Programmheft - Badisches Staatstheater Karlsruhe

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DAS ZIEL DER
DEPORTATION
IST DAS NICHTS
DIE KINDER DES MUSA DAGH
von Ferdinand Bruckner nach dem Roman von Franz Werfel
23. EUROPÄISCHE KULTURTAGE KARLSRUHE
Wanderungen – Glück, Leid, Fremdheit
Gabriel Bagradian
Juliette, seine Frau
Stefan, deren Sohn
Pastor Aram Tomasian
Iskuhi, seine Schwester
Kebussian, Bürgermeister von Yoghonoluk
Ter Haigasun, Lehrer und Priester
Altouni, Arzt
Gonzague Maris
JANNEK PETRI
AMÉLIE BELOHRADSKY a. G.
JOHANNES SCHUMACHER
LUIS QUINTANA
MARTHE LOLA DEUTSCHMANN
RONALD FUNKE
KLAUS COFALKA-ADAMI
SASCHA TUXHORN
SVEN DANIEL BÜHLER
Johannes Lepsius
Enver Pascha, Kriegsminister
Rifaat Bereket, Agha von Antiochia
Ein deutscher Geheimrat
Ein Scheich im Derwischkloster
Ein junger Scheich
GUNNAR SCHMIDT
L UIS QUINTANA
KLAUS COFALKA-ADAMI
SASCHA TUXHORN
RONALD FUNKE
SASCHA TUXHORN
und
HADEER KHAIRI HANDO a. G.
Regie Bühne & Kostüme Licht
Dramaturgie Theaterpädagogik
STEFAN OTTENI
ANNE NEUSER
CHRISTOPH PÖSCHKO
MICHAEL GMAJ
VERENA LANY
Mit freundlicher Unterstützung
PREMIERE 28.11.15 KLEINES HAUS
Aufführungsdauer 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause
Aufführungsrechte: Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH, Berlin
EUROPÄISCHE KULTURTAGE KARLSRUHE
Regieassistenz CORNELIUS EDLEFSEN Bühnenbildassistenz MEGAN ROLLER, ANDREAS
STOFFELS Kostümassistenz STEFANIE HOFMANN Soufflage DAGMAR WEBER Inspizienz
JOCHEN BAAB Regiehospitanz LILIAN HAUPT, DAPHNE STADUS Kostümhospitanz
ANNIKA FOLKE Dramaturgiehospitanz JULIA GONCHAR*
Technische Direktion HARALD FASSLRINNER, RALF HASLINGER Bühne Kleines Haus
HENDRIK BRÜGGEMANN, EDGAR LUGMAIR Leiter der Beleuchtungsabteilung STEFAN
WOINKE Leiter der Tonabteilung STEFAN RAEBEL Ton, Video JAN FUCHS, TILL MEILER,
DIETER SCHMIDT Leiter der Requisite WOLFGANG FEGER Requisite CLEMENS WIDMANN Werkstättenleiter GUIDO SCHNEITZ Konstrukteur MICHAEL KUBACH Malsaalvorstand GIUSEPPE VIVA Leiter der Theaterplastiker LADISLAUS ZABAN Schreinerei
ROUVEN BITSCH Schlosserei MARIO WEIMAR Polster- und Dekoabteilung UTE WIENBERG Kostümdirektorin CHRISTINE HALLER Gewandmeister/in Herren PETRA ANNETTE
SCHREIBER, ROBERT HARTER Gewandmeisterinnen Damen TATJANA GRAF, KARIN
WÖRNER, ANNETTE GROPP Kostümbearbeitung ANDREA MEINKÖHN Waffenmeister
MICHAEL PAOLONE, HARALD HEUSINGER Schuhmacherei THOMAS MAHLER, VALENTIN KAUFMANN, NICOLE EYSSELE Modisterei DIANA FERRARA, JEANETTE HARDY
Chefmaskenbildner RAIMUND OSTERTAG Maske HATEY YALCIN, MARINA ZIEBOLD
*Stipendiatin der European Theatre Convention aus der Ukraine
Wir danken den armenischen Freunden in Berlin für historische Beratung und praktische Hilfe. Den Einwohnern des Dorfs Vakifli am Musa Dagh danken wir herzlich für
ihre Hilfe und Gastfreundschaft. Navid Kermani, Katajun Amirpurr und Dr. Jörg Imran
Schröter danken wir für praktische Beratung bei den Proben.
Wir machen darauf aufmerksam, dass Ton- und/oder Bildaufnahmen unserer
Aufführungen durch jede Art elektronischer Geräte strikt untersagt sind.
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Amélie Belohradsky, Jannek Petri
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MUSA DAGH –
GARTEN EDEN AM
DER
WELT
ENDE
ZUM HISTORISCHEN HINTERGRUND
Der Musa Dagh, Berg des Moses, ein
1355 Meter hoher Gipfel im Südosten der
heutigen Türkei, erhebt sich direkt am
Mittelmeer, südlich der Küstenstadt Alexandretta, heute Iskenderun. Während des
Völkermords an den Armeniern flüchteten
sich 1915 rund 5000 Männer, Frauen und
Kinder auf die natürliche Festung. Aus Hunderten von Dörfern und Städten im gesamten Osmanischen Reich war die armenische
Bevölkerung ab April 1915 systematisch
verhaftet, deportiert und auf Todesmärsche
in die syrische Wüste geschickt worden.
Der Musa Dagh war einer von vier Orten, an denen die Armenier Widerstand
leisten konnten. Angeführt wurden sie
von einem ehemaligen Offizier, Moses
Der Kalousdian. Unter seinem Kommando
schlossen sich die Bewohner der Dörfer
Wakef, Yoghonoluk, Khedrbek, Haj Habibli
und Keboussik zusammen. Sie errichteten
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Steinwälle, verschanzten sich mit einigen
hundert Jagdgewehren und den Vorräten, die sie aus ihren Dörfern hochtragen
konnten, auf der Hochebene, und kämpften
erbittert und geschickt gegen mehrere
Versuche der osmanischen Armee, sie in
den Tod zu schicken. In ihrer Not hissten
die Armenier eine selbstgenähte Rotkreuzflagge, die noch heute im einem Museum
in Anjar ausgestellt ist. Am 12. September
1915, einem von der französischen Armee
schriftlich festgehaltenem Datum, näherte
sich das französische Kriegsschiff Guichen
der levantinischen Küste. Kurze Zeit später
landeten drei weitere alliierte Schiffe, nahmen 4048 Menschen an Bord und brachten
sie nach Port Said in Ägypten in Sicherheit.
Dort wurden sie in einem provisorischen
Flüchtlingslager untergebracht. Unter den
Geretteten war auch ein Pastor namens Digran Andresian, der über die Kämpfe Buch
geführt hatte.
Es gibt noch weiter Berichte über den
Musa Dagh. So schrieb der deutsche Major
Graf Wolffskeel, von Enver Pascha zum
Stabschef in der türkischen Armee ernannt,
seinem Vater von den Vorkommnissen am
Mosesberg:
„Morgen geht es wieder los, diesmal nach
Antiochia [heute Antakya] und von da an
die Küste. Dort brennt es ein bißchen. Es
sitzen dort eine Menge Armenier, die dem
freundlichen Angebot der Regierung, sie
anderweitig anzusiedeln, nur mangelhaftes
Verständnis entgegenbringen und sich mit
Kind und Kegel und leider auch mit zahlreichen Gewehren und Munition in den
Bergen zwischen Antiochia und dem Meer
festgesetzt haben, in der ausgesprochenen
Absicht, sich da nicht vertreiben zu lassen.
Wo sie jetzt stecken, kann man sie aber
kaum brauchen. Denn eine bewaffnete
Bande, natürlich feindlich gesinnt, würde
die Verteidigung von Alexandrette [heute
Iskenderun] im Rücken bedrohen. Nun ist
die Schwierigkeit sie zu fangen nur die,
dass man sie von der Meerseite aus angreifen muss. Dort liegen aber seit 8 Tagen
sechs französische Kreuzer, die mit den
Aufständischen in Signalverbindung stehen
und unsere Truppen, sobald sie sich auf
den meerwärts gelegenen Hängen zeigen,
unter ausgiebiges Granatfeuer nehmen.
Jetzt wollen wir uns die Sache einmal
selbst ansehen. Zwei Schiffe voll haben
die Franzosen schon neulich weggefahren.
Wenns nach mir ging, könnten sie ja die
ganze Gesellschaft haben. Ich fände es eine
glänzende Lösung, wenn so viele Armenier
wie irgend möglich das Land verließen
unter der Bedingung niemals wiederzukommen. Den Türken geht es aber doch gegen
den Strich, sie sich so unter der Nase weg
fortführen zu lassen, also soll es verhindert
werden. Meinetwegen verhindern wirs, im-
mer vorausgesetzt, dass bis wir hinkommen
nicht der Rest auch schon weg ist.“
Die Vorgänge auf dem Musa Dagh inspirierten den in Prag geborenen österreichischjüdischen Autor Franz Werfel, einen in
Teilen fiktionalen Roman zu verfassen, den
er Die vierzig Tage des Musa Dagh nannte.
Werfel traf in Damaskus auf armenische
Waisenkinder. Die Aufzeichnungen von
Digran Andresian und die des deutschen
Pastors Johannes Lepsius, deutscher
Theologe und Gründer des Armenischen
Hilfwerks, waren die wichtigsten Quellen
für Werfels Roman. Um für die westlichen
Leser eine bessere Identifikationsfigur zu
schaffen, machte er aus dem Anführer Der
Kalousdian den aus Armenien stammenden
Franzosen Gabriel Bagradian, der wegen
des Todes seines Bruders, der zum Musa
Dagh zurückgekehrt ist, sich um dessen
Erbe kümmern muss, und so mit seiner
Familie in die schicksalshaften Ereignisse
des Jahres 1915 hineingerät.
Das Buch erschien 1933, wurde sofort
zu einem Bestseller und in 18 Sprachen
übersetzt. Mit Hitlers Machtergreifung
wurde Werfel selbst zum Flüchtling, zuerst
nach Wien, dann in die USA. Viele europäische Juden lasen das Buch in der Zeit
der Naziherrschaft und verstanden es als
Warnung vor ihrem eigenen Schicksal. Es
ist nachgewiesen, dass Exemplare durch
die jüdischen Ghettos von Hand zu Hand
wanderten, den Internierten neue Hoffnung
gaben und sie erfolgreich zum Widerstand
motivierten. Der österreichisch-deutsche
Schriftsteller und Theaterleiter Ferdinand
Bruckner, bekannt für sein Stück Krankheit
der Jugend, verfasste seine Dramatisierung
von Werfels Roman 1940 im amerikanischen
Exil. Das Stück mit dem Titel Die Kinder des
Musa Dagh wurde damals nicht veröffent5
licht. Uraufgeführt wurde das Stück erst
1996 in Ingolstadt.
Seit dem Völkermord leben fast alle in der
Türkei verbliebenen Armenier in Istanbul,
rund 65.000 sind es gegenwärtig. Das Dorf
Wakef, heute Vakifli, ist eine Ausnahme:
Heute leben dort noch rund 130 Armenier.
Es ist das letzte armenische Dorf in der
Türkei.
Nach dem Sieg der Engländer und Franzosen über das mit Deutschland und
Österreich-Ungarn verbündete Osmanische
Reich, kehrten die meisten Dorfbewohner zum Musa Dagh zurück. Der Distrikt
Alexandretta kam als Teil des Protektorats
Syrien unter französisches Mandat. Die
endgültige Vertreibung kam 1939. Die kurzzeitig als Republik Hatay von den Franzosen
unabhängig gewordene Provinz ging kurz
vor dem 2. Weltkrieg nach einer Volksabstimmung an die Türkei. Die Armenier vom
Musa Dagh mussten sich entscheiden,
ob sie bleiben oder in den von Frankreich
kontrollierten Libanon umsiedeln wollten.
Ein großer Teil hat sich damals in der libanesischen Bekaa-Hochebene im Dorf Anjar
neu angesiedelt. Angesichts der kompletten
Vernichtung aller armenischen Gemeinden
auf dem Gebiet des osmanischen Reiches
ist der Musa Dagh zum Symbol des armenischen Überlebenswillens geworden. Im
ost-anatolischen Van wurden die Armenier
durch das Voranrücken der russischen
Armee gerettet. Der Musa Dagh steht für
den einzigen Ort, an dem die westlichen
Alliierten, im Krieg mit dem Osmanischen
Reich, den Mord an Armeniern durch ihr
Eingreifen verhindert haben.
HIER IN DIESEM LAND
BIN ICH GEBOREN. HIER
MUSSTE ICH ZUHAUSE
SEIN. ABER WIE?
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Marthe Lola Deutschmann, Johannes Schumacher
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AUFRUF
WIDERSTAND
ZUM
ZUM INHALT
Gabriel Bagradian kehrt nach 25 Jahren aus
Paris in seine armenische Heimat am Fuße
des Musa Dagh zurück, um die Erbschaftsangelegenheiten seines verstorbenen
Bruders zu klären. Sein 13-jähriger Sohn
Stefan und seine Frau Juliette, eine gebürtige Französin, begleiten ihn. Der Besuch in
Yoghonoluk sollte nur kurze Zeit in Anspruch
nehmen, aber während Gabriel mit Frau und
Kind unterwegs ist, bricht in Europa der
Erste Weltkrieg aus. Gabriel ahnt schon seit
langem, dass die Situation in der Türkei für
die Armenier gefährlich werden könnte. Der
Versuch seine Familie zu überreden, ohne
ihn nach Frankreich zurückzukehren, wird
abgewiesen: Sohn Stefan ist so begeistert
von den Armeniern und der eigenen neu entdeckten Herkunft, dass er nicht mehr weg
will. Er zeichnet an einer Karte vom Musa
Dagh, weil er festgestellt hat, dass das
Gebiet nie kartografiert worden ist. Juliette
fühlt sich im neu gefundenen „Paradies“ sicher vor den Kriegswirren. Gestützt wird sie
dabei von Gonzague, einem amerikanischen
Journalisten mit französischen und griechischen Wurzeln, der bei den Bagradians am
Ende der Welt untergekommen ist.
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Doch dieses Paradies bricht plötzlich
zusammen, als zwei erschöpfte Armenier in
dem Salon auftauchen – der junge protestantische Pastor Aram Tomasian und seine
19-jährige Schwester Iskuhi. Sie entkamen
der Deportation aus der armenischen Stadt
Zeitun. Das Mädchen ist von türkischen
Milizionären vergewaltigt worden, zusammen
mit Aram gelang ihr die Flucht. Obwohl es bei
Todesstrafe verboten ist, Vertriebene bei sich
aufzunehmen, lädt Gabriel die Flüchtlinge ein,
in seinem Anwesen unterzukommen.
Gabriel entscheidet sich, Rifaat Bereket, den
Agha von Antiochia, der nächsten größeren
Stadt, aufzusuchen und ihn um Rat zu fragen.
An eine Rückkehr nach Frankreich ist nicht
mehr zu denken, Gabriel fragt sich ob er seine
Familie in Konstantinopel in Sicherheit bringen
soll. Doch Rifaat informiert ihn darüber, dass
in der Hauptstadt bereits erste Verhaftungen
von armenischen Intellektuellen stattgefunden haben, Zeitungen verboten wurden,
Restaurants geschlossen worden sind. Dort
wären er und seine Familie noch viel gefährdeter. Auf die Frage von Gabriel, was Menschen zu solchen Taten antreibt, antwortet
Rifaat nur: „Das Unerklärliche in uns und über
uns“, und schenkt ihm eine alte armenische
Münze mit dieser Gravur. Er rät Gabriel, sich
zu verbergen und sich am Musa Dagh ruhig zu
verhalten, bis der Krieg vorüber sei. Er selbst
werde sich zwischenzeitlich für die Armenier
stark machen.
Währenddessen trifft der deutsche Pastor
Johannes Lepsius, Gründer des Armenischen Hilfswerks in Konstantinopel auf
Kriegsminister Enver Pascha. Lepsius ließ
über Mittelsmänner eine Audienz arrangieren um Enver Pascha davon zu überzeugen,
die Deportationen und die Gräueltaten an
den Armeniern zu stoppen. Doch Enver lässt
sich nicht umstimmen. Der Entwurf eines
neuen, großen osmanischen Reiches, eines
neu gestalteten ethnisch reinen Nationalstaates, ist ihm und den Jungtürken wichtiger als Menschlichkeit. Er informiert Lepsius
darüber, dass das Ziel der Deportationen
das Nichts sei, dass die Vertriebenen in der
Wüste vernichtet werden.
Im Hause Bagradian treffen sich die
wichtigsten Vertreter des Dorfes: Der
Bürgermeister Kebussyan, der Priester Ter
Haigasun und der Arzt Doktor Altouni. Die
Berichte über die Massaker beunruhigen die
Dorfbewohner. Aber alle verharren in einer
eigentümlichen Passivität. Vertreibungen
gab es schon früher, man könne nichts tun,
sagt der Bürgermeister. Lieber sollten sich
alle ruhig verhalten, sich verstecken oder
mit den Behörden ein Übereinkommen finden. Das habe bisher immer mehr genutzt,
als sich zu wehren. Doch mit Gabriel ist ein
Fremder in den Kreis eingetreten. Trotz des
Rates von Rifaat schlägt er vor, sich auf dem
Berg Musa Dagh mit Vorräten zu verschanzen und auszuharren. Anhand der gezeichneten Karte von Stefan zeigt er die Möglichkeiten auf, wie sich 5000 Menschen, die
Bevölkerung von sieben Dörfern, auf dem
Berg in Sicherheit bringen könnten. Nicht
alle sind mit dem Vorschlag einverstanden.
Doch durch die Überzeugungsarbeit von
Pastor Aram und dem Priester Ter Haigasun können auch Kebussyan und Altouni
umgestimmt werden. Mit lediglich einigen
hundert Jagdgewehren und den Vorräten,
die sie aus ihren Dörfern tragen können,
verstecken sich die Armenier auf dem Berg
und hoffen auf Rettung durch Schiffe der Alliierten. Auf einer Seite fällt der Berg direkt
ins Meer ab. Mit ein wenig Glück könnten
die Offiziere auf den Schiffen eine Flagge
mit der Aufschrift „Christen in Not“ auf dem
Berg erkennen, hoffen die Armenier.
Johannes Lepsius versucht, nach dem gescheiterten Gespräch mit Enver Pascha, den
deutschen Reichskanzler um Hilfe zu bitten.
Deutschland ist Bündnispartner des Osmanischen Reiches. Doch empfangen wird er
nur von einem Geheimrat, der den Kanzler
entschuldigt. Er macht Lepsius klar, dass
die deutsche Regierung aus diplomatischen
Gründen kein Interesse hat das Verhältnis
mit der Türkei zu gefährden. Er warnt ihn sogar davor, die Ereignisse in der Wüste publik
zu machen, Lepsius´ Engagement in dieser
Sache wäre politisch unerwünscht. Der
sieht nur noch einen Ausweg: die Türken
selbst um Hilfe zu bitten.
Die wenigen Vorräte auf dem Berg und die
lebensbedrohliche Lage setzen Spannungen zwischen den Widerständlern frei. Die
osmanische Miliz greift die Wachposten an,
die um die Ebenen aufgestellt wurden, auf
denen die Bevölkerung in Zelten untergekommen ist. Doch Gabriel, als Armenier ein
Reserveoffizier der osmanischen Armee, ist
ein kluger Stratege und seine defensiven
Maßnahmen zeigen Erfolg. Juliette fühlt
sich dagegen im Lager ausgegrenzt. Nicht
nur hat Gabriel keine Zeit, ihr die nötige
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Aufmerksamkeit zu schenken, er bittet alle,
sie nicht in die Arbeit oder die Kämpfe zu
verwickeln, denn sie gehöre nicht zu den
Armeniern, müsse als Französin aus allem
herausgehalten werden. Gonzague versucht
sie zu überreden, mit ihm zusammen vom
Berg zu fliehen. Doch Juliette will bei Gabriel bleiben und ihn unterstützen. Gabriel fühlt
sich zur jungen Iskuhi hingezogen. In dem
Kampf um Identität und Zugehörigkeit steht
sie ihm näher, als Juliette das jemals konnte.
Es werden Boten ausgesucht, die ans Meer
und zu den Botschaftern nach Aleppo
geschickt werden sollen, um Hilfe für die Verschanzten zu erbitten. Der hitzköpfige Stefan
besteht darauf, dass sein Vater ihn zum
Boten wählt und auf die lebensgefährliche
Wanderung schickt. Gabriel verbietet ihm
das und schickt andere auf die Botengänge.
Doch Stefan widersetzt sich der Entscheidung seines Vaters und begleitet seinen besten Freund Haik auf dem gefährlichen Gang.
Rifaat Bereket reist zu Enver Pascha nach
Konstantinopel und spricht bei ihm bezüglich
der Geschehnisse auf dem Musa Dagh vor.
Anscheinend hat der Widerstand größere
Wellen geschlagen und wird in der Presse
besprochen. Er will Enver davon überzeugen
mit dem Morden der armenischen Bevölkerung aufzuhören und versucht ihn geschickt
bei seinem Glauben zu packen und zumindest
die Widerständler auf dem Musa Dagh zu
retten. Doch auch Rifaat hat keinen Erfolg.
Auf dem Musa Dagh rücken die türkischen
Kämpfer mit Maschinengewehren vor. Unter
den Zivilisten und Widerständlern gibt es in
dem Dauerfeuer immer mehr Opfer zu beklagen. Doch Bagradian gelingt es, sie zu zurückzuschlagen und die wertvollen Waffen
zu erbeuten. Im Sumpf ist Stefan derweil so
erschöpft, dass er vom verschmutzten Was10
ser trinkt. Unterwegs kriegt er Fieber und
lässt Haik seine Reise alleine fortsetzen. Bei
dem Versuch, wieder zurück auf den Berg
zu kommen, wird er von Türken aufgegriffen
und dem nächsten Polizeiposten übergeben.
Er wird als Sohn von Bagradian erkannt:
sein Schicksal ist damit besiegelt.
Lepsius sucht als letzte Möglichkeit die
Hilfe von türkischen Geistlichen in einem
Derwischkloster. Doch hier erklären ihm die
Mönche, dass die türkische Regierung nur
das tue, was ihnen von den kriegsführenden
modernen Europäern vorgeführt wurde. Mit
dem Argument „Der Tod ist eure Religion“,
wird Lepsius´ dringliches Begehr ausgehebelt. Ein Hauptmann wird vorgelassen, der
der versammelten Runde von den Gräueltaten
in der Wüste berichtet. Lepsius fragt, ob es
denn nicht eine Möglichkeit gäbe, zumindest
den Menschen auf dem Musa Dagh zu helfen.
Das wird mit den Worten des Proheten quittiert: „Wer zugunsten eines Verräters bei Gott
einschreitet, ist selbst ein Verräter.“
Nach Hunger und Not in der Verteidigung
der eigenen Stellungen erleben die Armenier auf dem Berg eine Krise der Gemeinschaft: Sie zweifeln an der Entscheidung,
mit Gabriel auf den Berg gezogen zu sein.
Die einzige Chance auf Rettung wäre ein
Schiff der Alliierten, das zufälligerweise
auf Patrouille an der Küste vorbeikäme. Als
dann tatsächlich die von den Armeniern
gehissten Flaggen von einem vorbei fahrenden französischen Kriegsschiff gesichtet
werden, glauben die Kinder des Musa
Dagh ihren eigenen Augen nicht. Ist es eine
Fata Morgana des erschöpften Gehirns?
„Gesiegt, gerettet!“, ruft Haigasun. Nach
entsetzlichen Tagen des Widerstandes
retten schließlich fünf alliierte Schiffe die
gesamte Bevölkerung. Gabriel aber bleibt
auf dem Berg zurück.
Johannes Schumacher, Hadeer Khairi Hando, Jannek Petri, Ensemble
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Johannes Schumacher, Amélie Belohradsky, Sven Daniel Bühler, Luis Quintana,
Marthe Lola Deutschmann, Jannek Petri
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ASCHUG
–
FRANZ WERFEL,
DER
ARMENISCHE
ZUM AUTOR
Der Roman Die vierzig Tage des Musa
Dagh erschien 1933 in Deutschland und
machte Franz Werfel, geboren 1890,
gestorben 1945, zu einem in der Welt
gefeierten aber auch kontrovers diskutierten Autor. Für die Armenier machte Werfel
ein Wunder wahr, als er nahm, was zu der
Zeit nicht mehr als eine Fußnote in der
Geschichte des Ersten Weltkriegs war –
die Deportation und der Massenmord der
armenischen Minderheit des Osmanischen
Reiches – und daraus eine Erzählung
erschuf, die die Entwicklungen in NaziDeutschland, als Hitler an die Macht kam,
prophetisch vorwegnahm.
Kurz zuvor, 1930, war Werfel eine etablierte Größe in den deutschen Buchhandlungen und der Literaturszene – es war
bereits eine Biographie erschienen. Nach
der Publikation seines dritten großen
Romanes, Barbara oder die Frömmigkeit,
heiratete er seine Partnerin, Alma Mahler,
Wiens legendäre Muse, die Witwe Gustav
Mahlers und ehemalige Ehefrau des
14
BARDE
Architekten Walter Gropius. Sie ermutigte
Werfel, der ein deutsch-böhmischer Jude
war, ein wahrer Dichter zu werden. Das
bedeutete nicht nur ein Lyriker zu sein,
was er schon zu Beginn seiner Karriere
war, sondern auch in den anderen Gattungen der deutschen Literatur zu brillieren.
Werfel sagte einmal über sie: „Wenn ich
die Alma nicht getroffen hätte – ich hätte
noch hundert Gedichte geschrieben und
wäre selig verkommen…“ Werfels Freund,
der Schriftsteller Friedrich Torberg, beschrieb sie als eine „Frau von gewaltigem
Kunstverstand und Kunstinstinkt. Wenn
sie von jemandes Talent überzeugt war,
ließ sie für dessen Inhaber – mit einer oft
an Brutalität grenzenden Energie – gar
keinen anderen Weg mehr offen als den
der Erfüllung.“
Die Entstehung von Die vierzig Tage
des Musa Dagh nahm ihren Anfang mit
Werfels zweiter Reise in den Nahen Osten
im Winter 1930. Nach der Besichtigung
der Ruinen von Karnak reisten Werfel und
Alma weiter über Palästina und Jerusalem
nach Damaskus, begleitet von einer bewaffneten Wache als Schutz vor Banditen.
Wie er es selbst zu Beginn seines Buches
beschreibt, besichtigten die beiden eine
Teppichmanufaktur. Dort arbeitete eine
Gruppe von Kindern an Webstühlen. Viele
von ihnen verkrüppelt oder entstellt. Als er
sich beim Besitzer der Manufaktur über sie
erkundigte, erzählte dieser ihm, es seien
armenische Waisenkinder. Ihre Eltern
seien den Massakern und den Todesmärschen im Ersten Weltkrieg zum Opfer
gefallen. Diese Ereignisse waren keine
Neuigkeit für Werfel. In den Jahren nach
dem Krieg waren die Gräueltaten an den
Armeniern in verschiedenen Berichten
publik gemacht und besprochen worden.
Die Erinnerung an den Anblick der Augen
der Kinder ließ Werfel und Alma nicht
mehr los. Als sie in den Libanon weiterreisten, bat Werfel seinen Fahrer immer
wieder anzuhalten, um armenische Dorfbewohner zu interviewen, obwohl er mit
Fieber zu kämpfen hatte. So erfuhr er mehr
über die Dörfer der türkischen Provinz Hatay, die in der Nähe des Musa Dagh lagen.
Man erzählte ihm, wie die Führer der Dörfer die Entscheidung getroffen hatten sich
der Deportation zu widersetzen, und wie
sie sich auf dem Mosesberg verschanzt
hatten. Doch wie sein großes Idol Karl
May konnte Werfel nie den tatsächlichen
Schauplatz seines Romans besichtigen.
Das Schiff, das ihn und Alma entlang der
syrischen und türkischen Küste nach
Istanbul brachte, kam dem Musa Dagh am
nächsten. Auf dem Weg nahm der spätere
Roman erste Formen an.
