DIE NÄCHSTE INDUSTRIELLE REVOLUTION

P.b.b. Verlagspostamt 1030 Wien, Zulassungsnr. 03Z034897M
März 2016
DIE NÄCHSTE INDUSTRIELLE REVOLUTION
Industrie 4.0 bringt Chancen für Menschen und Unternehmen.
Gastkommentar von
Hans Winkler: Ökonomischer
„Analfapethismus“
Seite 10
120 Jahre: „Die Industrie“ im
Wandel der Zeit
Seite 2
Wien: Gesundheitswirtschaft
im Fokus
Seite 20
Foto: dieindustrie.at/Mathias Kniepeiss
DAS MAGAZIN FÜR MITGLIEDER
1914
FACTBOX
1918
1934
1937
„Die Industrie“ im
Wandel der Zeit
MAGAZIN Wie die heimische Industrie hat sich auch deren
langjähriges mediales Sprachrohr im Laufe der Jahrzehnte
immer wieder gewandelt. Die Schwelle zum 21. Jahrhundert brachte schließlich das Ende einer Epoche.
2001
15 Jahre „iv-positionen“ –
15 Jahre Information und
Meinung für Mitglieder
Dass Printprodukte im Medien-Konzert weiter eine wichtige Rolle spielen, beweisen
erfolgreiche Druckmedien in Österreich
und weltweit. Mag der Tageszeitungsmarkt unter zunehmendem Druck der
Onlineangebote stehen, so genießen vor
allem spezialisierte Publikumsmedien im
Printbereich nach wie vor hohe Aufmerksamkeit und reüssieren am Markt. Nach
dem Verkauf der „industrie“ und damit dem
Rückzug aus dem allgemeinen Publikumsmarkt entschloss sich daher die Industriellenvereinigung nach eingehender Analyse,
ein neues Printprodukt für Mitglieder ins
Leben zu rufen: Vor 15 Jahren – mit April
2001 – erschienen erstmals die „iv-positionen“, die ihrem Titel entsprechend vor
allem Meinungs- und Informationsmedium
für IV-Mitglieder und eine qualifizierte
Öffentlichkeit sind. Regionale Berichterstattung findet ebenso Platz wie Informationen
zu den Aktivitäten der Jungen Industrie,
neben volkswirtschaftlichen Analysen,
Kommentaren externer Autorinnen und
Autoren sowie Servicetipps. Europäische
Themen, die für die Industrie entscheidende
Bedeutung haben, haben naturgemäß ihren
fixen Platz in den positionen. Dass viele
Themen nachhaltig betrieben werden müssen, beweist übrigens das Cover der ersten
Ausgabe der „iv-positionen“ aus dem Jahr
2001: (Noch) Mehr junge Frauen für die Industrie zu gewinnen – als Mitarbeiterinnen
und Führungskräfte –, steht auch heute
noch auf der Agenda der Industriellenvereinigung.
Christoph Neumayer
D
ie Interessenvertretung der
Industrie hat in Österreich
eine lange Tradition, deren
Beginn jedoch eher von
Vielfalt statt Einheit gekennzeichnet war. Im Jahre 1896 gegründet,
war „Die Industrie“ aus heutiger Sicht daher
nicht einfach nur eine Zeitschrift – sie markierte vielmehr den ersten Meilenstein auf
dem Weg zu einer organisierten industriellen Vertretung in Österreich. Denn seit 1875
vertrat der „Industrielle Club“ die Großindustrie, während der 1892 gegründete „Zentralverband der Industriellen Österreichs“
als Dachverband industrieller Branchenverbände fungierte. 1897 entstand der „Bund
Österreichischer Industrieller“, der vorwiegend Klein- und Mittelbetriebe vertrat.
1999
Vom „Industriehaus-Verein“ zum Haus
der Industrie
Während die Zeitschrift „Die Industrie“
bis zum Ende der k.u.k. Monarchie allein
vom Zentralverband herausgegeben wurde, einigten sich die drei industriellen Vertretungsorganisationen auf die Errichtung
eines gemeinsamen Repräsentations- und
Verwaltungsgebäudes. Sie gründeten im
Jahr 1903 einen „ständigen Ausschuss“
mit dem Auftrag, ein „Haus der Industrie“ zu bauen. Der Ausschuss wurde in
den „Industriehaus-Verein“ umgewandelt,
das Haus am Schwarzenbergplatz 4 in den
Jahren 1906 bis 1909 gebaut und nach Fertigstellung der aufwändigen, prunkvollen
Innenausstattung 1911 durch Kaiser Franz
Josef I. eröffnet.
1997
1995
FACTBOX
1914 Der Ausbruch des 1. Weltkrieges
leitete das Ende der Monarchie ein
1918 Späte Einigung der industriellen
Vertretungsorganisationen
1934 „Rauchende Schlote“ waren lange
Zeit das Symbol der Industrie
1937 Das selbstständige Österreich
kämpfte um sein Überleben
1946 Nach dem 2. Weltkrieg erscheint
die erste Ausgabe von „Die Industrie“
1955 Der Staatsvertrag brachte die
endgültige Freiheit Österreichs
1946
In den Wirren der Weltkriege
„Die Industrie“ erschien von 1896 bis 1918
als ausschließliches Organ des Zentralverbandes. Herausgeber und verantwortlicher
Redakteur war der Sekretär des Zentralverbandes und spätere Ordinarius für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Welthandel in Wien, Dr. Dr. Univ. Prof. HR Josef
Gruntzel. 1901 übernahm Jacob Julius Müller
die Redaktion, die er bis zum März 1938 innehatte. Erst im Februar 1918 wurde, als Reaktion auf den kriegsbedingten Rohstoff- und
Arbeitskräftemangel und die damit verbundene Notwendigkeit, bei Verhandlungen einheitlich aufzutreten, der „Reichsverband der
Österreichischen Industrie“ gegründet. „Die
Industrie“ blieb über das Kriegsende und den
Zerfall der Monarchie im November 1918 hinaus das Organ der jeweiligen industriellen
Vertretungsorganisation: „Hauptverband der
Industrie Deutschösterreichs“ 1919 bis 1921,
„Hauptverband der Industrie Österreichs“
1921 bis 1934 und „Bund Österreichischer
Industrieller“ 1934 bis 1938. Im März 1938
wurde „Die Industrie“ von den Nationalsozialisten „gleichgeschaltet“ und im März 1939
eingestellt.
Ein neuer Anfang und das Ende
1846 wurde die bis heute bestehende „Vereinigung der Österreichischen Industrie“ gegründet. Die Zeitschrift „Die Industrie“ wurde
von Dr. Ernst und Walter Müller, den Söhnen
1955
1958
von Julius Müller, neu aufgelegt und war wieder Sprachrohr und Mitgliederzeitung der industriellen Unternehmerschaft. Von 1961 bis
1991 war Prof. Herbert Krejci (Generalsekretär der IV von 1979 bis 1992) Chefredakteur,
ab den 1980er-Jahren unterstützt von Dkfm.
Milan Frühbauer, der von 1991 bis 1997 die
Chefredaktion alleine übernahm. In gleicher
Funktion wirkten 1998 Dr. Werner Lanthaler
und 1999 bis 2000 Mag. Tatjana Halek. In
der Sondernummer zum 100-Jahr-Jubiläum
1996 beschrieb Milan Frühbauer das redaktionelle Angebot des Wochenmagazins „Die
Industrie“ als umfassende Analyse aktueller
Fragen der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, als Meinungsspektrum auf der Basis
eines klar definierten Weltbildes und als bewusst umfangreich gehaltene Unternehmensberichterstattung.
1958 Aufschwung, Wachstum und
Vollbeschäftigung
1968 Das Cover wurde modern und
passte sich den neuen Zeiten an
1973 Die Ölkrise wirft ihren Schatten
auch auf Österreich
1978 Eine Volksabstimmung verhindert
die Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes
Zwentendorf
1987 Technologie, Fortschritt und Innovation bewegen Österreichs Industrie
1989 Der Mauerfall und die Ostöffnung
beenden die Teilung Europas
1995 Der EU-Beitritt Österreichs
1997 Der Klimawandel wird global ein
immer größeres Thema
1999 Laufend werden bis in die späten
1990-Jahre aktuelle Themen behandelt
Im 104. Jahr ihres Erscheinens wurde „Die Industrie“ 2000 eingestellt. Sie hatte die letzten
Jahre der k.u.k. Monarchie, den Ersten Weltkrieg, die Erste Republik, den „Ständestaat“,
Nationalsozialismus, Alliierte Besatzung,
die Zweite Republik, den Staatsvertrag, den
Fall des Eisernen Vorhanges und Österreichs
EU-Beitritt als Zeitschrift aus industrieller
Sicht begleitet und kommentiert. Als Sprachrohr der freien Organisationen der Industrie
war sie über Jahrzehnte ein wichtiger Bestandteil von Österreichs Medienlandschaft.
�
Paul Rachler
1968
1989
1987
1978
1973
Editorial
Digitaler Strukturwandel –
gestalten, statt nur erleben
Mit einer konsequenten und nachhaltigen Industrie- & Standortpolitik steigern
wir die Chancen, den digitalen Wandel für Österreich optimal nützen zu können.
noch wichtiger. Darauf muss die Bildungspolitik überzeugende Antworten
In vielen Debatten über Digitalisierung und Industrie 4.0 prägt die Angst vor „dis-
• Digitalisierung braucht Zukunftsorientierung: Um die Chancen der Digita-
ruptiver“ Zerstörung das Bild, die bestehende Geschäftsmodelle und Wertschöp-
lisierung für Wirtschaft und Arbeit nützen zu können, müssen politische
fungsketten von heute auf morgen zunichte macht. Mit Blick auf den Arbeitsmarkt
Entscheidungsträger konsequent Maß an der Zukunft nehmen. Politische
wird von mancher Seite die Furcht genährt, dass Digitalisierung und Robotisierung
Tauschgeschäfte aus der Vergangenheit verbieten sich: Es darf nicht mehr
bloß das „massenweise Aus für Arbeitsplätze“ bedeuten. Manche politischen
darum gehen, bloß eine Wohltat für eine Klientel gegen eine andere Wohltat
Akteure leiten daraus die Notwendigkeit von Maschinensteuern ab – eine Idee aus
für eine andere Klientel einzutauschen. Der Maßstab für Politik im digitalen
den 1970er-Jahren, an deren ideologisch-wirtschaftspolitischer Museumsreife sich
Zeitalter sind wettbewerbsfähige Lösungen im Interesse aller Beteiligten.
finden. Nicht nur Organisationsformen, auch Inhalte des Bildungssystems
müssen fit für die neuen Chancen gemacht werden.
nichts geändert hat. Und Angst ist bekanntlich grundsätzlich ein schlechter Ratgeber.
