MiS 2-2015 - Das Reich Gottes

MANN IM SPIEGEL
Periodikum der Männerarbeit
Seelsorge Erwachsenenbildung Gemeindeaufbau
Ausgabe für Mai, Juni und Juli 2015
Unser Thema
Das Reich Gottes
Inhalt:
Grußwort des Landesmännerpfarrers
Losungen: Mai, Juni, Juli
Gedanken zum Reich Gottes
Lutz Franz: Das Reich Gottes
Lexikalische Befunde: Reich Gottes
Infos im Internet: Das Reich Gottes
Hans Küng, Was bedeutet „Reich Gottes“?
Jörg Zink, Was heißt „Reich Gottes“?
Glaubens-ABC der EKD im Internet: Das Reich Gottes
Adressen
S. 3
S. 5
S. 8
S. 10
S. 12
S. 18
S. 19
S. 20
S. 21
S. 22
Grußwort
Männerpfarrer der EKBO Axel Luther
Liebe Männer!
Ein kleines Erlebnis vor einigen Tagen beschäftigt mich sehr.
Der Tag hatte schlecht angefangen: Wir hatten an der Trauerfeier eines lieben Freundes in Breslau teilgenommen. Er hatte zu denen gehört, die intensiv, fröhlich und
kenntnisreich und unter Einbringung seines juristischen Sachverstandes an unserer
"Brücke des Friedens und der Versöhnung" mitgebaut hat, seit nunmehr 33 Jahren.
Nun hat ihn eine schlimme Krankheit hingerafft, viel zu jung nach unserem menschlichen Verständnis. Es war ein wunderschöner Frühlingstag, aber nun erfüllt von so
viel Trauer.
Als wir nach dem Gottesdienst und der Beisetzung noch zum Tränenbrot zusammen
kamen, wurden noch einmal viele Erinnerungen angesprochen. Wir spürten: Unser
Freund Maciej war auch uns zum Segen geworden.
Nun also, am späten Nachmittag, fuhren wir auf der Autobahn wieder zurück in
Richtung Berlin. Und es kam, was wir angesichts unseres alten Autos wohl auch
befürchten mussten. Der Motor fing an zu stottern, wir hielten auf dem Parkplatz,
der gerade vor uns lag. Wir riefen den Auto-Dienst an, der uns freundlich seine Hilfe
offerierte - in einer Stunde. Es war abends um 6 Uhr, noch heller Sonnenschein.
Drei Stunden später, es war inzwischen dunkel geworden, kam der Abschleppwagen
und brachte uns samt Auto zum nächsten deutschen Ort, nach Görlitz.
Auf dem Weg saß ich neben dem netten Fahrer des Abschleppwagens. Es begann
ein freundliches Gespräch. "Was haben Sie denn in Polen gemacht?" Unserer Kleidung
hatte er ja entnommen, dass es einen traurigen Grund gab. Wir erzählten von unserer
Verbindung zur evangelischen Gemeinde in Breslau und von unserer Arbeit in
Berlin. Das interessierte ihn sehr. Und als ich von unserer Begegnung vor vielen
Jahren mit dem polnischen Papst Johannes Paul II. erzählte, war er, ein junger katholischer Pole namens Tadeusz, "Feuer und Flamme". Dann fragte er, der mein
Polnisch ganz gut verstehen konnte, was das Wort "blogoslawienstwo" auf Deutsch
hieße: "Segen!", sagte ich.
Wir waren in Görlitz angekommen, unser Auto entladen, und wollten uns voneinander verabschieden. Da nahm er meine rechte Hand und legte sie auf seinen Kopf,
und sagte: "Segen!", auf Deutsch und dann auf Polnisch. Er wollte von mir gesegnet
werden. Und so sprach ich ihm dann den Segen zu, in beiden Sprachen. Zum
Schluss umarmten wir uns. Dann fuhr er zurück über die Neiße-Brücke in die Nacht.
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Um Mitternacht saßen meine Frau Gisela und ich nun im sehr angenehmen Hotel
"Marschall Duroc", das wir schon kannten. Der Tag hatte bitter-traurig begonnen,
nun aber doch einen glücklich-bewegenden Ausklang gefunden. Da wollte ein
Mensch den Segen zugesprochen bekommen, ganz spontan! Ist mir dies so schon
jemals vorgekommen? Segen - was für eine große Erfahrung. Die Verheißung
Gottes, die einst dem Abraham galt - sie bekam für uns einen neuen Glanz:
Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.
(1.Mose 12,3)
Im Vertrauen auf dieses große Wort grüßt Euch sehr herzlich
Euer Axel Luther.
Das Hotel Marschall Duroc in Görlitz
Im Hotelgarten
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Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.
MONATSSPRUCH MAI 2015
Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi Kap. 4 Vers 13
Ein christlicher "Alleskönner"?
So könnte einem beim ersten Lesen zumute sein, wenn der Apostel Paulus von sich
diese Worte sagt, die uns Heutigen nun nach bald zweitausend Jahren als Monatsspruch für den Mai 2015 ans Herz gelegt werden: "Alles vermag ich durch ihn, der
mir Kraft gibt."
Und dann stutze ich. Leider habe ich mit dieser "offiziellen" Übersetzung des Paulus-Wortes, wie sie u.a. selbst im vielgeliebten Losungsbüchlein der Herrnhuter Brüdergemeine steht, ein Problem! Und ehrlich gesagt: Ich habe einfach keine Lust
mehr, mir die Mühe zu machen herauszufinden, wem wir diese Übersetzung verdanken. Sie redet von "Kraft", aber mir erscheint sie "kraft"-los! Das darf doch auch
einmal gesagt werden, denke ich.
Denn ich habe jene deutsche Übersetzung im Ohr, in Gedanken und im Herzen, die
mich seit meiner Konfirmandenzeit begleitet und die ich eben vorsichtshalber noch
einmal in meiner Luther-Bibel nachschlage, die ich im April 1963 gekauft hatte (im 1.
Semester meines Theologie-Studiums) und die mich seitdem begleitet::
"Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus!"
Dieses Wort hat mir von Jugend auf gefallen, und es ist mir in den fast vierzig Jahren
meines Dienstes als Dorfpfarrer in Lübars im Berliner Norden immer wieder begegnet. Denn einer unserer Kirchenältesten, der mir zu einem Weggefährten und
Freund geworden ist, hat diesen Vers aus dem Philipperbrief oft in Erinnerung gerufen: Das war nämlich sein Konfirmationsspruch!
Ein kleines Detail der Überlieferungsgeschichte des neutestamentlichen Textes
dürfen wir nicht übersehen. Es ist aber in Wahrheit kein textgeschichtliches Detail,
sondern die zentrale und wichtigste Aussage - und sie fehlt in meiner "BIBEL nach
der Übersetzung Martin Luthers" von 1984: nämlich das Wort CHRISTUS! Er ist
es, durch den ich alles vermag! Er ist es, "der mir Kraft gibt" (neue Übersetzung)
oder: "der mich mächtig macht" (Luthers Übersetzung)!
Zugegebenermaßen: In den ältesten Codices (= Handschriften) des Neuen Testamentes fehlt das (griechische) Wort (ΧΗΡΙΣΤΟΣ) Christos. Erst in dem zeitlich
etwas späteren griechischen Text, der sog. "Koine" (= dem "volkstümlichen" Text),
steht das Wort CHRISTOS. Es gibt mancherlei Erklärungsversuche. Ich sehe es so:
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In der Anfangszeit der Aufzeichnung der Evangelien war natürlich jedem klar, um
wen es sich handelt, ja handeln musste, nämlich: CHRISTOS. Als in späterer Zeit in
den innerkirchlichen Streitereien (ja, die gab es damals auch schon!) der frühen
Christenheit doppelt unterstrichen werden musste, wer den Apostel Paulus "mächtig
macht" (oder ihm "Kraft gibt") und damit keine Missverständnisse entstehen, fügte
man zur besseren Verständlichkeit eben das Wort CHRISTOS hinzu.
Anders ausgedrückt:
Christus hat alle Gewalt im Himmel und auf Erden (Mt 28,18). So sagt er es uns
auch heute: der Auferstandene, unser Heiland und Erlöser!
Oder in den Worten des Alten Testamentes im Blick auf Gott und Seinen Sohn,
unseren Heiland und Erlöser: "Bei dir ist die Quelle des Lebens, und in
deinem Licht sehen wir das Licht"
Aus dieser Quelle, aus diesem Licht schöpfen wir die DYNAMIS, die Kraft, die uns
Mut schenkt, in diese zerrissene und aus so vielen Wunden blutende Welt die Frohe
Botschaft hineinzutragen und sie immer wieder neu zu bezeugen!
Axel Luther.
Engel auf Chinesisch
„Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest“
MONATSSPRUCH JUNI 2015
1.Mose 32,7
„Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ – So habe ich meine erste Übersetzung aus
dem Hebräischen in Erinnerung … sicher durch die Sprache Luthers inspiriert.
Jakob kämpft mit einem Engel – an einen Glaubenskampf habe ich damals gedacht,
wie ich es kannte von Menschen der Bekennenden Kirche, die einen Standpunkt im
gesellschaftlich akzeptierten religiösen Denken, was das Deutsche Christentum ja
wohl auch war, suchten. Solch einen Kampf habe ich nie gefochten. Ich bin als
Christ aufgewachsen. Wenn auch die Kindheit mit Heimerfahrungen und all dem,
was dazugehört, nicht leicht war – die Menschen, die mir geholfen haben, waren
gestandene Christenleut‘. Sie waren mir ein Beispiel … ich bin mit ihnen Christus
nachgefolgt. Dankbarkeit, nicht Kampf führte mich meinen Weg. Ein Weg, der mich
Segen hat erfahren lassen, wie ich ihn mir mehr nicht hätte wünschen können. Und
vielleicht sage ich deshalb genauso: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ – wissend
und mich auch fragend: Was wäre das denn sonst für ein Leben?
Johannes Simang
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Eure Rede aber sei: Ja, Ja, Nein, Nein.
Was darüber ist, das ist von Übel.
Losung Monat Juli - Mt 5, 37
Wer das Wort liest, ahnt: hier ist nicht Moral gemeint. Wir kennen das, haben es oft
auch in der Kirche gehört: Wer z.B. bei der Eheschließung sein Ja verpfändet hat, ist für alle
Zeiten daran gebunden; es gibt dann kein Nein mehr und kein Zurück.
Es wäre schön, wenn die Ehe lebenslang hält. Aber manchmal entwickeln sich Menschen in unterschiedliche Richtungen – irgendwann führen die Wege dann auseinander. Das kennen wir – leider …12.000 Scheidungen werden in Deutschland „erstritten“ – darum geht es hier aber nicht. Hier ist viel mehr Identität gemeint. Gott
will, dass ich in Freiheit und aus Überzeugung spreche, so will ich das als Theologe formulieren. Das heißt auch: alle Ja-Worte, die nicht aus dieser Freiheit, sondern aus Angst und unter Druck irgendwelcher Autoritäten gesagt wurden, sind
grundsätzlich revidierbar.
Das Wort gibt viel Raum nachzudenken – wann stehe ich zu meinem Ja / zu meinem Nein?
Johannes Simang
Auf den Standpunkt kommt es an!
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Das Reich Gottes
Zentral für die Frage nach dem Reich Gottes sind die biblischen Stellen, die darum
am Anfang der Überlegungen stehen sollen:
Gleichnisse Jesu - Übersicht
Gleichnisse sind ein zentraler Bestandteil ("Urgestein") der Verkündigung Jesu, in
denen alltägliche Erfahrungen der Menschen aufgegriffen und das Reich Gottes (die
Gottesherrschaft) bildhaft verdeutlicht wird. Über das Gottesreich zu sprechen ist
oft nur in gleichnishafter Rede möglich. Jesus bedient sich dabei unterschiedlicher
Gleichformen, die in der Regel nur einen Vergleichpunkt haben (Bildhälfte Sachhälfte) Hintergrund für die Reich-Gottes-Gleichnisse sind Gegebenheiten, die
den Menschen der damaligen Zeit besonders vertraut sind. Weil das Reich Gottes im
Kommen ist, wirkt es schon in das gegenwärtige Leben hinein.
Unterschiedliche Gleichnisformen: Gleichnis - Parabel - Beispielgeschichte Allegorie
Das Gleichnis (im engeren Sinn) gebraucht ein Bild, das auf eine alltägliche,
jedermann bekannte Sache hinweist; z.B. den Hirten, der sein davongelaufenes Schaf
sucht (Lk 15,4 ff.) oder das Senfkorn (Mt 13, 31-32), das zum großen Baum
heranwächst.
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Die Parabel ist eine frei erfundene Geschichte, die nicht alltäglich ist, aber
irgendwann einmal so geschehen sein könnte; z.B. von den Arbeitern im Weinberg
(Mt 20,1-16) oder: „Ein Mensch hatte zwei Söhne..." /Gleichnis vom verlorenen
Sohn (Lk 15,11 ff.). Die Parabel konzentriert sich meist auf den wesentlichen Punkt,
den Vergleichpunkt.
Die Beispielgeschichte ist ein Musterfall, ein „Beispiel", das die Hörer nachahmen
sollen; z.B. die „Geschichte vom barmherzigen Samariter" (Lk 10,29ff.): "So geh hin
und tu desgleichen!"
Die Allegorie erzählt eine Geschichte, bei der die einzelnen Personen und
Umstände immer einen anderen Sinn im Auge haben. Eine solche Geschichte wird
Zug um Zug ausgelegt. Die allegorische Auslegung gilt aber als überholt, da man
heute davon ausgeht, dass die Zuhörer Jesu einfache Leute waren, welche die
Bedeutung der Gleichnisse unmittelbar erfassen sollten.
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Das Reich Gottes
Ziel jeder Religion ist es, den Menschen Heil zu bringen. Das Wort "Heil" kommt
aus dem Begriff "Ganz" - etwas vereinfacht gesagt: Heil ist eine ganze Sache, nichts
Halbes. Dem Heil der Menschen verpflichtet, zog er mit seinen Anhängern als Wanderpredigers durchs Land - Jesus von Nazareth. Er sprach vom Heil und nannte es
das Reich Gottes. Jesus verkündete mit dem Reich Gottes etwas Gewaltiges und
kaum Fassbares: eine heile Welt als letztendliches Ziel der Geschichte. Kann eine
solche Welt mehr als nur die idealisierte Vorstellung eines von der Wirklichkeit
abgehobenen Wanderpredigers sein?
Christen und das sind immerhin über 2 Milliarden Menschen, sehen in Jesus jedoch
nicht nur den guten Menschen von Nazareth, sondern sie sehen in ihm den zum
Menschen gewordenen Gott, der den göttlichen Willen kundtat und vorlebte. Wenn
er aber wirklich der zum Menschen gewordene Gott ist, so legitimiert dies auch seine
Botschaft - das Evangelium vom Reich Gottes. Das Evangelium ist dann keine
Utopie, sondern weist in die Zukunft der Menschheit. Und dieses Reich hat mit dem
Wirken Jesu in Galiläa vor 2000 Jahren schon begonnen! Von diesem Anfang her dem status nascendi - soll nun das Reich immer mehr kommen und sich im Heil der
Menschheit vollenden. Seitdem betet die Christenheit: "Dein Reich komme!".
Allerdings, wenn man in den TV-Nachrichten unsere heutige globalisierte Welt,
Abend für Abend wahrnimmt, sieht man in weiten Teilen der Welt Terror und
Kriege, Armut und Hunger, Umweltkatastrophen und Massenarbeitslosigkeit. Die
Globalisierung führt dazu, dass eine Immobilienkrise in den USA das gesamte
Weltfinanzsystem in heftige Turbulenzen versetzt und dass ein endlich besseres
Leben in den Schwellenländern Indien und China und der Versuch, der drohenden
globalen Klimakatastrophe mit der verstärkten Produktion von Biokraftstoff entgegen zu treten, zur weltweiten Lebensmittelverknappung, zu einem rasanten Preisanstieg für Grundnahrungsmittel und zu Hungerrevolten in den ärmsten Ländern
führt. Dort kann die unproduktive Landwirtschaft und die fortschreitende Umweltzerstörung die Ernährung der Bevölkerung aus eigenen Kräften nicht mehr gewährleisten. Das Reich Gottes dagegen, indem das Heil gedeihen soll, scheint aber immer
noch im status nascendi zu sein.
Warum ist die Welt trotz des Wirkens des Heilandes nicht heil? Dies ist die Grundfrage des Christentums und darüber hinaus in mehr oder minder abgewandelter
Form jeglicher Religion. Wenn wir sie beantworten könnten, würde sich auch der
weitere Weg hin zu mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit in dieser Welt - hin zum
Reich Gottes - abzeichnen.
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Allein dies rechtfertigt, sich dieser Frage ernsthaft zu stellen - auch auf die Gefahr
hin, dass die Antwort letztendlich nicht jeden überzeugt.
Dazu müssen Achtungszeichen und Warnschilder gesetzt werden: Unsere Lage
gleicht der eines Menschen, der Fernsehmechaniker werden will. Er muss sich erst
mit Elektrodynamik und Elektronik sowie mit der dahinter stehenden Mathematik
beschäftigen, bevor er endlich praktisch am Fernseher arbeiten kann. Wir dagegen
müssen zuerst wissen, was das Reich Gottes ist und wie es funktioniert. Man muss
hier auch etwas über Gott wissen, der ja an sich ein Geheimnis ist, um dessen Reich
es sich aber handelt, und da kann nur etwas durch die Verkündigung von Jesus Christus in Erfahrung gebracht werden. Man kommt mit ethischen Tatbeständen wie
Liebe und Gerechtigkeit in Berührung, muss Gleichnisse und die Bergpredigt verstehen, um schließlich mit ungewöhnlichen Etappen des Weges wie Umkehr, Neugeburt und Heiligung konfrontiert zu werden.
Mit dieser Sprache wird eine heile oder heilige Welt beschrieben und dies sogar noch
vor 2000 Jahren, die so gar nichts mit der rauen Wirklichkeit unserer heutigen globalisierten Zivilisation zu tun haben scheint. Doch der Schein trügt. Zu Zeiten Jesu
waren die Verhältnisse keinesfalls besser, sondern im Gegenteil regelrecht trostlos.
Gesundheitsfürsorge und soziale Sicherungssysteme gab es nicht. Die Lebenserwartung war extrem niedrig, weil Krankheiten nicht beherrscht wurden und die Menschen schon in jungen Jahren dahinrafften. Die Armen des Landes - und das war
wegen einer maßlosen Steuer und Abgabenlast die Mehrheit des Volkes - hätten die
heutigen Hartz IV Empfänger regelrecht beneidet. Wer aufmuckte, wurde von der
Besatzungsmacht - den Römern - mit barbarischer Brutalität vernichtet. So ließ der
Feldherr Varus im Zuge einer Vergeltungsaktion 3000 Juden, in der überwiegenden
Mehrheit völlig Unschuldige, kreuzigen.