Zurück in Wien im April 1930 traf Werfel
seinen Freund, den französischen Botschafter in Österreich, Comte Bertrand
Clauzel. Der Diplomat war mit Berichten
über die Rettung der Armenier vom Musa
Dagh durch alliierte Schiffe sehr vertraut
und versprach, ihm geheime Dokumente
der französischen Marine zu zeigen, die die
Offiziere und Schiffe nannten, die an der
Aktion beteiligt waren. Werfel besuchte
zudem das Kloster und die Bibliothek des
Mechitaristen-Ordens, einer Kongregation
armenisch-katholischer Geistlicher, die bis
heute im Kloster San Lazzaro in Venedig
beheimatet sind. Hier fand er noch mehr
historische Unterlagen über die Geschehnisse am Musa Dagh. Trotz Unterbrechungen durch andere Arbeiten und Reisen
sammelte Werfel eine beeindruckende
Menge an Hintergrundinformationen
über das regionale Klima, die Geographie, Wirtschaft, seine Flora und Fauna
der Gegend um den Musa Dagh. Über die
folgenden zwei Jahre wurde er vertraut
mit der türkischen und armenischen
Geschichte, der Kultur, dem Nationalismus
und auch der Küche beider Völker. Werfel
beschäftigte sich auch mit der Geschichte
der armenisch-apostolischen Kirche und
dem Sufi-Mystizismus der türkischen
Derwische, sowie den Bereichen der
osmanischen Bürokratie und Militärs. Er
wollte die Türken, wie auch die Armenier
objektiv beschreiben, was sich schon in
Notizen in seinem frühen Manuskript zeigt:
„Polemisiere nicht gegen die Türken.“
„Auch der armenische Hass gegen die
Türken. Irgendwo muss Enver auch recht
haben.“ „Achtung. Die Türken dürfen nicht
allzu fahrig und militärisch hoffnungslos
verloren erscheinen. Alle ihre Handlungen
müssen gut begründet sein.“
Diese letzten Punkte beziehen sich vor
allem auf die öffentliche Meinung in der
Türkei, dass der europäische Einfluss und
Kolonialismus die Politik des Osmanischen
Reiches gegen die Armenier und den na15
tionalen Stolz auf das eigene Militär stark
bestimmt hat. Werfel hat keine Mühen
gescheut, detailliert über die Kämpfe am
Musa Dagh zu recherchieren.
Seine Beschreibungen der Gräueltaten
an den Armeniern kamen zumeist von
deutschen Quellen: Augenzeugenberichte
von Krankenschwestern, Diplomaten,
Offizieren, die zu der Zeit in den von den
Armeniern bevölkerten Gebieten anwesend waren. Die wichtigsten Quellen, die
er fast wörtlich übernahm, waren die des
deutschen Pastors Johannes Lepsius und
von Dikran Andreassian, einem armenischen protestantischen Pastor dessen
Waisenhaus zwangsweise von den
Türken geschlossen, und dessen Kinder
nach Mesopotamien deportiert wurden.
Mit wenigen Gegenbeweisen türkischer
Quellen beschrieb Werfel die Jungtürken
als die Verantwortlichen für die Deportationen und den Tod unschuldiger Menschen. Er porträtierte ihren inneren Kreis
mit einem klaren Ziel vor Augen, bestens
vertraut mit dem europäischen Sozialdarwinismus. Innenminister Talaat Bey nutzte gezielt eine europäische Wortwahl um
die Vernichtung eines ganzen Volkes zu
beschreiben, noch lange bevor der Begriff
Völkermord benutzt wurde. Dieser wurde
erst 1944 von Raphael Lemkin geprägt
und ist im Rahmen der Resolution für die
UNO, in der Völkermord als Straftatbestand aufgenommen worden. Werfels
Roman zeigt aber nie, dass ein Befehl zum
Völkermord erteilt wurde, er beschreibt
wie eine funktionierende Bürokratie, in
der nie alles final ausgesprochen wird,
zum zentralen Nervensystem des Bösen
werden kann.
Werfel begann seine Arbeit am Roman im
Juli 1932 in Almas Sommerhaus in Brei16
tenstein am Semmering, mit dem Blick
aus seinem Schreibzimmer auf die österreichischen Berge. So kann der Beginn
des Romans als Allegorie auf den glücklichen Sommer im Hause Mahler gelesen
werden. Wie Lionel Steinman bemerkte,
zeichnete Werfel den voll assimilierten
Gabriel Bagradian nach seinem eigenen
Vorbild und dessen Frau Juliette nach
Alma Mahler. Steinman schrieb dazu, dass
es „ein Dokument über das Leben des
Autors war“, genauso wie es eins über den
Völkermord an den Armeniern war. Werfel
ließ sich von seinem eigenen Familienleben inspirieren. Alma Mahlers erwachsene Tochter, Manon Gropius, wurde Vorbild
für das armenische Mädchen Iskuhi. Im
Mai 1933 vollendete er die erste Fassung
des Romans. Er gab das Manuskript seinem
langjährigen Freund Ernst Polak zu lesen.
Diesem fiel auf, dass die Figuren sich an
vielen gemeinsamen jüdischen Bekannten
orientierten und weniger an den Armeniern
der damaligen Zeit. Obwohl Werfel einiges
umschrieb, sind noch viele darin erkennbar.
Die, die den Roman in den 1930ern gelesen haben, konnten in den Jungtürken die
Nazis ihrer Zeit erkennen, in den Türken
die Deutschen, und in den Armeniern die
europäischen Juden. Einige Leser sahen
diese unausweichliche Verbindung als
Provokation, so dass viele die armenische
Tragödie dabei vergaßen. Werfel wollte
diese Leserschaft gezielt ansprechen.
Deutlich wird das durch die Verwendung
der Begriffe wie „Rasse“, „Blut“ oder
„Volk“, die die Nazis inflationär in der
Manipulation der Bevölkerung verwendet
haben. Er wollte die deutschen Leser dazu
bewegen den Rassendiskurs zu hinterfragen. Vor Veröffentlichung des Romans,
im Herbst 1932 ging er auf Lesereise und
trug das Kapitel, in dem Johannes Lepsius
Marthe Lola Deutschmann, Johannes Schumacher, Hadeer Khairi Hando, Sven Daniel Bühler,
Luis Quintana, Sascha Tuxhorn, Klaus Cofalka-Adami
17
auf Enver Pascha trifft, vor. Es zeigte
nicht nur, dass viele Deutsche sich dafür
engagierten, die Armenier zu unterstützen
und das Morden zu stoppen, sondern Enver
Pascha benennt auch das „Judenproblem“
Deutschlands – so hielt Werfel den Deutschen den Spiegel vor. In einigen Städten
bedankten sich die Besucher mit großem
Applaus, in anderen unterbrach ihn die SA
mit Trillerpfeifen. Es wird sogar berichtet,
dass Werfel seine Lesereise verkürzen
musste, weil er in Nürnberg nach einem
Auftritt zusammengeschlagen wurde.
Trotz der Bücherverbrennung 1933, bei der
auch Werke von ihm ins Feuer geworfen
wurden, arbeitete Werfel ruhig weiter
und vollendete den Roman im Oktober des
gleichen Jahres. Doch das Buch wurde
nicht in der von Werfel bisher zu erwartenden großen Auflage gedruckt. Sein Verlag
informierte ihn darüber, dass es in kleiner
Auflage herausgegeben wird, da seine
Bücher noch immer verbrannt würden. Es
muss als kleines Wunder gesehen werden,
dass das Buch überhaupt in Deutschland
veröffentlicht wurde. Die Buchläden stellten das Buch nicht aus, keine Anzeigen
oder Besprechungen wurden in den Feuilletons publiziert. Auf einigen Exemplaren
wurde sogar Werfels Name unkenntlich
gemacht, damit keiner den jüdischen Urheber des Werks erkennt. Die Nazis verlangten ein Verbot des Buches. Die Parallelen
zwischen den Jungtürken und den Nazis
waren offensichtlich. Türkische Autoren
beklagten sich über Ungenauigkeiten und
die Beleidigung ihrer Nation. Und in Österreich, in dem der Verlag dem Türkischen
Botschafter ein Exemplar schenkte, um zu
zeigen auf was für eine respektvolle Art
und Weise die Türken im Buch gezeichnet
werden, war dessen öffentliche Reaktion
ein Desaster. Im Februar 1934 wurden alle
18
Exemplare des Buches eingezogen, nachdem es von den Behörden als Gefahr für
die öffentliche Ordnung angesehen wurde.
Die Neuigkeit erreichte Werfel in einem
Hotel an der italienischen Riviera, wo er
sich oft im Winter zum Arbeiten aufhielt.
Kurz nach dem Verbot wurde der Roman
ins Englische übersetzt und so einem neuen Markt erschlossen.
Zwischen Winter und Frühling 1934 gab
es weitere erfreuliche Nachrichten: Irving
Thalberg von der amerikanischen Filmproduktionsfirma MGM hatte sich die Filmrechte gesichert und ließ an einer Drehbuchadaption arbeiten. Thalberg schätzte
die Mischung der Themen Liebe und Krieg
im Roman, die ihn davon überzeugte, dass
es ein großer Erfolg in den Kinosälen
werden könnte. Nach Wochen der Verhandlungen, in welchen Werfel sich das
Recht sicherte, jede Adaption abzusegnen,
einigten sich die beiden Parteien auf eine
Summe von 20.000 Dollar. Doch MGM
wurde von seinem Rechtsberater gewarnt,
dass die Produktion eines solchen Filmes
nicht möglich wäre, ohne die Türken oder
sogar andere Völker zu beleidigen. Den
deutschen Text mit den genauen Beschreibungen der Gräueltaten mit solchen
Bildern zu verfilmen wäre ein Angriff auf
die türkische Nation gewesen. Es wegzulassen eine Beleidigung der Armenier. Obwohl die Türkei ein sehr kleiner Markt für
MGM war, erkannte die Firmenführung die
Wichtigkeit eines diplomatischen Vorgehens. David O. Selznick wurde als Filmproduzent bestimmt. Er schlug ein Drehbuch
vor, das nur einen einzelnen türkischen
Antagonisten hatte, der für die Taten verantwortlich und somit weniger kontrovers
gewesen wäre. Die Hauptrolle von Gabriel
Bagradian sollte Clark Gable anvertraut
werden, noch bevor er als Rhett Butler in
Vom Winde verweht zum Weltstar wurde.
Die Regie sollte Rouben Mamoulian, amerikanischer Filmregisseur mit armenischen
Wurzeln, übernehmen. Im November 1934
wurde die türkische Botschaft in den
USA über eine Pressemeldung darauf
aufmerksam, dass ein großes Filmstudio
vorhatte, den Roman zu verfilmen. Der
damalige Botschafter Mehmet Munir
Ertegun verstand die Macht des Kinos und
wie gefährlich eine solche Verfilmung für
das neue, moderne Bild der Türkei werden
könnte und setzte sich persönlich dafür
ein, die Produktion des Filmes zu stoppen.
Nachdem sich das amerikanische Aussenministerium auf die Seite Erteguns stellte,
ließ MGM das Vorhaben fallen. Trotzdem
wurde das Buch auf dem englischsprachigen Markt zu einem Bestseller.
Als Werfel zusammen mit Alma anlässlich
der Premiere seines Stückes am Broadway Der Weg der Verheißung nach New
York reiste, begrüßte die armenische Gemeinschaft die beiden herzlich und ehrte
sie mit gesellschaftlichen Empfängen, in
denen Werfels Engagement gelobt wurde.
Ein armenischer Priester drückte es so
aus, dass Werfel seinem Volk eine Seele
gegeben habe und der Welt gezeigt hatte,
welche Verbrechen gegen die Armenier
verübt worden sind. Heute steht in jedem
armenischen Bücherschrank ein Exemplar des Romans. Werfel, ein Mann der
von Mystik und Heiligenfiguren fasziniert
war, ist fast selbst zu einem armenischen
Heiligen geworden. Auf jeden Fall ist er
ihr „aschug“, ihr Geschichtenerzähler und
Barde.
DANN WIRD ES ZEIT,
EIN NEUES HELDENLIED
ZU DICHTEN: ZU LEBEN
UND ZU UBERLEBEN
19
20
Amélie Belohradsky, Sven Daniel Bühler, Johannes Schumacher, Marthe Lola Deutschmann,
Jannek Petri, Luis Quintana, Klaus Cofalka-Adami, Ronald Funke, Sascha Tuxhorn
21
AGHET
–
DIE KATASTROPHE
DER VÖLKERMORD AN DEN ARMENIERN
Henry Morgenthau, der amerikanische
Botschafter in Konstantinopel, dem heutigen
Istanbul, telegrafierte am Abend des 31. Juli
1915 an das State Department in Washington: „Dr. Lepsius hat aus verlässlicher Quelle
erfahren, dass Armenier, zumeist Frauen und
Kinder, deportiert aus dem Erzurum-Gebiet,
nahe Kemah zwischen Erzincan und Harput
massakriert worden sind.“ Johannes Lepsius, der Vorsitzende der vom Auswärtigen
Amt unterstützten Deutsch-Armenischen
Gesellschaft, war am 24. Juli in der osmanischen Hauptstadt eingetroffen. Der zitierte
Bericht über das Massaker in der KemahSchlucht gehörte zu den ersten Schreckensmeldungen, die Lepsius hier von den beiden
Augenzeugen Thora von Wedel und Eva
Elvers erfuhr. Am 21. Juli waren die Krankenschwestern bei Generalkonsul Mordtmann in
der deutschen Botschaft erschienen, um ihm
über das zu berichten, was sie erlebt hatten.
Seit dem Beginn des Weltkrieges hatte sich
die Stimmung gegenüber den osmanischen
22
Armeniern spürbar verschlechtert. Im späten Frühjahr 1915 begann eine systematische
Deportation der armenischen Bevölkerung
aus dem Osten Anatoliens. Das alles blieb
nicht unbemerkt. Überall im Land gab es
deutsche Konsulate, Militärs, Missionsstationen, Mitarbeiter der Bagdadbahn, die
an die Botschaft in Istanbul berichteten,
was sie im Innern des Landes beobachten
konnten.
Bereits am 6. Juni hatte Mehmet Talaat, der
osmanische Innenminister, Generalkonsul
Mordtmann offen erklärt, es sei die Absicht
seiner Regierung, den Weltkrieg zu benutzen, „um mit ihren inneren Feinden – den
einheimischen Christen aller Konfessionen – gründlich aufzuräumen, ohne durch
diplomatische Interventionen des Auslands
gestört zu werden.“ Botschafter Hans von
Wangenheim telegraphierte am 7. Juli an
Reichskanzler Theobald von BethmannHollweg auf der Grundlage von präzisen
Informationen, es stehe nun außer Zweifel,
„dass die Regierung tatsächlich den Zweck
verfolgt, die armenische Rasse im türkischen
Reiche zu vernichten“. Wangenheim, ein
geschulter Diplomat, würde ein solches
Urteil über einen Kriegsverbündeten nicht
leichtfertig fällen.
Zivilisten waren im 1. Weltkrieg und in den
vorausgegangenen Balkankriegen, von
Anfang an Ziele der Kriegsführung. Das
Osmanische Reich hatte 1912/13 fast alle
europäischen Territorien verloren. Vor allem
aber waren die Kriege auf dem Balkan ethnische Feldzüge, die in die Hunderttausende
gehende Todesraten unter den Betroffenen
aller Ethnien und Religionen verursachten,
und eine Kultur der unkontrollierten Gewalt
gegen die Zivilbevölkerungen zum akzeptierten Mittel der Politik werden ließen. Die
Ankündigung des Innenministers Talaat
bedeutete aber weit mehr als die einer
kriegsbedingten Deportation. Es war die
Ankündigung einer neuen Ordnung nach dem
Krieg, die man nur erreichen konnte, wenn
man die sogenannten inneren Feinde nicht
nur in andere Regionen des Landes deportierte, sondern sie regelrecht verschwinden
ließ. Eine solche innenpolitische Radikalmaßnahme hatte es bisher in der Geschichte
nicht gegeben. Es ging um eine Politik der
gezielten Vernichtung, der allein während
1915/16 etwa 1,1 Mio. Armenier und in geringerem Ausmaß auch andere orientalische
Christen zum Opfer fielen. Wahrscheinlich
mehr als 150.000 Armenier überlebten durch
Zwangskonversion zum Islam. Einer unbestimmten Zahl gelang die Flucht, meist über
die russische Grenze.
