Teil 3

Dr. Volker Hertel
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Frnhd. Kurzgrammatik
S Frnhd.
Teil Wortbildung
Elemente einer
Frühneuhochdeutschen Kurzgrammatik
D. Lexik / Grundzüge der Wortbildung
Das Frnhd. ist u.a. gekennzeichnet durch das Streben nach Klarheit und Genauigkeit des
Ausdrucks vor allem in den Bereichen der aufstrebenden Wissenschaften und der geistigen
Reformbewegungen. Der als dringend notwendig erkannte Ausbau der Lexik griff vor allem
auf die Möglichkeiten der Wortbildung zurück. Komposition, Derivation und Zusammenbildung wurden als leistungsfähige Wortbildungsarten erkannt. Baumaterial lieferte v. a. die
überkommende Lexik, die z.T. mit neuen Inhalten versehen wurde. Fremd- und Lehnwörter
werden mit Hilfe deutscher Wortbildungsmodelle zunehmend besser in das deutsche
Sprachsystem integriert.
Aus Sicht der Gegenwartssprache muss konstatiert werden, dass einerseits eine Vielzahl der
frnhd. Wortbildungsprodukte morphosemantisch motiviert und ihre Bedeutungen damit
prinzipiell erschließbar sind, andererseits sind große Teile dieses neu gebildeten Wortschatzes
heute nicht mehr gebräuchlich. (vgl. Abb.1)
400
350
300
250
FWB
200
Frnhd.
150
Frnhd. + Nhd.
100
50
0
ab-
aber-
an-
auf-
aus-
be-
bei-
Abb.1: Vorkommen präfigierter Substantive nach Belegen im Frühneuhochdeutschen
Wörterbuch, ihrem ausschließlichen Gebrauch im Frnhd. und ihrem Gebrauch sowohl im
Frnhd. als auch im Nhd. (nach HSK 22 , S.1562)
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Teil Wortbildung
1. Allgemeine Tendenzen in der Wortbildung
(Vgl. v.Polenz, Deutsche Sprachgeschichte I, 193f.)
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zunehmende strukturelle Unterscheidung zwischen Flexions- und
Wortbildungsaffixen
Weiterführung der bereits im Mhd. beginnenden Ersetzung lautlich unauffälliger/
multifunktionaler Suffixe durch deutlichere.
Konzentration der WB-Produktivität auf bestimmte Affixe und auf bestimmte WBTypen (z.T. nach lat. Vorbildern) also einer Reduzierung der Polysemie von Affixen
(eindeutigere Zuweisung von Funktionen zu einzelnen Suffixen)
Häufung mehrerer Suffixe (z.B. -ig + - keit, -bar + -keit) und Kombination von Präfix
und Suffix (be-…-igen)
allmähliche Entstehung neuer Suffixe aus Kompositionsgliedern und trennbaren
Verbzusätzen als Mittel bestimmter Ableitungstypen
noch schwach ausgebildete Tendenz zur Zusammenschreibung der Komposita; bis ins
18. Jh. wird noch vielfach der doppelte Bindestrich für Neubildungen verwendet.
Den Anteil der verschiedenen Wortbildungsprodukte am frnhd. Wortschatz
veranschaulicht Abb.2:
Verben
präf. Verben
Substantive
präf. Subst.
Komposita
Adjektive
präf. Adjektive
Abb. 2: Verteilung von Simplexwörtern und Wortbildungsprodukten
nach dem Frühneuhochdeutschen Wörterbuch
(nach: HSK 2.2., S.1561)
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2. Wortbildung des Substantivs
2.1. Komposition
Typisch für das Frnhd. ist die Neigung, syntaktische Gruppen zu Komposita
zusammenzufügen (Tendenz zur Univerbierung).
Die Komponenten befanden sich dabei in Kontaktstellung, die Akzentuierung verschob
sich auf den ersten Teil des neuen Wortes.
Besonders häufig begegnet das bei herkömmlichen Genitivfügungen:
der frawen kirche → die Frauenkirche
des bûren hûs → das Bauernhaus
Die Zusammenschreibung setzte sich erst nach und nach durch – eine oft gebrauchte
Zwischenstufe ist die Bindestrichschreibung: Wort=Geboht (Opitz). Oftmals wird auch
die zweite UK mit einer Versalie eingeleitet, vgl. HauptSprache (Schottel).
Zusammensetzungen sind von Syntagmen unterscheidbar durch die Verwendung des vom
Genus des Phrasenkopfes bzw. der 2. UK der Wortbildung abhängigen Determinierers:
der frawen kirche = Genitivfügung die frauen kirche = Zusammensetzung
Viele der Komposita (uneigentliche K.) enthalten als Relikte der Flexion noch ehemalige
Flexionsmorpheme, die nun ihre Funktion verlieren und zu Fugenelementen werden:
Kriegsknechte, Glaubenskampf, Gottslesterer, Strassenreuber, Schafskleider
[alle Beispiele sind WBP M.Luthers]
2.2. Derivation
- Die Suffixableitungen werden im Frnhd. maßgeblich beeinflusst durch die Auswirkungen der Endsilbenabschwächung, die die Vielgestaltigkeit der alten Flexionsmorpheme auf Endungen mit /e/ reduzierte.
