VON DER ZUKUNFT DER ARBEITSMEDIZIN

E S SAY
VON DER ZUKUNFT DER ARBEITSMEDIZIN
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DER BETRIEBSARZT ALS GESUNDHEITSMANAGER
UND PRÄVENTIONSEXPERTE
Sind die Mitarbeiter fit, geht es auch den Institutionen gut: Mit dem Wandel in der Arbeitswelt
werden Betriebsärzte zu Gesundheitsmanagern.
1 Dr. med. Alfons Sommer ist
Arbeitsmediziner und Internist
sowie stellvertretender Landesvorsitzender Bayern Süd des Verbands Deutscher Betriebsund Werksärzte
Die Arbeitswelt in Deutschland und Europa hat
sich grundlegend gewandelt – und damit auch die
Anforderungen an die Arbeitsmedizin: Durch die
Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft nimmt
hoch qualifizierte Kopfarbeit immer weiter zu, körperlich schwere Arbeit verzeichnet dagegen einen
Rückgang. Somit verändern sich auch die Aufgaben
und das Selbstverständnis der Betriebsärzte. Die
traditionelle Aufgabe des Gesundheitsschutzes und
der Unfallverhütung tritt weiter in den Hintergrund
und die Erhaltung der Leistungsfähigkeit der oftmals hoch qualifizierten Mitarbeiterschaft wie in
einer Universität wird zur vorrangigen Aufgabe der
Betriebsärzte. Arbeitsmediziner von heute sind mit
ganz anderen Symptomen als früher konfrontiert.
Die Entwicklung individueller Vorsorgemaßnahmen, abgestimmt auf spezielle Arbeitssituationen
und -anforderungen an den Mitarbeiter, gehört
zunehmend zum klassischen Aufgabengebiet des
Betriebsarztes. Von der Konzeption der Arbeitsplatzbedingungen bis zur Durchführung und ständigen Betreuung – immer ist der Betriebsarzt als
Präventionsexperte gefragt. So wird er zur zentralen Anlaufstelle für ein betriebliches Gesundheitsmanagement, das die planvolle Stärkung von
Wohlbefinden, Motivation und Leistungsfähigkeit
der Mitarbeiter zum Ziel hat.
GESUNDHEIT IN EINER
GLOBALISIERTEN ARBEITSWELT
Gesundheit wird heute mehr denn je als Grundlage
hoher Wettbewerbsfähigkeit verstanden. Dabei sind
ein intaktes soziales Klima sowie physisch und psychisch gesunde Arbeitnehmer die Voraussetzung
für Kreativität und Produktivität und damit auch
für den unternehmerischen Erfolg. Die Globalisierung führt zu einer verschärften Konkurrenzsitua-
tion – und oftmals auch innerhalb der gleichen
Organisation zu einem Wettbewerb der Standorte, Fakultäten, Abteilungen oder Institute.
Dies setzt die Mitarbeiter unter zunehmenden
Zeit- und Leistungsdruck und kann sich auf die
allgemeine Arbeitsgesundheit niederschlagen.
„Arbeiten, bis der Arzt kommt“ – Folge einer
immer schneller getakteten, immer schwerer berechenbaren globalisierten Arbeitswelt.
Vielerorts wird das soziale Klima beeinträchtigt
und gesundheitsschädigendes Arbeits- und Sozialverhalten wie Workaholismus und Mobbing
sowie arbeitsbedingte Erkrankungen wie Burnout-Syndrome werden gefördert. Neben körperlichen Belastungen sind daher vermehrt berufsbedingte psychomentale und psychosomatische
Beschwerden die Folge. Mit einer Spritze oder
einem Atemschutz ist es da nicht mehr getan.
Der Arbeitsmediziner ist heute auch als Arzt
für die Seele gefordert, der psychische Fehlbelastungen ermittelt und dazu kompetent berät.
Hier sind besondere Kenntnisse und Einfühlungsvermögen gefragt. Ein Zusammenspiel
zwischen den Betriebsärzten auf der einen Seite
und den Psychotherapeuten auf der anderen ist
daher unabdingbar. Nur so können psychische
Erkrankungen umfassend und früh erkannt sowie erfolgreich behandelt werden.
ARBEITSMEDIZIN VOR DEM
HINTERGRUND DER DEMOGRAFISCHEN
ENTWICKLUNG
Mit der dramatischen Alterung der Gesellschaft
zeichnet sich ein weiteres zentrales Thema für
die Arbeitsmedizin der Zukunft ab: Wie können
ältere Mitarbeiter möglichst gesund im Arbeitsprozess gehalten werden? Durch die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nimmt die Zahl
der älteren Arbeitnehmer rasant zu; im Jahre
2020 wird jede dritte Arbeitskraft 50 Jahre und
älter sein. Wie müssen Arbeitsplätze aussehen,
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die auch für ältere Menschen geeignet sind? Ein effektives,
professionelles Gesundheitsmanagement hilft, Mitarbeiter bis
67 Jahre in ihrem Aufgabenbereich fit zu halten. Betriebsärzte bieten hier wertvolle Unterstützung und analysieren mit
betriebsärztlichem Know-how die richtigen Bedingungen
und Faktoren, die die Gesundheit sowohl schützen als auch
fördern, und erarbeiten in der jeweiligen Organisation eine
sachgerechte Lösung.
