1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Wissen - Manuskriptdienst Jeder

SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Wissen - Manuskriptdienst
Jeder für sich oder alle gemeinsam?
Wie die Herkunft das Lernen prägt
Autorin: Barbara Leitner
Redaktion: Christoph Knig
Regie: Andrea Leclerque
Sendung: Samstag, 20.04.2013, 8.30 Uhr, SWR 2
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1Atmo: Wasserwerk – Frühstück
möchtest du da sitzen, mit Nele sitzen, dass sie nicht alleine ist. Möchtest du da
sitzen..... Da nehmen wir das mit... steh mal auf..
Sprecherin:
Frühstück bei den „Wasserflöhen“, der jüngsten Gruppe in der integrativen
Kindertagesstätte "Altes Wasserwerk" Osnabrück. Zehn Kleinkinder laufen teilweise auf
tapsigen Füssen mit ihrer Brotdose in der Hand zu ihren Stuhl, klettern hinauf und legen
ihr Frühstück auf den Teller.
2: Wasserwerk – Frühstück – Spruch
Sprecherin:
Die „Wasserflöhe“ sind eine bunte Gruppe. Mädchen und Jungen gehören ihr an,
Kinder mit und ohne Behinderung, sowie Kinder, deren Eltern zu Hause neben Deutsch
auch Türkisch, Russisch, Englisch, Arabisch oder Französisch sprechen.
Ansage:
Jeder für sich oder alle gemeinsam? Wie die Herkunft das Lernen prägt. Eine Sendung
von Barbara Leitner.
3Take: Flothmann
An der Sprache merkt man das schon, dass Kinder nicht Deutsch als Erstsprache
haben und zu Hause nur Arabisch gesprochen haben oder Türkisch und die Kinder sich
nicht so sicher bewegen, weil ich plötzlich Deutsch spreche und das Kind mich nicht
versteht und ich dem Kind ganz viel durch Gesten und Zeigen dann beibringe...
Sprecherin:
Stefanie Flothmann ist eine blonde, schlanke Frau mit langen Haaren und Brille.
Bestimmt und liebevoll zugleich spricht die 27jährige Sozialpädagogin mit den Knirpsen,
nimmt wahr, wer Hilfe braucht und wer einen aufmunternden Blick. Genau diese wache
Präsenz erwartet Markus Weckermann von seinem Team:
4Take: Weckermann
Das wichtigste für die pädagogischen Fachkräfte ist, das du eine Authentizität
mitbringst, dass du die Kinder ernst nimmst. Dass du weg kommst von dem Bild, wir
machen eine Angebotspädagogik, im Herbst wickeln wir 25 Mal Ahornblätter, auch
wenn es schön ist und für manche Kinder motorisch auch und auch gut für
Konzentration sicherlich. Aber es ist nicht die Art, wie ich eine Kindertagesstätte
heutzutage aufziehen möchte oder leiten möchte. Sondern ich will, dass erwarte ich
auch von dem pädagogischen Personal, dass die Kinder individuell gesehen werden,
dass man guckt, wo sind die Stärken...
5Atmo: Begrüßungslied
Sprecherin:
Markus Weckermann leitet die Kita. Der kräftige 42 jährige mit langem Zopf und Ring im
Ohr begleitet das Morgenlied des Hauses zur Gitarre und singt laut in den Sprachen der
Kinder mit. Schlosser war er zunächst von Beruf, lernte dann Heilerziehungspfleger, um
seine autistische Schwester besser zu verstehen. Anschließend machte Weckermann
noch eine Ausbildung als Bachelor in Frühpädagogik an der Universität Osnabrück.
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Dort lernte er die Forschungsarbeit des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche
Bildung und Entwicklung kennen. Die Erkenntnisse der Forscher über den
Zusammenhang zwischen Bildung und Kultur erinnerten ihn an die Arbeit in seiner Kita,
mit Kindern aus 20 verschiedenen Ländern.