Da war es die Mission Jesu, den Menschen mit dem Gottesreich eine Perspektive des
Heils zu eröffnen. Das Reich Gottes verhieß eine Alternative - es war die Verheißung einer Gesellschaftsordnung, in der Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit herrschte, in der keiner zu hungern brauchte und in der es vor allem menschlich zuging.
Mit seiner Ethik formulierte Jesus in einer den damaligen Menschen gut verständlichen Weise die dazu notwendigen Sozialisationserfordernisse. Dieses Gottesreich soll sich nun in einem evolutionären Prozess - der Heilsgeschichte - entwickeln,
um schließlich seine Vollendung zu finden. Doch es ist nicht zum Nulltarif zu bekommen. In jeder historischen Epoche ist es für die Menschen eine Herausforderung, auch für uns heute. Das Reich Gottes wird für unsere Epoche wegen der
weltumspannenden sozialen Frage immer aktueller.
Lutz Franz, 2008
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Lexikalisch wird die Frage nach dem Reich Gottes wie folgt beantwortet:
Der Begriff „Reich Gottes“ (hebr. malchut, griech. Βασιλεία τοῦ Θεοῦ basileia tou
theou; auch Königsherrschaft Gottes, Gottesherrschaft) bezeichnet in der Bibel das
dynamische Wirken des Gottes der Israeliten in der Welt, und den räumlichen Herrschaftsbereich, in dem sich Gottes Wille durchsetzt.
Der Begriff knüpft an den Titel JHWHs als König im Tanach an und drückt zum einen den Glauben daran aus, dass Gott von Anfang an über die ganze Schöpfung
herrsche, zum anderen daran, dass Gottes Heilswille in der Endzeit universal gegen
alle Widerstände durchgesetzt sein werde. Die biblische Prophetie und Apokalyptik
verbindet den Begriff daher mit verschiedenen Vorstellungen, darunter der universalen Durchsetzung der Tora, der Befreiung aller Israeliten von Fremdherrschaft und
aller Völker von Gewaltherrschaft, mit Gottes Kommen zum Endgericht und einer
umstürzenden Verwandlung der Schöpfung, die alles Böse überwinden, alle Schuld
vergeben, alles Leid, Schmerz und Tod beenden werde.
Jesus von Nazareth hat dieses Reich Gottes nach dem Neuen Testament als „nahe
herbeigekommen“ (Mk 1,15) verkündet und vielfältig veranschaulicht: etwa durch
Heilungswunder, erzählerische Gleichnisse und Lehrreden wie die Bergpredigt. Für
das Urchristentum sind Wirken, Tod und Auferstehung Jesu Christi der Einbruch
dieses Reiches in die gottfeindliche Welt, mit denen er die Zukunftsverheißungen der
biblischen Propheten (z.B. Jes 25,8) ultimativ bekräftigt und zu erfüllen begonnen
habe (z.B. Offb 21,4).
Gottes Reich begrenzt, relativiert und kritisiert laut der Bibel alle menschliche
Machtausübung und alle irdischen Herrschaftssysteme als ihre endgültige Zukunft.
Der Begriff spielt daher im Millenarismus, Messianismus und in politischer Theologie eine bedeutende Rolle.
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Alttestamentler gehen meist davon aus, dass der biblische Motivkomplex der
Königsherrschaft JHWHs den Israeliten in der Religion Kanaans vorgegeben war,
auch wenn man dort an viele Gottheiten glaubte. Dessen Bewohner lebten in monarchisch beherrschten Stadtstaaten und pflegten Kulte eines hierarchischen Pantheons mit dem Gott El an der Spitze: Dieser wurde mit dem Königstitel als Oberhaupt der Götterversammlung, über ihr thronend und von den übrigen Göttern
Ehrerbietung fordernd dargestellt. Baal, sein „Sohn“, wird in kanaanäischen Göttermythen eine Königsherrschaft von unbegrenzter Dauer zugesagt (vgl. Ps 145,13).
Beider Züge wurden von den Israeliten auf den aus der Wüste mitgebrachten Gott
Jahwe (JHWH) übertragen, um die ansässigen Götter zu entmachten.
Der Alttestamentler Werner H. Schmidt fasst den Befund wie folgt zusammen:
„Erkennt man, dass ein göttliches „Königtum“ in Israel vor der Landnahme nicht sicher bezeugt,
aber der kanaanäischen wie überhaupt der altorientalischen Religion geläufig ist und eine Reihe von
Verbindungen zwischen ugaritischen und alttestamentlichen Texten besteht, so ist die Schlussfolgerung nicht zu umgehen: Jahwes „Königtum“ ist ein Erbe Kanaans. Israels Gott hat das Königtum
beider Götter, Els und Baals, auf sich vereinigt.“
Schmidt nimmt ferner an, dieser Prozess habe mit der Wahl Jerusalems als Hauptstadt des Großreichs Gesamtisrael unter König David zu tun gehabt, sei aber auch
schon in älteren Kultorten wie Schilo denkbar gewesen, da dort bereits die von
David nach Jerusalem gebrachte vorstaatliche Bundeslade als Thron Jahwes aufgefasst worden sei.