DER ARBEITSMEDIZINER ALS
PRÄVENTIONSSPEZIALIST
Für vorbeugenden Gesundheitsschutz braucht es einen
langen Atem: Prävention darf nicht erst dann einsetzen,
wenn bereits eine Erkrankung droht. Spätestens wenn die
Gefahr einer Leistungsbeeinträchtigung besteht, muss
gehandelt werden. Vorgesetzte und Arbeitsmediziner sind deshalb klug beraten, wenn sie alle Formen der Prävention intelligent miteinander verknüpfen: Die Primärprävention zielt auf
ein gesundheitsbewusstes Verhalten und das Verhindern von
Krankheiten ab. Dazu zählt vor allem auch die Gesundheitsförderung bzw. Ursachenprävention, also die Gestaltung von Arbeit
und Umgebung, von technischen Maßnahmen wie Schutzmitteln sowie organisatorischen und personellen Maßnahmen.
Unter Sekundärprävention versteht man die Früherkennung
gesundheitlicher Risiken durch Vorsorgeuntersuchungen. Die
Tertiärprävention schließlich hat die Wiedereingliederung nach
einer Krankheit oder einem Unfall zum Gegenstand. Mögliche
Aktionen sind ein regelmäßiger medizinischer „Checkup“ aller
Betriebsmitarbeiter, eine jährliche Schutzimpfung – beispielsweise gegen Grippe, Bewegungs- und Ernährungsberatung, Aktionen zur Krebsvorsorge oder auch Seh- und Hörtests. Wenn
Betriebsärzte ein Gesundheitsmanagement in den Organisationen, z.B der Universität einführen, ist es wichtig, dieses auch in
den Köpfen der Führungskräfte zu verankern, die ihre Mitarbeiter zu gesundheitsschonendem Verhalten motivieren sollten.
PERSPEKTIVE ZUKUNFT: NACHWUCHSFÖRDERUNG
Viele junge Ärzte sehen sich nach ihrem Studium und den ersten
Jahren Berufserfahrung vor der Wahl, entweder als Mediziner
im Krankenhaus oder als Kassenarzt tätig zu sein. Dabei haben
nur wenige die Arbeitsmedizin im Blick – und verkennen so eine
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hochinteressante ärztliche Alternative mit echten Zukunftschancen:
die des (selbstständigen) qualifizierten Betriebsarztes im vielfältigen
Umfeld der Arbeitswelt. Was viele, gerade junge Ärzte, nicht wissen:
Dahinter verbirgt sich ein faszinierender Teil der Medizin und ein
spannender Beruf, der immer neue Herausforderungen birgt. Denn
während im Bereich der Medizin die Rationierungsschraube angezogen wird, steigt künftig der Bedarf an Betriebsärzten. Der Arbeitsmedizin mangelt es seit Langem an Nachwuchskräften. Immer
häufiger können arbeitsmedizinische Stellen nicht besetzt werden.
Deshalb ist das Gewinnen des arbeitsmedizinischen Nachwuchses
ein wichtiges Anliegen.
Viele Personalverantwortliche haben inzwischen erkannt, dass Maßnahmen in Prävention und Gesundheitsförderung Erfolgsfaktoren für
„gesunde Mitarbeiter“ und damit für „gesunde Unternehmen“ sind.
Mit dem Wandel der Arbeitswelt gehen auch ein Paradigmenwechsel
im Gesundheitsschutz sowie Veränderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen, um eine betriebsärztliche Tätigkeit auszuüben, einher:
An die Stelle starrer Regelungen tritt ein Mehr an unternehmerischer
Freiheit bei der Nutzung betriebsärztlicher Angebote. Der Arbeitsmediziner der Zukunft ist also nicht nur Arzt, sondern auch Gesundheitsmanager, der Einzelkämpfer wie Freelancer und Mitarbeiter in
den Organisationen in allen Fragen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes berät. Um Zukunftsfähigkeit zu erreichen, verlassen sich
Betriebsärzte nicht mehr nur auf gesetzliche Regelungen, sondern
haben vielmehr ein neues Selbstverständnis verinnerlicht und gestalten die weiteren Entwicklungen aktiv mit. Dazu ist es erforderlich,
den Berufsstand gegenüber der Direktion, den Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern, aber auch der allgemeinen Öffentlichkeit zu profilieren – also die Wahrnehmung dahingehend zu schärfen, dass der Betriebsarzt der Gesundheitsberater im Universitätsbetrieb ist, der die
Leistungs- und Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeiter erhält. Denn
jeder gesunde und motivierte Mitarbeiter ist ein Erfolgsfaktor für eine
erfolgreiche Institution. Betriebsärzte leisten somit einen wesentlichen Beitrag zum modernen Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz.