vor der Tür.
Zu einer Uhrzeit, die nicht in ein aufgeräumtes
Leben passt. Mit Haaren, so unaufgeräumt wie
die Uhrzeit. »Meine Eltern haben sich gestritten.« – Ich nickte. »Kann passieren«, sagte ich.
– »Meine Mutter schläft heute Abend bei einer
Freundin«, sagte sie. – Ich nickte. »Kann passieren«, sagte ich. – »Weil sie gesehen hat, wie
mein Vater und Onkel Heinrich sich geküsst
haben«, sagte Klara. Ich riss meine Augen auf.
Und sah Klaras Wunden.
Als ich begann, die Welt zu beschreiben,
hatte ich einen Chefredakteur, der sie aufräumen wollte. Seine Überzeugungen stammten aus Büchern. Seine Sätze klangen nach
Papier. Er sagte: »Weltpolitik wird nur in
Washington, D. C., gemacht, im Herzen der
einzig verbliebenen Supermacht.«
Kurz darauf zog er unsere Korrespondenten
aus Russland, Lateinamerika und dem Nahen
Osten ab. Dann kam der Georgien-Krieg. Und
der Arabische Frühling. Und noch ein paar
Sachen. Die Korrespondenten sind wieder da.
Der Chefredakteur ist weg.
Klara lebt schon seit Langem nicht mehr
nebenan. Sondern im Ausland. Das letzte Mal
sah ich sie auf einer Hochzeit. Der ihres Vaters
mit Onkel Heinrich. Sie spielte Gitarre, mit
kurzen Haaren.
Nur wer verliert, kann finden. Ich suche
weiter.
100 %
5,8**
4,2
4,0
6,9
6,6 6,3
6,3
Hierbei handelt es sich nicht um die
durchschnittliche pädagogische Qualität
der Kindertagesstätten, sondern um den
Teilbereich Betreuung und Pflege.
Es geht um Begrüßung und Verabschiedung,
Mahlzeiten und Zwischenmahlzeiten, Ruheund Schlafzeiten, Wickeln und Toilette,
Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge und
Sicherheit (Nubbek-Studie 2013)
78,4 %
70 %
60 %
3,7 3,6
50 %
5,3
4,1
4,0
6,6
5,3
40 %
6,4
3,8
*Median, ohne Leitung,
**für 2012 ist keine
Berechnung möglich
3,6
30 %
24,8 %
19,8 %
20 %
17,0 %
3,6
80 %
73,3 %
11,7 %
3,6
4,0
3,5
3,0
10 %
3,8
1,9 %
0,0 %
0%
Bereich guter
bis sehr guter Qualität
Bereich
mittlerer
Qualität
Bereich
unzureichender
Qualität
»Sofort abmelden!«
Wann schadet die Fremdbetreuung dem Kind? Was zeichnet einen feinfühligen Erzieher aus?
Die Kindheitsexpertin Fabienne Becker-Stoll über die Konsequenzen aus der großen Kita-Qualitätsumfrage von ZEIT ONLINE
DIE ZEIT: Frau Becker-Stoll, wie gut sind unsere
Krippen und Kindergärten?
Fabienne Becker-Stoll: Von hervorragend bis
grottenschlecht und kindeswohlgefährdend ist
da leider alles dabei. Es gibt Leuchttürme, aber
auch Katastrophen-Kitas, die sofort geschlossen
werden müssten. Schon innerhalb einer Einrichtung kann es erhebliche Qualitätsunterschiede
geben: Bei den »Schmetterlingen« herrschen
dann Heulen und Zähneklappern, während bei
den »Bienchen« die Tage in schönster Fröhlichkeit vergehen.
ZEIT: Die von unseren Lesern, aber auch von
Kita-Mitarbeitern geschilderten Missstände verwundern Sie nicht?
Becker-Stoll: Nein, die Ergebnisse Ihrer OnlineBefragung überraschen mich nicht. Das sind mit
Sicherheit keine Einzelfälle. Wir müssen davon
ausgehen, dass die Dunkelziffer noch viel höher
ist. Die letzte große nationale Studie zur Qualität
in Krippen und Kindergärten hat gezeigt, dass
über 80 Prozent aller Einrichtungen nur über
eine mittelmäßige Qualität verfügen. Unzureichende Qualität, und hier müssen wir schon von
einer Kindeswohlgefährdung ausgehen, gibt es in
6,8 Prozent der Krippen und in 17,6 Prozent der
altersgemischten Einrichtungen. Dazu muss man
wissen, dass der massive Ausbau der Plätze für die
unter Dreijährigen an vielen Orten keine neuen
Krippengruppen nach sich zog, sondern einfach
zusätzliche Kindergartengruppen eröffnet wurden für ein- und zweijährige Kinder. Die wuseln
dann zwischen Fünf- und Sechsjährigen umher.
In diesen gemischten Betreuungsformen kann
den Bedürfnissen der Kleinen meist nicht entsprochen werden, auch weil die Erzieherinnen
dafür häufig nicht ausgebildet sind.
ZEIT: Wie oft stoßen Sie selbst auf Missstände?
Becker-Stoll: Meine Kollegen und ich sind für
Forschungszwecke, Fortbildungen und Gespräche oft in den Einrichtungen. Wir begeben uns
dann sehr früh am Morgen schon an den Ort,
sodass wir sehen, wie die Kinder ankommen
und begrüßt werden. Beim Begrüßen, aber auch
beim Essen, Wickeln, Verabschieden, überhaupt
bei der Interaktion zwischen Erzieherin und
Kind entspricht vieles nicht den Bedürfnissen
der Kinder.
ZEIT: Was kann man beim Begrüßen und Verabschieden falsch machen?
Becker-Stoll: Zunächst braucht man überhaupt
ein Bewusstsein dafür, dass es sich hier um wichtige Situationen handelt, um mit den Kindern,
aber auch den Eltern ins Gespräch zu kommen,
eine Beziehung zum Kind aufzubauen. Wir wollten für eine Studie wissen, wie viele individualisierte Gesprächsangebote ein Kind innerhalb einer Woche bekommt, und haben erfasst, wie oft
eine Erzieherin das Kind direkt anspricht oder
aus einer Alltagssituation ein Gespräch entwickelt. Und obwohl wir Begrüßung und Verabschiedung mitgezählt haben, gab es Kinder, die in
der gesamten Woche nicht ein einziges Mal direkt
angesprochen wurden. Sie wurden also nicht mal
begrüßt oder verabschiedet.
ZEIT: Warum ist es so wichtig, solche Situationen
mit dem Kind zu erleben?
Becker-Stoll: Weil wir wissen, dass es dem Kind
gerade dann besonders gut geht, wenn es sich in
der fremden Umgebung sicher fühlt. Dafür spielt richtung die teuersten Möbel vom privaten
die Interaktion zwischen Kind und Erzieherin Tischler hat. Am Ende kommt es auf das Fachwissen und die emotionale und soziale Kompeeine entscheidende Rolle.
ZEIT: Daran kann ich als Vater oder Mutter die tenz jeder Erzieherin an. Wenn die Fachkräfte
nicht wissen, was sie tun, hilft es nichts, wenn
Qualität einer Einrichtung erkennen?
Becker-Stoll: Ja, so ist es. Der Maßstab für die sich besonders viele um die Kinder kümmern.
Qualität einer Kita ist allein das Wohlergehen des ZEIT: Wie meinen Sie das?
Kindes. Also all das, was ein Kind tagtäglich am Becker-Stoll: Ich denke an eine private Einricheigenen Leib erfährt. Ob die Fachkräfte in der tung, die wir besucht haben; die Eltern müssen
Lage sind, feinfühlig auf all seine Bedürfnisse zu dort 1000 Euro pro Monat bezahlen. Es gab viel
reagieren. Nur wenn sich ein Kind wohlfühlt, mehr Personal als normalerweise üblich, die Erziekann seine Entwicklung langfristig gefördert wer- her waren zur Hälfte englische Muttersprachler
den. Ein Kind, das keinen Trost erfährt, wenn es mit einem hohen Ausbildungsniveau – aber den
weint, nicht ab und zu die exklusive Aufmerksam- Kindern ging es überhaupt nicht gut. Es war
keit der Erzieherin bekommt, wird nie in der Lage furchtbar: Die Kinder wehrten sich verzweifelt dasein, sich frei zu entfalten und seinem Bedürfnis gegen, sich von ihren Eltern trennen zu müssen.
nachzugehen, die Welt zu entdecken. Die Stun- Sie liefen danach weinend umher, ohne dass sich
den in der Kita verbringt es dann wie in einem jemand um sie gekümmert hätte, sie wurden anemotionalen Panzer, in Angst und purem Stress.
geschrien. Ich habe in sieben Stunden nicht ein
Mal gesehen, dass ein Kind
ZEIT: Ist es nicht illusionär,
von einer Erzieherin angelädass die Eltern die Qualität
chelt wurde.
der Kita richtig beurteilen?
Für Eltern ist es doch schon
ZEIT: Warum hatte man Sie
schwer, überhaupt einen
eingeladen?
Kita-Platz zu finden.
Becker-Stoll: Die Einrichtung wollte uns ihre naBecker-Stoll: Eltern gewähturwissenschaftliche Bildung
ren Einrichtungen und Erpräsentieren. Das Wochenziehern einen unglaublich
thema war Wasser. Die Erhohen Vertrauensvorschuss.
zieherin stellte einen Topf
Sie können ihr Kind nur
kochendes Wasser auf den
mit einem Gefühl der Si»Über 80 Prozent aller
Tisch, um zu zeigen, wie es
cherheit in fremde Hände
Einrichtungen verfügen
verdampft. Den Kindern
geben, sonst würde das ja
nur über eine
wurde gesagt, sie dürften
keiner übers Herz bringen.
sich nicht bewegen, weil sie
Es kann ihnen aber niemittelmäßige Qualität«
sich sonst verletzen könnten.
mand die Verantwortung
Sie saßen weinend um den
für ihr Kind abnehmen. DaFabienne Becker-Stoll,
Tisch herum, wurden harsch
her sollten sie bei der Wahl
Direktorin des Staatsinstituts für
gepackt, wenn sie aufstehen
der Kita sehr sorgfältig sein
Frühpädagogik in München
wollten. Die Erzieherin aber
und sich darum kümmern,
absolvierte ihr Wasserproin der Kita hospitieren zu
dürfen, einen ganzen Vormittag am besten. Und jekt und erkannte nicht, dass das völlig an den
dann müssen sie sofort sehen, dass da ganz viel ge- Bedürfnissen der Kinder vorbeiging und sie unter
kuschelt und geschmust und geherzt wird. Wenn diesen Umständen nichts lernten.
Kinder weinen, und keiner kümmert sich drum: ZEIT: Als nach den ersten Pisa-Ergebnissen in
ganz schlimm! Sofort abmelden.
Deutschland der Bildungsnotstand ausgerufen
ZEIT: Und wenn man zu spät merkt, die falsche wurde, gerieten auch die Kitas in den Fokus: Dort
werde zu viel gekuschelt und zu wenig gelernt.
Wahl getroffen zu haben?
Becker-Stoll: Dann sollte man die Signale des Deshalb erhielt die Kita ebenfalls einen BildungsKindes unbedingt ernst nehmen. Weint das Kind auftrag. Überall stehen nun Forscherkisten und
immer schon, wenn man nur auf die Kita zugeht, Experimentierkoffer. Haben wir bei alldem das
dann herrscht Alarmstufe Rot. Und jeder Wech- Wohlergehen der Kinder aus den Augen verloren?
sel ist dann ein Wechsel zum Guten. Denn wenn Becker-Stoll: Wir haben immer noch keinen geein Kind unglücklich ist, dann ist es das unend- sellschaftlichen Konsens darüber, was für Kinder
lich viele Stunden am Tag.
in den ersten Lebensjahren wichtig ist. Damit
ZEIT: Eltern haben gelernt, wie wichtig der Be- meine ich die Beziehungen, die sie erfahren, und
treuungsschlüssel ist, sie schauen auf die Höhe nicht die Experimente, die sie mit drei oder vier
der Toiletten in den Waschräumen, auf die Außen- Jahren machen. Der überzogene Bildungsananlagen und das Angebot an Büchern. Sagt all das spruch führt dazu, dass wir zu wenig über die Art
des Aufwachsens reden. Noch immer werden Kindenn nichts aus über die Qualität der Kita?
Becker-Stoll: Alles, was es an Rahmenbedingun- der zum Essen und Schlafen gezwungen oder zur
gen gibt, ist für die Qualität notwendig, aber Strafe auf einen »heißen Stuhl« gesetzt – es gibt
nicht hinreichend. Entscheidend für eine positive Eltern, die das mittragen, weil ihre Kinder »nicht
Entwicklung des Kindes ist die konkrete Zuwen- verzärtelt werden« sollen. Es gibt Einrichtungen,
dung, die es in der Kita erlebt. Wir Wissenschaft- die noch nicht einmal eine Eingewöhnung anbieler nennen das »Beziehungs- und Interaktions- ten, weil sie Angst haben, das könne die Trennung
qualität«. Dabei ist es völlig egal, ob die Kita in von den Eltern noch schwerer machen.
einem Problemviertel liegt, ob sie Kinder mit er- ZEIT: Die frühkindliche Bildung soll aber auch
höhtem Förderbedarf betreut oder ob die Ein- soziale Ungerechtigkeiten ausgleichen.
Becker-Stoll: Aus Studien wissen wir zum Beispiel,
dass zweijährige Kinder mit Migrationshintergrund im Hinblick auf ihre sprachliche und sozialemotionale Entwicklung nur vom Besuch einer
Kita profitieren, wenn die Qualität sehr gut ist.
Gehen diese Kinder in eine mittelmäßige oder gar
schlechte Kita, schadet das ihrer Entwicklung.
Dann ist es besser für sie, zu Hause zu bleiben.
ZEIT: Kinderbetreuung ist zu einem riesigen Geschäftsmodell geworden. Die Zahlen werden gefeiert, die Qualitätsdebatte wird vermieden. Warum?
Becker-Stoll: Weil die frühe Bildung in der Verantwortung der Kommunen liegt. Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz vom ersten
Geburtstag des Kindes an hat die Kommunen sehr
unter Druck gesetzt. Die Länder geben ihnen das
Geld in der Hoffnung, dass sie damit eine ordentliche Betreuung auf die Beine stellen. Aber keiner
kontrolliert, was wirklich passiert: ob man für das
Geld große Tagesmütterstellen schafft, mit Langzeitarbeitslosen als Angestellten, oder eben ordentliche Kitas mit gut ausgebildetem, teurem Personal.
ZEIT: Und die Ansprüche der Eltern steigen.
Becker-Stoll: Ja. Da ist zum Beispiel der Wunsch
nach 24-Stunden-Kitas, wo man sich entscheiden
kann, ob man das Kind nach einer Dienstreise nach
Paris abends noch abholt oder lieber erst am nächsten Morgen. Mein Eindruck ist, dass manche Eltern
gar nicht so genau wissen wollen, wie es ihrem Kind
in der Kita geht, Hauptsache, es funktioniert im
Takt der eigenen Leistungsanforderungen.
ZEIT: Wie kann der Staat in dieser verfahrenen
Lage das Beste für die Kinder erreichen?
Becker-Stoll: Zunächst müssten wir uns auf Qualitätsstandards einigen und diese dann evaluieren.
Berlin hat über 1000 Kitas und überprüft sie alle
fünf Jahre. Das könnte auch ein Modell für andere
Bundesländer sein.
ZEIT: Es gibt also Fortschritte?
Becker-Stoll: Es bleibt dabei, dass jedes Bundesland seine eigenen Regeln hat. Wir haben 16 verschiedene Bildungssysteme, die nicht aufeinander
abgestimmt sind. Wir haben 80 bis 100 Studiengänge für Kleinkind- und Elementarpädagogen geschaffen, ohne angemessen bezahlte Stellen in den
Kitas für diese Studienabgänger zu haben. Wir
müssten einen Zeitpunkt nennen, an dem alle
Kita-Leitungen Akademiker sein sollten. Danach
könnte man die Quote ausweiten auf die Fachkräfte, die in den Gruppen mit den Kindern arbeiten. Aber solange ich von Politikern immer
noch höre, »mittelmäßige Kitas sind kein Problem«, habe ich wenig Hoffnung. Die gleichen
Leute behaupten in ihren Sonntagsreden, Kinder
seien unsere Zukunft. Wenn sie das ernst meinten,
wüssten sie, dass die beste Qualität für die Bildung
und Betreuung der Kinder gerade gut genug ist –
und dass das Geld kostet und richtig teuer wird.
Das Gespräch führte Jeannette Otto
Foto: Johannes Mairhofer; Quellen: Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme 2016; Bertelsmann-Stiftung (links) Nubbek Studie 2013 (rechts)
Ich denke an Klara und
sortiere mein Leben
30. J U N I 2 0 1 6
CHANCEN 63
D I E Z E I T No 2 8
Her mit den Milliarden!
G
erade dachten die Wissenschaftsminister, sie könnten
entspannt in die Sommerpause gehen. Doch kaum hat
Hamburg dem Kompromiss
zur Zukunft der Exzellenzinitiative zugestimmt, meldet
sich Thüringens Ressortchef Wolfgang Tiefensee
zu Wort: Das Programm zur Förderung der Spitzenforschung sei ja gut und schön, aber jetzt sei es
an der Zeit, zum Wesentlichen zu kommen.
»Das Wesentliche«: Für die Länder ist das der
Hochschulpakt, der zusätzliche Studienplätze finanziert und in den der Bund jedes Jahr rund zwei
Milliarden Euro investiert – fünfmal so viel wie in
die neuerdings Exzellenzstrategie genannte Forschungsinitiative. Und während Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) jubelt, dass die
»ExStra« von jetzt an ein Programm ohne Ende sei,
läuft der Hochschulpakt nach 2020 aus: Vor neun
Jahren vereinbart, sollte er ein vermeintlich vorübergehendes Hoch bei den Anfängerzahlen abfangen.
»Dass der Pakt endet, ist keine Option«, verkündet der SPD-Politiker Tiefensee. Wenn es
nicht bald Planungssicherheit gebe, müssten die
Hochschulen anfangen, Personal abzubauen. Darum hat er seinen Kollegen Anfang der Woche
einen Zehn-Punkte-Plan präsentiert, mit dem er
den Bund in die Verhandlungen zwingen möchte.
Tiefensees Kernforderung: Von 2020 an soll Berlin
das Geld unbefristet überweisen, nach derselben
Logik, die bei der »ExStra« greift. Das Zauberwort lautet Grundgesetz-Artikel 91b: Ende 2014
haben Bund und Länder die Verfassung geändert.
Seitdem darf der Bund in der Länderdomäne
Wissenschaft dauerhaft agieren – und braucht
sich nicht mehr auf vorübergehende Initiativen
zu beschränken.
Wankas Ministerium sagt zu Tiefensees Ideen
lediglich, der Pakt sei doch erst verlängert worden.
Für das Ministerium kommt der Vorstoß zur Unzeit: Ein Jahr vor der Bundestagswahl will man sich
für die Erfolge in der Wissenschaftsfinanzierung
feiern und nicht neue Forderungen auf den Tisch
bekommen. Außerdem geht es um viel Geld. Auf
vier Milliarden Euro jährlich summiert sich Tiefensees Wunschliste. Neben den zwei Milliarden für
den Hochschulpakt soll der Bund 600 Millionen
für Forschungsprogrammpauschalen (bisher sind es
400 Millionen) an die Länder zahlen, außerdem 1,6
Milliarden für den Hochschulbau. Am schwierigs-
Wie man bildungsferne Schüler
für ein Studium begeistert
VON JAN -MARTIN WIARDA
ten zu schlucken dürfte für Wanka die letzte Forderung sein. Denn während keiner ernsthaft erwartet,
dass der Bund sich aus der Studienplatzfinanzierung
zurückzieht, hat er von 2020 an keinerlei Zuständigkeit mehr für die Uni-Baustellen der Republik.
Er will sie auch nicht: Wanka hat eine Diskussion
darüber mehrmals abgelehnt.
So kämpft der Bund für seinen politischen Gestaltungsspielraum, während die Länder immer
mehr planbares Dauergeld wollen. Und Tiefensee
taktiert schlau. Indem er argumentiert, nach der
Exzellenz sei die Breitenförderung dran, und seine
zehn Punkte unter dem Label »Neuer Hochschulpakt« verkauft, kommt die Forderung nach Entlastung der Länderhaushalte plötzlich als Einsatz für
mehr Bildungsgerechtigkeit daher. Um das Ganze
zusätzlich mit einer Vision zu versehen, hat der Minister mit dem Geschäftsbereich Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft das Buzzword
»Digitalisierung« vor die Klammer gezogen: Von
den vier Milliarden müssten jedes Jahr 400 Millionen in den »Aufbau digitaler Lehr- und Forschungsplattformen« fließen.
Die Arbeitsgruppe der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern zum
Grundgesetz-Artikel 91b, die vielen als AlibiVeranstaltung zur Überbrückung bis nach der
Bundestagswahl erschien, könnte also doch noch
spannend werden. Denn ein Ziel hat der frühere
Verkehrsminister Tiefensee, der bislang kaum als
Hochschulpolitiker in Erscheinung getreten ist, bereits erreicht: Die Debatte nimmt Fahrt auf. »Den
Hochschulpakt zu verstetigen wäre für unser ganzes
Wissenschaftssystem von zentraler Bedeutung«, sagt
zum Beispiel Bremens SPD-Wissenschaftssenatorin
Eva Quante-Brandt. »Das würde die Grundfinanzierung der Hochschulen langfristig sichern und
ihnen etwa ermöglichen, mehr Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter auf Dauer einzustellen.«
Auch Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer sagt, eine Verstetigung sei richtig. Über das Wie müsse geredet werden. »Wir brauchen Qualitätskriterien und keine
bloße Pro-Kopf-Verteilung.« Tiefensee will, dass
der Bund für jeden Studenten in der Regelstudienzeit 1000 Euro zahlen soll.
Vergangene Woche haben sich die Staatssekretäre zum ersten Mal zu ihrer 91b-AG getroffen. Bis
zum Frühjahr wollen sie ihre Forderungen an den
Bund sortieren. Mal sehen, wie viele TiefenseeMilliarden darin stecken werden.
W
Mit Geld lehrt es sich
einfach leichter
Fotos [M]: Victor Albrow/Getty Images, Creative Crop/Getty Images
Die Bundesländer verlangen für ihre Unis sehr viel Geld vom Bund
In 20 Minuten zu
mehr Gerechtigkeit
ie geht es weiter nach der Schule?« Vor
dieser Frage stehen gerade viele Abiturienten. Wollen sie bald in ihrer
ersten Juravorlesung sitzen, ein Seminar über die
Renaissance besuchen oder lieber eine Lehre als
Bankangestellte oder Konditor beginnen? Man
sollte denken, eine solche Entscheidung hinge
allein davon ab, was jemand gut kann und was
einem Spaß macht. Doch das stimmt oft nicht:
Denn eine wichtige Rolle bei der Wahl nach
dem Abitur spielt, ob die eigenen Eltern ebenfalls studiert haben oder nicht.
Forscher nennen das »soziale Ungleichheit
bei der Studienabsicht«. Wie diese reduziert
werden kann, zeigt eine Studie des Deutschen
Instituts für Wirtschaftsforschung und des
Wissenschaftszentrums Berlin, die der ZEIT
vorab vorlag. Die Forscher haben im BerlinerStudienberechtigten-Panel (Best Up) über
1500 Jugendliche an 27 Berliner Schulen auf
ihrem Weg zum Abitur begleitet.
In einigen der Klassen referierten die Wissenschaftler in einem Workshop 20 Minuten
lang, wie nützlich ein Studium ist und wie man
es finanziert. Ein Jahr lang verfolgten sie, wie
diese Informationsoffensive wirkte.
Das Ergebnis: Jugendliche, deren Eltern
nicht studiert hatten, wollten sich danach zu
76 Prozent an einer Hochschule einschreiben,
vergleichbare Jugendliche, die nicht an dem
Workshop teilgenommen hatten, nur zu
64 Prozent. Zudem gaben die Workshop-Teilnehmer aus bildungsfernen Familien ihre
Studienabsichten im Verlauf des Jahres deutlich seltener auf – die Informationen ermutigten sie also langfristig.
Die Forscher fanden auch heraus, dass sich
mehr als 60 Prozent aller Abiturienten schlecht
über Studienmöglichkeiten informiert fühlen.
Besonders Jugendliche aus bildungsfernen Familien bewerteten den Rat ihrer Eltern oft als
wenig hilfreich. Zu Recht, da diese Eltern die
Kosten eines Studiums regelmäßig überschätzten und seinen Nutzen unterschätzten – und
diese Haltung dann an ihre Kinder weitergaben.
Damit Abiturienten nicht einfach dem Bildungspfad ihrer Eltern folgen, müssen sie nicht
nur wissen, wo sie Infos über ein Studium bekommen, sie müssen mit diesen Informationen
konfrontiert werden. Die gute Nachricht: Schon
20 Minuten reichen dafür.
J U LIA G U NDLACH
64 CHANCEN
30. J U N I 2016
THEMA: PSYCHIATER
D I E Z E I T No 2 8
Reden, bis
#
es besser wird
Als Psychiaterin in einer Klinik hat Johanna Rönfeldt
Zeit für ihre Patienten. Die braucht sie auch.
Denn zu ihr kommen die härtesten Fälle VON FRIEDERIKE LÜBKE
Foto (Ausschnitt): Andreas Zauner für DIE ZEIT
A
Die Psychiaterin Johanna Rönfeldt in ihrem
Arbeitszimmer auf der Krankenstation
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ls Erstes an diesem Morgen
verschreibt Johanna Rönfeldt
ein Antidepressivum. Es ist
neun Uhr, in ihrem Büro sitzt
eine junge Frau. Mit Kuli
zeichnet Johanna Rönfeldt
eine Skizze für sie. Drei, vier
blaue Striche, die an einen Schaltkreis erinnern
und illustrieren sollen, wie im Gehirn Informationen weitergegeben werden. Die Mitte kreist
Rönfeldt ein: Hier wird das Medikament ansetzen. Ihre Patientin ist erst Anfang zwanzig, aber
schon schwer depressiv. Sie kennt sich aus. Johanna Rönfeldt sagt zu ihr: »Sie wissen, es verändert nicht den Charakter. Sie wissen, es macht
nicht abhängig. Aber die Wirkung setzt erst in
einigen Wochen ein, die Nebenwirkungen innerhalb von einer halben Stunde.« Dann zählt
Rönfeldt all diese Nebenwirkungen auf, von
Durchfall bis zur schwindenden Lust auf Sex.
Das Gespräch soll nicht nur informieren, es soll
auch die Therapie unterstützen, indem es die
Patientin dazu bringt, selbst zu entscheiden, was
für ein Medikament sie nehmen will – anstatt
einfach irgendetwas zu schlucken, was verschrieben wurde. Eine Entscheidung auf Augenhöhe.
Für psychisch Kranke sei das besonders wichtig,
sagt Rönfeldt.
Johanna Rönfeldt ist eine schmale Frau mit
klarer Stimme. Seit einem Jahr arbeitet die
34-Jährige als Stationsärztin und Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie auf einer Station
für junge Patienten mit Essstörungen und Depressionen in der Asklepios-Klinik Nord in
Hamburg-Ochsenzoll. Außer ihr arbeiten noch
vier Psychologen und zwei Ernährungswissenschaftler auf der Station. Doch für die medizinische Betreuung ist Rönfeldt allein zuständig. An
diesem Tag wird sie ein Mittel gegen erhöhte
Schilddrüsenwerte verschreiben, einen Verdacht
auf Gehirntumor überprüfen und nach der Ursache für eine Pilzinfektion forschen.
Johanna Rönfeldt hat in Hamburg Medizin
studiert und anschließend eine fünfjährige Facharztausbildung abgeschlossen. Psychiater behandeln Körper und Geist. Doch obwohl sie auch
Medikamente verschreiben dürfen, haben sie als
Mediziner einen schweren Stand.
»Psychiatrie machen nur die, die selbst einen
an der Klatsche haben, oder die, die nichts können«: Diesen Satz hat Johanna Rönfeldt während
des Studiums häufig gehört. Eine Frau, die
schnell geht und schnell arbeitet und dabei so
wirkt, als könnte sie auch ein Segelschiff durch
einen Sturm steuern. Natürlich wollte auch sie
weder für verrückt noch für unfähig gehalten
werden. Doch dann arbeitete sie während ihres
praktischen Jahres in der Psychiatrie. »Ich habe
gemerkt: Ich kann was tun. Es gibt Leute, die
brauchen dich«, sagt sie. Sie war begeistert. Auch
wenn sie nun damit leben muss, dass ehemalige
Kommilitonen schon mal zu ihr sagen: »Johanna?
Scheiße, was machst du denn in der Psychiatrie?«
Wenn unter ihrem Bürofenster plötzlich
wilder Gesang ausbricht, amüsiert sie das
Die Skepsis verwundert nicht, denn es sind die
besonders schweren Fälle, die in einer Klinik wie
in Ochsenzoll landen: chronisch Kranke, Patienten mit Wahnvorstellungen und Menschen, die
nackt durch die Straße gelaufen sind. Schwere
Fälle schrecken Rönfeldt nicht ab. Wenn unter
ihrem Bürofenster, wo sich der Garten der geschlossenen Psychiatrie befindet, plötzlich wilder Gesang ausbricht, amüsiert sie das eher.
Rönfeldt hat mehr Angst vor der Routine. »Das
klingt jetzt komisch, aber ich mag auch die
psychiatrischen Akutfälle.«
Rund 500 Mediziner erhalten jedes Jahr die
fachärztliche Anerkennung als Psychiater und
Psychotherapeuten. Etwa 13 500 Ärzte gibt es in
Deutschland im Bereich Psychiatrie und Nervenheilkunde. Die meisten sind zwischen 50
und 59 Jahre alt. Es sind zu wenige, und sie sind
zu alt. Gesucht werden Ärzte derzeit vor allem
auf dem Land, und zwar sowohl in Kliniken als
auch in Praxen, sagt Iris Hauth, Präsidentin der
Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. »Berlin ist gut versorgt, ebenso wie andere attraktive Großstädte. In den neuen Bundesländern oder in Flächenländern wie Niedersachsen sieht es anders aus.« Dabei steigt der Bedarf.
Nicht weil mehr Menschen psychisch krank
werden, aber weil die Betroffenen häufiger Hilfe
suchen. »Angststörungen und Depressionen
sind Volkskrankheiten«, sagt Iris Hauth. Anfang Juni hat ihre Organisation daher eine
Nachwuchsinitiative gestartet, um Jüngeren den
Beruf nahezubringen.
Dazu gehört auch, die Vorteile der TherapeutenArbeit herauszustreichen. Denn als Psychiater
mag man vor allem für die medikamentöse Behandlung zuständig sein. Wer aber auch als
Psychotherapeut arbeitet, führt häufig Patientengespräche. Damit haben Psychiater das, was sich
viele Medizinstudenten vom Arztberuf erhoffen:
einen persönlichen Kontakt zu den Patienten.
Und da man nicht von OP- oder Untersuchungsterminen abhängt, kann man sogar in der Klinik
in Teilzeit arbeiten.
Die Ärzte auf der Station nennen den Plan
für Essgestörte nur: Das »Knastprogramm«
Eine Stunde dauert das Aufnahmegespräch, das
Johanna Rönfeldt heute mit einer Patientin führt.
Die junge Frau war schon einmal wegen Essstörungen da. Geholfen hat es nichts. Inzwischen
wiegt sie nur noch 46 Kilo und möchte »wieder
ins Essen reinkommen«. Rönfeldt geht routiniert
und zügig mit ihr die Aufnahmefragen durch:
»Wie viel haben Sie abgenommen?«, »Wie ist das,
wenn Sie sich im Spiegel sehen?«, »Haben Sie
Suizidgedanken?«. Dann besprechen die beiden
den Wochenplan. Die junge Frau wird das absolvieren, was Rönfeldt und ihre Kolleginnen
»Knastprogramm« nennen: Bis sie zwei Kilo zugenommen hat, muss sie sich an strenge Regeln
halten. Ihr Essen wird zubereitet und portioniert,
sie muss es unter Aufsicht essen und sich anschließend eine Stunde vor die Fensterscheibe der
Aufnahme setzen, damit sie nicht heimlich erbricht oder Kalorien verbrennt, indem sie etwa
Treppen läuft.
Johanna Rönfeldt ist realistisch. »Wenn jemand zum ersten Mal in die Klinik kommt, kann
man viel erreichen.« Nach mehreren Klinikaufenthalten sei die Wahrscheinlichkeit geringer. Die
essgestörten Patienten können sich jederzeit selbst
entlassen. Auch dass sie ihre Medikamente absetzen, kommt häufig vor. Oder sie tricksen beim
Essen. Erst heute Morgen hat sich einer der unkontrollierten Esser am Käse bedient. Insgesamt
hat Rönfeldt aber trotzdem das Gefühl, etwas zu
bewirken. Deshalb arbeitet sie gern hier.
Einige Kollegen fänden die Psychiatrie belastender als die Notaufnahme. »In der Psychiatrie
kann man sich nicht hinter einem Arztkittel
verstecken.« Die Patienten müssen ihr vertrauen, damit sie von Missbrauch oder Ängsten erzählen können. Deshalb spricht sie nicht nur
während der offiziellen Gespräche mit ihnen,
sondern lässt sich etwa von einem Patienten erklären, was die düsteren Bilder an der Wand
seines Patientenzimmers bedeuten, die er dort
aufgehängt hat.
Die Station hat Platz für 28 Patienten, im
Durchschnitt bleiben sie sechs Wochen. Rönfeldts Büro liegt mitten zwischen den Zimmern.
Oft steht ihre Tür offen. Sie hört Gesprächsfetzen und Türenklappern. Mittags weht der Essensgeruch herein. Jeden Donnerstag sitzt sie mit
der Oberärztin, den Psychologen, den Ernährungswissenschaftlern und den Pflegekräften der
Station zusammen in einem Stuhlkreis, spricht
über alle Patienten und klärt Fragen wie: Wäscht
er sich? Warum hat sie nur ein T-Shirt? Soll man
den Katheter ziehen? Was hat die Blutuntersuchung ergeben? Kommt das Schwitzen von den
Drogen? 40 Stunden die Woche dauert ihr
Dienst, Überstunden nicht mitgerechnet.
Sie hätte es einfacher haben können. Johanna
Rönfeldt ist die Einzige von 60 Ärzten ihres Ausbildungsjahrgangs, die nach der Facharztausbildung auf eine Station wollte. Alle anderen sind
in die Psychiatrische Ambulanz gewechselt, wo es
keine Nachtdienste gibt und man selbstständiger
arbeitet. Aber sie hatte diese Abteilung schon
während ihrer Facharztausbildung kennengelernt
und wollte unbedingt in das Team. Die Hierarchie ist flach, der Kontakt ist gut. Mittags geht
das Team gemeinsam in die Kantine. Wenn es
einer Kollegin schlecht geht, werden Blumen geschickt. Und so hat die Arbeit auf der Station
auch Johanna Rönfeldt selbst verändert. Als sie
mit dem Beruf angefangen habe, erzählt sie, habe
sie immer davon geträumt, Oberärztin zu werden. Aber dann wäre sie wieder Einzelkämpferin,
nicht mehr Teil ihres Teams. Und das mag sie
sich dann doch nicht mehr vorstellen.
#
Berufe
mit Seele
Wer mit der Psyche arbeitet, hat
ein ganzes Spektrum an Berufen
zur Auswahl. Psychiater und
Neurologen sind Fachärzte und
haben ein Medizinstudium
absolviert. Psychologen müssen
das Fach Psychologie studieren,
Psychotherapeuten brauchen
zu ihrem Studium eine
mehrjährige Zusatzausbildung.
30. J U N I 2 0 1 6
CHANCEN 65
D I E Z E I T No 2 8
GUT ZU WISSEN: PSYCHIATER
Studentenproteste
in den Sechzigern
Gebraucht
Psychiater werden gebraucht: Laut letztem
Gesundheitsbericht der Techniker Krankenkasse (TK) waren Psychische und Verhaltensstörungen 2015 der Grund für die längsten
Krankschreibungen. Männer fehlten rund 45
Tage im Jahr, Frauen rund 41 Tage. Laut
DAK-Gesundheitsreport steigt die Zahl der
Fehltage. Die meisten werden durch Depressionen verursacht. Frauen sind stärker
betroffen als Männer.
Fotos: Hug/Interfoto; Michael Gottschalk/ddp (u.)
Gesucht
»Aufmüpfig, rebellisch, links«
Die größte Hürde auf dem Weg zum
Psychiater ist das Medizinstudium. Zum
Wintersemester 2015/16 gab es rund 9000
Studienplätze, auf einen Platz kamen rund
fünf Bewerber. Der NC lag bei 1,0 bis 1,1.
Um Jugendliche und Studenten für die
Fachrichtung Psychiatrie zu begeistern, hat
die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie
eine Nachwuchsinitiative gestartet: Unter
generation-psy.de wird das Berufsbild erklärt.
#
Vor 50 Jahren brach in Deutschland die Studentenrevolte los.
Ein Gespräch über die Ereignisse im Juni 1966 mit dem damaligen Berliner Asta-Vorsitzenden Knut Nevermann
Geregelt
Die große Koalition aus SPD und
CDU/CSU hat sich 2013 in den Koalitionsvertrag geschrieben, das Vergütungssystem
für Psychiater überarbeiten zu wollen. Im
Mai fand dazu eine öffentliche Anhörung
des Ausschusses für Gesundheit statt.
Gelernt
DIE ZEIT: Herr Nevermann, wollen Sie die Ge-
schichte der Studentenbewegung neu schreiben?
Bislang gilt 1968 als das Schlüsseljahr der Revolte.
Knut Nevermann: Ich will einfach mit ein paar
Mythen um »68« aufräumen. 1968 fand der
studentische und außerparlamentarische Protest
sicher seinen Höhepunkt – aber auch sein Ende.
Den eigentlichen Aufbruch markiert das Jahr
1966. Erstmals in der deutschen Geschichte zeigte
sich in Berlin ein relevanter Teil der akademischen
Jugend aufmüpfig, rebellisch, links.
ZEIT: Sie waren dabei. Was geschah damals?
Nevermann: Rund 3000 Studenten setzen sich, das
ist genau 50 Jahre her, in die Vorhalle des HenryFord-Baus der Freien Universität Berlin. Dort diskutieren sie neun Stunden lang über studentische
Interessen, über den Protest gegen den Rektor, der
ihnen die Nutzung von Räumen verboten hat, und
über die »Demokratisierung aller gesellschaftlichen
Bereiche«, wie es in der Abschlusserklärung heißt.
Professoren und Assistenten diskutieren mit, sogar
der Rektor erscheint für ein kurzes Statement. Es
herrscht Hochspannung, die zu nicht enden
wollendem Argumentieren führt.
ZEIT: Ein Aufstand sieht aber anders aus.
Nevermann: Nein, genau so sah eben der Aufstand
aus. Sie müssen sich das vorstellen vor dem
Hintergrund einer Gesellschaft, die noch durch
die prüde Steifheit der Adenauer-Jahre geprägt ist:
Erst mit 21 Jahren werden wir volljährig. Es gilt
das rigide Sexualstrafrecht mit dem berühmten
Kuppelei-Paragrafen, der es Zimmerwirtinnen verbietet, Pärchen die gemeinsame Übernachtung zu
erlauben. Ohne Trauschein ist es schwer, die Pille
zu bekommen. Als Studenten siezen wir uns.
ZEIT: Herr Kommilitone?
Nevermann: Ja: »Herr Kommilitone, könnte ich
einmal einen Blick in Ihre Mitschriften von der
letzten Vorlesung werfen? Ich war leider verhindert.« Der Friseur verpasst uns meist einen kurzen
sogenannten Fassonschnitt. Als Studentenvertreter
trägt man selbstverständlich Schlips – auch auf
Sit-ins und Teach-ins, also den Sitzblockaden und
Diskussionsveranstaltungen an der FU.
ZEIT: Wie kam es zu der Protestaktion? Noch
1961 entwarf die Studie Student und Politik, an
der auch der Philosoph Jürgen Habermas beteiligt
war, das Bild der angepassten Studenten, die kein
»Ferment politischer Unruhe« darstellten.
Nevermann: Wesentlich zur Politisierung beigetragen haben Regelverletzungen von Studenten, auf
die sich die Berliner Massenmedien – Stichwort
Springer-Presse – stürzten, womit sie die Stimmung
weiter anheizten. Regelverletzungen gab es aber
auch durch die »Obrigkeit«, das Rektorat etwa.
ZEIT: Zum Beispiel?
Nevermann: Im Februar 1966 verbietet der FURektor Studenten die Nutzung eines Raumes der
Universität für eine Vietnamdiskussion. Nach Protesten darf sie dann stattfinden, doch der Konflikt
wirkt mobilisierend und führt anschließend 2500
Studenten zur ersten größeren Vietnamdemonstration. Hier folgt nun eine Regelverletzung vonseiten der Studenten: Die genehmigte Route wird
verlassen, man steuert auf das Amerikahaus zu.
Studenten werfen mehrere rohe Eier. In Berlin!
Auf die Besatzungsmacht! Das Medienecho ist gewaltig. Vietnam als moralisches Thema ist gesetzt,
die Studenten sind alarmiert. Der Streit um die
Nutzung von Räumen geht weiter. Hinzu kommt,
dass die Universitätsleitung Studenten nur noch
befristet zulassen will. Wer zu lange studiert, dem
droht die Zwangsexmatrikulation. Der Protest der
Studenten reißt nicht ab. Mit uns tritt die erste
Nachkriegsgeneration in die politische Arena.
ZEIT: Welche Rolle spielten Sie dabei?
Nevermann: Ich war, als 22-Jähriger, gerade zum
Asta-Vorsitzenden gewählt worden und stand dem
Sozialdemokratischen Hochschulbund nahe. Mitte
Juni spitzte sich die Lage zu. Auf der Immatrikulationsfeier hielt ich eine Rede, in der ich die Raumverbote und die geplanten Zwangsexmatrikulationen kritisierte. Man kann sich das heute gar nicht
mehr vorstellen, aber damals war es üblich, dass der
Asta-Vorsitzende vorab seine Rede dem Rektor zur
Kenntnis gab. Als Zeichen der Missbilligung ziehen
die Professoren des Akademischen Senats nicht wie
üblich feierlich mit Talar in den Saal, und der Rektor kritisiert meine Rede. Doch sie wird mit viel
Beifall seitens der Studenten bedacht. Das ist neu;
bis dahin galt der Beifall immer dem Rektor. Vier
Tage später folgt das Sit-in im Henry-Ford-Bau.
ZEIT: Teach-in, Sit-in, das sind Protestformen
nach dem Vorbild der amerikanischen Bürgerrechts- und Studentenbewegung.
Nevermann: Es war ein kultureller Wetterwechsel
zu spüren, der aus den USA kam. An den US-Universitäten verband sich der Protest gegen den Vietnamkrieg mit der Hippiebewegung. Protestsongs
von Joan Baez und Bob Dylan wurden populär.
ZEIT: Oft wird »68« als Aufstand gegen die Naziväter bezeichnet.
Nevermann: Das kam in Deutschland dazu. Es gab
dieses Schweigen der Väter oder den Streit über die
Vergangenheit in vielen Familien. Mehr und mehr
stellte sich heraus, welch üble Rolle viele ehrwürdige
Ordinarien in der Nazizeit gespielt hatten.
ZEIT: Die Studentenbewegung gewann nach 1966
an Fahrt. Ostern 1968 kam es in Berlin und im
übrigen Westdeutschland zu massiven Aktionen
gegen den Springer-Verlag, in Paris wurden die
Studenten im Mai militanter, es gab gar einen Generalstreik, Studenten und Arbeiter verbündeten
sich. Spricht nicht doch vieles für 1968 als das entscheidende Jahr der Revolte?
Nevermann: Nein. Ende Mai war in Paris schon
wieder alles vorbei, was auch in Berlin zur Desillusionierung führte. Zudem folgte der Schock aus
Prag: Sowjetische Panzer beendeten brutal den
Prager Frühling und damit die Hoffnung auf einen
real existierenden Sozialismus mit menschlichem
Antlitz. Paris war gescheitert, Prag war gescheitert.
Die Protestbewegung in Berlin war gescheitert, zersplittert, zerstritten. 1968 ist am Ende das Jahr des
Scheiterns, nicht das Jahr des Aufbruchs.
ZEIT: Aber ein irrlichternder Ausläufer dieser Zeit
hielt die Bundesrepublik weiterhin in Atem: der
Terrorismus der Baader-Meinhof-Gruppe.
Nevermann: Die haben Tod, Angst und Schrecken
verbreitet. Aber sie waren ja nur ein Rinnsal, das
aus dem Strom der Studentenbewegung hervorgegangen ist. Dass sie bedeutende Erben dieser Bewegung waren, ist ein Mythos. Er wird dadurch
genährt, dass sich diese Terrorerzählungen besser
publizistisch vermarkten lassen als differenzierte
Analysen zur Veränderung der politischen Kultur.
ZEIT: Wer sind denn die Haupterben der Studentenbewegung?
Nevermann: Jene Studenten, die sich selbst verändert haben, die politisches Bewusstsein entwickelt
haben, die ihre private Lebensweise durcheinandergewirbelt haben. Das ist die überwältigende Mehrheit der damaligen Studierenden. Dazu kommen
noch viele Lehrlinge. Sie alle haben das politische
#
Knut
Nevermann
Der Jurist Knut Nevermann, 72, war in den
Jahren 1966/67 Vorsitzender des Allgemeinen
Studentenausschusses (Asta) der Freien
Universität Berlin. Später war er Staatssekretär
für Wissenschaft in Sachsen und in Berlin.
und gesellschaftliche Klima im Land verändert. Sie
haben in Massen den langen Marsch durch die
Institutionen angetreten.
ZEIT: Haben sie das Land nach links gerückt?
Nevermann: Nicht unbedingt. Die Erneuerung hat
ja alle politischen Lager erfasst. Es ist auch ein
Mythos, dass der SDS, der Sozialistische Deutsche
Studentenbund, allein die Bewegung geführt hat.
Es war eine plurale Bewegung. Ein Beispiel: Der
Veranstalter der Vietnamdiskussion, dem der FURektor 1966 die Raumnutzung verbot, war der
RCDS, der Studentenverband der CDU, gemeinsam mit liberalen und linken Studentenverbänden.
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ZEIT: Was ist das wichtigste Verdienst der Studen-
tenbewegung?
Nevermann: Dass Autoritäten hinterfragt werden.
Dass viele auch vor Fürstenthronen Mut zeigen.
Die Erkenntnis, dass Politik wichtig ist.
ZEIT: Und was ist schiefgelaufen?
Nevermann: Die Verlotterung zwischenmenschlicher Umgangsformen. Die unverantwortliche Gewaltbereitschaft. Die Schmierereien in Zügen und
an Häusern. Wir sind sozusagen auf der Suche
nach dem verlorenen Über-Ich.
Das Gespräch führte Thomas Kerstan
Die Uni Marburg bietet den neuen interdisziplinären Weiterbildungsmasterstudiengang
»Pharmarecht« an. Das berufsbegleitende
Angebot richtet sich an Mediziner, Pharmazeuten, Juristen und Wirtschaftswissenschaftler. Es soll Einblick in das Arzneimittel- und
Medizinprodukterecht geben, von der Entwicklung eines Medikaments über seinen
Marktzugang bis zur Überwachung. Der
Studiengang soll vier Semester dauern, am
Ende steht der Abschluss LL.M. Mehr unter
pharmarecht-master.de FRIE DE RIKE LÜ BKE
30. JUNI 2016
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Lösung aus der Nr. 27: Sommerfest
Fotos: Fabricio Morales/Plan International (Straße), Plan International (2, Silvia und Familie); Uefa (Ball); Illustration: Jon Frickey für DIE ZEIT (Wappen, Leo); Nikki Busch: Der dicke Ferien-Rätselblock © Carlsen Verlag GmbH, Hamburg (Rätsel)
Eine zerstörte
Straße in der
Region Rocafuerte
Immer noch erschüttert
Vor zwei Monaten verloren bei einem Erdbeben in Ecuador Tausende Menschen
ihr Zuhause. Wie geht es ihnen heute? VON MAGDALENA HAMM
A
ls am 16. April in
Ecuador die Erde
bebte, saß die
zwölfjährige Silvia
gerade mit ihren
beiden kleinen
Brüdern vor dem
Fernseher und sah sich eine Bastelsendung an. Ihre Mutter stand in der
Küche und bereitete das Abendessen
zu: gebratenen Fisch. »Auf einmal fing
das Haus an zu wackeln, und das Licht
ging aus«, erinnert sich Silvia. In der
Dunkelheit klammerten sich die Geschwister aneinander, während um sie
herum alles zu Boden fiel, Glas zersprang und die Wände einrissen. »Ich
hatte so große Angst«, sagt Silvia, »ich
dachte, die Welt geht unter.«
Das Erdbeben, das vor gut zwei
Monaten den Westen Ecuadors erschütterte, war das schwerste im Land
seit 37 Jahren. Mehr als 660 Menschen
kamen ums Leben, unzählige wurden
verletzt. Ein paar Tage lang waren in
allen Zeitungen und im Fernsehen
Bilder von zerstörten Häusern, Straßen und Städten zu sehen. Mittlerweile wird kaum noch über das Unglück
berichtet. Doch wie geht es den Menschen in Ecuador jetzt?
Silvias Familie hatte Glück im Unglück: Abgesehen von ein paar Kratzern ist keinem von ihnen etwas passiert. Aber ihr Haus ist eingestürzt,
dort kann niemand mehr wohnen. So
geht es vielen Ecuadorianern, mehr als
80 000 haben durch das Beben ihr Zuhause verloren. Zwar hat die Regierung große Zeltlager errichtet und ver-
Fußballmüde?
ndlich Viertelfinale – jetzt wird
die Fußball-EM richtig spannend! Von nun an beginnen allerdings auch alle Partien erst
um 21 Uhr. Wer sie anschaut, kommt
vor 23 Uhr kaum ins Bett – was dazu
führen könnte, dass in etlichen Klassen
morgens müde Schüler sitzen.
In vielen Bundesländern erlauben Politiker den Schulen deshalb, den Unter-
E
sprochen, beim Wiederaufbau zu helfen, doch so einfach ist das nicht.
Denn wer Unterstützung bekommen
will, muss zuerst beweisen, dass ihm
das Haus, in dem er vorher gelebt hat,
wirklich gehörte.
»Vielen Menschen ist das nicht
möglich, weil sie keine Papiere über
ihren Besitz haben«, erklärt Rüdiger
Vater hatte das Haus der Familie selbst
gebaut, beweisen kann er das nicht.
Darum lebt die Familie nun seit vielen Wochen in einem notdürftigen
Unterschlupf aus Bambusrohren und
Plastikplanen, den sie in der Nähe
ihres zerstörten Hauses aufgestellt hat.
»Nachts ist es hier sehr kalt«, sagt Silvia,
»und tagsüber viel zu heiß.«
haben Sorge, dass man sie ihnen ganz
wegnimmt.«
Hier springen Hilfsorganisationen
wie Plan International ein: Sie verteilen Plastikplanen und anderes Baumaterial und kümmern sich darum,
dass die Obdachlosen in ihren Dörfern
mit Wasser und Essen versorgt werden.
In vielen Orten haben die Helfer Kinderzonen eingerichtet, wo sich Kinder
wie Silvia und ihre Brüder von ihrem
ECUADOR
Schrecken erholen können. In großen
Zelten spielen sie mit Lego, malen BilSÜD
der und sprechen mit Betreuern über
AMERIK A
ihre schlimmen Erlebnisse.
