Das Manuskript zum Beitrag

Manuskript
Beitrag: Dieselgate bei Daimler? –
Milliardenklage in den USA
Sendung vom 7. Juni 2016
von Hans Koberstein und Hilke Petersen
Anmoderation:
Das kommt davon, wenn man den Mund zu voll nimmt. Daimler
habe die sauberste Dieseltechnologie der Welt, versprach der
Konzern den Kunden. Irreführende Werbung, meinte ein Anwalt in
den USA und reichte eine Milliardenklage ein. Frontal 21 und der
„Zeit“ liegt die Klageschrift vor. Sollten die darin enthaltenen
Messergebnisse vom amerikanischen Umweltamt bestätigt
werden, droht der Mercedes-Stern zu sinken – zumindest in den
USA. Hans Koberstein über Daimlers Dieselgate.
Text:
Mercedes – Die Marke steht für höchste Qualität. Der Leitspruch:
Das Beste oder Nichts. Das gilt auch für Dieselabgase, verspricht
Mercedes vor gut zehn Jahren.
O-Ton Prof. Thomas Weber, Vorstand Daimler AG,
September 2005:
Wir sind entschlossen, für unsere Kunden den saubersten
Diesel der Welt zu bauen!
Tatsächlich sind Mercedes-Diesel nur auf dem Rollenprüfstand
sauber, im Labor - nicht aber auf der Straße. Das zeigten
Messungen im Auftrag von Frontal 21 mit einem mobilen
Abgasmessgerät im vergangenen Jahr. Das Ergebnis: Das Auto
stößt auf der Straße fast drei Mal so viele Stickoxide in die Luft,
als der Grenzwert vorsieht. In der Werbung sieht das anders aus.
O-Ton Werbespot Mercedes-Benz, BLUETEC ads, Quelle:
YouTube:
Blau, blau, blau sind alle meine Bäume. Blau, blau, blau ist
alles was ich hab.
Die Botschaft von Mercedes: Wir sind sauber.
O-Ton Werbespot Mercedes-Benz, BLUETEC ads, Quelle:
YouTube:
Darum lieb ich’s, wenn mein Himmel blau ist, weil mein Papa
ein blaues Auto fährt. Bluetec – die sauberste
Dieseltechnologie der Welt“
Auch in den USA warb Daimler jahrelang mit dem angeblich
saubersten Diesel der Welt. Jetzt wird Daimler von dieser
Anwaltskanzlei in Seattle verklagt: Hagens Berman, gefürchtet
von Autobauern aus aller Welt.
Steve Berman empfängt Frontal 21 und die Wochenzeitung „Die
Zeit“ zu einem Interview. Berman vertritt bereits Sammelkläger gegen Volkswagen – auch VW hatte „saubere Diesel“ beworben
und tatsächlich schmutzige Autos verkauft. Ein Fehler, der
Volkswagen Milliarden kosten wird.
O-Ton Steve W. Berman, Anwaltskanzlei Hagens Berman,
Seattle:
Als ich an der Klage gegen VW gearbeitet habe, da dachte
ich mir: Vielleicht hat Mercedes ja dasselbe Problem. Also,
habe ich einen Wissenschaftler engagiert, der ein mobiles
Abgasmessgerät hat, und wir haben Mercedes-Dieselautos
hier in den USA getestet.
Das Ergebnis von Bermans Abgastest ist in der Klageschrift
gegen Mercedes dokumentiert: Bei den NOx-Emissionen, also
den Stickoxiden, liegt der Messwert auf der Straße bis zu 30,8fach über dem Grenzwert.
O-Ton Steve W. Berman, Anwaltskanzlei Hagens Berman,
Seattle:
Mercedes hat seine Autos als die „saubersten Diesel“ aller
Zeiten verkauft, als ultrasauber. Sie sind es aber nicht.
O-Ton Frontal 21:
Was passiert in den USA, wenn Verbraucher belogen
werden?
O-Ton Steve W. Berman, Anwaltskanzlei Hagens Berman,
Seattle:
Wir werden Mercedes dazu zwingen, die Autos
zurückzukaufen oder sie zu reparieren. Den Verbrauchern
muss eine „Betrugsprämie“ bezahlt werden. Du hast mich
betrogen, ich habe für das Auto zu viel Geld bezahlt, dafür
muss es eine Entschädigung geben.
O-Ton Frontal 21:
Wie teuer käme das Mercedes?
O-Ton Steve W. Berman, Anwaltskanzlei Hagens Berman,
Seattle:
Ich habe das mal grob überschlagen. Mercedes müsste bei
einem Rückkauf aller Dieselautos zwischen fünf und sieben
Milliarden Dollar zahlen.
Das wäre ein enormer Schaden für Daimler. Wir fragen nach. Der
Konzern will sich zu den belastenden Abgastests aus den USA
nicht äußern. Schriftlich heißt es pauschal,
Zitat:
„Wir halten die Klagen für unbegründet und werden uns mit
allen juristischen Mitteln zur Wehr setzen.“
Doch schon droht Daimler weiteres Unheil - von der USUmweltbehörde EPA. Die hat schon VW des Betrugs überführt.
Jetzt hat die EPA auch Mercedes im Verdacht, untersucht
deshalb deren Dieselautos mit eigenen Abgastests.
Das kann teuer enden, weiß Axel Friedrich. Er war Beamter im
Umweltbundesamt und hält Kontakt zu den US-Behörden.
O-Ton Axel Friedrich, ehemaliger Leiter Verkehrsabteilung
Umweltbundesamt:
Wenn die EPA feststellen würde, ein Fahrzeughersteller hat
illegale Abschaltmaßnahmen eingesetzt, dann muss er dies
beseitigen. Er muss es reparieren oder die Fahrzeuge aus
dem Markt herausnehmen und er bekommt eine Geldstrafe und zwar in erheblicher Höhe.
Konkret drohen Daimler im schlimmsten Fall Strafgelder bis zu
4,7 Milliarden US-Dollar. Daimler erklärt dazu,
Zitat:
„Wir werden uns (…) nicht zu den Spekulationen über
theoretische Bußgelder äußern.“
Anwalt Steve Berman ist sich sicher, die US-Umweltbehörde
werde auch Daimler überführen.
O-Ton Steve W. Berman, Anwaltskanzlei Hagens Berman,
Seattle:
Ich glaube, das wird genauso enden wie bei VW. Die Autos
von Mercedes sind zwar nicht ganz so schmutzig, aber sie
sind schmutzig. An der Stelle von Mercedes würde ich
versuchen, das Problem zu lösen, so schnell es geht, nicht
weiter leugnen und nicht weiter zulassen, dass diese Autos
die Umwelt belasten.
Das Allerbeste für Verbraucher und Umwelt aber ist, wenn
Daimler sein Versprechen wahr macht - das Versprechen vom
saubersten Diesel der Welt.
Abmoderation:
Am 21. Juni muss Volkswagen in den USA vor Gericht. 16,2
Milliarden Euro hat der Konzern für einen Vergleich mit
Autobesitzern und US-Behörden zurückgelegt. Bemerkenswert,
wie unterschiedlich Deutschland und die USA verfahren. Dort
werden die Autobesitzer „substanziell entschädigt“ und Hersteller,
die gegen Umweltrechte verstoßen, hart bestraft. Und hier?
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