Digitalisierung und Industrie 4.0 bringen erhebliche Möglichkeiten für Österreich.
Digitalisierung und Industrie 4.0 sind zweifellos große Herausforderungen für
Unsere Voraussetzungen sind gut: eine starke Industrie, viele Hochtechnolo-
den Standort Österreich, denen sich die Industriellenvereinigung auch intensiv
gie-Unternehmen, qualifizierte und motivierte Fachkräfte. Diese Assets dürfen
widmet (sh. auch Coverstory ab Seite 04). Entscheidend ist dabei ein realisti-
jetzt nicht durch Schrebergarten-Politik und Stimmungsmache gegen den
scher Blick frei von Alarmismus auf die Digitalisierung im industriellen Bereich.
Wandel verspielt werden. Österreichs Unternehmen wissen es am besten: Der
Dabei zeigt sich:
digitale Strukturwandel findet statt, mit oder ohne uns. Wir müssen daher, vor
allem auch die Arbeitnehmerseite, alles daran setzen, ihn als Chance zu nutzen
• Digitalisierung braucht Industrialisierung: Die Prozesse der Industrialisierung und
und zu gestalten – aktiv dabei sein, statt nur passiv erleben.
Digitalisierung gehen Hand in Hand. Nur ein starker Industriestandort hat die Chance, durch digitale Anwendungen von mehr Wettbewerbsfähigkeit, Wertschöpfung
Ihr
und neuen Märkten zu profitieren. Notwendig ist daher mehr denn je eine starke
Standortpolitik, die das Industrieland Österreich in den Mittelpunkt stellt.
• Digitalisierung braucht Qualifizierung: Mit der Erweiterung der Handlungsspielräume von Unternehmen und neuen, kundenbezogenen Geschäftsmodellen
sind erhebliche und neue Job-Chancen verbunden. Die Anforderungen an die
Qualifikation von Mitarbeitern steigen – IKT- und MINT-Kompetenzen werden
Christoph Neumayer, Generalsekretär
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Herausgeber, Medieninhaber und Redaktion: Vereinigung der Österreichischen Industrie (Industriellenvereinigung), Schwarzenbergplatz 4, 1031 Wien, Tel.: 01/711 35-2301, Fax: 01/711 35-2313,
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industrielle und im Zusammenhang mit der Industrie stehende Unternehmen sowie deren Eigentümer und Führungskräfte in freier und demokratischer Form zusammenzufassen; ihre Interessen besonders in beruflicher, betrieblicher und
wirtschaftlicher Hinsicht auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene zu vertreten und wahrzunehmen, industrielle Entwicklungen zu fördern, Rahmenbedingungen für Bestand und Entscheidungsfreiheit des Unternehmertums zu
sichern und Verständnis für Fragen der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu verbreiten.
Chefredaktion: Dr. Raphael Draschtak, Andrea Gabmeyer. Redaktionelle Mitarbeit: Mag. Martin Amor, Mag. Robert Albrecht, BA. Lektorat: Mag. Brigitte Mayr. Verantwortlich für den Inhalt: MMag. Mathias Burtscher,
DI Dr. Joachim Haindl-Grutsch, Mag. Johannes Höhrhan-Hochmiller, Mag. Josef Lettenbichler, Dr. Claudia Mischensky, Mag. Gernot Pagger, Dr. Ingrid Puschautz-Meidl, Mag. Michaela Roither, Mag. Irene Schulte. Für den Inhalt der letzten drei
Seiten zeichnet die jeweilige Landesgruppe verantwortlich. Grafik: Matthias Penz, Doris Grussmann.
Foto: IV
Druck: Ueberreuter Druckzentrum GmbH, 2100 Korneuburg. Erscheinungsort: Wien. Offenlegung nach § 25 des Mediengesetzes: iv-positionen erscheint 10x jährlich in einer Auflage von 8.300, Unternehmensgegenstand: Information zu
industrie- und gesellschaftspolitischen Themen für Mitglieder der Industriellenvereinigung und Meinungsträger in Österreich. Siehe auch unter www.iv-net.at/b80
Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird auf geschlechtsspezifische Endungen verzichtet. Die verwendeten Bezeichnungen beziehen sich auf beide Geschlechter gleichermaßen.
März 2016 | iv-positionen
3
Coverstory
Industrie 4.0 –
Chancen für
Wachstum und
Arbeit nützen
REVOLUTION Die Digitalisierung sorgt für einen Umbruch im produzierenden Sektor, der Chancen für
Wachstum und Beschäftigung bringt. Damit Österreich von der „Industrie 4.0“ profitieren kann,
braucht es eine zukunftsfähige Standortpolitik.
4 iv-positionen | März 2016
für Retro-Ideen, wie etwa die Wertschöpfungsabgabe. „Das wäre in Wirklichkeit
nur eine Strafsteuer für Investitionen
und Innovationen. Wir werden die Potenziale der Industrie 4.0 nur dann im Sinn
des Standortes und seiner Beschäftigten
nutzen können, wenn die Standortpolitik fit für ihre Herausforderungen ist“, so
IV-Präsident Georg Kapsch.
Große standortpolitische Chancen
Dabei geht es um viel: Der gesamte servoindustrielle Sektor in Österreich –
Sachgüterproduktion, Bau- und Energiewirtschaft sowie industrienahe und produktionsorientierte Dienstleistungen –
generiert mit knapp 2,5 Mio. Beschäftigten eine Wertschöpfung von rund 160
Mrd. Euro. Das sind etwa 60 Prozent
Foto: Peroutka
D
as Schlagwort „Industrie 4.0“
ist ein Top-Thema internationaler Kongresse und Foren.
Zahlreiche
Unternehmen
setzen sich bereits intensiv mit den Potenzialen hochautomatisierter und vernetzter
industrieller
„Entscheidend ist, dass Produktions- und
Logistikketten
der Standort Österauseinander, die
reich und Europa die
Kundenwünsche
Veränderungen durch
in Echtzeit inteIndustrie 4.0 als Basigrieren und neue
Geschäftsmodelle
sinnovation verstehen
ermöglichen. Teile
und nutzen.“
der Politik sind
IV-Präsident Georg Kapsch
hingegen
noch
nicht in der Zukunft angekommen. Sie plädieren weiter
Coverstory
Fotos: Zinner, IStockphoto/Greyfebruary
der gesamten Wertschöpfung im Land.
„Wohlstand und Beschäftigung am Standort bauen wir dann aus, wenn wir die digitale Revolution und den damit verbundenen Strukturwandel proaktiv gestalten
– Furcht ist fehl am Platz“, erklärt IV-Generalsekretär Christoph Neumayer.
„Mit der Digitalisierung der Industrie sind
große standortpolitische Chancen verbunden. Sie eröffnet produzierenden Unternehmen ganz neue Möglichkeiten, Produkte und Lösungen schnell und effizient
zu entwickeln und zu fertigen. So können
Produktivität gesteigert, Kosten gesenkt,
Fehlerquoten minimiert und die ‚time to
market‘ verringert werden“, betont Peter Koren, IV-Vize-Generalsekretär und
Bereichsleiter Ressourcen & Infrastruk-
tur / Innovation
&
Technologie.
„Mit der Digitalisierung
Laut einer Erhesind standortpolitische
bung von PriceChancen verbunden.
waterhouseCoopers schätzen die
Unternehmen haben
Unternehmen die
neue Möglichkeiten,
durchschnittlich
Produkte und Lösungen
mögliche Effizischnell und effizient zu
enzsteigerung auf
entwickeln.“
3,7 Prozent und
Peter Koren, IV-Vize-Generalsekretär,
die Reduktion der
Bereichsleiter Ressourcen & Infrastruktur
Herstellungskos/ Innovation & Technologie
ten auf 2,6 Prozent pro Jahr. Industrie 4.0 bietet
damit die Chance, durch Effizienzsteigerungen Produktion aus Niedriglohnländern zurück nach Europa zu holen.
März 2016 | iv-positionen
5
Coverstory
Mit Produktinnovationen, innovativen
Serviceleistungen und neuen Geschäftsmodellen lassen sich erhebliche Potenziale für
Wachstum und Wertschöpfung heben. Die
Unternehmensberatung Roland Berger
erwartet etwa, dass Europa bis 2025 einen
Zuwachs von 1,25 Bill. Euro an industrieller Bruttowertschöpfung erzielen könnte.
Bei Versäumnissen droht jedoch ein Wertschöpfungsverlust von 605 Mrd. Euro. Dies
hätte auch massive
Auswirkungen
„Wohlstand und Beauf den Arbeitsschäftigung am Standmarkt.
IV-Präort bauen wir dann aus, sident
Kapsch:
wenn wir die digitale
„Die Sorgen vor
Revolution und den
sinkenden
Mitarbeiterzahlen
damit verbundenen
stehen nicht in
Strukturwandel proakRelation zu den
tiv gestalten – Furcht
Auswirkungen,
ist fehl am Platz.“
unter denen wir
IV-Generalsekretär Christoph Neumayer
zu leiden hätten,
wenn die Entwicklung an Österreich vorbeizieht.“ Für
Deutschland bilanziert eine Studie des
renommierten Fraunhofer-Instituts: „Ein
Verzicht auf Industrie 4.0 in Deutschland
kann in viel größerem Umfang Arbeitsplätze gefährden. Wichtig sind vernünftige
6 iv-positionen | März 2016
Rahmenbedingungen, um mit Industrie 4.0
neue Arbeitsplätze zu schaffen.“
Standortpolitik 4.0
Zukunftsorientierte Standortpolitik 4.0
muss daher aus Sicht der Industriellenvereinigung den Fokus auf folgende Schwerpunkte legen:
F&E und Innovation vorantreiben: Notwendig sind dafür die Ausrichtung nationaler F&E-Programme zur Stärkung von
Technologiekompetenz in Österreich, die
Steigerung der digitalen Reife österreichischer Unternehmen und die Förderung
innovativer Dienstleistungen. Gestärkt
werden müssen die Schnittstellen zwischen technologieintensiven Startups und
etablierten Unternehmen. Dazu sollen
auch Finanzierungsquellen auf europäischer Ebene (Horizon 2020, Juncker-Paket) genutzt werden.
Qualifikationen stärken: Durch die Digitalisierung verändern sich Tätigkeitsprofile
und Beschäftigungsstruktur tiefgreifend.