»Vielen steckt die Angst noch in
KOLUMBIEN
den Knochen«, erzählt Schöch. Manche Kinder trauen sich zum Beispiel
nicht in die Schule, weil sie fürchten,
Quito
bei einem erneuten Beben dort verErdbebengebiet mit
starker Zerstörung
schüttet zu werden. Tatsächlich hat es
ROCAFUERTE
seit dem 16. April immer wieder
ECUADOR
Nachbeben gegeben. Bei einem bePazifischer
sonders starken spielte Silvia gerade in
Ozean
einer der Kinderzonen, während ihre
Mutter unterwegs war. »Da habe ich
PERU
mir riesige Sorgen um sie gemacht«,
sagt das Mädchen.
Silvia, ihre Mutter und ihre Brüder vor der
Die Regierung von Ecuador rechZEIT- GRAFIK
selbst gebauten Notbehausung der Familie
200 km
net damit, dass es mindestens drei
Jahre dauern wird, das Land wieder
Schöch. Er ist Katastrophenexperte,
Auf seiner Reise durch das Kata- aufzubauen. Wann Silvias Familie gekommt aus Deutschland und war vor strophengebiet hat Rüdiger Schöch holfen wird, ist völlig unklar. So lange
Kurzem für die Kinderhilfsorganisa- viele Menschen getroffen, die wie müssen sie wohl noch zu fünft in ihtion Plan International in Ecuador. Silvias Familie lieber in selbst ge- rer winzigen Hütte leben. Die Zwölf»Gerade auf dem Land ist es normal, zimmerten Hütten schlafen, als in ein jährige macht trotzdem Pläne für ihre
dass die Menschen ihre Grundstücke Zeltlager der Regierung zu gehen. »Ob- Zukunft: »Ich wäre gerne jemand, der
einfach von ihren Eltern übernehmen.« wohl sie dort besser versorgt wären, andere Menschen schützen und ihnen
Auch in Rocafuerte, der Gegend, trauen sich viele nicht, ihre Grund- helfen kann«, sagt sie, »vielleicht werde
aus der Silvia kommt, ist das so. Ihr stücke zu verlassen«, sagt Schöch, »sie ich Ärztin.«
In vielen Bundesländern können Schulen die Kinder nach
EM-Spielen ausschlafen lassen VON JOHANNA SCHOENER
richt später zu beginnen. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen
etwa können Schulleiter selbst entscheiden, ob sie ihre Schüler nach Deutschlandspielen länger schlafen lassen.
Das klingt erst mal super, ist aber keine leichte Entscheidung. Schließlich sind
davon auch Kinder und Lehrer betroffen,
denen Fußball egal ist. Eltern bekommen
Probleme, selbst pünktlich auf der Arbeit
zu sein. Und Schulbusfahrer müssen
Fahrpläne ändern. Ein ziemlicher Aufwand, das alles zu berücksichtigen. Letztlich werden wohl nicht so viele Schulen
später starten.
In einigen Bundesländern sind solche
Ausnahmen während der EM auch gar
nicht gestattet, in Nordrhein-Westfalen,
Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel. Denn Sonderregeln
sind nie fair: Wenn sie nur nach Deutschlandspielen gelten, können sich Kinder
beschweren, die bei anderen Teams mitfiebern. Und in ein paar Wochen beklagen sich womöglich Schüler, die nachts
die Olympischen Spiele ansehen wollen.
Das heißt? Auf jeden Fall ausschlafen
können Fußballfans leider nur, wenn sie
in einem der fünf Bundesländer leben, in
denen schon Sommerferien sind.
UND WER BIST DU?
Jede Woche stellt sich hier ein
Kind vor. Willst Du auch
mitmachen? Dann guck mal
unter www.zeit.de/fragebogen
Mein Vorname und Alter:
Ich wohne in:
Wenn ich aus meinem Fenster gucke, sehe ich:
Glücklich macht mich:
Ich ärgere mich über:
Dieses Ereignis in der Welt hat mich beschäftigt:
Das würde ich meinen Eltern gerne beibringen:
BLEEKER
Der elektronische Hund
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IN DER ZEIT
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TITELTHEMA
Wenn die Falschen gewinnen
INHALT
ZEITNAH
POLITIK
Was wird jetzt aus der Konjunktur?
VON MARK SCHIE RITZ
Exit vom Brexit Wird Großbritannien
wirklich aus der EU austreten?
2
VON JOCHEN BITTNER
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VON BE RND U LRICH
Anarchy in the UK Die Regeln
der Vernunft gelten nicht mehr
4
VON KH U Ê PHAM
Merkel in Brüssel Wird Deutschland in
Europa jetzt noch mehr Verantwortung
übernehmen?
VON M . BROST, P. DAU S E ND, D. E RK , T.
HILDE BR ANDT, M . KRU PA , M . SCHIE RITZ
5
Foto: Privat
Erziehung Die Welt ist in Aufruhr. Wie
werden meine Kinder sich darin einrichten?
Gedanken eines Vaters
VON HEINRICH WE FING
6
Leipzig Interview mit dem Oberbürgermeister, der über zu wenig Pragmatismus
in der Flüchtlingspolitik klagt
8
Stromaufwärts liegt die Zukunft
Islamismus Der mutmaßliche
Leibwächter Osama bin Ladens darf nicht
nach Tunesien abgeschoben werden
VON MARTIN KLINGST
9
Von Deutschland nach Addis Abeba sieben Stunden Flug, mit der Propellermaschine zwei
Stunden nach Asosa in Richtung Sudan, dann drei Stunden mit dem Jeep über Schotterpisten,
vorbei an Strohhütten und Pferdegespannen – und unser Redakteur Claus Hecking hat
sein Ziel erreicht. Am Blauen Nil, mitten in der äthiopischen Savanne, entsteht Afrikas größter
Staudamm. Millionen Menschen hoffen auf Strom und ein besseres Leben. Noch dreht sich
keine Turbine, aber der Bauleiter Semegnew Bekele gilt bereits als Volksheld WIRTSCHAFT SE ITE 26
Zeitgeist VON JOS E F JOFFE
10
BND Die Bundesregierung sollte den
Geheimdiensten gerade in diesen Zeiten
mehr politischen Rückhalt geben
10
VON MARIAM LAU
Nein.Quarterly
10
Krisenherde Warum wir mehr
Friedensmediation brauchen
VON ALM UT WIE LAND - K ARIMI
Dausend
11
11
Männer Ein Duo kommt selten allein
Illustration: Pia Bublies für DIE ZEIT
Foto: Iztok Medja/Höhle von Postojna
VON DAGMAR ROS E NFE LD
11
RECHT & UNRECHT
Justiz Presserechtliche Verfahren landen
in der Regel in Köln, Hamburg oder Berlin
– und selten vor Gerichten etwa in Bremen
oder München. Warum?
12
VON CON STANTIN VAN LIJ NDE N
DOSSIER
Unser Haus
Hundert Jahre Leben
Wer wohnt denn da mit mir?
Eine Frau klingelt bei ihren
Nachbarn, um sie endlich mal
kennenzulernen Z SEITE 56
Grottenolme hausen im Dunkeln, fressen wenig und werden
älter als mancher Mensch. Heute gibt es sie auch als Kuscheltiere.
Alles Gründe für den Schriftsteller Clemens J. Setz, sie in einer
slowenischen Tropfsteinhöhle zu besuchen WISSEN SEITE 3 3
Das Attentat von Brüssel Wie verändert
der Terror die Gesellschaft? Besuche
bei Verletzten und Angehörigen
VON AMR AI COE N
U ND TANJA STE LZE R
13
ZEIT:Hamburg
Hamburg wächst. Aber das
ist keine gute Nachricht
VO N FR AN K D R I E S C H N E R
1
Foto: Thomas Lohr
Die Büchertruhe in Keitum –
Ideenquelle und Promitreff
Wie junge Russen mit
dem »Berliner Stil« die
Mode prägen
Der Traum der Sängerin
Maggie Rogers, die den
Überraschungs-Hit des
Sommers landete
VO N PIA FR E Y U N D
AN NA VO N M Ü N C H HAU S E N
3
ZEIT im Osten
Von der sächsischen Lausitz aus
kämpft der CDU-Politiker
Michael Kretschmer gegen die
Ausbreitung der gefährlichen
Droge Crystal Meth
VO N A . HÄH N I G & M . MAC H OWECZ 10
Die Ärztin Loretta Farhat hilft
Hunderten von Crystal-Süchtigen
im Jahr. Ein Interview über die
Frage, warum sich Menschen
diesem Stoff hingeben
11
ZUM HÖREN
ZEIT Schweiz
Die Schweizer Bauern klagen
über den zu niedrigen Milchpreis
und fordern Geld vom Staat.
Aber das Problem liegt woanders:
Die Landwirte produzieren zu
10
teuer VO N S I M O N JÄG G I
Die Schweiz soll mutig sein?
Dann müsste sie nun eigentlich
der EU beitreten
VO N MAT TH IAS DAU M
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ZEIT Österreich
Vor 150 Jahren endete der Großmachttraum der Habsburger auf
einem blutgetränkten
Schlachtfeld in Böhmen –
das Trauma von Königgrätz
VO N U LR I C H S C H LI E
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Otto von Bismarck,
der Zerstörer Österreichs
VO N VO LKE R U LLR I C H
30
Die so gekennzeichneten
Artikel finden Sie
als Audiodatei
im »Premiumbereich«
unter www.zeit.de/audio
ANZEIGEN IN
DIESER AUSGABE
Linktipps (Seite 27),
Spielpläne (Seite 36),
Museen und Galerien
(Seite 46), Bildungsangebote und Stellenmarkt
(ab Seite 66)
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Auto-Seite Strafe für VW in den USA
und neue Fragen in Deutschland
ARNE STORN
17
Nachruf Manfred Deix malte das
dumpf-glückliche Kleinbürgertum
45
VON G EO RG S E E S S LE N
Kino »The Assassin« von Hou Hsiao46
Hsien VON K ATJA NICODE M U S
Kunstmarkt Skandal: Wie sich Münchner
Museen an Raubkunst bereicherten
VON TOBIAS TIMM
48
Ausstellung Die spanische Kunst des
Zeitalters von Diego Velázquez in Berlin
49
VON HANNO R AUTE RBE RG
GLAUBEN & ZWEIFELN
VON MARCU S ROHWETTE R U ND
28
Autobahnen Will die Bundesregierung
29
verkaufen? VON FE LIX ROHRBECK
Dschihadismus Ein Interview mit
dem Islamwissenschaftler Behnam Said
über die Kampfgesänge der Islamisten 50
Diskriminierung Familienministerin
Manuela Schwesig antwortet auf die
ZEIT-Kritik an ihren Gesetzesplänen 29
Vatikan Franziskus betont das gute
Verhältnis zu seinem Vorgänger
Mindestlohn Die vorsichtige Erhöhung
29
ist richtig VON KOLJA RU DZIO
Was bewegt ... die unauffällige
Umweltministerin Barbara Hendricks?
VON PETR A PINZLE R
30
WISSEN
Physik Warum gibt es etwas und nicht
nichts? Forscher erkunden die Antimaterie
VON CHRISTOPHER SCHR ADER
31
Pflegeskandal Dem bereits verurteilten
Pfleger Nils K. lassen sich weitere Tötungsdelikte nachweisen. Wie kann man solche
Serientäter erkennen?
VON HARRO ALBRECHT
31
Zoologie In Slowenien wurde erstmals
die Geburt eines Grottenolms gefilmt
VON C LE M E N S J. S ETZ
33
50
VON EVE LYN FI N G E R
Z – ZEIT ZUM ENTDECKEN
Ansage Warum wir reisen müssen – trotz
Terror und politischer Unruhen
VON STE PHAN THOME
52
Entdeckungen Vom Altausseer See bis
zum Fernando-de-Noronha-Archipel –
Prominente über ihre Sehnsuchtsorte 53
Reise »Bomben versauen das Geschäft« –
ein Strandbesuch an der türkischen
Riviera, wo die Touristen ausbleiben
54
VON MICHAE L ALLMAIE R
Nachbarn Eigentlich wollen wir nichts
von ihnen wissen. Aber was geschieht,
wenn man trotzdem mal klingelt?
56
VON LE NA STE EG
Gestrandet in Göttingen
VON E LI SABETH VON THADDE N
59
Unwetter Die Faszination der Tornados
– ein Gespräch mit einem Sturmjäger 36
Drinks für jede Lebenslage Pastis
59
de Marseille VON GEORG BLU M E
ZEIT Doctor Können wir mithilfe von
bestimmten Diäten Organe stärken?
VON CHRI STIAN HE INRICH
37
VON MARK FORSTE R
Grafik Nach 25 Jahren: Wie sich Nato
und Russland heute gegenüberstehen 38
FEUILLETON
Sexualstrafrecht Warum die geplante
Verschärfung schlecht und unnötig ist
VON SABINE RÜCKE RT
39
Literatur Marcel Beyer erhält den
Büchnerpreis VON J E N S J E S S E N
39
Nachruf Bud Spencer prügelte sich für
die Babyboomer VON RONALD DÜ KE R 39
VON WOLFGANG STRE ECK
Königgrätz Vor 150 Jahren
siegte Preußen über Österreich
VON HILMAR SACK
Staudamm Energiewende auf Afrikanisch:
Äthiopien will der Welt zum Vorbild werden
VON CLAU S HECKING
26
Brexit Warum wir Europa nun
kontrolliert zurückbauen müssen
GESCHICHTE
IN DEN REGIONALAUSGABEN
Was können die Briten mit der EU aus23
handeln? VON KOLJA RU DZIO
Stefan Aust Der Chefredakteur der
»Welt« wird 70 – und schaut im Interview
24
auf gestern und morgen
Europa und der Rest der Welt
Die Frage, über die in Großbritannien
tatsächlich abgestimmt wurde
U N D M . TH U MANN
23
40
Keine Nation kann ihre Probleme allein
41
lösen VON CHRI STOPH MÖLLE RS
Liebesbrief an den alten Klavierlehrer
60
Was mein Leben reicher macht
60
CHANCEN
Kitas im Chaos Eine Umfrage
enthüllt, wie schlecht die Qualität vieler
Einrichtungen ist
VON ASTRID GE I S LE R U ND
K ARSTE N POLKE- MAJ EWS KI
61
Interview Die Kindheitsexpertin
Fabienne Becker-Stoll erklärt,
woran man eine gute Kita erkennt
62
Hochschulpakt Mehr Geld für immer?
Die Länder verlangen vom Bund
weitere Finanzhilfen für die Unis
63
VON JAN - MARTIN WIARDA
Irre glücklich Eine junge Psychiaterin
entscheidet sich für einen Job im
harten Klinikalltag
64
VON FRIE DE RIKE LÜ BKE
FUSSBALL
Volksbefragung Der Wunsch nach
Plebisziten muss nicht demokratisch
41
sein VON ADAM SOBOCZYN S KI
Offene Wunde Wie Bundestrainer
Joachim Löw sich und sein Team auf das
Halbfinale gegen Italien einstimmt
18
VON CATH RIN G ILBE RT
Nachruf Götz George maß sich sein
Leben lang mit seinem toten Vater
VON PETE R KÜ MME L
Mit Tugenden zum Tor Belgien
könnte die Überraschungsmannschaft
der EM werden
Literatur Carolin Emcke wird mit dem
Friedenspreis ausgezeichnet
VON E LI SABETH VON THADDE N
43
Ecuador Wie geht es den Menschen zwei
Monate nach dem schweren Erdbeben?
75
VON MAGDALE NA HAMM
Sachbuch Peter Wohlleben »Das Seelenleben der Tiere« VON J E N S J E S S E N 43
RUBRIKEN
VON MATTH IAS KRU PA
19
WIRTSCHAFT
Brexit Wie die Wirtschaft den neuen
Nationalisten den Wind aus den Segeln
nimmt – alles soll beim Alten bleiben 21
Axa-Chef Henri de Castries über
die Folgen des Brexits
22
Warum haben die Finanzmärkte versagt?
23
VON BETTINA SCH U LZ
42
Prosa Antonio Tabucchi »Reisen und
44
andere Reisen« VON PETE R HAMM
Politisches Buch Kristina Meyer
»Die SPD und die NS-Vergangenheit
1945–1990« VON G U NTE R HOFMANN 44
Oper Mozarts »Entführung aus dem Serail«
und Halévys »La Juive«
VON CHRI STINE LE MKE- MAT WEY
45
Interview Der einstige Studentenführer
Knut Nevermann über den Beginn
65
der Revolte im Juni 1966
KINDERZEIT
Worte der Woche
Leserbriefe
Quengelzone
Macher und Märkte
Stimmt’s?
Vom Stapel/Gedicht/Wir raten zu
Impressum
Traumstück
Das Letzte/Berliner Canapés
2
16
21
22
36
44
48
49
DIE
ZEIT
Mit 4 Seiten ZEIT für Österreich
PREIS ÖSTERREICH 5,00 €
WOCHENZEITUNG FÜR POLITIK WIRTSCHAFT WISSEN UND KULTUR
30. JUNI 2016 No 28
ZEIT Österreich
Was tun,
wenn die Falschen
gewinnen?
Das Trauma von
Königgrätz:
Vor 150 Jahren
verbluteten die
österreichischen
Großmachtträume
Seiten 10, 11, 17 und 30
Trump, Johnson, Le Pen: Was früher
nur wenige äußerten, wird
plötzlich mehrheitsfähig. Doch die
westlichen Demokratien hätten
Gegenmittel. Sie müssen aber wollen
Titelillustration: Smetek für DIE ZEIT
POLITIK, WIRTSCHAFT, FEUILLETON
EINWURF
NACH DEM BREXIT
Jugend heult
Wie viel Volk darf’s denn sein?
Sie weint. Tränen laufen über die Wangen. Eine junge Engländerin auf einem
Foto im Netz. »I am heartbroken«, steht
darunter. Es zeigt den Kummer, den wir
gerade teilen: Europa-Schmerz.
Wir, das sind die Jungen Europas, die
Vielgereisten, die Vielvernetzten. Die, die
dachten, am Ende gewinnen doch immer
die Guten. Seit Freitag wissen wir: Das
stimmt nicht. Es gibt einen Weg zurück
in ein Angst-Europa.
Jugend heult. Wer tröstet?
Die Eltern nicht. Die kommen aus
einer Generation, die in Großbritannien
mit für den Brexit gesorgt hat: Die Mehrheit der über 50-Jährigen hat für den Austritt gestimmt. Aber wir sind selbst schuld.
Zu wenige Junge haben abgestimmt.
Das ist zu erklären: Wir mussten
kämpfen, aber nur privat. Über Politik
streiten? Anstrengend. In vielen Timelines
ist das Leben ein Kuschel-Konsens. Zu
lange haben wir gedacht, Demokratie sei
ein Lebensgefühl und Ironie unser Schutz.
Aber wir tun doch was! Letzten Sommer, als die Flüchtlinge kamen. Nach dem
Helfen ging es zurück in die Komfortzone. Dass Europa für viele keine Komfortzone mehr ist, haben wir zu spät gemerkt. Unser Engagement ist atomisiert,
verteilt auf Netzwerke. Wie stellt man
eine Gemeinschaft her, wenn man Parteien langweilig findet? Wir müssen verstehen: Solange man den Institutionen
nichts als virtuelle Empörung entgegensetzen kann, sollte man sie ernst nehmen.
Wer sich nur darum sorgt, was in seinem Viertel, in seinem Freundeskreis, bei
seiner Arbeit passiert, wer nur auf die
eigene Karriere und auf die Familie
schaut, der ist nicht unpolitisch – das ist
der eigentliche Schock: Wir sind politisch,
ob wir wollen oder nicht. Denn Europa
ist kein Ich, sondern ein Wir. Und wenn
wir nicht handeln, tun es die anderen.
Es gibt einen Gegner, die Europa-Hasser. Sie müssen wir endlich ernst nehmen.
Er ist bestens organisiert, über Ländergrenzen hinweg, er hat einen Slogan: Take
back control, »Gewinnt die Kontrolle zurück«. Take back control ist ein verdammt
guter Slogan – nur für die falschen Leute.
Wir sollten ihn uns zurückholen. Für unser Europa.
KILIAN TROTIER
Der Autor, 32, ist stellvertretender
Ressortleiter der Hamburg-Seiten der ZEIT
Den Eliten bleibt nichts anderes übrig, als besser zuzuhören und hinzuschauen
W
enn in Großbritannien die
Brexit-Befürworter siegen, in
Österreich ein FPÖ-Mann
nur um 30 000 Stimmen an
der Präsidentschaft vorbeischrammt oder in einigen deutschen Bundesländern die AfD in Umfragen plötzlich bei
zwanzig Prozent liegt – dann schlägt die Stunde
der Welterklärer. Am tröstlichsten ist noch die
Interpretation, dass Zeiten bedeutender Umbrüche immer eine hohe Zahl von Unzufriedenen und Verunsicherten hervorbrächten, dass
das »Rendezvous mit der Globalisierung«
(Wolfgang Schäuble) Protestparteien rechts wie
links erstarken lasse, dass alles ein vorübergehendes Phänomen sei.
Das kann man nur hoffen. Denn wenig
spricht dafür, dass die Zwietracht in fast allen
westlichen Gesellschaften bald nachlassen wird.
Starke Reizthemen wie die zunehmende Ungleichheit von Arm und Reich, vor allem aber
der massenhafte Zustrom von Flüchtlingen bergen so viel negative Energie, dass sie sich immer
wieder mit Hass und Unmut aufladen können.
Spätestens seit dem Votum für den Brexit ist das
Entsetzen groß. Und aufseiten jener, die sich der
europäischen Idee verbunden fühlen, ist nun
endlich Kampfeslust auszumachen, jedenfalls
verbal. Auch das kann man sich nur wünschen.
Eine Frage allerdings bleibt offen: Wie holt man
jene Bürger zurück, die sich partout nicht überzeugen lassen und andere Prioritäten haben?
Was tun, wenn die Falschen gewinnen?
Die Frage drängt sich auf, aber sie kann auch
eine Falle sein. Dann nämlich, wenn sie eine
Spaltung akzentuiert, statt sie zu überwinden.
Wenn also mit den Richtigen die aufgeklärten
und politisch interessierten, weltläufig und
liberal gesinnten Menschen und mit den Falschen die angstgetriebenen, politisch unterbelichteten, ressentimentgeladenen Leute gemeint
sind, wahlweise die Zukurzgekommenen, die
Alten, die weißen Männer oder die Landpomeranzen, denen man am besten keine Ja/NeinFragen in Form eines Referendums stellen sollte. Wer die Welt so sieht, der muss auf Volkserziehung setzen, nach dem Motto: Erkenne,
wie irrational deine Angst vor Flüchtlingen ist!
Darum auch das wiederkehrende Stereotyp,
wer Probleme der Zuwanderung allzu deutlich
benenne oder gar auf Ängste zu viel Rücksicht
nehme, stärke die Populisten. Spätestens nach
dem Brexit spricht aber vieles dafür, dass wir
mit solchen Mitteln nicht weiterkommen, dass
stattdessen die politischen, gesellschaftlichen
und kulturellen Eliten ihre Haltung zum Volk
überdenken müssen.
Was wir nämlich heute erleben, sind keine
einzelnen politischen Streitfälle, es ist vielmehr
ein Zusammenprall der politischen Kulturen
und Lebenswelten – und das vor allem zwischen Inländern und Inländern. Gelingt es
nicht, den Graben, der sich in fast allen westlichen Ländern aufgetan hat, zu überbrücken,
drohen die aus Unverständnis und Unzufriedenheit erwachsenen neuen Bewegungen vieles
zum Einsturz zu bringen, was über Jahrzehnte
an Gutem und Bewahrenswertem aufgebaut
wurde. Dazu gehört auch, Gewalt gegenüber
und Diskriminierung von Andersdenkenden
zu ächten, eine der großen Errungenschaften
der letzten Jahrzehnte und keinesfalls immer
gleichzusetzen mit politischer Korrektheit. Beinahe täglich verschiebt sich der roher und abstoßender werdende Ton weiter über die Grenze
des Erträglichen hinaus – von Trumps Beleidigung der Mexikaner als Vergewaltiger bis zu
Höckes unsäglichem Wort der »Tat-Elite«, das
von der SS gebraucht wurde.
Es ist unmöglich, das Desaster des Brexits
und das Erstarken populistischer Bewegungen
in Europa und Amerika losgelöst von Fehlern
des Establishments zu sehen. Wie in der vorigen
Ausgabe der ZEIT ausführlich beschrieben, hat
der in Harvard lehrende britische Politikprofessor Niall Ferguson kürzlich fünf Faktoren benannt, die zusammenwirken, wenn Populisten
stark werden: 1. ansteigende Einwanderungszahlen, 2. große Ungleichheit, 3. der Glaube,
dass es korrupt zugehe und Eliten dies für sich
nutzten, 4. eine große Finanzkrise (wie die von
2008) oder ein wirtschaftlicher Schock und
5. schließlich ein Demagoge, der die Unzufriedenheit der Masse nutzt (Fergusons Rede gibt es
in voller Länge auf YouTube).
Für Demagogen mit Charisma können die
Eliten nichts, aber man kann Ferguson nur
schwer widersprechen: Viele Leute fühlen sich
seit Jahren in ihrem Gerechtigkeitsempfinden
beleidigt und von Teilen der Politik für dumm
verkauft. Kein einziger Topmanager der USBank Lehman Brothers, deren Pleite 2008 die
Finanzkrise auslöste, ist bis heute verurteilt worden. Keiner der Banker, die im Boom noch als
Stars gefeiert worden waren, musste nach dem
Platzen der Blase wirklich haften. Stattdessen
kam es zu milliardenhohen Interventionen
durch die Zentralbanken, an deren Folgen heute
Schlafzimmer
sind
gefährliche Orte
Die Reform des
Sexualstrafrechts
ist unnötig
und verhängnisvoll
Ein Essay von Sabine Rückert
Feuilleton, Seite 39
VON GIOVANNI DI LORENZO
Kleinsparer nicht nur in Deutschland leiden.
Die deutsche Flüchtlingspolitik ist ein Musterbeispiel dafür, was Regierungen im Guten wie
im Schlechten ausrichten können. Gut war im
September 2015 die spontane, großzügige Hilfe
für Menschen, die Krieg und Tod entflohen
sind. Dies sollte ursprünglich eine einmalige
Aktion sein. Doch als sie dann aus dem Ruder
lief, wurde sie mit nicht mehr glaubwürdigen
Argumenten verteidigt: dass nämlich die Flüchtlinge eh alle unterwegs gewesen seien und es
keinen Anreiz aus Deutschland gegeben habe,
zu uns zu kommen. Dass es nicht möglich sei,
die Grenzen zu schließen, und so weiter. Durch
diese Widersprüche entstehen die Bruchstellen
des gesellschaftlichen Zusammenhalts, nicht an
der Frage, ob man Kriegsflüchtlinge aufnimmt
– das will eine Mehrheit der Menschen von
Herzen gern weiter tun. Nur eben nicht ungefragt, unkontrolliert und ohne eine glaubwürdige und leidenschaftliche Begründung.
Weil Zweifel und Ängste als vordemokratisch und irrational kleingeredet oder diffamiert
worden sind, konnten in so vielen Ländern
furchterregende Bewegungen groß werden, die
nach dem Brexit vermutlich noch mehr Auftrieb erhalten. Nun hat man das Gefühl, dass
das Volk seine gewählten Vertreter vor sich hertreibt. Aber was sind das für Konstellationen:
Regierungen und Eliten, die ihr eigenes Volk
fürchten? Es bleibt ihnen gar nichts anderes
übrig, als künftig besser hinzuschauen und hinzuhören. Krisen und Flüchtlingswellen haben
immer Ursachen, sie werden nie ganz zu vermeiden sein. Was man aber sehr wohl beeinflussen kann, ist die Verhältnismäßigkeit der
daraus erwachsenden Maßnahmen und die
Glaubwürdigkeit jener, die sie verkörpern.
EU-Kommissionspräsident
Jean-Claude
Juncker, dem nun wirklich niemand ernsthaft
vorhalten könnte, die europäischen Ideale gut
zu vermitteln, und auch die Bundeskanzlerin
haben gerade in diesen Tagen versucht, die
Lage als leicht verschärfte Normalität zu beschreiben. Wir leben aber in einer Zeit des Disruptiven, der allgemeinen Zerstörung: Gutes,
Bewährtes droht weggefegt zu werden – von
der repräsentativen Demokratie über ein vereintes Europa bis hin zu toleranten Gesellschaften. Wer so weitermacht, als sei nichts
geschehen, mag auf der richtigen Seite stehen,
betreibt aber das Geschäft der Falschen.
PROMINENT IGNORIERT
Füße im Feuer
Der amerikanische Motivationstrainer Anthony Robbins hat in
Dallas 7000 Gläubige versammelt
und ihnen gesagt, mit hinreichender Willenskraft könnten sie über
glühende Kohlen gehen. Etwa 30
verbrannten sich dabei die Füße,
fünf kamen in die Klinik. Von der
heiligen Kunigunde und von der
heiligen Christina wird erzählt, sie
hätten Glut und Feuer unversehrt
überstanden. Merke: Es ist nicht
ganz leicht, heilig zu werden. GRN.
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A
10 ÖSTERREICH
30. J U N I 2016
150 JAHRE KÖNIGGRÄTZ
Das Duell
D I E Z E I T No 2 8
Auf dem Schlachtfeld von Königgrätz
wurde 1866 eine österreichische Zukunft
besiegelt, die das Land bis heute prägt
VON ULRICH SCHLIE
Trauma
Königgrätz
Vor 150 Jahren endete
der Großmachttraum der
Habsburger auf einem
blutgetränkten Schlachtfeld
in Böhmen. Die
Katastrophe von
Königgrätz hallt bis heute
nach: Sie gebar das Dritte
Lager der großdeutschen
Parteien, ihr entsprang die
»Anschluss«-Sehnsucht der
Ersten Republik ebenso wie
der bis heute aktuelle
österreichische
Minderwertigkeitskomplex.
Und der preußische
Militärkapellmeister
Gottfried Piefke, der für
die Siegesparade vor den
Toren Wiens den
Königgrätzer Marsch
komponierte, wurde zum
Namensgeber des
Schmähwortes für ein
deutsches Großmaul
Abb.: Deutsches Historisches Museum/bpk (Ausschnitt); kl. Foto: Privat
K
öniggrätz wird gemeinhin als
Entscheidungsschlacht bezeichnet.
Doch was genau wurde damals entschieden? Und was hat diese Entscheidung mit unserer Gegenwart
zu tun? Die Schlacht, die am regnerischen Morgen des 3. Juli 1866
beim Dorf Sadowa an der Bistritz in Nordböhmen
begann, beendete einen der kürzesten Kriege, den es je
gab. Er ging als »deutscher Krieg« in die Geschichte
ein. Bei den Deutschen indes scheint er heute fast vergessen zu sein. Auch ein Zuviel an erlittener und verursachter Geschichte im letzten Jahrhundert kann zu
Geschichtsvergessenheit führen. So ist es in gewisser
Hinsicht paradox, dass im Wien von heute die Erinnerung an 1866 gegenwärtiger zu sein scheint als im
heutigen Berlin. Denn das Verständnis, was Deutschsein bedeutet und wer Deutscher ist, bleibt auch heute
noch immer untrennbar mit der Reichsgründung von
1871 durch Otto von Bismarck verbunden, und diese
Reichsgründung wäre nicht möglich gewesen ohne
Preußens militärischen Triumph über den Rest der
deutschen Länder und eben das kaiserliche Österreich.
Nahe der Festung Königgrätz hatte damals der Generalstabschef Helmuth von Moltke einen gewaltigen
Aufmarsch der von ihm befehligten preußischen
Kräfte organisiert. Preußen siegte am Ende auch, weil
sich Moltke der Segnungen der industriellen Revolution geschickt zu bedienen verstand.
Ludwig von Benedek, der österreichische Oberbefehlshaber, der mit der Geografie Italiens besser vertraut
war als mit jener Nordböhmens, trat mit dem geschlagenen Heer den geordneten Rückzug an. Noch lehnte
Preußen am darauffolgenden Tag das von Österreich
überbrachte Waffenstillstandsgesuch ab, doch bald obsiegte höhere Einsicht. Bismarcks Devise, dass, wer gesiegt habe, sich mäßigen solle, ersparte eine vernichtende Niederlage: Sie war bestimmend für den Vorfrieden
von Nikolsburg am 26. Juli und den endgültigen Friedensschluss in Prag am 23. August 1866.
Golo Mann sprach mit Blick auf Königgrätz einmal
von der ersten deutschen Teilung. Ihr Ergebnis hat
freilich beider Geschichten, Habsburgs wie Preußens,
danach in eine andere Richtung gelenkt, als sie damals
den Kriegführenden vor Augen stand. Mit dem kurzen
Duell von 1866 war die Entscheidung zwischen großdeutsch und kleindeutsch gefallen. In einem einzigen
Gefecht war entschieden worden, ob Deutschland
künftig von Berlin oder von Wien aus regiert werden
würde. Der Deutsche Bund verschwand von der Bildfläche, das 1806 aufgelöste Heilige Römische Reich
wurde endgültig in die Tiefen der Geschichte versenkt.
Die Verfassung des aus dem Krieg hervorgegangenen
Norddeutschen Bundes von 1867 glich in wesentlichen
Zügen der Reichsverfassung von 1871 mitsamt ihren
konstitutionellen Schwächen. Auf dem nordböhmischen
Schlachtfeld war die europäische Ordnung, die 1815 am
Gemälde der
Schlacht von
Königgrätz von
Georg Bleibtreu
(1828–1885).
Links vorn:
Verletzte und
gefangene
Österreicher
Wiener Kongress festgelegt worden war, zerbrochen.
Bismarck konnte sich an seinem Sieg nicht recht freuen,
seine Albträume kehrten wieder. Schon im Frühjahr
1866 hatte er prophezeit: Ist Preußens Macht erst einmal
gebrochen, so werde Deutschland schwerlich dem
Schicksal Preußens entgehen.
Österreichs Verhältnis zum Deutschen Reich aber
befand sich seit Königgrätz in einem unauflösbaren
Zwiespalt, der sich mit dem Begriff des Dualismus auf
einen einfachen Nenner bringen lässt, aber doch eine
höchst komplizierte Konstellation beschreibt. Kaiser
Franz Joseph musste sich wohl oder übel mit dem neuen
Zustand abfinden. Der Staat, der ihm eigentlich vorschwebte, war ein zentralistischer, geeinter Staat. Innenpolitisch aber war die im Ausgleich mit Ungarn festgehaltene Stellung der Magyaren – auch dies eine Konsequenz
der vernichtenden Niederlage – nun so stark, dass jede
Veränderung unterbleiben musste, und außenpolitisch
legte die Rücksicht auf Ungarn die Monarchie auf einen
antirussischen Kurs fest, der verhängnisvolle Konsequenzen haben sollte.
M
anch einer ging in seinem Urteil so
weit, zu behaupten, in Königgrätz
sei das Todesurteil für die Habsburgermonarchie gefällt worden.
Die künftige Ausrichtung des
Donaustaates nach Südosten, wie
sie auf den Ausgleich mit Ungarn von 1867 zurückgeht, war ohne Zweifel auch eine Abkehr von Zentraleuropa. Der Zweibund, den Bismarck 1879 mit
Österreich schloss, konnte darüber nicht hinwegtäuschen. Eher verstärkte er die Probleme an der
Peripherie und ließ sie zurückstrahlen ins Zentrum.
Damit war zugleich das Grunddilemma des Verhältnisses des Habsburgerreiches zum Deutschen
Reich berührt. Einerseits war die Donaumonarchie
damals aus dem Zentrum vertrieben. Anderseits war
das Deutsche Reich aber qua Vertrag an die Doppelmonarchie gebunden. Die Widersprüche eines immer
komplizierter werdenden europäischen Staatensystems,
das sich ins Globale ausweitete und bald darauf zerbrechen sollte, fanden im deutschen Dilemma, das immer auch ein österreichisches war, ihren Nukleus. Deshalb ist die Geschichte des preußisch-österreichischen
Dualismus gar nicht losgelöst von der europäischen
Geschichte zu betrachten.
Bismarck scheint diese unheilvolle Bindung zwischen Preußen-Deutschland und Österreich bereits
beim Friedensschluss vorausgesehen zu haben. Denn
mit seiner leitenden Maxime hatte er zugleich eine bestimmende Vorgabe für die Bündnispolitik der folgenden Jahrzehnte formuliert, die mehr schlecht als
recht einzuhalten war: »Die Streitfrage ist entschieden. Jetzt gilt es, die alte Freundschaft mit Österreich
wiederzugewinnen.« Mit Glaubenssätzen allein lässt
sich indes Politik nicht bestreiten.
Die eigentliche Bedeutung von 1866 besteht wohl
darin, dass die in der damaligen Konstellation enthaltene Entscheidungsfrage in der Geschichte auf
weite Sicht angelegt war. Der Blick nach vorn und
zurück zeigt, dass es auch anders hätte kommen können. Der großdeutsche Traum war dreimal kurz davor, Wirklichkeit zu werden. 1848 in Gestalt eines
multinationalen Habsburgerreiches, sodann, bei einem anderen Verlauf, 1866 in Königgrätz und, wäre
es nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker,
nach der Mehrheit der Deutschen und der Mehrheit
der Österreicher, die sich in jener Zeit als Deutsche
fühlten und begriffen, gegangen: im Jahr 1918/19.
Die unzureichende Akzeptanz der Ersten Republik
durch ihre Bürger hängt gewiss mit den Bedingungen
ihrer Entstehung zusammen. Denn das Neben-, besser
das Gegeneinander von Sozialistisch-Demokratischen,
Katholisch-Konservativen und Großdeutschen ist auch
ein Erbe des Zerfalls der Habsburgermonarchie. Und es
war eine mehr als einschneidende Erfahrung, dass das
Selbstbestimmungsrecht der Völker, das vom VierzehnPunkte-Plan des amerikanischen Präsidenten Woodrow
Wilson bis zu dem Völkermanifest von Kaiser Karl als
Schlüssel für den Weg in eine neue Zeit verstanden
wurde, den Österreichern nach dem Ersten Weltkrieg
verwehrt wurde. Das Anschlussverbot von Versailles und
Saint-Germain wurde als belastendes Unrecht empfunden und hat nicht dazu beigetragen, das Vertrauen
in den neu errichteten Staat zu fördern. Als dann eine
großdeutsche Lösung kam, 1938, in Gestalt des »Anschlusses« von Österreich an das nationalsozialistische
Deutsche Reich, war die Zeit über Habsburg und Preußen bereits hinweggegangen. Diese mit den Mitteln von
Verführung und Gewalt herbeigeführte Lösung war zum
Scheitern verurteilt, weil sie mit einer verbrecherischen
Ideologie und dem unaufhaltsamen Kriegskurs Adolf
Hitlers verbunden war. Und doch ist die Geschichte des
Jahres 1938 ohne die Entscheidungssituationen von
1848 und 1866 nicht verstehbar. In Trauer und Leid
lehren die Ereignisse des Jahres 1938, dass es eine vorangegangene gemeinsame Geschichte gibt, auch wenn sich
danach die Wege von Deutschen und Österreichern getrennt haben und die gemeinsame Nation, die bis dahin
bestand, dauerhaft zerbrochen war.
Das geistige Klima des sich auflösenden Vielvölkerstaates war der Nährboden für seinen Sozialdarwinismus, seine krude Ideologie und seine Hirngespinste gewesen. Vielleicht war es sogar der preußischösterreichische Dualismus, die Unentschiedenheit im
Ringen um das, was der deutschen Geschichte als
staatliche Form gemäß war, die im nationalen Taumel, in dem aufgeladenen Zeitklima, mit den psychologischen Belastungen des verlorenen Krieges, den
unzureichenden Bedingungen eines zerbrechlichen
Friedens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erst
dazu geführt hat, dass Hitlers Aufstieg möglich wurde. Und Hitler, besser: der Sieg über Hitler, ist es
dann gewesen, der beiden Staaten, der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Österreich, zu
ihrer neuen Existenz verholfen hat.
A
us Schaden sollte man klug werden.
Habsburg und Preußen zählen prima
vista beide zu den Verlieren der Geschichte. Denn es war ein Duell mit
mortalen Spätfolgen und posttraumatischen Nachwirkungen. 1914 versank die Welt des Siegers von Königgrätz, 1918 endeten die Monarchien. Und Preußen ereilte anno
1945/47 – nach der »deutschen Katastrophe« (Friedrich Meinecke) von 1945, die eine politische und
moralische war – das Schicksal, das Habsburg eine
Generation zuvor nach dem verlustreich beendeten
Ersten Weltkrieg zuteil geworden war: Auslöschung
per Dekret. Heute liegt die Geschichte Habsburgs
und Preußens als abgeschlossenes Ganzes vor uns. Die
für das 19. und frühe 20. Jahrhundert so charakteristische (und eigentlich unhistorische) Gleichsetzung
von Nation und Nationalstaat ist seitdem einer Weitung des Blicks gewichen, der auch die vornationalstaatliche Zeit stärker in die Betrachtung einbezieht.
Die deutsche Geschichte hat nie den Deutschen allein
gehört. Und Österreichs Verhältnis zur deutschen und
zur österreichischen Geschichte ist bis heute kompliziert geblieben.
Die Suche nach Einheit und Freiheit waren die
großen Leitmotive der Geschichte des 19. Jahrhunderts. Sie waren auch die treibenden Kräfte, die zur
Entscheidungsschlacht in Nordböhmen im Juli 1866
führten. Diese Geschichte wirkt bis heute in die Gegenwart nach. Zunächst in dem Sinne, dass die späteren Entwicklungen nicht ohne jene Weichenstellung
aus dem Jahr 1866 erklärt werden können. Aber auch
in dem sehr viel weiterführenden Sinne Jacob Burckhardts, dass Geschichte nicht klug für ein andermal,
sondern weise für immer mache, hält das Vermächtnis
von Königgrätz eine Vielzahl von Lehren für die Gegenwart parat. In dem Maße, in dem wir unsere Zukunft als europäische Gestaltungsaufgabe begreifen,
europäisches Gemeinschaftsbewusstsein entwickeln,
unsere eigene Geschichte in ihrem wechselvollen Verlauf annehmen und zugleich den Blick auf sie entnationalisieren, wird durch die Pflege das Erbe von
Habsburg und Preußen lebendige Vergangenheit,
wird der eigene Standort bewusster. Erst dann wird
der Dualismus von einst vollkommen aufgelöst sein,
erst dann sind Habsburg und Preußen gemeinsamer
Besitz. Dann ist aus Verlust Gewinn geworden.
Ulrich Schlie ist Autor des Buches
»Das Duell – Der Kampf zwischen
Habsburg und Preußen um
Deutschland«, das 2013 im
Propyläen Verlag erschienen ist
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ÖSTERREICH 11
150 JAHRE KÖNIGGRÄTZ
DONNERSTALK
A
Taktik revolutionieren würde. Bereits in den
1820er Jahren hatte der sächsische Fabrikant
Johann Nikolaus Dreyse begonnen, einen neuartigen Hinterlader mit Zylinderverschluss zu
entwickeln, bei dem die Treibladung der Patrone
mithilfe eines nadelschlanken Bolzens gezündet
wird. Die Vorteile lagen auf der Hand: Im Unterschied zu den herkömmlichen Vorderladern, bei
denen die Schützen im Stehen nachladen mussten,
konnte ein preußischer Infanterist, in seiner
Deckung liegend, laufend neue Patronen in den
Lauf schieben und mit drei- bis vierfacher
Frequenz feuern.
den Habsburgern 1859 ihre lombardischen Besitztümer entrissen wurden, hatte der junge Monarch höchstpersönlich das Oberkommando übernommen. Ihm imponierte, wie in dem Gemetzel
die französischen Angriffskolonnen die österreichische Feuerlinie unterlaufen und mit dem Bajonett die Reihen seiner Soldaten ins Wanken gebracht hatten. Während preußischen Soldaten
systematisch eine rigorose Feuerdisziplin eingedrillt
wurde, vernachlässigte die österreichische Armee
weiterhin sträflich die Schießausbildung ihrer
Infanterie. Noch im Deutsch-Dänischen Krieg von
1864, in dem Österreich und Preußen Seite an
Finale in
Böhmen
Auf den Feldern um Königgrätz übertrumpfte moderne Taktik
die traditionelle Kampfweise der Österreicher VON JOACHIM RIEDL
Abb.: Heeresgeschichtliches Museum (Ausschnitt)
m Morgen des regnerischen
3. Juli 1866 stapfte ein untersetzter Mann keuchend die
steilen Treppen des Weißen
Turms von Königgrätz hoch.
226 Stufen musste William
Howard Russel, Kriegsberichterstatter der Times of London, überwinden,
bis er in gut 60 Meter Höhe bei der Aussichtsplattform des gotischen Wahrzeichens der
Festungsstadt angelangt war. Der Reporter
zückte sein Fernglas und ließ seinen Blick über
die hügelige Landschaft, die sich nordwestlich
des Elbufers ausbreitete, schweifen.
»Kein Panorama«, schrieb er später
»könnte einen Begriff von jener Szenerie vermitteln, in der eine halbe
Million Mann über das Gelände hinwegwogt wie die Meeresbrandung
oder eine Wolke im Wind.« An diesem Tag, das war dem erfahrenen
Journalisten aus England klar, würde
das Ringen zwischen Preußen und
Österreich um die Vormachtstellung
in Deutschland entschieden werden
– ein Ereignis, das für ganz Europa
unabsehbare Folgen haben würde.
Das Schicksal zweier Großmächte
stand inmitten der nordböhmischen
Hügel auf dem Spiel.
Der österreichische Feldzeugmeister
Ludwig August von Benedek, Oberkommandierender der Nordarmee des
Habsburgerreiches, hatte seine gesamten Truppen, insgesamt 215 000 Mann
mit 650 Kanonen, im Halbrund auf
eine Front von über zehn Kilometer
Länge aufmarschieren lassen. Noch
zwölf Stunden zuvor hatte niemand
damit gerechnet, dass die Armeen der
Österreicher und Preußen an diesem
Tag aufeinanderprallen würden. Die
Schlachtordnung hatte General Gideon
Krismanic, der Chef der Operationsabteilung, der eigentlich seines Postens
bereits enthoben war, eilig in der Nacht
am Kartentisch entworfen, als die preußische Avantgarde überraschend zu dem
späteren Schlachtfeld vorgedrungen
war. Bei Tageslicht besehen, stellte sich
die defensive Aufstellung als äußerst
ungünstig heraus. Die Hauptmacht
und die Reserven waren im Zentrum
massiert, die Flanken ungenügend abgesichert und luden zu Umfassungsoperationen ein. Ein ersichtlicher
Operationsplan existierte nicht, und die
Korpskommandanten hatten keine
Ahnung, welcher Taktik das Oberkommando folgen wollte. »Aus der gesamten Kriegsgeschichte«, urteilt heute
der deutsche Militärhistoriker KlausJürgen Bremm in seiner Monografie
1866 – Bismarcks Krieg gegen die Habsburger, »ist keine vergleichbar unglückliche Schlachtordnung bekannt.«
Auf seinem Aussichtsturm beobachtete nun der englischen Reporter wie
eine der größten Schlachten des 19.
Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Kurz
nach sieben Uhr drang das Grollen der
Kanonen durch den Morgennebel. »Es
war«, schrieb er, ein »nasskalter und
freudloser Morgen, es schien, als hätte
man einen trüben englischen Novembertag mitten in den Sommer verlegt.«
Die Soldaten hatten in der Nacht unter
freiem Himmel im Regen auf den
durchnässten Feldern biwakiert, sie
waren von den verlustreichen Rückzugsgefechten der vergangenen Woche
entkräftet und entmutigt, viele erfahrene Offiziere waren bereits gefallen.
Dennoch jubelten Infantristen, Kanoniere und Kavalleristen dem kaiserlichen Feldzeugmeister zu, als er mit
seinem Stab die Reihen der Regimenter
entlangritt. Es war ihr letztes Hurra.
Der »deutsche Bruderkrieg« in
Nordböhmen hat für die Österreicher
von allem Anfang an unter einem unglücklichen Stern gestanden. Entschlossen hatte der preußische Reichskanzler
Otto von Bismarck die auch im eigenen
Land umstrittene Auseinandersetzung
mit den Habsburgern vom Zaun gebrochen (siehe auch das BismarckPorträt Habsburgs Nemesis auf Seite 30)
und die Donaumonarchie in einen Zweifrontenkrieg manövriert. Zugleich mit den Preußen griffen
auch die Piemonteser in Oberitalien an. Als Beute
winkte ihnen Venetien.
Den Österreichern erschien das neue
Zündnadelgewehr nicht verlässlich genug
Zu diesem Zeitpunkt galt das österreichische
Kaiserreich noch als bedeutende Hegemonialmacht, seine Armee, vor allem Artillerie und
Reiterei, flößten den übrigen Mächten auf dem
Kontinent durchaus Respekt ein. Im Vergleich
dazu galt die preußische Streitmacht als unerfahren und nach einer Heeresreform noch mitten
im Umbruch begriffen. Kaum ein Militärexperte
traute ihnen zu, die Soldaten des Wiener Kaisers
in die Knie zwingen zu können.
Die Österreicher hatten allerdings eine technische Entwicklung verschlafen, die in den Jahren
nach dem Debakel von Königgrätz die militärische
Bei jedem Aufeinandertreffen waren ihre
Verluste drei- bis viermal so hoch wie jene der
Angreifer. In nur drei Tagen verlor Feldzeugmeister Ludwig von Benedek so 31 000 Mann,
ein ganzes Armeekorps.
Die moderne Taktik, die der exzentrische preußische Generalstabschef Helmuth von Moltke, der
»große Schweiger«, gewählt hatte, war unkonventionell und riskant. Er ließ seine drei Armeen in
getrennten Marschkolonnen in Böhmen eindringen. Erst zur Entscheidungsschlacht sollten sie sich
vereinen. Doch auch wenn diese verstreuten Truppenteile nicht über die volle Schlagkraft verfügten,
nirgends gelang es den Österreichern,
sie mit ihrer hinhaltenden Defensivstrategie aufzuhalten. Einen konzentrierten, entscheidenden Schlag gegen
eine der preußischen Kolonnen zu
führen, wagten die Generale des Kaisers
hingegen ohnehin nicht.
Am Vorabend der Schlacht hatte
Benedek, der sich lieber in der großen
mährischen Festung Olmütz verschanzt
hätte und nur auf Druck aus Wien
widerwillig den Preußen in Böhmen
entgegengerückt war, jede Siegeszuversicht verloren. Er schickte ein flehentliches Telegramm an Franz Joseph und
bat darin »um jeden Preis Frieden zu
schließen«: »Eine unvermeidbare Katastrophe erwartet die Armee.« Zwei
Stunden später hielt er die Antwort aus
Wien in Händen: »unmöglich«. Ob den
wenigstens überhaupt eine Schlacht
stattgefunden habe, wollte der Kaiser
wissen – ein indirekter Befehl, sich endlich zu stellen.
In den ersten Stunden der Kämpfe
schienen sich indes die trüben Vorahnungen des Oberbefehlshabers nicht
zu erfüllen. Überall boten seine Truppen
den preußischen Angreifern Paroli und
drängten sie sogar zurück. Nach sechs
Stunden des Gemetzels glaubte Reporter Russell von seinem Turm aus in den
Pulverwolken, die über den Feldern
lagen, etwas erkennen zu können: »Kein
Zweifel, links und im Zentrum waren
die Preußen so gut wie geschlagen.«
Da begingen zwei eigenmächtige
österreichische Korpskommandanten
den vielleicht entscheidenden Fehler.
Sie verbluteten ihre Soldaten bei dem
sinnlosen Versuch, eine preußische
Division aus einem unzugänglichen,
rund einen Quadratkilometer großen
Waldrücken, dem Swiepwald, zu werfen, in dem sie sich verschanzt hatte.