6Take: Weckermann
Dass da ein ganzes Dorf ein Kind erzieht und nicht wie hier hauptsächlich die Mutter
zuständig ist. ...Da sind wir darauf aufmerksam geworden, dass wir mehr machen
müssen...
7Atmo: Haus
Sprecherin:
Seit drei Jahren gibt es die Kita „Altes Wasserwerk“ im Osnabrücker Stadtteil Schinkel.
Nur eine alte Wasseruhr erinnert in dem vollkommen sanierten Gebäude noch an
seinen früheren Zweck. Schinkel ist ein klassisches Arbeiterviertel. Menschen aus
anderen Ländern, die nach Osnabrück kommen, landen zuerst in Schinkel. Einst die
sogenannten Gastarbeiter. Heute auch viele Menschen aus Osteuropa oder Afrika,
viele junge Menschen, die noch in Ausbildung und doch bereits Eltern sind darunter
auch Alleinerziehende. Um hier anzukommen, brauchen sie dringend einen Kita-Platz,
für das Kind und für sich selbst, denn sie müssen tagsüber arbeiten oder die Ausbildung
zu Ende bringen. Vier von fünf Kindern in der Kita haben ihre Wurzeln nicht in der
deutschen Kultur. Die Eltern oder oft schon die Großeltern stammen aus der Türkei, ExJugoslawien, Palästina oder Russland. Geprägt sind die Familien durch die Kultur des
Herkunftslandes. Jedenfalls fallen den Erzieherinnen und Erziehern immer wieder
Besonderheiten auf. Stefanie Flothmann nennt ein Beispiel.
8Take: Flothmann
Wir hatten mehrere Kinder, die aus afrikanischen Ländern kommen, wo die Kinder bei
der Eingewöhnung quasi direkt in die Gruppe gegangen sind und mit den anderen
Kindern gespielt haben und denen war quasi egal, ob die Mama da war oder nicht. Man
hat denen nicht angemerkt, dass die irgendwie unter Stress standen.
Sprecherin:
Von solchen anderen Verhaltensweisen hörte die Krippenerzieherin auch bei einer
Fortbildung vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung.
9Take: Flothmann
Und da wurde nämlich gesagt, in afrikanischen Ländern, in Kamerun war es, dass die
Kinder oft 'rum gereicht wurden innerhalb eines Dorfes von einer Frau zu der nächsten
und alle hatten das Kind auf dem Arm und die Kinder hatten auch nicht so viel Stress
wie jetzt Kinder hier in Deutschland.
Sprecherin:
Was bedeutet es, wenn Kinder mit einer anderen kulturellen Prägung in Deutschland in
die Kita oder zur Schule gehen? Was bringen sie mit und was wird ihnen abverlangt,
um in der neuen Kultur zu bestehen?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich die die Forschungsgruppe „Entwicklung, Lernen und
Kultur“ der Universität Osnabrück.
Die Wissenschaftler untersuchen, welche unterschiedlichen Vorstellungen Menschen
mit verschiedener Herkunft über Entwicklung und Erziehung von Kindern haben. Sie
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wollen wissen, ob sich Kinder in den ersten Lebensjahren in allen Kulturen auf die
gleiche Weise binden und welche Rolle die Sprache dabei spielt.
Um Typisches herauszufinden begleiteten die Forscher Familien aus sehr
verschiedenen Milieus mit Videokamera und ethnologischem Blick. Die Unterschiede
zwischen der städtischen westlichen Mittelschicht in Deutschland und traditionellen
Bauern in einem afrikanischen Dorf in Westkamerun sind zum Beispiel auffällig. Eine
Tonaufnahme aus dem Forschungsprojekt.
10Atmo: Kind Dt...
11Take: Keller:/1
Das deutsche Baby erlebt Blickkontakt und Objektstimulation, ist umgeben von
kiloweisen Spielzeug und ...auch das permanente Verbalisieren.
Sprecherin:
Heidi Keller ist Professorin für Psychologie an der Universität Osnabrück und leitet die
Forschungsgruppe „Kultur, Lernen und Entwicklung“.
12Take: Keller:/1
Das kamerunische Kind erfährt permanenten Körperkontakt von vielen verschiedenen
Personen und sehr viel Körperstimulation und wird dadurch früh motorisch unabhängig
und auch in der Lage dadurch eigenverantwortlich zu handeln.
13Atmo: hört Gemeinschaft
14Take Otto
Einen ganz großen Unterschied, den man schon bei kleinen Kindern beobachten kann,
dass es nicht nur eine sehr wichtige Bezugsperson gibt, sondern dass ein Kind in
Kamerun mit sehr vielen unterschiedlichen Bezugspersonen groß wird, Geschwister,
Onkel, Tanten, die ganze Großfamilie.
Sprecherin
Hiltrud Otto lebte mehrere Monate bei den Nso Bauern in Nordwestkamerun, einem
traditionellen, hierarchisch organisierten Clan.
15Atmo: hört Gemeinschaft
16Take Otto
Das Kind wird sowieso meist von irgendjemand am Körper getragen und die Personen
registriert sehr schnell, wenn es dem Kind nicht gut geht und reagiert sofort.
Sprecherin
Vor Ort erforschte die Psychologin, wie Kinder sich binden. Nach der Theorie des
britischen Kinderarztes und Analytikers John Bowlby gehen Kinder vor allem zu ihren
Eltern, speziell den sorgenden Müttern enge Beziehungen ein. Nach seiner Auffassung
sind sie es vor allem, die ein Baby in Stresssituationen beruhigen können.
In Kamerun allerdings erlebten die Wissenschaftler ein anderes Bindungsverhalten.
Kleine Kinder weinen nicht, wenn jemand Fremdes sie auf den Arm nimmt.
17Take: Keller/1
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Bei uns gilt ein Kind als sicher gebunden, dass die Aufmerksamkeit der Mutter sucht.
Und das würde in Kamerun als ein Verhalten von Unreife und schlechtem Verhalten,
schlechter Bindung, würde so interpretiert werden.
18Atmo: Betreuerin Baby - Kamerun
Sprecherin:
Eine Mutter bewegt ihr Baby vor ihrem Körper auf und ab, ruft in einem Singsang
seinen Namen. Körperlich erfährt das Kind: Das bin ich. Gleichzeitig formt die Frau
archaische, rhythmisch Laute, die das Kind in die Gemeinschaft ringsum einbinden.
19Atmo: Kita
20Take: Keller/1
Kamerun ist geografisch weit weg. Aber viele Familien mit Migrationshintergrund
kommen aus solchen dörflichen Kontexten, die die Welt ähnlich sehen, wie die NsoBauern und von daher ist das für uns ein sehr gutes Modell, um im Beratungskontext
wirksam zu werden.
Sprecherin:
Heidi Keller kritisiert nicht nur, dass hierzulande Autonomie und individuelle Entwicklung
der Persönlichkeit überbetont werden und das soziale Verhalten der Kinder in der
Gruppe und für die Gemeinschaft auf der Strecke bleiben. Sie sorgt sich auch darum,
dass Familien aus anderen Kulturen an einer Norm gemessen werden, die nicht ihre ist
und sich deshalb von den deutschen Institutionen wie zum Beispiel der Schule
distanzieren oder ihre Kinder erst sehr spät in die Kita bringen
Seit mehr als 20 Jahren forscht die Wissenschaftlerin über die Entwicklung von Kindern.
Beeinflusst von der Biologie sah sie zunächst die sogenannten Verhaltsuniversalien
weltweit, etwa dass in allen Kulturen Babys den Blickkontakt zur Mutter suchen.
Dann stellte sie fest, dass je nach Umgebung sehr verschiedene Anforderungen an die
Fähigkeiten von Kindern gestellt werden. Das hat Folgen für ihre Entwicklung. Von den
angeborenen Fähigkeiten wird nur das entwickelt und durch die Kultur geformt, was für
die Gesellschaft wichtig ist. Die Kultur bestimmt zum Beispiel, wie man ein Kind hält, mit
ihm spricht, es anregt, fördert, bildet. Die Vorstellungen darüber sind jedoch weltweit
äußerst verschieden. Deshalb legen Heidi Keller und ihr Team Wert darauf, dass
Schüler unterschiedlicher Herkunft keine gemeinsame Lernkultur haben. In der
westlichen Welt geht es sehr um das autonome selbstbewusste, Kind, das sich
ausdrücken und behaupten kann. Das erwarten und unterstützen Eltern und diesem
Ziel dienen auch Kita und Schule. Dem gegenüber stehen sozial orientierte Kulturen,
die übrigens 80 Prozent der Menschheit ausmachen. In solchen Gesellschaften geht es
um das Wohlergehen oder Überleben der Gemeinschaft.
21Take: Keller
Dort ist Autonomie natürlich auch wichtig, aber nicht in Form von Selbstbestimmung
oder wie kann ich mich am besten realisieren oder ausdrücken, sondern wie kann ich
am besten meiner Gemeinschaft helfen und dort selbständig beitragen und das ist ein
Konzept, das nennen wir Handlungsautonomie, wo Kinder sehr früh lernen, Pflichten zu
übernehmen, auf Geschwister aufzupassen oder im Haushalt zu helfen oder bei der
Gartenarbeit zu helfen und das selbständig und selbstbestimmt tun und bei uns ist es
eben wichtig, dass ein Kind seine Bedürfnisse und Gefühle ausdrücken kann. Ob es
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sich dann die Jacke anziehen kann, ist eine ganz andere Frage. Das ist für uns nicht so
wichtig.
22Atmo: Kita
Sprecherin:
Nach den Erkenntnissen der Forschungsgruppe aus Osnabrück sind Eltern
nichtdeutscher Herkunft nicht selten irritiert, wenn sie den Alltag in der Kita
wahrnehmen, weil sie kulturell anders geprägt sind. Hierzulande ist es zum Beispiel
selbstverständlich, ein Kind über mehrere Wochen in die Kita einzugewöhnen, damit
der Übergang nicht so schwer fällt. „Trauen die unserem Kind nicht zu, dass es seine
Gefühle im Griff hat und sich auch in eine neue Gemeinschaft einfügen kann?“
Könnten sich Eltern mit anderen Wurzeln wundern, wenn sie tagelang zusammen mit
dem Kind in der Kita sein sollen. Für die Kinder aus einer gemeinschaftlich geprägten
Kultur wiederum kann es eine Hürde sein, in einer Kita oder Schule plötzlich eine Wahl
zu haben, entscheiden zu müssen, wie die autonom sozialisierten deutschen Kinder.
Hiltrud Otto:
23Take Otto
Dann sind Kinder schon im Morgenkreis überfordert, wenn sie gefragt werden, wo
möchtest du dich denn hinsetzen. Möchtest du dich hierhin setzen. Das ist etwas, was
für unsere Kinder ganz normal ist. Aber Kinder aus ländlichen Kontexten stehen
normalerweise nie vor solchen Optionen. Die müssen sich nicht entscheiden, neben
wem will ich sitzen, sondern kriegen gesagt, dahin setzt du dich.
Atmo: Kita
Sprecherin:
Diese kulturvergleichende Forschung hat verschiedene Konsequenzen für den
Beziehungsalltag in der Kita. Eine wichtige Frage ist: Wie wird in der Kita mit den
Kindern gesprochen? In Kamerun fiel den Wissenschaftler auf, dass die Erwachsenen
viel auf ihre Kinder einreden, ihnen Anweisungen geben. Dabei wird stets der Bezug zur
Gemeinschaft hergestellt. Das Kind lernt nur, während es zuhört, hat selbst wenig
Anlässe zum Sprechen. Ganz anders in deutschen Mittelschichtfamilien. Dort wird ein
sogenannter elaborierter Gesprächsstil gepflegt Das Kind wird als gleichwertiger
Partner betrachtet, auf dessen Themen eingegangen wird. Es wird mit vielen W's
befragt und genau das hilft, den Wortschatz zu erweitern und zu lernen, kompetent
einen Sachverhalt zu schildern. Diese beiden verschiedenen Haltungen verbinden die
Osnabrücker Wissenschaftler der Forschungsgruppe „Kultur, Lernen und Entwicklung in
ihrem Konzept für einen alltagsbasierte Sprachbildung miteinander. Ihr Ansatz nimmt
Rücksicht auf die kulturellen Besonderheiten der Kinder und unterstützt sie, sich
auszudrücken und mit ihren Erlebnissen und Erfahrungen Teil der Kindergruppe zu sein.
24Atmo: Wasserwerk – Frühstück
Wer hat die Brote geschmiert. Ich habe es nicht gehört, es ist so laut. Julia... Wer hat es
gemacht. Mama.
25Take: Flothmann
Da war ein Element, dass man den sozialen Kontext mit einbezieht, dass man die
Kinder fragt, wer war noch dabei, wer war mit dir im Zirkus zusammen. Was hast der
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Clown gemacht, dass man die anderen Menschen mit einbezieht. Das habe ich früher
nicht gemacht. Das mache ich jetzt mehr.
25_1Atmo: Sprechen über Fest
Sprecherin:
Stefanie Flothmann sitzt im Gruppenraum der Wasserflöhe mit den Kindern zum
Frühstück am Tisch. Sie will die Kleinen bewusst zum Sprechen bringen. Deshalb fragt
sie nach Eltern, Geschwistern oder Freunden aus dem Fußballverein. Sie fragt etwa
„Wer hat mitgespielt?“ oder „Wer hat die Tore geschossen?“ So hat sie das bei der
Fortbildung am Niedersächsischen Institut für Frühpädagogik gelernt.
Das Gespräch miteinander bestimmt den Kita-Alltag. Die Forscher allerdings haben
Stefanie Flothmann darauf gestoßen, dass nicht nur die Sprache an sich, sondern auch
die Art und Weise des Sprechens ein Kind einbeziehen oder ausschließen kann.
Hierzulande stehe das „Ich, ich, ich“ beim Erzählen im Mittelpunkt, während Kinder mit
anderer Herkunft gar nicht so genau wissen, was sie über sich selbst groß erzählen
sollen. Hier ist eine größere Offenheit für ihre Themen und ihre Befindlichkeit gefragt.
26Take: Flothmann
Das finde ich, hat man ganz schnell gemerkt, je mehr man offene Fragen stellt - das
von den Kindern auch mehr zurückkommt./ Weil ich wenn ich jetzt das Kind frage, ist
deine Hose blau ist das was anderes als wenn ich frage, welche Farbe hat deine Hose.
Durch diese offenen Fragen regt man die Kinder mehr zum Sprechen an als durch
geschlossene Fragen.
27Atmo: Sprachförderung ...
28Take: Pac
Manchmal ist es so, dass die Kinder, die kaum sprechen wollen, kriegt man sie
dadurch, dass man sie anspricht, was habt ihr gestern gemacht, oder was habt ihr
gefeiert oder was macht deine Mama, was macht dein Bruder. Dass man die Familie
anspricht, die sozialen Inhalte und da werden sie offener und können mehr erzählen,
weil sie damit mehr anfangen können.
Sprecherin:
Joanna Pac, 37 Jahre alt, Germanistin und Erziehungswissenschaftlerin und als
Sprachexpertin in der Kita „Altes Wasserwerk“ tätig.
29Take: Pac
Wenn sie über sich selber sprechen müssen, wissen sie gar nicht, was sie sagen
sollen, weil zu Hause wurden sie niemals gefragt. Sie wurden zu Hause nicht gefragt,
was möchtest du, was möchtest du anziehen, welche Jacke, welche Schuhe oder was
magst du gerne. Das kennen sie nicht.
30Atmo: Spracherziehung – Matsch
Sprecherin:
Joanna Pac nutzt oft Musik und Bewegung, um die Kinder in ihrem Selbstausdruck zu
unterstützen. Die Mädchen und Jungen lieben es, wenn sie mit den beiden
Dinosauriern Hokus und Logus sie zum Spielen und zu Reden einlädt.
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31Atmo: Spracherziehung – Matsch
Sprecherin:
Die 37Jährige kann sich nicht vorstellen, wie das für Sprachförderkräfte noch immer
üblich ist, mit einzelnen Kindern losgelöst von der Gruppe abstrakte sprachliche
Konstruktionen zu üben – Wortschatz, Satzbau, Grammatik. Wie soll ein Kind sich für
solche trockenen, künstlichen Übungen begeistern und auf diese Weise lernen wollen?
Joanna Pac selbst wäre es peinlich gewesen, bei so einem Sprachförder-Angebot im
Mittelpunkt zu stehen. Sie war 22 Jahre alt, als sie von Polen nach Deutschland kam.
Für sie war nicht nur die Sprache, sondern auch die andere Kultur eine Hürde.
33Take: Pac
In einer polnischen Familie hat man Respekt vor Älteren und man hält sich an
bestimmte Regeln. Ich weiß nicht, ob das nur bei den polnischen Familien so ist, aber
es ist etwas strenger als bei den Deutschen. Es ist nicht so locker... Und dann habe ich
beobachtet, wenn das Kind beim Spielen ist, dass er immer im Hinterkopf hat, was hat
die Lehrerin gesagt, was dürfen wir nicht und was dürfen wir und die anderen Kinder
spielen viel freier und er macht sich immer Gedanken...
35Take: Weckermann
Die Kinder sind teilweise 10 Stunden hier.
Sprecherin:
Das allein verlangt, dass die Kita gute Beziehungsarbeit leistet, ist Kita-Leiter Markus
Weckermann überzeugt.
36Take: Weckermann
Wie viel Sprachanlässe bieten wir und wie viel Möglichkeiten geben wir den Kindern, in
freie Kommunikation zu kommen und was auszuprobieren und nicht korrektiv zu sein,
nicht auf Fehler hinzuweisen, sondern positiv repetierend, nicht dass man sagt, dass
hast du falsch gemacht, sondern es einfach wiederholt. Das hat sich sehr verändert für
die Kollegen.
Sprecherin:
Das hat sehr mit einer Verschiebung des Blickwinkels zu tun: Weg von den angeblichen
Defiziten des Kindes hin zu der Erweiterung des eigenen Repertoires als Erzieherin
oder Erzieher: Was kann ich tun, um das eher zurückgezogene, schüchterne Kind
anzusprechen? Wie kann ich es einbeziehen und zum Mitmachen motivieren, wenn es
noch unsicher ist im Umgang mit der deutschen Sprache? Und wie kann ich die Kinder
unterstützen, untereinander ihre Konflikte und Streitigkeiten zu klären, sie den Alltag
als Teil einer Gemeinschaft erleben lassen? Nutzen davon haben alle Kinder, nicht nur
jene mit Migrationshintergrund, erlebt Markus Weckermann.
37Take: Weckermann
Es geht nicht darum, keine Fehler zu machen und nicht geschlossene Fragen zu stellen
und nicht mal direktiv zu sein. 'Jetzt alle linksrum in die Turnhalle und nicht rechtsrum
auf den Spielplatz', sondern mit Bewusstheit zu kommunizieren, mir klar zu sein, wann
ich Sprachanlässe biete, wann ich den Kindern Freiraum lasse, wann ich die Kinder
unterstütze und das immer mehr für sich selber / immer wieder zu reflektieren, wo stehe
ich selber.
