«Handschlag für die Hoffnung»

*Blick
26.05.2016
«Handschlag für die Hoffnung»
Aussenminister Didier Burkhalter im gefährlichsten Slum von Beirut
VON PETER HOSSLI
Hastig führt der libanesische Polizist den Bundesrat hinter die hohen Mauern. Seine
Pistole ist geladen, der Kämpfer grau-schwarz gefleckt. «Wir verlassen die Anlage
nicht», sagt ein Mitarbeiter von Didier Burkhalter (56). Eben ist der Schweizer
Aussenminister in Hay al-Gharbeh angekommen, «im gefährlichsten Slum von
Beirut», wie es heisst.
Geschwind steigt er auf die Terrasse des Tahaddi-Zentrums, einer Schule im
Libanon, welche die Schweiz unterstützt. Zerfallene Häuser sieht Burkhalter, Müll,
schlammige Wege. «Wo aber sind die Kinder?», fragt er.
Die Kinder? Sie sind auf der Strasse, die Schule ist längst aus. Just löst der
Bundesrat Krawatte und den obersten Hemdknopf.Er steigt die Treppe runter, geht
vorbei an den dicken Mauern – und spaziert fast ohne Begleitschutz durchs Quartier.
Geht dort, wo die ärmsten Libanesen derzeit von syrischen Flüchtlingen verdrängt
werden.
Eine Mutter führt ihn in den Raum, in dem sie mit drei Töchtern haust. Er lacht
Kinder an, will mit ihnen reden. Doch der Ausflug des Bundesrats ist so spontan, die
Übersetzerin hat ihn verpasst. «Wer spricht Arabisch? », ruft er in Englisch in die
Menge. Ein bewaffneter Polizist eilt herbei, führt ihn durch ein Gespräch mit dem
syrischen Buben Ali. «Ich werde Profifussballer », sagt er. «Lebe deine Träume»,
ermutigt ihn Burkhalter. «Zuerst machst du aber die Schule fertig.»
Wenige Stunden zuvor besteigt Burkhalter in Istanbul den Bundesratsjet. In der
türkischen Metropole hat er am humanitären Weltgipfel teilgenommen. «Ich hätte es
nicht ertragen, nur einen Gipfel zu besuchen», begründet er den Abstecher in den
Libanon. «Um Schweizer Werte zu erklären, sind Konferenzen zwar wichtig, aber ich
muss spüren, ob die Menschen wirklich von unserer Arbeit profitieren.»
Burkhalter blickt aus dem ovalen Fenster, sieht die vielen weit grösseren Jets
anderer Minister. Winzig wirkt da der dreistrahlige Falcon 900EX, Baujahr 2008, den
die Schweiz als Occasion erworben hat. «Es ist nicht schlecht, klein zu sein», sagt
Burkhalter – und nimmt das kleine Flugzeug als Sinnbild für die kleine Schweiz.
«Dafür sind wir agil.»
Er sitzt vorne. Eine Sitzordnung aber gibt es bei ihm nicht. «Das ist die Schweiz, hier
ist man frei», sagt er, trinkt Wasser, studiert Akten, fügt handschriftliche
Anmerkungen ein. Beim Landeanflug zeigt Burkhalter auf die Hügel oberhalb
Beiruts. «Diese Gebiete werden von der Hisbollah kontrolliert » – von der
schiitischen Miliz, einer von vielen libanesischen Fraktionen. «Der Libanon ist ein
Wunder», sagt Burkhalter. «Trotz vieler Konfessionen explodiert das Land nicht.»
Niemand sei so stark betroffen von der Krise in Syrien wie das Nachbarland. Eine
Million registrierte syrische Flüchtlinge harren hier. Schätzungen gehen von 1,5
Millionen aus – das wären rund 30 Prozent aller Einwohner.
Auf dem Rollfeld in Beirut wird Burkhalter vom Schweizer Botschafter empfangen.
Wenige Minuten nur dauert die Passkontrolle, dann besteigt der Bundesrat den
gepanzerten BMW des Botschafters. Eine Polizeieskorte, bestehend aus Ford
Durango und Harleys, geleitet das Schweizer Auto rasch durch die notorisch
verstopften Strassen.
Fünf Stunden weilt Burkhalter in Beirut. Erster Halt: eine mehrstöckige Villa, in der
das libanesische Aussenministerium untergebracht ist. Mit Amtskollege Gebran
Bassil (45) bespricht Burkhalter die Flüchtlingskrise, verspricht, den Libanon zu
unterstützen. Dankend nimmt Bassil an. Die Schweiz müsse tun, was möglich sei,
sagt Burkhalter. «Aber nicht mehr als das, was wir halten können. Die Schweiz ist
ehrlich, sie macht, was sie sagt, und sie sagt, was sie macht.»
Nächster Halt: das Libanesische Rote Kreuz. Geduldig setzt sich der Bundesrat in
einen düsteren Raum, lässt sich alles erklären. Zehn Minute dauere der Dia-Vortrag,
heisst es. «Zehn Schweizer Minuten oder zehn -libanesische Minuten?», fragt
Burkhalter, im Wissen, dass er jetzt eine Stunde zuhören wird.