Arbeitsplätze mit höheren Qualifikationen
werden erforderlich. IT-Kompetenz und
interdisziplinäres Wissen sind künftig stärker gefragt, während einfache Tätigkeiten
weiter zunehmend von Robotern übernommen werden. Der MINT-Bereich wird
Fotos: dieindustrie.at/Mathias Kniepeiss, Johannes Zinner
Heben wir die Potenziale? Wir haben es
in der Hand
Coverstory
zum zukunftsentscheidenden Qualifikationssegment: Heute leiden bereits acht von
zehn Leitbetrieben unter dem Fachkräftemangel im naturwissenschaftlich-technischen Bereich. Vor diesem Hintergrund
fordert die IV die frühzeitige MINT-Förderung in Kindergarten und Schule, die
Stärkung der HTL, die Attraktivierung
von MINT-Hochschulstudien sowie die
verstärkte Kooperation von Unternehmen
und Bildungseinrichtungen.
Schnittstellen sichern: Den Schnittstellen zu europäischen und internationalen
Initiativen kommt für den Erfolg von
Industrie 4.0 in Österreich besondere
Bedeutung zu. Standardisierung, rechtliche Rahmenbedingungen, Datenschutz
und Cybersecurity erfordern ein eng abgestimmtes Vorgehen zwischen Politik
und Industrie. Nur so können Interessen
gesichert und industrielle Kompetenzen
gestärkt werden.
IKT-Infrastruktur gewährleisten: Eine
digitalisierte Industrie braucht eine
leistungsfähige IKT-Infrastruktur als
„backbone“. Dem Breitbandausbau und
F&E im IKT-Bereich kommt deshalb
eine Schlüsselrolle zu. Das Projekt des
digitalen Binnenmarktes, der erhebliche
Wachstums- und Beschäftigungspotenzi-
ale verspricht, muss forciert werden. Der
Infrastrukturausbau muss auch auf europäischer Ebene Priorität erhalten.
Modernisierung des Arbeitszeitrechts:
Moderne standortpolitische Rahmenbedingungen für die Industrie 4.0 erfordern aber auch eine Modernisierung der
Arbeitswelt. Die IV fordert in diesem
Zusammenhang eine Reform des Arbeitszeitrechts. IV-Generalsekretär Neumayer: „Die täglichen und wöchentlichen
Höchstarbeitszeitgrenzen des Arbeitszeitgesetzes entsprechen schon jetzt nicht
den praktischen Bedürfnissen der Unternehmen und ihrer Beschäftigten, um Arbeitsspitzen abdecken zu können.“ Erforderlich sind Regelungen unmittelbar auf
Betriebsebene durch Betriebs- oder Einzelvereinbarungen.
Bilanz von IV-Präsident Kapsch: „Entscheidend ist, dass der Standort Österreich
und Europa die Veränderungen durch Industrie 4.0 als Basisinnovation verstehen
und nutzen. Die Digitalisierung ist der
Schlüssel zur notwendigen Re-Industrialisierung.“ Die USA zeigen dies im Rahmen
ihres Re-Industrialisierungskurses erfolgreich vor. Erfolgten 2006 noch 25 Prozent
der Bruttoanlageinvestitionen im IKT-Bereich, sind es derzeit bereits 31 Prozent. �
INDUSTRIE 4.0
Chancen für Österreichs Industrie
Die PwC-Studie „Österreichs Industrie im Wandel“
prognostiziert, dass Österreichs Industrieunternehmen bis 2020 jährlich über vier Milliarden
Euro in Industrie 4.0- Anwendungen investieren.
Diese führen zu einer höheren Produktions- und
Ressourceneffizienz. Erwartet werden 20 Prozent
Effizienzsteigerung binnen fünf Jahren. Die Anzahl
der hochdigitalisierten Unternehmen soll sich in den
nächsten fünf Jahren mehr als verdreifachen.
Digitalisierte Produkte und Services können zusätzlich knapp drei Milliarden Euro Umsatz pro Jahr für
die österreichische Industrie erwirtschaften, so die
Studie. Die Industriellenvereinigung befasst sich seit
längerem intensiv mit den Potenzialen der Industrie
4.0 und unterstützt die „Industrie 4.0 Österreich
– Plattform für intelligente Produktion“, die den
Kompetenzaufbau forciert und Industrie 4.0-Aktivitäten in Österreich vernetzt.
http://plattformindustrie40.at
Chancen für die Arbeitswelt
In der Produktion verschwimmen durch Industrie
4.0 die Grenzen klassischer Berufsbilder. Gab es
früher Elektriker, Mechaniker und EDV-Techniker,
sind es künftig Produktionstechnologen und Produktionsinformatiker.
Studien zeigen, dass es einen Verlust an Routine-Tätigkeiten und einen Zuwachs an Nicht-Routine-Tätigkeiten mit höherem Qualifikationsniveau
geben wird. Sowohl einfache Tätigkeiten mit
wiederholendem Charakter als auch routinemäßige, kognitive Tätigkeiten werden abnehmen. Die
Berufsfelder mit dem größten Wachstum sind unter
anderem IT- und naturwissenschaftlich-technische
Berufe.
Vorteilhaft für Produktionsmitarbeiter sind geringere
Leerlaufzeiten durch Personaleinsatz in Echtzeit.
Mitarbeiter können durch ein Mehr an individueller
Flexibilität Familie und Beruf besser miteinander
vereinbaren.
Die neuen Assistenzsysteme bieten vor allem für
ältere Arbeitnehmer Vorteile, da sie es erlauben, die
immer komplexer werdenden Aufgaben leichter zu
bewältigen. Weitere Vorteile für Mitarbeiter können
die individuellere Vergütung und die einfachere betriebliche Mitbestimmung durch den Einsatz neuer
Technologien sein.
März 2016 | iv-positionen
7
INDUSTRY
MEETS
STARTUPS
WETTBEWERB Beim zweiten „Pitch im Paternoster“ mussten
die handverlesenen Startups die Industrie von ihren Ideen und
Produkten überzeugen – Panono sicherte sich den 1. Platz.
G
Auch Staatssekretär Harald Mahrer drehte
eine Runde mit den Startups.
erade im Innovationsbereich können Partnerschaften
zwischen
etablierter
Industrie
und Startups beiden
Seiten Nutzen bringen – eine klassische
Win-Win-Situation also. Außerdem
sollten wir alles tun, um möglichst dafür
zu sorgen, dass jede innovative Idee aus
Österreich auch in Österreich realisiert
werden kann“, so Therese Niss, Bundesvorsitzende der Jungen Industrie, bei
der Begrüßung im Haus der Industrie.
nahm die einzelnen Startups jeweils
während einer Runde im Paternoster
unter die Lupe – am Ende war das
Ergebnis denkbar knapp. Mit einem
hauchdünnen
Vorsprung
gewann
schließlich Panono (www.panono.
com) den ersten Preis, gesponsert von
der Infineon AG. Der zweite Preis, zur
Verfügung gestellt vom Austria Wirtschaftsservice (aws), ging an das Team
von Kinexon (www.kinexon.com).
Den dritten Rang, unterstützt durch
das Aktienforum, belegte Optoforce
(www.optoforce.com).
Mindset ändern
Knappes Rennen
Die Jury, rekrutiert vor allem aus
dem Kreise des IV-Bundesvorstandes,
8 iv-positionen | März 2016
Zudem konnte dieses Mal auch das Publikum die Startups bewerben: Über
den Crowd Award, unterstützt von
DealMatrix, konnte sich das Team von
Parkbob (www.parkbob.com) freuen. Heinrich Schmid-Schmidsfelden
bedankte sich nach der erfolgreichen
Veranstaltung bei allen Sponsoren
– und vor allem auch beim Partner
WhatAVenture, der gemeinsam mit
der JI-Bundesorganisation sowie der
JI-Wien den „Pitch im Paternoster“
organisiert.
Fotos zum „Pitch im Paternoster“ finden sich auf der Homepage der Jungen Industrie (www.jungeindustrie.at)
sowie unter www.whataventure.com/
pitch-im-paternoster-2016.
�
Fotos: JI/Prantl
Das Siegerteam von Panono mit InfineonInnovationschef Günther Wellenzohn
„Für dieses Vorhaben brauchen wir auch
die Unterstützung der Politik, denn nur
wenn wir als Gründungsland attraktiv
sind, werden wir auch die innovativsten
und besten Unternehmer anziehen“,
betonte Heinrich Schmid-Schmidsfelden, Vorsitzender der JI-Wien. Damit es soweit kommt, müsse auch die
Gründungskultur stimmen. „Auch am
Mindset von Gesellschaft, Wirtschaft
und Politik müssen wir noch arbeiten,
da wir von der Versorgungsmentalität
wegkommen müssen hin zu mehr Mut
für Risiko und Lust an Innovation“, so
Schmid-Schmidsfelden.
Junge Industrie
Ein positiver
Blick nach vorne
Thematisch würden sich derzeit für einen Kommentar vor allem die Pensionen anbieten – aus aktuellem
Anlass diesmal aber lieber einmal etwas Erfreuliches.
eigenes Unternehmen zu gründen. Defacto hat sich
Dazu können und wollen wir als JI beitragen. Und
hier aber einiges getan, das Thema Startups – lange
das ist ja auch einfacher und angenehmer als der
Zeit recht stiefmütterlich behandelt – ist mittlerweile
Austausch mit der Politik. Womit wir doch wieder
„in“. Mit Harald Mahrer haben Jungunternehmer
beim Pensionsgipfel sind. Nachdem dieser nach
Beistehend findet ihr einen kurzen Bericht zum
zudem einen klaren und sehr aktiven Fürsprecher
Redaktionsschluss dieser Ausgabe stattfindet, ist
zweiten „Pitch im Paternoster“, der kürzlich im Haus
in der Regierung.
eine Bewertung nicht möglich. Erwarten sollte man
der Industrie stattgefunden hat. Erfreulich ist dieses
sich aber wohl eher nichts – wie immer. Aber dazu
Thema vor allem, weil die bereits zweite Auflage
Aber bereits die Grundidee des ersten Pitch im Pa-
des Events auf noch mehr Interesse gestoßen
ternoster ging von einer Annahme aus, die auf zahl-
ist – sowohl bei den Mitgliedern von IV und JI als
reichen Gesprächen mit Startup-Vertretern beruht:
auch bei den Startups. Die Beteiligung – bei der
Vielen Startups würde ein regelmäßiger informeller
begrenzten Teilnehmerzahl von 13 Startups keine
Austausch mit den etablierten Unternehmen bereits
Selbstverständlichkeit – war auch erfreulicherweise
viel helfen. Sei es, um vom Know-How der „alten
internationaler als 2015.