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Sprecherin:
Offenbach ist die fünftgrößte Stadt im Rhein-Main-Gebiet. Sie gilt als die Stadt mit dem
höchsten Ausländeranteil in Deutschland. Mehr als 50 Prozent der Kinder haben einen
Migrationshintergrund.
39Atmo: Elterncafe
Sprecherin:
Von ihrer Herkunft aus der Türkei und Angola erzählen Mütter im Elterncafé der Kita
der Evangelischen Schlosskirchgemeinde in Offenbach. Nisren ist 41 Jahre alt, Mutter
von vier Kindern und in Marokko geboren.
40Take: Nisren
Die Leitung im Kindergarten hört viel zu, wenn wir erzählen./ Die gibt uns Zeit. Da
erzählen wir viel von unserer Kultur, unserer Heimat. Wie wir in Urlaub fahren, wie das
war. Die hilft uns auch, wenn wir Probleme haben oder so...
41Take: Schima
Es war von Anfang an so, dass viele Eltern gekommen sind, ihre Kinder gebracht haben
und dann ins Büro gekommen sind mit irgendwelchen Formularen oder weil sie eine
Wohnung dringend suchen oder einen Deutschkurs dringend brauchen und ganz vielen
Problemen, die nicht unbedingt die Kinder betrafen. Der Bedarf war immer riesig groß
und wir haben die auch viel begleitet, zum Gesundheitsamt oder mit Schule. Das über
die Kindererziehung oder Betreuung der Auftrag schnell erweitert wurde und
irgendwann war das so nicht mehr zu leisten und da war klar, da müssen wir uns auch
irgendwo Unterstützung holen.
Sprecherin:
Gaby Schima leitet die Kita im Mathildenviertel nahe der Offenbacher Innenstadt.
Gemeinsam mit den Müttern sitzt die ruhige, besonnene Frau beim Frauenfrühstück im
großzügigen Altarraum. Im Gemeindehaus nebenan hat das Beratungszentrum des
Diakonischen Werkes seinen Sitz. Von dort kommen Experten ins Elterncafé und
beantworten die Fragen der Mütter von der Erziehung bis zu Schulden. Einander
zuzuhören und in der Verschiedenheit wahrzunehmen findet die Sozialpädagogin Gaby
Schima dringend notwendig. Denn immer wieder merkt sie, wie trügerisch es ist, durch
die deutsche Brille auf Menschen mit anderem Erfahrungshintergrund zu schauen.
42Take: Schima
Da war mal die Frage mit dem Schulsystem, weil viele Eltern nicht wussten, wie die
Einschulung bei uns geht. Wir haben Schultüten mit den Eltern gebastelt und für uns ist
klar, dass die zu Hause gefüllt werden. Aber viele Kinder sind dann mit den leeren
Schultüten in die Schule gegangen, wo wir dann gesehen haben, so viele Dinge, die für
uns selbstverständlich sind, sind es halt nicht und da versuchen wir den Eltern ziemlich
viel mitzugeben.
43Atmo: Gespräch Mutter – Burkhardt
Sprecherin:
Gespräche ergeben sich oft schon beim Bringen und Holen der Kinder, etwa über das
Herkunftsland oder das Verständnis von Respekt und Lernen
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In den zurückliegenden 15 Jahren machte das Kita-Team die Erfahrung, wenn es
beispielsweise Kurse zu Erziehungsfragen organisierte, kommen die Eltern nicht.