Dadurch war der rechte Frontabschnitt
entscheidend geschwächt, als endlich
um die Mittagszeit die Vorhut der
Zweiten Armee des Kronprinzen Friedrich Wilhelm auf einem Höhenzug im
Nordosten auftauchte. Unaufhaltsam
stürmten die Garderegimenter voran
und tauchten gegen 15 Uhr im Rücken
der Einheiten auf, welche die zentrale
Stellung bei dem Dörfchen Chlum besetzt hielten. Trotz verzweifelter Gegenangriffe, die Benedek selbst anführte,
brach nach diesem Einbruch die Front
Schlag um Schlag in sich zusammen.
Die österreichische Nordarmee flutete
in verzweifelten Rückzugsgefechten
zurück über die Elbe. Sie hatte 41 500
Mann verloren, die Hälfte von ihnen
als Gefangene. Die erschöpften Preußen
verzichteten darauf, den geschlagenen
Rest zu verfolgen.
Noch heute erzählen Hunderte
Mahnmale von der Schlacht
Hingestreckt im
preußischen »Schnellfeuer«: Die
Batterie der Toten
Das preußische Kriegsministerium setzte nun
ganz auf diese revolutionäre Waffe. In aller Stille
kurbelte es die Produktion an und rüstete die Infanterieregimenter mit dem neuen Percussionsgewehr M/1841 aus. Am Tag von Königgrätz war
die Modernisierung längst abgeschlossen.
Auch in Österreich hatte die Generalität
nach dem Besuch einer Dreyse-Fabrik in Spandau kurz die Umrüstung auf den preußischen
Gewehrtyp erwogen. Schließlich verwarf man
wieder die Idee aber: Das Zündnadelgewehr erschien noch zu unzuverlässig, hatte eine deutlich
geringere Reichweite, und die hohen Militärs
fürchteten, die einfach zu handhabende Waffe
würde die Soldaten dazu verführen, zu rasch
ihren Munitionsvorrat zu verpulvern.
Zudem setzten die österreichischen Generäle
nach wie vor auf ihre »Stoßtaktik«, den Infanterieangriff mit gefälltem Bajonett, den Kaiser Franz
Joseph favorisierte. In der verlorenen Schlacht von
Solferino gegen Piemont und Frankreich, in der
Seite die Herzogtümer Schleswig und Holstein erobert hatten, schien sich die erprobte Kampfweise
zu bewähren. »Das Drauflosgehen unserer tapferen
schwarz-gelben Brigade«, klagte im Rückblick der
General Anton Mollinary von Monte Pastello, der
in Nordböhmen selbst schmerzhafte Bekanntschaft
mit dem Zündnadelgewehr machte, »wurde zur
nationalen Kriegstaktik emporgelobt und bejubelt.« Die gleichzeitige Überlegenheit der preußischen »Feuertaktik«, der massive Geschosshagel
einer Schützenlinie, entging den militärischen
Beobachtern vollkommen. Auf den nordböhmischen Feldern lernten die Österreicher nur zwei
Jahre später ihre blutige Lektion. Dem preußischen
Sperrfeuer hatten sie nur ihren Todesmut entgegenzusetzen. Schon in den ersten Gefechten, in
denen die Österreicher die aus ihren schlesischen
Aufmarschräumen vorrückenden preußischen
Armeen aufhalten wollten, konnten die Verteidiger
auch dann nicht standhalten, wenn sie weit überlegen waren.
Überall auf dem Schlachtfeld sind
noch heute Kreuze, Stelen und Gedenksteine verstreut, die von den vielen Einzelgefechten und selbstmörderischen Attacken, die hier vor 150
Jahren die Erde mit Blut tränkten, erzählen. Ein Führer über das Schlachtfeld aus dem Jahr 1907 kennt allein
419 dieser Mahnmale.
Eines der gewaltigsten, eine sechs
Meter hohe Säule, auf der die überlebensgroße allegorische Figur der Austria einen Lorbeerkranz in die Höhe
reckt, ragt auf der Anhöhe von Chlum
in den Himmel. Das Monument ist
dem Artilleriehauptmann August von der Groeben und seiner »Batterie der Toten« gewidmet.
Als die 1. Gardedivision der Kronprinzenarmee in die österreichischen Stellungen einbrach,
befand sich die 7. Batterie des VIII. Feldartillerieregiments gerade im Gefecht mit preußischen
Kanonieren im Zentrum der Front. Der neuen
Gefahr gewahr, ließ Groeben aufprotzen, sprengte im Galopp bis auf 200 Meter an die Eindringlinge heran und empfing, um den Rückzug seiner Kameraden zu decken, die Preußen mit
Kartätschen. Die Batterie hatte noch keine zehn
Schuss abgefeuert, da waren ihre beiden Offiziere, 52 Mann und 68 Pferde gefallen. Hingestreckt vom preußischen »Schnellfeuer«, wie die
Chronik vermerkt. Das 4,5 mal 7,5 Meter große
Monumentalgemälde des tschechischen Historienmalers Václav Sochor, das diesen »Opfertod«
festhält, erwarb Kaiser Franz Joseph wenige Jahre
nach der Schlacht von Königgrätz für sein neues
Heeresmuseum.
Manche meinen, Demokratie und Wahlen seien untrennbar miteinander verbunden. Das stimmt nicht
ganz, zumindest nur in einer Verbindungsrichtung.
Demokratie ohne Wahlen ist schwer vorstellbar. Obwohl in manchen Demokratien die Wahl schwerfällt
oder die Entscheidung zwischen Not und Elend gar
nicht wirklich als Wahlmöglichkeit wahrgenommen
wird. Wahlen ohne Demokratie hingegen sind durchaus möglich, man denke nur an gewisse Ereignisse in
der Türkei. Wahlanfechtungen sind nicht nur in
Demokratien möglich, sondern auch in Bananenrepubliken. Dort muss man auf seine Stimme überhaupt gehörig aufpassen, denn es kann passieren, dass
die abgegebene Stimme rasch
wieder verloren geht, so als
hätte man den Stimmzettel
nicht in eine Urne, sondern
ins Nirwana geworfen. Es
kann aber auch geschehen,
dass Missstände bei der Auszählung nicht protokolliert
werden, weil der bevorzugte Alfred Dorfer
Kandidat ohnehin vorne sortiert die
liegt. Zudem kommt es auch abgegebenen
vor, dass die Wahlkarten vor- Wahlkarten
zeitig ausgezählt werden,
gleichgültig, wer vorne liegt, nur aus dem simplen
und keineswegs betrügerischen Grund, später die
Siesta nicht unterbrechen zu müssen. Wie gesagt,
seinesgleichen ist in Bananenrepubliken allgemeine
Praxis. Nun trifft die ebenso wichtige Nachricht ein,
irgendein Designer habe bei der Präsentation seiner
Männerkollektion Models mit klar ersichtlichen
Hautverunreinigungen, mit Pickeln und Mitessern,
auf den Laufsteg geschickt. Was für ziemliche Empörung sorgte. Man mag nun einwenden, diese
ästhetische Geschmacksübertretung hätte mit demokratischen Grundsatzfragen nichts zu tun. Falsch. In
der geheuchelten Empörung liegt die Übereinstimmung. Natürlich weist auch die Demokratie Hautunreinheiten auf. Das Prêt-à-porter dieser Republik ist
in der Realität nicht immer kleidsam, aber wohl das
einzige Gewand, das dem Land noch bleibt.
NACHRUF
Manfred Deix (1949–2016)
Man muss sich Böheimkirchen auf nicht ganz
halbem Weg zwischen Malibu Beach und dem
Wiener Zentralfriedhof denken: ein niederösterreichischer Marktflecken, in dem dreitausend unverwechselbare Originale leben. In Böheimkirchen
wurde vor 67 Jahren Manfred Deix geboren. In
der väterlichen Gastwirtschaft zapfte der Bub das
Bier und studierte aufmerksam die Gesichter der
Gäste. Er entdeckte, dass sich allabendlich ein
ganz spezieller, eigenartiger Menschenschlag an
den Krügelgläsern festklammerte: stierende Kugelaugen, volle rote Wangen, kurze Stupsnasen und
beim Lachen auffällig viel Zahnfleisch.
Das hat sich Deix eingeprägt. Als die wilden
sechziger Jahre hereinbrachen, die in Böheimkirchen
Roaring Sixties hießen, gründete Deix eine Rockkapelle, die er Top Secret nannte. Ein Filmdokument
zeigt den lässigen Stenz, wie er mit seinen Kumpanen
über die Hauptstraße spaziert und Surfin’ USA singt.
Insgeheim fühlte Deix nämlich, dass er der »sechste
Beach Boy« war. Nach eigenem Bekunden wollte er
damals ein »kalifornischer Küsserkönig« werden.
Weil er wusste, dass es daheim in Böheimkirchen »wahrscheinlich nur zum Fleischhauer«
langen würde, sagte er schweren Herzens: »Böheimkirchen, tschüss! Baba! Auf Wiedersehn!«
Und weil der West-Coast-Intercity nach L.A. Verspätung hatte, bestieg er den Orientexpress nach
Wien. In der Provinz genoss Wien vor fünfzig
Jahren den legendären Ruf, die Stadt der Sünde zu
sein. »An jeder Ecke wohlfeile Weiber«, erinnerte
sich Deix. Er musste freilich bald erkennen, dass es
allem Anschein nach lauter Böheimkirchnerinnen
waren, die gemeinsam mit ihren Gespielen Wien
die Aura einer »Metropole der Erotik« verliehen.
So war es unausbleiblich, dass Manfred Deix das
wilde Treiben zu Papier brachte; hatte er doch
schon in jungen Jahren manches Frauenbildnis geschaffen und auch (dank der großen Brüste) an
seine Dorfschulkameraden verkaufen können.
In Wien ansässig, begann er, die Sittenchronik der
Stadt zu zeichnen: schamlose Fleischberge, süchtig
nach nackter Haut und hemmungslos perversen
Spielen verfallen. Sie stülpen sich ein Ganzkörperpräservativ über, kriechen kopfüber unter fremde
Röcke, grabschen in die Lederhose, saugen einander
lüstern an den Nasen, lecken, lechzen, schnüffeln,
hecheln und fallen im nietenbeschlagenen Lederkorsett übereinander her. »Ich bin ein großer Stauner«, sagte Deix. »Wenn diese Leute mit ihren dicken
Wangen winseln und stöhnen, das fasziniert mich.«
Seit den Tagen der Pestprediger hat niemand
mehr diesem triebhaften Volk so unbarmherzig
den Spiegel vorgehalten. Deix entlarvte Kinderschänder und Kameradschaftsbündler; Kanzler
und Kirchendiener beraubte er ihres Scheins und
ihrer Heiligkeit. Dergestalt hat sie der Rubens aus
Böheimkirchen verewigt: wie sie leiben und leben
und zu wollüstigem Fleisch geworden sind.
Deix hatte sich zusammen mit seiner geliebten
Marietta und 99 schnurrenden Katzen in ein stilles
Haus außerhalb von Wien zurückgezogen: »Mein
Lebensziel ist es, eine Katze zu werden: den ganzen
Tag fressen, saufen und schmusen.« Am Samstag
vergangener Woche wurde im Katzenhimmel ein
neuer Besucher begrüßt.
JR
Siehe auch »So schön hässlich« Seite 45
Foto: Ingo Pertramer
Ausgezählt wird später
12 ÖSTERREICH
30. J U N I 2016
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Wir vertrinken unser Taschengeld
S
tellt eine kleine Gruppe von Schriftstellern auf einem österreichischen
Provinzbahnhof in der Junihitze
ihre Rollkoffer ab, schultert ihre
Reisetaschen, macht sich auf den
Weg in Richtung Hotel, in Gedanken schon bei einem mehrtägigen
Wettlesen, an dessen Ende vier- bis fünfstellige
Euro-Summen als Preisgeld winken – dann sieht
man bei diesem Bild Klagenfurt vor sich, die Tage
der deutschsprachigen Literatur (TDDL). Nur ist
die Stadt, in der ich am 23. Juni mein Gepäck
hinter mir herziehe, nicht Klagenfurt, sondern
Wiener Neustadt, und ich bin nicht auf dem Weg
zum Bachmannpreis, sondern eingeladen zum
Wettlesen um den Literaturpreis Wartholz.
Der wurde vor neun Jahren ins Leben gerufen und
hat nicht sein zehntes Jubiläum abgewartet, um sich
neu zu erfinden. Bisher pilgerten die Geladenen im
Frühjahr in die Schlossgärtnerei Wartholz, wo das
Wettlesen in der morbiden Atmosphäre der vor sich
hin bröckelnden k. u. k. Nostalgie stattfand und von
wo man meist grippal infiziert zurückkehrte. 2016
zieht der Bewerb etwas unvermittelt in einer Kooperation mit Wiener Neustadt in die Ausstellungskirche St. Peter an der Sperr um.
Die zwei Tage im angenehm temperierten Innenraum der profanisierten ehemaligen Klosterkirche der
Dominikanerinnen zu verbringen klingt verlockend.
Bei der Eröffnung zeigt sich das vormals sakrale Gebäude als imposante Kulisse für die Lesebühne. Nach
gewissen Unpässlichkeiten der Jury im letzten Jahr
stellt der Veranstalter neue Juroren vor, aus allen österreichischen Literaturbetriebsbereichen rekrutiert.
Auch die zum Spiel angetretene Autoren-Mannschaft
trägt zu drei Vierteln die Farben Österreichs, nur zwei
Deutsche und ein Schweizer haben eine Einladung
erhalten. Man kennt sich, und wenn nicht, so wird
man sich schnell kennenlernen.
Moderatorin Mari Lang nimmt schon zu Beginn
Bezug auf die große Wettbewerbsschwester in Klagenfurt: Auch hier, beim Literaturwettbewerb Wartholz, laden die Jurorinnen und Juroren ihre Favoriten
ein. Auch hier wird ein bisher nicht publizierter Text
öffentlich vor der Jury gelesen. Auch hier wird die
Jury live ein Urteil über die Beiträge fällen.
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Die Schriftstellerin Cornelia Travnicek gewann
2012 den Publikumspreis in Klagenfurt. Dieses Jahr
ging sie beim Literaturpreis Wartholz leer aus
Die TDDL präsentieren sich zu ihrem vierzigsten
Geburtstag mit einem stark deutsch besetzten Teilnehmerfeld und lassen sich das drohende Aus vor drei
Jahren schon nicht mehr anmerken. Die Idee, den
gerade erst gegangenen Ex-Juryvorsitzenden Burkhard Spinnen die Rede zur Literatur halten zu lassen,
zeugt nicht von der Anstrengung zu einer kleinen
Auffrischung – und ist nur die Krönung der Selbstbespielung der Bachmann-Bühne, die damit begonnen wurde, frühere Gewinner als Redner einzuladen.
In den Dimensionen unterscheiden sich die beiden Bewerbe signifikant. Die Anzahl der geladenen
Autoren liegt in Wartholz bei zwölf, mit einer Gesamtdauer von Lesung und Diskussion pro Teilnehmer von dreißig Minuten. In Klagenfurt gibt es
vierzehn Teilnehmer mit einem Zeitbudget von jeweils etwa einer Stunde. In Sachen zu vergebende
Auszeichnungen bietet erstere Veranstaltung den
Wartholzpreis, den Land-Niederösterreich-Literaturpreis, einen Publikumspreis und einen NewcomerPreis, zusammen 17 000 Euro. In Klagenfurt gibt es
den prestigeträchtigen Bachmannpreis, den KelagPreis, den 3sat-Preis und den von der Bank für Kärnten und Steiermark gesponserten Publikumspreis –
Preisgelder von insgesamt 49 500 Euro.
Auch die finanzielle Entschädigung der Teilnehmer für ihre Anreise fällt unterschiedlich aus. Während in Klagenfurt der ORF dafür bezahlt, dass man
seine Miene im Fernsehen zeigt, während man der
Kritik ausgesetzt ist, bekommen alle Teilnehmer in
Wartholz ein kleines Taschengeld. Das wird schnell
in Getränken angelegt, ist also eine direkte Förderung
der Gastronomie Wiener Neustadts.
Ein weiterer Unterschied ist die über die Jahre
konstant hohe mediale Aufmerksamkeit, die dem
Klagenfurter Ereignis zuteil wird. Die tagesfüllende
3sat-Liveschaltung ist Kultprogramm und wird auch
im Internet verfolgt. Das allgemeine Interesse speist
sich schon lange nicht mehr nur aus der Glorie der
Gründungszeit in der Gruppe 47 und den folgenden,
verklärten Jahren, sondern wurde mittlerweile zum
Selbstläufer: Die Medien interessiert’s, weil es die
Medien interessiert. Gleichzeitig ist diese Zuwendung
der Aufmerksamkeit symbolisches Kapital, das die
Autoren mit nach Hause nehmen können, die finanziell vor Ort leer ausgehen. Im Guten wie im
Schlechten. Jedes Jahr erklären sich vierzehn Mutige
bereit, für Ruhm, Ehre und Finanzspritze ihre Texte
in den Klagenfurter Ring zu werfen, mit Aussicht auf
einen Ausgang irgendwo zwischen Dauerapplaus und
Demütigung. Die Gewinner von Wartholz werden
sich hingegen innerhalb der ersten vierundzwanzig
Stunden nur auf auf noe.orf.at wiederfinden.
Das bedeutet nicht, dass beim weniger beachteten
Wartholzpreis Unbekannte zu sehen wären. Das Teilnehmerfeld ist zu großen Teilen ein Defilee von Bekannten, sodass man der Jury schon beinahe Schwierigkeiten unterstellen mag, am Ende den NewcomerPreis zu vergeben. Zum Glück findet sich dafür unter
den Nominierten der absolut qualifizierte Steffen
Roye. Der Publikumspreis sowie der 2. Platz gehen
an Robert Prosser, der Hauptpreis an die aus Berlin
angereiste Susanna Mewe.
Das Fehlen des Fernsehauges schlägt sich in einer
wohltuenden Entspanntheit nieder, die Notwendigkeit, etwas darstellen zu müssen, entfällt auch für
die Kritiker. Autoren begegnen einander ohne
Schutzring aus Verlagsmenschen, Agenturangestellten oder freundschaftlichem Unterstützungspersonal
und finden sich als aufmerksames Publikum zu den
Lesungen der jeweils anderen ein. Auch ist die Stimmung in Wartholz noch nicht in die zynischen Jahre
gekommen. Leider fehlt es dem Bewerb an Breitenwirksamkeit, aber das kann sich ja noch ändern.
Mit dem Klagenfurter Rundherum wie dem
Lendhafen, dem Public Viewing, den Fahrrädern,
dem See, ja, damit kann Wiener Neustadt nicht aufwarten. Der Kellner des Hotels wirft hier schon einmal entnervt bis verzweifelt seinen Notizblock auf
die Schank angesichts vieler vegetarischer, glutenfreier und veganer Sonderwünsche, die sich so gar
nicht mit dem vorbereiteten Paprikahendl vertragen
wollen. Die Literatur gewinnt davon unbeeindruckt
da wie dort. Der Wiener Neustädter Bürgermeister
hat jedenfalls einen Blick für Potenziale und regt beim
Abschlussgespräch einen abendlichen Shuttlebus
zwischen Reichenau und seiner Stadt an, um den
Schriftstellern auch im nächsten Jahr die Gelegenheit
zu geben, bis in die frühen Morgenstunden ihr Taschengeld zu vertrinken.
Die Welt in Österreich ist nicht zu klein für zwei
Wettlesen. In Kärnten sitzt bereits die nächste
Gruppe hoffnungsfroher Schreibender in den Startlöchern. Unter ihnen als einzige Österreicherin die
mit ihren in zwei Büchern veröffentlichten FacebookPostings und als Bildungsbürger-Schreck bekannt
gewordene Stefanie Sargnagel, Senior der Burschenschaft Hysteria. In den letzten Wochen habe ich von
manchen Seiten Unverständnis für diese Einladungspolitik vernommen. Manchmal erzähle ich dann, dass
sowohl Sargnagel sowie Wanda-Sänger Michael
Marco Fitzthum als auch ich uns für eine Aufnahme
in den ersten Jahrgang des Sprachkunst-Studiums an
der Angewandten beworben haben. Ich wurde nicht
zur Aufnahmeprüfung eingeladen, Sargnagel wurde
nach der Aufnahmeprüfung kein Studienplatz angeboten. Genommen wurde Fitzthum. Dann schweigen ich und meine Gesprächspartner, und wir hängen
jeder kurz unseren eigenen Gedanken nach.
Die TDDL werde ich dieses Jahr wieder im
Livestream verfolgen und mir, bevor ich nicht alle
Texte gehört habe, keine Meinung bilden. Ich
empfehle Stefanie jedenfalls aufrichtig ein oder
zwei Bier im Lorettobad und dazu eine Portion
Pommes rot-weiß-rot, der Rest ist nicht so wichtig.
Von Wartholz im Juni habe ich weder Preisgeld
noch Grippe mitgenommen, bloß einen Klimaanlagenschnupfen. Schön war’s allemal.
Mehr Königgrätz
Wie die Schlacht Europa verändert
hat, lesen Sie auf Seite 17, wie
Otto von Bismarck (Bild) schon lange
auf einen Krieg gegen Österreich
hingearbeitet hatte, auf Seite 30
Foto (Ausschnitt): Sven Simon/ddp images; kl. Abb.: bpk
In Klagenfurt beginnen die Tage der Literatur. Auch in Niederösterreich wird um die Wette gelesen, kleiner und unglamouröser. Die Autorin CORNELIA TRAVNICEK vergleicht die Bewerbe
30. J U N I 2016
Das
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ÖSTERREICH
Porträt
30
150 JAHRE KÖNIGGRÄTZ
Abb.: Friedrich Emil Klein »Otto von Bismarck«, Foto: Jochen Remmer/bpk
Preußen werde »in nicht zu
langer Zeit für unsere Existenz
gegen Österreich fechten
müssen«, erklärte
Ministerpräsident Otto von
Bismarck bereits 1856
Habsburgs Nemesis
Schriftverkehr
Lange hatte Otto von Bismarck auf einen Krieg mit Österreich hingearbeitet.
lässt
BisDas Land musste dem preußischen Führungsanspruch weichen VON VOLKER ULLRICH
marck keinen
Zweifel daran, dass
damit »die entscheidende Auseinandersetzung
mit Österreich nur vertagt«
worden sei. Für ihn geht es im
Wesentlichen nur noch darum, den
günstigsten Zeitpunkt für den als unvermeidlich betrachteten Waffengang abzuwarten.
Auf einem Kronrat in Berlin vom 28. Februar
wir uns 1866 werden die Weichen in Richtung Krieg gestellt.
m 7. Mai
auf die Dauer nicht ver- Allerdings schreckt der preußische König Wilhelm I.
1866 geht eine Nachricht wie ein Lauffeuer durch Ber- tragen. Wir atmen einer dem andern die Luft vor dem instinktiv noch vor der letzten Entscheidung zurück,
lin: Auf den preußischen Minister- Munde fort, einer muß weichen oder vom andern und Bismarck muss seine ganze Überzeugungskraft
aufbieten, um einem Sinneswandel des Monarchen
präsidenten Otto von Bismarck ist ›gewichen‹ werden.«
Das blieb das Ziel seiner Außenpolitik: Österreich vorzubeugen.
Unter den Linden ein Attentat verübt worden. Fünf Schüsse wurden auf ihn abgefeuert, musste aus Deutschland hinausgedrängt und Preuund wie durch ein Wunder blieb er unverletzt. Der ßens Hegemonie etabliert werden. Dabei kalkuliert er Die Gerüchte über eine Mobilmachung sorgen
Attentäter, der Student Ferdinand Cohen-Blind, ein von Anfang an den Krieg als Mittel seiner Politik ein. für Panik an den Börsen
Stiefsohn des im Londoner Exils lebenden badischen »Daß wir in nicht zu langer Zeit für unsere Existenz
Revolutionärs von 1848/49, Karl Blind, nimmt sich gegen Österreich werden fechten müssen«, hatte er be- Die auf den Kronrat folgenden Monate sind für den
nach seiner Verhaftung das Leben. In einem Abschieds- reits im April 1856 unumwunden erklärt. Ein vorü- preußischen Ministerpräsidenten eine Zeit intensiver
brief hat er zuvor über sein Motiv Auskunft gegeben: bergehendes Arrangement mit Wien ist damit nicht diplomatischer Aktivität. Mit allen Mitteln versucht
Wenn Bismarck, dieser »Verräter an Deutschland«, be- ausgeschlossen. Das gilt vor allem für den Streit um er, Österreich außenpolitisch zu isolieren. Auf Russseitigt werde, könne der Krieg zwischen Preußen und die Zukunft der Herzogtümer Schleswig und Hol- lands Neutralität kann er einigermaßen bauen, denn
stein, die laut den Londoner Protokollen von 1850 das Zarenreich ist mit innenpolitischen Problemen
Österreich vielleicht noch abgewendet werden.
Tatsächlich kommt der Anschlag nicht überra- und 1852 in Personalunion mit Dänemark verbleiben beschäftigt und zudem seit den Jahren des Krimkrieges
schend. Denn Bismarck ist im Frühjahr 1866 der best- sollten. Der lange schwelende Konflikt ist im Herbst 1854 bis 1856, als Wien Partei für die Westmächte
gehasste Mann weit und breit. Seit seinem Amtsantritt 1863 aufgebrochen, nachdem die dänische Krone an- England und Frankreich ergriffen hatte, antiösterreials preußischer Ministerpräsident im September 1862 gekündigt hatte, Schleswig unter Missachtung der chisch orientiert.
Schwieriger war das Verhältnis zu Frankreich. Mit
lag der als stockreaktionär verschriene pommersche Londoner Vereinbarungen zu annektieren.
Von Anfang an verfolgt Bismarck den Plan, die einiger Mühe gelingt es Bismarck, sich der Neutralität
Junker in einem Dauerkonflikt mit der liberalen
Mehrheit des preußischen Landtags, die ihm das Geld Herzogtümer in den preußischen Machtbereich ein- Napoleons III. zu versichern, indem er ihm Kompenfür eine Heeresreform verweigerte. Ihren Widerstand zubeziehen. Nach außen hin gibt er sich freilich be- sationen zusagt, ohne sich freilich vertraglich in irhatte Bismarck mit allen Mitteln zu brechen versucht. tont friedfertig, indem er vorspiegelt, nur für die Er- gendeiner Weise zu binden.
Schließlich gehört zur diplomatischen VorbereiEr regiert verfassungswidrig, nämlich ohne den gesetz- haltung der internationalen Verträge über Schleswiglich vorgeschriebenen Haushalt. »Das gegenwärtige Holstein eintreten zu wollen. Dadurch gelingt es ihm tung des Krieges gegen Österreich auch der Abschluss
Ministerium ist in einer Art mißliebig, wie selten eines nicht nur, die europäischen Großmächte über seine eines Geheimvertrages mit dem neuen Königreich Itain Preußen war«, stellt Gerson Bleichröder, Bismarcks wahren Absichten zu täuschen, sondern auch Öster- lien am 8. April 1866. In ihm verpflichtet sich Italien,
Bankier, im Februar 1863 fest. Daran hat sich auch reich als Bundesgenossen für einen Krieg gegen Däne- als Gegenleistung für den in Aussicht gestellten Ermark zu gewinnen. Nach ihrer Niederlage werden die werb von Venetien an Preußens Seite in den Krieg eindrei Jahre später noch nichts geändert.
Der Hass auf den »Konfliktminister« ist noch ge- Dänen im Frieden von Wien vom 1. August 1864 zutreten. Allerdings ist die Dauer des Vertrages auf
stiegen, seit für jedermann erkennbar geworden ist, dass gezwungen, alle Rechte an den beiden Herzogtümern drei Monate begrenzt. Das heißt: Die Entscheidung
er es auf einen Krieg mit Österreich abgesehen hat. Kein zugunsten des preußischen Königs und des österrei- muss, so oder so, innerhalb dieser Frist fallen.
Nicht nur in Süddeutschland, sondern in allen
Wunder, dass der Attentäter in der liberalen Öffentlich- chischen Kaisers abzutreten.
deutschen Staaten, selbst in Preußen, ist der bevorstekeit vor allem Süddeutschlands viele Sympathien findet.
hende »Bruderkrieg« außerordentlich unpopulär.
»Es wird sich niemand getrauen, den jungen Mann für Bismarck geht es nur um den günstigsten
einen schlechten Menschen zu erklären, der sein Leben Zeitpunkt für einen Waffengang gegen Österreich »Mit einer solchen Schamlosigkeit, einer solchen
grauenvollen Frivolität ist vielleicht nie ein Krieg andaran gegeben hat, um das Vaterland von einem solchen
Unhold zu befreien«, ist im Parteiblatt der württember- Damit hat Bismarck sein erstes Etappenziel erreicht. gezettelt worden«, klagt der prominente Rechtsgelehrte
Nun kann er die zweite Stufe anvisieren: nämlich Rudolf von Ihering. »Das innere Gefühl empört sich
gischen Demokraten zu lesen.
Lange hat Bismarck auf die Auseinandersetzung Schleswig-Holstein zu annektieren und damit zu- über einen solchen Frevel an allen Grundsätzen des
mit Österreich hingearbeitet. Bereits als Gesandter am gleich das größere Problem des preußisch-österreichi- Rechts und der Moral.« Seit Anfang Mai 1866
Bundestag in Frankfurt am Main zwischen 1851 bis schen Dualismus zu lösen. Dabei nutzt er die im Wie- Gerüchte über eine Mobilmachung kursieren,
1859 ist es sein Hauptbestreben gewesen, Preußens ner Vertrag vereinbarte gemeinsame Verwaltung der herrscht an den Börsen Panikstimmung. Die Furcht
Machtinteressen möglichst wirkungsvoll zur Geltung Herzogtümer als Hebel, um ständig Konflikte mit vor einem langen, verlustreichen Krieg lähmt das
Wirtschaftsleben.
zu bringen, und das heißt, Österreich den Führungs- Österreich zu provozieren.
Selbst die hochkonservativen Freunde Bismarcks
Im August 1865 scheint es, als würden die beiden
anspruch im Deutschen Bund streitig zu machen. Im
Dezember 1853 zieht er eine erste Bilanz: »Unsre Mächte doch noch zu einer einvernehmlichen Lösung gehen auf Distanz zu ihm, nachdem er am FrankfurPolitik hat keinen anderen Exerzierplatz als Deutsch- kommen. In der Gasteiner Konvention einigen sie ter Bundestag den Antrag auf Einberufung eines Naland (...), und gerade diesen glaubt Österreich auch sich darauf, die Herzogtümer aufzuteilen: Holstein tionalparlaments hat einbringen lassen, das aus allgefür sich zu gebrauchen; für beide ist kein Platz nach fällt unter österreichische, Schleswig unter preußische meinen und direkten Wahlen hervorgehen soll. Damit
den Ansprüchen, die Österreich macht, also können Verwaltung. Doch im internen diplomatischen spielt er skrupellos die nationaldemokratische Karte
A
aus, die Österreich aufs Höchste
reizen muss, weil sie den Habsburger Vielvölkerstaat vor die
Existenzfrage stellt. Bismarcks
langjähriger politischer Mentor, Ludwig von Gerlach, ist
entsetzt. In einem Leitartikel
in der Kreuzzeitung bricht er
den Stab über die zum Krieg
treibende Politik, und zugleich verurteilt er den Bundesreformantrag als einen
»grundrevolutionären Versuch, (...) der das Herz Preußens und Österreichs tief
verwundet«.
Ab Anfang Juni 1866
spitzt sich die Situation rasch
zu. Am 1. Juni überträgt die
Wiener Regierung, ohne vorherige Konsultation Preußens, die Entscheidung über
die Zukunft Schleswig-Holsteins auf den Bundestag, Bismarck antwortet auf die Verletzung der Gasteiner Konvention
mit dem Einmarsch preußischer
Truppen in Holstein. Am 14. Juni
beschließt der Bundestag auf Antrag Österreichs, das Bundesheer
gegen Preußen zu mobilisieren.
Daraufhin erklärt der preußische
Bundestagsgesandte den Bundesvertrag für erloschen. Am 16. Juni, nach
Ablehnung eines Ultimatums, rücken
preußische Truppen gegen Hannover,
Sachsen und Kurhessen vor. Damit ist der
Krieg eröffnet.
Bismarck ist sich bewusst, wie ein Spieler alles
auf eine Karte gesetzt zu haben. Am Abend des
15. Juni äußert er gegenüber dem englischen Botschafter Lord Loftus: »Es kann sein, daß Preußen verliert, aber wie es auch kommen mag, es wird tapfer
und ehrenvoll kämpfen. Wenn wir geschlagen werden
(...), werde ich nicht hierher zurückkehren. Ich werde
bei der letzten Attacke fallen.«
Doch der Sieg in der Schlacht bei Königgrätz am
3. Juli ändert alles. Innerhalb weniger Tage schlägt die
Stimmung radikal um. Der Erfolg heiligt scheinbar
die Mittel. »Bismarck ist jetzt der populärste Mann in
Preußen. Alles schwärmt für ihn, auch die Demokraten«, notiert ein Zeitgenosse. Selbst die prinzipienfestesten Liberalen lässt der Triumph nicht unbeeindruckt. Theodor Mommsen, der berühmte Berliner
Althistoriker, empfindet plötzlich »ein wunderbares
Gefühl, dabei zu sein, wenn die Weltgeschichte um
die Ecke biegt«.
Und Rudolf von Ihering, einer der schärfsten Kritiker, verneigt sich jetzt »vor dem Genius eines Bismarck, der ein Meisterstück der politischen Kombination und Tatkraft geliefert hat, wie die Geschichte
wenige kennt«.
Bismarck selbst reicht den Liberalen die Hand zur
Verständigung. Im preußischen Abgeordnetenhaus
bittet er um »Indemnität«, das heißt um eine nachträgliche Billigung seines budgetlosen Regiments.
Auch gegenüber dem besiegten Österreich zeigt der
kühle Machtstratege Mäßigung – im Unterschied zu
Wilhelm I. und manchem seiner militärischen Berater,
die am liebsten Wien besetzt und dem gedemütigten
Gegner harte Bedingungen auferlegt hätten. »Wenn
wir nicht übertrieben in unsren Ansprüchen sind (...),
so werden wir auch einen Frieden erlangen, der der
Mühe wert ist«, schreibt Bismarck seiner Frau.
Es bedarf allerdings noch harter Kämpfe, um den
Monarchen davon zu überzeugen. Im Vorfrieden von
Nikolsburg am 26. Juli und endgültig im Prager Frieden vom 23. August kann Bismarck sich mit seinen
Vorstellungen im Wesentlichen durchsetzen: Österreich muss Venetien an Italien, aber keine Gebiete an
Preußen abtreten.
Wichtiger im Blick auf die Zukunft ist, dass Kaiser
Franz Joseph I. in die Auflösung des Deutschen Bundes und die Reorganisation Deutschlands nördlich
der Mainlinie unter Preußens Führung einwilligen
muss. Damit ist jene Ordnung von 1815 zerstört, deren Zweck es gewesen war, das Gleichgewicht und
den Frieden auf dem Kontinent zu bewahren. An ihre
Stelle soll nun die mitteleuropäische Hegemonie einer
Militärmonarchie treten.
Preußen annektiert Schleswig-Holstein, dazu das
Königreich Hannover, Kurhessen und Nassau sowie
Frankfurt am Main, die traditionsreiche Freie Reichsstadt. Hier also, wo es um die preußische Machtausdehnung ging, übt sich Bismarck keineswegs in Selbstbeschränkung, setzt er sich auch bedenkenlos über die
Prinzipien dynastischer Legitimität hinweg. Nicht
wenige Zeitgenossen empfinden daher das, was sich
1866 vollzog, als eine »Revolution von oben«.
Den süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg
und Baden werden die territoriale Integrität zugesichert, gleichzeitig aber eine engere Verbindung mit
dem zu schaffenden Norddeutschen Bund in Aussicht
gestellt. Der Weg zur kleindeutschen Lösung der
»deutschen Frage« ist damit vorgezeichnet. Dass
Bismarck auch die Gründung des ersten deutschen
Nationalstaats von 1870/71 nicht auf friedlichem
Wege, sondern durch »Blut und Eisen«, im Krieg mit
Frankreich, betrieb, sollte sich für die weitere deutsche und europäische Geschichte als schwere Hypothek erweisen.
Bilanz
Erfolge
1866
Adel und
Reichtum
Für seine Erfolge
bekommt Bismarck
1865 von Wilhelm I. den
Grafentitel verliehen.
1866, nach dem Sieg
über Österreich,
belohnt ihn das
preußische
Abgeordnetenhaus mit
einer Dotation von
400 000 Talern. Sie
macht Bismarck zu
einem reichen Mann.
Ein Großteil des Geldes
verwendet er für den
Kauf des Gutes Varzin
in Hinterpommern
1871
Sachsenwald
Nach dem Sieg über
Frankreich wird
Bismarck in den
Fürstenstand erhoben
und bekommt als
Geschenk Wilhelms I.
den Sachsenwald vor
den Toren Hamburgs.
Hier wird er seine
letzten Lebensjahre
verbringen
Misserfolge
1862
Blut und Eisen
Am 30. September
1862, wenige Tage nach
seiner Berufung zum
preußischen
Ministerpräsidenten,
erklärt Bismarck in der
Budgetkommission des
preußischen
Abgeordnetenhauses:
»Nicht durch Reden
und Majoritätsbeschlüsse werden die
großen Fragen der Zeit
entschieden (...),
sondern durch Blut und
Eisen.« Auf die
Liberalen wirken diese
Worte provozierend. Sie
bestätigen das Bild
vom skrupellosen
Gewaltpolitiker. Ein
Entrüstungssturm ist
die Folge, der Bismarck
fast das Amt kostet
1890
Entlassung
Als Wilhelm II. 1888
Kaiser wird, kommt es
rasch zu Konflikten mit
dem alten
Ministerpräsidenten. Im
März 1890 entlässt der
junge Monarch Otto
von Bismarck. Dieser
zieht sich in den
Sachsenwald zurück
und lebt dort bis zu
seinem Tod
DIE
ZEIT
Mit 3 Seiten ZEIT für die Schweiz
PREIS SCHWEIZ 7.30 CHF
WOCHENZEITUNG FÜR POLITIK WIRTSCHAFT WISSEN UND KULTUR
30. JUNI 2016 No 28
ZEIT Schweiz
Was tun,
wenn die Falschen
gewinnen?
Mehr Geld für
die Milch?
Das bringt nichts.
Die Bauern müssen
zuerst ihre Ausgaben
in den Griff kriegen
Trump, Johnson, Le Pen: Was früher
nur wenige äußerten, wird
plötzlich mehrheitsfähig. Doch die
westlichen Demokratien hätten
Gegenmittel. Sie müssen aber wollen
Seite 10
Titelillustration: Smetek für DIE ZEIT
POLITIK, WIRTSCHAFT, FEUILLETON
EINWURF
NACH DEM BREXIT
Jugend heult
Wie viel Volk darf’s denn sein?
Sie weint. Tränen laufen über die Wangen. Eine junge Engländerin auf einem
Foto im Netz. »I am heartbroken«, steht
darunter. Es zeigt den Kummer, den wir
gerade teilen: Europa-Schmerz.
Wir, das sind die Jungen Europas, die
Vielgereisten, die Vielvernetzten. Die, die
dachten, am Ende gewinnen doch immer
die Guten. Seit Freitag wissen wir: Das
stimmt nicht. Es gibt einen Weg zurück
in ein Angst-Europa.
Jugend heult. Wer tröstet?
Die Eltern nicht. Die kommen aus
einer Generation, die in Großbritannien
mit für den Brexit gesorgt hat: Die Mehrheit der über 50-Jährigen hat für den Austritt gestimmt. Aber wir sind selbst schuld.
Zu wenige Junge haben abgestimmt.
Das ist zu erklären: Wir mussten
kämpfen, aber nur privat. Über Politik
streiten? Anstrengend. In vielen Timelines
ist das Leben ein Kuschel-Konsens. Zu
lange haben wir gedacht, Demokratie sei
ein Lebensgefühl und Ironie unser Schutz.
Aber wir tun doch was! Letzten Sommer, als die Flüchtlinge kamen. Nach dem
Helfen ging es zurück in die Komfortzone. Dass Europa für viele keine Komfortzone mehr ist, haben wir zu spät gemerkt. Unser Engagement ist atomisiert,
verteilt auf Netzwerke. Wie stellt man
eine Gemeinschaft her, wenn man Parteien langweilig findet? Wir müssen verstehen: Solange man den Institutionen
nichts als virtuelle Empörung entgegensetzen kann, sollte man sie ernst nehmen.
Wer sich nur darum sorgt, was in seinem Viertel, in seinem Freundeskreis, bei
seiner Arbeit passiert, wer nur auf die
eigene Karriere und auf die Familie
schaut, der ist nicht unpolitisch – das ist
der eigentliche Schock: Wir sind politisch,
ob wir wollen oder nicht. Denn Europa
ist kein Ich, sondern ein Wir. Und wenn
wir nicht handeln, tun es die anderen.
Es gibt einen Gegner, die Europa-Hasser. Sie müssen wir endlich ernst nehmen.
Er ist bestens organisiert, über Ländergrenzen hinweg, er hat einen Slogan: Take
back control, »Gewinnt die Kontrolle zurück«. Take back control ist ein verdammt
guter Slogan – nur für die falschen Leute.
Wir sollten ihn uns zurückholen. Für unser Europa.
KILIAN TROTIER
Der Autor, 32, ist stellvertretender
Ressortleiter der Hamburg-Seiten der ZEIT
Den Eliten bleibt nichts anderes übrig, als besser zuzuhören und hinzuschauen
W
enn in Großbritannien die
Brexit-Befürworter siegen, in
Österreich ein FPÖ-Mann
nur um 30 000 Stimmen an
der Präsidentschaft vorbeischrammt oder in einigen deutschen Bundesländern die AfD in Umfragen plötzlich bei
zwanzig Prozent liegt – dann schlägt die Stunde
der Welterklärer. Am tröstlichsten ist noch die
Interpretation, dass Zeiten bedeutender Umbrüche immer eine hohe Zahl von Unzufriedenen und Verunsicherten hervorbrächten, dass
das »Rendezvous mit der Globalisierung«
(Wolfgang Schäuble) Protestparteien rechts wie
links erstarken lasse, dass alles ein vorübergehendes Phänomen sei.
Das kann man nur hoffen. Denn wenig
spricht dafür, dass die Zwietracht in fast allen
westlichen Gesellschaften bald nachlassen wird.
Starke Reizthemen wie die zunehmende Ungleichheit von Arm und Reich, vor allem aber
der massenhafte Zustrom von Flüchtlingen bergen so viel negative Energie, dass sie sich immer
wieder mit Hass und Unmut aufladen können.
Spätestens seit dem Votum für den Brexit ist das
Entsetzen groß. Und aufseiten jener, die sich der
europäischen Idee verbunden fühlen, ist nun
endlich Kampfeslust auszumachen, jedenfalls
verbal. Auch das kann man sich nur wünschen.
Eine Frage allerdings bleibt offen: Wie holt man
jene Bürger zurück, die sich partout nicht überzeugen lassen und andere Prioritäten haben?
Was tun, wenn die Falschen gewinnen?
Die Frage drängt sich auf, aber sie kann auch
eine Falle sein. Dann nämlich, wenn sie eine
Spaltung akzentuiert, statt sie zu überwinden.
Wenn also mit den Richtigen die aufgeklärten
und politisch interessierten, weltläufig und
liberal gesinnten Menschen und mit den Falschen die angstgetriebenen, politisch unterbelichteten, ressentimentgeladenen Leute gemeint
sind, wahlweise die Zukurzgekommenen, die
Alten, die weißen Männer oder die Landpomeranzen, denen man am besten keine Ja/NeinFragen in Form eines Referendums stellen sollte. Wer die Welt so sieht, der muss auf Volkserziehung setzen, nach dem Motto: Erkenne,
wie irrational deine Angst vor Flüchtlingen ist!
Darum auch das wiederkehrende Stereotyp,
wer Probleme der Zuwanderung allzu deutlich
benenne oder gar auf Ängste zu viel Rücksicht
nehme, stärke die Populisten. Spätestens nach
dem Brexit spricht aber vieles dafür, dass wir
mit solchen Mitteln nicht weiterkommen, dass
stattdessen die politischen, gesellschaftlichen
und kulturellen Eliten ihre Haltung zum Volk
überdenken müssen.
Was wir nämlich heute erleben, sind keine
einzelnen politischen Streitfälle, es ist vielmehr
ein Zusammenprall der politischen Kulturen
und Lebenswelten – und das vor allem zwischen Inländern und Inländern. Gelingt es
nicht, den Graben, der sich in fast allen westlichen Ländern aufgetan hat, zu überbrücken,
drohen die aus Unverständnis und Unzufriedenheit erwachsenen neuen Bewegungen vieles
zum Einsturz zu bringen, was über Jahrzehnte
an Gutem und Bewahrenswertem aufgebaut
wurde. Dazu gehört auch, Gewalt gegenüber
und Diskriminierung von Andersdenkenden
zu ächten, eine der großen Errungenschaften
der letzten Jahrzehnte und keinesfalls immer
gleichzusetzen mit politischer Korrektheit. Beinahe täglich verschiebt sich der roher und abstoßender werdende Ton weiter über die Grenze
des Erträglichen hinaus – von Trumps Beleidigung der Mexikaner als Vergewaltiger bis zu
Höckes unsäglichem Wort der »Tat-Elite«, das
von der SS gebraucht wurde.
Es ist unmöglich, das Desaster des Brexits
und das Erstarken populistischer Bewegungen
in Europa und Amerika losgelöst von Fehlern
des Establishments zu sehen. Wie in der vorigen
Ausgabe der ZEIT ausführlich beschrieben, hat
der in Harvard lehrende britische Politikprofessor Niall Ferguson kürzlich fünf Faktoren benannt, die zusammenwirken, wenn Populisten
stark werden: 1. ansteigende Einwanderungszahlen, 2. große Ungleichheit, 3. der Glaube,
dass es korrupt zugehe und Eliten dies für sich
nutzten, 4. eine große Finanzkrise (wie die von
2008) oder ein wirtschaftlicher Schock und
5. schließlich ein Demagoge, der die Unzufriedenheit der Masse nutzt (Fergusons Rede gibt es
in voller Länge auf YouTube).
Für Demagogen mit Charisma können die
Eliten nichts, aber man kann Ferguson nur
schwer widersprechen: Viele Leute fühlen sich
seit Jahren in ihrem Gerechtigkeitsempfinden
beleidigt und von Teilen der Politik für dumm
verkauft. Kein einziger Topmanager der USBank Lehman Brothers, deren Pleite 2008 die
Finanzkrise auslöste, ist bis heute verurteilt worden. Keiner der Banker, die im Boom noch als
Stars gefeiert worden waren, musste nach dem
Platzen der Blase wirklich haften. Stattdessen
kam es zu milliardenhohen Interventionen
durch die Zentralbanken, an deren Folgen heute
Schlafzimmer
sind
gefährliche Orte
Die Reform des
Sexualstrafrechts
ist unnötig
und verhängnisvoll
Ein Essay von Sabine Rückert
Feuilleton, Seite 39
VON GIOVANNI DI LORENZO
Kleinsparer nicht nur in Deutschland leiden.
Die deutsche Flüchtlingspolitik ist ein Musterbeispiel dafür, was Regierungen im Guten wie
im Schlechten ausrichten können. Gut war im
September 2015 die spontane, großzügige Hilfe
für Menschen, die Krieg und Tod entflohen
sind. Dies sollte ursprünglich eine einmalige
Aktion sein. Doch als sie dann aus dem Ruder
lief, wurde sie mit nicht mehr glaubwürdigen
Argumenten verteidigt: dass nämlich die Flüchtlinge eh alle unterwegs gewesen seien und es
keinen Anreiz aus Deutschland gegeben habe,
zu uns zu kommen. Dass es nicht möglich sei,
die Grenzen zu schließen, und so weiter. Durch
diese Widersprüche entstehen die Bruchstellen
des gesellschaftlichen Zusammenhalts, nicht an
der Frage, ob man Kriegsflüchtlinge aufnimmt
– das will eine Mehrheit der Menschen von
Herzen gern weiter tun. Nur eben nicht ungefragt, unkontrolliert und ohne eine glaubwürdige und leidenschaftliche Begründung.
Weil Zweifel und Ängste als vordemokratisch und irrational kleingeredet oder diffamiert
worden sind, konnten in so vielen Ländern
furchterregende Bewegungen groß werden, die
nach dem Brexit vermutlich noch mehr Auftrieb erhalten. Nun hat man das Gefühl, dass
das Volk seine gewählten Vertreter vor sich hertreibt. Aber was sind das für Konstellationen:
Regierungen und Eliten, die ihr eigenes Volk
fürchten? Es bleibt ihnen gar nichts anderes
übrig, als künftig besser hinzuschauen und hinzuhören. Krisen und Flüchtlingswellen haben
immer Ursachen, sie werden nie ganz zu vermeiden sein. Was man aber sehr wohl beeinflussen kann, ist die Verhältnismäßigkeit der
daraus erwachsenden Maßnahmen und die
Glaubwürdigkeit jener, die sie verkörpern.
EU-Kommissionspräsident
Jean-Claude
Juncker, dem nun wirklich niemand ernsthaft
vorhalten könnte, die europäischen Ideale gut
zu vermitteln, und auch die Bundeskanzlerin
haben gerade in diesen Tagen versucht, die
Lage als leicht verschärfte Normalität zu beschreiben. Wir leben aber in einer Zeit des Disruptiven, der allgemeinen Zerstörung: Gutes,
Bewährtes droht weggefegt zu werden – von
der repräsentativen Demokratie über ein vereintes Europa bis hin zu toleranten Gesellschaften. Wer so weitermacht, als sei nichts
geschehen, mag auf der richtigen Seite stehen,
betreibt aber das Geschäft der Falschen.
PROMINENT IGNORIERT
Füße im Feuer
Der amerikanische Motivationstrainer Anthony Robbins hat in
Dallas 7000 Gläubige versammelt
und ihnen gesagt, mit hinreichender Willenskraft könnten sie über
glühende Kohlen gehen. Etwa 30
verbrannten sich dabei die Füße,
fünf kamen in die Klinik. Von der
heiligen Kunigunde und von der
heiligen Christina wird erzählt, sie
hätten Glut und Feuer unversehrt
überstanden. Merke: Es ist nicht
ganz leicht, heilig zu werden. GRN.
Kleine Fotos (v. o.): Balzarini/Keystone Schweiz/
laif; Millennium Images/Look-foto; action press
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o
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CH
10 SCHWEIZ
D I E Z E I T No 2 8
Foto [M]: Daniel Auf der Mauer/13 Photo; Illustration: Smetek für DIE ZEIT (im Hintergrund)
30. J U N I 2016
Es lohnt sich, auf Kühe zu setzen,
die wenig Milch geben
Die Milchbüchlein-Rechnung
I
n der Gegend um Rothrist, wo Hans
Brauns Bauernhof steht, ist Milchland.
Einige der größten und produktivsten
Betriebe des Landes stehen hier. Riesige
Ställe mit bis zu hundert Kühen, davor
turmhohe Futtersilos und modernste
Traktoren. Es sind die Höfe von Bauern,
die immer mehr Geld in ihre Betriebe
investieren und am Ende, wegen der fallenden
Preise immer weniger verdienen. Je nach Region
erhält ein Bauer noch knapp 50 Rappen für einen
Liter Milch. Das sind 30 Rappen weniger als noch
vor drei Jahren.
Auch Hans Braun ist Milchbauer. Doch ein
anderer als die meisten seiner Nachbarn. Er sagt:
»Für mich ist das völlig gestört, in welche Richtung sich die Milchproduktion entwickelt.« Auch
er führte einmal einen Betrieb mit hochgezüchteten Kühen, die ihm maximale Erträge bringen
sollten. Bis zu jenem Sommer vor zwanzig Jahren,
als ihm das Geld ausging.