Hasen“ in verschiedenen Bereichen zu profitieren, sei
leider wohl mehr in der nächsten Ausgabe.
Herzlichst Eure
es, um später Partnerschaften bei der Realisierung
Erfreulich ist das auch, weil dies endlich einmal ein
einer Idee oder eines Produktes zu finden.
Thema ist, wo wir als Wirtschaft nicht unbedingt
auf die Politik warten müssen. Natürlich gäbe es
Gerade im Bereich der Innovation sind Partnerschaf-
auch im Bereich Förderung von Startups genug für
ten zwischen Startups und etablierter Industrie sehr
die Politik zu tun – bekanntlich ist es in Österreich
erfolgreich – auch in Österreich tut sich hier bereits
Therese Niss,
nach wie vor schwerer als in anderen Ländern, ein
einiges, es kann aber gerne ein wenig mehr sein.
Bundesvorsitzende der Jungen Industrie
Zu Besuch beim Weltmeister
F
Fotos: Junge Industrie/Prantl, JI-Salzburg
irmenchef Cornelius Geislinger empfing am 4. Februar 2016 eine Abordnung der Jungen Industrie Salzburg im
Hauptquartier in Hallwang-Mayrwies.
Die Geislinger GmbH ist Weltmarktführer bei drehelastischen Kupplungssystemen für große Dieselmotoren. Es war ein
Besuch bei einem Exportweltmeister: Von
hundert Euro setze Geislinger nur einige
Cent in Österreich um, betonte CEO Cornelius Geislinger beim Besuch im Firmenhauptqaurtier in Hallwang-Mayrwies.
Auch bei Forschung Spitze
Geislinger betreibt insgesamt sechs
Werke in Salzburg, St. Leonhard im Lavanttal, in China, Korea, Japan und in
den USA und setzt mit Kupplungen und
Dämpfungssystemen für große Diesel-
motoren rund 112 Millionen Euro um.
In Hallwang beschäftigt der Konzern
160 Mitarbeiter, im Lavanttal knapp 500.
Geislinger ist nicht nur Export-, sondern
auch Forschungsweltmeister. 25 Prozent
des Umsatzes werden in Entwicklung,
Investitionen und Marketing gesteckt.
„Noch vor 15 Jahren haben wir in Asien
nur ein Drittel unseres Umsatzes gemacht“, sagte Cornelius Geislinger. „Wir
erfinden uns alle vier Jahre neu“, sagte
der Firmenchef. So fertigt der innovative
Betrieb den größten Stahlfederdämpfer
für das größte Containerschiff der Welt
und die größte Kohlefasermembrankupplung für die größte Windkraftturbine der
Welt. 60 Prozent des Umsatzes werden in
Asien generiert, der Rest teilt sich auf die
EU, die USA und den Rest der Welt auf.
Dieser Umstand spiegelt auch das dynamische Wachstum im Fernen Osten. �
Andi Wimmer von der JI (3. v. l. ) bedankt sich beim
Leiter der Innovationsabteilung Christoph Sigle, CEO
Cornelius Geislinger und bei Geislinger-Personalchefin
Maria Aigner.
März 2016 | iv-positionen
9
Kommentar von außen
Ökonomischer
Analfapethismus
„14-Jährige haben Defizite im Wirtschaftswissen. Bei fast allen Fragen geben zumindest 30
Prozent keine einzige richtige Antwort. Defizite
sind vor allem im Bereich des wirtschaftlichen
Grundverständnisses und der Rolle des Staates
zu erkennen.“
in dem die Wirtschaft meistens „unter die Räder
herrschende Staatsgläubigkeit schlägt sich auch
kommt“. Das bestreiten allerdings ihre Kollegen
in den Antworten der Schüler nieder: Eine Mehrheit
von den Pädagogischen Hochschulen vehement.
unter ihnen glaubt, es sei der Staat, der bestimme,
was importiert und exportiert wird. Vier von zehn
Es ist erfreulich, dass sich die Wissenschaftler so
Schülern meinen sogar, dass der Staat auch die
hingebungsvoll damit beschäftigen, wie man der
Preise von Produkten festlege. Zusammengefasst
Jugend mehr Wissen und ein besseres Verständnis
findet man das in der Aussage eines Schülers: „Der
Dieses eher ernüchternde Resümee ziehen die
von der Wirtschaft beibringen könnte. Aber die
Staat ist das komplette Zentrum der Wirtschaft,
Verfasser einer
Studie des Instituts für Wirt-
Schule, die Lehrer und die Wirtschaftspädagogen
würde ich sagen. Er nimmt Steuern ein, er regelt
schaftspädagogik der WU, bei der sie Schüler
der Uni stehen auf verlorenem Posten. Die jungen
die Steuern, er bestimmt, ob viel Geld für eine
Straße ausgegeben wird.“
„Die jungen Österreicher wachsen in
einer Umwelt auf, in der ‚Wirtschaft‘ fast
ein Schimpfwort ist und ein Unternehmer
als Ausbeuter und potenzieller Steuerhinterzieher gilt.“
Hans Winkler, Journalist
Man muss den Schülern aber Gerechtigkeit angedeihen lassen: Sie können bei allem Mangel an
Wissen auch sehr realistisch sein: „Ehrlich gesagt
wäre ich lieber angestellt, weil ein eigenes Unternehmen derzeit nach viel zu viel Verantwortung für
mich klingt“, schreibt Einer oder vielleicht Eine. Ein
anderer sieht sich und die Welt ziemlich nüchtern:
„Ich hätte lieber mein eigenes Unternehmen, weil
an Gymnasien und Neuen Mittelschulen befragt
Österreicher wachsen in einer Umwelt auf, gegen
ich mir mit einem Chef in die Haare geraten wür-
haben. Nur „bei Fragen zum alltäglichen wirt-
die die Pädagogen wie gegen Windmühlen kämp-
de. Am Anfang wäre es sicher schwer, das Geld
schaftlichen Handeln als Verbraucher“ seien die
fen, in der „Wirtschaft“ fast ein Schimpfwort ist und
herzukriegen für ein eigenes Restaurant.“
Antworten besser ausgefallen, heißt es in der Stu-
ein Unternehmer als Ausbeuter und potenzieller
die. Immerhin – möchte man sagen –, wenigstens
Steuerhinterzieher gilt.
Ganz verloren ist die Lage trotz allem nicht: Dass
eine Fahrt mit den Öffis auf Schülerfreifahrt, der
aus. Aber leider ist es mit dem Wissen schon wie-
Man braucht nur die Leserbriefseiten der Zeitungen
Besuch beim Arzt und der Kauf von Süßigkeiten
der vorbei, „wenn das eigene Handeln begründet
zu überfliegen, um diesen Vorstellungen täglich zu
vom Taschengeld etwas mit Wirtschaft zu tun
oder hinterfragt werden soll“.
begegnen. Begeisterte Zustimmung finden Ökono-
hat, kapiert jeweils eine Mehrheit. Auf Fragen
men, die den „Kapitalismus“ verdammen oder das
zum Wirtschaftswachstum fanden bei einer mul-
Für die Wirtschaftspädagogen ist die Folgerung
Wort „neoliberal“ als Inbegriff von böse verwenden.
tiple-choice-Befragung die richtigen Antworten
aus diesem Befund klar: „Der Königsweg wäre ein
Dass der Kapitalismus in Europa in der Gestalt
immerhin viel größere Zustimmung als die falschen.
eigenes Fach Wirtschaft“, sagt Bettina Fuhrmann,
der sozialen Marktwirtschaft vorkommt, wird nicht
Damit sind die Schüler jedenfalls gescheiter als
unter deren Leitung die Schülerstudie erarbeitet
verstanden. „Das Geld ist ohnehin vorhanden, man
jene bekannte österreichische Sozialinstitution, die
wurde. Das sei aber nicht realistisch, weil es das
muss es nur richtig (um!-)verteilen“, findet etwa die
erklärt, die Arbeitslosigkeit komme daher, „dass
Fach GW, Geographie und Wirtschaftskunde, gibt,
Leserin einer großen Bundesländerzeitung. Die
alle nur aufs Wachstum schauen“.
10 iv-positionen | März 2016
Fotos: istockphoto.com_wragg, Privat
beim eigenen Geld kennen sich die Jugendlichen
Fragen an
Porträt
Dr. Hanno M. Bästlein
1
Warum engagieren Sie sich neben Ihrer Tätigkeit im Unternehmen als Bundesvorstandsmitglied in der Industriellenvereinigung?
Die B&C-Gruppe hat sich der Förderung
des österreichischen Unternehmertums
verschrieben und unterstützt in vielfacher
Hinsicht – angefangen mit zukunftsgerichteter Forschung sowie als Kernaktionär –
Betriebe, die sich zunehmend zu globalen
Unternehmen mit starken österreichischen
Wurzeln entwickeln. So ist es nur folgerichtig, diese Erfahrungen in die vielfältigen
Diskussionen bei der Industriellenvereinigung einzubringen, um zu Verbesserungen
der Rahmenbedingungen für den Standort
und vor allem für die Menschen beizutragen. Zudem erlaubt es uns gleichzeitig,
an den Erfahrungen der Kolleginnen und
Kollegen teilzuhaben.
Foto: B&C-Holding
2
Was sind die drei wichtigsten standortpolitischen Herausforderungen für das
Industrieland Österreich?
Europas und Österreichs langjährige Produktivitäts-, Qualitäts- und Technologievorsprünge sind – zum Beispiel im Vergleich
mit Asien – in vielen Bereichen deutlich
geschrumpft. Im gleichen Zeitraum wurden
bei uns zuletzt – ganz abgesehen von den ohnehin viel diskutierten hohen Personal- und
Lohnnebenkosten – die Transport- und Energiekosten durch neue Steuern und Abgaben in die Höhe getrieben. Höhere Kosten
in diesen Bereichen schaden der internationalen Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie besonders und exportieren letztendlich
Arbeitsplätze. Das wird politisch zu wenig
wahrgenommen. Hier ist rasch gegenzusteuern. Zusätzlich belasten eine überbordende
Bürokratie und geringe Flexibilität am Ar-
Mitglied des Aufsichtsrates der
B&C Industrieholding GmbH
beitsmarkt die Wirtschaft. Dadurch kann in
vielen Bereichen auf Veränderungen nicht
schnell genug reagiert werden, wodurch
auch weniger investiert wird.
3
Was macht Ihr Unternehmen erfolgreich?