Das Bekenntnis „Gott ist König“ findet sich oft in den sogenannten Königspsalmen,
darunter Ps 93, Ps 96-99. In Ps 95,1ff heißt es etwa:
„Kommt, lasst uns jubeln vor dem Herrn und zujauchzen dem Fels unsres Heiles! Lasst uns mit
Lob seinem Angesicht nahen, vor ihm jauchzen mit Liedern! Denn der Herr ist ein großer Gott,
ein großer König über allen Göttern.“
Dies wird mit dem Hinweis auf die Schöpfung näher erläutert:
„In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, sein sind die Gipfel der Berge. Sein ist das Meer, das er
gemacht hat, das trockene Land, das seine Hände gebildet. Kommt, lasst uns niederfallen, uns vor
ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem Herrn, unserm Schöpfer!“
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Die geforderte Anerkennung (Proskynese) des Götterkönigs schließt an die kanaanäische Vorstellung des höchsten Gottes im Götterbereich an, begründet seine
Macht aber nicht mit einem Sieg nach mythischen Götterkampf, sondern mit seiner
Herrschaft über die ganze Erde, die sich dem erwählten Gottesvolk durch dessen
wunderbare Führung bis zur Landnahme gezeigt hat:
„Denn er ist unser Gott, wir sind das Volk seiner Weide, die Herde, von seiner Hand geführt.“
Daraus folgt die Bitte:
„Ach, würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören!“
Gottes universale Königswürde ist hier mit der besonderen Erwählung Israels begründet. Die Depotenzierung der Fremdgötter zielt auf die Mahnung an Israel,
Gottes Recht zu verwirklichen; die Tora-Offenbarung ist also vorausgesetzt. Ähnlich, aber mit Betonung des vorbildlichen Gehorsams Israels und seiner Führer heißt
es etwa in Ps 99,1ff :
„Der Herr ist König: Es zittern die Völker. Er thront auf den Kerubim: Es wankt die Erde.
Groß ist der Herr auf Zion, über alle Völker erhaben. Preisen sollen sie deinen großen,
majestätischen Namen. Denn er ist heilig. Stark ist der König, er liebt das Recht. Du hast die
Weltordnung fest begründet, hast Recht und Gerechtigkeit in Jakob geschaffen. Rühmt den Herrn,
unseren Gott; werft euch am Schemel seiner Füße nieder! Denn er ist heilig. Mose und Aaron sind
unter seinen Priestern, Samuel unter denen, die seinen Namen anrufen; sie riefen zum Herrn und er
hat sie erhört. Aus der Wolkensäule sprach er zu ihnen; seine Gebote hielten sie, die Satzung, die
er ihnen gab. Herr, unser Gott, du hast sie erhört; du warst ihnen ein verzeihender Gott, aber du
hast ihre Frevel vergolten. Rühmt den Herrn, unsern Gott, werft euch nieder an seinem heiligen
Berge! Denn heilig ist der Herr, unser Gott.“
Königswürde Gottes und gesicherte Existenz des Volkes im „gelobten Land“, Tempelkult und Abgrenzung von anderen Göttern bilden hier eine motivische Einheit
(vgl. Ps 24,7-10, 29,9f, 68,25).
In der Aussage JHWH ist König über die ganze Erde ist seine Herrschaft über alle Völker mitgedacht (z.B. Ps 47,8f, Jos 3,11.13, Ps 97,5). Entgegen älteren religionsgeschichtlichen Hypothesen, wonach JHWH schon von den semitischen Nomaden als
Volkskönig verehrt und nach der Landnahme zum Weltherrscher geworden sei, war
dieser Universalismus schon in Kanaans Religion angelegt. Er wurde aber in Israel
entfaltet und gesteigert (z.B. in Ps 103,19; Ps 145,13).
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Dabei seien, so Werner H. Schmidt, eventuell Mythen vom Götterkampf zum
Völkerkampf umgeprägt worden. Zugleich wurde aber anders als in kanaanäischen
Parallelen der personale Bezug des Königtums Gottes auf den Einzelnen und das
Volk bewahrt (Ps 5,3, Ps 84,4, Ps 103,1f.19, Ps 145,1, Jes 33,22).
In Texten, die nach dem babylonischen Exil entstanden sind, wird die Königsherrschaft Gottes immer mehr von einer gegenwärtigen Zustandsbeschreibung zur Zukunftsverheißung: so besonders bei Deuterojesaja (z.B. Jes 52,7), in der kleinen
Apokalypse (Jes 33), in der Jesaja-Apokalypse (Jes 24-27) sowie in mehreren
außerkanonischen Texten der apokalyptischen Tradition des Judentums.
Im NT erscheint der Begriff βασιλεία τοῦ Θεοῦ (basileia tou theou, Reich Gottes) an
122 Stellen, davon allein 99 mal in den synoptischen Evangelien und ein Mal im
Johannesevangelium (Joh 3,3.5). Im Matthäusevangelium wird er häufig ersetzt durch
das gleichbedeutende βασιλεία τῶν ουρανῶν (basileia ton ouranon, Reich der Himmel).
Vor dem Hintergrund des hebräischen und aramäischen Sprachgebrauchs ist dabei
nicht so sehr an einen geografischen Herrschaftsbereich gedacht, sondern eher an die
dynamische Ausübung der „Gottesherrschaft“ oder „Königsherrschaft Gottes“. In
diesem Sinne wird vom "Reich Gottes" auch als dem zukünftigen Ort der Geretteten
gesprochen.
Verkündigung Jesu vom Reich Gottes
Im NT beginnt Jesus im Anschluss an Johannes den Täufer sein öffentliches Auftreten mit der Botschaft (Mk 1,14f):
„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“
Diese Stelle ist eng mit Sprache und gesamtem Kontext des Markusevangeliums
verwoben, so dass ein Rückschluss auf den historischen Jesus hypothetisch bleibt.
Dennoch wird der Begriff aufgrund seiner Häufigkeit in den synoptischen Evangelien allgemein als zentral für Jesus angesehen.
In präsentischen Zusagen dieses Reiches für die Armen und Gewalt Erleidenden (Mt
5,3-9) und in Jesu eigenem heilvollen Handeln (Lk 11,20) beginne sich dieses Reich
auf Erden bereits zu verwirklichen. Nach Lk 17,20f ist es „mitten unter euch“, könne
aber nicht "hier" oder "dort" oder an "äußeren Zeichen" erkannt werden. Im
apokryphen Thomasevangelium heißt es in Logion 113: „Sondern das Königreich des
Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.“
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In den Äußerungen Jesu besteht eine Spannung zwischen einer auf die Zukunft bezogenen Erwartung der Gottesherrschaft und einer „sich realisierenden Eschatologie“ (Werner Georg Kümmel). Letztere betont – auch in der ethischen Tradition
jüdischer Apokalyptik – spirituelle Unterscheidung und moralische Verantwortung
besonders für die Ausgegrenzten, da die Zeit dafür reif sei. Auf jeden Fall dachte
Jesus praxisbezogen, ihm lag eine Jenseits-Vertröstung fern. Er träumte nicht von
einer anderen Welt der Ideen und dachte „mehr wie Aristoteles als wie Plato“.