Die Bauern in der Schweiz klagen über fallende
Lebensmittelpreise, über Direktzahlungen und die
Konkurrenz aus dem Ausland. Sie tun das an
Großdemonstrationen, im Parlament oder, wie
Ende Mai, auf dem Berner Hausberg Gurten, wo
sich die führenden Schweizer Landwirtschaftsvertreter zum Milchgipfel trafen.
Kaum je ein Thema sind allerdings die explodierenden Kosten. Dabei tragen sie sehr zur Krise
der Landwirte bei. Das Schweigen hat seine Gründe. Die Profiteure dieser Mehrausgaben und die
Bauernverbände sind eng miteinander verbandelt.
Aber dazu später.
Von den Landwirtschaftsmillionen
profitieren die Traktor-Importeure
Zuerst die Zahlen. Um einen Hektar Land zu bewirtschaften, gab ein Schweizer Bauer vor fünfzehn Jahren durchschnittlich 7100 Franken pro
Jahr aus. 2014 waren es 9800 Franken, also fast 40
Prozent mehr. Am stärksten gestiegen sind die
Kosten für Gebäude, Kraftfutter, Maschinen und
Arbeiten, die von externen Unternehmen verrichtet werden. Der Ertrag pro Hektar ist im selben
Zeitraum gesunken.
So war es auch bei Hans Braun und seiner Frau.
Mit dem Neubau eines Stalls hatten sie sich 1995
stark verschuldet. Verzweifelt saßen sie in ihrem
kleinen Büro und brüteten über den Buchhaltungen der vergangenen Jahre. Bis sie irgendwann
merkten: Auch wenn sie noch mehr Milch aus den
Eutern ihrer Kühen melkten, es wird nicht reichen,
die Futtermittel, die neuen Maschinen zu bezahlen
und die Hypothek für den neuen Stall abzustottern. Wollen sie der Schuldenfalle entkommen,
gibt es nur einen Weg: Sie müssen ihre Kosten
senken – und zwar radikal.
Während die Bauern um ihre Existenz bangen,
floriert die vorgelagerte Branche. Zum Beispiel der
Branchenriese Fenaco.
Es ist Ende Mai. Kurz nach Mittag tritt Martin
Keller in Bern vor die Medien. Der Fenaco-Chef
beginnt seine Präsentation mit einer Untertreibung. »Das Jahr 2015«, sagt er, »ist gut und
erfreulich.« Als bäuerliche Genossenschaft gegründet, profitiert die Fenaco AG mit ihren
Tochterfirmen heute entlang der gesamten landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Sie liefert
den Bauern alles, was sie auf ihrem Hof brauchen. Vom Saatgut über das Futter und den
Dünger bis hin zu den teuren Landmaschinen.
Der Milliardenkonzern, längst als gewinnorientierte Aktiengesellschaft organisiert, beschreibt
sich gerne als »Selbsthilfeorganisation der Bauern«. Trotzdem steht er immer wieder in Verdacht, seine Marktmacht zuungunsten der Landwirte auszunutzen. Im vergangenen Jahr konnte
das Unternehmen bei leicht rückläufigem Umsatz den Gewinn um 65 Prozent auf 96 Millionen Franken steigern. Das ist, Martin Keller ließ
es unerwähnt: Unternehmensrekord.
Groß war die Freude über das hervorragende
Geschäftsjahr auch in Schaffhausen bei der GVS
Gruppe. Einem ebenso weitverzweigten Großunternehmen, das mit den Bauern viel Geld verdient. Wie die Fenaco war die GVS einst eine Genossenschaft. Heute ist sie ein Riese im Geschäft
mit den Landmaschinen. Sie importiert und vertreibt unter anderem die Marken Fendt, Valtra
und Massey Ferguson, die ihre Traktoren im nahen Oberallgäu, im finnischen Suolahti oder im
fernen Georgia produzieren. Im vergangenen Jahr
erzielte die GVS Gruppe mit knapp 220 Millionen Franken einen Rekordumsatz und steigerte
ihren Gewinn um 20 Prozent auf knapp 40 Millionen Franken.
Weshalb geben die Schweizer Bauern immer
mehr Geld aus, wenn doch ihr Einkommen stagniert? Wieso kauften sie im vergangenen Jahr
2500 neue Traktoren – das sind 21 Prozent mehr
als im Jahr zuvor, – wenn gleichzeitig die Preise
für ihre Produkte in den Keller rasseln?
Andreas Bosshard beschäftigt sich seit Jahren
mit diesem Widerspruch. Der promovierte Agro-
Die Schweizer Bauern klagen
über den zu niedrigen
Milchpreis und fordern mehr
Geld vom Staat. Aber das
Problem liegt woanders:
Die Landwirte produzieren
zu teuer VON SIMON JÄGGI
nom ist Geschäftsleiter der ökologischen Denkfabrik Vision Landwirtschaft und gilt als einer der
schärfsten Kritiker der heimischen Landwirtschaft. Er sagt klipp und klar: »Die wichtigste Ursache für die äußerst geringe Wertschöpfung der
Schweizer Landwirte sind nicht die tiefen Preise,
sondern die hohen Kosten.« Die Bauernverbände,
die Agrar-Presse und die Landwirtschaftsschulen
würden den Bauern weismachen: Wer stetig
wachse und seinen Betrieb ausbaue, erwirtschafte
automatisch ein höheres Einkommen. Ein Glaube, der viele Bauern in die Schuldenfalle treibe.
Ermöglichen würden die übermäßigen Investitionen die Direktzahlungen des Bundes. Sie verleiteten die Bauern dazu, das Geld unüberlegt auszugeben. Besonders stört sich Bosshard an jenen
Zahlungen, die nicht an Gegenleistungen gebunden sind. Zum Beispiel die 100 Franken, die ein
Bauer pro Hektar und Jahr erhält, wenn er in einer hügligen Landschaft wirtschaftet. Oder die sogenannten Versorgungssicherheitsbeiträge: »Diese
pauschalen Gelder sind Gift für eine wirtschaftlich orientierte Landwirtschaft.«
Die Missstände, die Bosshard anprangert, haben aus seiner Sicht etwas gemeinsam. Es profitiert immer: die vorgelagerte Branche. »Die Unternehmen tun alles dafür, dass die Direktzahlungen hoch bleiben und die Bauern weiterhin im
großen Stil investieren«, sagt Bosshard. Um ihre
Interessen durchzusetzen, unterwanderten sie die
Politik und die Landwirtschaftsverbände.
Tatsächlich. Die Macht der Bauernlobby im
Parlament ist legendär. Im Vorstand des Bauernverbands ist der langjährige Verwaltungspräsident
der Fenaco AG ebenso vertreten wie der aktuelle
Präsident der GVS Gruppe. Mit Guy Parmelin
und Ueli Maurer sitzen selbst im Bundesrat zwei
ehemalige Verwaltungsratsmitglieder der Fenaco.
Zudem überweist das Unternehmen dem Bauern-
verband jedes Jahr 250 000 Franken, unter anderem für die Kommunikation. Seit den Wahlen im
vergangenen Herbst scheint das Netz zwischen
Bauernvertretern, Politikern und Industrie so eng
geflochten wie kaum je zuvor.
Als Milchbauer Hans Braun vor zwanzig Jahren
beschloss, sich unabhängiger zu machen, ahnte er
nicht, wie grundlegend sich sein Betrieb verändern
würde. Es fing an beim Speiseplan seiner Kühe.
Zuerst aus Not, dann aus Überzeugung, kaufte er
weniger Kraftfutter. Aus seiner ehemaligen auf
Hochleistung getrimmten Herde hat Braun eine
neue Rasse gezüchtet. Heute verbringen seine 40
Milchkühe den größten Teil des Jahres auf der
Weide und werden von dem satt, was auf dem
Feld wächst. Vor drei Jahren hat er seinen Tieren
das letzte Mal Kraftfutter verfüttert.
Die Bauern sind halsstarrig. Sie glauben
weiter an die Mär vom ewigen Wachstum
Inzwischen, sagt Braun, verdiene die vorgelagerte
Branche kaum noch Geld mit seinem Betrieb.
Und noch etwas anderes hat sich verändert. Etwas,
wovor sich die allermeisten Bauern fürchten: Seine
Kühe geben nur noch halb so viel Milch wie früher. Trotzdem sagt Braun, gehe es ihm heute deutlich besser. Weil seine Kosten markant stärker gesunken sind als die Einnahmen, hat sich sein Verdienst pro Liter Milch verdreifacht. Während er
1998 gerade noch 10 Franken pro Arbeitsstunde
verdiente – wie der Großteil der Schweizer Milchproduzenten –, sind es heute über 30 Franken.
Schweizweit ein Spitzenwert.
Noch gibt es in der Schweiz kaum Bauern wie
Hans Braun. Wie erfolgversprechend sein Modell
auch für andere Betriebe sein könnte, zeigte vor
wenigen Jahren eine Studie von Agroscope, dem
Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung. Drei Jahre lang verglichen
die Forscher Aufwand und Ertrag einer klassischen
Stallherde mit denen einer Vollweideherde, wie die
von Bauer Braun. Das Resultat bestätigte seine Erfahrungen und widersprach fast sämtlichen Gesetzmäßigkeiten, die Bauernvertreter und Landwirtschaftsmedien ständig predigen. Obwohl die
Weideherde deutlich weniger Milch produzierte,
verdoppelte sich das Stundeneinkommen. Das
Fazit der Forscher fiel eindeutig aus: »Um im zukünftigen Milchmarkt bestehen zu können, müssen Milchproduktionsbetriebe ihre Kosten senken und in allen Bereichen effizienter werden.«
Der geringere Erlös werde vor allem durch die
niedrigeren Kosten mehr als kompensiert. Auf
den Bauernhöfen kam diese Erkenntnis kaum
an. Man machte lieber weiter wie bisher. Und
auch die Bauern-Elite ist von einem Umdenken
weit entfernt.
Das zeigt sich am Milchgipfel auf dem Gurten.
Gerade einen halben Tag sitzen die Spitzenvertreter der Milchbranche zusammen und sinnieren
darüber, was gegen den fallenden Milchpreis zu
tun ist. Als sie nach dem Mittag vor die Medien
treten, um ihr Manifest zu präsentieren, macht
Jacques Bourgeois, Co-Präsident des Bauernverbands, als Erstes klar, in welche Richtungen es gehen soll. »Weil die Branche alleine keinen Ausweg
finden kann, ist auch die Politik gefordert!« Die
zentrale Forderung lautet, etwas vereinfacht: mehr
Geld vom Bund. Höhere Beiträge für die Nutztiere, die regelmäßigen Auslauf im Freien erhalten. Mehr Geld für Betriebe, die einheimischen
Mais verfüttern. Und grundsätzlich mehr Geld für
die Absatzförderung.
Auch Hans Braun hat den Milchgipfel verfolgt. »Ich hätte mir schon gewünscht, dass sie
sich etwas Originelleres einfallen lassen«, sagt er.
Braun ist der Meinung, die Produzenten müssten das Problem selber lösen. Also kleinere
Milchmengen, weniger Ausgaben. Doch wie lange es dauert, bis ein Bauer seine alten Gewohnheiten überwindet, das weiß er selber. Aus eigener Erfahrung.
Seit Braun wieder mehr Zeit hat, unterrichtet
er an einer Landwirtschaftsschule und versucht,
den Bauern von morgen die Vorteile einer günstigeren Produktion aufzuzeigen. An seiner eigenen
Geschichte zeigt er ihnen, wie neben seinem Einkommen auch die Milchqualität auf seinem Hof
gestiegen sei, dass seine Tiere eine Lebenserwartung von elf Jahren hätten und nicht wie auf vielen klassischen Höfen schon nach vier Jahren zur
Schlachtbank geführt werden müssten.
Allein, die fixe Idee von Hochleistungskühen
und Milchmaximierung sitzt noch tief, auch an
den Schulen. Spricht er mit Kollegen in der Nachbarschaft, die selber unter dem Milchpreis leiden,
hört er oft, eine Umstellung sei nicht möglich, sie
hätten zu wenig Land, das direkt an den Hof angrenze. Sie hätten die falsche Kuhrasse. Und überhaupt, der Schweiz würde die Milch ausgehen,
wenn alle so produzieren würden wie er.
Für Hans Braun sind das Ausreden. »Bei dem
Überschuss an Milch, den die Schweizer Bauern
produzieren, gibt es noch sehr viel Platz für solche
wie uns.«
30. J U N I 2 0 1 6
SCHWEIZ 11
D I E Z E I T No 2 8
Milch
ist ein knappes Gut. Wenn sie bio ist
N
ein, es ist kein Scherz: Es gibt zu
wenig Biomilch in der Schweiz.
Jetzt, in den warmen Sommermonaten, wenn die Menschen Lust
auf Mozzarella haben, auf Joghurt,
Frischkäse, Quark, Lassi-Drinks oder Milchshakes. Doch just in dieser Zeit sind die Kühe
weg, welche die Milch für all diese Frischprodukte liefern sollten. Sie sind auf der Alp. Ganze drei
Monate lang.
Dafür fehlt die Milch in den Großmolkereien
im Mittelland. So auch bei der Züger Frischkäse
AG, einem Familienunternehmen bei Wil. Seit Anfang Juni muss sie darum Biomilch aus Deutschland
importieren: Vier Millionen Kilogramm bis Ende
Sommer. Das hat ihr die eidgenössische Zollverwaltung erlaubt. Mit der Auflage, dass jeder Mozzarella und jeder Becher Frischkäse, der damit hergestellt wird, subito wieder exportiert wird. »Aktiver
Veredelungsverkehr« nennt sich das Verfahren. Für
Züger sei dies eine »absolute Notlösung« und das
einzige Mittel, um Aufträge nicht zu verlieren.
Das Branchenblatt Schweizer Bauer hatte die Geschichte vergangene Woche aufgeschnappt.
Es ist absurd: Da klagen die Schweizer Bauern
über viel zu niedrige Milchpreise (siehe nebenstehenden Artikel), und gleichzeitig muss eine
Molkerei tonnenweise Milch importieren. Nicht
nur an ein paar Tagen, sondern während mehrerer Monate.
Christof Züger kann seinen Ärger nicht verbergen. Letztes Jahr habe man das Sommerloch
gerade noch überbrücken können, sagt der CEO
des fünftgrößten Milchverarbeiters in der
Schweiz. »Doch jetzt ist fertig. Wir bekommen
einfach nicht genügend Milch auf dem Schweizer Markt.« Seine Firma wächst und wächst.
Längst ist sie raus aus der Bio-Nische. Ihre Produkte stehen in den Regalen der Großverteiler.
Züger profitiert davon, dass 2007 der Käsemarkt
in der Schweiz liberalisiert wurde. Heute verkauft
er die Hälfte seiner Produktion ins Ausland.
Doch der lange Alpsommer stört das Geschäft empfindlich. »Für uns sind in dieser Zeit
30 Prozent weniger Milch verfügbar«, sagt Züger.
»Die Nachfrage von unseren Kunden ist aber
um 10 bis 15 Prozent größer. Das geht einfach
nicht auf.«
Dass in der Schweiz ein Molkerei-CEO und
die Chef-Bauern gleichzeitig jammern, hat seine
Gründe. Die einheimische Milch wird auf zwei
parallelen, voneinander fast unabhängigen Märkten produziert. Hier die konventionell hergestellte Milch, die mit rekordhohen Überkapazitäten
und sinkenden Preisen kämpft. Dort die biologisch hergestellte Milch mit einem moderat
wachsenden Anteil (5,6 Prozent) und einem seit
fünf Jahren stabilen Preis.
Zwei Drittel seiner Milch bezieht Christof
Züger direkt bei den Bauern, den Rest über ver-
Eine Ostschweizer
Käserei importiert diesen Sommer
4 Millionen Kilogramm
Milch aus dem Ausland. Weil die
Schweizer Kühe in den Ferien sind
VON SAR AH JÄGGI
schiedene Handelsorganisationen. So auch beim
Biomilchpool, dem größten Vermarkter von Biomilch im Land. Auf 550 Höfen sammeln seine
Tanklaster die Milch ein und liefern sie an die
Kunden.
Geschäftsführer Cemil Klein kennt das Problem
von Christof Züger. »Wir können seinen gewünschten Bedarf während der Sommermonate nicht vollständig decken, das ist eine Tatsache, an der sich
leider kaum etwas ändern lässt«, sagt er. Die »extreme Saisonalität der Biomilch« ist für ihn ein Fakt.
»Je nach Region, etwa im Berner Oberland oder im
Kanton Graubünden, kracht die Produktion in den
Sommermonaten richtiggehend zusammen«, sagt
Klein. In manchen Gebieten wandert weit über die
Hälfte der Tiere auf Sommeralpen: »Die Milch
kommt gar nicht mehr ins Tal. Und mit der Umsetzung der Agrarpolitik 2014 bis 2017 ist die Alpung
attraktiver geworden. In der Folge schicken noch
mehr Bauern ihre Tiere in die Höhe.« Daran hat
auch ein Aktionsplan wenig geändert, mit dem der
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NORD-SÜD-ACHSE
Diese Idee ist tot, mausetot
Wer ist schuld am Brexit? Der Neoliberalismus
VON ANITA FETZ
Unterdessen ist England wieder eine KlassenRückblende in den Herbst 2008. Die Finanzwelt
steht am Abgrund. Die master of the universe haben gesellschaft wie vor dem Zweiten Weltkrieg. Die
mit ihren wahnwitzigen Kasinospekulationen, ih- Superreichen aus aller Welt werden mit Billigsren luschen Finanzprodukten, die sich als warme teuern angezogen. Sie investieren ihre Milliarden
Luft entpuppten, und ihren Lohnexzessen zahlrei- in Immobilien, Schlösser und Land. »Ausverkauf
che Banken an den Abgrund getrieben. Die Regie- der Heimat« würde man das in der Schweiz nenrungen müssen die Institute mit Steuergeldern vor nen. In London kann sich ein normal verdienender bösen Marktwirtschaft schützen, auch in Eu- der Mensch längst keine Wohnung mehr leisten.
ropa und der Schweiz. Weil sonst ein Domino- Geschweige denn ein Häuschen, wie es sich noch
effekt die Weltwirtschaft erfasst und flachgelegt bis in die 1980er Jahre viele Arbeiter zusammenhätte. Keine der ach so kompetenten Rating-Agen- sparen konnten.
Mit dem Finanzcrash zerbricht aber auch der
turen, keiner der ach so gut gebildeten MainstreamÖkonomen hatte das vorausgesehen. Im Gegenteil. Glaube an das neoliberale Wirtschaftskonzept.
Um ihre Banken zu retten, müssen sich viele Der berühmte Trickle-down-Effekt kommt nie
Staaten massiv verschulden. Auf Kosten der Steuer- bei den normalen Menschen an. Ältere Briten
zahler, auf Kosten der Rentner, auf Kosten der haben mehrheitlich für den Brexit gestimmt,
Bildungs- und Gesundheitswesen. Die Arbeitslosig- denn sie haben am meisten verloren. Die Ökonomen warnten vor den wirtschaftlikeit schnellt auf neue Rekordhöhen,
chen Folgen – ohne Erfolg. Ihre
vor allem unter den Jungen. Eine
Glaubwürdigkeit war auf ein Miniganze Generation wird ihrer Zukunftsmum geschrumpft, wie die Sonnenperspektiven beraubt. Dort, wo es
scheindauer an einem englischen
weniger Arbeitslose gibt, wie in
Regentag.
Deutschland und Großbritannien,
Nichts ist einfacher, als in unwerden Millionen von Arbeitnehmern
übersichtlichen Zeiten Ängste zu
in prekäre, ungesicherte Jobs gedrängt.
schüren: vor dem Bürokratiemonster
Von den verantwortlichen BanAnita Fetz ist
Brüssel oder vor den Ausländern.
kern aber landet keiner hinter GitSP-Ständerätin
Wenn das Menschen trifft, für die es
ter. Kurz nach der Krise steigen die
in Basel
jahrelang nur bergab ging und die
Boni wieder fröhlich, während der
kein absehbares Ende ihrer Misere
untere Mittelstand verarmt.
Die Finanzkrise trifft England mit Wucht. erkennen, kann die Stimmung kippen. Das ist
Den Boden dafür bereitete Margret Thatcher mit nicht neu, aber auch eine Lehre aus dem Brexitihrem Credo »There is no such thing as society«. Es Entscheid.
Freuen kann sich die rechte Internationale, die
gibt keine Gesellschaft, nur Individuen. Die Tories
liberalisierten die Finanzindustrie, verlagerten wieder forsch auftritt. Doch nicht nur die EU hat
Industriearbeitsplätze in billige Länder. Außer ein Problem, nicht nur Europa. Man darf beunruden Banken und Versicherungen in London und higt gespannt sein, was im Herbst in den USA
der Kreativindustrie in einigen Städten gibt es passiert. Merkt Hillary Clinton, dass die Geister der
heute in Großbritannien kaum mehr zukunfts- Reaganomics sie verfolgen – und sie einige Positioweisende Jobs. Und weil das Königreich weder nen von Bernie Sanders in ihr Programm aufnehflankierende Maßnahmen gegen Lohndumping men muss? Wenn nicht, dann kann es auch in den
kennt noch eine ordentliche Berufsbildung hat, USA ein fassungsloses Erwachen geben.
werden Hundertausende Arbeiter aus dem Ausland geholt, die handwerklich gut ausgebildet Nächste Woche in unserer Kolumne »Nord-Südsind und zu Hungerlöhnen schuften.
Achse«: Der Tessiner Financier Tito Tettamanti
Biomilchpool die Bauern mit einem finanziellen
Zustupf in den Tälern und im Flachland halten
wollte. Doch die Bauern ließen sich für einmal
nicht vom Geld locken. »Wir haben von den Sommermilchförderungsbeiträgen eine ausgleichendere
Wirkung erwartet«, sagt Klein. Ein möglicher
Grund: »Die Alpprodukte generieren eine hohe
Wertschöpfung. Außerdem gehört der Alpsommer
für viele schlicht zum Jahreslauf.«
Christof Züger hat nichts gegen Traditionen. Es
fehlt ihm schlicht »an Marktorientierung im Biomilchzirkus. Was soll ich meinen Kunden sagen?
Dass ihr Mozzarella erst im Winter geliefert wird,
wenn die Kühe wieder im Tal sind?« Er wünscht
sich »mehr mutige Bauern«, die daran glauben,
»dass Bio Zukunft hat, und von der konventionellen Landwirtschaft auf ökologische Produktion
umstellen«. Gerne würde er noch mehr Biobetriebe
an sich binden. Doch das Echo auf einen Aufruf in
der Lokalpresse war klein. »Und die Unterstützung
von Bio Suisse fehlte vollends«, sagt Züger. Er
glaubt, dass das Potenzial von Biomilch noch lange
nicht ausgeschöpft ist. »Zehn Prozent Marktanteil
sollten drinliegen.«
Bei Bio Suisse ist man zurückhaltend. »Es hat
insgesamt nicht zu wenig Biomilch«, sagt Sprecher
Lukas Inderfurth. Der Dachverband der Schweizer
Knospe-Betriebe berät Bauern, die ihre Betriebe auf
Bio umstellen wollen. Und rät zur Vorsicht: »Sie
sollen im Vorfeld Abnahmemöglichkeiten gründ-
lich prüfen.« Aktuell gibt es Wartelisten von Bauern, die auf Bio umstellen möchten. Spricht man
Inderfurth auf den Fall Züger an, sagt er: »Für
Milchproduzenten ist es schwierig, kurzfristig auf
einen solchen Anstieg der Nachfrage zu reagieren.
Die Bauernbetriebe sind drauf angewiesen, dass
ihre Milch ganzjährig abgenommen wird. Nicht
nur in den Monaten, in denen Knappheit herrscht.«
Also nicht nur im Sommer, da in der Ostschweizer
Großmolkerei die Produktion heiß läuft, es die
Kunden nach Mozzarella und Frischkäse gelüstet.
Auch Biobauern wollen nichts lieber als langfristige
Planungssicherheit.
Christof Züger aber gibt nicht auf. Er sucht weiter nach Landwirten, die bereit sind, ihm dann ihre
Biomilch zu liefern, wenn er sie benötigt. Ganz unromantisch. Ganz marktwirtschaftlich, ohne Absatzgarantie. Dafür während zwölf Monaten im
Jahr. »Mein Angebot gilt!«, sagt er.
Und was will Milchvermarkter Cemil Klein gegen das Sommermilch-Loch tun? »Mein Wunsch
wäre, dass die Detailhändler etwas stärker Rücksicht
nehmen würden auf die saisonalen Extreme. Etwa,
indem sie zurückhaltend sind mit Aktionen für
Frischprodukte. Das würde sicher helfen.«
Oder anders gesagt: Liebe Konsumenten, esst
euren Mozzarella bitte erst an Weihnachten, wenn
die Kühe zurück aus den Bergferien sind. Zum Tomatensalat im Hochsommer passt auch ein rezenter
Alpkäse. Mahlzeit!
Fotos: Vitalina Rybakova/Getty Images; L. Hunziker (u.)
Für den Mozzarella
fehlt die Biomilch
12 SCHWEIZ
30. J U N I 2016
D I E Z E I T No 2 8
Die Schweiz soll mutig sein?
Dann müsste sie nun eigentlich
der EU beitreten ...
E
s ist die Stunde der rechten
Kraftmeier. Als es Europa in
den frühen Freitagmorgenstunden dämmert, dass die
Briten tatsächlich die Union
verlassen wollen, schlürfen
die Nationalkonservativen in
der Schweiz ihren ersten Kaffee – und hauen
in die Tasten.
Sie haben diesen Tag herbeigesehnt.
»Das britische Volk hat [...] eindrücklich
gezeigt, dass es die Selbstbestimmung der
Fremdbestimmung [...] vorzieht«, hallt es aus
der Parteizentrale der SVP, die sich sonst aus
fremden Händeln raushält.
»Ein guter Tag für Großbritannien, für
Europa – und für die Schweiz«, schreibt tags
darauf der Chefredaktor der Basler Zeitung.
»Es tut dieser EU gut, wenn die Briten die
Religionsführer in Brüssel, Berlin und Paris
auf den Boden der europäischen Realität holen«, kommentiert sein Kollege von der
Schweiz am Sonntag.
Es sind die immer gleichen, mal jüngeren, mal älteren Herren, die ihren Lesern erklären, was nun zu tun ist. In London, in
Brüssel, vor allem aber in Bern. Es sind mal
markigere, mal differenziertere Appelle an
schweizerische, an männliche Tugenden. Es
geht um Stärke, es geht um Durchhaltewillen – und es geht um: Mut. Es geht darum,
die Chance zu packen, die der Brexit dem
Land vermeintlich biete.
»Die EU hat Angst vor der Schweiz«, donnert SVP-Chefstratege Christoph Blocher.
»Ich bin überzeugt, dass das Verständnis
der EU für das Schweizer Anliegen zunehmen
wird«, meint Ökonom Reiner Eichenberger.
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Und der Ex-Bankier Konrad Hummler
orakelt: »Wir erweisen uns [...] als Europäer
und sind bereit, eine europäische Alternative
zur EU mitzugestalten.«
Mitgestalten? Das wäre tatsächlich neu.
Bisher stand die Schweiz in Europa, wenn
es ums Entwerfen, um die große Politik ging,
lieber nur dabei, statt mittendrin. Sie hat sich
zwar über ein bilaterales Vertragswerk mit
Brüssel verbunden, sie ist Mitglied in der
Freihandels-Rumpforganisation Efta. Aber
das muss reichen. Europäischer Wirtschaftsraum? Nein danke. Europäische Union? Satan, weiche! Wenige Tage vor dem Brexit zog
die Schweiz sogar ihr offizielles EU-Beitrittsgesuch zurück, das seit 24 Jahren in einem
Aktenschrank verstaubte. So viel Ordnung
muss sein.
Manch ein Schweizer rechts der Mitte
träumt dieser Tage davon, dass sich der Kleinstaat mit dem mächtigen Großbritannien gegen die Europäische Union verbündet – und
dabei gleich die ungeliebte Personenfreizügigkeit wegwischt. Eine Mini-Freihandelszone soll entstehen, gestützt von einem
möglichst kleinen politischen Gerüst. Die
Logik hinter dieser institutionalisierten Völkerfreundschaft: Als Inselstaaten, der kleine
ein Eiland im Geist, der große auch eines auf
dem Globus, versteht man sich bestens (ZEIT
Nr. 25/16).
Mutig ist das allerdings nicht. Mutig, das
wäre ein anderer Schritt: ein Beitritt der
Schweiz zur EU.
Geht nicht! Chancenlos! Oder wie es kürzlich ein Ständerat in der Ratsdebatte formulierte: Nur noch »ein paar Wahnsinnige« wollen der EU beitreten.
Alles klar. Vielleicht ist es eine Schnapsidee. Vielleicht steht die Union tatsächlich am
Abgrund, wie das viele Schweizer – nicht nur
rechte – seit Jahren behaupten. Wo immer das
steht, drückt zwischen den Zeilen die perverse
Lust am Scheitern eines Projekts durch, dem
man auch hierzulande unglaublich viel verdankt. Das man aber kaum kennt.
Aber die Gegenfrage sei erlaubt: Wer,
wenn nicht die Schweiz, könnte Europa lehren, wie man ein politisches Gebilde demokratischer und föderalistischer gestaltet – wie
man es näher zum Volk bringt? Die EU also
genau in dieser Art und Weise reformiert, wie
es nun Politiker quer über den Kontinent fordern. Von deutschen Sozialdemokraten über
österreichische Rechtspopulisten und französische Grüne bis hin zu schottischen Nationalisten. Und wo könnte die Schweiz ihre guten
Dienste am wirkungsvollsten einsetzen: im
englischen Pub, mit Ukip-Führer Nigel Farage am Nebentisch – oder doch in der Brüsseler Zentrale? Eben.
A
lso wagen wir das Gedankenspiel. Die Schweiz könnte in der
EU die Rolle spielen, die bisher
die Briten hatten. Sie wäre der
korinthenkackende Spielverderber, die liberale Nervensäge. Unter den Beamten in Brüssel kursiert der Witz, man sei
eigentlich ganz froh, dass die Schweizer nicht
in der EU sind. Sie würden vermutlich als Einzige sämtliche Richtlinien penibel einhalten
– und darauf pochen, dass das alle anderen
auch tun.
Die Eidgenossenschaft in der EU, das wäre
ein subversiver Akt. Sie wäre nämlich nicht
nur wirtschaftsfreundlich wie die Briten, sondern auch eine Kämpferin gegen alle Versuche, immer noch mehr Macht ins Zentrum
der Union zu verschieben. Helvetia als Schutzherrin des Subsidiaritätsprinzips: Löst die
Probleme, beantwortet die Fragen dort, wo sie
entstehen, dort, wo sie auftauchen.
Den Klimawandel in Brüssel. Die Steuersätze in den Ländern. Die S-Bahn-Netze in den
Regionen. Die Wohnbaupolitik in den Städten.
Den Kredit für die neue Turnhalle in den Gemeinden. Vieles kann, aber nicht alles muss über
den gleichen Leisten gebrochen werden.
Klar, die Schweiz könnte nicht Kraft ihrer
Größe, ihrer wirtschaftlichen Potenz den europäischen Laden aufmischen. Sie müsste das
tun, worin sie seit der alten Eidgenossenschaft
unglaublich gut ist: Banden bilden. Nach
links, nach rechts, nach Süden und Norden.
Auch mal übers Kreuz.
All das würde sie nicht aus Selbstlosigkeit
machen. Nein, sie würde natürlich davon
profitieren. Die großen Umwälzungen, die
auf Europa zukommen, werden auch an der
Schweiz nicht vorbeigehen. Weil sie sich nicht
von der Geografie trennen lassen.
Da ist zuallererst die Migration. Hier ist
die Schweiz bereits heute enger in Europa integriert, als es Großbritannien je war. Sie ist
Teil des Schengen-Raums, sie hat das DublinAbkommen unterzeichnet. Aber sie sitzt nur
am Katzentisch, wenn entschieden wird, wie
man die Flüchtlinge retten, empfangen und
verteilen will – oder wie man die EU-Außengrenzen schützt.
Da ist aber auch die Sicherheitspolitik. Die
EU wurde aus der Angst geboren, der Angst
vor einem neuen Krieg. Nun, da im Osten ein
neuer Russe neue Großmachtgelüste hegt,
kocht diese alte Furcht wieder hoch. Oder
TTIP. Kommt das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA,
bleibt für die Schweiz nur die eine Taktik:
Vogel, friss oder stirb. Unterschreib unsere
Bedingungen, die wir ausbaldowert haben –
oder du darfst nicht mitmachen.
W
ie gesagt, das ist ein Gedankenspiel. Bevor die Schweiz
in Brüssel ihre Mission antreten könnte, die EU zu
verschweizern, müsste sie
sich noch stärker europäisieren. Und das wäre
schmerzhaft. Sie müsste nationales Recht
streichen, das den EU-Verordnungen widerspricht. Das würde rund die Hälfte aller
Bundesgesetze betreffen. Sie könnte neue
EU-Verordnungen nicht mehr durch Volksentscheide infrage stellen. Die Verordnungen
wirken, auch wenn sie nicht nationales Recht
sind. Die Referenden würden geschwächt, das
Initiativrecht gestutzt – beim Bund und in den
Kantonen. Diese müssten bei einem EUBeitritt am stärksten leiden.
So oder so: Die europapolitische Realität
der Schweiz sieht ganz anders aus.
Am Montag nach dem Brexit reist Staatssekretär Jacques de Watteville nach Brüssel.
»Die bilateralen Verhandlungen gehen weiter«, sagt er. Eine neue Union, ein EU-Beitritt? Den Diplomaten kümmern diese Fragen
nicht. Ihn beschäftigt, wie der Bundesrat, seine Chefs, die Masseneinwanderungsinitiative
umsetzen kann, ohne die bilateralen Verträge
zu gefährden. Zwei kurze Treffen, keine Resultate. Es ist ein hartes Erwachen.
Foto [M]: ddp images
... denn in Brüssel könnte sie viel mehr
bewirken als in einer neuen Union
mit Großbritannien, von der die
Nationalkonservativen träumen.
Ein Gedankenspiel VON MATTHIAS DAUM
DIE
ZEIT
Mit 3 Seiten ZEIT im Osten
PREIS DEUTSCHLAND 4,90 €
WOCHENZEITUNG FÜR POLITIK WIRTSCHAFT WISSEN UND KULTUR
30. JUNI 2016 No 28
ZEIT im Osten
Was tun,
wenn die Falschen
gewinnen?
»Es ist wichtig, dass
das geächtet wird«
Der Politiker Michael
Kretschmer über den
Kampf gegen Crystal
an Sachsens Grenzen
Trump, Johnson, Le Pen: Was früher
nur wenige äußerten, wird
plötzlich mehrheitsfähig. Doch die
westlichen Demokratien hätten
Gegenmittel. Sie müssen aber wollen
Seite 10
Titelillustration: Smetek für DIE ZEIT
POLITIK, WIRTSCHAFT, FEUILLETON
EINWURF
NACH DEM BREXIT
Jugend heult
Wie viel Volk darf’s denn sein?
Sie weint. Tränen laufen über die Wangen. Eine junge Engländerin auf einem
Foto im Netz. »I am heartbroken«, steht
darunter. Es zeigt den Kummer, den wir
gerade teilen: Europa-Schmerz.
Wir, das sind die Jungen Europas, die
Vielgereisten, die Vielvernetzten. Die, die
dachten, am Ende gewinnen doch immer
die Guten. Seit Freitag wissen wir: Das
stimmt nicht. Es gibt einen Weg zurück
in ein Angst-Europa.
Jugend heult. Wer tröstet?
Die Eltern nicht. Die kommen aus
einer Generation, die in Großbritannien
mit für den Brexit gesorgt hat: Die Mehrheit der über 50-Jährigen hat für den Austritt gestimmt. Aber wir sind selbst schuld.
Zu wenige Junge haben abgestimmt.
Das ist zu erklären: Wir mussten
kämpfen, aber nur privat. Über Politik
streiten? Anstrengend. In vielen Timelines
ist das Leben ein Kuschel-Konsens. Zu
lange haben wir gedacht, Demokratie sei
ein Lebensgefühl und Ironie unser Schutz.
Aber wir tun doch was! Letzten Sommer, als die Flüchtlinge kamen. Nach dem
Helfen ging es zurück in die Komfortzone. Dass Europa für viele keine Komfortzone mehr ist, haben wir zu spät gemerkt. Unser Engagement ist atomisiert,
verteilt auf Netzwerke. Wie stellt man
eine Gemeinschaft her, wenn man Parteien langweilig findet? Wir müssen verstehen: Solange man den Institutionen
nichts als virtuelle Empörung entgegensetzen kann, sollte man sie ernst nehmen.
Wer sich nur darum sorgt, was in seinem Viertel, in seinem Freundeskreis, bei
seiner Arbeit passiert, wer nur auf die
eigene Karriere und auf die Familie
schaut, der ist nicht unpolitisch – das ist
der eigentliche Schock: Wir sind politisch,
ob wir wollen oder nicht. Denn Europa
ist kein Ich, sondern ein Wir. Und wenn
wir nicht handeln, tun es die anderen.
Es gibt einen Gegner, die Europa-Hasser. Sie müssen wir endlich ernst nehmen.
Er ist bestens organisiert, über Ländergrenzen hinweg, er hat einen Slogan: Take
back control, »Gewinnt die Kontrolle zurück«. Take back control ist ein verdammt
guter Slogan – nur für die falschen Leute.
Wir sollten ihn uns zurückholen. Für unser Europa.
KILIAN TROTIER
Der Autor, 32, ist stellvertretender
Ressortleiter der Hamburg-Seiten der ZEIT
Den Eliten bleibt nichts anderes übrig, als besser zuzuhören und hinzuschauen
W
enn in Großbritannien die
Brexit-Befürworter siegen, in
Österreich ein FPÖ-Mann
nur um 30 000 Stimmen an
der Präsidentschaft vorbeischrammt oder in einigen deutschen Bundesländern die AfD in Umfragen plötzlich bei
zwanzig Prozent liegt – dann schlägt die Stunde
der Welterklärer. Am tröstlichsten ist noch die
Interpretation, dass Zeiten bedeutender Umbrüche immer eine hohe Zahl von Unzufriedenen und Verunsicherten hervorbrächten, dass
das »Rendezvous mit der Globalisierung«
(Wolfgang Schäuble) Protestparteien rechts wie
links erstarken lasse, dass alles ein vorübergehendes Phänomen sei.
Das kann man nur hoffen. Denn wenig
spricht dafür, dass die Zwietracht in fast allen
westlichen Gesellschaften bald nachlassen wird.
Starke Reizthemen wie die zunehmende Ungleichheit von Arm und Reich, vor allem aber
der massenhafte Zustrom von Flüchtlingen bergen so viel negative Energie, dass sie sich immer
wieder mit Hass und Unmut aufladen können.
Spätestens seit dem Votum für den Brexit ist das
Entsetzen groß. Und aufseiten jener, die sich der
europäischen Idee verbunden fühlen, ist nun
endlich Kampfeslust auszumachen, jedenfalls
verbal. Auch das kann man sich nur wünschen.
Eine Frage allerdings bleibt offen: Wie holt man
jene Bürger zurück, die sich partout nicht überzeugen lassen und andere Prioritäten haben?
Was tun, wenn die Falschen gewinnen?
Die Frage drängt sich auf, aber sie kann auch
eine Falle sein. Dann nämlich, wenn sie eine
Spaltung akzentuiert, statt sie zu überwinden.
Wenn also mit den Richtigen die aufgeklärten
und politisch interessierten, weltläufig und
liberal gesinnten Menschen und mit den Falschen die angstgetriebenen, politisch unterbelichteten, ressentimentgeladenen Leute gemeint
sind, wahlweise die Zukurzgekommenen, die
Alten, die weißen Männer oder die Landpomeranzen, denen man am besten keine Ja/NeinFragen in Form eines Referendums stellen sollte. Wer die Welt so sieht, der muss auf Volkserziehung setzen, nach dem Motto: Erkenne,
wie irrational deine Angst vor Flüchtlingen ist!
Darum auch das wiederkehrende Stereotyp,
wer Probleme der Zuwanderung allzu deutlich
benenne oder gar auf Ängste zu viel Rücksicht
nehme, stärke die Populisten. Spätestens nach
dem Brexit spricht aber vieles dafür, dass wir
mit solchen Mitteln nicht weiterkommen, dass
stattdessen die politischen, gesellschaftlichen
und kulturellen Eliten ihre Haltung zum Volk
überdenken müssen.
Was wir nämlich heute erleben, sind keine
einzelnen politischen Streitfälle, es ist vielmehr
ein Zusammenprall der politischen Kulturen
und Lebenswelten – und das vor allem zwischen Inländern und Inländern. Gelingt es
nicht, den Graben, der sich in fast allen westlichen Ländern aufgetan hat, zu überbrücken,
drohen die aus Unverständnis und Unzufriedenheit erwachsenen neuen Bewegungen vieles
zum Einsturz zu bringen, was über Jahrzehnte
an Gutem und Bewahrenswertem aufgebaut
wurde. Dazu gehört auch, Gewalt gegenüber
und Diskriminierung von Andersdenkenden
zu ächten, eine der großen Errungenschaften
der letzten Jahrzehnte und keinesfalls immer
gleichzusetzen mit politischer Korrektheit. Beinahe täglich verschiebt sich der roher und abstoßender werdende Ton weiter über die Grenze
des Erträglichen hinaus – von Trumps Beleidigung der Mexikaner als Vergewaltiger bis zu
Höckes unsäglichem Wort der »Tat-Elite«, das
von der SS gebraucht wurde.
Es ist unmöglich, das Desaster des Brexits
und das Erstarken populistischer Bewegungen
in Europa und Amerika losgelöst von Fehlern
des Establishments zu sehen. Wie in der vorigen
Ausgabe der ZEIT ausführlich beschrieben, hat
der in Harvard lehrende britische Politikprofessor Niall Ferguson kürzlich fünf Faktoren benannt, die zusammenwirken, wenn Populisten
stark werden: 1. ansteigende Einwanderungszahlen, 2. große Ungleichheit, 3. der Glaube,
dass es korrupt zugehe und Eliten dies für sich
nutzten, 4. eine große Finanzkrise (wie die von
2008) oder ein wirtschaftlicher Schock und
5. schließlich ein Demagoge, der die Unzufriedenheit der Masse nutzt (Fergusons Rede gibt es
in voller Länge auf YouTube).
Für Demagogen mit Charisma können die
Eliten nichts, aber man kann Ferguson nur
schwer widersprechen: Viele Leute fühlen sich
seit Jahren in ihrem Gerechtigkeitsempfinden
beleidigt und von Teilen der Politik für dumm
verkauft. Kein einziger Topmanager der USBank Lehman Brothers, deren Pleite 2008 die
Finanzkrise auslöste, ist bis heute verurteilt worden. Keiner der Banker, die im Boom noch als
Stars gefeiert worden waren, musste nach dem
Platzen der Blase wirklich haften. Stattdessen
kam es zu milliardenhohen Interventionen
durch die Zentralbanken, an deren Folgen heute
VON GIOVANNI DI LORENZO
Kleinsparer nicht nur in Deutschland leiden.
Die deutsche Flüchtlingspolitik ist ein Musterbeispiel dafür, was Regierungen im Guten wie
im Schlechten ausrichten können. Gut war im
September 2015 die spontane, großzügige Hilfe
für Menschen, die Krieg und Tod entflohen
sind. Dies sollte ursprünglich eine einmalige
Aktion sein. Doch als sie dann aus dem Ruder
lief, wurde sie mit nicht mehr glaubwürdigen
Argumenten verteidigt: dass nämlich die Flüchtlinge eh alle unterwegs gewesen seien und es
keinen Anreiz aus Deutschland gegeben habe,
zu uns zu kommen. Dass es nicht möglich sei,
die Grenzen zu schließen, und so weiter. Durch
diese Widersprüche entstehen die Bruchstellen
des gesellschaftlichen Zusammenhalts, nicht an
der Frage, ob man Kriegsflüchtlinge aufnimmt
– das will eine Mehrheit der Menschen von
Herzen gern weiter tun. Nur eben nicht ungefragt, unkontrolliert und ohne eine glaubwürdige und leidenschaftliche Begründung.
Weil Zweifel und Ängste als vordemokratisch und irrational kleingeredet oder diffamiert
worden sind, konnten in so vielen Ländern
furchterregende Bewegungen groß werden, die
nach dem Brexit vermutlich noch mehr Auftrieb erhalten. Nun hat man das Gefühl, dass
das Volk seine gewählten Vertreter vor sich hertreibt. Aber was sind das für Konstellationen:
Regierungen und Eliten, die ihr eigenes Volk
fürchten? Es bleibt ihnen gar nichts anderes
übrig, als künftig besser hinzuschauen und hinzuhören. Krisen und Flüchtlingswellen haben
immer Ursachen, sie werden nie ganz zu vermeiden sein. Was man aber sehr wohl beeinflussen kann, ist die Verhältnismäßigkeit der
daraus erwachsenden Maßnahmen und die
Glaubwürdigkeit jener, die sie verkörpern.
EU-Kommissionspräsident
Jean-Claude
Juncker, dem nun wirklich niemand ernsthaft
vorhalten könnte, die europäischen Ideale gut
zu vermitteln, und auch die Bundeskanzlerin
haben gerade in diesen Tagen versucht, die
Lage als leicht verschärfte Normalität zu beschreiben. Wir leben aber in einer Zeit des Disruptiven, der allgemeinen Zerstörung: Gutes,
Bewährtes droht weggefegt zu werden – von
der repräsentativen Demokratie über ein vereintes Europa bis hin zu toleranten Gesellschaften. Wer so weitermacht, als sei nichts
geschehen, mag auf der richtigen Seite stehen,
betreibt aber das Geschäft der Falschen.
Schlafzimmer
sind
gefährliche Orte
Die Reform des
Sexualstrafrechts
ist unnötig
und verhängnisvoll
Ein Essay von Sabine Rückert
Feuilleton, Seite 39
PROMINENT IGNORIERT
Füße im Feuer
Der amerikanische Motivationstrainer Anthony Robbins hat in
Dallas 7000 Gläubige versammelt
und ihnen gesagt, mit hinreichender Willenskraft könnten sie über
glühende Kohlen gehen. Etwa 30
verbrannten sich dabei die Füße,
fünf kamen in die Klinik. Von der
heiligen Kunigunde und von der
heiligen Christina wird erzählt, sie
hätten Glut und Feuer unversehrt
überstanden. Merke: Es ist nicht
ganz leicht, heilig zu werden. GRN.
Kleine Fotos (v. o.): Stephan Floss für DIE ZEIT;
Millennium Images/Look-foto; action press
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N 28
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10 ZEIT IM OSTEN
30. J U N I 2016
Die Droge, die das
Land überschwemmt
Als der Grüne Volker Beck mit
Drogen, mutmaßlich Crystal,
erwischt worden war, twitterte
Sachsens CDU-Generalsekretär
Michael Kretschmer einen
hämischen Satz: »Und Tschüss«.
Er bereut seinen Tweet heute,
aber er will ihn auch erklären:
Nirgendwo sonst gibt es
größere Probleme mit Crystal als
in der Lausitz, Kretschmers
Heimat. Hier spricht er darüber.
Außerdem auf dieser Doppelseite:
Ein Interview mit der
Psychiaterin Loretta Farhat, die
in der Lausitz Drogensüchtige
behandelt – über die Mythen, die
Crystal Meth umgeben
D I E Z E I T No 2 8
Michael Kretschmer
daheim in der
Lausitz. Der 41Jährige ist VizeFraktionschef der
CDU im Bundestag
»Es ist wichtig,
dass Crystal
geächtet wird«
Kaum ein politisches Thema bewegt den Bundestagsabgeordneten Michael Kretschmer so sehr wie der Kampf gegen diese Droge:
Denn von seiner Heimat aus, der ostsächsischen Grenzregion, verbreitet sich Crystal über Deutschland. Ein Gespräch
DIE ZEIT: Herr Kretschmer, als der Bundestags-
abgeordnete Volker Beck vor einigen Monaten mit
Drogen, mutmaßlich mit Crystal Meth, erwischt
worden war, twitterten Sie: »Und Tschüss«. Sie
ernteten dafür einen Sturm der Entrüstung.
Michael Kretschmer: Dieser Tweet war nicht richtig, nicht empathisch. Und er hat sich für viele
Leute hämisch angehört. Ich saß in einer Kreistagssitzung und habe einfach drauflosgeschrieben.
Es machte den Eindruck, als wäre ich schadenfroh.
Ich habe das nicht so gemeint.
ZEIT: Warum haben Sie das geschrieben?
Kretschmer: Weil Crystal Meth ein Thema ist, das
mich nicht mehr kaltlässt. Das ist eine Droge, die
so viel Elend in dieses Land bringt. Es gibt in der
Region, in der ich lebe – in der Lausitz –, Mütter,
die schwer geschädigte Kinder auf die Welt bringen. Wegen Crystal. Es gibt Hunderte Menschen,
die in unseren Suchtkliniken behandelt werden.
Sehen Sie: Politiker lehnen es ab, Vorbild zu sein.
Aber sie sind es. Das Private ist politisch, gerade
bei Personen, die in der Öffentlichkeit stehen. Die
Menschen bekommen mit, was wir tun. Wir müssen uns moralisch verhalten.
ZEIT: Anders als Herr Beck, meinen Sie?
Kretschmer: Ja. Wenn er, wie kolportiert wird,
Crystal bei sich hatte und darüber nun nonchalant hinweggeht, sich nicht erklärt? Stattdessen
kurz darauf wieder seiner Arbeit nachgeht, als
habe es sich um eine Lappalie gehandelt? Dann
finde ich das unmöglich. Hier in der Lausitz gibt
es viele Menschen, die gegen Crystal wirklich
kämpfen. Volker Beck hat dem Engagement dieser Leute geschadet.
ZEIT: Sind Sie Herrn Beck begegnet, seit Sie Ihren
Tweet abgesetzt haben?
Kretschmer: Wir haben noch nicht persönlich gesprochen. Aber ich werde ihm noch sagen, dass
mir mein Tweet leidtut. Das ist die menschliche
Seite der Sache. Aber politisch will ich ihm auch
sagen, wie ich sein Verhalten finde.
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80 Jahren nichts anderes mehr tun können, als
Wasser von einem Glas ins andere zu löffeln.
zieren müssen? Was genau sagen Sie ihm da?
Kretschmer: Crystal Meth ist nicht irgendeine ZEIT: Ist Crystal ein regionales Problem?
Droge. Hier in der Nähe fahren täglich die Dealer Kretschmer: Nein. Wir haben es hier zwar wegen
über die Grenze und bringen den Stoff auch nach der Grenznähe geballt. Aber es breitet sich in ganz
Berlin, offenbar landet er sogar bei Bundestags- Deutschland aus. Das Zeug wird in Hinterzimmerabgeordneten. Ich frage mich: Was macht das mit laboren zusammengemixt, vor allem in Tschechien.
den Leuten, denen wir die ganze Zeit sagen, nimm Mal sind das größere Labore, mal scheußliche
diese Droge nicht, die ist gefährlich, das endet im Erdlöcher. Die Polizei hat mir berichtet, dass die
K. o.! Und die jetzt sehen: Wieso, passiert doch gar Menschen, die Crystal herstellen, zum Teil in
nichts! Es geht einfach weiter!
furchtbaren Verhältnissen leben. Nur wenige KiloZEIT: Wie oft begegnet Ihnen das Thema Crystal? meter von hier entfernt.
Kretschmer: Ständig. Die Droge kommt aus Tsche- ZEIT: Dann kauft man die Drogen an der Grenze?
chien nach Deutschland. Die Lausitz, meine Hei- Kretschmer: Vor allem auf den Vietnamesenmärkmat, ist vermutlich jene Region, in der Crystal das ten. Crystal ist hier im grenznahen Gebiet spottgrößte Problem darstellt. Mir begegnet das bei je- billig. Das Gramm kostet zwischen 10 und 20
dem Schulbesuch, den ich mache. Es gibt kaum Euro. Und es lässt sich wahnsinniges Geld damit
eine Schule, die keine Probleme damit hätte. Ich verdienen. In Leipzig kostet das Gramm schon 70,
dachte eine Zeit lang, das werde alles übertrieben. 80, 90 Euro. In Berlin noch mehr. Deshalb gibt es
diesen Ameisenhandel.