Die direkte physische Vernichtung setzte
im Osten Anatoliens oft schon unmittelbar
nach der Vertreibung aus den Dörfern und
Städten ein und betraf in diesem Stadium
in erster Linie Männer. Die langen Zwangs-
deportationen gingen dann unterwegs mit
kalkuliert hohen Todesraten einher. In den
meisten Fällen hatten sie die mesopotamische Wüste zum Ziel, in der ein Überleben
ohnehin so gut wie unmöglich war, was
einer systematisch durchdachten und die
Erfahrungen früherer osmanischer Praktiken
aufnehmenden Absicht folgte.
Es waren die von Franz Werfel geschilderten
Tage der Belagerung auf dem Musa Dagh,
als Johannes Lepsius am 10. August 1915
durch Vemittlung des Auswärtigen Amts und
der deutschen Botschaft zu einer Audienz
bei Kriegsminister Enver Pascha empfangen
wurde. Die Hintergründe dieses keineswegs
selbstverständlichen Treffens sind bis heute
nicht vollständig aufgeklärt. Mit Sicherheit
hatte die deutsche Reichsregierung zu
diesem Zeitpunkt ein hohes Interesse daran,
mäßigend auf ihren türkischen Bündnispartner einzuwirken. Die deutsche Botschaft in
Istanbul allerdings bezweifelte jede Aussicht
auf Erfolg. Enver seinerseits war an einer
gewissen Rückendeckung der Deutschen
gelegen, bis zunehmende Erfolge bei der
Verteidigung der strategisch wichtigen
Dardanellen und das damit verbundene
wachsende türkische Selbstbewusstsein
dazu führten, jede Rücksichtnahme fallen zu
lassen.
Johannes Lepsius hat ein Protokoll des
Gesprächs im Kriegsministerium angefertigt. „Ich übernehme die Verantwortung
für alles“, sagte der 33-jährige Enver in
fließendem Deutsch, als ihn Lepsius auf die
Vorgänge im Innern ansprach, und holte
dann zu einem langen Vortrag aus, in dem
er über die militärischen Notwendigkeiten
dozierte, die in der Kriegszeit das Vorgehen
gegen die revolutionären Elemente des
Reichs zur Pflicht gemacht hätten. „Ich
selbst glaube nicht an eine armenische Ver23
schwörung“, hielt ihm Lepius entgegen und
fragte, ob es denn dafür handfeste Beweise
gäbe. Enver antwortete: „Dessen bedarf es
nicht, wir kommen selbst von der Revolution her und wissen, wie so etwas gemacht
wird.“ In dem Enver dieses Gesprächs hat
Franz Werfel einen Typus wiederentdeckt,
der ihm auf eine irritierende Weise vertraut
vorkam, seit Franz Kafka ihm im Dezember
1914 seine noch unveröffentlichte Erzählung
In der Strafkolonie vorgelesen hatte. Der
dort geschilderte Offizier, der eine Foltermaschine verwaltet, war keineswegs roh oder
grausam. Er war amoralisch. Als Psychogramm der jungtürkischen Führungsschicht
war diese Charakterisierung keineswegs
überzogen. Sie bestand aus Männern mit
einer, wie Werfel schreibt, „fassungslosen
Verehrung“ für alles Moderne. Norman
Naimark bezeichnete sie als Avantgarde
einer künstlich importierten Hochmoderne
in einem vormodernen Staat. Sie verfügten
dabei über absolut funktionale Moralvorstellungen. „Ich bin der Überzeugung, dass
die Welt es bewundert und moralisch für
gerechtfertigt hält, wenn eine Nation die
eigenen Interessen an die erste Stelle setzt
und damit Erfolg hat“, pflegte Innenminister
Mehmet Talaat, der zweite Hauptverantwortliche für die Armenierverfolgungen, zu
sagen. Er wurde von Zeitgenossen als ein
vollkommen irreligiöser, kühl berechnender
Mensch beschrieben, dessen Blicke nie
etwas über seine Absichten verrieten. Werfel beschrieb Enver, als das Beispiel einer
„atemberaubenden Gattung“, wie Kafkas
Offizier, die „alle Sentimentalität überwunden hat“ und deshalb „außerhalb der
Schuld und ihren Qualen steht“. Enver wurde
mit solchen der deutschen Politik vorerst
noch fremden Gedankengängen zu einem
Vorbild für Adolf Hitler, der sich im Prozess
vor dem Münchner Volksgericht 1924 u. a.
ausdrücklich auf ihn und Mussolini berief.
24
Enver, so Hitler vor dem Gericht, hatte eine
neue Nation aufgebaut und das multikulturelle Gomorrha Konstantinopel erfolgreich
entgiftet. Das zeigte eine tiefe Übereinstimmung in grundlegenden politischen Säuberungsphantasien. Hitlers „erwachendes“
Deutschland sah in den nationalradikalen
Jungtürken ein wahlverwandtes Vorbild. Hitler kommentierte schließlich den Völkermord
an den Armeniern in einer Geheimrede auf
dem Obersalzberg am 22. August 1939, kurz
vor dem Überfall auf Polen, mit den Worten:
„ Wer redet heute noch von der Vernichtung
der Armenier?“ Wie Enver und Talaat betrachtete er den Erfolg im „Existenzkampf“
als höchsten moralischen Maßstab und
setzte auf das Vergessen.
Im Sommer 1916 veröffentlichte Johannes
Lepsius einen dreihundertseitigen Bericht
über die Lage des Armenischen Volkes in
der Türkei mit einer präzisen Darstellung der
Zeitabläufe und der regionalen Ereignisse
sowie genauen Statistiken, die noch heute
der Forschung als Grundlage dienen, und
einer ausführlichen Analyse der Ursachen.
Trotz der drohenden Militärzensur gelang es
ihm, 20.500 Exemplare davon privat zu drucken und im ganzen Deutschen Reich verteilen zu lassen. Lepsius war sich bewusst,
dass wenn überhaupt, nur die breiteste
Öffentlichkeit etwas bewirken konnte. Am 7.
August 1916 wurde die Broschüre verboten,
nachdem sie bereits ausgeliefert worden
war.
Ein wesentliches strategisches Motiv des
Völkermords bestand darin, so die jungtürkische Schriftstellerin Halide Edib in ihren
Memoiren, die wirtschaftliche Vorherrschaft
der Armenier mit dem Ziel des Aufbaus einer
„nationalen“ Bourgeoisie zu brechen, und
die Enteignungen waren, neben dem Beitrag,
den sie zur Finanzierung des Krieges leiste-
ten, dafür so etwas wie eine ursprüngliche
Kapitalakkumulation. Das war nicht ohne
langfristige Risiken, die man aber zu Gunsten
höherer nationaler Ziele und als existenziell
notwendiges Vabanquespiel in Kauf nahm.
Genozide sind grundsätzlich Heilsverbrechen. „Nach dem, was ich von türkischen
Freunden höre“, berichtete der deutsche
Vizekonsul Hoffmann im November 1915 aus
Isenderun, „verkennt man auf türkischer
Seite nicht den großen wirtschaftlichen
Verlust durch Ausmerzung der Armenier und
die Schwierigkeiten ihrer Ersetzung durch
Muhammedaner, hält aber einen allmählicheren und friedlicheren Weg für ungangbar,
weil bei jedem friedlichen Wettbewerbe
der wirtschaftlich schwach begabte und
unausgebildete türkische Muhammedaner
sehr bald wieder unter die Räder geriete.
Meine türkischen Freunde hoffen daher,
dass diese schweren Operationen am Körper
der türkischen Volkswirtschaft zu guter
Letzt doch eine Gesundung des Reichs in
muhammedanisch-türkischem Sinn herbeiführen werden.“ Die damit verbundenen
gewaltsamen Enteignungen geschahen mit
der aktiven Beteiligung eines nicht unbeträchtlichen Teils der Bevölkerung, der vor
allem durch Raub extrem gewalttätige Züge
entwickelte.
Der Weg in die Wüste glich, wie der deutsche Offizier und ehemalige Konsul in Täbris,
Wilhelm Litten, dem Konsulat in Aleppo
Anfang Februar 1916 in einem langen Bericht
schilderte, einem „Weg des Grauens“.
Überall entlang der Bahnlinie hinter Deir
es-Zor am Euphrat sah Litten auf dem Weg
nach Aleppo Leichen in den Feldern oder am
Bahndamm liegen, blutige und halbgebleichte Skelette, herumliegende Wäschefetzen,
Kleidungsstücke und Reste von Hausrat. Die
Leute waren verhungernd umhergeirrt, viele
in einer der kalten Winternächte erfroren.
Zwischen Sabha und Meskene begegnete
er den ersten Zügen von Vertriebenen. „Ein
großer Armeniertransport war hinter Sabha
an mir vorbeigekommen, von der Gendarmeriebedeckung zu immer größerer Eile angetrieben“, so Litten, „und nun entrollte sich
mit in leibhaftiger Gestalt das Trauerspiel der
Nachzügler. Ich sah am Wege Hungernde
und Dürstende, Kranke, Sterbende, soeben
Verstorbene, Tausende neben den frischen
Leichen; und wer sich nicht schnell von der
Leiche des Angehörigen trennen konnte,
setzte sein Leben aufs Spiel, denn die nächste Station oder Oase liegt für den Fußgänger
drei Tagesmärsche entfernt. Von Hunger,
Krankheit, Schmerz entkräftet, taumeln sie
weiter, stürzen, bleiben liegen.“
In Fall der historischen armenischen
Provinzen Ostanatoliens konnte Innenminister Mehmet Talaat bereits im August
1915 gegenüber der deutschen Botschaft
in Istanbul verkünden: „la question
arménienne n’existe plus“, die armenische
Frage existiert nicht mehr. Eine zweite
Welle von Massakern fand 1916 in der mesopotamischen Wüste statt. Für die Armenier
war das „Aghet“, die große Katastrophe –
für die syrischen Christen, die in der Regel
ohne Deportation vor Ort den Tod fanden,
„Sayfo“, das Jahr des Schwerts.
Und nun listete Litten minutiös auf, was er im
Einzelnen gesehen hatte. Am 31. Januar 1916
war er um 11 Uhr vormittags in Der ez Zor
abgefahren. Nach drei Stunden Fahrt begann
eine „grauenvolle Leichenparade“ entlang
des Wegs, die sich bis zum 4. Februar, also
fünf Tage, fortsetzte. Litten beobachtete am
31. Januar um 1 Uhr nachmittags eine junge
Frau, die mit dem Rücken nach oben nackt am
Boden lag. Eine halbe Stunde später einen auf
dem Rücken liegenden nackten Greis und einen nackten Jüngling, „linkes Gesäß herausgerissen“. Um 2 Uhr fünf frische Gräber,
25
fünf Minuten später ein Mann mit blutenden
entblößten Geschlechtsteilen. Zwei Minuten
später ein Mann in Verwesung. Eine Minute
später ein Mann mit angefressenem Oberkörper. Und so ging es weiter, die ganze fünf Tage
lange Strecke über Tibni, Sabha, Hamam, Abu
Herera und Meskene bis nach Aleppo. Es war
Winter, auch im Orient. Die Nächte waren oft
frostkalt. Am 6. Februar 1916 vermerkte Litten
starken Schneefall in Aleppo.
All das ließ sich weder durch Exzesse noch
durch spontane kriminelle Handlungen
erklären. Es handelte sich, wie Lepsius es
formulierte, um die Folgen einer politischen
Verwaltungsmaßnahme, die sich allerdings
außerhalb jeder Regel der Rechtsstaatlichkeit vollzog.
Der Parteitag des in Istanbul herrschenden
jungtürkischen Kommitees für Einheit und
Fortschritt sprach im Herbst 1916 rückblickend in aller Offenheit davon, dass die alte
osmanische Politik der „Einigkeit der Bevölkerungselemente“ Bankrott gemacht habe
und deshalb seit einiger Zeit eine „Ära der
Säuberungen“ angebrochen sei. Die meisten
Zeitgenossen verstanden die bevölkerungspolitische Modernität der Zielsetzungen
dieses Genozids jedoch nicht, weil sie ihre
Augen hauptsächlich auf die barbarischen
Methoden richteten, mit denen er durchgeführt wurde. In Wirklichkeit lag dem aber ein
Denken in machtpolitischen Abstraktionen
zugrunde, das zwangsläufig zu einer Dehumanisierung der Weltbilder führen musste.
Aus Menschen wurden „Bevölkerungen“
und aus Gemeinschaften Komponenten
größerer demografischer Aggregate, die nun
von berechnenden Konstrukteuren neuer
Sozialwelten „höheren“ politischen Zielen
unterworfen werden konnten.
Nach dem 1. Weltkrieg stellte sich zum ersten Mal die Frage, ob die Welt nicht in Fällen
von groben Menschenrechtsverletzungen
durch Staaten eine internationale Rechtsordnung benötigte. Diese wurde erst nach
dem 2. Weltkrieg und dem Genozid an den
europäischen Juden geschaffen.
SIE SPRACHEN
VON BEVOLKERUNG,
HERR LEPSIUS,
DIE ARMENIER SIND
KEINE BEVOLKERUNG
26
Gunnar Schmidt, Luis Quintana
27
&
VERLUST
VERMÄCHTNIS
ÜBERLEBENDE ERINNERN SICH
Von 1989 bis 1996 gelang es Mirhan Dabag
und Kristin Platt vom Institut für Diasporaund Genozidforschung an der Ruhruniversität Bochum, rund 140 autobiographische
Gespräche mit Überlebenden des Völkermords an den Armeniern zu dokumentieren.
Im Folgenden sind Ausschnitte zweier
Berichte abgedruckt:
Das Interview mit Aram Güreghian wurde
1989 in Paris aufgezeichnet, wo er als
Goldschmied tätig war. 1904 in Sepastia
geboren, ist er mit 11 Jahren mit seiner
Familie deportiert worden. Ihm gelang die
Flucht nach einem Zwangsmarsch von ca.
700 km.
Bis zum Ende der Massaker hat uns die
Regierung kein Gramm Brot gegeben, kein
einziges Brot. Es war ein sehr schwerer
Weg. Sand, Staub. Lange, lange liefen wir
in Gruppen, liefen Person hinter Person.
