Gastbeitrag Themen-Magazin: Einen Markt für Flexibilität schaffen

Grafik: S. Jacob, www.punkt191.de
Heft 4 | 2015
www.themen-magazin.de
ISSN 2194-1343
Anmerkungen zum
Strommarkt 2.0
S. 10: Speicher zwischen
Flexibilität und Kapazität
Boris Schucht, Sprecher der Geschäftsführung,
50Hertz Transmission GmbH
S. 16: Konsequent dezentral
und innovativ
Josef Hasler,
Vorstandsvorsitzender N-ERGIE Aktiengesellschaft
S. 28: WEMAG setzt
auf neue Geschäftsmodelle
Caspar Baumgart
und Thomas Pätzold, Vorstand WEMAG AG
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| Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne)
Angebot und Nachfrage überein zu bringen wird die zentrale Aufgabe im erneuerbaren
Energiesystem der Zukunft. Verbraucher und Erzeuger müssen dafür flexibel werden.
Der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne) e. V. hat ein Modell entwickelt, mit
dem sich die notwendige Flexibilität wettbewerblich und systemdienlich organisieren lässt.
Ein Gastbeitrag von Robert Busch, bne-Geschäftsführer
Foto: Jan Pauls Fotografie
Einen Markt für Flexibilität schaffen
Flexibilität ist die Antwort auf die wetterabhängigen erneuerbaren Energien. So steht es im Weißbuch zum künftigen Strommarktdesign, dass
das Bundeswirtschaftsministerium Anfang Juli vorgestellt hat. Ein grundsätzlicher Wandel ist im Gange. Fuhren früher die Grundlastkraftwerke
definierte Verbrauchskurven nach, können in Zukunft die Haushalte und Industriebetriebe auf das Angebot von Sonnen- und Windenergie reagieren. Für den notwendigen Ausgleich zwischen Erzeugung und Verbrauch werden flexible Kapazitäten wie Speicher, Power-to-Heat oder
Lastmanagement sorgen. Wann, wie und in welchem Umfang sie zum Einsatz kommen, wird in einem Strommarkt 2.0 durch die Marktpreise
koordiniert. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Weichen nun richtig gestellt werden. Wenn viele Verbraucher gleichzeitig auf ein einheitliches Marktpreissignal reagieren, geraten die Verteilnetze schnell an Grenzen. Sie sind aus Effizienzgründen schlicht nicht darauf ausgelegt, dass
etwa alle angeschlossenen Haushalte gleichzeitig die maximal mögliche Leistung beziehen. In der alten Energiewelt war dies auch nie der Fall.
Werden die Verbraucher selbst zum Teilnehmer auf dem Energiemarkt, haben immer mehr Häuser nicht nur Solaranlagen auf dem Dach, sondern
auch Speicher oder elektrische Heizungen im Keller haben, ändert sich dies. Die lokalen Netze müssten also massiv zur vielzitierten Kupferplatte
ausgebaut werden. Allein aus Kostengründen ist dies nicht wirklich erstrebenswert.
Strompreis allein
reicht als Signal nicht aus
Zu beachten ist auch: Der bundeseinheitliche
Strompreis taugt nicht als alleiniger Taktgeber
für die Flexibilisierung. Denn er sagt nichts
über die Wetter- und Erzeugungssituation in
einer bestimmten Region aus.
Anders ausgedrückt, wenn viel Windstrom
aus dem Norden die Preise sinken lässt und
damit ein Signal zur Lasterhöhung gibt, kann
in Südbaden zeitgleich ein Wolkenfeld durchziehen und die Solarstromproduktion dimthemen:magazin
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men. Ist dann ein Ausgleich über das
Übertragungsnetz nicht möglich, ist in dieser
Region ein geringerer statt ein höherer
Verbrauch angezeigt, um das Netz stabil zu
halten – selbst wenn der Börsenstrompreis
ein anderes Signal sendet. Auch die Bundes­
netzagentur kommt in einem aktuellen Evalu­
ierungsbericht zu dem Schluss, dass sich ein
regional nicht differenziertes Signal zur Last­
erhöhung netzschädlich auswirken könnte.
Wie kann also ein Marktmodell aussehen, das
regionale Bedingungen im Blick hat und einen
Wettbewerb um Flexibilitätsoptionen ermöglicht? Der bne hat dazu als erster energiewirtschaftlicher Verband im vergangenen Jahr ein
Konzept, den Flexmarkt vorgestellt. Die Idee:
Ein regionales Signal zeigt zusätzlich zum
Börsenstrompreis an, ob und in welchem Um­
fang in einer Region ein flexibles Ver­brauchs­
verhal­ten in einer Region angezeigt ist.