Aber das stimmt nicht.
ZEIT: Was brachte Sie zum
ZEIT: Ameisenhandel?
»Politiker lehnen es ab,
Umdenken?
Kretschmer: Ja. Das ist ein
Geschäftsmodell.
Leute gehen
Kretschmer: Viele Einzelfälle.
Vorbild zu sein. Aber sie
über die Grenze, kaufen ein
Dazu kann ich Ihnen die Gesind es. Wir müssen uns
paar Gramm, fahren nach
schichte eines Mädchens aus
Berlin oder Hamburg, brinLöbau erzählen, einer Gymmoralisch verhalten.«
gen anderen Leuten was mit.
nasiastin. Als sie zum ersten
Michael Kretschmer
Wie die Ameisen.
Mal wegen ihrer CrystalSucht in die Klinik kam,
ZEIT: Wann ist Ihnen das
konnte man sie behandeln. Aber sie erlitt einen Crystal-Problem erstmals untergekommen?
Rückfall. Als sie das zweite Mal ins Krankenhaus Kretschmer: Ich glaube, das ist jetzt drei oder vier
musste, war nichts mehr zu machen. Ihr Hirn ist Jahre her. Patienten in den Entzugskliniken hier, das
schwer geschädigt. Sie sitzt den ganzen Tag an ei- waren früher Leute, die in der DDR-Zeit ihren
nem Tisch und löffelt Wasser von einem Glas ins Mann gestanden hatten, dann ihren Job verloren, in
andere. Zu mehr ist sie nicht mehr imstande. Ein den Alkohol abrutschten. Aber eines Tages, als ich
Mädchen von 17, 18 Jahren. Crystal macht inner- so eine Einrichtung besucht habe, fiel mir eine Frau
halb kurzer Zeit abhängig, schädigt das Gehirn. Das auf, die sich so ganz anders verhielt. Ich glaube, das
ist das Gefährliche an dieser Droge: Selbst wenn war in Weißwasser, eine junge Frau, 22 oder 23
man clean wird, kann es sein, dass man nie wieder Jahre alt, saß da zwischen all den 60-Jährigen. Sie
so weiterleben wird wie vorher. Dieses Mädchen ist war apathisch – und so schwer geschädigt, dass sie
ein Pflegefall, wird bis zu seinem Tod mit vielleicht die Klinik nicht mehr verlassen konnte.
ZEIT: Sie meinen, er hätte sich deutlicher distan-
ZEIT: Begegnet Ihnen das Thema auch privat?
Kretschmer: Ja, wie vielen Menschen hier. Man
hört immer wieder von Fällen aus dem Bekanntenkreis. Wenn ich mit Leuten über das Thema spreche, gibt es immer irgendwen, der sagt: Ich kenne
auch jemanden! Auch ich kenne Leute, die mit
Crystal zu tun hatten. Sei es, weil es jemanden in
deren Familie gibt, der das Zeug nimmt. Sei es, weil
sie sich um Leute kümmern, die das genommen
haben. Der letzte tragische Fall, von dem ich gehört
habe, handelt von einer jungen Mutter, die so
schlimm abhängig ist, dass sie sich nicht mehr um
ihr Kind kümmern kann. Nun lebt das Kind in einer Pflegefamilie, die ich kenne. Am tragischsten
finde ich die jungen Eltern, die Crystal nehmen.
ZEIT: Kommt das oft vor?
Kretschmer: Viele Ärzte erzählen das. Die Krankenhäuser erleben inzwischen oft Geburten von
Crystal-geschädigten Kindern. Wenn die auf die
Welt kommen, sind sie total hibbelig, völlig durch
den Wind. Aber viele Krankenhäuser schauen jetzt
auch genauer hin, erkennen abhängige Mütter
besser und können sich darauf einstellen.
ZEIT: Ihre Kinder sind noch ziemlich klein. Sprechen Sie mit denen über Drogen?
Kretschmer: Ja, es ist die größte Angst, dass sie so
etwas mal nehmen – aus Abenteuerlust, aus Unbedarftheit. Es gibt Siebtklässler, die mit Crystal erwischt werden. Als Eltern hat man richtig Horror
davor. Da bist du glücklich über die Geburt deines
Kindes, tust alles dafür, dass es anständig groß
wird, dass es nicht vom Balkon fällt oder vom
Auto überfahren wird. Und dann kommt es mit
Drogen in Kontakt? Wir müssen Kindern beibringen, stark zu sein und »Nein« zu sagen.
ZEIT: Was können Sie politisch machen?
Kretschmer: Was wir können – die Schulsozialarbeit stärken, die Polizei an der Grenze einsetzen,
Suchtberatung ausbauen, Aufklärungsinitiativen
starten. Sachsen gibt jedes Jahr mehr Geld dafür
aus. Unser sächsischer Justizminister ist auf einem
guten Weg, mit Tschechien und Polen zu Verabredungen zu kommen, die die Produktion und den
Export von Crystal künftig erschweren. Da geht es
vor allem darum, den Verfolgungsdruck auf die
Produzenten zu erhöhen. Und wir müssen eben
aufklären. Jeder muss selber wissen, ob er das Zeug
nimmt oder nicht. Deswegen ist es wichtig, dass
Crystal geächtet wird. Da komme ich wieder zur
Debatte über meine Kollegen: Wenn da womöglich schon der zweite Bundestagsabgeordnete mit
dieser Droge geschnappt wird, können wir uns
solche Aufklärungsinitiativen auch sparen.
ZEIT: Sie spielen auch auf den SPD-Politiker
Michael Hartmann an, der vor einiger Zeit mit
Crystal erwischt wurde. Hartmann hat seinen
Konsum mit Arbeitssucht und einer Lebenskrise
erklärt. Kann man das sogar ein Stück weit verstehen? Viele Politiker stehen permanent unter
Volllast.
Kretschmer: Ich bitte Sie. Das ist keine Entschuldigung. Es gibt mehr als 600 Abgeordnete. Ein überwiegender Teil dieser Leute kann seine Arbeit ausüben, ohne Drogen zu nehmen. Keiner muss diesen
Job machen. Es gibt auch Chefärzte, Spitzenmanager und Journalisten, die viel Stress haben. Wenn
man seine Arbeit nur schafft, weil man Drogen
nimmt, dann läuft etwas grundsätzlich falsch. Dann
sollte man sich hinterfragen. Und ich stelle mir
noch eine andere Frage.
ZEIT: Welche denn?
Kretschmer: Was bedeutet das im Miteinander
von uns Abgeordneten, wenn es darunter vielleicht
welche gibt, die Drogen nehmen? Muss ich mich
bei Debatten dann nicht permanent fragen, ob ich
diejenige oder denjenigen jetzt ernst nehmen
kann? Ich denke immer: Hat der gerade was genommen oder nicht? Diesem Zweifel dürfen sich
Politiker nicht aussetzen.
Die Fragen stellten
Anne Hähnig und Martin Machowecz
30. J U N I 2 0 1 6
ZEIT IM OSTEN 11
D I E Z E I T No 2 8
OSTKURVE
Loretta Farhat,
57, ist Chefärztin
der Klinik für
Psychiatrie in
Großschweidnitz
bei Görlitz
Fotos: Stephan Floss für DIE ZEIT; kl. Foto:Gaby Gerster (r.)
»Wer das
nimmt, fühlt
sich stark«
Für die Ärztin Loretta Farhat war Crystal Meth vor einiger Zeit noch ein Randthema – nun behandelt sie Hunderte
Süchtige im Jahr. Ein Interview über die Frage, warum Menschen ausgerechnet zu dieser Droge greifen
DIE ZEIT: Frau Farhat, noch bis vor wenigen
ZEIT: Crystal gilt als eine der gefährlichsten DroJahren hatte kaum einer je von Crystal gehört. gen. Wenn man sich schon aufputscht – wieso
Inzwischen ist das eine der am weitesten verbrei- ausgerechnet damit?
teten Drogen. Warum ausgerechnet Crystal?
Farhat: Ein Problem sind die vielen CrystalLoretta Farhat: Weil keine andere Droge so eine Mythen. Manche dämonisieren es, manche verWirkung hat. Wer Crystal nimmt, wird erst ein- harmlosen es – beides finde ich falsch. Ein Mythos
mal sehr, sehr glücklich. Und gleichzeitig un- ist zum Beispiel, dass jeder nach dem ersten
glaublich leistungsfähig. Ich kenne Patienten, die Crystal-Konsum zwangsläufig körperlich abhänunter ihrer Sucht gelitten, die sie überwunden gig werde. Die Leute werden nicht unbedingt sohaben. Und die dennoch fast ein bisschen weh- fort körperlich abhängig, sondern eher psychisch:
mütig zurückblicken auf die Zeit ihrer Abhän- Sie wollen dieses Glücksgefühl wieder erleben.
gigkeit. Obwohl Crystal sie fast zerstört hätte!
Meine erste Crystal-Patientin war eine OPZEIT: Sie sind Chefärztin am Fachkrankenhaus Krankenschwester, knapp 30 Jahre alt. Sie nahm
Großschweidnitz in der Lausitz, das spezialisiert Crystal, weil sie arbeiten und Party machen wollte.
ist auf psychische Krankheiten. Wann hatten Sie Bis morgens halb vier hat sie gefeiert, und um acht
Uhr stand sie pünktlich im OP. Diese Frau sagte
erstmals einen Crystal-Fall in der Klinik?
Farhat: 2002 war das. Obwohl ich schon sehr viel mir: Das war meine schönste Zeit. Wer Crystal
länger als Ärztin arbeite, schon seit Jahrzehnten nimmt, fühlt sich stark, klug; alles, was man tut,
mit Suchterkrankungen zu tun habe. Ich wusste, fühlt sich erfüllend an – selbst die banalste Aufgabe. Unter Crystal finden
dass Crystal schon im ZweiSie sogar Geschirrspülen erten Weltkrieg bei Soldaten
»Unter Crystal
hebend und berauschend.
eingesetzt worden war, dass
später in Tschechien frusZEIT: Wie ist das medizifinden Sie sogar
trierte 68er ihren Trost in
nisch zu erklären?
Geschirrspülen erhebend
dieser Droge gesucht hatten.
Farhat: Crystal zwingt den
Aber selbst vor 15 Jahren war
Körper, zehnmal mehr vom
und berauschend«
Crystal in unserem KrankenGlückshormon Dopamin
Loretta Farhat
haus noch ein Randthema.
auszuschütten, als er das
normalerweise tut.
ZEIT: Wie ging es nach dem
ersten Crystal-Fall weiter?
ZEIT: Wie lange dauert es, bis die Konsumenten
Farhat: Nach 2002 hatten wir jedes Jahr einige gesundheitliche Probleme bekommen?
wenige Crystal-Abhängige in der Klinik. Aber Farhat: Die Krankenschwester, von der ich er2010 stieg die Zahl plötzlich sprunghaft an. Der zählt habe, bekam nach einem halben Jahr HalDrogenmarkt wurde von billigem Crystal aus luzinationen. Sie sah und hörte Dinge und GeTschechien überschwemmt. Weil wir hier sehr stalten, die nicht da waren.
nah an der Grenze liegen, traf es unsere Region ZEIT: Was sind die häufigsten Nebenwirkungen?
sofort heftig. Seit 2014 betreuen wir jährlich zwi- Farhat: Nach einigen Monaten Konsum bekomschen 350 und 400 Crystal-Patienten. Und es men die meisten Konsumenten Hautentzündunwerden ja nur die schlimmsten Fälle bei uns ein- gen und Karies. Es ist kein Mythos, dass viele
gewiesen! Die Dunkelziffer kennen wir nicht. In schon binnen weniger Jahre ein lückenhaftes Geunserer Forensischen Klinik, in der süchtige Straf- biss haben. Hinzu kommen schlechte Leber- und
täter untergebracht sind, ist Crystal-Abhängigkeit Nierenwerte, Bluthochdruck, epileptische Aninzwischen die häufigste Erkrankung.
fälle. Die körperlichen Schäden können wirklich
ZEIT: 2014 gestand der Politiker Michael Hart- beträchtlich sein. Außerdem kommt es häufig zu
mann, Crystal konsumiert zu haben. Anfang die- Psychosen. Die Patienten leiden oft unter Wahnses Jahres wurde der Grüne Volker Beck mit einer vorstellungen. Es kam schon vor, dass ein KonDroge, mutmaßlich Crystal, erwischt. Überrascht sument aggressiv wurde und ein Messer zückte.
es Sie, dass sogar Spitzenpolitiker dazu greifen?
ZEIT: Es heißt, Crystal könne das Gehirn so sehr
Farhat: Bedauerlicherweise – nein. Viele würden schädigen, dass manche Patienten nie wieder
sich wundern, wer alles Crystal nimmt. Das sind selbstständig leben können. Stimmt das?
nicht nur Menschen aus problematischen Schich- Farhat: Ja, solche Fälle haben wir auch erlebt.
ten, sondern auch gut situierte Leute. Studenten, Wir konnten nichts anderes tun, als den Patienauch Selbstständige. Einer unserer Patienten, An- ten nach der Entgiftung einen Heimplatz zu verfang 30, war gerade dabei gewesen, seinen Meister mitteln. Das sind aber nur wenige Fälle. Psychozu machen und nebenbei den Betrieb der Eltern tische Symptome behandeln wir mit Neuroleptizu übernehmen. Er nutzte den Stoff, um sich ka – das sind Medikamente, die bei schizophrenachts um die Abrechnungen kümmern zu kön- nen Erkrankungen zum Einsatz kommen. Aber
nen. Crystal ist eine Droge für Menschen, die es gibt die Gefahr, dass die psychische Krankheit
mehr schaffen wollen, als sie können. Einige von sich verselbstständigt. Dass die Patienten also ein
ihnen haben nie zuvor Drogen konsumiert.
Leben lang darunter leiden.
ZEIT: Wie wirkt Crystal?
ZEIT: Es gibt diese Horrorbilder im Internet, die
Farhat: Crystal bedeutet, um es mal auf den Crystal-Opfer vor und nach ihrer Sucht zeigen.
Punkt zu bringen: mehr Arbeit, mehr Party, Wie realistisch sind diese Aufnahmen?
mehr Sex. Letzteres ist übrigens der große Unter- Farhat: Die Aufnahmen zeigen eine krassere Entschied zu Kokain. Langfristiger Kokaingenuss wicklung, als ich sie bei Patienten beobachtet
hemmt die Libido, Crystal steigert das sexuelle habe. Aber sie veranschaulichen, was tatsächlich
Verlangen permanent. Anfangs kann man feiern passiert, nämlich dass Crystal-Konsumenten viel
wie verrückt und arbeiten wie ein Held. Ein Pa- schneller altern als normal.
tient sagte mal: Mit Crystal hab ich Urlaub im ZEIT: Können Sie die meisten Patienten denn
Kopf. Alle Sorgen sind vergessen. Man hat weni- heilen – oder werden viele rückfällig?
ger Hunger, wird schlank, braucht wenig Schlaf. Farhat: Abhängig bleiben sie immer, genauso wie
Manche Patienten sagen, sie hätten bis zu zwei ein trockener Alkoholiker. Aber man kann lerWochen nicht geschlafen. Das muss später wie- nen, ohne die Droge zu leben. Heikler als die
der wettgemacht werden. Wenn die Patienten zu Entgiftung bei uns im Krankenhaus ist der Mouns kommen, schlafen sie oft erst einmal drei ment, in dem unsere Patienten wieder nach HauTage durch. Die Ruhe muss man ihnen dann se kommen, in ihr altes Umfeld, zu ihren alten
auch gönnen.
Freunden.
Oh, Bud, komm wieder!
ZEIT: Wo haben Ihre Patienten den Stoff ei-
gentlich her?
Farhat: Vom Vietnamesenmarkt an der tschechischen Grenze. Sie glauben nicht, wie einfach das
ist. Sie brauchen nur »Crystal« zu sagen oder ein
Schnupf-Zeichen zu machen, dann bekommen
sie es. Eine Nachbarin von mir, 75 Jahre alt, war
kürzlich auf so einem Markt. Mit Drogen hat sie
nicht das Geringste zu tun. Selbst ihr wurde
Crystal angeboten – einfach so. Das Zeug hat
einen erstaunlichen Reinheitsgrad. Das heißt, es
muss sehr professionell, fast industriell hergestellt
werden. Ich frage mich: Wann gehen die tschechischen Behörden aktiver dagegen vor?
ZEIT: Ist Crystal also auch deshalb so billig, weil
es industriell gefertigt wird?
Farhat: Offensichtlich ja. Wenn Sie es an der
Grenze kaufen, sozusagen fast beim Erzeuger,
dann kostet ein Gramm mitunter weniger als 20
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Euro. Ein Anfänger konsumiert pro Dosis gerade
einmal 0,1 Gramm. In Berlin kostet das Gramm
schon mindestens das Fünffache. Der Profit ist
verrückt. Ein Dealer kann damit locker mehr als
10 000 Euro pro Monat verdienen.
ZEIT: Hat es eigentlich eine Wirkung auf Ihre
Arbeit, auf Ihre Patienten, wenn ein Bundestagsabgeordneter mit Crystal erwischt wird?
Farhat: Ja, und zwar eine fatale. Unsere Patienten
sagen natürlich: Wenn sogar der das nimmt,
kann es ja nicht so schlimm sein. Ich erwarte,
dass Politiker, die weitreichende Entscheidungen
treffen, kein Suchtproblem haben und nicht zugedröhnt sind. Wenn ein Arzt Kettenraucher ist,
dann wird das in der Bevölkerung auch kritisch
gesehen. Aus meiner Sicht nachvollziehbar.
Die Fragen stellten
Anne Hähnig und Martin Machowecz
Was wäre nicht alles zu berichten in diesen Tagen ...
Die Isländer, die als kleines gallisches Dorf Geschichte schreiben, Schüsse und Tote und Schwerverletzte
auf unserer Eisenbahnstraße in L., Syndikate, die sich
bekriegen – auch eine Art von Kapitalismus. Dann
Sebnitz, immer Sebnitz, dafür ist Chemie Leipzig aufgestiegen (damit hat die Stadt L. diesen Sommer drei
Fußballaufsteiger, RB, Lok und Chemie, der Bürgermeister war aber nur bei RB ... auch eine Art von
Kapitalismus). Aber was soll man weiter lamentieren,
wenn der große Bud Spencer von uns gegangen ist.
Natürlich lebt er ewig, der Bomber, der Himmelhund, der vom Affen Gebissene, der Banana Joe, der bereits vor 89/90 das Land vereinte, im Osten wie im Westen Millionen Kindheiten
begleitete. Schlangen vor den
Kinos und leere Spielplätze,
wenn Bud im Kino oder im
Fernsehen zuschlug, oft mit Clemens Meyer,
Unterstützung von Terence geboren 1977,
Hill, das Krokodil und sein Schriftsteller, lebt
Nilpferd. Der gute alte im Osten Leipzigs
Dampfhammer oder die
Doppelhandbackpfeife waren
immer eine Lösung. Ein westdeutscher Kollege erzählte mir, wie er als Kind mit Kassettenrekorder die
Filme auf Audiokassette bannte. »Genau wie ich«,
antwortete ich. Gestorben wurde in diesen Filmen
selten. Und schon gar nicht, wenn man jemandem
mit einem »Vorschlaghammer einen Scheitel zog«.
Gute alte, politisch unkorrekte Prügel-Action mit
Humor! Oh, Bud, du alter Ganovenschreck, komm
wieder und erlöse uns von der Dummheit, der Netzhörigkeit, den Syndikaten und den raffgierigen Kapitalisten! Buds Dampfhammer unterschied weder
nach Rassen noch nach Klassen, er predigte die Demut vor dieser höheren Gewalt! Man lachte befreit.
Einmal sah ich den Meister, als er kurz nach der
Wende im Capitol Leipzig (in diesem Kleinod ist jetzt
ein Schuhladen drin, Dank an die Stadt!) seinen
neuesten Film vorstellte. Da stand er vor mir, leibhaftig, und gab mir ein Autogramm. Danke, Bud.
LEXIKON
Hirschkäfererfassung, die. Zählung des Vorkommens eines bedrohten Insekts, des Hirschkäfers (Lucanus cervus). Wie der Landesbetrieb Forst Brandenburg mitteilt, gebe es auch dieses Jahr einen »Aufruf
zur landesweiten Hirschkäfererfassung«. Wer »diese
durchaus imposante Käferart« erspähe, möge seinen
Fund unter www.hirschkaefer-suche.de melden. Vorab könne man sich in der »Hirschkäfer-Erlebniswelt«
der Oberförsterei Königs Wusterhausen über das Tier
informieren, das vor allem im »Totholz« zu Hause sei.
Ein Hirschkäfer könnte also jeden Augenblick über
diese Zeitungsseite laufen.
MAC
12 ZEIT IM OSTEN
30. J U N I 2016
ZEITGEIST
Hello Muslime!
Ein
Warum in Amerika keine Parallelwelten
entstehen und Integration funktioniert
Der Einreisestopp für Muslime ist ein Trump-Klassiker; nach Orlando hat er nun jene drei Millionen
aufs Korn genommen, die bereits in Amerika leben: »Die assimilieren sich nicht wirklich. Und ich
rede über die zweite und dritte Generation.«
Wie die meisten seiner Sprüche ist auch dieser
falsch. Wie misst man Assimilation? Man vergleiche
die Sitten und Gebräuche der Neuen mit denen des
Rests der Republik. Siehe da: Die Muslime sind so
amerikanisch wie alle anderen. Ebenso viele – drei
Viertel – trennen Müll. Sie verbringen fast genauso
viel Zeit vor dem Fernseher. Und fast sechs von
zehn sind in den Sozialen Netzwerken unterwegs
– in der Gesamtbevölkerung sind es nur 44 Prozent.
Es wird noch besser. Muslime sind zufriedener
mit Amerika: Gut sechs von zehn meinen, dass »es
gut läuft« in der neuen Heimat, was nur 23 Prozent der
Bürger insgesamt glauben
(Pew Research Center, A Portrait of Muslim Americans).
Eine frühere Pew-Studie
(2007) wirft ein Schlaglicht
auf die Kluft zwischen Amerika und Europa. Entschieden
Josef Joffe
mehr US- als Euro-Muslime
ist Herausgeber
bekunden, es gehe Frauen in
der ZEIT
der neuen Heimat besser als
in der alten. Das Gefühl der Nichtzugehörigkeit teilt
weniger als die Hälfte; in Europa sind es zwei Drittel.
Assimilation heißt: Ich will Amerikaner werden! Auf der Patriotismus-Skala liegen Muslime
vor allen anderen Einwanderern. Von diesen beantragen nur 50 Prozent die Staatsbürgerschaft,
bei den Muslimen sind es 70. Trump weiß also
nicht, wovon er redet.
Warum die Integration in den USA so gut funktioniert, dafür gibt es drei Gründe. Erstens: Selbstselektion. Aus der islamischen Welt gehen viele nach
Amerika, um dort zu studieren (und zu bleiben); als
Gruppe sind sie besser ausgebildet als etwa Türken
in Deutschland oder Algerier in Frankreich. Die Einkommen belegen das. Der Anteil jener, die 100 000
Dollar oder mehr melden, ist fast so hoch wie unter
den Alteingesessenen. Dramatisch ungleicher geht es
dagegen in Europa zu.
Zweitens: nationale Vielfalt der Neuen. Anders
als in Europa, wo jeweils eine Nationalität dominiert, etwa Marokkaner in Belgien, kommen Amerikas Muslime aus achtzig Ländern – von Indien
über Iran bis Ägypten, unterteilt in unzählige Sekten. Das Gemisch stärkt den Druck aufs gedeihliche Zusammenleben. Parallelwelten wie in Molenbeek werden hier rasch aufgesogen.
Drittens: religiöse Toleranz (oder besser: Indifferenz) auf beiden Seiten. Amerika kennt keine
Staatsreligion; jeder kann nach seiner Fasson selig
werden, sich sein Gotteshaus bauen. Unter den
Muslimen sorgt die chaotische Sektenvielfalt dafür, dass sich die Gläubigen untereinander sowie
mit Christen und Juden vertragen müssen. Der
Moschee-Architekt Chris McCoy bringt’s auf den
Punkt: »Es geht nicht darum, ob die Kuppel nach
saudischem oder indischem Muster gebaut wird,
sondern darum, ob man sich überhaupt eine Kuppel leisten kann.« Geld schlägt Gott.
Wie gut die Assimilation läuft, zeigen auch die
hässlicheren Statistiken. Die Harvard-Soziologin
Mary Waters notiert: »Amerikaner zu werden heißt,
weniger Sport zu treiben, fetter und straffälliger zu
werden.« Herzkrankheiten und Scheidungsraten
passen sich in der zweiten Generation ebenfalls an.
Der Schmelztiegel funktioniert also im Guten wie
im Schlechten – wie einst für Deutsche, Iren, Polen
und Juden. Bloß sind dem Demagogen Zahlen und
Trends egal.
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großer Teil
der Deutschen hegt
ausländerfeindliche
Gedanken*
* Oder stimmt das gar nicht? Die Rechtsextremismus-Studie
der Uni Leipzig ist in die Kritik geraten.
Besuch bei einem Forscher, der sich gegen den Vorwurf wehrt,
der Mitte der Gesellschaft zu heftige Ressentiments zu unterstellen
VON ANIK A KRELLER
O
liver Decker besitzt keine
Yuccapalme. Irgendwie
möchte man das einmal
festhalten. Auf dem Blog
Tichys Einblick stellt sich
ein Autor, der die Arbeit
des Forschers Oliver Decker kritisiert, nämlich vor, dass vermutlich eine
Yuccapalme in Deckers Institut an der Uni Leipzig stehe und dass der Soziologe und seine Kollegen an »abgewetzten Resopaltischen in aufgeräumten Instituten mit diesen hochfrequentierten Rauchereckchen« säßen. Dass sie also, kurzum, irgendwie links-grüne, weltfremde Menschen seien. Deckers Studie, liest man in dem
Blog-Eintrag, sei nichts als eine »pseudowissenschaftliche Ausarbeitung«.
Das sind harte Worte – und das sind nur einige
wenige der vielen heftigen Sätze, die Oliver Decker
in der vergangenen Woche über sich lesen durfte.
Denn der Extremismus-Forscher und seine Kollegen
von der Universität Leipzig haben wieder ihre
»Mitte«-Studie veröffentlicht, in der sie rechtsextreme
Einstellungen in Deutschland untersuchen. Sie tun
das alle zwei Jahre, insgesamt seit nun 14 Jahren. Die
Studie wird stets breit diskutiert. Aber diesmal war
etwas anders als sonst. »Dass so heftige Kritik
kommt, hat keiner erwartet«, sagt Decker. Er ist mit
einer Studie, die er im Grunde in alter Routine angefertigt hat, in politischste Zeiten geraten.
Decker ist Vorstand und Sprecher des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Uni Leipzig. Im Kern beschäftigt sich seine Mitte-Studie mit der Frage, wie
weit Ressentiments und Vorurteile in die Mitte der
Gesellschaft hineinragen. Und da haben sich die
Ergebnisse, zu denen Decker und sein Team kommen, in den vergangenen Jahren kaum geändert.
Zum Beispiel gehört es zu den Ergebnissen seiner
Untersuchung, dass sich jeder zehnte Deutsche eine
Führer-Figur wünsche, die das Land mit starker
Hand regiert – was nach nicht allzu viel klingt. Oder
dass knapp ein Viertel der jungen Ostdeutschen ausländerfeindlichen Tendenzen nachhänge – was
schon schlimmer klingt. Oder dass 50 Prozent der
Befragten sich angesichts vieler Muslime manchmal
wie Fremde im eigenen Land fühlten – zum Ver- terin Kristina Schröder, die FAZ habe »ziemlich
gleich: 2014 hatte diese Zahl noch bei 43 Prozent cool« die Mitte-Studie »zerlegt«.
gelegen. Ist das jetzt ein Beleg für eine »enthemmte
Ein zentraler Vorwurf: Die Studie sei purer AlarMitte«, stützt das also den plakativen Titel von mismus. »Ein Bärendienst für die Glaubwürdigkeit
Deckers Studie? Oder bedeutet so eine Aussage allein des Journalismus« sei es gewesen, Deckers Ergebnisse ungeprüft weiterzuverbreiten, kommentiert
noch gar nichts?
Anfangs, am Tag der Veröffentlichung der Studie, der Medien-Branchendienst Kress, »denn ein genauesind sich die Zeitungen und TV-Stationen weitge- rer Blick auf die Untersuchung zeigt: Sie hält bei
hend einig: Das Medienecho ist groß, die Unter- Weitem nicht, was sie verspricht.«
Decker sieht gelassen aus, wenn man ihn dasuchung schafft es bis in die Tagesschau. Die Leipziger Forscher kommen unter anderem zu dem rauf anspricht. Aber er sagt auch, dass ihn die Art
Schluss, dass zwar der Anteil von Menschen mit und Weise der Kritik geärgert habe.
Tatsächlich war die Titelwahl der Studie nicht
einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild auf
niedrigem Niveau verharrt – dass es jedoch rechts- ganz glücklich. Denn die Wissenschaftler beziehen
extrem eingestellte Gruppen gibt, die Gewalt als sich damit nur auf ein Teilergebnis ihrer recht umMittel der Interessendurchsetzung deutlich stärker fangreichen Untersuchung. »Man kann durchaus
befürworten als bei der letzten Erhesagen, dass der Titel nicht sehr leise dabung. Decker sagt, gerade dieses Resulherkommt«, sagt Decker. Aber er sei getats wegen habe er sich zu dem Titel Die
deckt durch den Befund, dass es in beenthemmte Mitte entschlossen. Spiegel
stimmten Bevölkerungsgruppen durchOnline stellt die Studie unter der plakaaus eine Radikalisierung gebe. Dass sich
tiven Überschrift Deutschlands hässliche
die Kritik am Begriff der Mitte entFratze vor.
facht, wundert ihn nicht. »Die Mitte
hat eine hohe ideologische Bedeutung
Dann plötzlich dreht sich der Wind.
Zuerst meldet sich in einem Radiointerin Deutschland«, sagt Decker. »Die Idee
Oliver Decker,
view der Politologe Klaus Schroeder von Soziologe, leitet die ist immer, dass es die Mitte gebe, die den
der FU Berlin zu Wort. Er bezeichnet
Hort bilde, der die Demokratie vor den
»Mitte«-Studien
Deckers Ergebnisse als »belanglos«, der
Extremen verteidigt.« Er habe schon
der Uni Leipzig
reißerische Titel sei völlig ungerechtimmer gesagt: »Das stimmt so nicht«,
fertigt: Denn nur ein einstelliger Bevöldenn: »Die Mitte selbst ist etwas Hochkerungsanteil stimme in Deckers Studie
fragiles.« Die Debatte um den Titel der
den meisten rechtsextremistischen Thesen zu, die Studie, um ihre Interpretation, kann er dabei verMitte drifte nicht nach rechts. Schroeder kanzelt stehen. Was ihn wirklich wurmt: dass seine Kritiker
auch die Methodik von Deckers Forschung ab. den Eindruck erwecken, die Studie sei insgesamt
Häufig seien die Fragen suggestiv gestellt. Schroeder unhaltbar und voller Mängel. Dass Decker und
unterstellt indirekt, dass die Leipziger ein bestimm- seine Kollegen fragwürdige Methoden angewandt,
tes Ziel vor Augen gehabt haben: die Mitte der unwissenschaftlich und unsauber gearbeitet hätten.
Gesellschaft in finsteren Farben zu zeichnen.
Dabei sei, sagt Decker, insbesondere ein Vorwurf
In den Tagen darauf kassiert Decker nun kriti- völlig unhaltbar: der, dass die Fragen zu suggestiv
sche Kommentare, unter anderem in der Welt. In seien. Decker und sein Team hatten den mehr als
der FAZ erscheint ein Text, der sich besonders ent- 2000 Studienteilnehmern verschiedene Aussagen
schieden gegen die Leipziger Forscher richtet: Die vorgelegt. Die konnten die Teilnehmer auf einer
enthemmten Wissenschaftler. Darin heißt es: »Leip- fünfstufigen Skala bewerten, von »lehne völlig ab«
ziger Forscher sehen die deutsche Gesellschaft alle bis »stimme voll und ganz zu«. Darunter etwa: »Was
zwei Jahre am Rande des Faschismus.« Auf Twitter unser Land heute braucht, ist ein hartes und energibewundert CDU-Politikerin und Ex-Familienminis- sches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber
dem Ausland.« Oder: »Die Ausländer kommen nur
hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen.« Nicht
jeder, der hier zustimme, sei gleich rechtsextrem,
empörte sich Klaus Schroeder. Da gibt Decker ihm
auch recht. »Deshalb«, sagt Decker, »ordnen wir
auch nur Menschen als rechtsextrem ein, die allen
18 Aussagen, die wir ihnen dazu vorgelegt haben,
zustimmen.« Zudem sei der Fragebogen zu den
rechtsextremen Einstellungen 2001 auf einer Konferenz mehrerer Politikwissenschaftler verschiedenster deutscher Hochschulen entwickelt und auf seine
Aussagekraft hin getestet worden. Decker hat ihn
sich nicht willkürlich überlegt. Unter den Teilnehmern dieser Konferenz waren so honorige Leute wie
Jürgen Falter, einer der bekanntesten Parteienforscher – und Doktorvater von Kristina Schröder, die
sich auf Twitter so empörte. Klaus Schroeder, einer
der heftigsten Kritiker, hat sich in seiner Forschung
zum Linksextremismus außerdem einer ganz ähnlichen Fragebogentechnik bedient, nur mit anderen
Aussagen. Decker bleibt also dabei: »Methodisch
bietet die Studie keine Angriffsfläche«, sagt er.
In der Interpretation aber vielleicht schon. Weil
die Studie unter anderem von der linken RosaLuxemburg-Stiftung und der grünen Heinrich-BöllStiftung finanziert wird, hat sich Decker zudem den
Vorwurf eingehandelt, er müsse ja wohl eine politische Agenda verfolgen. »Wir sind frei von Einflüssen bei der Erstellung der Studie«, sagt Decker
dazu, »es ist unsere Sache, wie wir auswerten, welche
Hypothesen wir prüfen, welches Design wir wählen.« Eine so aufwendige Studie komme ohne CoFinanzierung nicht aus.
Vielleicht handelt es sich bei der Kritik an Deckers Studie deshalb im Kern um einen Streit über
etwas ganz anderes: Wie geht man damit um, dass
sich politische Einstellungen verändern – und wo
beginnen Einstellungen, extrem zu sein? Wenn jene
Parteien goldene Zeiten erleben, die einfache Erklärungen anbieten, könnte diese Debatte gar nicht
so falsch sein. Wenn Menschen zu Pegida gehen,
Politiker bepöbeln, AfD wählen – ist eine differenzierte Diskussion über »die Mitte« dann nicht gerade wichtig? Denn wenn die Mitte schon nicht
enthemmt ist – dann ist sie doch zumindest tief
verunsichert.
Foto: Kay Nietfeld/dpa
Foto: Larry Fiebert
VON JOSEF JOFFE
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30. J U N I 2 0 1 6
D I E Z E I T No 2 8
HAMBURG
1
H
Foto: Frank Egel (aus der Reihe „cAtCh oF tHe dAy“, www.frank-egel.tumblr.com)
Jeden Tag ZEIT für Hamburg:
www.zeit.de/elbvertiefung
Das ist doch mal eine Hamburg-Perspektive!
Lasst die Stadt im Regen stehen
Hamburg wächst und wächst, die Aussichten sind prächtig. Das ist keine gute Nachricht
V
on Hamburg aus gesehen, ist
ein Ratschlag aus London ein
Rat aus der Zukunft. Hier ist er:
Machen Sie Ihre Stadt weniger
attraktiv!
Hamburg, die wachsende
Stadt, alles wird größer, neuer,
wichtiger – muss man das als Einheimischer nicht
begrüßen? Was gibt es Tolleres, als da zu leben,
wo es so viele andere hinzieht? Nun, mehr, als es
auf den ersten Blick scheint. Wer sich für die nähere Zukunft interessiert, der blicke nach München, wo die Miet- und Wohnungspreise den
hiesigen um ungefähr sechs Jahre vorauseilen.
Studenten zu dritt in einem Zimmer, Ältere, die
wegziehen, weil die Renten mit den Mieten nicht
Schritt halten – darauf sollten wir uns einstellen.
Die ferne Zukunft aber könnte dem heutigen
London ähneln, der Stadt der Zwangs-WGs, der
Vielbettzimmer im Souterrain und der Alleinerziehenden mit Vollzeitjobs – und neuerdings
der Hauptstadt des Brexit. Darum hier, mit der
Autorität einer Londoner Expertin, die dort seit
Jahrzehnten den Wohnungsmarkt analysiert und
an der renommierten London School of Economics lehrt, ein Hinweis.
Es gebe, sagt Kathleen Scanlon von der LSE,
genau drei Wege, die Wohnungskosten zu senken: das Angebot erhöhen. Den Markt regulieren. Die Nachfrage verringern.
Das Angebot erhöhen, das heißt bauen. Hamburg tut es, London tut es. Hamburg will zehntausend neue Wohnungen im Jahr, das fünfmal
so große London will 50 000 im Jahr. In beiden
Städten streiten sie um die Frage, wo das möglich
sein soll, und in beiden wissen die Fachleute, dass
es am Ende an allem fehlen wird: am Platz, an der
Akzeptanz neuer Bauvorhaben in der je eigenen
Nachbarschaft, an der Bereitschaft, zur Not auch
Grünflächen zu opfern.
Regulieren, das können sie in Deutschland
besser als in Großbritannien. Die Mietpreisbremse dient der Regulierung, ebenso der soziale Wohnungsbau mit seinen Preisbindungen. Kann man
sich mehr davon vorstellen? Natürlich. Kann
man es durchsetzen? Fraglich.
Bleibt der dritte Weg. Wie verringert man die
Nachfrage nach Wohnraum in einer Stadt wie
Hamburg?
Um sich dem Problem anzunähern, muss man
die Deutschlandkarte so betrachten, wie das
Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos es tut: als
Nebeneinander wachsender und schrumpfender
Regionen, die Investoren unterschiedliche Chancen bieten. Was dann sichtbar wird, sind die
Zonen des Wachstums im Süden, um München,
Stuttgart, Frankfurt. Im übergroßen Rest des
Landes aber, zwischen Köln und Frankfurt an der
Oder, zwischen Emden, Rügen und Flensburg,
ragt ein einziger Wirtschaftsstandort weit über
alle anderen hinaus: Hamburg.
Berlin? Für Investoren ähnlich attraktiv wie
die Gegend um Bad Segeberg. Hannover? Schon
besser, könnte mit dem Kreis Stormarn mithalten. Bremen, Kiel, Lübeck, das Ruhrgebiet –
wirtschaftlich gesehen, nicht der Rede wert.
Wenn die Karte von Prognos, die ausdrücklich als »Zukunftsatlas« zu verstehen ist, dem
Geld als Wegweiser dient, dann wird Hamburg
in einer Region von der Größe Englands in
ähnlicher Weise das Kapital aufsaugen, wie London es dort tut. Geld erzeugt Chancen, Chancen
ziehen Menschen an, Menschen müssen irgendwo wohnen.
Zu denen, die aus wirtschaftlichen Gründen
kommen, gesellen sich andere: Migranten ziehen
Migranten an und junge Leute junge Leute. Den
Familiennachzug der Bürgerkriegsopfer, die
Hamburg in diesen Monaten aufnimmt, kann
die Politik verzögern, aber nicht verhindern,
ebenso den Zuzug jener Flüchtlinge, die einstweilen noch durch Wohnsitzauflagen aus den
Ballungsräumen ferngehalten werden. Und dann
sind da die Studenten: Sieben Bewerber kommen
auf jeden Studienplatz in Hamburg, was vermutlich mehr an der Stadt liegt als an den hiesigen
Hochschulen.
Wie macht man Hamburg weniger attraktiv?
Vielleicht hilft es, die Frage anders zu formulieren: Wie macht man andere Regionen weniger
unattraktiv – und dämmt so den Strom der Zuwanderer ein? Das, könnte man entgegnen, ist
nicht Aufgabe der Hamburger Politik. Aber in
dieser Antwort liegt so viel Beschränktheit, dass
sie selbst ein Teil des Problems ist.
Da ist zum Beispiel der jüngste Streit um die
sogenannte Exzellenzinitiative des Bundes für die
Hochschulen. Hamburg hat einen Konflikt mit
sämtlichen anderen Ländern vom Zaun gebrochen, um zu erreichen, dass möglichst viele
Universitäten, und damit auch die eigene, sich
irgendwann das begehrte Etikett aufkleben können. Das entwertet zwar die Exzellenzinitiative,
aber es stärkt die eigene Position gegenüber den
anderen Hochschulstandorten, die aus Hamburger Perspektive offenbar nur eines sein können, Konkurrenten.
Man hätte an diesen Konflikt auch anders herangehen können. Die Bremer Universität ist
eher leistungsfähiger als die Hamburger, Lübeck
hat auch einiges zu bieten, die Hochschulen hätten sich gemeinsam um die begehrte Förderung
bewerben können. Aus Hamburger Sicht hat das
Land die eigenen Interessen vertreten. Aber ist
diese Mischung aus kindlichem Lokalpatriotismus und Wir-geben-nichts-Mentalität einer
Stadt angemessen, die noch auf Jahre hinaus
mehr Menschen anziehen dürfte, als sie unterbringen kann?
Oder die Elbvertiefung. Im jahrzehntelangen
Streit um das Für und Wider gibt es eine Konstante: Niemand in Hamburg bestreitet, dass es
unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gut wäre,
möglichst viele Arbeitsplätze und Gewerbesteuerzahler in der Stadt zu halten. Ist das wirklich so?
Es wäre für die Hamburger ein Leichtes, auf eine
Partnerschaft mit Wilhelmshaven und seinem
Tiefwasserhafen zu setzen, einer besonders unglücklichen Region zu neuen Chancen zu verhelfen und nebenbei etwas Bevölkerungsdruck
von der eigenen Stadt zu nehmen. Wenn sie es
denn wollten.
Schließlich, aber das ist nun schon ein Vorschlag für Fortgeschrittene im Diskurs um die zu
schnell wachsende Stadt, kommen Experten mit
erstaunlicher Beharrlichkeit alle paar Jahre auf
einen alten Vorschlag zurück, nämlich die Vereinigung der norddeutschen Bundesländer zu einem Nordstaat. Natürlich wird das nie geschehen. Die realistische Variante, die sich längst
durchgesetzt hat, ist der Ausbau der Zusammenarbeit zwischen den Ländern, zuletzt im Bereich
des Strafvollzugs. Diese Kooperation könnte eine
klare Richtung bekommen: die der Verlagerung
von Institutionen aus Hamburg in die Nachbarländer. Hamburg würde dabei Platz gewinnen,
andere Städte Arbeitsplätze und neue Einwohner,
VON FR ANK DRIESCHNER
und wirtschaftlich rechnete es sich ohnehin. »Nahezu alle hoheitlichen Aufgaben ließen sich zusammen
besser und billiger erledigen als in getrennt vorgehenden Bundesländern«, schrieben vor wenigen
Jahren zwei Forscher des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts – das freilich auch nicht auf ewig in
Hamburg bleiben müsste. Und, da wir dabei sind:
Warum muss sich die Zentrale des Vier-LänderSenders NDR in Hamburg befinden?
Dies ist vielleicht der Punkt, an dem das Gedankenexperiment abgebrochen werden muss, damit es
nicht eine Denkblockade auslöst.
In London hat ein erster Versuch, die Attraktivität der Stadt zu verringern, wenig erreicht. Zeitweise
hätten Ministerien Abteilungen in andere Städte
ausgelagert, berichtet die Wohnungsmarktexpertin
Scanlon. Das Vorhaben endete an der jeweiligen
Leitungsebene, deren gewöhnlich einflussreiches
Personal Gründe oder Vorwände fand, in London
zu bleiben. Die jüngsten britischen Bemühungen
um eine weniger attraktive Hauptstadt, denn auch
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so lässt sich der Brexit natürlich deuten, haben gerade begonnen – und werde, wie eine zutiefst schockierte Kathleen Scanlon meint, ihr Ziel womöglich
erreichen: Schon gehen in London die ersten Gerüchte über abgesagte Transaktionen auf dem Wohnungsmarkt um.
Am Ende aber, glaubt die Expertin, sei mit Politik auf diesem Feld ohnehin nur wenig zu erreichen.
Wenn das stimmt, dann bleiben uns Hamburgern
noch Jahre, uns auf Londoner Verhältnisse einzustellen: auf Enge und Wohnungsarmut, auf Kinder ohne Kinderzimmer und Erwachsene, die ihren
Kinderzimmern nicht entwachsen. Und natürlich
auf Wahlkämpfe im Zeichen der housing crisis, die
wir demnächst mal ins Deutsche übersetzen sollten.
Wohnungsnot, das klingt nach individuellem
Unglück, als ginge es hier nicht um eine gesellschaftliche Krise.
Ein Grund mehr, rechtzeitig zu überlegen, ob
Hamburg nicht zu attraktiv ist. Attraktiver jedenfalls, als es uns, den Einheimischen, guttut.
2 HAMBURG
H
30. J U N I 2016
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Hamburg
in einem Satz
Der grüne
Justizsenator
Till Steffen setzt
Reformen um –
merkt nur keiner
Warum lang, wenn es auch kurz geht?
Was die Stadt in dieser Woche bewegt hat
KOMMENTARE
Ganz recht!
Ein politischer Paukenschlag:
Die Justiz weist den Staatsanwälten eine neue Rolle zu
S
elten hat eine tief greifende Reform – zudem in einer Behörde, die im Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit steht – so wenig
Aufsehen hervorgerufen wie die jüngsten Änderungen bei der Hamburger Staatsanwaltschaft.
Aus Weisungsempfängern, die im Gerichtssaal
wenig zu sagen haben außer dem, was Vorgesetzte ihnen auftragen, werden autonome Juristen
mit eigenem Urteil, wie es Richter auch sind. Ein
solcher Kulturwandel ist ein justizpolitischer
Paukenschlag. Seltsamerweise ist er weitgehend
ungehört verhallt, weil eine triviale Nachricht,
nämlich die Einstellung zusätzlicher Polizisten
und Staatsanwälte, die gesamte öffentliche Aufmerksamkeit beansprucht, die das Land für
Fragen der inneren Sicherheit aufbringen kann.
Natürlich sind 300 neue Polizisten und zwölf
neue Jobs bei der Staatsanwaltschaft eine wichtige
Nachricht, diese Einstellungsoffensive ist allerdings
auch vollkommen unumstritten. Mehr vom Gleichen aber gibt es darum nicht – sondern etwas
Neues: Staatsanwälte, die mitreden und mitdenken und dazu auch ausdrücklich aufgefordert
sind. Und eine Behördenleitung, die ihren Unter-
gebenen nicht nur Anweisungen übermittelt,
sondern gehalten ist, mit ihnen zu sprechen, ehe
sie sich ein Urteil bildet.
Klingt selbstverständlich? War aber bis vor
Kurzem hoch umstritten. »Reorganisation und
Modernisierung der Staatsanwaltschaften«: Unter diesem Titel hatte eine Expertengruppe seit
2013 Reformvorschläge erarbeitet, denen jahrelang wenig folgte. Der Grüne Till Steffen, seit
Anfang 2015 zum zweiten Mal Justizsenator,
gibt der Reformbewegung nun Gelegenheit,
ihre Vorschläge umzusetzen.
Es ist auch höchste Zeit. Die Staatsanwaltschaft, so steht es in deprimierender Deutlichkeit in dem Bericht zur neuen Arbeitsweise,
verfüge »derzeit weder über eine angemessene
Personal- noch Sachausstattung« und könne
»ihre gesetzlichen Aufgaben somit in vielen Bereichen nicht hinreichend erfüllen«.
Die neuen Stellen werden helfen, ebenso der
Umstand, dass die Ankläger nun weniger Zeit
für das interne Berichtswesen aufbringen müssen. Der justizpolitische Fortschritt ist auch einer Notlage geschuldet.
FR ANK DRIESCHNER
Richtig draußen
S
ind Sie in letzter Zeit mal vom Hauptbahnhof zum Rathaus gelaufen, morgens vor
Ladenöffnung oder abends nach Ladenschluss? In dieser Zeit campieren Obdachlose an
jeder zweiten Ecke. Die Menschen liegen am
Bahnhof, in den Eingängen der Geschäfte rund
um die Mönckebergstraße und in den kleinen
Gassen hinterm Rathaus.
Es ist ein trauriger Eindruck, der sich statistisch bestätigen lässt: Seit der letzten Zählung
2009 hat sich die Zahl der Obdachlosen in
Hamburg Schätzungen zufolge auf 2000 verdoppelt. Teils kursieren noch deutlich höhere
Zahlen.
Und wer mit Sozialarbeitern spricht, hört
nicht nur einmal: So schlimm war die Situation
noch nie, so viele Menschen, für die wir nichts
tun können, gab es nie zuvor. Es herrscht ein
Elend, das selbst für Profis kaum noch zu ertragen ist.
Hamburg, das haben gerade die vergangenen
Wochen gezeigt, hat kein tragfähiges Konzept,
um mit dieser Tendenz umzugehen. Am Nobistor räumte das Ordnungsamt einen Park, in dem
Obdachlose campierten. Eine nachvollziehbare
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Aktion, viele der Menschen dort waren daueralkoholisiert, bettelten aggressiv, nicht weit entfernt von einem Spielplatz. Trotzdem fragt man
sich, wo die Menschen hinsollen, wenn sie nicht
mehr in Parks schlafen dürfen.
Unter Obdachlosen gibt es seit Monaten eine
Debatte um eine Frage, die alles andere als politisch korrekt ist: Warum war für Flüchtlinge in
kurzer Zeit so viel möglich, während wir weiter
auf der Straße bleiben? Das ist in vielerlei Hinsicht ein schiefer Vergleich. Die Stadt tut auch
eine Menge für Wohnungslose.
In einem Punkt stellt sich die Frage aber
durchaus: im Hinblick auf die Notunterkünfte.
Mit beeindruckendem Improvisationstalent hat
es der Senat geschafft, dass Flüchtlinge in Hamburg nicht auf der Straße schlafen müssen. Für
Hamburgs Obdachlose hingegen gibt es zurzeit
gerade einmal gut 400 Notunterkünfte – das
reicht bei Weitem nicht.
Der Eindruck drängt sich auf: Es ist in Sachen Wohnungslosigkeit längst nicht mehr mit
ein wenig mehr Unterstützung hier und da getan. Der Senat braucht einen Plan, und zwar
dringend.
S E BASTIAN KE MPKE N S
Fotos: Lucas Wahl/Kollektiv25/Agentur Focus (l.); Axel Heimken/dpa (r.)
Immer mehr Obdachlose in der Stadt.
Wie lange will der Senat noch wegsehen?