Jesus war kein „systematischer Theologe“. Er erwähnte, dass einige seiner Anhänger
noch zu Lebzeiten das Reich Gottes in voller „dynamischer Kraft“ erleben werden
(Mk 9,1), betonte aber auch, nur Gott wisse den Zeitpunkt (Mk 13,32).
In dieser Form wohl nicht authentisch ist jedoch die Bekräftigung Jesu am Vorabend
seines Todes, dass es noch ausstehe und erst mit seiner Wiederkunft endgültig da
sein werde (Mk 14,25).
Joh 3,1-8 nennt als Bedingung für das Sehen des Reiches Gottes, man müsse zuvor
„aus dem Geist […] von neuem geboren werden“. Lk 17,20-21 „Denn seht, das
Reich Gottes ist inwendig in euch“.
Der äußerst einflussreiche und fast ebenso umstrittene Theologe Origenes (185–
253/254 n. Chr.) bezeichnet in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium mit
dem Begriff autobasileia die enge Nähe zwischen Jesus und der von ihm verkündeten
Herrschaft Gottes. So wird Jesus Christus der Inbegriff des Reiches und ist damit die
schon begonnene Verwirklichung dessen, was er selbst verkündet hat.
Augustinus von Hippo (354–430 n. Chr.) schrieb in seinem berühmten Werk Der
Gottesstaat: „Die jetzige Kirche auf Erden ist sowohl das Königreich Christi als auch
das Königreich der Himmel.“ Damit beschrieb er die Kirche nicht nur als Abbild,
sondern Teil dieses Reiches, wenn auch durchmischt (corpus mixtum) mit der die Welt
beherrschenden Macht des Bösen.
Im Mittelalter wird neben der räumlichen Trennung zu unserer Welt auch eine
zeitliche Loslösung bedacht:
Meister Eckhart fasst die „Nähe“ des Reiches Gottes nicht zeitlich auf. Der
Mensch erkenne durch die von Jesus geforderte Umkehr (Metanoia) von außen nach
innen (Lk 17,20) das Reich Gottes „in“ sich:
„Gott ist mir näher, als ich mir selber bin […] In welcher Seele ‚Gottes Reich‘ sichtbar wird und
welche ‚Gottes Reich‘ als ihr ‚nahe‘ erkennt, der braucht man nicht zu predigen noch Belehrung zu
geben: sie wird dadurch belehrt und des ewigen Lebens versichert. Wer weiß und erkennt, wie ‚nahe‘
ihm ‚Gottes Reich‘ ist, der kann mit Jakob sagen: ‚Gott ist an dieser Stätte und ich wusste es nicht‘
(1Mos. 28, 16); nun aber weiß ich’s.“
– Meister Eckhart, Predigt 36
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Johannes Tauler verwies in seinen Predigten mehrfach darauf, dass das Reich
Gottes „[…] in dem innersten, allerverborgensten, tiefsten Grund der Seele ruhe
[…]“ und dies sei von Jesus im Lukasevangelium gemeint mit den Worten: Das Reich
Gottes ist in euch (Lk 17,21). „Nehmt des Grundes in euch wahr, sucht das Reich Gottes und
allein seine Gerechtigkeit; das heißt: suchet Gott allein, er ist das wahre Reich.“
"Reich Gottes!" – das war auch die Losung, mit der Hölderlin und Hegel voneinander schieden, nachdem sie ihr theologisches Studium im Tübinger Stift beendet
hatten: „An dieser Losung werden wir uns nach jeder Metamorphose wiedererkennen“, schreibt
Hölderlin an Hegel (10. Juli 1794).
In der neueren Dogmatik der Katholischen Kirche, auch wenn das Reich Gottes
auf Erden wiederhergestellt worden sei, kam es nie zu einer Lehrentscheidung über
den Begriff des Reiches Gottes.
Bei den deutsch-sprachigen Baptisten ist das "Reich Gottes" (oder "Herrschaft Gottes") der Zentralbegriff ihrer Rechenschaft vom Glauben; anhand dieses Begriffes
wird das baptistische Glaubensverständnis entfaltet:
Die Aufrichtung der Gottesherrschaft (Teil 1),
Das Leben unter der Gottesherrschaft (Teil 2),
Die Vollendung der Gottesherrschaft (Teil 3).
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Im Internet („Reichgottes.info“) wird die Frage nach dem Reich Gottes so gestellt:
Was also bedeutet Reich Gottes?
In weiten Teilen der Welt herrschen Terror und Kriege, Armut und Hunger, Umweltzerstörung und Naturkatastrophen, Massenarbeitslosigkeit und sozialer Abstieg,
Aids und Tod. Diese Welt ist nicht heil und so ist die Sehnsucht nach dem Heil zu
einer Ursehnsucht der Menschheit geworden. Doch gerade in dieser Welt verkündete
Jesus seine Heilsvision - das Reich Gottes. Es ist die Verheißung einer Gottesherrschaft (Βασιλεια του θεου) unter der das Heil erblüht, das Böse überwunden ist und
das Gute triumphiert. Alle Menschen leben in einer Kultur der Liebe, aus dem Geist
Gottes heraus. Und alle Menschen führen ein Leben in Würde - sind in Gottes- und
Nächstenliebe solidarisch miteinander verbunden. Mit dieser Vision zielt Jesu auf
eine Neuordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Keiner soll ausgegrenzt und an
dem Rand gedrängt werden, alle sollen solidarisch miteinander leben. Das Reich
Gottes soll zu einem Reich des Friedens und der Gerechtigkeit wachsen. Seine Vollendung liegt in der Zukunft.
Das Reich Gottes wächst
Doch die Zukunft hat schon längst begonnen. Das Reich ist mit Jesus Christus in die
Welt gekommen. Er hat es gelebt und er ist dafür gestorben. Von Jesus aus wächst
es, zuerst im Verborgenen wie das Wintergetreide unter der Schneedecke, dann aber
gewinnt es an Größe, um letztlich Frucht zu bringen und die gesamte Welt zu umfassen. Von der Zukunft aus wirkt das Reich in die Gegenwart hinein, löst Freude
und Hoffnung aus und die Bereitschaft, sich für das Gottesreich zu engagieren. Unsere Welt ist nach der Zukunft hin offen.