Immer wieder geschah etwas. Doch haben
wir nicht alles mitbekommen. Aber wenn wir
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uns hinsetzten, dann sprachen wir miteinander. Man erzählte sich, dass dieser oder
jener zurückgeblieben sei. Wer zurückblieb,
war von den Gendarmen getötet worden.
Andere wurden von Kurden oder Türken
überfallen, die das raubten, was die Menschen noch bei sich trugen. Solche kleinen
Geschichten, wenn man „kleine“ sagen
darf, haben sich jeden Tag zugetragen.
Und sie führten uns in die Wüste. Es war die
ganzen Tage über schrecklich heiß. Es war
August, als wir von Sepastia aus aufgebrochen sind. Tagsüber wurde es sogar 50 Grad
heiß. Es war eine schreckliche Hitze. Meine
Mutter hatte so viel Wasser mitgenommen,
wie wir nur tragen konnten. Flaschen und
andere Behälter, alles, was wir hatten, hat
sie mit Wasser gefüllt. In der Wüste ging die
Gruppe irgendwie. Da war kein Weg. Der
Weg waren die Leichen. Wir sind an Leichen
entlang durch die Wüste gegangen. Überall
Leichen. Das waren nicht nur Leute aus
Sepastia, das waren Menschen aus vielen,
vielen anderen Orten, Menschen anderer
Gruppen, die dort in der Wüste lagen. Aber
das hat sich erst später ereignet. Ich erinnere mich an diesen schrecklichen Geruch.
Leichen. Tote. Es gab Leichen, die enthauptet worden waren. Man hat Geld gesucht,
das die Menschen vielleicht verschluckt
hatten. Die Frauen. Deshalb hat man ihnen
die Köpfe abgeschnitten und die Bäuche
aufgeschnitten. Es gab Leichen, die unter
der Sonne lagen und so sehr, bei der Hitze,
sie waren so sehr aufgedunsen – schrecklich. Ich habe das alles gesehen. Weil wir an
ihnen vorbeigingen. Zum Glück hatten wir
das Wasser, das meine Mutter mitgenommen hatte. Ich habe Mütter gesehen, die
schon gestorben waren, ihre Babys lagen
jedoch noch neben ihnen. Wir haben viele
Mütter gesehen, die im Sterben lagen, mit
ihren Babys und ihren kleinen Kindern. Weil
es unmöglich war, unter dieser Sonne zu
gehen. Es war schrecklich. Unbeschreibbar.
Obwohl ich es vor mir sehe. Für das, was wir
gesehen haben, gibt es keine Worte.
Bis heute erinnere ich mich an den Körper
meiner Mutter. Bis heute erinnere mich
daran, dass sie wie ein Skelett aussah. Wir
waren alle zu Skeletten geworden, aber
meine Mutter, weil sie meine Mutter war,
habe ich sie die meiste Zeit betrachtet.
Wenn ich sie von hinten betrachtete, habe
ich ihren Rücken, ihren ganzen Körper
nur als Skelett gesehen, weil überhaupt
nichts mehr an ihr war, nur lederne Haut
und Knochen. In diesem Zustand sind wir
gegangen, Tage und Tage. Es war Abend, als
wir zu einem Ort kamen, an dem ein Fluss
vorbeiführte. Als die Menschen den Fluss
erreichten, haben viele sich in den Fluss
geworfen, um Wasser zu trinken, aber ihre
Körper waren schon zu entkräftet. Sie fielen
in das Wasser und das Wasser trug sie weg.
Einige fielen in das Wasser, weil sie keine
Kräfte mehr hatten. Andere warfen sich ins
Wasser. Auch Mütter mit ihren Kindern. Sie
hatten nur diese eine Möglichkeit gesehen,
sich zu retten. So warfen sie sich mit ihren
Kindern in das Wasser und wurden von dem
Wasser weggezogen. Es gab Frauen, die
uns ermahnten, dass wir nicht zu viel trinken
und vor allem langsam trinken sollten. Doch
niemand hörte zu.
An dem Tag, also an dem Tag nach der
Wüste, an jenem Tag am Fluss, starben so
viele von uns, von denen, die gerade den
Weg durch die Wüste geschafft hatten. Von
unserer Gruppe war da nur noch die Hälfte
der Menschen übrig. Man sagte uns, dass
wir nach Malatya gehen würden. Wohin
wir genau gingen, wo wir entlang gingen,
woher wir kamen, das wussten wir nie. Man
hat es uns nie gesagt, und wir sind immer
Wege gegangen, die an den größeren Orten
vorbeiführten. Wir gingen und gingen.
Unterwegs geschah ständig etwas. Ich
habe das jetzt nicht erzählt, dass Mädchen
vergewaltigt, Frauen entführt, Männer
getötet worden sind.
Nach der Wüste, die wir durchquert hatten,
und nach dem Fluss kamen wir an den Ort
Frndjlar. Sie hatten uns gar nicht nach
Malatya gebracht. Wir sind an Malatya
vorbeigeführt worden nach Frndjlar. An
diesem Ort gab es ein sehr sehr großes
Feld. Und auf diesem Feld waren bereits
tausende Menschen. Sie waren von überall
her, aus Diyarbekir, aus Kharpert, aus ganz
unterschiedlichen Gegenden, aus Bitlis, aus
Erzurum. Wir kamen nun auch auf dieses
Feld. Wir verstanden, dass wir nun nicht
mehr eine Gruppe aus Sepastia waren. Das
war eine armenische Gruppe. Das waren
die, die übrig waren. Dort auf dem Feld sind
wir zwei, drei Tage geblieben, vielleicht
auch länger. Als wir auf diesem Feld waren,
29
da kamen Kinder, Jugendliche, in türkischer
Kleidung. Sie fragten, woher wir seien. Sie
waren übriggeblieben von den Gruppen, die
vor uns hier waren. Die Kinder sagten uns,
dass wir vorsichtig sein sollten. Dass auf
uns das Massaker warten würde.
Das Interview mit Yüghaper Eftian wurde
in Paris aufgezeichnet, 1901 in Zeytun geboren, gelang ihr nach dem Zwangsmarsch
von ca. 930 km die Flucht nach Mossul, wo
sie wieder geheiratet hat, dann nach Bagdad, später nach Paris gezogen ist wo sie
zuerst als Schneiderin später als Antiquitätenhändlerin gearbeitet hat.
Einmal, an einem Tag, da habe ich auf dem
Boden eine Silbermünze gesehen, eine
Viertel Medjidiye. Die Münze war einem der
Soldaten heruntergefallen – aber in dem
Moment hatte ich ein Gefühl, als ob sie vom
Himmel gefallen sei, als hätte ein Engel sie
mir geschenkt. Und doch habe ich noch
in demselben Moment überlegt, ob dieser
Soldat das Geld absichtlich dorthin gelegt
hätte, damit er mir hinterher vorwerfen
konnte, ich hätte das Geld gestohlen. So
habe ich meinen Fuß auf die Münze gestellt,
bis der Mann verschwunden war. An zwei
Tagen habe ich mit dem Geld Brot kaufen
können.
Immer wieder hatten wir irgendwo gehalten.
Immer wieder hatten sie uns dann gesagt,
immer wieder aufs Neue, dass wir uns auf
den Weg machen müssten. Dieses Mal aber
befahlen sie uns, unsere Sachen zurück zu
lassen. Dann brachten sie immer jeweils
zwei Personen weg, immer jeweils zwei
Personen. Um mich herum hatte ich meine
Verwandten. Eigentlich war ich ziemlich mutig. Da bin ich hingegangen, zu den Soldaten,
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und habe gefragt: „Wohin bringt ihr die
Frauen?“ Ich sagte mir, wenn die Männer
sie mit einer Waffe umbringen würden, dann
müssten wir doch Schüsse hören. „Wir haben diese Leute nach Scheddade gebracht“,
sagte einer zu mir. Da habe ich jenen Namen
zum ersten Mal gehört. Sie haben uns nach
Scheddade gebracht, in eine Höhle. Eine
sehr große Höhle, viel größer als dieses
Haus, in dem ich heute wohne. Sie haben
uns dort hineingeworfen.
Man hat den Frauen gesagt, dass sie trockenes Gras sammeln sollten. Es waren ja
nur noch die Frauen übriggeblieben. Und die
Kinder. Wenn wir das Gras sammeln würden, dann würden sie uns nicht umbringen.
Es waren Türken dort und Leute aus den
Dörfern, die in der Nähe lagen. Und Tscherkessen. Man hat uns einzeln genommen
und festgehalten, und sie haben uns dann
hineingeworfen. Als ich an der Reihe war,
bin ich gesprungen. Dabei habe ich mich
an einem Stein gestoßen, hier, an der Stirn,
das kann man jetzt auch noch sehen. Es hat
geblutet. Egal. Sie haben die Rocksäume
in Brand gesetzt, die Kleider. Die nächsten
Frauen, die sie hinunterwarfen, haben sie
mit Feuer hinuntergeworfen. Es begann ein
schreckliches Schreien. Wie soll man es
nennen? Diese Höhle war sehr groß und tief.
Ich habe mich in eine Ecke gestellt und mich
versteckt. Ich zitterte. Trotzdem habe ich
mein Kleid ausgezogen, um es zu verstecken. Ich sagte mir, wenn ich das überlebe,
wenn ich mich befreien kann, dann habe ich
etwas zum Anziehen.
Am nächsten Tag – ich war die ganze Zeit
unten in der Höhle, ich will nicht erzählen
von den Stunden in der Höhle. Es kamen
Araber in die Höhle hinunter. Sie sind mit
Leitern und Stricken heruntergekommen,
um unter den Leichen nach Geld zu suchen.
Wie ein Küken, wie ein feiges kleines Küken
habe ich mich in die Höhle zurückgezogen. Die, die noch lebten, wurden von den
Arabern angeschrien. „Wo ist das Geld?“, so
haben sie eine Frau mehrmals gefragt. Und
als eine andere Frau das Geld schluckte,
da haben sie ihr den Bauch aufgeschnitten. Mich haben sie von einer Stelle zur
anderen gezerrt. „Ausziehen, ausziehen“,
haben sie gesagt. Ich hatte ja sowieso nur
noch ein Hemd an. Ich habe dem Mann, der
mich herumgestoßen hat, gesagt, dass ich
nichts hätte. Da sagte er zu mir, dass ich
ihm leid tun würde. Er würde mich herausholen. „Beim Namen des Propheten, du
wirst meine Schwester sein!“, sagte er. Er
hat nach meinem Kleid gesucht, aber ich
habe es nicht mehr gefunden. So hat er ein
anderes Kleid genommen, irgendeines, das
er fand und mir gab, damit ich nicht nackt
bleiben musste. Tatsächlich brachte er mich
aus der Höhle. Draußen war alles noch viel
schlimmer.
Vielen Frauen waren die Bäuche aufgeschnitten worden. Mit vielen Schnitten. Und
die Kinder hatten sie auf Bajonette – Noch
immer waren viele Tschetschenen da. Oder
Tscherkessen. Die Araber hatten Angst
vor diesen Männern. Da habe ich mich
neben die Toten gelegt, bis diese Männer
verschwunden waren. Der Araber hat mich
neben die Toten gelegt. Später ist er zurückgekommen und hat mich geholt und mich
mitgenommen und zu einem Fluss gebracht.
Er saß auf dem Pferd, ich ging zu Fuß. Ich
weiß nicht, wie lange das alles gedauert hat.
Wie lange ich in der Höhle war. Wie viele
Stunden ich draußen bei den Toten gelegen
hatte. Als ich aufstand und ging, habe ich
Wasser trinken können. Ich habe getrunken,
getrunken, getrunken, mein Bauch wurde
ganz dick. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis wir bei ihm zuhause ankamen. In
seinem Haus hatte er noch andere Armenier. Da war ein Geschwisterpaar, ein Junge
und ein Mädchen. Er hatte das Kleid meines
kleinen Bruders an. Aber vielleicht sah
es auch nur so ähnlich aus. Und dann war
da noch ein weiterer kleiner armenischer
Junge. Dieser Junge erzählte mir, dass man
seine Eltern verbrannt hatte. Man hat sie
angezündet und verbrannt. Ich habe den
beiden Jungen gesagt, dass sie jetzt meine
Brüder seien, und dem Mädchen, es sei jetzt
meine Schwester.
Als sich mir der Araber in der Höhle
näherte, habe ich große Angst gehabt und
versucht, mich zu bedecken und mich ganz
klein zu machen und in die Höhle zurückzuziehen. Aber er versprach mir, dass
er mich als seine Schwester annehmen
wollte. Sein Cousin, der ihn mit einem Seil
heruntergelassen hatte, hat auch mich
heraufgezogen. Diese beiden Araber, von
denen einer Er-Haiyel hieß, haben sich
so verhalten, als ob ich zu ihnen gehören
würde. Sie haben mich dort weggebracht
und in ihr eigenes Haus geführt. Dort
wurde ich sehr herzlich empfangen. Die
Mutter des einen Arabers hat mich weinend umarmt und geküsst. Man hatte mich
in diese Höhle geworfen, aber ich wurde
dort herausgeholt. Die übrigen Frauen und
Kinder hat man in diese Höhle geworfen
und verbrannt. Der letzte Ort war die
Höhle. Vergessen habe ich nie. Vergessen
kann man nicht. Wenn du operiert wirst,
dann bleibt die Narbe immer sichtbar.
Oder wenn ein Glas kaputt geht und du
es zusammensetzt, auch dann bleibt das
immer ein zusammengesetztes Glas. Das
heißt, die Wunde ist sehr tief. Es können
vierundsiebzig Jahre vergehen, wenn es
eine Wunde gegeben hat, und wenn diese
auch genäht wurde, die Stelle bleibt. Dein
Herz ist durchstochen.