Eine klare Strategie, langfristige
Orientierung und konsequente Umsetzung. Ziel der B&C Industrieholding
ist es, Know how und Unternehmenszentralen dauerhaft in Österreich zu halten
und die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Kernbeteiligungen langfristig
sicherzustellen. Wir ermöglichen eine
dauerhafte Planung, weil wir bei unseren
Kernbeteiligungen keine kurzfristigen
Ziele und Gewinnmaximierungen verfolgen. Das unterscheidet uns maßgeblich
von vielen anderen Investoren. Der Erfolg eines Unternehmens wird stets von
der Qualifikation und dem Engagement
seiner Mitarbeiter bestimmt. Wir bieten
unseren Beteiligungen einen Mehrwert,
den wir über professionelle Aufsichtsräte
einbringen und stehen dem Management
unserer Kernbeteiligungen als verlässlicher Ratgeber und Diskussionspartner
zur Verfügung.
4
Wie sehen Sie die Zukunft der österreichischen Industrie und der mit ihr verbundenen Sektoren?
Wie zuerst erwähnt: Wir haben eine gute
Basis und alle Chancen. Aber ohne Trendwende und mehr politischem Bewusstsein
für die Bedeutung der Wirtschaft befinden
wir uns in einer Sackgasse. Der Mangel
an Reformfreudigkeit verkrustet unsere
Rahmenbedingungen und schränkt damit
die Bewegungsfreiheit der Unternehmen
ein. Deshalb müssen alle gemeinsam mit
der Politik in einen undogmatischen und
zukunftsweisenden Dialog treten. Die
Basis, um sich als relativ kleine Wirtschaft global behaupten zu können, liegt
in einem breiten und hervorragenden Bildungswesen. Unternehmens- und branchenübergreifende Zusammenarbeit, etwa
in der Forschung und Entwicklung, bei
technischen Standards oder im Außenauftritt auf Exportmärkten, ist ein Schritt
zur Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit. Vor allem im stark zunehmenden
Bereich der Digitalisierung der Wirtschaft ist eine flächendeckende Zusammenarbeit zwischen KMU und Industrie
gefordert, um gemeinsame Standards zu
etablieren. Dann kann die gesamte Wirtschaft unseres Landes von den massiven
Investitionen in neue Technologien auch
tatsächlich profitieren.
�
FACTBOX
Seit der Gründung im Jahr 2000 verfolgt die B&C
Privatstiftung das Ziel der langfristigen Förderung
des österreichischen Unternehmertums. Mittels der
B&C Industrieholding übernimmt die B&C-Gruppe
die Aufgaben eines langfristigen, stabilen Kernaktionärs in österreichischen Industrieunternehmen. Sie
hält derzeit Mehrheitsbeteiligungen an der Lenzing
AG, der Semperit AG sowie der AMAG Austria
Metall AG. Zudem setzt sich die B&C-Gruppe für
verbesserte finanzielle Grundlagen für Innovation
und Forschung in Österreich ein. Seit 2005 verleiht
die B&C-Privatstiftung den Houskapreis. Mit einer
Dotierung von 400.000 Euro ist es Österreichs größter privater Preis für wirtschaftsnahe Forschungsprojekte. 2016 wird dieses Engagement mit dem
neuen „Bildungspreis der B&C Privatstiftung“ weiter
ausgebaut, um zukunftsgerichtete Forschungsvermittlung in Bildungseinrichtungen zu fördern.
www.bcholding.at
März 2016 | iv-positionen
11
Europa
Die Flüchtlingspolitik in Europa
stößt an ihre Grenzen
MIGRATION Im Rahmen des EU-Gipfels vom 18. und 19. Februar 2016 in Brüssel haben die Staats- und Regierungschefs über weitere gemeinsame Schritte zur
Flüchtlingskrise diskutiert. Es herrscht weiter Uneinigkeit.
D
Schengen-Raum nicht aufgeben
Besorgniserregend sei auch die aktuelle
Wiedereinführung von flächendeckenden
Grenzkontrollen. „Diese kann nicht nur
den 26 Ländern des Schengen-Abkommens jährlich mehrere Milliarden Euro
kosten, sondern würde auch eine der
größten Errungenschaften der EU aufs
Spiel setzen“, so Neumayer.
Die Beschlüsse des Europäischen Rats
vom 18/19. Februar 2016 fordern,
• nach wie vor die gemeinsame humanitäre Hilfe für die Nachbarländer Syriens zu gewährleisten,
• weitere Anstrengungen bei der Umsetzung des EU-Türke-Aktionsplans zu
unternehmen,
• die Wiederherstellung eines normal
funktionierenden Raums des freien
Personenverkehrs zu garantieren,
• eine Verbesserung der Einrichtung und
des Betriebs von Hotspots (Registrierungszentren) vor allem in Italien und
Griechenland zu erzielen,
• vorübergehende
Aufnahmeeinrichtungen für ankommende Flüchtlinge zu
schaffen,
• und finanzielle Kapazitäten zu etablieren, um Länder zu unterstützen, die mit
einer großen Anzahl von Flüchtlingen
und Migranten konfrontiert sind.
Neumayer erklärt dazu: „Die Beschlüsse
des EU-Gipfels zeigen einmal mehr die
große Dringlichkeit gemeinsamer und
akkordierter Maßnahmen der EU-Mitgliedstaaten auf. Die EU hat bisher große
Versäumnisse hinsichtlich einer einheitlichen Migrations- und Integrationspolitik
zugelassen. Die EU muss möglichst rasch
funktionierende Mechanismen für die
Aufnahme, Verteilung und Rückführung
der Flüchtlinge aufstellen und durchführen. Alle müssen an einem Strang ziehen
und eine solidarische Haltung zeigen.“
Europa muss geschlossen handeln
Spätestens Ende 2016 müssten die europäischen Mechanismen greifen und die Krise
in geordnete Bahnen gelenkt sein. Nach
der IV vorliegenden Zahlen werden bis
Ende 2017 in Österreich mehr als 100.000
Menschen Asyl beantragt haben und 70.000
zusätzliche Personen am Arbeitsmarkt
sein. Um diese Lage bewältigen zu können,
bräuchte es möglichst rasch eine Reihe von
Aufnahme- und Integrations-Maßnahmen.
„Asylsuchende Menschen können auch
eine Chance für das Land bedeuten, sie
müssen dazu aber gezielt in Arbeitsmarkt
und Gesellschaft integriert werden“, so
Neumayer. Ein Leitbild für Migration in
Europa und eine aktive EU-Integrationspolitik sind nun gefragt.
�
Foto: istockphoto.com/ Rawpixel Ltd
erzeit sind etwa 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, die
höchste Zahl, die der
UN-Flüchtlingsrat jemals
verzeichnet hat. Allein im dritten Quartal 2015 beantragten 413.800 Menschen
Asyl in der EU. 2015 sind mehr als eine
Million Flüchtlinge in Europa angekommen. Der Weg nach Europa führt für die
meisten Flüchtlinge über die Türkei, die
Balkanroute oder über das Mittelmeer. In
der Türkei sind derzeit über 2,5 Millionen
registrierte syrische Flüchtlinge. Noch immer ist nicht geklärt, wie die EU die zugesagten drei Milliarden Euro an die Türkei
für die Flüchtlingshilfe aufbringen will.
Der Türkei geht es in den Verhandlungen
mit der EU neben der zugesagten Milliardenhilfe besonders um die Visumliberalisierung bei Reisen türkischer Staatsbürger, jährliche finanzielle Unterstützung
und eine ernste Beitrittsperspektive. Die
Fortschritte des Aktionsplans sollen im
Frühjahr ausgewertet werden. „Aktuell
spielt die Türkei eine Schlüsselrolle und
kann dazu beitragen, die EU-Außengrenzen zu sichern. Die Beitrittsprozesse
sind vorgegeben und dürfen durch aktuelle Maßnahmen keine präjudizierende
Wirkung haben“, verdeutlicht IV-Generalsekretär Christoph Neumayer.
12 iv-positionen | März 2016
Europa
UK-Referendum
am 23. Juni:
Ergebnis offen
BREXIT Erstmals steht mit Großbritannien der
Austritt eines Mitgliedstaates aus der Europäischen Union im Raum. Die Frage, wie man
damit umgeht, beschäftigt nicht nur Brüssel,
sondern auch die Industrie.
O
Foto: istockphoto.com/ Gutzemberg
b Einschränkung der Sozialleistungen für EU-Ausländer, die EU-Mitgliedschaft
Großbritanniens, die Rolle
der nationalen Parlamente oder Fragen
zur Euro-Zone und den Wettbewerb
in der EU: Die Schlussfolgerungen zum
EU-Gipfel am 18. und 19. Februar in Brüssel enthalten einige Zugeständnisse an die
britische Regierung. PM Cameron spricht
von einem zukünftigen „Sonderstatus“
Großbritanniens innerhalb der EU. Noch
am 23. Juni dieses Jahres wollen die Briten
über den Verbleib in der EU abstimmen.
Einschränkung der Sozialleistungen für
EU-Ausländer: Trotz der in den Artikeln 21
AEUV und 45 AEUV geregelten Freizügigkeit der EU-Bürger und -Arbeitnehmer soll
die von der britischen Regierung geforderte
„Notbremse“, durch die EU-Ausländer von
Sozialleistungen ausgeschlossen werden
können, maximal sieben Jahre gelten. Der
Betroffene selbst kann in Zukunft vier Jahre von Leistungen ausgeschlossen werden.
Kindergeld für nicht in Großbritannien lebende Kinder soll für neue Antragsteller an
die Lebenshaltungskosten im Ausland gekoppelt werden. Ab 2020 sollen dann auch
die bereits in anderen EU-Staaten lebenden
Unions-Bürger davon betroffen sein. Eine
Einschränkung der EU-Richtlinie zur Arbeitnehmerfreizügigkeit soll diesbezüglich
vorgeschlagen werden.
Mitgliedschaft in der EU: Dem Königreich
wurde zudem zugestanden, in Zukunft
nicht gemäß Art. 1 EU durch eine „immer engere Bindung“ an die EU verpflichtet zu sein. Diese Ausnahmeregelung für Großbritannien soll in einer
EU-Vertragsänderung verankert werden. UK ist kein Teil des Schengen-Abkommens.
Nationale Souveränität: Den nationalen
Parlamenten soll es in Zukunft anhand
eines Vetorechts ermöglicht werden,
EU-Gesetzesentwürfe zu stoppen, sofern
55 Prozent der Parlamente zustimmen.
Euro-Zone: PM Cameron erhielt von den
anderen Euro-Staaten die Zusicherungen,
dass Maßnahmen des Währungsraumes
keine negativen Auswirkungen auf den
Finanzplatz London haben sollen. Umgekehrt soll es keine Beschränkungen für
die Finanzmärkte der Euro-Zone geben.