Reich Gottes und Nachfolge
Das Reich Gottes kann nur Gottes Werk sein. Doch alle Menschen sind eingeladen,
in das Reich einzutreten. Dafür ist alles bereitet. Voraussetzung jedoch ist ein Glaube, der alle Furcht, allen Zweifel und Kleinmut überwindet. Er führt zur konsequenten Nachfolge Christi und vermittelt Geborgenheit. So beginnt das Reich in den
Herzen der Menschen und setzt sich über die Tat fort. Indem sich Christen kompromisslos an Jesu orientieren, überwinden sie die Angst um sich selbst und damit auch
ihren Egoismus. Der Andere wird zum Nächsten mit dem sie in Liebe verbunden
sind. Und so finden sich Menschen, die ins Gottesreich eingehen, nicht mit dem bestehenden Unheil ab. Sie stellen sich in den Dienst des Reiches, arbeiten an der
Überwindung aller gesellschaftlichen Trennungen, humanisieren so die Beziehungen
zwischen den Menschen und die sozialen Verhältnisse auf dieser Welt. Sie bezeugen
damit die erlösende Kraft der Gottesherrschaft.
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Die Dimensionen des Reiches Gottes
Das Reich Gottes ist differenziert gestaltet. Es hat eine religiös-spirituelle Dimension, welche das Leben aus dem Geist Christi heraus gestaltet. Es hat damit zusammenhängend eine persönlich-existentielle Dimension, welche von der Umkehr über
die Neugeburt oder Wiedergeburt hin zur Heiligung führt. Und das Gottesreich hat
schließlich auch eine politisch-strukturelle Dimension, nach der die politisch-sozialen
Verhältnisse im Geiste wahrer Menschlichkeit ausgelegt sind.
Gleichnisse, Bergpredigt und das Reich Gottes
Jesus ist in die Welt gekommen, um den Willen Gottes zu verkünden. Seine Botschaft - das Evangelium vom Reich Gottes - charakterisiert das Reich durch Gleichnisse, mit denen er das kaum Fassbare verdeutlicht. Mit der Bergpredigt wird den
Menschen, die seinem Reich angehören, die ethische Grundlage für ihr Handeln an
die Hand gegeben. Sie ist Vision, Verheißung und Wegleitung zugleich.
Prominente Theologen antworten:
Hans Küng
Was bedeutet »Reich Gottes«?
Ein Reich, wo nach Jesu Gebet Gottes Name wirklich geheiligt wird, sein Wille auch
auf Erden geschieht, die Menschen von allem die Fülle haben werden, alle Schuld
vergeben und alles Böse überwunden sein wird.
Ein Reich, wo nach Jesu Verheißungen endlich die Armen, die Hungernden,
Weinenden, Getretenen zum Zuge kommen werden: wo Schmerz, Leid und Tod ein
Ende haben werden. Ein Reich nicht beschreibbar, aber in Bildern ankündbar: als
der neue Bund, die aufgegangene Saat, die reife Ernte, das große Gastmahl, das
königliche Fest.
Ein Reich also - ganz nach den prophetischen Verheißungen - der vollen Gerechtigkeit, der unüberbietbaren Freiheit, der ungebrochenen Liebe, der universalen
Versöhnung, des ewigen Friedens. In diesem Sinne also die Zeit des Heiles, der
Erfüllung, der Vollendung, der Gegenwart Gottes: die absolute Zukunft.
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Gott gehört diese Zukunft. Der prophetische Verheißungsglaube ist von Jesus
entscheidend konkretisiert und intensiviert worden. Die Sache Gottes wird sich in
der Welt durchsetzen! Von dieser Hoffnung ist die Reich-Gottes-Botschaft getragen.
Im Gegensatz zur Resignation, für die Gott im Jenseits bleibt und der Lauf der
Weltgeschichte unabänderlich ist. Nicht aus dem Ressentiment, das aus der Not und
Verzweiflung der Gegenwart das Bild einer völlig anderen Welt in eine rosige
Zukunft hineinprojiziert, stammt diese Hoffnung. Sondern aus der Gewissheit, dass
Gott bereits der Schöpfer und der verborgene Herr dieser widersprüchlichen Welt ist
und dass er in der Zukunft sein Wort einlösen wird.
Jörg Zink (geb. 1922)
Evangelischer Theologe, Publizist
Was heißt »Reich Gottes«?
Wir sind gewöhnt, vom »Reich Gottes« zu reden. Normalerweise scheiden sich die
Geister daran, dass die einen sagen: Das Reich Gottes kommt, wenn diese Welt
untergegangen ist. Es ist rein zukünftig. Es löst diese Welt nach dem Ende ihrer
Geschichte ab.
Die anderen sagen: Das Reich Gottes ist ein Ausdruck für eine friedliche und
gerechte Menschenwelt, die wir heute und morgen, jedenfalls aber im
Zusammenhang der Menschengeschichte auf dieser Erde verwirklichen sollen. Die
einen verlieren dabei die soziale und politische Dimension, die anderen verlieren das
Drüben und das Künftige.
Es scheint mir kein Zufall zu sein, dass in den Reden Jesu die Gegenwart und die
Zukunft immer wieder ununterscheidbar ineinander fließen so, wie auch das Hier
und das Drüben kaum zu trennen oder auch nur zu unterscheiden sind.
Das Reich Gottes mag man als eine Art »Gewebe« schildern, das die gröbere Struktur der Dinge dieser Welt durchzieht, eine geistige Feinstruktur, in der viel Nichtgeahntes geschehen kann, viel Unerwartetes begegnen, viel Undenkbares Wirklichkeit
werden. So erwarten wir, wenn wir »Reich Gottes« sagen, beim einfachsten Ding, das
wir in die Hand nehmen, dass es dem Auge eines behutsamen Menschen durchlässig
werden kann für eine feinere, eine geistigere, jedenfalls andere Art von Wirklichkeit.
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Wir erwarten, wenn wir Reich Gottes sagen, dass an den sozialen und politischen
Verhältnissen in dieser Welt durchaus einiges sich ändern kann, wenn ein Mensch
sich in den Dienst dieses Reiches stellt. Dass es durchaus sichtbar werden kann,
wirksam und handgreiflich. Dass sich das Bild ändert, das wir uns vom anderen
Menschen machen, von anderen Völkern, und etwas hin und her geht an Güte und
Zutrauen, dass die Taschen aufgehen und auch das Brot von einem zum anderen
geht, von dem die leiblich Hungrigen auf dieser Erde leben sollen.