Um 15.45 Uhr geht es weiter. Halsbrecherisch die Fahrt Richtung Süden, in den
Slum Hay al-Gharbeh. Nach dem spontanen Spaziergang durchs Quartier steigt er
erneut auf die Terrasse. Er isst eine Aprikose, es gibt heissen Tee und libanesisches
Gebäck. Auf Plastikstühlen sitzen Jugendliche: Libanesen, syrische Flüchtlinge und
Palästinenser. Asriah (27) schildert ihre Flucht aus der syrischen Stadt Aleppo. «Wie
lange sind Sie schon im -Libanon?», fragt Burkhalter. Er spricht englisch, sie
arabisch. Eine Übersetzerin übersetzt. «Seit drei Jahren und neun Monaten.» –
«Wollen Sie zurück?» – «Ja, sobald der Krieg vorbei ist.» – «Das hoffe ich sehr für
Sie.»
Die 13-jährige Syrerin Rawane dankt Burkhalter, «dass ich in dieser Schule lernen
darf». Sie will Lehrerin werden – daheim in Syrien. «Schreib uns, wie es mit dir
weitergeht.» Echt wirkt es, wenn Burkhalter sagt: «Kinder verdienen ein würdiges
Leben, hier werden sie rasch erwachsen, man muss alles tun, damit sie nicht dem
Extremismus verfallen.»
Ingenieur Mourad (24) darf nicht arbeiten, obwohl seine Mutter Libanesin ist. Der
Vater ist Palästinenser, und der Libanon verbietet Palästinensern manchen Beruf.
«Wie gehen Sie damit um?», fragt Burkhalter. «Entweder ich kämpfe, oder ich
gehe.» – «Glauben Sie, Sie könnten etwas ändern?» – «Ich hoffe es.» – «Hoffnung
ist wichtig.»
Die Krise in Syrien habe das Schicksal der Palästinenser in den Hintergrund
gedrängt, sagt Mourad. «Eine Lösung kann ich heute nicht anbieten», so Burkhalter.
«Aber seien Sie gewiss: Wir vergessen euch nicht.»
Viel zu leise spricht die libanesische Juristin Nadine (26). Burkhalter rückt seinen
Stuhl in ihre Nähe, um sie zu verstehen. Sie rüttelt ihn auf. «Alle sehen uns nur als
Schlachtfeld und Gastland von Flüchtlingen», sagt Nadine. «Aber wir haben eigene
Probleme, unsere Jugend ist überqualifiziert und unterbeschäftigt.» Sie soll in die
Politik, rät Burkhalter. «Das will ich nicht!», so Nadine. «Die besten Politiker sind
jene, die nicht in die Politik wollen.» Jene Menschen also, die keine Karriere
anstrebten, sondern andern helfen wollten.
Aus Syrien floh Imane (23). Sie will Fotografin werden. Just fordert Burkhalter sie
auf, dem BLICK-Fotografen die Kamera abzunehmen. Was Imane tut – und den
Bundesrat ablichtet. Der witzelt: «Sie fotografiert sicher besser als der Schweizer!»
Ein Politiker verabschiedet sich, der zuhörte und der Humor hat. Er bedankt sich,
posiert für Selfies, steigt in den gepanzerten BMW, fährt zum Flughafen. Um 19.15
Uhr hebt der Bundesratsjet ab. Drei Stunden und 55 Minuten dauert der Flug bis
Bern-Belp. Burkhalter bereitet die Bundesratssitzung vor. «Wann wollen Sie
essen?», fragt die Flugbegleiterin. «Wer hat Hunger?», fragt der Chef sofort seine
Mitarbeiter. «Wir entscheiden zusammen, das ist eine Demokratie.»
Er hat schon viel geredet, und doch spricht er noch über eine Lösung für Syrien.
«Sie hängt auch davon ab, was mit Präsident Assad passiert.» Die Türkei
bezeichnet er als «grosses, dynamisches Land, das Teil der Lösung sein muss». Zu
Unrecht stehe sie oft in der Kritik. «Wir sind auf die Türkei angewiesen, wir dürfen
nicht alles verurteilen.» Frust spüre er bei türkischen Gesprächspartnern. «Sie
glauben, ihren Teil des Flüchtlings-Deals einzuhalten, und verstehen nicht, warum
die EU nicht vorwärtsmacht bei der Visa-Liberalisierung.» Überrascht habe ihn, «wie
viel Zuspruch Donald Trump erhält». Klar, er beobachte die US-Wahlen. «Wir
bereiten uns für alle Szenarien vor.» Also auch für einen Präsidenten namens
Trump.
Zuletzt sagt er, wie es ihm gelingt, Slums zu entschwinden und im Jet in die sichere
Schweiz zu fliegen. «Es ist leichter geworden, ich habe mich daran gewöhnt», sagt
Burkhalter. «Zynisch bin ich deshalb nicht. Es hilft mir aber zu wissen, dass die
Schweiz wirklich Gutes tut.»