Das alte Derivationssuffix -e (ahd. -î) (heute noch in Höhe, Länge …) verliert dadurch
an Klarheit. An seine Stelle treten zur Bildung von Abstrakta die schon im Mhd. zu
Wortbildungsmorphemen grammatikalisierten Elemente -heit, -keit (ursprünglich aus -g
+ -heit), auch -ung, -schaft, -tum bzw. kombinierte WB-Morpheme:
schöne → schönheit, stete → stetigkeit; schaerpffigkeyt …
Abstrakta auf -heit/ -keit (adjektivische Basis):
einfältigkeit, schönheit, dunkelheit, stetigkeit
Abstrakta auf -ung (verbale Basis):
fälschung, wahrnemung, verhörung, verheissung
Nomina agentis auf -er (verbale Basis) und -ling (adjektivische Basis):
straffer, vnfleter, lasser, weichling, frembling
Die Varianten -heit und -keit weisen im 14./15. Jh. noch eine andere Distribution auf als
im späten Frnhd. und im Nhd.: -heit verbindet sich z.B. auch mit mehrsilbigen Basen:
unlauterheit, bitterheit, ...
Während der frnhd. Sprachperiode werden weitere Substantive reihenbildend
verwendet und rücken in die Nähe von Suffixen (Suffixoide), so etwa:
-schaft, -tum, -werk, - zeug : bildtwerck, babstthumb, yrthum, junckferschafftt,
steinwerck, ruestzeug
- ehemals selbständige Wörter (und trennbare Verbzusätze) fungieren jetzt
zunehmend als Präfixe:
ab-: abgott, abhuld, abscheu
aber-: aberacht, abervater, aberwiz, aberglaube
affter-, haupt-, miss-, un- …
- Zusammenbildungen, also Wortbildungsprodukte, in denen ein Syntagma als
Ableitungsbasis dient, dienen verstärkt dem Lexikausbau:
muessiggaenger, scharpffboererlin, scheinverkauffung, menschwerdung
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3. Wortbildung des Adjektivs
Ausgebaut wird die adjektivische Lexik im Frnhd. in erster Linie durch desubstantivische
Ableitungen.
- typisch sind Suffixderivationen auf -bar,-ig, -lich, -haftig, vorübergehend (bis ins
18. Jh.) auch -icht (heute noch töricht), das unter Umständen wegen der Homophonie
mit dem substantivischen Kollektivsuffix -icht (Dickicht) zugunsten von -ig aufgegeben
wurde. Die verwendeten Suffixe, v. a. -bar, -lich, -sam konkurrieren im Frnhd., eine
semantische Differenzierung wird erst im 18. Jh. greifbar.
wunderbar, wunderlich, wundersam
geltdorstig, standhaftig, schmeichelhaftig, wehrhaftig, bittlich,
foerstlich, steinicht, zotticht
- Der Verdeutlichung bzw. Abgrenzung von anderen Funktionen (Morphologie!)
dient die Erweiterung des Suffixes -en zu -ern zur Bildung von Stoffadjektiven:
mhd. hulzîn, hülzen → hölzern, so auch beinern, silbern, ströhern
Erhalten bleibt die alte Endung u.a.in: golden, seiden, fichten
Diese Adjektive konnten dann als 1.UK in Substantivkomposita verwendet werden:
das seiden gewant, das fichten bette. Offensichtlich wurde diese adj. Komponente der
Determinatikomposita schon bald als substantivisch empfunden (-n- bildet dann ein
Fugenelement) und konnte Grundlage für ein weiteres Bildungsmuster werden:
Goldkette, Beinhaus etc.
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4. Wortbildung der Verben
4.1. Transposition
Die Ableitung von nichtverbalen (adjektivischen, substantivischen) Basen ist das am
häufigsten gebrauchte Verfahren zur Bildung neuer (schwacher) Verben. Zur Anwendung
kommen -en, -igen (bes. md.) - heute nicht mehr produktiv:
bußen, festen, sünden, peinen; festigen, sündigen, heiligen, mäßigen
-iren /-ieren ist vor allem in der frühneuzeitlichen Wissensliteratur anzutreffen, da es in
erster Linie bei fremdsprachigen (lateinischen und französischen) Ableitungsbasen
angewendet wurde:
absoviren, alliciren, tituliren, fabuliren, disputiren, distillieren …
Oft wurde auch kombiniert mit Präfix /Präfixoiden (vgl. auch 4.2.):
absteinen, ablausen, abzäunen, anklagen, auswintern
aussenbleiben > ausbleiben
4.2. Modifikation
Verbale Basen wurden im Frnhd. außerordentlich oft mit Präfixen/Präfixoiden versehen,
um die Semantik zu differenzieren. Die neu gewonnenen Verben wurden oftmals ihrerseits zur Grundlage neuer Substantive.
Häufig eingesetzte Präfixe sind:
ab-: abhelfen, abfreien, abschatzen, abstimmen, abraten → abfreiung, abstimmung
an-: anmelden, anmuten, anneiden, anrichten, anrufen anmeldung, anmutung
be-, ent-, ver-, zer-, …→ …
Die eingesetzten Präfixe konkurrierten oft anfänglich, später setzte sich eine semantische
Differenzierung der Wörter durch oder einer der Konkurrenten wurde ungebräuchlich.
er- ~ ver-: ersterben / versterben; erhungern / verhungern; erschrecken / verschrecken