Bischofswort - St. Paulus, Steinau

Leben von Gottes Vergebung
Von Bischof Heinz Josef Algermissen
Am Bronzeportal der Beichtkapelle des Wallfahrtsorts Kevelaer ist die dramatische Szene des Evangeliums dieses 5. Fastensonntags (Joh 8,1-11) dargestellt: Die verzweifelte, hilflose Frau mit aufgelösten Haaren, die Hände erhoben zur Abwehr der zu erwartenden Steine zum Schutz ihres Gesichtes,
das schon vom drohenden Tod überschattet ist. Vor ihr Jesus. Er beugt sich zur Erde nieder und
schreibt in den Staub. Er wendet sich ab von dem hinter seinem Rücken sichtbaren Pöbel, den gnadenlosen Menschen, die schon Steine in ihren Händen haben, bereit zum Wurf auf die Frau.
Geballte Fäuste, verzerrte Gesichter, hämische Blicke, verurteilende ausgestreckte Finger: „Die da,
die haben wir erwischt! Was sagst du nun dazu?“ Bezeichnend ist, dass sie nur die beim Ehebruch
ertappte Frau vorführen, vom dazugehörenden Mann, dem Ehebrecher, ist gar keine Rede. Das ist
zwar im Kontext der damaligen gesellschaftlichen Bedingungen zu verstehen, ärgerlich bleibt es aber
doch!
Und wie verhält sich Jesus? Er sagt nichts, sondern schreibt in den Sand. Was schreibt er? Etwa ein
Wort für die Schriftgelehrten und Pharisäer, das sie sehr wohl kennen müssten: „Wer einen Stein
hochwälzt, auf den rollt er zurück“ (Buch der Sprüche 26,27). Mit dem Finger, mit dem du auf andere
zeigst, willst du von dir selbst wegweisen, ablenken.
Die Schriftgelehrten und Pharisäer wollen Jesus eine Falle stellen. Sie meinen, ihn in ein unentrinnbares Dilemma geführt zu haben mit der Frage: „Das Gesetz ist so, was sagst du dazu?“ Wenn er für die
Frau eintritt, stellt er sich in Gegensatz zum geltenden Gesetz. Wenn er das Gesetz bestätigt, verleugnet er seine Liebe und Barmherzigkeit zu den Sünderinnen und Sündern. So oder so würde er
Gründe liefern, ihn zu verurteilen.
Aber seine Antwort ist eine Frage, die alle trifft, bis ins Herz berührt: „Wer von euch ist ohne Sünde?“
Keiner wagt eine Antwort darauf, denn keiner hat eine absolut weiße Weste vorzuweisen.
Bleich oder schamrot geworden, betroffen von der plötzlichen und unerwarteten Berührung der eigenen Schwachstellen, machen sich die Ankläger davon: die Ältesten mit der größeren Schuldenlast
zuerst. Eine dramatische Szene! Sie wollten einem schuldig gewordenen Menschen den Prozess
machen, das Etikett „Sünderin“ aufkleben, ihn brandmarken, abstempeln und der Vernichtung preisgeben. Sie müssen aber erkennen, dass sie selbst nicht besser sind. Eine perfekte Demaskierung!
Liebe Leserinnen und Leser! Jesus verurteilt die Selbstgerechtigkeit, selbst wenn sie den Schutz und
das Einhalten der Gebote Gottes vorgibt. Und wie ist das mit der Ehebrecherin, deren Verurteilung
alle fordern? Jesus verurteilt sie nicht. Aber, und das ist mir im heutigen Milieu der Verharmlosung und
Gleichgültigkeit zu erwähnen wichtig, er sagt auch nicht: „Alles nicht so schlimm, Schwamm drüber.“
Das wäre die übliche billige Verdrängung, die das Gegenteil von Vergebung ist. Das Evangelium endet nicht mit einem lockeren Freispruch. Jesus kennzeichnet vielmehr die Tat der Frau als Vergehen
und Sünde. „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Dieser Appell nimmt ihre Verfehlung ernst und
ermöglicht Umkehr und einen neuen Anfang.
Blutrünstig verlangte man nach dem Tod der Ehebrecherin. Aber Jesus stellt sich diesem drängenden
Vorhaben mit ruhiger Macht entgegen. Er will nicht den Tod des schuldig gewordenen Menschen,
sondern dessen Bekehrung. Er befreit die Frau von allem Druck mit seinem erlösenden Wort: „Ich
verurteile dich nicht!“ Mit dieser Lossprechung ist allerdings untrennbar seine Aufforderung verbunden: „Ändere dein Leben, wirf es nicht weg, auf dass es den Begriff ‚Leben‘ wieder verdient.“
Diese Aufforderung ist grundsätzlich hineingesprochen in die österliche Bußzeit. Sie trifft auch uns:
„Das ist ein Fasten, wie ich es liebe, spricht Gott, wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende setzt,
auf keinen mit dem Finger zeigst“ (vgl. Jes 58,6), wenn du dich mit dem Urteilen, erst recht mit dem
Verurteilen zurückhältst, wenn du aufbaust, statt abzubrechen und vergibst, statt zu richten. Denn
auch DU lebst ja von Gottes Barmherzigkeit und Vergebung.