Ausgezeichnet: Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat die offizielle Urkunde vorbeigebracht, mit
der die Unesco die Speicherstadt und das Kontorhausviertel zum Weltkulturerbe erklärt Ausgerechnet:
Die Stadt will ihre Ausgaben von 2017 an ohne neue
Schulden finanzieren, trotzdem soll es mehr Geld
zum Beispiel für die innere Sicherheit geben Ausgerückt: Wegen starker Gewitter war die Feuerwehr
am Wochenende mehr als hundert Mal im Einsatz
Ausgehandelt: Senat und Bezirke haben eine Vereinbarung unterzeichnet, in den nächsten vier Jahren
280 Kilometer neue Fahrradwege zu bauen Ausgemessen: Die Abschlussparade der Harley Days am
Wochenende war lauter als der Lärm eines Presslufthammers aus kurzer Entfernung, hat der Nabu mitgeteilt Ausgeführt: Nach dem Tod des einjährigen
Taylor im Dezember hat die Staatsanwaltschaft nun
gegen den ehemaligen Freund der Mutter Anklage
erhoben, der das Baby zu Tode geschüttelt haben soll
Ausgegrenzt: Laut aktuellen Zahlen des Statistikamts Nord sind nur 44 Prozent der Hamburger in
der Stadt geboren, der Rest wird als Quiddjes belächelt und gehört nach strenger Auslegung nicht
hier her Und der Polizeibericht: Auf St. Pauli fahndet die Polizei nach fünf Männern, die am Freitag
vor zwei Wochen eine junge Frau von ihrem Fahrrad
stießen und sie begrapschten; in Harburg haben Beamte einen 21-jährigen Serben festgenommen, der
in einer Familienfehde einen Landsmann erschossen
haben soll; und in St. Georg hat Polizeihund Akfa
einen 17-jährigen Fahrraddieb geschnappt
Aktuelle Meldungen unter www.zeit.de/hamburg
WARUM FUNKTIONIERT DAS NICHT?
Wieso senkt man die
Eintrittspreise in den
Museen nicht?
... fragt Yasmin Sabri
aus Eimsbüttel
D
ie Kunsthalle hat es vorgemacht: Sie
öffnete nach anderthalb Jahren Umbauzeit im Mai wieder – und nahm einen
Monat lang keinen Eintritt; den übernahm
Alexander Ottos Firma ECE. Das Resultat: Der
Mai, schwärmte Direktor Hubertus Gaßner, »war
einer der besucherstärksten Monate in einem
deutschen Kunstmuseum überhaupt«. 205 000
Menschen sahen sich die Werke von der
mittelalterlichen Malerei bis hin zur Gegenwart
an. Das habe »alle Erwartungen übertroffen!«,
sagte Hubertus Gaßner.
Ist das nicht ein ausbaufähiges Modell? Wenn
das Kunstbedürfnis der Hamburger und der Hamburg-Besucher derart groß ist, dass sie zuhauf ins
Museum strömen, wenn es mal nicht 12 oder 14
Euro kostet – wieso reduziert man die Eintrittspreise denn nicht, oder streicht sie ganz? Ein Museum soll doch sowieso Bildungseinrichtung für alle
sein. Und: Seit der Eintritt ins Folkwang Museum
in Essen kostenlos ist, hat sich die Zahl der Besucher
verdreifacht. Seit in Großbritannien die Dauerausstellungen in den Museen for free sind, schlendern ganz normale Angestellte in der Mittagspause
in die National Gallery. Wäre freier Eintritt nicht
eine viel bessere Vermittlungsleistung als jedes Dinner mit Monet, als all die langen Nächte? Braucht
man die paar Euro vom Eintritt überhaupt?
Durchaus, sagt Enno Isermann von der Kulturbehörde. »Wie jede andere Einrichtung in der Stadt
müssen auch die Museen einen Teil ihrer Kosten
durch eigene Einnahmen decken.« Und außerdem:
Es gibt bei den Hamburger Museen nicht nur allerlei Rabatte und Ermäßigungen für Bedürftige, schon
jetzt kommen unter 18-Jährige umsonst rein. Würde man gleich alle ohne Eintritt hineinwinken,
kalkulierte Julia Daumann vom Museum für Völkerkunde neulich für den NDR, fehlten in ihrem Haus
Einnahmen von etwa 300 000 Euro im Jahr.
Rechnet man das hoch auf alle Museen, weiß
man, warum es schwer werden dürfte, für den freien Eintritt in der Politik eine Mehrheit zu finden.
Zumal sich hartnäckig die Ansicht hält, dass man
mit solchen Aktionen doch nur die Leute locke, die
immer kämen – im Gegensatz zur Sichtweise in
Großbritannien, aber da waren die Leute ja auch so
wahnsinnig, für den Brexit zu stimmen. Man
braucht also einen Sponsor. Doch Alexander Otto
kann schließlich nicht alles bezahlen.
Und: Wäre das nicht ein falsches Signal? In einer
Stadt, in der nicht mal öffentliche Toiletten umsonst sind – würde man da, wenn Kunst nichts
kosten würde, am Ende nicht denken, die sei nichts
wert?
MARK S PÖRRLE
Haben auch Sie eine Frage? Schreiben Sie unserem
Kolumnisten: [email protected]
30. J U N I 2 0 1 6
HAMBURG
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H
3
Wer bei ihr alles aufschlägt
Stars, Dichter, Politiker: Sie alle kommen in die Bücherstube nach Keitum. Dann verdreht ihnen Hildegard Schwarz den Kopf
lange faule Tage an. Links warten, mehrere Meter
übereinander, die komplette »Manesse Bibliothek
der Weltliteratur« sowie Bände der Sammlung
Tusculum, Literatur der griechischen und römischen
Antike. Worauf ja »im Grunde« alles fuße, wie
Schwarz kurz einstreut. Das Zentrum besetzen
Büchertische mit Neuerscheinungen. Nicht einfach die Bestsellerliste – nein, die wichtigen Titel
werden kuratiert präsentiert. Diesmal etwa Anthony
Doerrs Alles Licht, das wir nicht sehen, immer sind
Sachbücher dabei wie der Zoologe Frans de Waal
mit Der Mensch, der Bonobo und die Zehn Gebote
oder Heinrich August Winklers Geschichte des
Westens. Nicht zu vergessen eine illustrierte Ausgabe
von Herman Melvilles Bartleby.
Hildegard Schwarz empfiehlt mit missionarischem Ehrgeiz und hat ihre Favoriten – es sind die
Philosophen der Antike, aber auch »unsere Russen«, und nicht zu vergessen: die Gruppe 47.
Was sie nicht sagt, ist, dass es zu ihrer Agenda
gehört, ihre Favoriten der Kundschaft so hartnäckig
anzupreisen, dass Leidenschaft ein viel zu schwaches
Wort dafür wäre. Jüngstes Beispiel: ein 1200-SeitenBrocken Das achte Leben von der Autorin Nino
Haratischwili, eine georgische Revolutionshistorie,
verwoben mit einer Familienchronik, besser als
Tolstois Krieg und Frieden, findet Schwarz. Wenn sie
beschließt, dass dieser Roman ein Erfolg werden
muss, dann präsentiert sie ihn im Fenster. Dann stellt
sie ihn auf den Tisch in der Mitte. Dann zieht sie
jedes passende Opfer hinein in dieses berauschende
Opus. Sagenhafte 450 Exemplare à 34 Euro hat sie
bis jetzt davon abgesetzt. Der Verleger sollte ihr
Champagner schicken.
Wobei, na ja – die Verleger, die Vertreter: Nicht
alle sind ihre Freunde. Anfangs haben sie die komische Neue da oben im Norden eingedeckt mit
Standardware. Mit dem, was sie für passend hielten. Die neue Utta Danella, der neue Stephen
King, Frederick Forsyth, P.S. Ich liebe dich. Ging
alles zurück an den Grossisten. »Ich habe weder
Utta Danella genommen noch andere StrandkorbLektüre.« Strandkorb-Lektüre gibt es bei Schwarz
nicht. Was nicht bedeutet, dass sie Besucher von
oben herab anschauen würde, die danach fragen.
»Der Mensch, der vor Ihnen steht, den dürfen Sie
nicht verachten, weil er Strandkorb-Lektüre will«,
sagt sie. »Es ist ja nur ein Ausdruck dafür, dass er
etwas möchte, das sich leicht liest. Das muss nicht
minderwertig sein.«
So läuft das in der Büchertruhe. Man fragt sich
natürlich, wie das seit 37 Jahren funktionieren
kann. Eine inhabergeführte Buchhandlung, so eigenwillig, so anspruchsvoll, auf einer Insel hoch
oben im Norden, wo die Leute doch ans Meer und
nicht in eine Buchhandlung wollen. Wie kann sie
überleben? Und: Wie kam Hildegard Schwarz
überhaupt zu ihrer Büchertruhe dort?
Fotos: Lucas Wahl für DIE ZEIT
S
ylt war ja nicht immer so. Früher,
lange bevor die Champagnerbars
auf der Insel ihre Klientel entdeckten und die Klientel die Champagnerbars entdeckte, vor der Kolonialisierung durch Prominente wie
Günther Jauch und Jogi Löw,
durch Wechseljuicer und Flexitarier, vor der Invasion von SUVs, schwarzen Möpsen mit Kuhhalsband und nervösen Polo-Pferdchen, vor langer,
langer Zeit also war Sylt der Fluchtpunkt von
Dichtern, Denkern und Verlegern. Thomas Mann,
Alfred Kerr, Gottfried Benn, Robert Musil, auch
Peter Suhrkamp und Axel C. Springer, Rudolf
Augstein – die intellektuelle Elite zog sich hierher
zurück, in die meditative Monotonie, starrte aufs
Watt, auf Wellen und Heide und schluderte sommerlang herum.
Max Frisch zum Beispiel: »(...) draußen flötet
der Wind, Regen prasselt gegen die Scheiben, die
vom Anfall des Windes zittern, Wolken jagen über
das Uferlose. Man sitzt und schaut, ganz sich selber ausgesetzt. Hin und wieder kippe ich einen
Steinhäger oder zwei; man braucht das bei so viel
leerem Himmel. (...) Es bleibt das Gefühl, man
befinde sich am Rande der Welt.«
So beschreibt es Frisch in seinem Tagebuch, Juli
1949. Ein Dichter »am Rande der Welt«, verdammt lange her. Ist das Sylt von Frisch und Grass
und Musil, von Springer, Raddatz und wie sie alle
heißen, im Champagner ertrunken?
Ist es nicht. Es hat sich nur zurückgezogen. Das
Dichter-Sylt wird konserviert und gepflegt, an einem Ort, den es nach allen Regeln des Marktes
längst nicht mehr geben sollte: in der Büchertruhe
Keitum von Hildegard Schwarz. Eine Buchhandlung – natürlich eigentlich viel mehr als das – zwischen Bäckerei, Boutique und Juweliergeschäft,
Am Tipkenhoog. Nur zehn Minuten Fußweg entfernt von dem Friedhof, wo Suhrkamp, Augstein
und Raddatz in Frieden ruhen, hoffentlich.
Am Tipkenhoog also. Küstenschwalben, Dünenrosen, viel Reet ringsum. Man kann das Watt hier
riechen, es ist nur wenige Meter entfernt. Das
Geschäft: ein kleines Wohnzimmer, Bücherregale,
die bis an die Decke reichen und keinen Zentimeter Platz lassen. Vor allem nicht für Frühstücksbrettchen, Parfüms und anderes sogenanntes
Nonbook-Sortiment, das bei Thalia und Hugendubel ablenkt. Stattdessen Bücher. Und die Frau
der Bücher: Hildegard Schwarz.
Man sieht sie zunächst nicht, sie ist klein, fuhrwerkt irgendwo hinter den Regalen herum. Nur
ihre Brillen sieht man, die überall bereitliegen.
Kleine, runde Brillen in Rot, Grün und Schwarz,
immer das gleiche Modell.
In der Büchertruhe von Hildegard Schwarz
entdeckte Rosemarie Springer philosophische
Traktate für ihren Mann Axel
Caesar. Spiegel-Gründer Rudolf
Augstein fragte nach einer Biografie über Friedrich den Großen.
Stern-Chefredakteur Henri Nannen wollte wissen, ob er es sich
gemütlich machen und rauchen
dürfe (er durfte nicht). Der ZEITFeuilletonchef Fritz J. Raddatz
rauschte herein, raumfüllend, »ein
exzellenter Schreiber«, sagt Frau
Schwarz, allerdings »privat auch
ungezogen«. Das Gegenteil von
Richard von Weizsäcker; der fragte
als Erstes nach großen Reden der
Antike, tauschte das Buch am
nächsten Tag dann gegen Gesetzestexte aus dem Beck-Verlag ein.
Gern zog der Bundespräsident sich zum Plaudern
mit der Buchhändlerin ins Souterrain zurück und
fand es so lustig, wenn seine draußen wartenden
Bodyguards ihn aus den Augen verloren hatten
und in Panik gerieten.
Wenn man mit Hildegard Schwarz spricht, begreift man sofort, was Sylt-Stammgäste erzählen:
dass diese Buchhandlung eine Mischung sei aus
Bibliothek, Literaturhaus und Refugium, ein
Gegenpol zur Sylter Chichi- und Proll-Flut.
Eine Dame von 84 Jahren, enorm belesen, versteht sich. Frisur: eine Kreuzung aus ritterlichem
Pagenkopf und Mireille Mathieu. Gern kleidet
sich die Chefin der Truhe anthroposophisch erdfarben, wollig, dazu schwarze Leggings und festes
Schuhwerk, schwarz.
Ein typisches Gespräch mit der Buchhändlerin, die niemals Buchhandel gelernt hat, hat wenig
mit Handel zu tun – aber viel mit Verhandlung.
Wer sie zum ersten Mal fragt: »Was soll ich lesen?«, den schaut sie prüfend an. Man fühlt sich
leicht verunsichert, wie in der ersten Sitzung beim
Therapeuten.
»Was haben Sie denn zuletzt gelesen?« Unmerklich wird man umkreist, erforscht, nur um plötzlich Neugier zu verspüren – große Neugier genau
darauf, was die Kennerin einem nahelegt. Dann
verlässt man die Truhe mit mehr als einem Titel
und dem vagen Gefühl, gerade selbst gelesen worden zu sein.
»Der Kunde findet bei mir Bücher, die er sonst
nicht liest«, sagt Schwarz. Wie sie erkennt, was das
Richtige für ihn ist, in diesem Moment, in diesen
Ferien? »Es ist eine Gottesgabe.«
Der Kunde soll sich erst einmal umschauen bei
ihr. Er kann gleich rechts ein Regal mit russischer
Literatur finden – Dostojewski, Tolstoi, Puschkin,
auch der Oblomow von Gontscharow bietet sich für
VON PIA FREY UND ANNA VON MÜNCHHAUSEN
Zufall war es. Schwarz kommt nicht von der Insel,
sie ist aufgewachsen in Essen – also maximal weit
entfernt von Sylter Habitus und Lebensart. Das Verlagsgeschäft gelernt hat sie nie, dafür etliches anderes.
Zum Beispiel Komparatistik studiert bei dem Heidelberger Professor Horst-Jürgen Gerigk, ihrem »großen
Lehrmeister«. Zum Beispiel auf der Essener FolkwangSchule Aquarelltechnik gelernt, Farben mischen. Mit
ihrem ersten Mann hat sie Werbekampagnen entworfen, auch mal Kochtöpfe promotet in Kaufhäusern. Dann eröffnete sie eine Buchhandlung in
Dortmund. Deren Pachtvertrag lief aus, Schwarz fand
ein anderes Ladenlokal, aber sie bekam es nicht, jemand anderes war schneller gewesen.
Damals hatte Hildegard Schwarz viel Zeit,
mehr, als ihr lieb war. Sie wollte raus aus der Stadt
und fuhr mit ihrem Mann nach – Sylt. Sie liefen
über die Insel, kamen in Keitum an einem Haus
vorbei, fünf Geschäfte entstanden da gerade, ihr
Mann sagte: »Kannste ja deine Buchhandlung hier
aufmachen.« Schwarz hörte auf ihn.
Mit einem Mal verkaufte sie Bücher an einen
Menschenschlag, den sie als Frau aus dem Ruhrpott kaum kannte, an Professoren und »Wirtschaftsmänner«, wie Schwarz sie nennt. Und die
kamen nicht nur, um sich mit Lektüre einzudecken.
Hildegard Schwarz unterhielt sich mit ihnen, lud
sie nach Hause ein und bewirtete sie in ihrem
Morsumer Haus, zwischen Stockrosen und Rittersporn. Sie blieben wochenlang, diese Freundschaften halten seit Jahrzehnten.
Freundschaften stiften, das kann Sylt. Konnte es
immer. »Heute nachmittag widerfährt meinem niedern Strohdach die Ehre«, schreibt Siegfried Jacobsohn 1921 aus Kampen an Kurt Tucholsky, »daß
Thomas Mann unter ihm weilt. Der alte Waterkantler hatte die Insel nicht gekannt und ist so erschlagen,
daß er sofort ein Friesenhaus kaufen will.«
Der 1200-SeitenBackstein über die
georgische Revolution
kommt nach vorn.
In ihrer Büchertruhe
verkauft Hildegard
Schwarz Sylt-Urlaubern
Werke, die sie sonst nie
gelesen hätten
Was Thomas Mann nicht schaffte, schafften
viele andere Inselbesucher nach ihm. Sie kauften
und bauten. Immer neue Lkw-Ladungen Klinker,
Reet und Mörtel werden über den Hindenburgdamm herangekarrt, als gelte es, irgendwann jeden
Zentimeter Düne zuzupflastern. Die Quadratmeterpreise steigen. Seit die ehemalige CSUPolitikerin Gabriele Pauli als Kandidatin für das
Sylter Bürgermeisteramt einen sehr lauten Wahlkampf betrieb, weiß die ganze Republik Bescheid
über die Krise der Insel – Immobilienhype, Personalnot, Einwohner, die keine Wohnungen mehr
finden und aufs Festland fliehen.
Und natürlich liegt die Frage auf der Hand: »Frau
Schwarz, wie sehen Sie dieses neureiche Publikum,
das sich Pseudo-Friesenhäuser hinknallen lässt?« Man
denkt, es folge eine schmissige Gesellschaftskritik.
Nö. »Was wäre die Insel ohne die Schönen und Reichen? Wo bliebe ich mit meinem Geschäft?« Und
nach einer Pause fügt sie hinzu: »So wie die Insel jetzt
ist, wurde sie von Insulanern geschaffen. Sie hätten
den Hindenburgdamm nicht bauen lassen dürfen.
Dadurch ist etwas gewachsen, und dann lässt es sich
nicht mehr bremsen.«
Es ist nicht nur etwas gewachsen. Es ist auch
manches verschwunden. Der Winter ist ruhig geworden, bis auf Silvester natürlich und die Tage
rings ums Biikebrennen im Februar, bei dem die
alten Weihnachtsbäume am Strand in Flammen
aufgehen.
In manchen Monaten ist es gefährlich ruhig auf
der Insel: Das Schwimmbad neben dem Buchladen wurde dichtgemacht, es kamen zu wenig
Menschen. Ein Investor versprach goldene Zeiten,
setzte einen Betonklotz ans Tipkenhoog – Riesenpleite. Neu war das für die Keitumer, dass mal etwas richtig schiefging. Nun dient die Ruine als
Mahnmal der Immobiliengier.
Vor ein paar Jahren, als das Bauen ringsum
richtig losging, haben Schwarz und ihr Mann ihr
großes Haus in Morsum verkauft, in dem sie Lesungen und Diskussionen veranstaltet hatten.
Vom Festland aus pendeln die beiden seither täglich mit Hunderten von Handwerkern, Geschäftsleuten und Servicekräften per Bahn von Klanxbüll
auf die Insel.
Schön sei das, morgens in die Frische hinein
übers Watt zu fahren und abends auf der Rückfahrt »auszuschludern«. In der Hochsaison arbeitet
Schwarz nie weniger als 70 Stunden in der Woche.
Und das mit 84!
Jeden Morgen schließen sie und ihr Mann um
7.30 Uhr die Truhe auf, abends um 18 Uhr rollen sie
die Ständer mit den Ansichts- und Kunstpostkarten
wieder herein, Kassensturz und dann schnell zum
Bahnhof. »Wir kommen zurecht«, sagt sie.
Aber wie lange noch?
Hildegard Schwarz mag es nicht, über einen
möglichen Nachfolger zu sprechen. Würde es dem
gelingen, die neue Sylt-Prominenz einzufangen,
jene Leute, die jetzt im Juli wieder die Klatschspalten füllen, Jürgen Klopp oder Jogi Löw? Am
Tipkenhoog wurden sie bislang noch nicht gesichtet. Sie spielen lieber Golf.
Und überhaupt, wer soll denn so einen Laden
übernehmen, der eben einzig und allein davon
lebt, dass diese Frau ihn führt?
Die Schriftstellerin Ursula Krechel hat einmal
gesagt: »Eine Buchhandlung braucht keine großen Schaufenster, keine Verführung zum Eintritt,
keine himmelhohen Stöße, die ›abverkauft‹ werden müssen. Sie braucht kenntnisreiche Menschen mit großer Zuneigung zu den Büchern,
Sucher und Finder.«
Sie muss dabei an Hildegard Schwarz gedacht
haben.
4 HAMBURG
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Ballaballa?
Tennis, Dart und Zehnkampf: Ein neues Magazin berichtet über alle erdenklichen
Sportarten – bis auf eine VON KILIAN TROTIER
I
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Knochenarbeit
Den Toten ihre Identität zurückgeben. Dafür braucht man
Ausdauer – und Hamburger Biotechnologen VON JARK A KUBSOVA
Fotos: Kham/Reuters (o.); Jann Klee für DIE ZEIT; Abb.: Gruner+Jahr
st natürlich ein Spaß, dieser Titel: No Sports. Becker. Also haben sie Boris Becker begleitet. Im
Merkt man gleich, wenn man auf dem Cover Handball gibt es kein beliebteres Team als die
Boris Becker im Trainingsoutfit stehen sieht, Deutsche Nationalmannschaft, die in diesem Jahr
der für vieles steht, aber sicherlich nicht für eine Europameister wurde. Also haben sie eine GeAbwendung vom Sport. No Sports müsste eigent- schichte über dieses Team gemacht. Im Radsport
lich »Jeder Sport außer Fußball« heißen, aber weil gibt es keinen besseren Deutschen als Marcel Kittel.
das kein besonders schmissiger Slogan für ein Also haben sie den Athleten porträtiert.
Die Geschichten sind alle gut zu leneues Magazin ist, haben sich die Entsen und interessant bebildert. Sie sind in
wickler um den 11Freunde-Chefredakihrer dramaturgischen Richtung aber
teur Philipp Köster für die provokante
auch erwartbar. Was das Heft trotzdem
Variante entschieden: Sport mit Nichtzur Entdeckung macht, sind die SpezialSport zu verkaufen.
themen. Zum Beispiel: Dart. Wie ein
Was der schlaue Leser – der Leser
britischer Kneipensport zu einer europamuss ja schlau sein, um diesen Gag zu
weiten Massenbewegung wurde. Oder:
verstehen – dann in Händen hält? Ein
Magazin mit herrlichen Bilderstrecken Ein Anti-Fußball- ein Gespräch mit dem ehemaligen
Zehnkämpfer Jürgen Hingsen, der in
(Nahaufnahmen von Ringern nach dem Magazin –
den Achtzigern muskelbepackt und mit
Kampf ), mit amüsanten Rubriken (bei passend zur EM
Freundin im Arm auf den Titelbildern
»Lernen von den Profis« verstehen, wie
der perfekte Tischtennis-Aufschlag funktioniert). posierte – und dann abstürzte.
Das Magazin No Sports, das Gruner + Jahr alle
Aber auch ein Magazin, das sich noch nicht richtig
was traut. Und das hat wiederum mit Boris Becker zwei Monate rausbringen will, ist eine Wette:
Wenn sich alle Sportarten zusammentun, sind sie
zu tun.
Wer über Sport schreibt, der kein Fußball ist, für den Leser genauso spannend wie der überhat eine Auswahl an Disziplinen und Athleten zur mächtige Fußball. An mangelndem SelbstbewusstVerfügung, die gen unendlich tendiert. No Sports sein wird die Idee nicht scheitern. Immerhin brinist für seine erste Ausgabe auf Nummer sicher ge- gen die Macher das erste Heft in einer Zeit auf den
gangen. Im Tennis gibt es keine größere Figur als Markt, in der alle auf die Fußball-EM schauen.
Gigantische Forschungsaufgabe: Gräber nicht identifizierter Soldaten auf dem Friedhof von Anh Son in Vietnam
E
s war im März vor zwei Jahren,
dass Wolfgang Höppner nach
Hanoi bestellt wurde. Der Anruf erreichte ihn an einem
Dienstag. Man erwarte, dass er
Freitag abfliege, hieß es. Ein Gesuch, dass den 64-Jährigen aus
seinem bis dahin so eingespielten Leben riss.
Höppner ist Professor für Biochemie und
Molekularbiologie, ein gemütlicher, grauhaariger
Herr. Er besitzt und führt ein Labor für Gendiagnostik. Es heißt Bioglobe, was weltläufiger
klingt, als es ist: acht Laborräume im Lokstedter
Grandweg, zwölf Angestellte. Der Professor und
seine Mitarbeiter untersuchen verdächtige Gewebeproben auf Krebs oder seltene hormonelle
Erkrankungen. Ein überschaubares Geschäft,
aber kein Grund, etwas zu ändern. Bis Höppner
in den Flieger nach Vietnam stieg.
Mindestens 500 000 Kriegsopfer liegen dort
noch immer in Massengräbern, in Urwäldern,
unter Reisfeldern. Im Zuge eines Programms der
Regierung sollen sie nun geborgen, anhand ihrer
DNA identifiziert und endlich den Angehörigen
übergeben werden. Doch die Skelette sind im
feuchtheißen Klima Vietnams zerfallen, in vielen Gräbern liegen mehr als 300 000 Knochenteile, ein unheimlich komplexes Projekt. Das
Vorhaben schien fast unmöglich. Aber Höppner
hielt die Sache für machbar. Er sagte: »Gut, ich
will es versuchen.« Und initiierte eines der größten DNA-Projekte weltweit.
Höppners Kollegen staunten und gratulierten. Das Wissenschaftsmagazin Nature schrieb
einen langen Artikel. Weitere erschienen in Indonesien, in Vietnam sowieso.
Doch Höppners Projekt ist nicht nur für die
Wissenschaft und die vielen Verbliebenen der
Vietnamkriegsopfer etwas Besonderes, sondern
auch ein Vorzeigeprojekt für den Standort Hamburg: Es zeigt etwas Typisches der Hamburger Biotechnologie-Branche. Denn hier sind es weniger die
großen Konzerne, sondern vor allem die mittelständischen Betriebe, die den Standort voranbringen.
Höppner prägt mit seinem Unternehmen
eine Art Hamburger Stil, einen neuen Ton: Da
ist ein hoher wissenschaftlicher Anspruch, großer Ehrgeiz, das schon. Aber all das kompakt
und pragmatisch, in überschaubaren Teams, ganz
ohne die für die Branche lange Zeit typische
Selbstüberschätzung, den wirtschaftlichen Größenwahn, die Investoren und Exits.
Es mag sich seltsam anhören, doch dass
Hamburger Biotech-Unternehmen nun Knochen sortieren statt Aids heilen, ist ein großer
Glücksfall für die Stadt.
Viele Jahre lang schien die deutsche Politik in
Sachen Biotechnologie nur Superlative zu kennen. Auch in Hamburg rief Wirtschaftssenator
Thomas Mirow Ende der Neunziger die Disziplin zum »strategischen Schwerpunkt der Hamburger Wirtschaft« aus. Ole von Beust und sein
damaliger Gesundheitssenator Jörg Dräger erklärten den Wirtschaftszweig unter dem Label
»Life Science« zu einem der wichtigsten Cluster.
Man träumte von der Ansiedlung neuer Firmen
und Tausenden Arbeitsplätzen, erhoffte neue
Medikamente gegen Krebs, HIV, eigentlich gegen jedes unheilbare Übel. Biotech war ein Zauberwort für die Zukunft. Eine große Zukunft.
Höppner erinnert sich gut an diese Zeiten,
auch er hatte große Träume. Sein Büro liegt im
hinteren Abschnitt eines langen, kahlen Flurs.
Am anderem Ende befinden sich die Laborräume mit Blick auf Neubauobjekte und die
Hofeinfahrt. Die Atmosphäre ist familiär.
Einst hatte Höppner Bioglobe ein paar Nummern größer geplant. Mit vielen Mitarbeitern,
potenten Geräten, einer kräftigen Anschubfinanzierung. Das war, rund ums Jahr 2000, ein
ganz normaler Traum in dieser Branche. Die
Entschlüsselung des menschlichen Genoms
nährte die Hoffnung auf schnelle Fortschritte
bei der Diagnose und Heilung tödlicher Krankheiten. »Jeder, der nicht wusste, was er mit seinem Geld machen sollte, hat es in Firmen gesteckt, die mit Biotechnologie zu tun hatten
oder neu gegründet wurden«, sagt einer, der damals nah dran war.
Als Hochburgen der Branche galten München und Heidelberg. Sie wurden über Jahre
gezielt mit Bundesmitteln gefördert. Hamburg
hingegen hatte den Wettbewerb ums große Geld
verloren. »Hier war einfach weniger Geld im
System«, sagt Hinrich Habeck, Chef des Netzwerkes Life Science Nord, das die Aktivitäten
der Branche in Hamburg und Schleswig-Holstein heute bündelt.
Bioglobe-Chef Wolfgang Höppner und eine
Mitarbeiterin in ihrem Hamburger Labor
So begann sich eine Hamburger Besonderheit zu entwickeln, für die Höppner bis heute
steht: Treiber des Booms wurden hier vor allem
einzelne Personen.
Eine der wohl wichtigsten war Freimut Leidenberger, der in einem Fahrradkeller eine Firma
gründete, für die er mit zwölf Millionen Mark
Privatvermögen bürgte: Evotec. Das Unternehmen erforschte Wirkstoffe.
Rückblickend betrachtet, ist Evotec eine
der wenigen Erfolgsgeschichten der gesamten
Branche – denn andernorts setzte bald Ernüchterung ein. Die großen Erfolge blieben aus, die
Aktienkurse der jungen Firmen stagnierten oder
fielen ins Bodenlose. Auch Höppners damaliger
Arbeitgeber, eines von Leidenbergers Laboren,
bekam Probleme. Zulieferer riefen an, drohten:
»Wann bezahlt ihr? Bald werden wir euch nichts
mehr geben.«
Also fing Höppner an, sein eigenes Ding zu
basteln: Bioglobe, das Gendiagnostik-Labor.
»Ich wusste, das würde laufen, damit konnte
man was verdienen.« Und er hatte Grund, sich
Hoffnung zu machen. Ein Wagniskapitalgeber
sagte ihm acht Millionen Mark zu. Im Herbst
2001 wollte Höppner mit Bioglobe die Arbeit
aufnehmen.
Doch noch bevor es dazu kam, platzte die
Hightech-Blase – und riss die Biotechnologie
mit in den Abgrund. Hunderte Millionen Mark,
die Fonds eingesammelt hatten, waren plötzlich
weg. Unzählige Pleiten folgten.
Auch Höppners Finanziers zogen sich zurück, und zwei Ärzte, mit denen er gründen
wollte, sprangen ab. Die Konsequenz: Bioglobe
wurde kleiner als geplant. Viel kleiner. »Im
Nachhinein bin ich froh. Wären wir größer gestartet, wären wir wahrscheinlich auch untergegangen«, sagt Höppner.
Der Rest der Branche suchte die Rettung in der
Vernetzung. Hamburg und Schleswig-Holstein
schlossen sich zusammen, versammelten auch
Firmen aus der Pharmabranche und Medizintechnik unter dem Begriff Life Science. So betrachtet, kommt die Region heute auf 500 Unternehmen. Einige große wie Evotec sind dabei, aber
man kann sie an einer Hand abzählen.
Heute sind es kleine Firmen wie Bioglobe,
die die Branche stärken und sich gegenseitig
stützen: In sein Exhumierungsprojekt hat Höppner auch andere Hamburger Firmen eingebunden. Es ginge nicht ohne sie: Um die riesigen
Datenmengen schnell und preiswert zu bewältigen, müssen automatisierte Abläufe her, spezielle
Geräte und Software. Wenn die Arbeitsabläufe
einmal eingespielt sind, sollen täglich rund 1000
Proben bearbeitet werden.
Dafür will Höppner jetzt die richtigen Firmen zusammenbringen, Strukturen und Standards schaffen, die vietnamesischen Kollegen fit
machen. Drei Monate lang wurde eine Gruppe
von ihnen in Hamburg angeleitet, am UKE und
auch in Sarajevo bei der Internationalen Kommission für vermisste Personen, die bisher wohl
über die größte Expertise bei der Identifizierung
von Kriegstoten verfügt.
Viel Arbeit wartet in Vietnam. Höppner hat
dort Labore gesehen, in denen sich Ventilatoren
über den Arbeitsplätzen drehen und DNASpuren durch den Raum blasen. Nun entstehen
neue Gebäude, und die sogenannte Reinraumtechnik wird installiert, die in deutschen Laboren längst Standard ist.
An vielen Orten in Vietnam läuft das Projekt schon: Für jede Analyse der KnochenDNA brauchen die Experten eine Vielzahl von
Proben aus der heutigen Bevölkerung, um sie
mit der DNA der Toten vergleichen zu können.
Mit Aufrufen in Medien werden Menschen, die
Angehörige vermissen, aufgefordert, spezielle
Büros der Sozialbehörde aufzusuchen. Den
möglichen Verwandten wird dann ein Blutstropfen für die Erbgutanalyse abgenommen.
Mindestens 1000 Mitarbeiter werden in Vietnam an dem Projekt arbeiten.
»Eine Aufgabe ohne Ende«, sagt Höppner.
20 Jahre werde sie mindestens dauern. Doch
Höppner hat Geduld, es geht ihm nicht mehr
um das große Geld, er verdient nicht viel an dem
Projekt. Aber Höppner hofft, dass das Wissen,
das er jetzt aufbaut, zum Standard werden
könnte. So pietätlos es klingt: Vielleicht sind die
Knochen sogar ein Zukunftsmarkt.
In Ruanda liegen Hunderttausende namenlose Tote des Völkermordes. Eine Delegation
aus dem Land hat Bioglobe bereits zu ersten
Gesprächen getroffen. Das UKE, mit dem
Höppner ebenfalls zusammenarbeitet, bereitet
einen ersten Forensiker für einen Einsatz in Syrien vor.
In seiner Rede zum Start des Vietnam-Projekts
stand ein Satz, den Höppner am Ende vor
Publikum nicht vorlas, weil er ihn schließlich zu
zynisch fand. Nun überlegt er und sagt ihn dann
doch: »Es gibt viel zu tun. Packen wir’s an.«
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Fotos: Roman Pawlowski für DIE ZEIT (5); A. Schmidt/Brauer Photos (u.r.)
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Schlägertypen: Teilnehmer des diesjährigen Berenberg-Polo-Derbys in Klein Flottbek
Stilprägend: Der britische Secondhandladen von Rudolf Beaufays in der Büschstraße
Union Jack, hochprozentig: Der London Pub am Hans-Albers-Platz
Südenglische Touristen beim Hamburg-Besuch
Schluck: Adelsdevotionalien einer Hamburger Sammlerin
Die Höhe: Siegerinnen des Hut-Wettbewerbs beim Deutschen Derby 2015 in Klein Flottbek
Es bleibt dabei
Brexit – na, und? Großbritannien liegt weiterhin in Hamburg
D
ie Briten verlassen die EU,
jetzt bleibt alles an uns
hängen, den Hamburgern.
Hamburg ist die britischste
Stadt Deutschlands, das wissen alle, und ohne London
sind wir auch die britischste
Metropole Europas.
Statistisch und unter Hipster-Gesichtspunkten
betrachtet, ist natürlich Berlin am britischsten. In
Berlin leben doppelt so viele Briten wie in Hamburg, und von den zwei Millionen Touristen aus
dem Vereinigten Königreich kommen die meisten
an die Spree.
Berlin ist also London, nur eben mit EUBescheinigung, innovativ, jung, kreativ. Und
Hamburg ist wie der Rest von Great Britain, allerdings in idealtypischer Form, eine Mischung aus
Stratford upon Avon, Manchester und Dover.
Irgendwann, wenn den Brexit-Akteuren dämmert, dass man die Zukunft nicht aufhalten kann,
indem man auf Sanduhren umstellt (ein schiefer,
in seiner Kaltschnäuzigkeit aber ungemein britischer Vergleich), wird Hamburg ihr letzter Zufluchtsort sein.
Hamburg ist schon jetzt das Freilichtmuseum
jener britischen Lebensart, die die Brexit-Leute
vor dem globalkapitalistischen, eurozentristischen
Strukturwandel bewahren wollen. Wir sind pragmatisch und elegant, verschlossen und hemdsärmelig, humorig (sort of ) und traditionsbewusst
(very). Und wir tragen mit einer Hingabe gewachste Regenjacken, als lebten wir im schottischen
Hochmoor.
Womöglich wäre es Cameron und seiner Regierung günstiger gekommen, hätten sie ein Hamburg-Verschickungsprogramm für die Brexiteers
aufgelegt. Die Leute wären zu uns gereist und
hätten gemerkt, dass man Teil Europas und doch
nostalgisch versiert sein kann. Dass sich die Postmoderne durchaus mit der Folklore vergangener
Zeiten kostümieren lässt. Unsere Britishness ist
illustrer und in musealer Hinsicht authentischer
als jeder Manufactum-Katalog.
Beginnen wir mit einem Spaziergang an der
Alster entlang zum Anglo-German Club. Ein paar
Gläser Pimm’s (Sommerdrink aus Ginger Ale,
Gurke, Minze und Gin) auf den Gründungsvater
Sir John Dunlop oder gleich auf die Queen, deren
Geburtstag hier ebenso zelebriert wird wie der
VON DANIEL HA AS
Commonwealth Day und zum Jahresende der Victorian Christmas Market.
Ziehen wir weiter, nach Klein Flottbek, zum
Outdoor-Event British Flair (auch dieses Jahr wieder, am 6. und 7. August im Hamburger Polo
Club). Dort eine Partie Cricket – eigentlich autogenes Training, nur dass man dabei einen Holzschläger in der Hand hält und angezogen ist wie
ein Wimbledon-Spieler aus den dreißiger Jahren –,
anschließend Gummistiefelweitwerfen und als
Preis einen Paddington-Stoffbären.
Hamburger Kinder wissen, wer Paddington ist,
sie bekommen das Maskottchen in den Koffer gepackt, zusammen mit einer Ausgabe von Pu der
Bär (natürlich in der Übersetzung von Harry Rowohlt), wenn sie ins englische Internat verschickt
werden. 500 der 2500 deutschen Schüler, die 2015
auf ein britisches Internat gingen, kamen aus
Hamburg, und wenn diese Kids zurückkehren,
dann haben sie monatelang Schuluniform getragen und Drogentests absolviert und über dieser
arbeitsethischen Mobilmachung eine entscheidende
britische Tugend erlernt: Coolness.
Ja, wir Hamburger sind cool, mit stiff upper lip
erdulden wir den Regen, die AfD, Labskaus (vor-
zugsweise im Old Commercial Room, 1795 von
einem englischen Reeder gegründet).
Wir gehen zum Derby und tragen, ohne mit
der Wimper zu zucken, Hüte vom Umfang eines
Wagenrads.
Wir spielen Hockey, Polo und Golf, Sportarten,
deren Finanzierung es nicht gerade leichter macht,
die Leasingraten für den Range Rover zu stemmen,
aber, well, das sind wir Cool Britannia schuldig.
Und deshalb kann Anjes Tjarks, Vorsitzender
der grünen Bürgerschaftsfraktion, noch so sehr
jammern, der Brexit sei »ein politisches Erdbeben«;
Katharina Fegebank kann schluchzen, sie sei »sehr
traurig über das Votum« – am Ende bleibt Europa
britisch dank Hamburg.
Wir haben die Beatles groß gemacht, John le
Carré durfte hier für den MI6 Spitzelarbeit leisten, und unsere wichtigste Kirche steht an der
Englischen Planke. Dorthin gehen wir und beten
für all jene Briten, denen the Lord zwar die Abkehr von Europa gewährte, aber noch nicht die
Einsicht, wo ihr wahres, schönes, in Tweed gehülltes Britannien im Notfall immer Zuflucht
fände: an Alster und Elbe.
Herzlich willkommen.
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THEATER
LITERATUR
Regentanz am Silbersee
Für ein Selfie
zur Elphi
Die Eröffnung der Karl-May-Spiele: Eine Schlammschlacht für Groß und Klein
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Ein neuer Hamburg-Reiseführer für
Frauen. Freu dich, Instagram!
VON LARS WEISBROD
Foto: PR; Illustration: Anton Hallmann/Sepia für DIE ZEIT
I
Old Shatterhand (Till Demtrøder) kämpft gegen die Indianer vom Stamm der Utah
D
ie Hitze hatte ihren Würgegriff um Hamburg ein
wenig gelockert, aber man
wollte trotzdem raus aus
der Stadt am vergangenen
Samstag. Die Harley Days
und Hundstage hinter
sich lassen. Knapp eine Stunde Autofahrt Richtung Norden gibt es zum Glück ein Fenster
zurück in die eigene Kindheit, zurück zu den
schönsten Stunden damals, jenen im Wilden
Westen. Die Karl-May-Spiele feierten Premiere
in Bad Segeberg.
Gründe, endlich einmal hinzufahren: Das 65.
Jubiläum, da wird natürlich Der Schatz im Silbersee
gegeben, der größte Winnetou-Old-ShatterhandKlassiker. Außerdem Besucherrekord im vergangenen Jahr. Und man hat noch die Nachrufer auf
Pierre Brice im Kopf, die sich einig zeigten: Mays
Werk und seine Adaptionen, das ist deutscher
Exotismus, deutsche Sehnsucht, deutscher Mythos.
Aber warum Bücher, Filme, Hörspiele und
Parodien nicht ausreichen, um Winnetou und
seine Gefährten zu erfassen, das lässt man am besten
die Experten erklären. Blonde Grundschuljungs,
die aufgeregt den Weg vom Parkplatz zum Bad
Segeberger Karl-May-Platz entlangrennen. Es sei,
weiß einer der Jungs, schon »sehr geil«, wenn die
dort mit Platzpatronen schössen. Am besten aber
werde es, wenn Winnetou mit seinem Tomahawk
»so zwanzig Leute auf einmal plattmacht«.
Noch bevor die erste Patrone platzt, versteht
der Debütant, was gemeint ist: Die Freilichtbühne ist ein wahr gewordener Kindertraum, als
hätten Zahnfee und Weihnachtsmann endlich
den sehnlichen Wunsch erfüllt, die kleine Playmobil-Westernstadt zu Lebensgröße aufzupumpen. Der steile Kalkberg mit seinen weißen Flecken stellt die dramatische Kulisse fürs Westernörtchen namens Sheridan. Auf drei Ebenen am
Hang breitet sich alles aus, was Westmänner – so
heißen die Trapper und Abenteurer der frontier
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bei May – brauchen: Saloon, Jail, Telegrafenstation, Büro der Eisenbahngesellschaft.
Auftritt eines anderen Experten, Torsten
Albig, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein.
Er trägt Bolotie, Karohemd, schwarzen Hut
und Doppelpistolengürtel. Als Drittklässler sei
er zum ersten Mal hier gewesen und seitdem
Fan, sagt er zur Begrüßung und zielt mit den
Spielzeugrevolvern auf die Moderatorin. Er darf
auch die ersten Platzpatronen abfeuern, allerdings in Richtung einer großen 2016, die dann
funkensprühend und rauchend die Spiele eröffnet. »Meine Güte«, ruft Albig fröhlich, als es
knallt und bumst. Am Eingang hängt der Warnhinweis: »Während der Vorstellung achten Sie
bitte darauf, dass die Kinder nicht mit ihren
Pistolen schießen.«
Die Geschichte vom Bad Segeberger Schatz
im Silbersee zusammenzufassen ist überflüssig,
die Grundzüge sind bekannt: Jan Sosniok,
durchaus würdiger Nachfolger von Größen wie
Brice und Gojko Mitić in der Rolle des Winnetou, kommt zu Winnetou-Musik hineingeritten, Indianer greifen an, werden besiegt, die
Tramps greifen an, werden besiegt. Im Übrigen
erstaunlich, wie viel Mühe sich das Unterhaltungstheater sonst machen muss, um ComicRelief-Figuren dazuzuerfinden wie HobbleFrank, den Westmann mit deutschem Migrationshintergrund und sächsischem Dialekt.
Oder den schottischen Touristen Lord Castlepool. Nicht so bei May, da ist dieser ganze Klamauk schon im Original enthalten.
Ansonsten stehen bei der Revue am Kalkberg
Dramaturgie und narrative Geschlossenheit nicht
unbedingt im Vordergrund. Stattdessen: Explosionen! Knallerei! Kunstreiterei! 80 Mitwirkende!
25 Pferde! Außerdem der Adler Ko-inta, das
Feuerauge, extra angereist aus der Greifvogelstation Hellenthal in der Eifel.
Die Show legt den Kern des trivialen Abenteuerromans frei: Der erzählerische Faden darf
ruhig lose gespannt sein, denn hier geht es mehr
um eine Spielwelt, die tatsächlich wie Playmobil
oder Lego funktioniert. Eine Handvoll prototypischer Figuren werden präsentiert, außerdem
verschiedene Parteien (Westmänner, gute Indianer, Banditen, böse Indianer), und dann darf
man sie in tausend Varianten aufeinandertreffen
lassen, pengpeng.
Wichtig sind natürlich die Spezialeffekte, die
sich ebenfalls multifunktional einbauen lassen:
Der Saloon kann in Flammen stehen, die Wand
des Badehauses kollabieren, manchmal fällt ein
Bahnarbeiter vom Gerüst. Der Kalkberg ist mehr
Abenteuerspielplatz als Theater; zu schade, dass
man nicht im Zickzack runterrennen und die
Geschichte zusammen mit Torsten Albig weiterspielen darf.
Winnetou und Old Shatterhand kommen
leider nicht mehr bis zum Silbersee – nach der
Pause Abbruch der Vorführung wegen Dauerregens, Gefahr bestehe für Zuschauer, Pferde und
Adler. Zum Glück sind vorgegebene Handlungsstränge hier nicht wichtig, das Westernabenteuer
lässt sich auf dem Fußweg zurück zum Auto im
knöchelhohen Matsch zu Ende fantasieren. Im
Schlamm denkt man nicht nur an Winnetou,
sondern auch an Django. Tarantino meets May.
Damals übrigens, 1952, als entschieden wurde, was mit der Kalkberg-Naturkulisse geschehen soll, konnten sich die Winnetou-Fans
durchsetzen gegen eine Theatergruppe, die hier
gerne einen anderen deutschen Mythos erzählt
hätte: die Nibelungensage. Aber warum nicht
mal beides zusammen? Indigene gegen Siegfried, das wäre das Gipfeltreffen deutscher FanFiction. Ein Superheldenabenteuer aus dem
Geist des Teutonentums. Vielleicht zum 70.
Jubiläum in Bad Segeberg. Klar, wer da gewinnt.
»Der Schatz im Silbersee«:
bis zum 4. September, donnerstags bis samstags
15 und 20 Uhr; sonntags 15 Uhr
n Berlin kann man schon länger in kein ange- Handtaschen von Céline oder Chloé, wohin das
sagtes Restaurant mehr gehen, ohne dass jeder Auge blickt. Dazu Parfümwolken, wehendes Haar
sofort sein iPhone zückt und die Teller vor in Blankenese-Blond und interessante Mixgetränke.
sich dokumentiert – zwecks Direkteinspei- Die Buchvorstellung ist in 15 Minuten erledigt,
sung in die sozialen Netzwerke. In Hamburg pas- die vielen Frauen und sehr wenigen Männer im
siert das eher selten. Das könnte an der angenehm Publikum zieht es zum Smalltalk nach draußen an
sedierenden Wirkung des Astra liegen oder an der die saharaheiße Luft.
Über guten Stil lässt sich schon lange nicht
manierlichen Art des Hanseaten an sich – die
Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. mehr streiten, vor allem nicht im Kreis derer, die
Fakt ist: Ceviche, Chia-Pudding und andere Super- zur globalen Geschmackselite gehören wollen. Sie
foods konnte bisher noch jeder Hamburger in sind daran gewöhnt, dass alles um sie herum bis
ins kleinste Detail kuratiert wurde. Man trinkt
Ruhe verzehren.
Doch das ändert sich gerade, auch die Hanse- nicht irgendein Bier, sondern es muss ein
stadt schließt an globale Lifestyletrends an, und da Fastmoker Pils von Wildwuchs sein, laut der
läuft nichts ohne digitalen Distinktionsgewinn. Ein Biersommelière Sophia Wenzel, die in dem Führer
Symptom dafür ist der eben im österreichischen zu Wort kommt, »ein frisches, grünes, vegetatives«
Craft-Bier. Das Resultat: All die lässigen
Brandstätter Verlag erschienene HamburgBars, schicken Concept Stores und miniReiseführer for Women only. Das Buch ist
malistischen Galerieräume sehen gleich
das vierte seiner Art, Wien, Berlin und
aus und bieten von skandinavischen
München gibt es bereits, alle herausgeTöpfereien über handgerührte Biocremes
geben von der Wiener Modejournalistin
bis hin zu Street-Art-Paste-ups ein ähnNicole Adler.
liches Angebot – egal, ob in Brooklyn,
Die Reihe ist, obwohl auf Papier geKopenhagen oder im Schanzenviertel.
druckt, ein Produkt des Instagram-ZeitDa ist es nur folgerichtig, dass die drei
alters. Der modern Reisende fährt nicht
Autorinnen des Reiseführers Lifestylemehr in erster Linie in fremde Städte, um
Bloggerinnen sind. Katharina Charpian,
sein Bedürfnis nach Sehenswürdigkeiten Lisa van
Lisa van Houtem und Anna Weilberg beoder kulturellen Einrichtungen zu be- Houtem u. a.:
treiben zusammen femtastics.com, »das
friedigen, sondern weil er dringend neue, Hamburg for
digitale Magazin für Girlpower«. Das Blog
aufregende Kulissen für Selfies braucht, Women only.
will eine »Plattform für spannende und
mit denen er sein Internet-Ich aufpolie- Brandstätter
inspirierende Frauen« sein, der Reiseren kann.
Verlag; 208 S.,
führer die Tipps der besten Freundin
Solche fotogenen Kulissen zeitsparend 24,– €
ersetzen. Bei beidem gilt das Prinzip des
zusammen- und vorzustellen, hat sich
schwesterlichen Zusammenhalts, dessen
dieser Reiseführer zur Aufgabe gemacht.
Dass er laut Titel »nur für Frauen« gedacht ist, mag Vorbild amerikanische Initiativen wie lean in
als Verkaufsargument wirkungsvoll sein, den zum together sind, die von erfolgreichen Frauen wie der
Äußersten entschlossenen Hipstermann wird – Managerin Sheryl Sandberg und der Regisseurin
und Schauspielerin Lena Dunham unterstützt werund soll – das nicht bremsen.
Auf 208 Seiten versammelt das aufwendig ge- den. Auch wenn man sich womöglich nie von einer
staltete Buch Interviews mit Hamburgerinnen wie gewissen Delia im Day Spa im Gastwerk massieren
Iris von Arnim, Cornelia Poletto oder Eveline Hall lassen wird, wie die Beauty-Bloggerin Hanna
sowie mit weniger bekannten Persönlichkeiten wie Schumi einem ans Herz legt – was zählt, ist das
der Fotografin Sevda Albers oder der Bar-Inhaberin Gefühl, über weibliches Geheimwissen zu verfügen
Vera Heimsoth. Unterteilt in die Rubriken »Mode und den entsprechenden Termin jederzeit buchen
& Shopping«, »Architektur«, »Interior & Design«, zu können.
Im Prinzip verdient der Empowerment»Essen & Trinken«, »Nachtleben & Musik«,
»Kunst & Kultur«, »Beauty & Entspannung« und Gedanke Unterstützung, auch wenn er, wie hier,
»Ausflüge & Erholung«, finden sich massenhaft eher an der Oberfläche kratzt. Schließlich weiß
Adressen, augenscheinlich alle hip und besonders, jeder, der sich mit Popkultur befasst, wie befreiend das sein kann. Ihren Job, Hamburg das Image
eben for those who know.
