Ich bin so müde - Matthias Witzel

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Ich bin so müde
Fiktiver Bericht einer Tumorpatientin
Mein Arzt ist sichtlich erleichtert, dass seine Therapien so gut angeschlagen
haben. Natürlich, auch ich bin glücklich, befreit von der unsäglichen Panik, dass
ich Metastasen haben könnte. Ein Jahr jetzt ist es her, dass wir den Kampf
aufgenommen haben. Zunächst nur mit komplementärmedizinischen Mitteln,
dann aber doch auch mit Chemotherapie. Seither baue ich intensiv mein
Immunsystem wieder auf: Ozontherapie, Pflanzenextrakte, Eigenblut und
Sauerstoff. Ich hoffe und bete, dass es so gut weitergeht. Ich habe genug Frauen
in meinem Alter in dieser und anderen Kliniken gesehen, die sichtbar weniger
erfolgreich diesen anstrengenden Kampf meistern. Und doch, ich kann mich oft
gar nicht freuen. Ich verspüre vielmehr trotz aller Vitamininfusionen und
Enzymeinnahmen permanent eine bleierne Müdigkeit. Es ist, als wenn ich jeden
Tag einen Marathonlauf absolvieren müsste. Dabei tue ich so gut wie nichts,
ausser eben das Nötigste im Haushalt zu erledigen.
Ich schäme mich mir und anderen das zuzugeben, weil ich denke, ich sei
undankbar, aber ich fühle mich oft „sackdepressiv“, habe auf nichts Lust und
fühle mich von allem und jedem genervt. Man sagt mir zwar überall, dass das
ganz normal sei nach einer Krebstherapie, so wie ich sie durchgemacht habe,
aber ich kann dieses Ausmass an Erschöpfung und Missgelauntheit nicht
verstehen. Eine Mitpatientin sagte mir einmal, dass dies für sie wie ein riesiger
Schatten sei, der ihr anhafte, sich immer wieder über sie lege und zu Boden
drücke. Ja, so erlebe ich das auch. Es ist wie ein böser Geist, der – als sei das, was
man durchgemacht hat noch nicht genug – uns verfolgt wie ein unerbittlicher
Racheengel.
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Ich wollte mich damit nicht abfinden, wollte wieder normal leben mit meiner
Familie, Ausflüge machen, ins Kino gehen, Wandern und vor allem Tanzen. Aber
je mehr ich mich anstrengte wieder in diese Normalität zu kommen, umso
erschöpfter wurde ich. Ich solle mich entspannen, viel mehr Ruhepausen
einlegen hiess es vom Psychologen. Ich versuchte es, aber nach so langer Zeit, in
der das Kranksein immer im Vordergrund stand und ich ausser Hinlegen, Warten
und zu Arztterminen zu gehen nichts tun konnte, drängt es in mir danach,
endlich wieder aktiv an der Fülle des Lebens teilzuhaben und nicht weiter
herumzuliegen. In meiner Ratlosigkeit und auch um der nervigen Langeweile zu
entgehen, habe ich begonnen nachzuforschen, und zu fragen, was Fachleute zu
meiner Ohnmachtssituation zu sagen haben und zwar mehr, als dass das ganz
normal sei und ich Geduld haben solle.
Ich begann aktuelle Fachartikel zu suchen und musste feststellen, dass es
herzlich wenig gab. Aber immerhin, es scheint, dass man diesen „Schatten der
Tumorerkrankung“, den man in der Fachsprache Fatigue oder tumorbedingte
Müdigkeit nennt, zunehmend mehr Beachtung schenkt: So schreibt zum Beispiel
ein Psychoonkologe, dass Fatigue im Kontext einer Krebserkrankung ein noch zu
wenig bekanntes Syndrom sei und zugleich aber ein Phänomen darstelle, das
erhebliche somato-psycho-soziale Auswirkungen und Probleme nach sich ziehe.
Ich habe das und was er weiterhin ausführte so verstanden, dass wir, nämlich ich
und mein familiäres Umfeld - auch nach dem glücklichen Überleben der
Krankheit - auf allen Ebenen unseres Daseins mit langfristigen die
Lebensqualität einschränkenden Folgen zu rechnen habe.
Ich fragte von nun an direkter und die „Warum-Frage“ solange stellend, bis ich
ganz zufriedenstellende Antworten erhielt. Vom mich begleitenden und mir
vertrauten Onkologen erhielt ich in darauffolgenden Gesprächen viele hilfreiche
wie leider auch ernüchternde Informationen. Offenbar ist zunächst diese Art der
Müdigkeit wie prinzipiell auch jede andere Form von Müdigkeit ein schützendes
Regulativ, das im gesunden Organismus auf körperliche, geistige und seelische
Anstrengungen antwortet.