Großbritannien wird auch in Zukunft
über kein Vetorecht bei Entscheidungen
der Eurostaaten verfügen.
Wettbewerb: Die Wettbewerbsfähigkeit
der Wirtschaft soll gefördert werden,
etwa durch Bürokratieabbau für Unternehmen, was bereits durch das aktuelle
Better-Regulation-Paket der EU gedeckt wird.
PM Cameron zeigte sich mit dem Ergebnis des ER vom 18. und 19. Februar
zufrieden und sprach sich für den Verbleib Großbritanniens in einer „reformierten EU“ aus.
Brexit: Erstmals steht mit Großbritannien der Austritt eines Mitgliedstaates
aus der Europäischen Union im Raum.
Die Frage, wie man damit umgeht, beschäftigt nicht nur Brüssel, sondern
auch die Industrie.
Industrie will Großbritannien weiter als
Teil der EU sehen
Die IV hat einen offenen Brief des britischen
Arbeitgeberverbandes CBI gemeinsam
mit anderen Industrieverbänden für den
Verbleib Großbritanniens in der EU unterzeichnet. IV-Generalsekretär Christoph
Neumayer: „Großbritannien ist ein wichtiges, wirtschaftspolitisch liberal ausgerichtetes Mitglied. Eine der wichtigsten Säulen
der Verhandlungen über seine weitere Mitgliedschaft ist, die EU wettbewerbsfähiger zu
gestalten. Eine Forderung, die der gesamten
EU Vorteile bringen würde. Europa muss
Wachstum und Arbeitsplätze schaffen. Deshalb sind Reformen und ein globaler Ansatz für Wirtschaft, Bildung und Forschung
essenziell.“ Etwa 45 Prozent der Exporte
Großbritanniens gehen in die EU, 53 Prozent
seiner Importe kommen aus der EU. Auch
Auslands-Investoren würde ein „Brexit“ abschrecken, da diese an einem einheitlichen
Markt Interesse haben. Die wirtschaftlichen
Folgen eines „Brexit“ könnten daher noch
ungeahnte Auswirkungen haben.
�
INFORMATION
Florence Meyer-Landrut
[email protected]
März 2016 | iv-positionen
13
Initiative
Stummvoll: „Haben
keine Zeit zu verlieren“
WACHSTUM Der Sprecher der Plattform für Leistung und Eigentum, Günter
Stummvoll, fordert umfassende Strukturreformen zur Standortverbesserung und
eine Wachstumsstrategie.
Wachstum heißt „immer mehr“. Muss es denn
immer mehr sein?
Mehr Wirtschaftswachstum heißt nicht
immer mehr vom Selben, sondern heißt
Günter Stummvoll, Sprecher der Initiative
14 iv-positionen | März 2016
Abgabenquote, die derzeit in Österreich die sechsthöchste in der Europäischen Union ist. Sie ist aber nicht
deshalb so hoch, weil wir so viel in
die Zukunft – in Wissenschaft, Technologie und Innovationen – investieren, sondern weil die Bereiche der
öffentlichen Verwaltung ineffizient
organisiert sind. Eine jüngst publizierte Studie der „EcoAustria“ ergibt
ein Effizienzpotenzial alleine im Bereich der Länderverwaltungen von
rund fünf Milliarden Euro jährlich.
Fortschritt, Entwicklung, Innovation und
Wandel, damit wieder mehr Arbeitsplätze entstehen können. Nur müssen wir
dafür in die Strukturen gehen! Ein bisschen Kosmetik hier und da und eine
Beschwichtigungsmentalität
mancher
politischer Akteure wird sicherlich nicht
reichen.
Was wären nun Ihrer Meinung nach die wichtigsten Maßnahmen in einem Wachstumspaket?
Abgesehen von vielen Einzelvorschlägen, wie zum Beispiel die Umsetzung des
Wohnbaupaketes und die Breitbandinitiative oder die Schaffung einer Mittelstandsfinanzierungsgesellschaft, muss es
vor allem um fünf Schwerpunkte gehen:
1. Die Einstellung zum Unternehmertum muss sich grundlegend ändern.
Solange Unternehmen den Eindruck
haben, sie werden als Kreuzung zwischen Melkkuh und Prügelknabe
betrachtet, wird sich nichts zum Positiven ändern. Wirtschaft ist aber
gleich Rechenstift plus Stimmung. Im
Grunde brauchen wir eine Art – um
dieses in der letzten Zeit so viel strapazierte Wort zu verwenden – Willkommenskultur für Unternehmer.
2.
Abbau einer überbordenden Überregulierung der Wirtschaft, die heute die größte Wachstumsbremse
darstellt. Wir müssen vom „Triple
B“ – Belastung, Bürokratie und
Bestrafung – wegkommen. Wir
brauchen dazu aber keine neuen
Arbeitsgruppen einzusetzen, es gibt
eine Fülle an Vorschlägen, die nun
endlich umgesetzt werden muss.
3.
Belastungsstopp als Vorstufe einer
Entlastungsstrategie. Es geht dabei
um eine Senkung der Steuer- und
4.
Die seit Jahren geforderten Strukturreformen gehören endlich umgesetzt. Empfehlungen von Rechnungshof, OECD, Internationalem
Währungsfonds oder internationalen Beratungsorganisationen, wie
McKinsey, gibt es seit Jahren und in
großer Zahl. In diesem Zusammenhang eine wichtige Klarstellung: Sparen, zum Beispiel auch in den heiklen Bereichen Bildung, Gesundheit
und Sicherheit, heißt nicht sparen
zu Lasten dieser drei Bereiche, sondern die Mittel effizient einsetzen.
5.
Mehr Flexibilität bei Arbeitsmarkt
und Arbeitszeit. Die Zeit, in der wir
leben, hat ein Hauptkennzeichen:
Es ist dies das Tempo der Veränderungen. Veränderungen hat es in der
Menschheitsgeschichte immer gegeben, das Tempo war aber noch nie so
atemberaubend wie derzeit. Dies erfordert mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt und bei der Arbeitszeitgestaltung. Auch hierfür gibt es konkrete
Vorschläge. Und diese müssen jetzt
rasch umgesetzt werden. Wir haben
keine Zeit zu verlieren.
www.der-mittelstand.at
�
Foto: Parlamentsdirektion / WILKE
Die Plattform für Leistung und Eigentum fordert
umgehende strukturelle Maßnahmen für den
Wirtschaftsstandort Österreich. Worum soll es
konkret gehen?
Wir werden ohne oder mit zu geringem
Wachstum unsere Probleme im Staatshaushalt, am Arbeitsmarkt und bei der
Finanzierung unseres teuren Sozialsystems
nicht lösen können. Um nur ein Beispiel
zu nennen: Expertenmeinung ist, dass eine
spürbare Senkung der ständig steigenden
Arbeitslosigkeit erst ab einem Wirtschaftswachstum von rund 2,5 Prozent möglich
ist. 2015 hatten wir aber nur 0,8 Prozent,
für heuer sind 1,7 Prozent prognostiziert.
Das heißt, derzeit laufen wir dem Wachstum hinterher und sind auch in den internationalen Rankings stark zurückgefallen.
Wir müssen wieder von der Kriechspur auf
die Überholspur kommen.
Bildung
Partnerkonferenz
NEUSTART SCHULE
Mehr Energie für Bildungsreform
MEETING Einen bildungspolitisch richtungsweisenden Frühling erwartet sich die
IV-Initiative NEUSTART SCHULE. Bei einem Arbeitstreffen zogen ihre Partner
Zwischenbilanz und konkretisierten Ziele der Bildungsreform.
D
ie Umsetzung der im November
beschlossenen
Bildungsreform stand im
Mittelpunkt eines Arbeitstreffens der mehr
als zwanzig Partner – darunter Hilfswerk,
EduCare, Wirtschaftskammer, Arbeiterkammer, Bundesjugendvertretung – der
IV-Initiative NEUSTART SCHULE. „Es
wird ein richtungsweisender Frühling für
die Bildungspolitik. Die kommenden Monate werden zeigen, ob erkennbare Reformschritte gelingen. Wir möchten jedenfalls unsere Erfahrungen und Vorschläge
einbringen, weil der Reformstau hoch ist“,
so NEUSTART SCHULE-Initiator Christian Friesl. Die wichtigsten Befunde des
Arbeitstreffens auf einen Blick:
n Die Aufwertung der Elementarbildung kann zum wichtigen Erfolg der
Bildungsreform werden. Dazu braucht
es die Finanzierung des zweiten Kindergartenjahres und die Entwicklung
bundesweit einheitlicher und verbindlicher Standards für Qualität und
Rahmenbedingungen. Der geplante
Fotos: Rudi Froese
FACTBOX
NEUSTART SCHULE ist eine Initiative der Industriellenvereinigung und ihrer Partner, die Bewegung
in die österreichische Bildungspolitik bringt. Ziel ist
es, mit der Unterstützung von Partnern, Experten
und der Bevölkerung auf die Notwendigkeit einer
Bildungsreform aufmerksam zu machen und die
Politik dafür zu gewinnen. Weitere Informationen
unter www.neustart-schule.at und auf Facebook
unter www.facebook.com/neustartschule.
Besprechung der Ergebnisse mit BMBF-Sektionschef Kurt Nekula
„Bildungskompass“ soll weder Momentaufnahme noch Selektionskriterium sein, sondern auf Stärken und
Ressourcen ausgerichtet sein.
n Um kontraproduktive Brüche zu vermeiden und einen fließenden Übergang zu ermöglichen, sollten die
verpflichtenden Kindergartenjahre systematisch mit den ersten Schuljahren
verknüpft werden. In verschlankten
Volksschullehrplänen soll der Fokus
auf Grundkompetenzen und Kulturtechniken gelegt werden.
n Autonomie an den Schulen erfordert
entsprechendes Know-how für Schulleiterinnen und Schulleiter. Das Bestellungsverfahren hat objektiv, ohne
politische Einflussnahme und unter
Mitwirkung der Schulpartner zu erfolgen.
n Kritisch sehen die Partner von NEUSTART SCHULE, dass mit den neuen
Bildungsdirektionen der kompletten
Verländerung der Schulverwaltung der
Weg geebnet werden soll. Friesl: „Wenn
Bund und Länder nicht in der Lage sind
zusammenzuarbeiten, soll die Bildungsdirektion eine Bundesbehörde werden.“
n Bei den Modellregionen plädiert
NEUSTART SCHULE jenseits der
Diskussion um Prozentanteile für alternative, schülerzentrierte Kriterien,
damit jede Modellregion auch wirklich eine organische Einheit mit einem
sinnvollen Einzugsgebiet wird.