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Sven Daniel Bühler, Johannes Schumacher, Marthe Lola Deutschmann, Luis Quintana, Klaus Cofalka-Adami,
Ronald Funke, Sascha Tuxhorn, Jannek Petri
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BEIHILFE
ZUM
VÖLKERMORD
DEUTSCHLANDS ROLLE BEI
DER VERNICHTUNG DER ARMENIER
Neueste Forschungen zeigen, dass der
damalige Bündnispartner des Osmanischen Reiches, das Deutsche Reich, nicht
nur aktiv über den Völkermord weggesehen hat, sondern dass deutsche Offiziere
an wichtigen Entscheidungen, die zum
Völkermord geführt haben, beteiligt waren
und ihn mitorganisiert haben, wie Jürgen
Gottschlich in seinem Buch beschreibt:
Der Kriegsminister Enver Pascha des
Osmanischen Reiches entschied sich im
November 1914 mit seinem Bündnispartner,
dem Deutschen Reich, seinen ersten großen
Feldzug gegen die Russen im kaukasischen
Armenien zu führen. Nachdem der deutsche
Admiral Wilhelm Souchon Ende Oktober
1914 mit seiner deutsch-türkischen Flotte im
Schwarzen Meer die Feindseligkeiten gegen
Russland eröffnet hatte, gab es für das
zögernde Kabinett in Konstantinopel kein
Zurück mehr. Wenige Tage später war die
Türkei auch formell an der Seite Deutsch34
lands und Österreichs im Krieg. Das Ziel
des Feldzugs sollte sein, Kars den Russen
abzunehmen. Enver gehörte ideologisch zu
den Pantürkisten, die davon träumten, das
Reich nach Osten auszudehnen und es im
Verbund mit den Turkvölkern in Zentralasien
zu neuer Größe zu führen. Der erste Schritt
dazu wäre, die Russen aus den armenischen
Gebieten im Kaukasus zurückzudrängen
und zunächst die Teile, die bis in die 1870er
Jahre noch zum Osmanischen Reich gehört
hatten, zurückzuerobern.
Massiver Widerspruch gegen den Feldzug
kam von Liman von Sanders. Der Chef der
deutschen Militärkommission war davon
überzeugt, dass die für die Ostfront zuständige III. Armee für einen schwierigen
Winterfeldzug nicht genügend ausgerüstet
sei, und fürchtete deshalb ein Debakel. Eine
Übernahme des Kommandos, das Enver ihm
zunächst anbot, lehnte Liman deshalb ab.
Stattdessen wurde der Kaukasusfeldzug
zur ersten Bewährungsprobe von Generalleutnant Fritz Bronsart von Schellendorf,
dem Deutschen, den Enver zu seinem
Generalstabschef gemacht hatte. Mit im
Oberkommando des Feldzuges waren Otto
von Feldmann, der später von Enver zum
Operationschef des osmanischen Heeres
ernannt wurde, und Felix Guse, Stabschef
der III. Armee und Stellvertreter des Oberkommandierenden der Kaukasusarmee.
Der Feldzug endete im Desaster. Während
die russischen Truppen in ihren ausgebauten Stellungen saßen, sollten die türkischen
Soldaten mitten im Winter auf der tief
verschneiten Hochebene von Sarikamis
angreifen. Schlecht ausgerüstet blieben die
Soldaten im tiefen Schnee stecken, fielen im
Kampf, erfroren oder verhungerten. Bis Februar 1915 waren 90.000 der 100.000 Mann
starken III. Armee tot. Die Katastrophe ließ
sich auf Dauer nicht verbergen. Ein Sündenbock musste her. Hatte Enver unmittelbar
nach seiner Rückkehr noch gesagt, alle
Soldaten, also auch die Armenier in den
Reihen der osmanischen Armee, hätten
tapfer gekämpft, wurde schon bald immer
häufiger darauf hingewiesen, dass viele
Armenier aufseiten der Russen aktiv seien.
Das Bild vervollständigte sich, als Gerüchte
die Runde machten, armenische Soldaten
wären desertiert oder hätten sich gar gegen
ihre Kameraden gewandt. Dazu passte, dass
der armenische Parlamentsabgeordnete Armen Garo noch vor Beginn des Krieges von
Konstantinopel nach Tiflis gegangen war
und – entgegen den Loyalitätsbekundungen
anderer führender Armenier gegenüber dem
Osmanischen Reich – dort eifrig armenische
Freiwilligenverbände zusammengestellt
hatte, die mit den Russen nach Ostanatolien
einmarschieren sollten. Armen Garo wurde
so zu einer Steilvorlage für die türkische
Propaganda.
Eine erste Folge davon war, dass alle
Armenier aus der kämpfenden Truppe
aussortiert und in sogenannte Arbeitsbataillone gesteckt wurden, wo sie ohne Waffen
im Straßenbau oder bei anderen Arbeiten
eingesetzt wurden. Entscheidender aber
waren die psychologische Wirkung im
Generalstab und die Dolchstoßlegende, die
daraus enstand: Zu ihrer eigenen Entlastung
behaupteten Enver, Bronsart und Co. bald,
der Grund für die Niederlage sei die feindliche armenische Bevölkerung im Rücken der
Front gewesen. Eisern hielt in den folgenden
Jahren das deutsche Trio von Sarikamis an
dieser Legende fest. Sie rechtfertigten hartnäckig die Vertreibung und Vernichtung der
armenischen Bevölkerung mit der Dolchstoßlegende, die armenische Bevölkerung
sei der Truppe bei Sarikamis in den Rücken
gefallen.
Da Bronsart als Generalstabschef der Mann
für die großen organisatorischen Probleme der Osmanischen Armee war, spricht
einiges dafür, dass er im Frühjahr 1915
an der Organisation der Deportation der
Armenier beteiligt war. Auch wenn sich in
den Archiven bislang kein definitiver Beweis
in Form eines von Bronsart gezeichneten
Deportationsplans gefunden hat, legen die
wenigen bekannten Dokumente und seine
eigenen Äußerungen nach dem Krieg doch
nahe, dass Bronsart der organisatorische
Kopf hinter den Deportationen war.
Vieles spricht dafür, dass das türkische
Oberkommando und mit ihm seine deutschen Berater mit den Deportationen
zunächst vor allem auf die Kriegslage reagierten. Aus Sicht der Deutschen und der
Türken stellte sich die militärische Situation
zu Beginn des Jahres 1915 wie folgt dar:
Der Feldzug im Kaukasus war gescheitert, und man musste nun jederzeit damit
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rechnen, dass die russische Armee weiter
vormarschieren würde. Dazu kam, dass
ab Februar 1915 die Entente begann, die
Einfahrt in die Dardanellen zu attackieren.
Englische und französische Kriegsschiffe
griffen Geschützstellungen an der Mündung
der Dardanellen an, um eine Durchfahrt zu
erzwingen und anschließend die Hauptstadt
Konstantinopel angreifen zu können. Man
befürchtete im türkischen Generalstab
eine koordinierte Aktion zwischen den
Westalliierten an den Dardanellen und den
Russen an der Ostfront in den armenischen
Gebieten. Die türkische Führung bereitete
sich auf eine Evakuierung der Hauptstadt
vor. Als provisorischer Sitz der Regierung
war Konya, eine Stadt mitten im Land, am
Endpunkt der anatolischen Eisenbahn, ins
Auge gefasst worden. In dieser Atmosphäre
wurde im osmanischen Generalstab über
die Deportation der armenischen Bevölkerung diskutiert. Es wurde damit gerechnet,
dass in den armenischen Gebieten Armenier
entweder Engländer und Franzosen bei der
Landung helfen könnten oder aber russische
Truppen unterstützten.
Die Deportationen begannen im März 1915
in Zeitun im Bezirk Maras. Dort ließen der
deutsche Major Eberhard Graf Wolfskeel
von Reichenberg und sein Chef Fahri Pascha
um Zeitun alle armenischen Dörfer zwangsweise räumen und Tausende Menschen
nach Innenanatolien und in den Raum
Aleppo deportieren.
In seinen Aufzeichnungen berichtet Talaat,
dass es bereits im Dezember 1914 ein von
Generalstabschef Bronsart einberufenes
Treffen gegeben habe, auf dem Maßnahmen
gegen den Verrat und die Sabotage von
Armenieren beraten wurden. Anwesend bei
dem Treffen waren neben ihm der De-factoOberbefehlshaber und Kriegsminister Enver
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Pascha, Generalstabschef Bronsart von
Schellendorf, Feldmarschall Colmar Freiherr
von Goltz und der Chef der Militärmission
Liman von Sanders. Otto von Feldmann
erklärte nach dem Krieg im Juni 1921 in
einem Beitrag für eine Zeitung: „Es soll und
darf aber nicht geleugnet werden, dass auch
deutsche Offiziere – und ich selbst gehörte
zu ihnen – gezwungen waren, ihren Rat dahin zu geben, zu bestimmten Zeiten gewisse
Gebiete im Rücken der Armee von Armeniern freizumachen. Die Pflicht der Selbsterhaltung der türkischen Front zwang einfach
dazu. Die Gesamtschwäche des türkischen
Heeres gestattete es nicht, starke Kräfte
zum Schutz der rückwärtigen Verbindungen
zurückzulassen. Ohne solche war aber keine
Operation möglich, kein Rückschlag von
der Front durchzuhalten, solange Armenier
im Rücken wohnten. Die Erfahrungen zu
Beginn des Krieges im Osten hätten diese
Lehre gezeitigt. Dass die Armenier sich vor
dem Kriege und während desselben nicht
als türkische Untertanen, sondern in erster
Linie als russische Vortruppen betrachteten,
ist wohl klar erwiesen. Angriffe auf türkische Truppen, Überfälle auf türkische Dörfer
waren keineswegs Seltenheiten.“
Bronsart wurde wenige Tage später ebenfalls in einem Beitrag in der Deutschen Allgemeinen Zeitung noch deutlicher. Obwohl
er es vermied zuzugeben, dass er selbst
Enver zu den Deportationen gedrängt hatte,
ist sein Urteil vernichtend: „Der Aufstand
war von langer Hand vorbereitet, wie die
zahlreichen Funde an gedruckten Aufrufen,
aufhetzenden Broschüren, Waffen, Munition, Sprengstoffen usw. in allen von Armeniern bewohnten Gegenden beweisen; er war
sicher von Russland angestiftet, unterstützt
und bezahlt. Eine armenische Verschwörung in Konstantinopel, die sich gegen hohe
Staatsbeamte und Offiziere richtete, wurde
rechtzeitig entdeckt. Da sich alle waffenfähigen Mohammedaner beim türkischen Heere befanden, war es den Armenieren leicht,
unter der wehrlosen Bevölkerung eine
entsetzliche Metzelei anzurichten; denn sie
beschränkten sich nicht etwa darauf, rein
militärisch gegen die Flanke und gegen den
Rücken der in der Front durch die Russen
gebundenen türkischen Ostarmee zu wirken,
sondern sie rotteten die muselmanische
Bevölkerung in jenen Gegenden einfach
aus. Sie begingen dabei Grausamkeiten, von
denen ich als Augenzeuge wahrheitsmäßig
bezeuge, dass sie schlimmer waren als die
den Türken später vorgeworfenen Armeniergreuel.“
Es versteht sich von selbst, dass ein Mann,
der noch im Juli 1921 diese Auffassung vertrat, im Frühjahr 1915 als Generalstabschef
der angeblich von Armeniern bedrohten
Armee selbstredend auf die Deportation dieser schlimmen Aufrührer und Kollaborateure
gedrängt hatte.
Nachdem also Generalstabschef Bronsart
und der wenig später zum Operationschef
des Heeres ernannte Otto von Feldmann
Enver Pascha klargemacht hatten, dass
schnellstens etwas passieren musste, taten
die Verantwortlichen dann das Notwendige.
In den Worten Bronsarts: „In dieser kritischen Lage fasste das Gesamtministerium
den schweren Entschluss, die Armenier für
staatsgefährlich zu erklären und sie zunächst aus den Grenzgebieten zu entfernen.
Sie sollten in eine vom Krieg unberührte,
dünn besiedelte, aber fruchtbare Gegend
überführt werden, nach Nord-Mesopotamien.“ Das Ergebnis dieser vom Gesamtministerium beschlossenen Maßnahme
war das am 27. Mai 1915 verabschiedete
Umsiedlungsgesetz, dass Enver ermächtigte, „bei Vorliegen militärischer Erfordernisse
oder bei Feststellung von Spionage und
Landesverrat die Bevölkerung der Dörfer
und kleinen Städte einzeln oder gesammelt
nach anderen Orten zu verschicken und sie
dort ansiedeln zu lassen.“ Talaat erinnert
sich in seinen offiziellen Memoiren, dass die
ausformulierte Vorlage des Deportationsgesetzes direkt aus dem Generalstab – also
von Bronsarts Schreibtisch – im Kabinett
vorgelegt wurde.
Der Konsul in Mossul, Walter Holstein,
gehörte wie seine Kollegen Max Erwin
von Scheubner-Richter in Erzurum und der
Konsul in Aleppo, Walter Rößler, zu den
deutschen Vertretern, die über die Massaker an der armenischen Bevölkerung
zutiefst empört waren und erwarteten,
dass ihre deutschen Chefs, namentlich
Botschafter Freiherr von Wangenheim,
Außenminister Jagow und letztlich Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg,
dagegen bei den Jungtürken energisch
protestieren und wenn notwendig auch
weitergehende Konsequenzen ziehen
würden. Doch die Stimmung an den verantwortlichen Stellen war eine andere. Mit
Datum vom 15. Juni 1915 schrieb Marineattaché Hans Humann einen Vermerk auf
das Telegramm von Walter Holstein, der
die Abgründe der deutschen Kriegsfraktion schlaglichtartig erhellt: „Die Armenier
werden – aus Anlaß ihrer Verschwörung
mit den Russen! – jetzt mehr oder weniger
ausgerottet. Das ist hart, aber nützlich. Der
Botschafter kann leider, sehr zum Nachteil
unserer Politik, das Lamentieren darüber
nicht lassen. Talaat Bey hat ihm neulich auf
entsprechende Vorhaltungen seelenruhig
geantwortet: Wir debarassieren (entledigen Anm.) uns der Armenier, um bessere
Bundesgenossen für Euch zu werden,
d. h. solche ohne Schwäche eines inneren
Feindes.“
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Marthe Lola Deutschmann, Jannek Petri, Luis Quintana, Sascha Tuxhorn
39
BARAZANK
GLOSSAR
Agha, heutige türkische Schreibung Ağa
Agha ist ein Titel mongolischen Ursprungs.
Er hat in den verschiedenen Turksprachen unterschiedliche Bedeutungen:
Im Türkischen bedeutet er u. a. „älterer
Bruder“ und im Jakutischen „Vater“. In
der osmanischen Sprache bedeutete Agha
„Anführer“, „Herr“ oder „Grundbesitzer“.
Agha war im Osmanischen Reich ein Titel
für zivile und militärische Würdenträger.
Im Militär bezeichnete er anfangs den Befehlshaber einer Waffengattung, etwa den
Kommandeur der Janitscharen oder der
Artillerie. Später bezeichnete Agha einen
Hauptmann und zivile Beamte gleicher
Rangstufe, wie z. B. Rifaat Bereket. Der
nächsthöhere Titel war Bey. Der Titel wurde dem Namen hinten angestellt und war
Anrede für alle, denen die Bezeichnung
„Herr“, bey oder efendi, nicht zustand.
