siehe PDF Datei - Wilhelm Senoner

Liebe Claudia, Lieber Wilhelm
Beim Besuch des Ateliers von Wilhelm und beim Betrachten seiner neuesten Produktion habe
ich eine gewisse Neigung beobachtet, das Leiden und die existenzielle Qual der Figur mehr in
die Szene zu rücken, nicht nur durch den Kontrast der Farben, sondern auch durch die
Spaltung des Inneren, vor allem im Bauchbezirk.
Dabei habe ich an drei Dinge gedacht:
1: die Madonna del Parto von Piero della Francesca, welche eine entsprechende Schlitze im
Bauchbereich vorzeigt;
2: die Kunst von Lucio Fontana, der etwa in seinem "Concetto spaziale. Attesa" die Leinwand
zerschneidet und die Fläche zur dritten Dimension hin eröffnet. Es ist eine verborgene, dunkle
dritte Dimension, so dass sich aber die Malerei hin zur Plastik eröffnet (Wilhelm spricht
ausdrücklich von einer tendenziellen Annäherung von Malerei und Skulptur).
3: ich denke an den Aufsatz von M. Heidegger "Vom Ursprung des Kunstwerkes" (1936).
Er gehört zu den wichtigsten Beiträgen zur philosophischen Ästhetik des 20. Jahrhunderts.
Das Kunstwerk selbst ist – so Heidegger – der Ort eines Streites. Die Streitenden, die
Heidegger mit den Namen „Erde“ und „Welt“ nennt, sind entgegengesetzte Tendenzen: Die
Erde ist Masse, Dunkelheit, Undurchsichtigkeit, also insgesamt ein „Sichverschließen“
(Marmor in der Baukunst und Plastik, Farbe in der Malerei, Metall, Holz und Fell in der
Musik sind opak, undurchsichtig). „Welt“ ist dagegen wie eine offene Bühne, Eröffnung. Der
Grundzug der Welt ist ein Zur-Erscheinung-bringen. So Heidegger: „der Fels kommt zum
Tragen und Ruhen und wird so erst Fels; die Metalle kommen zum Blitzen und Schimmern,
die Farben zum Leuchten, den Ton zum Klingen, das Wort zum Sagen“.
Die Art und Weise, wie dies geschieht, resümiert Heidegger in einigen Grundzügen einer
jeder Kunst, die er „Grundriß, Aufriß und Umriß“ benennt. Deren einheitlicher Grund ist der
„Riß“. Darin wirkt das „Reißen“ im Sinne von trennen und zugleich die Idee einer scharfen
Unterscheidungslinie (diesbezüglich bezieht sich Heidegger ausdrücklich auf ein berühmtes
Zitat von Albrecht Dürer).
Oft missverstanden ist Heideggers Behauptung, dass „alle Kunst im Wesen Dichtung ist“. In
einer Hölderlin-Vorlesung, kurz vor dieser Abhandlung, gewann Heidegger die Herkunft des
Wortes Dichtung aus dem altgriechischen deìknymi, d.h. „zeigen“, „sehen lassen“. Das
Kunstwerk ist insofern „Dichtung“ als es in sich selbst und von sich selbst her ein
Sehenlassen ist.
Eben hier ist meines Erachtens der Ort für ein Werk von Lucio Fontana, Concetto spaziale –
Attesa (1964).
Ein Riß durch den Leinwand lässt den Stoff als Stoff auffallen. Es ist sonst keine weitere
Beschreibung möglich: keine Form, keine Farben, kein Bild und kein Stil. Nichts, was durch
die Kategorien der überlieferten Ästhetik bewertet werden kann.
Erst durch diesen Riß erhält der Stoff Individualität, Anspruchscharakter. Dadurch, dass der
Leinwand damit verwunden und unbrauchbar gemacht wurde, wird der Stoff thematisch. Es
eröffnet sich eine Ritze, welche die Fläche durchbricht und eine Transzendenz verspricht. Im
Streit zwischen dem sichverschließenden Leinwand und der Gewalt der Spalte bekundet sich
hier eine Welt. Dieses Werk zeigt ferner das Prozeßhafte der Wahrheit, ihre
„Geschichtlichkeit“ – wie Heidegger in den 20er Jahren mit Vorliebe sagte:
Der Riß deutet auf einen bestimmten Augenblick der gewaltigen Tat an: Gegenwart.
Die aufgespannte Leinwand erinnert an die lange Tradition der Malerei: also Vergangenheit.
Das Werk ist zu seiner zukünftigen Aufbewahrung im Museum bestimmt; damit: Zukunft.
So betont das Werk eine ausgesprochene Zeitlichkeit. Diese soll nach Heideggers
Hauptwerk Sein und Zeit den Sinn vom Sein erschließen.
Concetto spaziale ist in einem Heideggerschen Sinne „Dichtung“ als Sehenlassen:
Gewöhnlich verbirgt sich die Ausführungstechnik hinter dem vorhandenen Kunstwerk. Wie
eine Plastik, eine Radierung, ein Gemälde realisiert wurde, sieht man dem Artefakt nicht
mehr. In diesem Fall lässt jedoch das Werk nicht nur sich selbst sehen, sondern auch die Art
und Weise seines Zustandekommens durch eine Klinge, vertikal geführt durch diese Stelle am
Leinwand.
Diese Durch-sichtigkeit ist ein ausgezeichnetes Zeigen, ein deìknymi, Dichtung.
Es sind noch roh zusammengesetzte Gedanken, die mir jedoch einen Wink in das
Durchdenken meiner Erfahrung bei Wilhelm geben. Solche Gedanken gebe ich hiermit an den
Künstler weiter. Vielleicht ist ein Wink mehr als gar nichts und lässt eine Richtung erahnen,
in die meine Gedanken durch den Besuch des Ateliers geleitet wurden.
Mit Verehrung und Dankbarkeit,
Nicola