Bei der Buchpremiere in der sympathischen einer begehrenswerten It-City zu verpassen, haben
Kiez-Bar Kleines Phi vergangene Woche kommt es die drei Autorinnen jedenfalls erfüllt. Und zwar so
einem dann auch so vor, als sei ein Glamour- gründlich, dass man demnächst wahrscheinlich
Raumschiff in der Feldstraße gelandet. Zehenfreie nicht einmal mehr in Ruhe in sein Fischbrötchen
Ankleboots, bestickte Ethnokleider, sündteure beißen kann.
JENNY HOCH
STILKUNDE
Unsere
Impulse
Taxis mit Defibrillator: Eine tolle
Chance – und ein Risiko
I
n Hamburg gibt es jetzt Taxis mit Defibrillatoren, »Defi an Bord« steht gut sichtbar auf den
Autos. Wenn man sich also nicht gut fühlt
(Schwindelgefühl, Atemnot), kann man, soweit es
die Kräfte zulassen, so einen Wagen heranwinken.
Vielleicht winkt man auch nicht mehr, weil eine
Körperhälfte bereits taub ist.
Dann wäre es gut, in Begleitung eines HamburgKenners zu sein, der die betreffende Nummer
wählt und sagt: Bitte einen Wagen mit Defibrillator.
Das geht womöglich schneller, als sich beim Notruf zu melden.
Statt Rettungswagen besser einen sportiv agierenden Fahrer, der sich freut, die 200 PS seiner
S-Klasse einmal angemessen zur Geltung zu bringen. Fragt sich allerdings, ob ein kardiologisches
Taxi nicht zum Missbrauch einlädt. Exzentrisches
Partyvolk zum Beispiel, Leute, die schon immer
wissen wollten, ob jenseits der Vier-PromilleGrenze noch etwas kommt, sie könnten sich ermutigt fühlen, den Lustgewinn an äußerste Grenzen
zu treiben. »Also, dieses Zeug (gulp, schniiief ) ist
wirklich massiv, aber was wegmuss, muss weg. Ruf
besser mal ein Defi, zur Sicherheit.«
Umgekehrt könnten Taxifahrer ängstlich werden. With great power (rund 4000 Volt) comes
great responsibility. Vielleicht hat der Fahrgast nur
deshalb keinen Puls mehr, weil er meditiert. Es
soll solche Meister des autogenen Trainings geben,
die minutenlang den ontologischen Status wechseln. Das Herz-Taxi: tolle Sache, aber auch eine
Herausforderung.
DANIE L HA AS
30. J U N I 2 0 1 6
HAMBURG
KALENDER
D I E Z E I T No 2 8
H
Eine Woche Hamburg
30. JUNI BIS 6. JULI
Täglich neue Veranstaltungstipps: www.zeit.de/hamburg
ERNSTNEHMEN
DO
30. 06.
9
AUSSPANNEN
RAUSKOMMEN
Literatur
Das wird Upper-Klasse! Der Anthony-PowellAbend dreht sich um den wiederentdeckten Briten
und seinen Roman »Ein Tanz zur Musik der Zeit«.
Benefiz
Bock auf einen Lauschhandel? Tolle Musik
gegen (hoffentlich!) großzügige Gaben bei der
2. Lübecker Spendengala für Flüchtlinge.
Performance
»Come in and find out«: Die Klanginstallation
»Außen/Innen« lädt Besucher ein, Grenzen zwischen
draußen und drinnen zu erfahren.
Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19 Uhr
St. Marien zu Lübeck, Marienkirchhof 1, 19 Uhr
Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall, 20 Uhr
VORMERKEN
Open Air
Auf einen Luftsprung
zum 2. Rathauskonzert
»Die Klassiker« mit
Werken von Brahms und
Beethoven.
Innenhof des Hamburger
Rathauses, 21. Juli, 19 Uhr
01. 07.
SA
02. 07.
HIER AUSREISSEN!
SO
03. 07.
MO
04. 07.
DI
05. 07.
MI
06. 07.
Ausstellung
Das Unsichtbare kann sich sehen lassen: In »Dawn
Mission« zeigt die Künstlerin Katja Novitskova
visuelle Daten jenseits der Wahrnehmung.
Party
Bitte komplett durchdrehen: Der dreifache DJ World
Champion Kid Fresh serviert selbst gemischte
Elektro-Sounds vom Plattenteller. Stimmung satt!
Festival
Dafür sollte man auf die Straße gehen: STAMP
eröffnet die altonale18 mit Künstlern, die
den öffentlichen Raum zur Bühne machen.
Kunstverein, Klosterwall 23, 12–18 Uhr
moondoo, Reeperbahn 136, 23 Uhr
Verschiedene Orte, mehr unter www.altonale.de/stamp, ab 18 Uhr
Klassik
Nicht alt, aber gut: Nachwuchs-Pianistin
Katharina Königsfeld zeigt beim Klavierabend
»Von Bach bis Chopin« ihr Können.
Markt
Ob »Die Wicherts von nebenan« auch kommen?
Hallo Frau Nachbar verkauft Schönes, Handgemachtes
und Leckeres direkt vor der Haustür.
Bootstour
100 % seemannsgarnfrei! Fotograf Thomas Kunadt
erzählt bei »Shipspotting – Hamburger Schiffe« wahre
Geschichten über Ozeanriesen.
Schloss Reinbek, Schloßstraße 5, 19 Uhr
Phoenixhöfe, Ruhrstraße 11, 12–18 Uhr
Ab/An Überseebrücke, St.-Pauli-Landungsbrücken, 17 Uhr
Gottesdienst & Gespräch
Bibel-Fest: Bei der Lutherischen Messe »Marias
Geheimnis« ist der koptisch-orthodoxe
Bischof Thomas aus Ägypten zu Gast. Salam!
Kinder
Das Haut hin: Kids erfahren bei »Tätowierungen
der Maori – ta moko« alles über Neuseelands Tattoos
– und bemalen sich mit Motiven!
St. Petri, Bei der Petrikirche 2, 10 Uhr
Museum für Völkerkunde, Rothenbaumchaussee 64, 14.30–17 Uhr
Tanz
Und, wer führt? Schnupperkurs SommerTango, dazu spanisches Essen. Olé juhé!
HafenCity Elbpromenade, Strandkai. Bei Regen:
Tango Chocolate, Kirchenallee 25, 15–20 Uhr
Vortrag
Den Begriff »Krise« begreifen: »Der krisenhafte Anfang
und die Krise am Ende der modernen Kunst –
Von der Romantik zur Postmoderne«.
Kinopremiere
Davonlaufen und wieder Feuer fangen: »Ferien«
erzählt vom Burn-out einer Frau, die auf einer Insel neuen
Lebensmut findet. Gast: Schauspieler Detlev Buck.
Chor
Aus heiterem Himmel kommt
Swing do ChorCovado: Drei Dutzend Sänger
mit Samba- und Bossa-nova-Rhythmen.
HafenCity Universität, Hörsaal 150, Überseeallee 16, 18.15–19.45 Uhr
Abaton, Allende-Platz 3, 20 Uhr
Kulturkirche Altona, Bei der Johanniskirche 22, 19.30 Uhr
Vernissage
Siegen auf einen Streich: »veni, vidi« zeigt Werke
der Bildhauerklasse Stephan Balkenhol –
Schöpfer von Hagenbecks »Mann auf Giraffe«.
Party
Helle Aufregung! DJ Shadow knipst nach langer
Pause die Lichter am DJ-Pult an und kommt mit
»The Mountain Will Fall« vorbei.
Open-Air-Kino
The Greatful Dead: Im Film »Ich bin tot, macht
was draus« gehen in die Jahre gekommene Rocker auf
Tour – mit der Asche ihres Freundes.
Evelyn Drewes Galerie, Burchardstraße 14, 14–18 Uhr
Mojo Club, Reeperbahn 1, 20 Uhr
St. Pauli – Sommerkino, Millerntor-Stadion, Heiligengeistfeld, 22 Uhr
Führung
Vergangen, aber unvergessen: »Die Jüdischen Friedhöfe
in Wandsbek« klärt auf über die Gemeinde von Beginn bis zur
Auslöschung im »Dritten Reich«.
Kabarett
Keine Foul-Pelze: Schauspieler Karoline Bär und
Bastian Reiber laufen in »Untergrund: Grün wie
Rasen« zur EM-Humor-Höchstform auf.
Ausflug
Wollen wir zu »Kirschen aus Nachbars Garten mit
Kirschsecco«? – Kerne! Natürlich
inklusive Wettweitspucken und Naschen.
Treffpunkt Jüdischer Friedhof Wandsbek, Königsreihe, 11–13.15 Uhr
Restaurant im Theaterkeller, Kirchenallee 39, 19 Uhr
Obsthof Lefers, Osterjork 140, 16 Uhr, Anmeldung unter 04162/375
Zusammengestellt von REGINA PICHLER
WAS HAMBURG LIEST
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01
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T 01
03
S 10
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Belletristik
Sachbuch
Juli Zeh:
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Giulia Enders:
Darm mit Charme
Ullstein;
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Donna Leon:
Ewige Jugend
Diogenes;
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Peter Wohlleben:
Das geheime Leben der Bäume
Ludwig;
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Dörte Hansen:
Altes Land
Knaus;
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Stefanie Stahl:
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Heimat finden
Kailash/Sphinx; 14,99 €
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Heinz Strunk:
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deinem Herzen
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Daten der Rangliste: Copyright by media control GmbH, Baden-Baden; erhoben in Kalenderwoche 25
25
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... = Wiedereinstieg in die Top Ten
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Illustrationen: Anton Hallmann/Sepia für DIE ZEIT
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10 HAMBURG
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30. J U N I 2016
D I E Z E I T No 2 8
HAAS
GEHT
AUS
Von wegen
gefühlig
Damenwahl vom Feinsten:
Der Emotion Award
VON DANIEL HA AS
Wer da war: Susann Atwell, Rosa Loy, Iha von der
Schulenburg, Julia-Niharika Sen, Susanne Stichler,
Kristina Tröger
MAHLZEIT
Toller Hecht aus
Winterhude
Günstige Gelegenheit für
Fischgenuss: Das Liman
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I
Bettina Wulff, Christina Block
Pola Fendel, Fashion-Unternehmerin
Marie Nasemann, Model und Schauspielerin
»Emotion«-Herausgeberin Katarzyna Mol-Wolf (Bildmitte) mit Gästen
m Urlaub sinkt bei den meisten Essern das Verlangen nach Raffinesse. Ein ehrliches Fischlokal
in der Bucht. Meeresfrüchte frisch vom Grill –
und das Leben ist schön. In der Großstadt ist dieses
Gefühl naturgemäß schwer zu erzeugen. Einer
versucht es doch: Gürcan Aksoy. Der Gastronom
mit Kontakten ins Showgeschäft tritt öfters im
Fernsehen auf, wo er merkwürdige Dinge sagt,
etwa, er sei »Gastronaut«. Seine Geschäftsidee
vermittelt sich leichter: »solides Handwerk und
kein Schnickschnack«.
Sein Restaurant, Liman heißt es, benennt sich
zwar nach dem türkischen Wort für Hafen, sucht
aber nicht dessen Nähe. Man findet es im Hofweg
– wenn man die Augen aufhält. Denn obwohl das
Restaurant mit seinem doppelten Eingang nicht
klein ist, setzt die Einrichtung das Credo »kein
Schnickschnack« so gründlich um, dass man es
kaum bemerkt. Es wirkt wie eins dieser austauschbaren Strandlokale am Mittelmeer, nur ohne den
Kellner, der einen hereinwinkt, und ohne die
Vitrine mit dem Tagesfang aus dem Großmarkt.
Aber alles wirkt freundlich; und die meisten
Tische sind belegt mit jungen Leuten. Man kann
sich gut ausmalen, sie hätten einen Strandtag hinter sich und eben erst ein paar bequeme Sachen
über die Badekleidung gezogen.
Was sie heute empfiehlt? Die nette Kellnerin
schaut verdattert. Nach einem Blick in die Speisekarte versteht man, warum. Es gibt im Prinzip nur
ein Hauptgericht: Fisch vom Grill mit Röstkartoffeln und gemischtem Salat. Auch die Fischsorten
zur Wahl sind immer dieselben, ohne jeden Anspruch auf Originalität. Das System, so plump es
klingt, hat einen Vorteil: Hier kostet der Teller nur
halb so viel wie in manchem Urlaubslokal.
Die Fischsuppe vorneweg bietet Kulturschock
genug. Die »Edelfische« darin wurden so lang mitgekocht, dass man unmöglich erraten kann, welche das einmal waren. Von manchen schwimmt
nur ein Stück Haut in der rötlichen Masse, die eine
Bouillabaisse wässrig aussehen ließe. Doch der Geschmack ist ebenso dicht und verblüffend sauber.
Nichts Muffiges, nichts Angebranntes, nur volle
Dröhnung Fisch.
Kaum ist die bewältigt, steht schon der
Hauptgang auf dem Tisch, ein tellerfüllendes
Dreierlei von Pulpo, Heilbutt und Thunfisch.
Alles ist tadellos gegart (wenn man Tintenfisch
nach alter Schule ein bisschen schwabbelweich
mag).
Macht dies nun das Liman zum besten Fischrestaurant in Hamburg? Schwer zu sagen; es gibt
ja kaum mehr welche. Woran das liegt, zeigt
schon ein Blick aus dem Fenster zum Fischladen
gegenüber. Da bekommt man die Ware noch
günstiger samt Tipps fürs richtige Garen. Banales Essen, denkt man noch, dann ist schon der
Teller leer. Nun ja, Seeluft macht hungrig.
Was Aksoy bietet, ist zumindest ein Urlaub
von Winterhude. Zwischen all den schicken Lokalen kultiviert er ein Barmbek-Feeling. Hier heißen
die Gerichte noch »Gourmetteller« oder »Schlemmerplatte«. Aus den Boxen dudelt der Buena Vista
Social Club. Und keiner sagt: »Das geht ja gaaar
nicht!« Es geht eben doch.
MICHAE L ALLMAIE R
Liman, Mühlenkamp 16, Winterhude. Tel. 37 08 56 53,
www.liman-fisch.com. Geöffnet montags bis
donnerstags von 12 bis 24 Uhr, samstags und sonntags
von 12 bis 1.30 Uhr, sonntags von 12 bis 23 Uhr.
Hauptgerichte um 18 Euro
Fotos: Daniel Feistenauer für DIE ZEIT; Maximilian Probst für DIE ZEIT (o.l.); Illustration: Anton Hallmann/Sepia für DIE ZEIT
L
aeiszhalle, früher Abend, dreißig Grad.
Die Damen schimmern, ab einer gewissen kosmetischen Kompetenz wirkt
Transpiration veredelnd. Die Herren halten die
Köpfe starr in ihren Krägen, zur Vermeidung
zusätzlicher Reibungswärme.
Emotion Award, eine Ehrung für Frauen
und ihre besonderen gesellschaftlichen Leistungen, vergeben vom gleichnamigen Magazin. Entsprechend ist der XY-Chromosomenträger in der Minderheit. Es macht nichts, zumal die Männer sich als nicht satisfaktionsfähig
erweisen. Moderator Jörg Thadeusz: nervt mit
bemühten Witzchen (»Ich bin im Paradies gelandet! 500 Frauen und alles ohne Selbstmordattentat!«). Johannes B. Kerner: erscheint als
Laudator in Jeans und Knittersakko. Dabei
stand es sogar in der Einladung: Cocktail Attire.
Die Ladys beherrschen sie perfekt, diese
Mischung aus Lässigkeit und Sinn fürs Formale. Christina Block zum Beispiel trägt ein
beigebraunes Sommerkleid mit Trompe-l’ŒilMuster. Man schaut sie an, und zum Weißwein
stellt sich eine angenehme Verwirrung ein.
Die Damen bechern schnell und effizient
die Spirituosen. Lady, hoffentlich ist Ihr
Chauffeur in der Nähe, denkt man und bestaunt eine beschwingte Pola Fendel, die Jahrgangswhiskey aus einer Pipette schlürft.
Auch an diesem Abend gibt es die Hamptonites (heimlich hat man sie so getauft): eine
Clique von Frauen, die aussieht, als träfe man
sie eben genau dort, an der ostamerikanischen
Küste, auf dem Weg zum Segeltörn, best friends
mit Kennedy und Radziwill. Cremefarbenes
Kleidchen, Perlenkette, Hochsteckfrisur – sie
könnten als unscheinbar durchgehen, wäre da
nicht dieser Zug von Entschlossenheit und
Disziplin um die Augen. Emotion? Ja, aber
bitte gekühlt.
Nr. , . Juni 
DIE
PERESTROIKA
DER MODE
WIE JUNGE
RUSSEN MIT
DEM BERLINER
STIL DIE
MODE PRÄGEN
zeitmagazin
inhalt nr. 
mode — Die russische Avantgarde
In der Politik herrscht momentan Eiszeit zwischen Russland
und der westlichen Welt. In der Mode aber geschieht zwischen
Ost und West so viel wie nie zuvor. Eine junge Generation lebt
vor, was möglich ist: die Kultur des anderen zu akzeptieren,
miteinander zu reden, zu feiern – und daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Zurzeit kommen nämlich viele aufregende
Mode-Designer aus der ehemaligen Sowjetunion. Und ihre Inspiration beziehen sie aus der Stadt, in der wie in kaum einer
anderen verschiedene Kulturen zusammenkommen: Berlin.
200 000 russisch sprechende Menschen leben in der deutschen
Hauptstadt – in unserem Modeheft widmen wir uns einigen
von ihnen. Sie gehören zu denen, die den neuen Stil der Stadt
prägen, der dem politischen Umgang zwischen ihrer alten und
ihrer neuen Heimat um einiges voraus ist.
deutschlandkarte: wo wird am häufigsten
teilzeit gearbeitet?
von friederike milbradt . . . . . . . . . . . . . 
gesellschaftskritik: über das kennenlernen
von özlem topçu . . . . . . . . . . . . . . . . . . 
maggie rogers ’ traum ist es, von ihrer musik
leben zu können
aufgezeichnet von sascha chaimowicz . . . . . . . 
stil: erst die uhr macht den piloten
tillmann prüfer . . . . . . . . . . . . . . . . 
von
ein grünes kaninchen erlebt lustige
abenteuer: die app »easy joe world«
von mirko borsche . . . . . . . . . . . . . . . . . 
kolumnen
über die radikalisierung der mitte
von harald martenstein . . . . . . . . . . . . . . 
heiter stimmen uns kaltes eis und heisse shirts
von claire beermann . . . . . . . . . . . . . . . . . 
Titelfotos: Thomas Lohr; Cover 1: Herrenhemd von Gosha Rubchinskiy, Ohrringe Topshop
Cover 2: Jumpsuit und Cape von Moncler Gamme Bleu, Schuhe von Asos
im wochenmarkt gibt es zucchinipuffer
. . . . . . . . . . . . . . . 
von elisabeth raether
wundertüte: eine öllampe gegen mücken
von laura schupp . . . . . . . . . . . . . . . . . . 
wann muss schluss sein mit den flirtmails?
von wolfgang schmidbauer . . . . . . . . . . . 
eine idee seiner mutter rettete
den schriftsteller garth risk hallberg
von anna kemper . . . . . . . . . . . . . . . . . . 
Herr Janosch, was macht man gegen Einbrecher?
»Die Türen auf, durch eine offene Tür kann niemand einbrechen. Zusätzlich kann
man eine Einbrecher-Falle aufstellen. Allerdings sollte
man mit einem gefangenen Einbrecher auch etwas anzufangen wissen.«
diese woche in der tablet- und smartphone-app »die zeit«:
eine modenschau des designers gosha rubchinskiy in florenz
harald martenstein
Über Umfragen und
die Radikalisierung der Mitte
Alte Freunde kamen zu Besuch, ein Paar. Bürger, könnte man sagen,
mit Studium und Haus. Der Mann ist früher sehr links gewesen.
»Übrigens, wir sind jetzt Nazis«, sagte er fröhlich. Einige Leute verwenden neuerdings dieses Wort in einer ähnlich ironischen Weise,
wie Homosexuelle vor Jahren das Schimpfwort »schwul« verwendeten, so lange, bis es für die meisten kein Schimpfwort mehr war. Die
beiden sehen die Regierung kritisch, vor allem die Einwanderung.
Zeitungen und Fernsehen nutzen sie kaum noch. »Es ist wieder wie
in der DDR«, sagte die Frau, eine Ostdeutsche.
Auf ZEIT ONLINE habe ich einen Artikel über die »Radikalisierung der Mitte« gelesen, es gibt dazu eine Studie der Uni Leipzig. In
der Mitte der Gesellschaft gebe es eine Gruppe, die Gewalt akzeptiere, Vorurteile gegen alles Andersartige pflege, ein autoritäres Milieu.
Als Beleg für diese These wird die Zustimmung zu folgendem Satz
zitiert: »Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal
wie ein Fremder im eigenen Land.« Diesem Satz stimmen, falls die
Studie recht hat, fast 50 Prozent der SPD- und der CDU-Wähler
zu, von den Grünen-Wählern tut dies immerhin ein Viertel.
Dass ein Viertel sogar der Grünen-Anhänger ausländerfeindlich denkt,
Gewalt akzeptiert und ein autoritäres Regime herbeisehnt, wäre
wirklich ein erstaunlicher Befund. Aber das gibt diese Frage ja auch
nicht her. Die Leute werden nur nach einem Gefühl gefragt; nach
den Konsequenzen, die sie aus ihrem Unbehagen ziehen, wurden
sie nicht gefragt. Sie könnten zum Beispiel als zweiten Satz sagen:
»Daran wird man sich gewöhnen, das ist halt die Globalisierung.«
Oder: »Trotzdem, die meisten Muslime sind sicher gute Leute.«
Im weiteren Verlauf des Artikels, der, wie üblich, eine Mischung
aus Nachricht und Kommentar ist, werden alle, die ein Unbehagen
empfinden, in die Nähe von Rechtsextremen gerückt. Zitat: »Da
ist der Schritt zum Schleudern von Brandsätzen auf Asylbewerberunterkünfte nur ein kleiner.«
Zu den Gründen für die »Radikalisierung der Mitte« gehört, glaube
ich, auch die Art, wie diese »Mitte« in den Medien häufig behandelt
wird. So etwas wie »Differenzierung« gibt es eigentlich nur noch
selten. »Differenzierung« scheint, wenn es um diese Frage geht, auch
irgendwie rechtsradikal zu sein. Die Tatsache, dass es in jeder Demokratie seit Anbeginn der Zeiten Rechte und Linke gegeben hat
und dass gewisse Unterschiede zwischen Liberalen, Konservativen
und Nazis bestehen, scheint einigen Journalisten unbekannt zu sein.
Der Unterschied zwischen einem Bombenbauer von der RAF und
einem SPD-Ortsvereinsvorsitzenden ist ihnen dagegen bewusst. Es
gibt für die nur zwei Denkungsarten, entweder »alles bestens, mehr
davon« oder Nazi.
Ich hätte auf die Frage der Leipziger Nazijäger »Nein« geantwortet.
Ich fühle mich nicht fremd. Ich bin gegen Abschottung, ich will
nicht zurück in die fünfziger Jahre und all das. Vielfalt finde ich
gut, autoritäre Typen finde ich zum Kotzen. Trotzdem sehe ich die
Regierungspolitik kritisch. Früher, als ich ein flammender Gegner
des Kapitalismus war, wurde ich ständig aufgefordert, in die DDR
zu gehen, wenn es mir hier nicht passt. Dabei mochte ich die DDR
gar nicht so. Heute bin ich offenbar ein Nazi, wo soll ich denn jetzt
hin? Polen? Bitte nicht Russland, da werde ich nicht alt. Aber in der
Umfrage wäre ich immerhin bei den Guten gelandet. Das heißt,
die Umfragen müssen strenger werden. Wie wäre, zur Ermittlung
wirklich aller Nazis, die Frage: »Sehen Sie manche Dinge anders als
die Bundesregierung?«
Harald Martenstein
ist Redakteur beim »Tagesspiegel«
Zu hören unter www.zeit.de/audio
Illustration Fengel
6
heiter bis glücklich
Unsere Entdeckungen der Woche
Mit der
neuen
Platte des
schwedischen
Pop-Trios
Peter Bjorn
and John
im Ohr
bewegt man
sich nur
noch im
Tanzschritt
durch
die Gegend.
Musik ist
eben doch
die beste
Droge
Fotos Peter Bjorn and John, Gyalpa, Abolfazl, Carne Corporation, Fortnum & Mason, Olaf Unverzart
»Ketchup
auf alles.«
Mal wieder eine »Vom Müll zum DesignObjekt«-Erfolgsgeschichte: Das libanesische
Label Art Afif macht aus alten Flaschen
diese eleganten Wassergläser (über
avocadostore.de)
Von der Flucht bis zur Ankunft in
Deutschland erzählen neun Flüchtlinge in
Bildern, Videos und Texten, die vom
1. bis 3. Juli im Münchner Studio
The Stu ausgestellt werden
Die amerikanische
Schauspielerin
Kate Bosworth hat in
einem Interview
endlich das Geheimnis
ihrer schlanken
Figur verraten
Calippo, die klebrigste Erinnerung unserer Kindheit,
gibt es jetzt auch für Erwachsene: Zum Beispiel mit
Gin und Sherry (von Fortnum & Mason)
Keine Angst vorm Alter: Im ZEITmagazin
waren die Fotos, mit denen Olaf Unverzart das
hundertste Jahr seiner Großmutter dokumentiert, schon zu sehen. Jetzt ist »Hundert«
als Buch erschienen (fountain Verlag)
Von
Claire
Beermann
Der
Sommer macht übermütig – wem das Stelldichein unter
freiem Himmel aber zu heikel ist,
der kann auch erst mal eins der verwegen
bestickten T-Shirts von Carne Bollente
anziehen
7
wochenmarkt
Eieiei!
Grüne Gemüsepuffer
Zutaten für 3–4 Personen: 250 g Zucchini (geraspelt), Salz, 2 Handvoll Blattspinat (in Streifen geschnitten), 120 g Feta (zerkrümelt),
25 g Parmesan, ½ Knoblauchzehe (fein gehackt), einige Blättchen Basilikum (grob gehackt), abgeriebene Schale von 1 Zitrone,
Pfeffer, 5 Eier, Olivenöl
Neulich habe ich an dieser Stelle ein
Rührei als Frittata verkauft, damit nicht
jeder sofort merkt, wie allzu simpel mein
Geschmack ist. (Sie war ja trotzdem sehr
gut, finde ich, diese Frittata mit grünem
Spargel.) Jetzt habe ich einen tollen Begriff für gebratenes Ei entdeckt, nämlich
»Gemüsepuffer«. Das Rezept stammt von
Anna Jones, einer britischen Köchin, die
bei Jamie Oliver gelernt hat. In ihrem
Buch A Modern Way to Eat (Mosaik Verlag) sind alle Rezepte vegetarisch oder
vegan, das ist aber nicht weiter schlimm,
denn die Geschmackskombinationen sind
einfach toll.
Anna Jones hat einen Instagram-Account
mit 100 000 Followern, denen sie ihre extrem geschmackvoll angerichteten Teller
präsentiert – oder manchmal ein gut gestyltes Picknick im Wald, eine pittoreske
Haustür oder ihren schwangeren Bauch.
Obwohl ich selbst praktisch kein Gespür für Tischdeko und Antiquitäten
habe und, ehrlich gesagt, für Fotos überhaupt, habe ich auch einen InstagramAccount. Mir folgen bislang nur 1200
Leute, weshalb ich mich über jeden neuen Follower freue. Name des Accounts:
@zeitmagazin_wochenmarkt. Bis bald also
hoffentlich!
Von Elisabeth Raether
Foto Silvio Knezevic
Zucchiniraspel salzen und ungefähr eine
halbe Stunde lang in einem Sieb abtropfen
lassen. Dann zusammen mit Spinat, zerkrümeltem Feta, fein geriebenem Parmesan,
Knoblauch, Basilikum, Zitronenschale, Salz
und Pfeffer in einer großen Schüssel am
besten mit der Hand vermengen. Eier aufschlagen und unterrühren.
In einer Pfanne Olivenöl erhitzen, nicht
am Öl sparen. Wenn es heiß ist, je zwei
Esslöffel vom Teig in die Pfanne setzen
und etwas flach drücken, sodass Puffer entstehen. 2 bis 3 Minuten lang braten, dann
wenden, bis das Ei durchgegart ist.
Dazu passt ein Salat mit Senfdressing.
8
deutschlandkarte
Teilzeitarbeit
Plön (34,9)
Emden (14,9)
Osterholz (34,4)
Lüchow-Dannenberg (35,7)
Delmenhorst (36,6)
Wolfsburg (13,2)
Salzgitter (18,7)
Frankfurt (34,0)
Wolfenbüttel (34,5)
Olpe (19,1)
Sömmerda (19,6)
Werra-Meißner-Kreis (35,7)
Sonneberg (19,2)
Cochem-Zell (35,1)
Kusel (35,2)
Hohenlohekreis (18,3)
Ingolstadt (17,6)
Dingolfing-Landau (17,9)
Tuttlingen (18,6)
unter 15
15 – unter 20
20 – unter 25
25 – unter 30
30 – unter 35
35 und mehr
Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die in Teilzeit arbeiten – in Prozent nach Kreisen und kreisfreien Städten.
Benannt sind die Orte mit den zehn höchsten und den zehn niedrigsten Werten (Stichtag: 30. September 2015)
Eigentlich ist Teilzeit eine tolle Idee. Arbeiten Frau und Mann in
einer Beziehung je nur zur Hälfte, können sie sich Haushalt und
Kinderbetreuung ganz gerecht teilen und haben trotzdem noch ein
volles Einkommen. Die Sache ist nur: Es sind meist nur die Frauen,
die in Teilzeit arbeiten. Aber nicht nur zwischen den Geschlechtern
ist die Teilzeit ungleich verteilt, sondern auch zwischen den Regionen. Am kleinsten sind die Quoten in Wolfsburg, Emden und
Ingolstadt. Diese Städte haben gemein, dass dort Werke von großen
Automobilherstellern beheimatet sind: In Wolfsburg und Emden
sitzt VW, in Ingolstadt Audi. Dort ist man oft im Schichtbetrieb tätig – und das in Vollzeit. Und in den Metropolen? Im armen Berlin
arbeitet man eher in Teilzeit (31,6 Prozent) als im reichen München (23,9 Prozent) oder in Hamburg (26,3 Prozent). Deutscher
Meister im Teilzeitarbeiten ist allerdings Delmenhorst. Das liegt an
den zahlreichen Dienstleistungsfirmen in der Stadt. Besonders viele
Teilzeitstellen gibt es hier im Einzelhandel – einer »Frauenbranche«.
Illustration Laura Edelbacher
Von Friederike Milbradt
10
Quelle Bundesagentur für Arbeit
Freiburg (34,2)
Über Arten des Kennenlernens
eine gesellschaftskritik
Die amerikanische Pop-Sängerin Taylor
Swift hat kürzlich bei einem Abendessen den britischen Schauspieler Tom
Hiddleston kennengelernt. Okay, es war
kein einfaches Abendessen, sondern die
wichtigste Benefizveranstaltung der New
Yorker Modewelt. Es gab weiß eingedeckte Tische und später einen Tanz,
und seitdem gehen Swift und Hiddleston
miteinander, heißt es zumindest.
Kennengelernt bei einem Abendessen?,
wird sich jetzt vielleicht der eine oder
andere jüngere Leser überrascht fragen.
seinen Agenten bat, ihm mal diese kleine
Dunkelhaarige vorzustellen, diese Katie
Holmes? Dann war mit Holmes Schluss,
und als er anschließend wieder auf die
Suche ging, soll er, so heißt es, einen
Dating-Service von Scientology in Anspruch genommen haben.
Oder Elyas M’Barek, der seine Freundin
angeblich auf dem Oktoberfest kennengelernt hat: na ja. Oder David Beckham,
in dessen (autorisierter) Biografie steht,
dass er sein späteres Spice Girl zuerst im
Fernsehen bewunderte, während sie ihn
Fotos Christopher Smith / action press; Taylor Hill / Getty Images
Zwei Bilder, aber neuerdings gemeinsam
unterwegs: Taylor Swift und Tom Hiddleston
Ja, das passierte früher tatsächlich häufig,
als es noch kein Online-Dating gab. Man
hat sich erst gesehen, dann telefoniert,
gemailt oder gesimst. Nicht umgekehrt.
Man konnte einander nicht einfach wegwischen wie auf dem Smartphone, und
ob ein »Match« vorlag, errechnete nicht
der Computer, sondern man selbst. Und
alles hatte seine Reihenfolge: Man konnte
sich erst anschauen, also in echt. Dann
lächeln. Dann sprechen. Dann tanzen.
Heute ist diese Reihenfolge des Kennenlernens völlig durcheinander.
Das Wie und Wo des Kennenlernens ist
für Promis ja auch Teil des Images und
damit genauso wichtig für die Mythenbildung wie die eigentliche Partnerwahl. Nur blöd, dass es auch Mythen
beschädigen kann. Wollen wir wirklich wissen, dass Tom Cruise seinerzeit
Von Özlem Topçu
in einem Sammelalbum für FußballerBildchen für sich entdeckt habe.
Man kann es sich eben nicht immer aussuchen. Nicht mal als Promi. Und für
das Ende der Beziehung scheint es sowieso keine Rolle zu spielen, wie zwei sich
kennengelernt haben. Auch dafür steht
Taylor Swift. Mit ihrem Ex wurde sie
nämlich ganz klassisch verkuppelt: Wie
man der einschlägigen Presse entnehmen
kann, lernte sie Calvin Harris, einen
schottischen DJ, im vergangenen Jahr
durch eine Freundin kennen. Die stellte
die beiden einander bei den Brit Awards
vor, aus guten Gründen (»Sie sind beide
großartig und sehr groß«). Nun, hat auch
nicht lange gehalten. Die Trauerzeit betrug zwei Wochen. Dann kam schon
Hiddleston. Dieses Matchen ist doch jedes Mal wieder ein verdammtes Wunder.
11
cattelan & ferrari
Kettenkarussell
Maurizio Cattelan ist einer der einflussreichsten italienischen Künstler. Seit 2009 arbeitet er mit dem
Fotografen Pierpaolo Ferrari zusammen. In diesem Jahr produzieren sie jede Woche ein Bild für das ZEITmagazin
12
RUSSISCHE
REVOLUTION
Berlin wird wieder zum
Sammelpunkt der
russischen Kreativen,
die mit ihrem hier
geprägten Stil die Modewelt begeistern. Wir haben
Berlins neue Bewohner
fotografiert, in deutscher
und internationaler Mode
15
Fotos
Thomas Lohr
Styling
Klaus Stockhausen
Von Tillmann Prüfer
Das Atelier des Künstlers Dmitri
Wrubel in Prenzlauer Berg ist ein
Treffpunkt der Hoffnungsvollen. Der
Russe lädt zusammen mit seiner Partnerin Viktoria jeden Samstag in sein
Atelier ein. Hier kommen Menschen
zusammen, die Russland verlassen
haben, weil sie unter den gegebenen
politischen Umständen dort keine
Heimat mehr haben. Einmal war der
Politologe Alexander Morozov eingeladen, er sollte über die aktuelle Lage
in Russland reden. Er trat nach vorne
und sagte, die Lage in Russland mache
ihn sprachlos, deswegen wolle er nur
ein Gedicht aufsagen. Anschließend
trat einer nach dem anderen aus dem
Publikum vor – jeder trug ein persönliches Gedicht vor.
Auch der Schriftsteller Wladimir Kaminer war dabei. Er hat mit seiner
in den neunziger Jahren gegründeten
»Russendisko« russischen Pop in der
Hauptstadt zum Hit gemacht, gerade
arbeitet er an seinem nächsten Buch
– Meine Mutter, ihre Katze und der
Staubsauger. Für ihn sind es solche
Abende, an denen er die russische Seele spürt. »Die Russen sind ja alle sehr
poetisch«, sagt er. »Jeder kann unzählige Gedichte auswendig.« So gesehen
wird die deutsche Hauptstadt immer
poetischer. Denn sie ist ein Sammelpunkt russischer Exilanten. Kaminer
sagt: »Ich fühle mich wie in den zwanziger Jahren, ständig treffe ich hier
neue Menschen, die das Land verlassen
haben, weil sie sich nicht mehr sicher
fühlen.« Für solche Leute ist Berlin
die erste Anlaufstation. »Deutschland
steht für die Russen für Europa«, sagt
Kaminer: »Es ist der Beweis dafür, dass
Dinge funktionieren können.« Vor allem Journalisten kämen nach Berlin,
und auch Künstler und Intellektuelle,
die hier Freiheit suchten.
Berlin als das Symbol für die Freiheit,
für das Leben, das man führen möchte. Das zeigt sich auch in der Mode.
Zurzeit sind Designer aus Russland
und den Ländern der durch Russland geprägten ehemaligen Sowjetunion präsent wie nie. Designer wie
Demna Gvasalia, Mitbegründer des
Labels Vetements und Kreativchef
von Balenciaga, stehen für eine wilde,
ungezügelte Art, Mode zu gestalten.
Ihr Vorbild ist der Ost-Streetstyle,
wie ihn junge Russen in Marzahn und
Neukölln tragen, mit Bomberjacken,
Trainingshosen und geschorenen Haaren. Die Schnitte der neuen DesignerGeneration sind hart, ganz und gar
nicht gefällig und voller Bezüge auf
Deutschland und seine Hauptstadt
– wenn etwa gelbe T-Shirts mit dem
Aufdruck DHL inszeniert werden
oder Mäntel, auf deren Rücken der
Schriftzug POLIZEI leuchtet. Auf
einem Vetements-Kleid findet sich
das Logo einer legendären Berliner
Schwulenbar: Ficken 3000. Vetements
ist eine Marke mit Sitz in Paris, die
sich ihre Ideen in Berlin holt.
Berlin und Russland, das ist eine Beziehung mit Tradition. Die Stadt hatte
schon viele russische Momente. Als in
Russland nach dem Ersten Weltkrieg
die Oktoberrevolution losbrach, kamen Tausende Russen nach Berlin.
Die Stadt wurde zum Sammelbecken
derer, die Grund hatten, die Rote
Armee zu fürchten. Es waren ArmeeAngehörige, Aristokraten und Intellektuelle. Sie arbeiteten als Taxifahrer
oder drehten in Heimarbeit Zigaretten, um in Berlin durchzukommen.
Anfang der zwanziger Jahre lebten
300 000 Russen in der Stadt. Rund
um den Wittenbergplatz entstand ein
kleines St. Petersburg, Charlottengrad
genannt, eine Stadt in der Stadt – erbaut aus den Trümmern der bürgerlichen russischen Gesellschaft.
In Berlin sammelten sich die Geflüchteten, bevor sie in andere europäische
Städte zogen oder einfach sesshaft
wurden. Viele Adlige hatten internationale Verbindungen und konnten
auf Hilfe rechnen, zumal da man in
deutschen feudalen Kreisen die Bolschewisten ja auch hasste. Nachdem
die Russen erfahren mussten, dass die
alte Ordnung in Russland verloren
war, bauten sie in Berlin russischorthodoxe Kirchen, eröffneten ihre
eigenen Restaurants und gründeten
Tennisclubs. Es gab in der Stadt russische Bücherstuben, russische Konditoreien und russische Zeitungen.
Auch der Schriftsteller Vladimir Nabokov lebte lange in Berlin: von 1922
bis 1937. Er war kein großer Freund
der Stadt, aber sie prägte sein Frühwerk, dort finden sich wunderbare
Beschreibungen der Metropole. Nabokov heiratete in Berlin und bekam
hier seinen Sohn.
Die Stadt hatte einen großen Vorteil,
den viele heute noch an ihr schätzen:
Sie lässt einen sein. In Berlin konnten
die Russen unter sich bleiben. Mit
seinen vier Millionen Einwohnern,
damals eine der größten Städte der
Welt, bot Berlin genug Platz für jede
Kultur. Zeitweise wurden in den russischen Verlagen Berlins mehr Bücher
veröffentlicht als in Moskau. Die Russen waren es, die Berlin erstmals zur
internationalen Stadt machten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war
der Osten Berlins gleichsam ein Teil
Russlands. Davon zeugen heute noch
wichtige Bauwerke. Die im russischen
Bombast-Stil gebaute Karl-Marx-Allee,
das Café Moskau, auf dessen Dach
eine Nachbildung des Satelliten Sputnik thront. Und natürlich das Wahrzeichen Berlins, der Fernsehturm. Der
ursprünglichen Planung nach sollte
seine Facetten-Kugel nachts rot angestrahlt werden. Als sozialistischer
Gruß Moskaus in den Westen.
Die heutige russische Diaspora in Berlin besteht nicht mehr aus geflohenen
Adeligen oder Militärs. Aber immer
noch sind es jene, die hier ein besseres Leben suchen. Schätzungsweise
200 000 russisch sprechende Menschen leben in Berlin. Es sind zum einen die vielen, die nach der DDR-Zeit
hiergeblieben sind. Dazu kommen
Tausende jüdische Aussiedler. Und
dann sind da noch die Russen, die Berlin als neue Heimat oder Heimat auf
Zeit gewählt haben, darunter Studenten, Künstler und solche, die sich im
heutigen Russland bedrängt fühlen.
Auch Menschen wie Dmitri Wrubel.
Er ist als Maler durch das Bild, das
er auf die Berliner Mauer gemalt hat,
bekannt geworden: Es zeigt Honecker
und Breschnew, die sich innig küssen.
Wrubel wohnt seit sechs Jahren in
Berlin. »Solch politische Kunst könnte
ich im heutigen Russland nicht mehr
machen«, meint er. In der alten Heimat ist er nur noch selten.
Wenn man darauf achtet, entdeckt
man überall in Berlin den Einfluss der
russischen Kultur. Es gibt russische
Bars, Restaurants, Dampfbäder und
Geschäfte mit Namen wie Bukowina,
Matreshka und Samowar, in denen
»RUSSEN SIND SEHR
GROSSHERZIG«
Vitali Gelwich, 26, Fotograf, wurde
in Nowosibirsk geboren.
Seit sechs Jahren lebt er in Berlin
Von Claire Beermann
die Waren des alten sowjetischen Imperiums angeboten werden: Rigaer
Sprotten, Kamtschatkakrabben, armenischer Kognak. Es gibt eine russische
Lokalzeitung und einen russischen
Radiosender.
Die deutsche Hauptstadt hat eine
Sonderrolle. Sie liegt zwischen Ost
und West. Mit ihrer rücksichtslosen
Architektur, ihrer Unordnung, den
erbarmungslosen Wintern und dem
nimmermüden Nachtleben. Ebendas
macht Berlin zur Inspirationsquelle für
die neue Generation von Designern,
die gerade die internationale Modewelt umkrempeln. Allen voran Gosha
Rubchinskiy und Demna Gvasalia.
Gvasalia, Georgier mit deutschem
Pass, ist der Kopf des DesignerKollektivs Vetements. Und er liebt
Berlin: »Berlin gibt mir das Gefühl,
dass alles möglich ist.« Man habe sogar
überlegt, die Marke in Berlin zu gründen – sei dann aber aus wirtschaftlichen Gründen nach Paris gegangen.
Das Label Vetements hatte schnell
den Ruf, von Moderebellen gestaltet
zu werden. Bei der jüngsten Show
spazierten die Models zwischen Kirchenbänken herum, trugen Sweater
mit überdimensionierten Schulterpolstern und T-Shirts mit Slogans wie
»Fuck you, asshole«. Auch die Stücke
von Gosha Rubchinskiy haben nichts
mit üblichen Schönheitsvorstellungen zu tun. Seine acidwashed Jeans
und schlecht sitzenden Mäntel bringen ein anarchisches und ungezügeltes Moment zurück in die Mode. Sie
nehmen Bezug auf die russische Realität, auf die Leute, die sich irgendwie
durch ihren Tag schlagen müssen und
dazu anziehen, was für diesen Zweck
brauchbar ist: eine Jeans und eine
Jacke. Während der amerikanische
Streetstyle längst von der Designermode aufgesogen wurde, kann der
Straßenstil der Russen dieser noch
etwas entgegensetzen: eine gewisse
radikale Wucht.
Der kurz geschorene Mode-Russe ist
gewissermaßen der Gegenspieler des
Großstadt-Hipsters mit Bärtchen.
Letzterer lebt in einer Welt, in der alles ironisch, crafted und flexitarisch ist
und man nostalgisch verklärt zurück
in die analoge Zeit schaut. In einer
Bomberjacke von Vetements hingegen
blickt man besten stur und schnörkellos nach vorne.
Zum Glück ist in einer Stadt wie
Berlin Platz genug für beide.
Ich bin in Fürstenwalde in Brandenburg groß geworden.
Anfangs haben wir dort in einem Asylbewerberheim
gewohnt. Meine Mutter war sehr darauf bedacht, mich von
anderen russischen Kindern fernzuhalten. Sie wollte,
dass ich wie ein normales deutsches Kind aufwachse. Trotzdem habe ich die russische Mentalität. Russen sind
temperamentvoll, aber auch sehr familiär und großherzig.
Meine besten Freunde sind alle russisch. Ich weiß, dass ich
ihnen vertrauen kann: Ein Russe verrät einen anderen
Russen nicht. Wenn ich heute Russland besuche, fühle ich
mich allerdings wie ein Deutscher. Ich habe zwei Kulturen
in mir – ein großes Privileg, meiner Ansicht nach. Als
Fotograf finde ich es interessant, dass der postsowjetische Stil
momentan ein solcher Hype ist. In Russland laufen die
sozial Schwachen in dem herum, was Gosha Rubchinskiy
und Demna Gvasalia in Paris auf dem Laufsteg zeigen.
Ein reicher Russe würde sich niemals so anziehen. Das ist
typisch russisch: niemals arm aussehen zu wollen. Ich
habe vor fünf Jahren Gosha und die Stylistin Lotta Volkova
kennengelernt. Damals meinte Lotta zu mir: Gosha wird
in fünf Jahren berühmt sein. Blödsinn, dachte ich. Das
Zeug sieht doch aus wie von Humana. Jetzt ist dieser Look
erfolgreich, gerade weil er real und ungekünstelt ist.
An Berlin liebe ich, dass das Leben hier so einfach ist. Ich
teile mir mit fünf Fotografen ein 300 Quadratmeter
großes Studio in Moabit. In New York wäre das undenkbar!
Aus aller Welt kommen die Leute deshalb hierher. Ich
kenne einige Zugezogene, die seit Jahren in Berlin wohnen
und nicht mal Deutsch sprechen. In welcher Stadt hat
man das schon – dass man sich nicht anpassen muss und
trotzdem kein Außenseiter ist?
17
Wir haben unsere Modestrecke in der Berliner Karl-MarxAllee fotografiert. Auf der vorigen Seite: Vitali Gelwich
auf einem Hausdach (Trainingsanzug von adidas x Palace,
Socken von American Apparel, Uhr von Rolex)
19
Oben: Das Dach des ehemaligen Kinos
Kosmos. Links: Daria Surneva in der Karl-MarxAllee (Kleid mit Volants von Kenzo)
Meine Erinnerungen an
meine Kindheit in Russland
sind vor allem von einem
Gefühl der Unsicherheit
geprägt. Ich war damals
fasziniert von lateinamerikanischen Tänzen. Wenn meine
Mutter mich spätabends
vom Training abholte, war sie
immer mit einem Regenschirm bewaffnet, um uns ein
Gefühl von Schutz zu geben,
weil sich auf den Straßen viele
Betrunkene herumtrieben.
Auch an die Entbehrungen in
der Sowjetunion kann ich
mich gut erinnern. Wenn ich
einen Schokoriegel bekam,
aß ich jeden Tag nur
ein winziges Stück, damit er
die ganze Woche reichte.
Trotz allem legte meine
Mutter Wert darauf, dass wir
Kinder gut gekleidet waren.
Einmal gab sie ihr ganzes
Monatsgehalt aus, um einen
rosa Schneeanzug für
meine Schwester zu kaufen.
Das ist sehr russisch: Man
hat zwar nicht viel, aber man
investiert trotzdem in
das Aussehen. Vielleicht hat
das meine Liebe zur Mode
geprägt. Vor eineinhalb
Jahren habe ich den Kindermodeladen Walking the
Cat in Berlin-Mitte eröffnet.
Diese Gegend finde ich
sehr entspannt. Mittlerweile
begreife ich mich als
Deutsche. Ein Leben in
Moskau kann ich mir nicht
mehr vorstellen.
Von Laura Schupp
»EIN SCHOKORIEGEL MUSSTE
EINE WOCHE LANG REICHEN«
Daria Surneva, 35, wurde in Moskau
geboren und hat heute einen
Laden für Kindermode in Berlin
Von Tillmann Prüfer
Ich kam nach Berlin wegen
der Liebe. Aber die Liebe
musste lange warten.
Ich hatte 1970 in Moskau
eine Frau aus Berlin geheiratet, doch erst fünf Jahre
später durfte ich ausreisen.
In Moskau war ich unangenehm aufgefallen, weil
ich mich an den sogenannten
verbotenen Ausstellungen
beteiligt hatte. Das waren
Ausstellungen in Wohnungen.
Man konnte sie nicht
verbieten, aber ich galt fortan
als verdächtig. In Ost-Berlin
gefiel es mir sofort. Ich hatte
Kontakt zu Bürgerrechtlern
und zur evangelischen Kirche,
auch zu Wolf Biermann.
Nach der Wende bekam
ich eine dicke Akte, die die
Stasi über mich geführt
hatte, wegen einer antisozialistischen Einstellung.
Heute ist Berlin eine internationale Stadt, die
sehr künstlerfreundlich ist.
Ich habe hier ein Netzwerk
mit Menschen aus vielen
Ländern, meine engsten
Kontakte sind nicht unbedingt Russen. Wenn ich zu
meinen Partys einlade, feiern
sie allerdings am besten.
Ich veranstalte regelmäßig
Rennen mit eigens dafür gezüchteten Kakerlaken.
Außerdem betreibe ich seit
mehr als 20 Jahren das
Museum der Stille. Stille ist
etwas, was diese Stadt am
allerbesten gebrauchen kann.
»IN OST-BERLIN GEFIEL ES
MIR SOFORT«
Nikolai Makarov, 63, ist Maler und
zog 1975 nach Ost-Berlin.
Heute lebt er im Westen der Stadt
20
Nikolai Makarov auf einem Dach am Strausberger
Platz (Sakko, Longsleeve und Hose von
Yohji Yamamoto, Sneaker von Hugo Boss)
Ich komme aus einer Millionenstadt mit Wasser, Brücken,
romantischen Bauten, einer Stadt des schönen Geistes.
Einer Stadt mit jahrhundertelanger Tradition und höfisch
französischer Sprache zu Zaren-Zeiten. Hätte ich etwas
Adäquates auf dieser Erde finden wollen, wäre es wohl
eher Paris geworden und nicht Berlin. Doch das Schicksal
meiner Eltern sagte »Deutschland«, und meins sagte
»Berlin«. Es ist nicht besonders romantisch hier, wenn man
nicht gerade, so wie ich, dem Umstand, dass Banker
und Stricher an der Currywurstbude am Zoologischen
aufeinandertreffen, etwas Romantisches abgewinnen kann.
Hier ist es rau. Doch wo es nicht rau ist, entsteht keine
Kunst, hat mein Vater mir seit Kindheitstagen eingetrichtert.