Einig waren sich die NEUSTART SCHULE-Partner auch darin, dass die Bildungsreform mit der Umsetzung der Vorschläge aus dem November nicht zu Ende ist,
sondern erst richtig beginnt. Friesl: „Dann
muss es endlich um Ziele und Inhalte von
Bildung gehen.“ Für die notwendige „Bildungsrevolution“ benötigt es jedenfalls
ein gemeinsames Vorgehen mit den Betroffenen, der Politik, der Zivilgesellschaft
und der Wissenschaft, fordert NEUSTART
SCHULE.
�
März 2016 | iv-positionen
15
KWT
APAG: Unabhängige Prüfung und
Transparenz statt Überregulierung
INTERVIEW Herbert Houf, Vizepräsident der Kammer der Wirtschaftstreuhänder
(KWT), und Aslan Milla, Berufsgruppenobmann der Wirtschaftsprüfer der KWT,
lehnen noch mehr Bürokratie für Unternehmen bei der Neuregelung der Abschlussprüferaufsicht strikt ab.
Aslan Milla, Berufsgruppenobmann der Wirtschaftsprüfer der KWT
Herbert Houf, Vizepräsident der Kammer der Wirtschaftstreuhänder (KWT)
16 iv-positionen | März 2016
Wirtschaftsprüfer werden in Zukunft ja auch
über eine neue Behörde überprüft…
Houf: Wir begrüßen die Einrichtung einer weisungsfreien und unabhängigen
Aufsichtsbehörde. Die Kosten dürfen
aber nicht explodieren. Deshalb müssen
die Aufgaben und Kompetenzen der Behörde auf das EU-rechtliche Mindestmaß
beschränkt bleiben. Die schon bisher erfolgreich tätigen Qualitätsprüfer sollen
weiterhin für die Qualitätssicherungsprüfungen herangezogen werden, der Inspektor soll nur dort zum Einsatz kommen, wo
das auf Grund der EU-Vorgaben zwingend notwendig ist.
Was halten Sie von der Ausweitung der neuen
Prüfungsberichte auch für nicht-börsenotierte
Unternehmen?
Milla: Wir sprechen uns gegen die Einführung von weiteren Zusatzberichten
für nicht-börsenotierte Unternehmen aus,
weil damit nur ein bürokratischer Aufwand vor allem für die mittelständische
Wirtschaft entsteht. In Österreich gibt es
bei allen Aufsichtsrat- und Prüfungsausschusssitzungen zu Fragen der Abschlussprüfung ein Rederecht und eine Redepflicht. Die direkte Kommunikation der
Ergebnisse einer Abschlussprüfung ist
damit ausreichend sichergestellt.
Neben einer neuen Prüferaufsicht sollen auch
neue Regeln zur Unabhängigkeit des Abschlussprüfers kommen….
Houf: Was in der aktuellen Diskussion
gerne vergessen wird: Die derzeitigen
gesetzlichen Regelungen in Österreich
gehen weit über die bisherigen EU-Vorgaben hinaus. Wir haben bereits jetzt
strenge Regeln, welche Beratungsleistungen ein Abschlussprüfer nicht erbringen darf, um seine Unabhängigkeit nicht
zu gefährden. Wir sehen da keinen weiteren Handlungsbedarf.
Ein zentrales Diskussionsthema ist auch die
geplante zwingende Rotation der Prüfungsgesellschaft. Warum sprechen Sie sich gegen eine
externe Rotation aus?
Houf: Wir haben in Österreich seit vielen
Jahren die personenbezogene (interne)
Rotation nach fünf Jahren mit zwei Jahren cooling-off und sind damit strenger,
als es die EU nun mit einer Rotation erst
nach sieben Jahren und drei Jahren cooling-off vorsieht. Wir sind überzeugt, dass
damit einer eventuellen Befangenheit
des Prüfers ausreichend entgegengewirkt
wird. Eine zusätzliche externe Rotation
bringt mehr Nachteile als Vorteile.
Milla: Jeder Wechsel einer Abschlussprüfungsgesellschaft ist immer eine kritische
Phase für die Sicherstellung der zuverlässigen Finanzberichterstattung eines Unternehmens, die sehr gut vorbereitet werden muss und auch erhebliche Ressourcen
bindet. Ein verpflichtender Wechsel birgt
das Risiko eines quasi institutionalisierten Wissens- und Qualitätsverlustes und
damit auch deutliche Nachteile für die
Unternehmen.
www.kwt.or.at
�
Fotos: KWT
Wie stehen Sie grundsätzlich zur neuen Abschlussprüferaufsicht?
Milla: Wir Wirtschaftsprüfer unterstützen
alle Maßnahmen zur Erhöhung der Transparenz und Unabhängigkeit im prüfenden
Berufsstand und zur Weiterentwicklung
der Qualität und Aussagefähigkeit der
Abschlussprüfung. Mit der Umsetzung
des
Abschlussprüferaufsichtsgesetzes
(APAG) wird allerdings teilweise über
das Ziel hinausgeschossen, was eine unverhältnismäßige Erhöhung des bürokratischen Aufwands für Unternehmen und
Prüfungsbetriebe bringt. Und das lehnen
wir strikt ab.
Austrian Leadership Programs startet
Fotos: BMEIA/Dragan Tatic, IV-OÖ Krügl
NETZWERK Weltweite Kontakte und
gute internationale
Beziehungen sind
am globalen Markt
entscheidend. Eine
Initiative von IV,
BMEIA und WKÖ
soll bestehende
Verbindungen
stärken und neue
schaffen.
E
ine globalisierte Wirt- Mit Wachstumsmärkten vernetzen
schaft bietet einer klei- „Mit dem neuen Programm starten wir
nen,
exportorientierten ein globales Besucherprogramm für ÖsVolkswirtschaft wie Ös- terreich, um ein starkes Netzwerk an interreich viele Chancen. ternationalen Entscheidungsträgern zu
Sie birgt aber auch große Herausforde- schaffen“, so Außenminister Sebastian
rungen, für deren Bewältigung gute in- Kurz. Denn für die österreichische Wirtternationale Kontakte immer wichtiger schaft biete sich die einmalige Chance,
werden. Das betrifft Außenpolitik und mit Entscheidungsträgern und FührungsDiplomatie – und vermehrt auch Unter- kräften aus der ganzen Welt zusammennehmen. Die Einbettung in ein größeres zukommen. „Um erfolgreich zu bleiben,
Netzwerk wird zum Erfolgsgaranten. müssen wir in neue Wachstumsmärkte
Eine Entwicklung, der sich Industriel- gehen – und die liegen außerhalb Eulenvereinigung (IV), Wirtschaftskam- ropas“, so IV-Präsident Georg Kapsch.
mer (WKÖ und Außenministerium Durch diese Initiative werde es erleich(BMEIA)
mit
der im Jänner
„Um erfolgreich zu
gemeinsam präsentierten Initibleiben, müssen wir in
ative „Austrian
neue Wachstumsmärkte
Leadership Progehen – und die liegen
grams“ (ALPS)
außerhalb Europas.“
annehmen. VierIV-Präsident Georg Kapsch
mal jährlich sollen internationale
Führungskräfte
aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft tert, Investitionen nach Österreich zu
zusammenkommen. Gespräche mit ent- holen. Letzteres bedinge jedoch auch die
sprechend hochrangigen österreichi- Verbesserung der wirtschaftspolitischen
schen Vertretern stehen dabei ebenso Rahmenbedingungen am Standort durch
wie die Präsentation des heimischen strukturelle Reformen. „Am Ende geht es
Wirtschafts-, Innovations- und Techno- um die Schaffung und Erhaltung von Arlogiestandortes im Fokus. Für Öster- beitsplätzen. Darum stehen wir voll und
reich politisch und wirtschaftlich inte- ganz hinter dieser Initiative – auch um
ressante Länder werden dabei gezielt zu zeigen, was Österreichs Unternehmen
berücksichtigt.
können“, betonte der IV-Präsident.
�
März 2016 | iv-positionen
17
Wien
Wien: Herausforderungen
bieten Chancen
INTERVIEW Zwei Top-Experten diskutieren im Gespräch mit den iv-positionen über
die Zukunft des Wirtschaftstandortes.
billiger und damit für einen Massenmarkt
leistbar werden.
Hoffmann: Die zur Verfügung stehenden
Technologien vor allem im Bereich der Digitalisierung sind ein Turbo für den Ausund Aufbau von Geschäften. In Wien haben wir unter anderem in den Bereichen
Life Sciences und Mobilität besonders
starke Firmen, die Rahmenbedingungen
müssen jedoch insbesondere in der Hin-
Themenwechsel: In der Flüchtlings- sowie in der
Migrationsfrage insgesamt dominieren die Negativschlagzeilen. Wo liegen jedoch auch hier konkrete Chancen?
Helmenstein: Qualifizierte Zuwanderung
ist hochgradig wünDie
Industrie 4.0 und Digitalisierung stellen für die schenswert.
Wirtschaft einerseits eine große Herausforderung bisher zu beobachtdar, welche Möglichkeiten und Chancen für Unter- ende Zuwanderung
„Österreichs Unternehnach
Österreich
nehmen sehen Sie aber auf der anderen Seite?
men sind stark in der
Helmenstein: Österreich weist einen starken war jedoch von
Prozessinnovation.“
industriellen Kern auf, der durch die rasche unterdurchschnittDr. Christian Helmenstein
Adoption neuer Technologien einen Wett- lichen Qualifikatibewerbsvorteil zu erzielen vermag. Unsere onsniveaus geprägt.
zahlreichen Hochtechnologie-Unternehmen Das verschärft das
sind Industrie 4.0-affin. Deshalb sollten ge- Problem, dass das
rade wir uns nicht vor Industrie 4.0 fürchten. Gros der Arbeitslosen schon heute geringqualifiziert ist. Die sicht verbessert werden, dass noch häuHoffmann: Wenn ein Unternehmen bisher größte Herausforderung wird daher sein, figer marktfähige Produkte und Dienstleisbeispielsweise Komponenten für Automo- dass uns die Qualifizierung der schon län- tungen entstehen können.
bilproduzenten oder den Anlagenbau ge- ger anwesenden Bevölkerung wie auch der
Flüchtlinge zukünf- Helmenstein: Österreichs Unternehmen
zeichnet eine überdurchschnittlich hohe
tig besser gelingt.