Wir erwarten, wenn wir Reich Gottes sagen, aber auch, dass das Ende der Menschengeschichte nicht das Ende der von Gott geschaffenen Welt ist, sondern sich
Gottes Zeit, Gottes Geschichte, Gottes Welt fortsetzt.
Wir stehen in einer grundsätzlich offenen Welt. In einer Welt, die offen ist für das
Geheimnis des göttlichen Wirkens in ihr. In einer Welt, die offen ist zu anderen
Menschen hin und zu ihrem Schicksal. Eine Welt vor allem auch, in der nichts so zu
bleiben braucht, wie es ist, in der wir Christen uns mit Lüge und Gewalt, Terror und
Ausbeutung nicht abzufinden brauchen. Und wir stehen in einer Welt, die nach ihrer
Zukunft hin offen ist, deren Ende nicht ein Abgrund des Untergangs, sondern neue
Schöpfung ist.
Jörg Zink, Eine Handvoll Hoffnung, Kreuz Verlag, Stuttgart 1979, S. 89-90.
Im EKD-Glaubens-ABC lesen wir schließlich:
Reich Gottes
Die Rede vom Reich Gottes beschreibt die Vorstellung im Volk Israel, dass eine Zeit
bevorsteht, in der "Gott König ist" (Richter 8,23), in der es eine Herrschaft von
Menschen über Menschen nicht mehr gibt.
Der Blick weitet sich über Israel hinaus auf die Völkerwelt, die einen König erwartet,
der Frieden und Gerechtigkeit bringt, einen von Gott gesalbten Messias.
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Das Neue Testament nimmt diese Aussagen auf: "Das Reich Gottes ist mitten unter
euch" (Lk 17,21). Was geschieht in diesem Reich? Folgende Szene gibt darüber
Aufschluss: Johannes der Täufer schickt Jünger zu Jesus mit der Frage: "Bist du der
von Gott gesandte König, der Messias, mit dem das Reich Gottes beginnt?" (Mt
11,2f.) Jesus beantwortet diese Frage nicht. Er verweist auf das, was geschieht.
"Blinde sehen, Lahme gehen, Kranke werden auf den Weg der Heilung gebracht."
(Mt 11,5)
Zeichen des Anbruchs der Herrschaft Gottes sind dort wahrzunehmen, wo Menschen heil werden. Das Reich Gottes ist schon jetzt angebrochen, aber der Gebetsruf
des Vaterunser - "dein Reich komme" - weist daraufhin, dass es noch nicht vollendet
ist.
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Männerrat der EKBO und Ansprechpartner im Konsistorium
Stand Mai 2014
Sprengel Berlin
Sprengelbeauftragter Andreas Fuhrmeister priv.:030/7817383,
0151/15845374, dienstl.: 030/46814383
Ralph Schöne, 030/78957857
Volker Haby (Landesobmann bis zum 29.09.2012)
033607/474240
Johannes Simang, Koppenstr. 53, 10243 Berlin
Tel. priv. 030/29046710
Kissinger Straße 8, 12157 Berlin
[email protected]
Wartburgstraße 37, 10825 Berlin
[email protected]
Am Spitzen Berg 16, 15518 Briesen
[email protected]
[email protected]
Lazarus-Haus 030/2960290 (vorm.)
Andreas-Haus 030/29662496 (nachm.)
Sprengel Görlitz
Sprengelbeauftragter NN
Dieter Kasche, 0355/525507 / [email protected]
Michael Prochnow, 03581/41 17 66
Lübbenauer Straße 4, 03048 Cottbus
Grüner Graben 2, 02826 Görlitz
[email protected]
Sprengel Potsdam
Sprengelbeauftragter Jens Greulich
Tel: 033208/50489, 0177/3294345 oder /6336443
Fax: 033208/22543
Christian Dörendahl
033964/50489
Priesterstraße 5, 14476 Potsdam OT Neufahrland
[email protected]
Karl Ketelhohn
03304/251523, 0171/9750775
Rüdiger Vogel
03322/426850
Zu den Eichen 22, 16727 Bärenklau
[email protected]
Fasanenstraße 43, 14612 Falkensee
[email protected]
Friedrichsgüter Str. 3, 16909 Gadow
[email protected]
Landesvertretungen
Landesbeauftragter Axel Luther
Tel: 030/4027285, 0171/5397131; Fax: 030/43730668
Landesobmann (seit dem 29.09.2012)
Silvio Hermann-Elsemüller
033207/52001, 0173/5351543
MA Büro der Männerarbeit
Tel: 030/3191-282, Fax: 030/3191-281
Alt-Heiligensee 15, 13503 Berlin
[email protected]
Heidestr. 28, 14550 Groß Kreutz (Havel)
[email protected]
[email protected]
AKD, Goethestr. 26-30, 4.OG,
10625 Berlin
[email protected]
Internet Männerarbeit, auch Mann im Spiegel: http://www.akd-ekbo.de
bei „Lebensbegleitende Bildung“, dann linke Tabelle unter „Maennerarbeit“ weiteres
Konsistorium
Abt. 2, OKRn Friederike Schwarz
030/24 344 273
Georgenkirchstr. 69, 10249 Berlin
[email protected]
Bleiglasfenster in der Kirche Lixfeld-Frechenhausen
Einladung
Ankündigung eines „männerthematischen“ Gottesdienstes
(Sprengelgottesdienst EKMB)
Himmelfahrt, 14. Mai 2015, 10:30 Uhr
in der Klosterkirche Lehnin
Gestaltet wird der Gottesdienst von Pfn. Andrea Richter,
Spiritualitätsbeauftragte der EKBO, und Silvio Hermann-Elsemüller,
Beauftragter für Männerarbeit des Kirchenkreises Mittelmark-Brandenburg
und Landesobmann der Männerarbeit der EKBO.
Thematisch handelt es sich dabei um eine Auseinandersetzung mit dem
Jahresthema 2015 der Männerarbeit der EKD.
„… auf dass ihr heil werdet“ (Phil 2,12)
Männer zwischen Risiko und Sicherheit
Was bedeutet es in diesem Zusammenhang davon zu sprechen, an Leib und
Seele heil zu werden? … ein Leben zu führen in richtiger Balance von
Arbeit und Entspannung, Freiheit und Sicherheit, von Aufbruch und
Beständigkeit, von Vertrauen und Zutrauen, von Ich und Wir… ?