Gleichwohl treffe dies für die tumorbedingte Fatigue nur bedingt zu, denn sie
unterscheide sich in zwei wesentlichen Punkte von „normaler“ Erschöpfung:
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Einmal bringe Schlaf dem Fatigue-Patienten keine Erholung und die
tumorbedingte
Fatigue
könne
zum
anderen
zeitlich
so
versetzt
zur
Krebserkrankung auftreten, dass diese nicht mehr als Auslöser erkannt werde.
Daraus ergeben sich leider immer noch häufig für die Patienten, die Behandler
und das soziale Umfeld vielfach hartnäckige Vorurteile, die die überwiegende
Zahl der betroffenen Patienten, welche sich ja in rein schulmedizinischen
Kontexten betreuen lassen, schweigen lasse und in eine Spirale aus Isolation und
Depression bringe. Mir wird deutlich, dass allein schon um uns Patienten zu
entlasten, offenbar noch bei vielen Betroffenen, bei Patienten und Angehörigen
sowie Ärzten, Physiotherapeuten und Pflegekräften Aufklärungsarbeit geleistet
werden muss. Und offenbar ist die tumorbedingte Fatigue kein einfach zu
erklärendes Symptom sondern ein – wie es in der Fachsprache heisst –
multifaktorielles Geschehen, dass interdisziplinär beachtet werden müsse.
So erfahre ich, dass neben dem Ausschluss einer behandlungsbedürftigen
Anämie auch Elektrolyte, Hormonspiegel und Stoffwechselparameter überprüft
werden müssen. Einen besonderen Stellenwert nehmen die emotionalen und
psychischen Auslöser der tumorbedingten Fatigue ein, da sie als gegenseitige
Verstärker, also als Ursache und Folge zugleich auftreten. So sehr
Schlafstörungen, Angst und Depression zu tumorbedingter Fatigue führen
können, so sehr verursacht das Phänomen Fatigue in seiner Unbeschreiblichkeit
und Unbekanntheit auch Angst, Panik und Depressionen. Schwierig sei dabei zu
unterscheiden, ob es sich z.B. um depressive Verstimmtheiten als Teilphänomen
der Fatigue handelt oder ob gar eine Depression oder eine depressive
Krankheitsverarbeitung vorliegt. Offenbar gibt es da fliessende Übergänge und es
bedarf einer genauen Beobachtung. Die notwendigen
therapeutischen
Massnahmen wären je nachdem nämlich recht unterschiedlich. So würden
vornehmlich körperlich erlebte Erschöpfung und Schwäche trotz ausreichenden
Schlafes eher für das Fatigue-Syndrom sprechen, wo hingegen sich beim
Vorliegen von Depressionen aus der Zeit vor der Tumorerkrankung, bei
ausgeprägter
tageszeitlichen
Antriebslosigkeit,
fehlender
Stimmungsschwankungen,
Motivation,
beim
Auftreten
Schlaflosigkeit,
von
häufigen
Schuldgefühlen oder gar von Suizidgedanken die Hinweise auf das Vorliegen
einer Depression mehren.
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Ich selber war mir in den Gesprächen über das Fatigue-Phänomen teilweise recht
unsicher geworden. Denn ich war vor meiner Erkrankung ein optimistischer,
dynamischer gar nicht depressiver Typ gewesen. Doch kannte ich all die eben
beschriebenen Symptome nur zu gut und auch der Gedanken an einen Freitod
hatte sich ab und an in besonders verzweifelten Momenten meiner Behandlung
in mein Hirn geschlichen. Das hängt für meine Person auch sehr mit meinem
erschütterten Selbstwertgefühl zusammen, an dem ich – genauso wie wohl viele
andere Betroffene - sehr zu nagen habe. So gerne würde ich nach so langer Zeit
der
Untätigkeit wenigstens teilzeitweise wieder in meinen geliebten Beruf
einsteigen. Mir fehlen die KollegInnen und sogar der nervige Chef. Mir fehlt die
kreative
Herausforderung,
die
abwechslungsreiche
Tagesstruktur,
der
Galgenhumor in schwierigen Momenten und eben die Bestätigung, die für mein
Selbstwertgefühl wichtig ist. Aber ich schaffe das zur Zeit energiemässig noch
absolut nicht, nicht einmal für 20%. Neben der daraus resultierenden
unzufriedenen Stimmung und der Scham, nichts Besonderes mehr zu leisten,
führt natürlich genau diese Enttäuschung zu weiterer emotionaler Erschöpfung.
In diesem Kontext las ich, dass es oft genug bei unbehandelter Chronifizierung
der Fatigue zu langfristiger Arbeitsunfähigkeit mit Frühberentung oder in die
Sozialhilfe führen kann. Das bedeutet im Extremfall ja eine zweite existentielle
Bedrohung, dieses Mal finanzieller Art, nachdem die existentiell bedrohliche
Erkrankung überstanden wurde.
Mut machen mir hingegen Schilderungen, dass bei adäquater Behandlung der
Fatigue
und
bei
einem
frühen
Erkennen
und
Durchbrechen
dieses
Negativzirkels, es meist zur Minderung der existentiellen Ängste, der depressiven
Phasen und allmählich eine umfassende Steigerung der Lebensqualität zu
erwarten ist.