„Durch Digitalisierung
Fähigkeit zur Prozessinnovation und zur
Hoffmann:
Die Kombination von bestehenden Technolokann ein zusätzliches
Chancen liegen ge- gien zu Nischenprodukten aus. Und dieServicegeschäft
rade für Wien darin, se Fähigkeiten implizieren gerade heute
entstehen.“
dass
Kreativität, große Chancen: Das globale TechnoloUniv. Prof. Dr. Werner Hoffmann
Wissenschaft und gie- und Kompetenzportfolio wächst in
Innovation in einer einem atemberaubenden Tempo. Umso
Großstadt eine tra- mehr Möglichkeiten gibt es für österreiliefert hat, kann es dank Digitalisierung ein gende Rolle spielen. Kreativität wird durch chische Unternehmen, durch konvergente
zusätzliches Servicegeschäft aufbauen.Die Vielfalt unterstützt und befeuert. Man muss Technologien neue Marktpotenziale zu erDigitalisierung hat aber nicht nur Effekte die Zuwanderung aber wesentlich stärker schließen.
�
für den Leistungserstellungsprozess durch steuern, als wir es in Österreich derzeit tun.
Automatisierung und Effizienzsteigerung,
INFORMATION
sondern vor allem auch an der Kunden- Die wirtschaftlichen Zeiten sind fordernd: Wie
Das komplette Interview finden Sie
schnittstelle. Effizienzsteigerung kann sogar können wir dennoch bestmöglich von den Stärkeunter: www.iv-wien.at/b412
Jobs bringen, wenn Produkte wesentlich feldern unserer Wirtschaft profitieren?
18 iv-positionen Wien | März 2016
Fotos: Contrast, IV, istock/amoklv
D
er Wissenschaftliche Leiter des Wiener Strategieforums (siehe Kasten
Seite 19), Werner Hoffmann, und IV-Chefökonom Christian Helmenstein sprechen über
Chancen für Unternehmen und den Standort in fordernden Zeiten.
Wien
Unternehmensstadt Wien:
Leitbetriebe stärken!
Der Standort Wien zeichnet sich durch eine gut
durchmischte Wirtschaftsstruktur aus – sowohl in
Bezug auf den Branchenmix als auch im Hinblick auf
die Größe der Unternehmen.
starken Leitbetrieben spielt aber auch die öffentli-
sonders hohen Ausmaß technologisches Wissen
che Wahrnehmung im Rahmen einer erfolgreichen
sichern und fördern. Innovation und technologisches
Standortentwicklung eine entscheidende Rolle.
Know-how garantieren die Wettbewerbsfähigkeit
Wien muss sich daher wie bisher - neben dem
eines Wirtschaftsstandortes.
Image als Weltstadt der Lebensqualität und Kultur
Eine volkswirtschaftlich und gesellschaftlich re-
– gleichwertig noch stärker als Stadt aufstrebender,
Die IV-Wien wird daher auch weiterhin die Vermark-
levante Rolle spielen dabei die Leitbetriebe. Sie
moderner und innovativer Unternehmen vermarkten,
tung der Unternehmensstadt Wien in den Vorder-
lösen aufgrund ihrer Vorleistungsnachfrage nach
als eine moderne und zukunftsgerichtete Stadt, die
grund ihrer Arbeit stellen und dabei unter anderem
hochwertigen Produkten und Dienstleistungen sowie
talentierten Menschen aus aller Welt interessante
die wichtige Rolle der Leitbetriebe für die Wirtschaft
wegen ihres hohen Innovationspotenzials wichtige
Chancen und Möglichkeiten bietet.
der Stadt in diversen Projekten sowie in laufenden
gesamtwirtschaftliche Effekte aus – und das unabhängig von Unternehmensgröße oder Umsatz.
Kontakten mit Entscheidungsträgern in Politik und
Kultur und Lebensqualität sind zweifelsohne zent-
Verwaltung forcieren.
rale Standort-Assets, die auf Top-Arbeitskräfte und
Alleine in Wien sind mehr als 40 Leitbetriebe
Investoren eine starke Anziehungskraft haben. Allein
(zum Begriff siehe http://www.iv-net.at/leitbetriebe)
dies reicht jedoch nicht. Die vergangenen, wirt-
angesiedelt. Sie sorgen nicht nur im eigenen Unter-
schaftlich herausfordernden Jahre haben deutlich
nehmen, sondern vor allem bei KMU für zusätzliche
gezeigt, dass es in erster Linie die ökonomisch breit
Arbeitsplätze und Wertschöpfung. Von dieser Dy-
aufgestellten Regionen waren, die gut durch die Kri-
namik und Interaktion zwischen großen, mittleren
se gekommen sind, nicht jene, die sich zu stark auf
und kleinen Unternehmen lebt und profitiert die
einige wenige Wirtschaftsbereiche konzentrierten.
Wirtschaft Wiens und Österreichs insgesamt.
Denn es sind vor allem die industriellen Leitbetriebe,
Ihr
die intensiv in Forschung und Entwicklung invesNeben den eben angesprochenen Stärken und
tieren und aufgrund ihrer oftmals hochkomplexen
Ing. Wolfgang Hesoun,
der Bedeutung einer diversifizierten Wirtschaft mit
Produkte und Produktionsprozesse in einem be-
Präsident der IV-Wien
Wiener Strategieforum
„Austrian Strategic Management Society“ in Kooperation mit IV-Wien
1. Juni 2016, 9:00 – 19:30 Uhr
Wirtschaftsuniversität Wien
Welthandelsplatz 1
1020 Wien
Fotos: IV-Wien, WU Wien
Das Strategieforum findet im Learning Center der WU
Wien statt.
D
as Wiener Strategieforum ist eine
internationale Tagung für Strategisches Management und Innovation. Das
Forum bildet eine Brücke zwischen Praxis
und Wissenschaft und bietet eine hochwer-
tige Plattform für den Gedankenaustausch
zwischen führenden Wissenschaftlern und
Top-Entscheidern aus der Wirtschaft zu
den essenziellen Fragen der Zukunftsgestaltung von Unternehmen.
�
INFORMATION
Programm: www.strategieforum.at
Kontakt: [email protected] oder
+43 699 13182780
März 2016 | iv-positionen Wien
19
Wien
WIEN
Am Podium (v. l.n.r.): Philipp von Lattorff, Generaldirektor Boehringer Ingelheim RCV GmbH & Co KG, Sonja Wehsely, amtsführende Stadträtin für Gesundheit, Soziales und
Generationen, Moderatorin Corinna Milborn, Wolfgang Köppl, Leiter der Siemens Healthcare CEE, Ulrike Rabmer-Koller, Vorstandsvorsitzende im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und Gerald Gschlössl, Vertriebsleiter Lohmann & Rauscher GmbH und Präsident der AUSTROMED.
Gesundheitswirtschaft im Fokus
EVENT Am 23. Februar diskutierten Vertreter aus Industrie und Politik über
die Zukunft der Medizinprodukte- und Pharmaindustrie. Im Rahmen der
Veranstaltung wurde in Kooperation mit AUSTROMED auch ein Positionspapier
der IV-Niederösterreich, IV-Wien und IV-Burgenland präsentiert.
FACTBOX
•
•
Die Gesundheitswirtschaft im Sinne von
Medizinprodukte- und Pharmabranche
besteht österreichweit aus 800 Unternehmen
mit insgesamt rund 52.000 Beschäftigten und
knapp 20 Milliarden Euro Jahresumsatz.
Jeder Euro an Wertschöpfung generiert rund
einen weiteren Euro an Wertschöpfung in
Österreichs Wirtschaft.
•
Jedem Beschäftigten steht mindestens ein
weiterer Arbeitsplatz gegenüber, der durch
diese Branchen gesichert wird (Beschäftigungsmultiplikator: Medizinprodukte: 1,92,
Pharma: 2,65).
•
Österreich gab 2013 10,8 Prozent seines BIP
für das Gesundheitswesen aus und bewegt
sich damit im oberen Rahmen der entwickelten Industrienationen.
„Zukunftsstrategien für die Medizinprodukte- und
Pharmaindustrie“ download unter:
www.iv-wien.at/publikationen
20 iv-positionen Wien | März 2016
Bestbieter- statt Billigstbieterprinzip
„Um das System nachhaltig zu verbessern, müssen wir weg vom Billigstbieterprinzip und hin zum Bestbieterprinzip“,
sagte dazu Wolfgang Köppl, Leiter der
Siemens Healthcare CEE. Gleichzeitig
waren sich alle Diskutanten einig, dass es
nicht immer trivial ist, den Bestbieter zu
ermitteln. „Hier ist insbesondere Transparenz wichtig, um die richtigen Entscheidungen zu treffen“, so Sonja Wehsely, amtsführende Wiener Stadträtin für
Gesundheit, Soziales und Generationen.
Zudem müsse das System immer ganzheitlich betrachtet werden, wie Ulrike
Rabmer-Koller, Vorstandsvorsitzende im
Hauptverband der österreichischen So-
zialversicherungsträger, erklärte: „Neue,
oft hochpreisige Medikamente führen
häufig zu niedrigeren Behandlungskosten
etwa in den Krankenhäusern. Hier muss
es einen Ausgleich geben.“
Philipp von Lattorff, Generaldirektor der
Boehringer Ingelheim RCV GmbH & Co
KG, betonte, dass die heimischen Medikamentenpreise im internationalen Vergleich niedrig seien: „Viele Händler erwerben die Produkte daher in Österreich
und verkaufen sie teurer im Ausland. Außer den Händlern hat da aber niemand
etwas davon.“
Mehr Anerkennung für Innovationen
Ein weiteres Hauptthema der Diskussion
war die Frage, wie Innovationen in der
Gesundheitswirtschaft gefördert werden
können. „In der Vergabe werden Innovationen jedenfalls nicht entsprechend berücksichtigt. Dieser Mehrwert sollte besser
anerkannt werden“, so Gerald Gschlössl,
Vertriebsleiter der Lohmann & Rauscher
GmbH und Präsident der AUSTROMED.
Einig waren sich alle Diskutanten darüber,
dass Innovationen schneller bei den Patienten ankommen müssen, hier habe Österreich noch Aufholbedarf.
�
Foto: Gabi Hofstädter
U
nser Gesundheitssystem
hat eine hohe Qualität,
wir lassen uns diese aber
auch sehr viel kosten – so
der Tenor der Diskussion unter dem Motto „Zukunftsstrategien
für die Medizinprodukte- und Pharmaindustrie“. Debattiert wurde vor allem auf
Basis eines neuen Positionspapiers, das in
einem Arbeitskreis der IV und Austromed sowie mit über 20 Unternehmensvertretern erstellt worden war.