Anwendungsfall
für digitale Infrastruktur
Ein Beispiel: Die Wetterprognosen lassen für
den Folgetag viel Windstrom und damit sin-
Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne) |
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Zukünftiger Marktrahmen
(energiewirtschaftlicher Fokus)
Großhandel
Standardlastprofil
iZ
Eine Vielzahl an derartigen Nutzern wird künftig
in Virt.KW gepoolt
Visualisierung/
Effizienz
Mehrwertdienste
Non-Flex (volles
Netzentgelt)
ZSG/RLM
iMSys
Flexibilitätendezentral
Flex (reduziertes
Netzentgelt bzw.
anderer Anreiz)
Flexibilitätenzentral
Regelleistungsmarkt
Großhandel
Regelleistungsmarkt
eingeschränkt
Grafik: bne
Seite 3 | Der Flexmarkt | | Berlin | 2. Juli 2015
kende Preise an der Strombörse erwarten, für
Verbraucher und Betriebe ein Anreiz für zusätzlichen Verbrauch. Ein Verteilnetzbetreiber,
der in seinem Versorgungsgebiet durch die
zusätzliche Last einen Engpass befürchtet,
kann über eine regionale Leitwarte flexible
Kapazitäten anfragen. Diese Kapazitäten können Vertriebe bei ihren Kunden poolen.
Ein Beispiel sind Kühlhäuser, die ihre Kälteproduktion für kurze Zeit zurückfahren und
auf diese Weise das Netz entlasten. Der Vorteil für den Kunden: Wer Flexibilität zur Verfügung stellt und sich somit systemdienlich
verhält, wird dafür belohnt und kann seine
Energiekosten senken. Für den Verteilnetzbetreiber vor Ort bietet die Flexibilisierung einen großen Vorteil: Mit intelligenter Vernetzung von Verbrauch und Erzeugung lässt
sich der Ausbaubedarf deutlich reduzieren.
All diese Prozesse dürfen die Kunden nicht
überfordern; sie müssen automatisiert und
digital laufen. Wer am Flexmarkt teilnehmen
will, benötigt eine digitale Infrastruktur, damit
sich Marktsignale empfangen und Daten
übermitteln lassen können.
Hemmnisse beseitigen
In der bisherigen Verteilnetzstruktur mit über
900 Betreibern beim Strom lässt sich ein solches Konzept, dass auf wettbewerbliche Art
und Weise regionale Flexibilität anreizt, schwer
umsetzen. Der Flexmarkt sieht daher eine effizientere Organisation vor, nach der sich die
Stromverteilnetzbetreiber zu ca. 25 regionalen
Verbünden zusammenschließen. Das Eigentum
an den lokalen Netzen bleibt dabei unverändert. Der Vorteil: Wichtige Informationen zu
Einspeisung und Verbrauch vor Ort laufen in
den regionalen Netzclustern zusammen, was
die Organisation deutlich vereinfacht.
Ein Flexibilitätshindernis ist die bestehende
Netzentgeltsystematik. Sie belohnt Energieverbraucher dafür, dass sie kontinuierlich
Strom verbrauchen. Wer sich flexibel verhält,
und mitunter für kurze Zeit sehr viel Überfluss-Strom aus dem Netz entnimmt, wird
dagegen nach der geltenden Logik über dann
teurere Netzentgelte bestraft. Aus der Welt
von schwerfälligen fossilen Grundlastkraftwerken stammen zudem Regelungen, die einen Verbrauch in Schwachlastzeiten, sprich
nachts, anreizen. Die Windstromproduktion
richtet sich aber eben nicht nach Tag- und
Nacht-Fenstern.
Selbst die Bundesnetzagentur stellt in einer
aktuellen Bewertung fest, dass diese Regelungen einen geringen Nutzen im Hinblick auf
die Netzkostensenkungen oder Netzstabilität
entfalten. Zusammengenommen haben diese
Fehlanreize einen Gegenwert von mehreren
Hundert Millionen Euro pro Jahr. Mit diesem
Geld ließe sich eine Flexibilisierung sinnvoll
anreizen. Der bne und der Deutsche Industrie
und Handelskammertag (DIHK) haben sich
daher kürzlich gemeinsam dafür ausgesprochen, die bestehenden Regelungen flexibilitätsfördernd umzugestalten.
Für die Unternehmen der neuen Energiewirtschaft bietet die Flexibilität nicht zuletzt die
Möglichkeit, viele neue und digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, indem sie Steuerungspotenziale aus Speichern, Lastmanagement
oder Power-to-Heat vernetzen und im Wettbewerb anbieten. Die Flexibilisierung ist damit
nicht zuletzt auch ein Beispiel für das Zusammenwachsen von Energie- und IT-Welt.
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