Also suche ich die Romantik in dem Dreck Berlins,
in dem Clash dieser Stadt, der keine Abgrenzung zwischen
Arm und Reich zulässt. Das Land, aus dem ich komme,
birgt das Chaos in sich. Du musst lernen, dich zurechtzufinden, denn die Vielschichtigkeit ist enorm. Das gleiche
Gefühl habe ich in Berlin, wenn ich, gerade noch ein
Bouquet Blumen in Charlottenburg gekauft, auf ein paar
südländische Jungs treffe, die mir mit ihrem »Ks-ksBaby-Baby« eindeutig zu nah kommen. Dann ist es viel
wert, in Sekunden von »Oh, herzlichen Dank, die
Päonien sind dieses Jahr wirklich besonders schön« auf
»Alter, was geht mir dir? Was du brauchst, hab ich gefragt?!«
auf Russisch wechseln zu können. In Russland ist
ein Leben nicht besonders viel wert, das weiß man, also
gehen die Jungs auf Abstand, sagen: »Hey, alles gut,
alles gut ...« Russisch ist die Sprache der Gewalt und der
Schönheit, Deutsch die Sprache der Vernunft. Ich lebe in
Berlin irgendwo dazwischen.
23
Kat Kaufmann vor dem Brunnen
am Strausberger Platz (T-Shirt
von Marc Jacobs Vintage, Lederjacke
von Diesel Black Gold)
20
Von Tillmann Prüfer
»RUSSISCH IST DIE
SPRACHE DER SCHÖNHEIT«
Kat Kaufmann, 34, wurde in
St. Petersburg geboren. Sie ist
Schriftstellerin und lebt in Berlin
25
Oben: Blick vom Dach am Strausberger Platz.
Links: Magomed Dovjenko am Frankfurter Tor
(langes Top aus bedruckten T-Shirts von Vetements,
Hose von adidas, Mütze von Billionaire Boys Club)
An meine Heimat kann ich
mich kaum noch erinnern.
Aber ich liebe vieles, was aus
Russland kommt: zum
Beispiel Pelmeni, mit Fleisch
gefüllte Teigtaschen, die
mir meine Großmutter
manchmal kocht. Obwohl
ich mich selbst eher russisch
als deutsch fühle, betrachte
ich Russland heute mit
Abstand. Den Umgang mit
Leuten dort, die nicht
ins Raster passen, finde ich
gruselig. Wer als Mann
in einer engen Hose herumläuft, kriegt Probleme.
Das mag ich an Berlin: Man
kann hier sein, wer man
sein will. Am liebsten zeichne
ich nachts und höre dazu
Musik von A$AP Rocky
oder Kanye West. In dieser
Stimmung kann ich gut
arbeiten. Als ich das erste
Mal in die Stadt kam,
fand ich Berlin unübersichtlich und chaotisch. Vor
zwei Jahren habe ich hier
dann Leute getroffen,
die ebenfalls künstlerisch
aktiv sind. Man trifft
sich in der Odessa Bar. Dort
arbeiten einige Russen.
Mir gefällt der Laden, obwohl er kein Geheimtipp ist.
Ich mag das Düstere, Raue
an der Stadt, gerade im
Nachtleben. Eine ähnliche
Stimmung soll ja auch
in Kiew und St. Petersburg
herrschen – mit illegalen
Partys in Kellerlöchern.
Von Claire Beermann
»ICH LIEBE DIE PELMENI
MEINER GROSSMUTTER«
Magomed Dovjenko, 22, floh 1994 mit
seiner Familie aus Tschetschenien.
Er arbeitet als Illustrator und Designer
Von Tillmann Prüfer
»MATHEMATIK WAR MEINE ERSTE LIEBE«
Ekaterina Eremenko arbeitete als Model und Moderatorin
– bis sie nach Berlin zog, um Filme zu machen
Die erste große Leidenschaft in meinem Leben war die Mathematik. Das Fach habe ich
in Moskau studiert. In Russland ist Mathematik etwas Besonderes, eine Philosophie. Allerdings
wurde ich aus diesem Denken herausgerissen, als ich Model wurde. Ich war in Paris, London,
New York unterwegs, aber am besten hat es mir schon immer in Berlin gefallen. Ich finde, Russen
und Deutsche passen gut zusammen: Wir teilen dieselbe Melancholie. Nach meiner Modelkarriere wurde ich erst Moderatorin, dann ging ich nach Berlin, um Filmproduzentin zu werden.
Vor einigen Jahren bekam ich das Angebot, einen besonderen Dokumentarfilm zu machen,
über Mathematik: »The Colors of Math«. Inzwischen habe ich meinen zweiten Mathematik-Film
gedreht, »The Discrete Charm of Geometry«. So habe ich hier in Berlin tatsächlich zurück zu
meiner ersten Liebe gefunden.
27
Ekaterina Eremenko in der Karl-Marx-Allee
(Kleid von Lutz Huelle)
Von Laura Schupp
Vor sechs Jahren bin ich
für mein Jurastudium nach
Berlin gezogen. Davor
habe ich mit meinen Eltern
im Münsterland gewohnt.
In Kiew, wo mein Vater herkommt, bin ich nur ein
einziges Mal gewesen. Ich
habe die Stadt als einen
sehr kalten Ort erlebt –
vielleicht wegen der grauen
Häuserblocks und des
riesigen Kriegsdenkmals, der
Mutter-Heimat-Statue.
Ich glaube, diese Stimmung
macht etwas mit den
Menschen, auch mit meinem
Vater. Er ist sehr melancholisch, ich glaube, er ist nie
wirklich in Deutschland angekommen. Er war als Soldat
der sowjetischen Armee
in Magdeburg stationiert, als
er meine Mutter kennenlernte. Nach dem Zerfall der
Sowjetunion entschied er
sich, in Deutschland zu
bleiben. Ich glaube, er war,
wie viele Menschen aus den
Ostblockstaaten, auf der
Suche nach seiner Identität.
Ich habe zu ihm heute
keinen Kontakt mehr und
habe somit auch den Bezug
zur russischen Kultur verloren,
bis auf meinen Namen ist
da nicht viel geblieben. Meine
Kindheit war schwierig,
deswegen schätze ich die Freiheit in Berlin sehr. Ich habe
mir immer ein unbeschwertes
Leben für mich gewünscht
und es hier gefunden.
»KIEW WIRKT AUF MICH
SEHR KALT«
Sascha Aleksjuk, 25, studiert Jura.
Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater
ein ehemaliger sowjetischer Soldat
28
Sascha Aleksjuk auf dem Dach
der Bar Babette (Jacke von Diesel Black Gold,
T-Shirt von American Apparel Vintage,
Hose von Paul’s Boutique)
Von Laura Schupp
Meine Eltern zogen 1991
nach Deutschland. Zu Hause
sprachen wir nur Russisch.
Im Kindergarten redete ich
wie selbstverständlich in
meiner Muttersprache und
konnte nicht begreifen,
wieso mich keiner verstand.
Später gewöhnte ich mir
das rollende R ab, um nicht
sofort als Russin erkannt
zu werden. Ansonsten fühle
ich mich aber durch und
durch als Russin. Vor allem
die Zusammengehörigkeit
innerhalb unserer Großfamilie schätze ich sehr.
Obwohl meine Familie traditionell lebt, sind alle Frauen
bei uns sehr emanzipiert.
Mittlerweile hat sich hier in
Berlin eine neue russische
Szene gebildet. Meine
Freundinnen, die Models
Bonnie Strange und
Stefanie Giesinger und die
Bloggerin Masha Sedgwick,
stammen alle aus Russland und sind zielstrebige,
starke Frauen. Unsere
Herkunft schweißt uns zusammen. Wir teilen den
gleichen makabren Humor,
lieben Kaviar und haben
alle einen Onkel Waldemar.
Dank ihnen und meinem
Lieblingssupermarkt Kasatschok in Prenzlauer Berg
vermisse ich Russland hier
nur wenig. Für mich vereint
Berlin die Größe Moskaus
mit einer Gelassenheit, die es
so in Russland nirgends gibt.
»WIR TEILEN DEN GLEICHEN
MAKABREN HUMOR«
Valentina Belleza, 24, ist Tochter einer
Sibirierin und eines Kasachen.
Sie modelt und schreibt ein Mode-Blog
30
Oben: Der Vorplatz des ehemaligen Kinos Kosmos.
Rechts: Valentina Belleza vor der Galerie Capitain Petzel
(Bluse mit zwei Röcken von Moncler Gamme
Rouge, Gürtel von Diesel Black Gold, Stiefel von Kenzo)
Ich kam als 13-Jährige mit meiner Mutter und meinem
deutschen Stiefvater nach Deutschland. Ich habe
mich auf den Umzug sehr gefreut, es war schließlich ein
großes Abenteuer. Ich erinnere mich, wie mir anfangs alles so makellos und schick und sauber erschien,
ganz anders als in meiner Heimat Sibirien. Wenn
ich dort aus meinem Schlafzimmerfenster schaute, sah
ich Junkies und Obdachlose auf einer Müllkippe
herumhängen. Erst später wurde mir bewusst, was für
eine schöne Kindheit ich in Russland hatte. Ich kann
mich erinnern, wie meine Mutter, die in Moskau
arbeitete, an Silvester überraschend im eingeschneiten
Pelzmantel wie eine Schneekönigin vor der Tür stand.
In den ersten Wochen in Deutschland habe ich
Russland sehr vermisst. Heute bin ich froh, nicht mehr
dort zu leben. Es ist katastrophal, wie intolerant die
russische Gesellschaft zum Teil ist. Gleichzeitig ärgert es
mich, dass Russland im Westen fast nur negativ dargestellt wird, während die großen russischen kulturellen
Leistungen – das Ballett, das Theater, die Musik
und die Literatur – in Vergessenheit zu geraten scheinen.
Berlin hat etwas Magisches für mich. Kein Wunder,
dass David Bowie hierherkam, als er erschöpft
war. In meinem ersten Sommer habe ich in der Lychener
Straße in Prenzlauer Berg nächtelang auf Dächern
gesessen und mich so frei gefühlt wie nie zuvor.
Die Menschen erwarten hier erst mal nichts Großes
von dir. Berlin hat mir die Chance gegeben, mich selbst
zu finden. Und wenn ich die Heimat vermisse,
tröstet mich die Berliner Ostblock-Architektur: Die ist
fast so wie in Sibirien.
33
Lera Abova auf einem Hausdach in der KarlMarx-Allee (Kleid von Miu Miu)
Von Claire Beermann
Digital-Operator: Fabian Blaschke; Foto-Assistenz 1: Tom Weatherill; Foto-Assistenz 2: Axel Heumisch; Haar und Make-up: Helge Branscheidt/Klaus Stiegemeyer mit Produkten von
Chanel S/S 2016 und Aveda; Haar und Make-up-Assistenz: Michi Schietzel; Styling-Assistenz: Laura Schupp; Casting: Sina Linke (Gillian Wiechert Casting); Claire Beermann
»ICH HABE RUSSLAND
SEHR VERMISST«
Lera Abova, 23, stammt
aus dem sibirischen Slawgorod.
Sie arbeitet als Model
»RUSSEN SIND
SEHR DIREKT«
Seitdem der
Designer Gosha
Rubchinskiy in
Paris erfolg reich
ist, sind sogar
russische Millionäre von seiner
unglamourösen
Mode begeistert –
obwohl man
ihr genau ansieht,
wo Rubchinskiy
herkommt:
Aus einer grauen
Moskauer
Wohnsiedlung,
wo er als Kind
TerminatorSticker sammelte
und von Hollywood träumte
Foto
Thomas Lohr
34
Von Claire Beermann
Herr Rubchinskiy, mit welchem Missverständnis des Westens gegenüber
Russland würden Sie nur zu gerne mal
aufräumen?
Im Westen denken viele Leute, Russland läge in fremder Ferne. Tatsächlich sind wir sehr europäisch. Ich
habe immer das Gefühl, dass die
Leute im Westen Angst vor Russland haben, weil es so groß und
einschüchternd wirkt. Russen sind
sehr direkt und haben eine starke
Meinung. Viele von ihnen kennen
nur Schwarz oder Weiß, nichts dazwischen. Das wirkt natürlich auf
manche Menschen bedrohlich.
Sie stammen aus Moskau. Sieht man
das Ihrer Mode an?
Ich bin im Norden Moskaus in einer
grauen Wohnsiedlung aufgewachsen.
In der Schule sammelten wir
Terminator-Sticker und schwärmten
von Hollywood-Filmen. Natürlich
beziehe ich mich mit meinem Design auf meine Vergangenheit. Ich
mische diese Erinnerungen aber mit
dem, was junge Leute aktuell auf
der Straße tragen. In allen Metropolen der Welt ist Streetwear heute
beliebt. Junge Menschen tragen
Kapuzenpullover, Jogginghosen und
Turnschuhe. Ich interpretiere diesen
Look mit einem russischen Akzent.
Den Titel »Post-Sowjet-Style«, der
meinem Design in der Presse verpasst wurde, habe ich aber nicht
erfunden.
Sie wollten Ihr Label zuerst in Moskau
gründen, sind dort aber gescheitert.
Woran lag das?
Meine erste Show, die 2008 in einem Moskauer Sportstadion stattfand, war sehr erfolgreich. Kurz danach wurde ich als Gastdesigner zur
Londoner Modewoche eingeladen.
Von Anfang an wollte ich meine
Sachen nicht nur in Russland verkaufen, sondern auf der ganzen
Welt. Wegen der schlechten Produktionsbedingungen in Russland und
der hohen Exportgebühren hat das
allerdings gar nicht gut funktioniert.
Also habe ich umgesattelt und mich
auf die Fotografie konzentriert. Erst
als ich Adrian Joffe, den CEO von
Comme des Garçons, kennenlernte
und er vorschlug, mein Label innerhalb seiner Firma aufzuziehen und
sich um das Geschäftliche zu kümmern, kam ich zurück zur Mode und
zog nach Paris.
Es heißt, das Reale und Ungekünstelte
Ihrer Kollektionen sei Ihr Erfolgsrezept.
Warum sind Glamour und Eleganz
heute nicht mehr so gefragt? War
Mode nicht eigentlich mal dazu
gedacht, zum Träumen von einem
schöneren Ich einzuladen?
Ich mache Mode, die man kaufen
und anziehen kann. Es gibt ein paar
besondere Stücke in jeder Kollektion, die meisten Sachen sind aber
Basics. Innovativ ist das Styling, das
eine bestimmte Idee von Jugendlichkeit und Aufbruchsstimmung vermittelt. Ich glaube, dass die Leute
nicht mehr an den extravaganten
Modeträumen fantasierender Designer interessiert sind, sondern an
lässigen Sachen, in denen man auf
die Straße gehen kann. Junge Menschen wollen sich einer Gruppe und
einem bestimmten Image zugehörig
fühlen, cool sein. Sie wollen keinen
Regeln folgen, die ihnen ein Modemagazin diktiert hat.
In Ihren Kollektionen verfremden oder
zitieren Sie immer wieder die Logos bekannter Traditionsmarken wie Tommy
Hilfiger oder aktuell Fila. Gab es in Ihrer
Jugend eine Sehnsucht nach westlichen Marken?
Dass ich diese Labels zitiere, hat
einen anderen Grund. Ein Problem
der Modewelt war immer, dass die
großen Firmen mit ihren Logos
viel Druck erzeugt haben. Man
wusste sofort, wer die »richtige«
Marke trug, also dazugehörte, und
wer nicht. Junge Leute wollen sich
diesem Druck nicht mehr beugen.
Im Gegenteil: Sie schauen lieber
in die Kleiderschränke ihrer Eltern
und finden dort Jacken und Sweatshirts von verstaubten Marken wie
eben Fila oder Tommy Hilfiger. Das
möchte ich aufgreifen, ohne dabei
die Marken zu kopieren. Stattdessen
kriegen sie den frischen GoshaAnstrich verpasst.
Trägt man Ihre Sachen auch in der russischen Oberschicht? Dort sind doch
eigentlich eher teure Uhren und Pelzmäntel gefragt ...
Doch, mittlerweile tragen sogar russische Millionäre meine Sachen. Die
russische High Society kauft immer
das, was gerade als cool gilt. Nach
dem Motto: Was man in Paris trägt,
muss gut sein. Das ist gerade deshalb ironisch, weil der Look meiner
Entwürfe ja das Gegenteil von offensichtlichem Reichtum vermittelt,
während die russische Upperclass
normalerweise gerade darauf viel
Wert legt.
Was vermissen Sie am meisten, wenn
Sie nicht in Russland sind?
Die Sprache! Russisch ist wunderschön und sehr poetisch. Im Russischen gibt es zehn Wörter für etwas,
das man auf Englisch nur mit einem
Wort ausdrücken kann.
Früher träumten Jugendliche von amerikanischer Popkultur, ihr Sehnsuchtsziel war New York. Heute wollen junge
Leute aussehen wie ein russischer
Skaterboy und nach Berlin ziehen. Haben Sie eine Erklärung für diesen erstaunlichen Wandel?
Jahrzehntelang war Osteuropa durch
den Eisernen Vorhang von der Welt
isoliert. Wir konnten dem Geschehen im Westen zuschauen, aber
nichts dazu beitragen, weder in der
Kunst oder in der Musik noch in
der Mode. Jetzt wird die erste Generation, die kurz vor oder nach dem
Zerfall der Sowjetunion geboren
wurde, erwachsen. Es ist die erste
russische Generation, die ihre eigenen Ideen in die Welt tragen kann.
Bisher waren wir still, jetzt machen
wir plötzlich Lärm. Das beschert uns
natürlich Aufmerksamkeit.
Sie haben vor einiger Zeit Jugendliche
in Berlin für eine Bilderserie fotografiert. Was gefällt Ihnen an der Stadt?
Berlin erinnert mich an Russland.
Die Stadt ist nicht hübsch, sie hat
eher etwas Kaltes an sich. Gleichzeitig habe ich dort immer das Gefühl,
dass es unter der Oberfläche dampft
und brodelt.
Gosha Rubchinskiy,
1984 in Moskau geboren, arbeitet als Mode-Designer und Fotograf.
Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt den Bildband
»Youth Hotel«. Seine Kollektionen sind weltweit in über 150 Läden erhältlich
ich habe einen traum
Maggie Rogers
In meiner Familie macht sonst niemand Musik. Ich fing in der
Highschool an, mich der Folk-Musik zu widmen, das Banjo
war mein Instrument. Mit 17 bewarb ich mich mit dem ersten
Song, den ich je aufgenommen habe, für das Musikstudium in
New York – und wurde angenommen. An der Universität galt
ich schnell als das Banjo-Mädchen vom Land.
In diesem Internetvideo erzähle ich, dass mich ein spirituelles Erlebnis dazu gebracht hat, meine Banjo-Folk-Musik
mit elektronischer Dance-Music zu verbinden, wie eben im
Song Alaska. Was ich dort nicht erzählt habe: Diese spirituelle Erfahrung machte ich in Berlin. Ich besuchte dort gute
Freundinnen und ließ mich mit ihnen tagelang durch die
Stadt treiben. Ich hatte damals nicht mal ein Handy und
schaute kein einziges Mal auf einen Stadtplan. Wir zogen
durch die Straßen, ich sog die Atmosphäre auf, und sie nahmen mich mit in einen Club an einem Fluss. Mir kam es
dort vor, als bedeute das Tanzen zu elektronischen Beats viel
mehr als anderswo: Es ging den Menschen darum, den Kopf
freizubekommen, auszuspannen, es ging um das Glück des
Moments. Die Beats gaben einen Herzschlag vor, der alle
verband. Drei Tage dauerte mein Berlin-Aufenthalt. Danach
wusste ich, wohin ich mich musikalisch entwickeln wollte:
Zu hören unter
www.zeit.de/audio
Es ist merkwürdig: Bis vor Kurzem habe ich ein Traumtagebuch geführt. Und gerade als ich damit aufhörte, verwandelte
sich mein echtes Leben in einen Traum.
Bis Ende Mai war ich Musikstudentin an der New York University. Dort wurde im Frühjahr ein Wettbewerb veranstaltet, in dem es darum ging, einem Überraschungsgast eigene
Kompositionen vorspielen zu dürfen. Zu den ausgewählten
Stücken gehörte mein Song Alaska. Der Überraschungsgast
war Pharrell Williams.
Ein Kamerateam hat das Ganze gefilmt. Während mein Song
lief, saß Pharrell neben mir; ich konnte nicht erkennen, wie
er reagiert. Irgendwann sah ich nur, dass seine Fußspitzen
im Takt mitwippten.
Der Hype um das Video, das diese Szene zeigt, begann lustigerweise genau an dem Tag nach meinem Auszug aus meiner
Studentenwohnung. Plötzlich hatte ich 100 000 FacebookFans und der Mitschnitt mehr als eine Million Klicks. Für
mich war das surreal, auch deshalb, weil mir das Internet
immer wie eine künstliche Welt vorgekommen ist. Ich bin
einfach nicht damit aufgewachsen. Meine Heimat ist eine
Farm an der Ostküste Marylands, die Internet-Verbindung
war dort immer sehr langsam.
Aufgezeichnet von Sascha Chaimowicz
Foto Straulino
»Plötzlich hatte ich 100 000 Facebook-Fans«
22, ist in Maryland, USA, geboren. Bekannt
wurde die Studentin des Clive Davis
Institute der New York University mit einem
bewegenden Internetvideo, in dem sie
den Popstar Pharrell Williams mit ihrem Song
»Alaska« erstaunt und restlos begeistert
Maggie Rogers,
37
Die emotional warme Folk-Musik wollte ich mischen mit
der physisch so kraftvollen Dance-Music, die ich in Berlin
gehört hatte.
Wer sich Alaska genau anhört, wird das Rauschen einer Brise
bemerken. Die habe ich während einer Alaska-Wanderung
aufgezeichnet. Jetzt werde ich erst mal in den französischen
Alpen wandern gehen, auch da werde ich Sounds für meine
Musik sammeln.
Ich weiß nicht, was mich erwartet, wenn ich im Juli aus den
Bergen zurückkomme. Bald werde ich neue Songs veröffentlichen, sie sind schon fertig. Ich wollte immer von meiner
Kunst leben können. Dass es gerade so aussieht, als könnte
das klappen, ist der eigentliche Traum.
Pilotenuhr mit grünem Logo: Oyster Perpetual Air-King, 5650 Euro
stil
unter
Mirko Borsche testet
ein Computerspiel mit einem
grünen Kaninchen
Von Tillmann Prüfer
Foto Peter Langer
Foto Spil Games
Luftnummer
Wozu braucht man eigentlich eine Uhr? Oft wird behauptet, eine
Armbanduhr sei ein überflüssiges Accessoire, denn jeder habe
schließlich heute ein Handy, das ihm die Uhrzeit viel genauer
angebe. Die Armbanduhr ist gewissermaßen ein mechanisches
Spielzeug, ein Anachronismus, in jeder Hinsicht technisch der
billigsten Quarzuhr unterlegen. Die Uhrenhersteller hingegen
investieren dennoch viel, um ihre mechanischen Kleinkunstwerke
immer genauer zu machen. Eben erst hat Rolex den neuen Präzisionsstandard »Chronometer der Superlative« eingeführt. Eine
Bezeichnung, die diese Uhren einerseits von der Konkurrenz abheben soll – andererseits aber an eine Zeit erinnert, in der es
tatsächlich das wichtigste Kriterium für eine Uhr war, wie genau
ihr Werk lief. Denn Präzision war entscheidend.
Als der Mensch begann, sich zu motorisieren, und sich damit
selbst schneller bewegte, wurde auch eine genaue Zeitmessung
wichtiger. Uhrenfirmen mussten mit dem technischen Fortschritt mithalten. Als größte Herausforderung galt unter den
Uhrmachern die im 20. Jahrhundert aufkommende Fliegerei.
Wer in einem Cockpit saß, brauchte eine genaue Uhr, um die
Flugzeit und den Treibstoffverbrauch ermitteln zu können, sie
musste auch sehr robust und antimagnetisch sein. Die erste Fliegeruhr wurde 1906 von Cartier für den brasilianischen Flugpionier
Alberto Santos Dumont gebaut. Man konnte sie am Handgelenk
tragen. Bald wurde es zur Königsdisziplin der Uhrmacherei,
Fliegeruhren herzustellen. Es waren Uhren, die keinen Zierrat
brauchten, sondern perfekt funktionieren mussten. Sie waren
mit zusätzlichen verstellbaren Ringen für Navigation und Entfernungsmessung ausgestattet, hatten gut ablesbare Zifferblätter
und fluoreszierende Indizes für Nachtflüge. Dazu extralange
Armbänder, damit man sie über den Ärmel einer Fliegerjacke
schnallen konnte. Das Beste an einer solchen Pilotenuhr war allerdings ein Nebeneffekt, der nicht technisch war: Sie zeigte an,
dass man ein König der Lüfte war – auch wenn man gerade sein
Flugzeug nicht dabeihatte.
Vermutlich erklärt das auch den Erfolg der Pilotenuhr weit über
die Dauer ihrer technischen Notwendigkeit hinaus. Denn Uhren
wurden schon bald in die Armaturenbretter der Flugzeuge eingebaut. Die Pilotenarmbanduhr blieb trotzdem ein Bestseller, es
wurden viel mehr davon verkauft, als es Piloten gab. Bestimmte
Armbanduhren waren also schon immer ein eigentlich überflüssiges und gleichzeitig unersetzliches Accessoire.
strom
Wenn meine Söhne bei mir sind, dann gibt es für uns alle eigentlich ein Handy-Verbot. Ich möchte einfach nicht, dass wir die
ganze Zeit auf unsere Bildschirme starren. Leider kommt es aber
immer mal wieder vor, dass ich selbst nicht konsequent bin und
doch meine Mails checke oder schnell was google. Tatsachen, die
natürlich sofort gegen mich verwendet werden. Es ist im Grunde
ja wünschenswert, wenn Kinder lernen zu argumentieren – hat
aber auch seine Nachteile.
Jedenfalls muss ich manchmal nachgeben. Das fällt mir etwas
leichter, seit ich die App Easy Joe World entdeckt habe. Easy Joe
ist ein kleines anarchisches grünes Kaninchen, das es faustdick
hinter den Löffeln hat. Mit ihm muss man zum Beispiel andere
Kaninchen aus der Schule befreien. Oder zum Mond fliegen.
Oder sich einen Burger erschleichen, was so aussieht: Sobald er
den Burger hat und der Verkäufer Geld haben will, haut Easy
Joe ab. Der Burgerverkäufer natürlich hinterher, aber zum Glück
erscheint rechtzeitig auf dem Schirm weiße Farbe, mit der man
Joe als Geist tarnen und den Verkäufer verscheuchen kann. Es ist
ein wirklich lustiges Spiel, Joe fallen dauernd witzige Lösungen
für seine Probleme ein, wir haben beim Spielen oft laut gelacht.
Dazu ist es ganz simpel und cool illustriert, nicht hyperrealistisch, sondern sehr grafisch. Mir gefällt, dass es gewaltfrei ist,
man geht nicht wie bei anderen Spielen kaputt oder wird zerstört
und muss dann ganz von vorn anfangen, sondern man probiert
einfach herum, bis man in jedem Level die lösende Pointe gefunden hat. In ein bis zwei Stunden hat man alle Level durch – und
dann kommt das Handy aber wirklich weg!
Technische
Daten
Sprache:
Englisch;
Kompatibilität:
iOS 6.0 oder
höher,
Android 3.2
oder höher;
Preis:
kostenlos
Mirko Borsche, Creative Director des ZEITmagazins,
schreibt jede Woche die Kolumne »Unter Strom«
39
die wundertüte nr. 
Eine Öllampe gegen
Mücken
Zu den Gemeinheiten der Stechmücke gehört es, dass ihre Opfer
nie wissen, wie sie zu verscheuchen ist. Manche Gifte wirken sicher,
aber will man sich in Deutschland, wo keine Malaria herrscht, wirklich mit Diethyltoluamid einreiben? Eine Öllampe mag von »überschaubarer Wirkung« sein, wie ein befragter Apotheker sagt, aber
immerhin: Weil der Geruch ätherischer Öle den des Menschen verschleiert, fliegen die blutsuchenden Mücken (hoffentlich!) in die
Irre. Diese Lampe stammt von Smarticular, einem »Ideenportal für
einfaches und nachhaltiges Leben«. Man braucht ein großes Joghurtglas mit Blechdeckel, in den man ein Loch von 10 Millimeter
Von Laura Schupp
Illustration Alex Walker
Durchmesser bohrt. Durch das Loch steckt man ein Metallröhrchen
gleichen Durchmessers mit Außengewinde, zu finden im Eisenwarenladen (solche Röhrchen werden etwa zum Lampenaufhängen genutzt). Das Röhrchen wird mit je einer Mutter von oben und unten
am Deckel befestigt, anschließend fädelt man einen Runddocht von
6 bis 8 Millimeter Durchmesser hindurch, er sollte oben einen halben Zentimeter hinausragen. Ins Glas füllt man Pflanzenöl, etwa
Sonnenblumenöl. Dazu kommen nach Belieben Kräuter: Zitronengras, Nelke, Zedernnadeln, Lavendel, Melisse oder Eukalyptus.
Wenn das die Mücken nicht beeindruckt, riecht es wenigstens gut.
40
Mitarbeit Corinna Liebreich
Ätherische Öle führen, mit etwas Glück,
Stechmücken in die Irre
Lebensgeschichte
Schach
Freiheit war ihr immer wichtig. »Ich habe von klein auf gelernt, auf
eigenen Beinen durchs Leben zu gehen [...]. Vielleicht kommt es daher, dass ich so freiheitsliebend bin«, liest man in ihrer Autobiografie. Aber das Bedürfnis nach privatem Spielraum macht ihr auch zu
schaffen, da es ihr berufliches Fortkommen bremst. »Ich wollte reisen und feiern. Ich habe deshalb Lehrgänge verschlafen, nicht richtig trainiert ...« Das ändert sich erst, als ihr jemand klarmacht, dass
sie Gefahr läuft, ihr Talent zu verschleudern. Von nun an steht sie
im Dienste des Teams – für eine erklärte Einzelkämpferin so wenig
selbstverständlich wie der daran geknüpfte Tagesplan: »10 Uhr Frühstück, 10.30 Uhr Training, 13.30 Uhr Mittagessen ... das ist überhaupt nicht meine Lebensphilosophie.« Aber nach und nach machen
Erfolge die Mühe wett, gewinnt sie Medaillen und Titel. Und doch:
Wenn sie nur könnte, wie sie wollte, gesteht sie in einem Interview,
würde sie lieber mit dem Rucksack um die Welt reisen und mit den
Haien tauchen. Gut, dass sie dem Impuls nicht folgt, denn sie wird
immer noch besser, krönt ihre Karriere in nur einem Jahr mit gleich
drei Titeln. Manchmal braucht es wohl erst einen Sprung über den
eigenen Schatten, um sich voll zu entfalten. Und dann, nach dem
Abschied von der Hauptbühne, kann sie endlich mit den Haien tauchen, denn die gibt es da, wo sie nun für eine Zeit lebt und arbeitet.
Heute ist es ruhiger um sie geworden, in ihrem Blog schreibt sie über
gesunde Ernährung: Pfannkuchen ohne Zucker und Mehl. Wer ist’s?
Lösung aus Nr. 27: Regisseur Reinhold Schünzel verhalf der Schauspielerin
Renate Müller (1906 bis 1937) zu ihrem ersten großen Erfolg in
»Liebe im Ring«. Die Komödie »Viktor und Victoria« ist ihr und Schünzels
Meisterwerk. Goebbels wollte sie (angeblich) mit Hitler verkuppeln
Logelei
Doris findet einen Zettel. Darauf
steht: Trage Zahlen von 1 bis 6 so
in das Diagramm ein, dass jede
Zahl in jeder Zeile und jeder Spalte
genau ein Mal vorkommt. Befindet sich zwischen zwei Feldern ein
schwarzer Kreis, so muss eine der
beiden Zahlen in diesen Feldern
genau das Doppelte der anderen
sein. Ein weißer Kreis hingegen bedeutet, dass eine der beiden Zahlen
in diesen Feldern genau um eins
größer sein muss als die andere.
Befindet sich kein Kreis zwischen
zwei Feldern, so darf keine der beiden Eigenschaften zutreffen.
8
7
6
5
4
3
2
1
a
b
c
d
e
f
g
h
Gerd Kolbe liebt den BVB, dessen Stadionsprecher er war und über
dessen Geschichte in der NS-Zeit er ein Buch geschrieben hat. Er
liebt aber auch das Dortmunder Sparkassen Chess Meeting, eines
der stärksten Traditionsturniere der Welt, das er seit Jahrzehnten
leitet. Und er liebt Zahlen: »In diesem Jahr findet das Turnier vom
9. bis 17. Juli zum 44. Mal statt, Kramnik nimmt zum 22. Mal
teil, und er kann es zum 11. Mal gewinnen.« Vielleicht findet er
ja noch etwas mit 33. Bleiben wir bei Wladimir Kramnik (41) aus
Russland, der 2000 Garri Kasparow entthronte und zweimal seinen
Titel verteidigte, bevor er 2008 in der Bonner Bundeskunsthalle
dem Inder Viswanathan Anand unterlag. Auch für ihn ist das Dortmunder Turnier eine Liebesbeziehung. Alle Weltmeister von Spasski
über Karpow, Kasparow, Anand, Carlsen wie auch Judit Polgar und
Hou Yifan haben in Dortmund gespielt, aber niemand hat ihm so
sehr seinen Stempel aufgedrückt wie Kramnik. Für ihn ist Dortmund eine Wohnstube bei guten Freunden, wohin er immer wieder
gern zurückkehrt. Als Nummer zwei der aktuellen Weltrangliste ist
er natürlich einer der großen Favoriten, dummerweise gibt es allerdings noch junge Leute wie Fabiano Caruana (23) aus den USA als
Nummer drei, der zudem in den letzten drei Jahren Sieger wurde,
und den Franzosen Maxime Vachier-Lagrave (25) als Nummer fünf.
Mit welchem »geometrischen Manöver« gewann Kramnik als Weißer
am Zug 2008 schnell gegen den Engländer Nigel Short?
Lösung aus Nr. 26:
1. 255 : 3 = 85
2. 6 x 11 = 20 + 3 x 17 - 5
3. 3 x 7 x 59 x 3 = 85491 : 23
nächste woche an dieser
stelle: sudoku und
die auflösung aus nr. 
Impressum chefredakteur Christoph Amend
stellvertretender chefredakteur Matthias Kalle
creative director Mirko Borsche art director
Jasmin Müller-Stoy style director Tillmann Prüfer
(Mitglied der Chefredaktion) berater Andreas Wellnitz
(Bild) textchefin Christine Meffert essay &
reportage Heike Faller bildchefin Milena Carstens
redaktion Jörg Burger, Anna Kemper, Friederike
Milbradt, Ilka Piepgras, Jürgen von Rutenberg, Matthias
Stolz, Annabel Wahba; Mitarbeit: Claire Beermann, Johannes
Dudziak, Klaus Stockhausen (Contributing Fashion Director),
Elisabeth von Thurn und Taxis (New York), Carolin
spiele
Würfel fotoredaktion Michael Biedowicz
gestaltung Nina Bengtson, Gianna Pfeifer, Mirko Merkel
(Mitarbeit) autoren Jean-Philippe Delhomme, Daniel
Lösung aus Nr. 27: Welche forcierte
Kombination gewann für Weiß am Zug?
Nach 1.Txe6! Txe6 2.Le5+ Kc8
(auf 2...Txe5 gewönne 3.Txd8+ Kc7
4.fxe5 Kxd8 5.exf6 eine Figur)
3.Lxb7+! Dxb7 4.Txd8+ Kxd8 5.Dxb7
verlor Schwarz die Dame
GmbH anzeigen DIE ZEIT, Matthias Weidling
(Gesamtanzeigenleitung), Nathalie Senden
empfehlungsanzeigen iq media marketing, Michael
Josefsohn, Herlinde Koelbl, Brigitte Lacombe,
Zehentmeier (Gesamtanzeigenleitung) anzeigenpreise
ZEITmagazin-Preisliste Nr. 10 vom 1. 1. 2016 anschrift
Louis Lewitan, Harald Martenstein, Paolo Pellegrin, Lina
verlag Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG,
Scheynius, Wolfram Siebeck, Jana Simon, Juergen
Buceriusstraße, Eingang Speersort 1, 20095 Hamburg; Tel.:
Teller, Moritz von Uslar, Günter Wallraff produktionsassistenz Margit Stoffels korrektorat Thomas
040/32 80-0, Fax: 040/32 71 11; E-Mail: [email protected]
Worthmann (verantw.) dokumentation Mirjam Zimmer anschrift redaktion ZEITmagazin, Dorotheenstraße
(verantw.) herstellung Torsten Bastian (verantw.), Oliver 33, 10117 Berlin; Tel.: 030/59 00 48-0, Fax:
Nagel, Frank Siemienski druck Prinovis Ahrensburg
030/59 00 00 39; www.zeitmagazin.de,www.facebook.com/
GmbH repro Twentyfour Seven Creative Media Services
ZEITmagazin, E-Mail: [email protected]
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Um die Ecke gedacht Nr. 2335
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Waagerecht: 7 Hier vom Altkönig aus gesehen, dort vom Schauinsland angeschaut 10 Ein weiteres Tun im Golf oder Tennis oder
epischen Erzählen 13 Verwendet nach dem Prinzip: Schubkraft
schafft mehr als Tragkraft 15 Für manch eine gilt: Reichlich Touristen sind vor allem Randerscheinung 17 Urlaubsunternehmung auf
größeren 6 senkrecht 20 Soll er bleiben oder wechseln, das ist die
Frage anlässlich einer 39 senkrecht 21 Bietet Beflügelten gewissen
Raum zum Abheben immerhin 22 Strebt andererseits und zwischendrin zum selben Ziel wie Sieg und Lippe 23 Besagte Basis von
Verschluckaktionen 24 Wie man klopfe, wenn keiner »Herein!« sagt
25 Erfreuen Naturholzmöbelkäufer, plagen junge Patienten
27 Gern sieht man Rot an ihm, weil’s auf kommendes Blau zu
schließen erlaubt 29 Produktorientierte Produktion 32 Wirken
schirmübertrumpfend in Erfüllung ihres Beschattungsauftrages
34 Sein Circuit: alle Jahre wieder zweimal rund um die Uhr von
Interesse 36 Der alte Meister der schwarzen Kunst hat sie im Kopf
37 Phasen von Sommerwetterlagen? Anlässe für Beschwörung des
Wir-Gedankens 42 Ist auch der Weg sein Ziel, wird sich Wanderer
über einen ab und zu nicht beschweren 43 Wer weiß nichts, wer
weiß alles? 44 Standardeintrag im Heldengästebuch 45 Für Phileas
Fogg ging’s elfeinhalb Wochen um die 46 Kommt beim Star vor
dem Fall 47 Auf die höheren schielen Ehrgeizhälse 48 Keine Ferienregionen für Kraxler, Gleitschirmflieger, Pässeradler – Senkrecht:
1 Namensvetterchen vom Herrn der Passwege ins Aostatal 2 Liegt
aber nicht am Fluss des States, sondern am South Platte 3 »Ist mir
doch zu piekant«, mag Reineke, sich trollend, säuerlich murmeln
4 Einer von vieren mit Sonderbedeutung für jeden von Dreien
5 Wanderten bei Ioniern und Achaiern und damit in peloponnesische Geschichte ein 6 Der Früchte ...: eine Frage der Sonne und
der Zeit 7 Häufigster Betreff der Kinderfragen vom Rücksitz aus
8 Kurz: Unternehmung nichtschweigender Minderheit 9 Ergänzt
einen Mann wie der Brand den Stifter, auf demselben Buchdeckel
10 Kein Schätzchen fand er, als früher Passwortnutzer 11 Von Gijon
oder Bilbao aus gesehen liegt das meiste von España in dem 12 In
den Schülernennungen gegeben als Antwort auf die Frage: Was
macht Sehnsucht auf Ferien? 14 Deren Motto: Bloß nicht 9 senkrecht wirken! 16 Saisonaler Antipode der Pudelmütze 18 Oberster
Bangemacher überm Karpfenteich 19 Sind dem Plan verhaftet, dass
man sich Wissen schafft 25 Mann aus Ovids Metier, zu Titus’ Zeiten, mit Juvenals Freundschaft 26 Eifriges ... gehört zu Flamingos
Speisen 28 In bescheideneren Zeiten gegriffen, statt Rucksack zu
schultern 30 Wunsch zum Urlaubsmorgen: dass man mich nicht –
Wunsch zum Frühstück: eine 31 Acker-Erscheinungen vergangener
Erntezeiten 33 Pflicht möge schweigen und sie, soll Ferienheiterkeit
sich ergeben 35 Bekannt für seine Kreidekante, zum Ostseerande
hin 38 Mainhattan-Boulevard: Die an die bringt endlich Seit’ auf
Seit’ beim Romanschreiben 39 Nach spätestens zwei bis drei
37 waagerecht darf man annehmen: mann/frau kennt sich in der
aus 40 Kurz: der häufigste Zweck der Ansage 41 Muss sommers
nicht unbedingt dampfen, auch die Eis-Version ist willkommen
Die Lösung von Nr. 2334 werden wir wegen des S ommerpreisrätsels erst in A usgabe 29/16 veröffentlichen,
denn noch bis Dienstag, den 5. Juli 2016, haben Sie Zeit, Ihr Lösungswort der vergangenen Woche einzusenden.
Kreuzworträtsel Eckstein Lebensgeschichte Frauke Döhring
Logelei Zweistein Schach Helmut Pfleger
ZEITmagazin-Sommerpreisrätsel (2)
So können Sie gewinnen: Finden Sie im Kreuzworträtsel
das Lösungswort der Woche (heute 29 waagerecht)! Es ergibt
sich, wenn Sie die Buchstaben der in der Mitte des Kreuzwortgitters abgebildeten Speisezutat (in einer geeigneten
Reihenfolge!) mit den Buchstaben in den getönten Feldern
kombinieren. Ein Beispiel: Aus FRE, einer Flasche SIRUP
im Bild und CH ergibt sich FREISPRUCH.
Entweder teilen Sie uns diese Lösung mit unter
www.zeit.de/sommerpreisraetsel
oder Sie senden sie auf einer Postkarte an
DIE ZEIT, Stichwort Sommerpreisrätsel ZEITmagazin,
Postfach 10 68 08, 20045 Hamburg
Teilnahmeschluss ist Dienstag, der 12. Juli 2016
aus allen richtigen einsendungen werden die gewinner
durch das los ermittelt. sie werden schriftlich verständigt,
und ihre namen werden vom . juli  an unter
www.zeit.de/sommerpreisraetsel bekannt gegeben.
die auflösung finden sie im zeitmagazin nr. / vom
. juli . mitarbeiter des zeitverlages und ihre
angehörigen dürfen nicht teilnehmen. der rechtsweg ist
ausgeschlossen. die gewinne sind nicht in geld
einlösbar. namen und adressen der teilnehmer kann der
zeitverlag für eigene werbezwecke verwenden.
Und das sind unsere Preise:
Illustration Siri Matthey
Fotos Europäischer Hof, Züco / Dauphin Home, Anette Closheim
1. Preis: Drei Nächte im
Europäischen Hof Heidelberg
151 Jahre ist es her, dass die Erfolgsgeschichte des Traditionshauses begann. Seit 1906 ist das
einstige »Hotel de l’Europe« in
Familienbesitz und wird heute
in vierter Generation geführt.
Sie wohnen zu zweit im Doppelzimmer inklusive Frühstück und
Nutzung des Panorama Spa
2. Preis: Stuhl
»Little Perillo« von Züco
für Dauphin Home
Das preisgekrönte Möbel
des Designers Martin Ballendat ist klein, leicht und
mit der in einem Guss
gefertigten Sitzschale aus
Kunststoff auch für lange
Balkonabende geeignet
3. bis 7. Preis: Je ein Weinpaket von Anette Closheim
Im 150 Jahre alten Nahe-Weingut der Familie baut die Winzerin hochreife Trauben zu einer
puristischen Weinlinie aus. Im
Paket befindet sich je eine Flasche Weiß-, Rosé- und Rotwein
die scrabble-kolumne entfällt während der laufzeit
des sommerpreisrätsels. dafür gibt es den
zeit-scrabble-sommer auf der leserbrief-seite der zeit
die grossen fragen der liebe
Nr. 408
Wann muss Schluss sein mit den Flirtmails?
Christine und Franz sind seit zwanzig Jahren ein Paar und haben
zwei Kinder im Schulalter. Die Kinder sind an einem Wochenende
bei den Großeltern, Christine geht mit Franz essen, alles könnte
perfekt sein – da bekommt Franz eine Mail. Christine liest statt der
erwarteten Botschaft von den Kindern Schwärmerisches von einer
fremden Frau: Sie kenne ihn vom Sport, er sei ihr Traummann.
Franz behauptet, er bekomme von dieser Frau manchmal solche
Botschaften, er nehme das nicht ernst. Christine kontrolliert den
Familiencomputer, findet heraus, dass er die Fremde gegoogelt hat,
dass es weitere Nachrichten gibt: Der Frau ist ihre Verliebtheit peinlich. Jetzt ist Christine untröstlich. Warum hat Franz nicht sofort
gesagt, dass er glücklich verheiratet ist, und die Absenderin gesperrt?
Wolfgang Schmidbauer:
Es liegt für Christine nahe, sich verraten zu fühlen und darüber zu
vergessen, dass eine Ehe viel Stabiles haben muss, wenn die erste
Eifersuchtsszene zwanzig Jahre auf sich warten lässt. Und wenn sie
selbst nie neugierig darauf war, wie sich ein Flirt mit einem anderen Mann anfühlt, muss sie in der Tat aus allen Wolken fallen.
Auf jeden Fall sollte sie Franz sagen, was sie erwartet hätte und was
er, wenn er es denn will, auch jetzt noch tun kann. Offensichtlich
haben sie dieses Thema bisher so vermieden, dass sie noch gar nicht
herausfinden konnten, ob ihre Bilder von Bindung und Vertrauen
sich decken. Das mag auch daran liegen, dass Franz nur die sexuelle
Aktion ernst nimmt, während es für Christine bereits unerträglich
ist, dass er sich für die Schwärmerei einer anderen Frau interessiert.
Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten.
Zuletzt erschien sein Buch »Coaching in der Liebe. Neue Spielregeln für das Leben zu zweit« (Kreuz-Verlag)
45
Garth Risk Hallberg war ein unglücklicher, einsamer
Teenager. Bis seine Mutter eine gute Idee hatte
doch Gedichte. Der Kurs kostete
700 Dollar, und wir hatten damals
überhaupt kein Geld. Aber sie sagte:
Wenn du das machen möchtest, bezahle ich es gern. Ich war total nervös und zugleich positiv aufgeregt.
Als wenn man einen Roman anfängt:
Es könnte ein Desaster werden – aber
was, wenn es toll wird?
Herr Hallberg, die erste Fassung Ihres
gefeierten 1000-Seiten-Romans »City
on Fire« haben Sie mit der Hand geschrieben. Wieso nicht am Computer?
Ich hatte die ersten Notizen zu dem
Buch jahrelang in einer Schublade gelassen, weil mir die Idee für das Buch
zu groß erschien. Als ich die Notizen
wieder hervorholte, war das beängstigend. Ich musste einen Prozess finden, um die Angst beim Schreiben
zu kontrollieren. Deshalb habe ich in
kleine, karierte Notizbücher geschrieben. So hatte ich immer das Gefühl,
nur diese eine Seite füllen zu müssen
anstatt eine unendlich lange Datei.
Es war immer noch beängstigend
und schwierig, aber es ermöglichte
mir, überhaupt anzufangen.
Wovor fürchteten Sie sich?
Ich hatte Angst zu scheitern. Um
überhaupt die Möglichkeit zu schaffen, etwas richtig Gutes zu vollbringen, musst du dich verwundbar machen. Ich hatte beim Schreiben das
Gefühl, alles auf den Tisch legen zu
müssen. Das erschien mir riskant.
Solange man nur von etwas träumt,
kann es ja nicht schiefgehen.
Garth Risk Hallberg,
37, wurde in Louisiana geboren.
Für seinen Debütroman »City
on Fire« (S. Fischer), in dem er vom
Ausnahmezustand in New
York während des Stromausfalls
1977 erzählt, bekam er zwei
Millionen Dollar Vorschuss. Er lebt
mit Frau und Kindern in Brooklyn
Wieso haben Sie es dann doch gewagt?
Schwer zu sagen. Ich kenne die Angst,
vor etwas wegzurennen, sehr gut. Als
Teenager hatte ich sehr viel Angst, bis
es irgendwann nicht mehr weiterging
und ich mich entschied, mich umzudrehen und mich mit der Angst zu
konfrontieren. Ich wusste also: Wenn
es nicht mehr weitergeht, muss man
genau das machen.
Wovor hatten Sie als Teenager Angst?
Mir ging es so schlecht, wie es einem nur als Teenager schlecht gehen
kann. Nennen Sie es Einsamkeit. Du
fühlst dich einsam und missverstanden, deshalb hörst du auf, auf andere
zuzugehen, weil du denkst, dass sie
dich ablehnen werden, und dadurch
wirst du noch einsamer.
Hatten Sie keine Freunde?
Doch, aber das Einzige, was uns verband, waren Drogen. Bei einigen Leuten, die ich damals kannte, scheue ich
mich heute, nachzuforschen, was aus
ihnen geworden ist. Ich habe Angst,
es herauszufinden.
Gab es nichts, was Ihnen damals Trost
spendete?
Das Einzige, was meinem missverstandenen 14-jährigen Selbst half, waren
Gedichte. Sie waren leidenschaftlich,
intelligent, Rock ’n’ Roll. Ich war oft
bis drei Uhr morgens wach, weil ich
nicht schlafen konnte, und versuchte
dann, Gedichte zu schreiben, die natürlich furchtbar waren.
Und wie haben Sie sich mit Ihren Ängsten konfrontiert?
Als ich 16 war, sagte meine Mutter zu
mir: Vielleicht solltest du in diesem
Sommer etwas machen, was du auf
deine College-Bewerbung schreiben
kannst. Ich blockte natürlich ab – ich
dachte, wenn ich irgendeinen Sommerkurs belege, wie ihn viele Unis
anbieten, wird mich dort jeder komisch finden und nicht mögen. Aber
dann kam meine Mutter noch mal
und sagte: Ich habe hier einen Kurs
gefunden, der nur eine Woche dauert,
einen Gedichte-Workshop. Du magst
IM NÄCHSTEN HEFT
Wie wir heute lieben – der Start unserer dreiteiligen Serie
über die Liebe im 21. Jahrhundert
Ja. Zu Kursbeginn saß ich mit lauter
nervösen Teenagern in einem Raum,
wir warteten auf jemand Offizielles,
es war ganz still. Bis ein Typ plötzlich
fragte: Hat jemand eine Zigarette?
Und ich sagte: Ja! Wir sind zu dritt
oder viert raus, rauchten und fingen
an, darüber zu reden, was wir lasen
und schrieben. Das war das erste
Mal, dass ich Gleichaltrige traf, die
meinen Antrieb teilten. Und sie waren cool. Cool, ohne zu allem Nein
sagen zu müssen. Einer wohnte in
Washington, ich besuchte ihn oft,
seine Freunde waren Maler, Musiker
und Schauspieler. Plötzlich war da
diese schöne, kreative Welt. Bis heute
sind einige dieser Leute meine besten
Freunde.
Die Idee Ihrer Mutter hatte Sie gerettet?
Ja, und zwar wortwörtlich. Der Typ,
der damals das Eis brach, gab mir den
Tipp, dass sein College viele Stipendien vergab, von denen ich dann tatsächlich eines bekommen habe. Dort
habe ich meine jetzige Frau kennengelernt. Wenn ich zu der Idee meiner
Mutter Nein gesagt hätte, wäre mein
ganzes Leben heute anders. Meine
Frau, meine besten Freunde, die
Stadt, in der ich lebe, dieses Buch –
alles wäre nicht so gekommen.
Haben Sie Ihrer Mutter das mal gesagt?
Nein, nein, schrecklicherweise ist es
mir immer noch peinlich, dass sie damals recht hatte.
Das Gespräch führte Anna Kemper.
Sie gehört neben der Fotografin Herlinde
Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan,
Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu
den Interviewern unserer Gesprächsreihe
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Foto Mark Vessey
das war meine rettung