Aber sie schätzen es sehr, beim gemeinsamen Kochen oder Freizeitangeboten ins
Gespräch zu kommen. Also findet wöchentlich das Elternfrühstück statt, hin und wieder
ein Spiele-Treff oder ein Ausflug. In einem interreligiösen Projekt besuchen die Kinder
Kirche, Moschee und Synagoge und erfahren etwas über alle Religionen. Die Pfarrerin
lädt regelmäßig mit dem Imam zum Gottesdienst ein. Jedes Jahr zum Erntedankfest
wird über die Situation in einem anderen Land berichtet. Eltern gestalten das Fest mit
und laden zur Fürbitte ein. Letztes Jahr stand Vietnam im Mittelpunkt. Längst ist die
Gemeinde um den eckigen Kirch-Neubau aus Sichtbeton für die Familien ein sozialer
Ort geworden, an dem sie Gemeinschaft leben. Hier wird ihnen nichts übergestülpt. Hier
können sie sich einbringen, fühlen sich angenommen und gefördert. Das ist allerdings
noch nicht Alltag in deutschen Bildungseinrichtungen, meint die Psychologieprofessorin
Heidi Keller.
44Take: Keller
Wenn wir dran denken, wie integrieren wir Eltern mit Migrationshintergrund – dann
machen wir mal was, wo die ihr landestypisches Essen mitbringen und dann sind wir
ganz stolz. Möglicherweise kommt dann auch noch eine Frau im Sari und wir haben
dann drei verschiedene Platten die eine andere kulinarische Heimat haben. Ich meine
das ist ja nett und soll weiter gemacht werden. Aber das heißt nicht, sich für Kultur zu
interessieren. Da muss man ernst nehmen und sagen, dass man andere Vorstellungen
auch akzeptiert und auch erst einmal zur Kenntnis nimmt und nicht sagt, oh Gott, dass
dürft ihr aber auf keinen Fall machen.
Sprecherin:
Für das Niedersächsische Sozialministerium untersucht das Wissenschaftlerteam aus
Osnabrück mit seinem Wissen über den Zusammenhang von Herkunft und Bildung,
was geschehen könnte, damit Migranten größeres Vertrauen in deutsche
Bildungsinstitutionen entwickeln, um die Benachteiligung ihrer Kinder zu überwinden.
Mit kleinen Änderungen in der Kita, Schule oder Sprachkursen ist das schon möglich.
Ein weiteres Beispiel: Die Familie ist vielen Migranten sehr wichtig und sie ist nicht
selten nach einer strengen Hierarchie ausgerichtet. Eltern haben deshalb nicht selten
ein Problem damit, dass ihre Kinder mehr wissen oder die fremde Sprache besser
beherrschen als sie selbst. Das hat Folgen für die Familie und ihren Zusammenhalt.
Heidi Keller kennt einen Sprachkurs für Migranten, der dieses Problem ernst nimmt. Er
ist so organisiert, dass die Mütter und Großmütter immer einen Schritt weiter sind als
die Kinder. Solche verbindenden Elemente brauchen Kita und Schule, um Institutionen
für alle zu sein, ist die Wissenschaftlerin überzeugt.
45Take: Keller
Das ist doch ganz einfach sowas zu machen. Warum überlegt man nicht mehr solche
einfachen Dinge, um dadurch auch mehr Akzeptanz herzustellen.
46Atmo: Elterncafé
47Take: Nisren
Ich finde, die Gemeinschaft hilft viel. Da hat die Mutter nicht die Depression mit Kind.
Da ist sie freier. Weil die gemeinsam aufpassen. Alle Kinder zusammen spielen. Da hat
man weniger Stress, als wenn man den ganzen Tag mit dem Kind ist und aufpassen
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muss./ Früher war ich auch leicht depressiv und nervös. Seit ich in das Frauencafé
gehe ist mir leichter geworden, weil ich rede, ich komme bisschen raus...
48Take: Schima
Dass wir schon davon ausgehen, wenn wir die Eltern unterstützen können in Bildung
und die Eltern stärker werden, besser ankommen in der Stadt, in dem Land, dass sie
dann auch für ihre Kinder stärker sind und deswegen ist so dieser Ansatz ... die Eltern
stark zu stützen, die Bedarfe ernst zu nehmen und eine Elternarbeit zu machen, die
sich stark orientiert, was die Eltern brauchen. Das ist schon ein ganz wesentlicher
Punkt.
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