Aleppo
Aleppo ist eine Stadt im Norden Syriens
und Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements Aleppo. Im Jahr 2006 erhielt
Aleppo nach Mekka als erster Ort die
Bezeichnung Hauptstadt der Islamischen
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Kultur. Während des Ersten Weltkrieges
war Aleppo ein Zentrum im Völkermord
an den Armeniern durch die Jungtürken.
Auf Befehl von Talaat Pascha wurden die
Armenier ab dem 27. Mai 1915 zusammengetrieben und auf Todesmärsche über
unwegsames Gebirge in Richtung Aleppo
geschickt. Die Stadt blühte kurzfristig wieder auf, als sie nach dem Ende des Ersten
Weltkrieges unter französische Kolonialherrschaft kam, erlebte jedoch nach der
Abtretung des Sandschaks Alexandrette
mit der Hauptstadt Antakya und dem Hafen İskenderun an die Türkei 1939 wieder
einen Niedergang. Im Zuge des Bürgerkrieges in Syrien wird die Stadt Aleppo
seit Sommer 2012 umkämpft. Weite Teile
der Stadt sind zerstört, und ein großer Teil
der Bewohner ist geflüchtet.
Antakya, früherer Name Antiochia
Antakya ist eine Großstadt in der Südtürkei und Hauptstadt der Provinz Hatay. Hier
kreuzten sich in der Antike die Handelswege von Aleppo, Mesopotamien und Palästina nach Anatolien und zum Mittelmeer.
Hier nannten sich die Christen erstmals
so. Petrus predigte hier in einer Höhle, der
Evangelist Lukas ist hier geboren. Nach
der Teilung des osmanischen Reichs infolge des Ersten Weltkrieges wurden Antiochia und İskenderun französisch besetzt.
Verwaltet von Damaskus, behielt Antiochia seinen Status als autonomes Gebiet.
Dennoch wurden auch hier die Anhänger
Atatürks mit offenen Armen empfangen. Er
soll es auch gewesen sein, der der Gegend
den Namen Hatay gab, in Anlehnung an ein
ehemaliges hethitisches Fürstentum. 1938
wurde im Sandschak Alexandrette der
Staat Hatay mit Antiochia als Hauptstadt
ausgerufen. Dieser wiederum schloss
sich nach einem Volksentscheid 1939 der
Türkei an.
Armenier
Die Armenier, armenisch “Hajer”, sind das
älteste christliche Volk der Welt, das seit
über 2700 Jahren im Gebiet zwischen dem
Hochland Ostanatoliens und dem Südkaukasus heimisch ist. Zugleich sind die Armenier die Titularnation der heutigen Republik Armenien, wo sie mit Abstand den
Großteil der Bevölkerung ausmachen. Die
Christianisierung Armeniens erfolgte früh,
bereits ab 301 unter Führung von Gregor
dem Erleuchter und König Trdat III, was zur
Gründung der armenisch-apostolischen
Kirche führte. Damit wurde Armenien der
erste christliche Staat der Welt. Nach dem
Zerfall des Königreichs der Bagratiden im
11. Jahrhundert wanderten viele Armenier
aus Ostanatolien nach Kilikien aus, wo sie
das von 1080 bis 1375 bestehende Königreich Kilikien errichteten, und begründeten
damit die armenische Diaspora. Später
emigrierten von dort viele Armenier auf die
Krim, nach Russland, Polen, Rumänien und
Moldawien. Historisch kann man Armenien
seit dem 18. Jahrhundert in Ostarmenien
(unter persischer, später russischer Herr-
schaft) und Westarmenien (unter osmanischer Herrschaft) aufteilen. In Ostarmenien lösten russische Pogrome Ende des 19.
Jahrhunderts eine Auswanderungswelle
nach Westeuropa aus. Die Westarmenier
wurden durch den Völkermord in ihrem
angestammten Siedlungsraum nahezu
ausgelöscht. Die heutige Republik Armenien entstand nach dem Ersten Weltkrieg
und wurde 1921 sowjetisiert; nach dem
Zerfall der Sowjetunion erklärte sie sich
1991 unabhängig.
Derwisch
Der Ausdruck Derwisch bezeichnet vor
allem in den europäischen Sprachen einen
Sufi, einen Angehörigen einer muslimischen asketisch-religiösen Ordensgemeinschaft, „tariqa“, die im Allgemeinen für
ihre Bescheidenheit und Disziplin bekannt
ist. Derwische praktizieren den Sufismus
und gelten als Quelle der Klugheit, der
Heilkunst, der Poesie, der Erleuchtung und
der Weisheit.
In der Regel sind traditionelle Derwischvereinigungen über eine spirituelle Kette,
„silsila“ entweder über Ali oder Abu Bakr
direkt mit dem Propheten Mohammed
verbunden. Sie leben nach einer Mönchsregel, in gewissem Sinn manchmal mit
christlichen Mönchsorden vergleichbar.
Der ekstatische Trancetanz „sema“, der im
Mevlevi-Orden der Türkei ausgeübt wird,
gilt als eine der körperlichen Methoden, in
religiöse Ekstase zu verfallen und mit Allah
in Kontakt zu kommen. Heute werden ihre
Zeremonien allein für Touristen veranstaltet, seit Atatürk die Rituale der MevleviDerwische verbieten ließ.
Derzor, oder Der ez Zor
Die Stadt, die mit vielfältigen Schreibweisen in der Literatur zu finden ist, liegt am
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Euphrat in der syrischen Wüste. 1915 gehörte sie zum Osmanischen Reich. Derzor
war der letzte Sammelort der Deportationen. Zwischen August 1915 und Sommer
1916 wurden schätzungsweise mehr
als 200‘000 Menschen allein in Derzor
ermordet. Das 1991 am Ort geschaffene
Denkmal ist das einzige Mahnmal, das an
einem historischen Massakerort errichtet
werden konnte. 2014 wurde das Mahnmal
durch den IS schwer beschädigt. „Für
Armenier kam Der Zor eine Bedeutung
ähnlich wie Auschwitz zu“, schrieb Peter
Balakian in der New York Times. „Jedem,
auf unterschiedlichen Wegen, ein Epizentrum des Todes und eines systematischen
Prozesses der Massentötung; jedem ein
symbolischer Platz, ein epigrammatischer
Name auf einer dunklen Karte. Derzor
ist ein Begriff, der an dir hängt, wie ein
Bohrer oder Stachel: “r” “z” “or” — hart,
schneidend, messerartig“
Enver Pascha
* 22. November 1881 in
Istanbul; † 4. August 1922
bei Baldschuan, Tadschikistan, war Politiker, Generalleutnant und Kriegsminister
des Osmanischen Reichs und einer der
führenden Jungtürken. Enver Pascha war
gleichaltriger Zeitgenosse von Mustafa
Kemal Atatürk, mit dem er eine Zeit lang
rivalisierte. Ismail Enver wurde als Kind
eines türkischen Eisenbahnarbeiters geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen
auf. Während seiner Schüler- und Studentenzeit kam er mit bürgerlich-revolutionären Ideen in Berührung und nahm 1897 als
Mitglied der jungtürkischen Bewegung an
den gescheiterten Studentenprotesten
gegen die Regierung unter Sultan Abdülhamid II. teil.
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Um die Jahrhundertwende gewannen
die intellektuell geprägten Jungtürken
zunehmend Einfluss auf das türkische Offizierskorps. Enver, der die Offizierslaufbahn
eingeschlagen hatte, sollte später neben
Cemal und Talaat in den Führungszirkel
des Komitees für Einheit und Fortschritt
(İttihad ve Terakki Fırkası) aufsteigen. Die
grundlegende Voraussetzung dafür war
seine wichtige Rolle in der Jungtürkischen
Revolution von 1908. Der junge, aufstrebende Ismail Enver stand damals noch in
der zweiten Reihe der Jungtürkischen Bewegung. Er setzte sich gegen probritische
und profranzösische Kräfte für ein Militärbündnis mit dem Deutschen Kaiserreich
ein und amtierte folgerichtig von 1909 bis
1911 als Militärattaché an der osmanischen Botschaft in Berlin. Dort entwickelte er maßgeblich die engen deutsch-türkischen Bündnisbeziehungen vor dem Ersten
Weltkrieg und sorgte persönlich dafür,
dass deutsche Offiziere höchste Funktionen in der türkischen Armee einnahmen.
Mit Hilfe preußisch-deutscher Militärberater und moderner deutscher Waffen wollte
er das zurückgebliebene osmanische
Militärwesen reformieren.
Zwischen Sommer 1913 und Ende 1914
stand Enver Pascha auf dem Höhepunkt
seines Ansehens und seiner Macht. Er
regierte in einem informellen Triumvirat
mit Innenminister Talaat Pascha und
Marineminister Cemal Pascha mit nahezu
diktatorischen Vollmachten. Kurz nach
der Machtübernahme Anfang 1913 wurde
İsmail Enver zusammen mit der Ernennung
zum Generalmajor auch der Ehrentitel
„Pascha“ verliehen, unter dem er bis
heute als „Enver Pascha“ bekannt ist. Das
jungtürkische Triumvirat – den drohenden
Zusammenbruch des Reiches vor Augen –
verschärfte den Staatsterror gegen die Ar-
menier durch massenhafte Deportationen,
die in einen Völkermord mündeten.
Wegen gravierender Fehler in der militärischen Führung, seiner Beteiligung am
Völkermord an den Armeniern, den er mit
Innenminister und Großwesir Talaat Pascha mitzuverantworten hatte, und seiner
abenteuerlichen pantürkischen Großmachtpläne hatte sich Enver Pascha jenen
Teil des Offizierskorps und der Jungtürken
zu Feinden gemacht, der einen säkularisierten, republikanischen Staat wollte und
angesichts der absehbaren Niederlage
nach Wegen zu einem Ausgleich mit den
westeuropäischen Siegermächten suchte.
Als die Kriegsniederlage nach der bulgarischen Katastrophe offensichtlich und unabwendbar war, konnte sich die Regierung
unter Großwesir Talaat nicht mehr halten
und musste am 14. Oktober 1918 zurücktreten. Enver wurde wegen seiner gescheiterten Kriegsstrategie bereits am 4.
Oktober 1918 als Kriegsminister entlassen.
In der Nacht vom 3. zum 4. November 1918
ging Enver Pascha zusammen mit anderen führenden Jungtürken an Bord eines
deutschen U-Boots, das ihn in geheimer
Mission nach Odessa brachte. Die Flüchtigen, die zunächst sämtlich in Deutschland
untertauchten, bevor sich ihre Wege
trennten, wurden 1919 in Istanbul wegen
ihrer Verantwortung für den Armeniergenozid in Abwesenheit zum Tode verurteilt.
Enver fand zusammen mit Talaat für einige
Zeit Unterschlupf in Potsdam. Dort wohnte
er incognito in Neubabelsberg bei dem
befreundeten Kunsthistoriker Friedrich
Sarre, Direktor im Vorderasiatischen
Museum Berlin.
Wegen der kriegsbedingten und revolutionären Wirren schien Enver Pascha die
Zeit günstig, die islamischen, turkstämmi-
gen Völker Mittelasiens in einem eigenen
Staatswesen zu vereinigen. Als Kommandeur der Basmatschi und Oberbefehlshaber der Truppen des Emirs Said Alim Khan
kämpfte er für das Ziel, ein Kalifat mit Sitz
in Samarkand zu errichten. Am 4. August
1922 fielen Enver Pascha und die meisten
seiner Kämpfer in einem erbitterten Gefecht mit überlegenen Sowjet-Truppen am
Cegan Tepe bei Baldschuan.
Genozid
Genozid oder Völkermord ist ein Straftatbestand im Völkerstrafrecht, der nicht
verjährt. Der Begriff Genozid setzt sich
zusammen aus dem griechischen Wort
„génos“, was „Herkunft, Abstammung,
Geschlecht, Rasse“ bedeutet; im weiteren Sinne auch „das Volk“, sowie dem
lateinischen caedere „morden, metzeln“.
Gekennzeichnet ist er durch die spezielle
Absicht, auf direkte oder indirekte Weise
eine nationale, ethnische, rassische oder
religiöse Gruppe als solche ganz oder
teilweise zu zerstören. Raphael Lemkin,
polnischer Jurist und Friedensforscher,
prägte den Begriff unter dem Eindruck
der Vernichtung der Armenier und dem
Holocaust, von dem er selbst betroffen
war. 1947 arbeitete er für die UNO einen
Gesetzesentwurf zur Bestrafung von
Völkermord aus. Der Entwurf wurde ein
Jahr später von der Generalversammlung
der Vereinten Nationen mit 55:0 Stimmen
fast unverändert als Konvention über die
Verhütung und Bestrafung des Völkermordes beschlossen. Auch die Republik Türkei
ist der Konvention 1950 beigetreten.
Ittihat ve Terakki Cemiyeti
Das Komitee für Einheit und Fortschritt war
eine politische Organisation im Osmanischen Reich. Es war die treibende Kraft hinter der konstitutionellen Revolution von 1908
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Amélie Belohradsky, Johannes Schumacher, Klaus Cofalka-Adami, Jannek Petri, Luis Quintana,
Marthe Lola Deutschmann, Ronald Funke
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und dem Völkermord an den Armeniern und
regierte zwischen den Jahren 1908-1918 mit
kurzer Unterbrechung. Zunächst Geheimorganisation wurde das Komitee später
zur mächtigsten und langlebigsten Partei
der Bewegung der Jungtürken. Es war ein
Zusammenschluss von mehreren Gruppen
aus dem Aus- und Inland, die alle gegen die
Herrschaft Abdülhamid II kämpften.
Der erste Keim der KEF im Inland war die
1899 in der militärmedizinischen Akademie
gegründete Geheimorganisation namens
Komitee der osmanischen Einheit. Sie
nahmen sich den italienischen CarbonariGeheimbund zum Vorbild, der für eine
Vereinigung Italiens eingetreten war. So
organisierten sie sich in Zellen mit vier Mitgliedern. Die Organisationen breitete sich
auch über die anderen Militärschulen aus.
Einige Mitglieder wurden verhaftet, einige
flohen nach Paris und trafen sich dort mit
anderen osmanischen Flüchtlingen, die
ebenfalls die Wiedereinsetzung der Verfassung wollten. Auf dem zweiten Jungtürkenkongress im September 1907 in Paris wurde
die Bewegung „Komitee für Einheit und
Fortschritt“ benannt. Mit dem Beitritt der
Vatan-Gruppe wurden noch mehr andere
oppositionelle Kräfte vereint. An dem
Kongress nahmen alle Oppositionsparteien
und auch die als Daschnaken bekannte
Armenische Revolutionäre Föderation
teil. Auf dem Kongress wurde ein Militärputsch gegen Abdülhamid II. beschlossen.
