Christiane Eichenberg et al.: Einführung in die Onlineberatung und

Fortbildung
Konsequenzen für die Beurteilung
von CAM-Therapien
Die vorgeschlagene operationale Definition einer wissenschaftsorientierten Medizin gestattet, einige häufig anzutreffende Differenzen zu CAM-Methoden
aufzuzeigen.
Auffallend häufig suchen CAM-Vertreter
die Wirksamkeit ihrer Methoden nicht
durch Heilung von Krankheit, geschweige
denn Lebensverlängerung, sondern vor allem anhand der Veränderung von Symptomen zu belegen, die zudem subjektiv
und schwer objektivierbar sind. In kontrollierten Studien ergeben sich, wenn überhaupt, nur sehr schwache Überlegenheiten im Vergleich zu einer Placebotherapie.
Wegen der pathophysiologischen Heterogenität der genannten Störungen ist für
eine klare Indikationsstellung in der Regel
wenig gewonnen. Realistisches Ziel der
meisten CAM-Methoden ist ganz überwiegend eine Verbesserung der Lebensqualität. Dies erfolgt nicht selten spontan
oder ist durch Placeboanwendungen erreichbar.
Placeboeffekte sind kein Schwindel, sondern objektivierbare und zunehmend mechanistisch erklärbare Folgen von Symbolen und Ritualen. Im Bereich der Symbole
– mit dem Arzneimittel als Zentralsymbol
konservativer Medizin – sind beispielsweise überraschende Effektänderungen auf
Krankheitssymptome durch wahrheitswidrige Etikettierungen auch pharmakologisch wirksamer Substanzen belegt
(Kaptschuk und Miller 2015). Irrige Überzeugungen des Therapeuten von der
Wirksamkeit seiner Therapie könnten Placeboeffekte durchaus positiv verstärken.
Placebos können Symptome bessern, aber
heilen können sie nicht (Enck 2016).
Eine Argumentationsstrategie von CAM ist,
die Anwendbarkeit der Regeln einer evidenzbasierten Medizin grundsätzlich zu
bestreiten. Werden aber CAM-Studien gemacht, sind sie methodisch häufig stark angreifbar. Vor allem aber bleiben negative
Ergebnisse meist ohne Konsequenz.
Die wissenschaftsorientierte Medizin eliminiert dagegen Methoden mit negativer
Evidenz oder auch solche mit deutlicher
Unterlegenheit. Prinzipiell unbegrenzt ist
dagegen die Aufnahmebereitschaft für
überlegene Innovationen. Wenn Wirksamkeit bewiesen wird, ist die Provenienz
neuer Möglichkeiten gleichgültig (siehe
Artemisinin).
Literatur beim Verfasser
Prof. Dr. med.
Manfred Anlauf
privat:
FriedrichPlettke-Weg 12
27570 Bremerhaven
E-Mail: manfred.
[email protected]
Fon und Fax (n. Anmeldung) 0471 22679
Mobil 0170 3245021
Foto: privat
keitsmodells (zum Beispiel HDL steigerndes Torcetrapib, aber kardiovaskulär nicht
präventiv) wie auch von solchen mit fehlendem naturwissenschaftskonsistentem Modell und fehlender Evidenz (gilt zum Beispiel nach weitgehendem Konsens für Homöopathika).
Praxis:
Vogelsand 167
27476 Cuxhaven
Fon 04721 42080 | Fax 04721 420825
Bücher
Christiane Eichenberg,
Stefan Kühne:
Einführung in die Onlineberatung und -therapie
Grundlagen, Interventionen und
Effekte der Internetnutzung
Reihe: PsychoMed compact 7
UTB 2014. ISBN: 9783825241315
kart. 32,99 Euro, E-Book 26,99 Euro
Das Buch bietet einen guten Start, sich schnell einen Überblick
über das Thema Onlineberatung und -therapie zu verschaffen. Es
spannt einen Bogen zwischen theoretischen Grundlagen und
Rahmenbedingungen, praktischer Anwendungen der modernen
Medien und den wachsenden Anforderungen an die (Online-)Berater. Zielgerichtet wird der Leser in die Themenkomplexe Online-Information, -Beratung und -Therapie eingeführt. Diese werden kritisch-neutral mit Vor- und Nachteilen, unter Berücksichtigung der Evaluationen, beschrieben. Häufig finden sich Hinweise
über nationale Besonderheiten. Beim Themenfeld „Auswirkun-
230 | Hessisches Ärzteblatt 4/2016
gen der Internetnutzung“ werden exzessive, dysfunktionale,
selbstschädigende und deviante Nutzungsweisen behandelt. Informiert wird über Cybermobbing, Computerspielsucht, Cyperchondrie und Cyberstalking. Abgerundet wird das Buch durch die
Beschreibung der wachsenden Herausforderungen an die Ausbildung der (Online-)Berater. Die Autoren stellen die geforderten
Kompetenzen systematisch dar und gehen auf bestehende Curricula ein. Sie analysieren auch ethische Aspekte der Onlinebehandlung/-therapie.
Nach der Lektüre ist festzustellen, dass die neuen Medien auch
im Bereich „Beratung und Therapie“ großes Potenzial bieten. Allerdings dürfen diese weder unbedacht noch überkritisch Verwendung finden. Die Studienlage nimmt zu, reicht aber noch
nicht aus, um jedmögliche Interventionsarten strikt patientenorientiert einzusetzen.
Das Buch zeichnet sich durch einen fundierten Überblick der Studienlagen auf dem Gebiet aus. Es ist jedem zu empfehlen, der
sich wissenschaftlich orientiert dem Thema nähern möchte.
André R. Zolg, M. Sc.
Ärztlicher Referent LÄKH