Mich hat dann besonders interessiert, was ich selber konkret tun kann, welche
therapeutischen Massnahmen für mich wichtig sind, um die Fatigue-Symptome
zu reduzieren. Zuallererst ist offenbar von zentraler Bedeutung, dass wir
Betroffenen diese massive Müdigkeit ohne wenn und aber als krankheits- und
therapiegedingt akzeptieren. Das sei notwendig, um nicht permanent gekränkt
zu sein, Schuldgefühle zu entwickeln oder sich gegenüber der arbeitenden
Bevölkerung zu schämen. Ich weiss selber nur zu gut, dass dies extrem viel
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Energie kostet, die ich viel besser dafür nütze, eine ganz auf mich, meine
Möglichkeiten und Grenzen
zugeschnittene
Bewältigungsstrategie zu
entwickeln.
Ich habe mir für mich aus all den Erfahrungswerten und Ideen folgende
Anregungen zusammengestellt: Ich führe regelmässig einen Fatiguekalender, der
mir die Möglichkeit bietet, meine tageszeitlichen Energiekurven kennen zu
lernen und zu nutzen. Ich erkannte so recht schnell die Notwendigkeit, meinen
normalen Tagesablauf aus der Zeit vor der Erkrankung neu zu strukturieren, mir
einen neuen für die jetzige Lebenssituation stimmigeren Rhythmus im Alltag zu
organisieren. Die für mich besonders energieraubenden Tätigkeiten wie Putzen
oder Bettenbeziehen verlege ich jetzt in die energetischen Hochphasen am Tag
und achte darauf, dass ich sie immer selbstverständlicher mit Ruhephasen oder
Energiespendern
wie
Entspannungstechniken,
Imaginationsübungen,
Meditationen oder auch gemütlichem Teetrinken mit FreundInnen
usw.
abwechsle.
Deutlicher als mir lieb war, ist mir in meiner Psychotherapie - die ich als eine Art
Coaching für einen heilsamen Umgang mit meiner Erkrankung und deren
Langzeitfolgen erlebe - bewusst geworden, dass ich auf für mich eher ungesunde
Weise leistungsorientiert und ehrgeizig bin. Auch bin ich recht pedantisch und in
gewisser Weise ein Putzteufel. Daher war die Arbeit daran, Tätigkeiten im
Haushalt zumindest vorübergehend delegieren zu können, für mich am
schwierigsten. Ein dosiertes, langsam steigerndes körperliches Training sei auf
der anderen Seite ebenfalls unerlässlich. Ob ich in eine der empfohlenen
Selbsthilfegruppe gehen werde, weiss ich noch nicht. Da ich über ein gutes, mich
in meiner aktuellen Lebenssituation tragendes soziales Netzwerk verfüge, bin
ich nicht in Gefahr, krankheitsbedingt isoliert zu werden.
Schlussendlich braucht es bei alldem dann doch viel Geduld und den sog. langen
Atem. Das mit der „Gelassenheit anstatt sich ewig zusammenzureissen“ ist halt
alles andere als leicht zu erreichen. Die alten Muster sitzen tief…
So, jetzt bin ich recht erschöpft, mein Ergeiz hat mich wieder einmal verführt. Ich
werde daher jetzt meine Lieblingsmusik auflegen, mich dazu auf den flauschigen
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Teppich legen, ein paar mich entspannende Atemübungen machen oder einfach
einschlafen.
Eingesehene Literatur
- Curt GA, Breitbart W, Cella D, Groopman JE, Horning SJ, Itri LM, Johnson DH, Miaskowski C, Scherr SL,
Portenoy RK, Vogelzang NJ (2000). Impact of cancer-related fatigue on the lives of Patients: new findings
from the Fatigue Coalition. Oncologist; 5 (5): 353-360
- Dimeo FC (2001). Effects of exercise on cancer–related fatigue. Cancer 92 (Suppl 6).
- Stone P, Richardson A, Ream E, Smith AG, Kerr DJ, Kearney N (2000). Cancer related fatigue: inevitable,
unimportant and untreatable? Results of a centre ptient survey. Cancer Fatigue Forum. Ann of Oncol 11
(8): 971-975
- Tchekmedyian NS, Kallich J, McDermott A, Fayers P, Erder MH (2003). The relationship between psychologic
distress and cancer-related fatigue. Cancer, Vol. 98(1), pp. 198-203.
- Vogelzang NJ, Breitbart W, Cella D, Curt GA, Groopmann JE, Horning SJ, Itri LM, Johnson DH, Scherr SL,
Portenoy RK (1997). Patient, caregiver and oncologist perceptions of cancer-related fatigue: tripart
assessment survey. The Fatigue Coalition. Semin Hematol 34, (3 Suppl 2): 4-12
M.Witzel Febr. 08