Die Revolution von 1908 wurde von dem
Zentralkomitee der KEF in Saloniki organisiert. Nachdem Mustafa Kemal Pascha,
genannt Atatürk, am 23. Oktober 1923 die
Republik Türkei ausrief, ließ er das Komitee
verbieten, da er keine Geheimbünde im neu
gegründeten Staat wollte.
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Musa Dagh
Der „Musa Dağı“, armenisch „Musa Ler“
oder „Mosesberg“ ist ein 1355 m hoher
Berg im Süden der Türkei. Er liegt rund 25
Kilometer westlich von Antakya an der
nordöstlichen Mittelmeerküste im historischen kilikischen Kleinarmenien. Der
Musa Dağı war Zufluchtsort einer widerständigen Gruppe von Armeniern unter der
Führung des ehemaligen Offiziers Moses
Der Kalousdian während des Völkermords
an den Armeniern 1915.
Johannes Lepsius
* 15. Dezember 1858 in
Berlin; † 3. Februar 1926 in
Meran, war ein deutscher
evangelischer Theologe und
Orientalist, der sich hauptsächlich mit der Geschichte des armenischen Volkes befasste. Sein Hauptwerk
ist das von ihm ins Leben gerufene
Armenische Hilfswerk.
Lepsius engagierte sich für die Armenier,
seit er als sehr junger Mann in Ägypten
in Begleitung seiner Eltern Kontakte zu
Armeniern knüpfen konnte. Während einer
Türkeireise wurde er Zeuge der Pogrome
gegen die Armenier Ostanatoliens. Er ist
zudem bekannt durch seine Dokumentation des Völkermords an den Armeniern
1915/1916. Sie trägt den Titel Bericht über
die Lage des armenischen Volkes in der
Türkei. Die Schrift enthält Augenzeugenberichte, die beschreiben, wie Armenier
gezielt ermordet, erdolcht und erschossen
oder mit gefesselten Händen im Euphrat
ertränkt wurden. Es gibt eine weitere
Auflage der Dokumentation, welche um
ein Gespräch mit Enver Pascha im Jahr
1915 erweitert ist. Johannes Lepsius war
der jüngste Sohn des Begründers der
Ägyptologie in Deutschland, Karl Richard
Lepsius. Er wuchs in einem Elternhaus mit
großem intellektuellen Horizont auf. Im
Hause Lepsius trafen sich viele wichtige
Persönlichkeiten des Kaiserreiches aus
Politik, Kultur und Kirche. Lepsius studierte zunächst Mathematik und Philosophie in
München und wurde schon 1880 mit einer
preisgekrönten Arbeit zum Doktor der
Philosophie ernannt. Später studierte er
Theologie. In Jerusalem lernte Lepsius von
1884 bis 1886 viele Probleme vor Ort kennen, als er Hilfsprediger der Evangelischen
Gemeinde in Jerusalem war und weiterhin
im Vorstand des Syrischen Waisenhauses
arbeitete, das aufgrund von Massakern an
der christlichen Bevölkerung 1860 eröffnet
wurde.
Er gründete 1896/1897 mit einer großen
Werbekampagne, die ihn durch ganz
Deutschland führte, sein Hilfswerk. Er
hatte, getarnt als Teppichfabrikant, die
Regionen besucht, in denen die Massaker
stattgefunden hatten. Es wurden Hilfsstationen sowohl in der Türkei als auch
in Persien und Bulgarien aufgebaut, denn
die von Mord und Totschlag bedrohten
Christen flüchteten damals aus dem
Osmanischen Reich in jene Länder. Später
kamen im Schatten des Ersten Weltkriegs,
Flüchtlingsheime und Waisenhäuser sowie
Armenier-Neusiedlungen in Syrien und
Libanon hinzu. 1914 war er Mitbegründer
der in Berlin gegründeten Deutsch-Armenischen Gesellschaft. Im unterhalb des
Pfingstbergs gelegenen Lepsiushaus in
Potsdam, in dem er 1908–1925 wohnte und
arbeitete, ist seit 2011 das Lepsius-Archiv
untergebracht.
Raffi
Der Schriftsteller Hakob Melik-Hakobian,
mit seinem Autornamen „Raffi“, wurde
1835 in einem armenischen Dorf in der
Provinz Salmas geboren, im Norden des
heutigen Iran. Er starb 1888 in Tflis. Seinen
beliebten Romanen wird ein bedeutender
Einfluss auf die Enststehung eines Emanzipationsgedankens zugeschrieben, der auf
Schul- und Wissensbildung beruht.
Ter (wie bei Ter Haigasun)
„Ter“, wörtlich „Herr“ ist eine erblicher
Ehrentitel für Nachkommen des verheirateten Klerus in der armenisch-apostolischen Kirche. Sowohl männliche als auch
weibliche Nachkommen können mit diesem Titel in Verbindung mit dem Nachnamen bezeichnet werden. Die Verwendung
von Ter vor dem Taufnamen bezeichnet
ein Mitglied des Klerus und ist gleichbedeutend mit „Reverend“ oder „Vater“ im
englischen Sprachgebrauch.
Zeitun, heute Süleymanlı
ist ein Dorf und Zentrum eines Bucak
im zentralen Landkreis der Provinz
Kahramanmaraş im Südosten der Türkei. Ab 1375 war Zeitun zunächst unter
Vorherrschaft der Dulkadir, später unter
den Osmanen ein armenisches Beylik. Die
Einwohner leisteten Widerstand gegen die
Massaker an den Armeniern 1894–1896.
Der Name des Ortes wurde bereits in
der osmanischen Zeit von Zeitun in Yeni
Şehir und dann in Süleymanlı geändert.
Süleymanlı wurde nach dem türkischen
Major Süleyman benannt, der das Dorf im
Jahr 1915 während des Völkermordes an
den Armeniern besetzte.
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STEFAN OTTENI Regie
ANNE NEUSER Bühne & Kostüme
Der gebürtige Karlsruher Stefan Otteni,
geboren 1966, studierte Regie und Schauspiel an der Folkwangschule Essen. Seit
1996 arbeitet er als freier Regisseur, u. a.
am Theater Bonn, Maxim Gorki-Theater
Berlin, Deutschen Theater Berlin, an der
Volksbühne Berlin und am Staatstheater
Hannover. An der Staatsoper Nürnberg
erarbeitete er mit Judas Maccabäus /
And the trains kept coming... ein spartenübergreifendes Oratorienprojekt zum
Thema „Heiliger Krieg“, am Staatstheater
Braunschweig inszenierte er Meyerbeers
Der Prophet. Seine letzte Zusammenarbeit
mit dem Autor Händl Klaus, Eine Schneise, war zum Heidelberger Stückemarkt
2014 eingeladen. Als Schauspieler ist
Stefan Otteni in der freien Gruppe Theater
Operation beteiligt. Am STAATSTHEATER
inszenierte er bereits Müdigkeitsgesellschaft im STUDIO und Maienschlager im
KLEINEN HAUS.
Anne Neuser studierte Modedesign in
Trier sowie Bühnen- und Kostümbild an
der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Es folgten Assistenzen bei Johannes
Schütz. Als künstlerische Assistentin von
Prof. Andreas Reinhardt unterrichtete sie
an der HfBK Dresden. Seit 1995 ist Anne
Neuser freischaffend tätig. Eine regelmäßige Zusammenarbeit als Bühnenbildnerin
für Oper und Schauspiel verbindet sie mit
den RegisseurInnen Ingo Kerkhof, Andrea
Schwalbach und Stefan Otteni u. a. an der
Oper Frankfurt, am HAU Berlin, der Staatsoper Stuttgart, der Staatsoper Unter den
Linden Berlin, dem Staatstheater Nürnberg. Für ihre Ausstattung von Der Idiot
am Oldenburgischen Staatstheater war
sie für den FAUST-Preis 2015 nominiert.
Für die Ausstattung von Jelineks Kontrakte des Kaufmanns gewann sie 2010 den
Bayerischen Theaterpreis. Am STAATSTHEATER hat sie bereits die Ausstattung
für Müdigkeitsgesellschaft entworfen.
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Sascha Tuxhorn, Ronald Funke
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AMÉLIE BELOHRADSKY a. G. Juliette
wurde 1979 in München geboren, Mutter Französin, Vater Deutscher. Sie
studierte Schauspiel in Paris an den „Cours Perimony“ und an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Ihr erstes Engagement führte
sie ans Staatsschauspiel Dresden. Seit 2014 lebt sie in Strasbourg. Am
STAATSTHEATER spielt sie derzeit in Tod und Wiederauferstehung der
Welt meiner Eltern in mir.
MARTHE LOLA DEUTSCHMANN Iskuhi
Marthe Lola Deutschmann wurde 1991 in Hamburg geboren. Von 20112015 studierte sie am Max Reinhardt Seminar in Wien. Mit der Spielzeit
2015/16 stellt sich Marthe Lola Deutschmann als Ophelia in Hamlet dem
Karlsruher Publikum vor. Sie ist außerdem in Dantons Tod und als Irina in
Drei Schwestern zu sehen.
SVEN DANIEL BÜHLER Gonzague Maris
1989 in Heilbronn geboren, studierte er bis 2015 Schauspiel in Hannover.
Während des Studiums war er u. a. als Sprecher für den NDR und SWR
tätig und am Studiotheater Hannover und am Oldenburgischen Staatstheater zu sehen. Mit dieser Spielzeit trat er sein Erstengagement am
STAATSTHEATER an, seine erste Rolle war der Lancelot in Spamalot.
KLAUS COFALKA-ADAMI Ter Haigasun, Rifaat Bereket
Seit 1980 arbeitete Klaus Cofalka-Adami als Schauspieler und spielte
u. a. an den Bühnen in Mannheim, Tübingen, Dortmund und Heidelberg.
Seit 2011 ist er festes Ensemblemitglied in Karlsruhe. Er ist derzeit zu sehen in Fremdraumpflege, Spamalot, Richtfest, Drei Schwestern, sowie
in Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir.
RONALD FUNKE Bürgermeister Kebussyan, Scheich
Ronald Funke wurde 1954 in Berlin geboren. Er arbeitete u. a. am Theater
Magdeburg, am Nationaltheater Mannheim, am Volkstheater Rostock
und in Heidelberg. 2011 wurde er für seine Rolle in Der Mann der die
Welt aß als Schauspieler des Jahres nominiert. Aktuell ist er in Drei
Schwestern, Kabale und Liebe und der Komödie Zuhause zu sehen.
HADEER KHAIRI HANDO a. G.
stammt aus der autonomen Region Kurdistan im Irak und ist Jeside. Er
wuchs in Sharya bei Dohuk auf. 2013 begann er seine Schauspielausbildung am Insitut für bildende Künste in Dohuk. 2014 entschloss sich
seine Familie, ihm wegen den herannahenden IS-Truppen die Flucht nach
Europa zu ermöglichen. Während sein Asylverfahren läuft, spielt er in
Kinder des Musa Dagh zum ersten Mal in Deutschland.
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JANNEK PETRI Gabriel Bagradian
Nach seinem Studium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst
Busch“ Berlin war er von 2002 bis 2006 erstmals in Karlsruhe engagiert.
Danach arbeitete er u. a. in Zürich, Linz, Basel, Braunschweig und am
Deutschen Theater Berlin. Seit 2014 ist er wieder Ensemblemitglied und
spielt in Drei Schwestern und Monty Python‘s Spamalot.
LUIS QUINTANA Pastor Aram Tomasian, Enver Pascha
Luis Quintana wurde 1988 in Berlin geboren und studierte nach einer
handwerklichen Lehre Schauspiel in Rostock. Seit der Spielzeit 2014/15
ist er fest im Ensemble des STAATSTHEATERS. In Die Räuber spielt er
die Hauptrolle des Karl. Weiterhin steht er in Dantons Tod, Ein Sommernachtstraum und Zuhause auf der Bühne.
GUNNAR SCHMIDT Johannes Lepsius
Gunnar Schmidt absolvierte seine Schauspielausbildung in Hamburg.
Nach Engagements am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, in
Wilhelmshaven, Reutlingen, Münster und Tübingen kam er 2002 fest
ins Karlsruher Ensemble. Derzeit steht er in Dantons Tod, Ein Sommernachtstraum, Stolpersteine Staatstheater und in Spamalot auf der
Bühne.
JOHANNES SCHUMACHER Stefan
Geboren 1991 in Peine, aufgewachsen in Bremen, studierte er Schauspiel in Bern und Hannover. Mit Maienschlager stellte er sich vor, seit
2014 ist er festes Ensemblemitglied. Zu sehen ist er u. a. in Ein Sommernachtstraum, Die Räuber, Die Banalität der Liebe, sowie in Tod und
Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir und Spamalot.
SASCHA TUXHORN Altouni, Deutscher Geheimrat, junger Scheich
Sascha Tuxhorn wurde 1984 in Düsseldorf geboren und studierte
Schauspiel in Hannover. Von 2010 bis 2015 war er fest am Nationaltheater
Mannheim engagiert und spielte u. a. den Danton, Woyzeck und Franz
Moor. 2014 erhielt er den Arnold-Petersen-Preis. In der Spielzeit 2015/16
stellt er sich in der Titelrolle des Hamlet dem Karlsruher Publikum vor.
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BILDNACHWEISE
IMPRESSUM
UMSCHLAG
Felix Grünschloß
SZENENFOTOS Felix Grünschloß
PORTRÄTS
Felix Grünschloß,
Florian Merdes
HERAUSGEBER
STAATSTHEATER KARLSRUHE
TEXTNACHWEISE
Hosfeld, Rolf: Tod in der Wüste, Der
Völkermord an den Armeniern, Frankfurt,
2015.
Dabag, Mihran, Platt, Kristin: Verlust und
Vermächtnis, Überlebende des Genozids
an den Armeniern erinnern sich, Paderborn, 2015.
Gottschlich, Jürgen: Beihilfe zum Völkermord, Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier, Berlin 2015
Nicht gekennzeichnete Texte sind
Originalbeiträge für dieses Heft.
BADISCHES STAATSTHEATER
KARLSRUHE 2015/16
Programmheft Nr. 286
www.staatstheater.karlsruhe.de
GENERALINTENDANT
Peter Spuhler
VERWALTUNGSDIREKTOR
Michael Obermeier
SCHAUSPIELDIREKTOR
Jan Linders
LEITENDE DRAMATURGIN SCHAUSPIEL
Brigitte Angela Ostermann
REDAKTION
Michael Gmaj
KONZEPT
DOUBLE STANDARDS BERLIN
www.doublestandards.net
GESTALTUNG
Danica Schlosser, Kristina Schwarz
DRUCK
medialogik GmbH, Karlsruhe
ES IST DER GARTEN
EDEN, JA, VATER,
DER MUSA DAGH IST
DER GARTEN EDEN
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Sascha Tuxhorn, Jannek Petri, Johannes Schumacher