23. Sonntag im Jahreskreis

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Ich denke, wir verstehen dieses Evangelium nur, wenn wir zunächst einen selbstkritischen Blick
auf unser eigenes Taub- und Stumm-Sein richten. Wer von uns hätte noch nicht die Not und die
Schuld des Taub-Seins mitbekommen? Wer hätte nicht schon am eigenen Leib erfahren, dass er
auf taube Ohren gestoßen ist, als er ein persönliches Anliegen vorbringen wollte? Wer hätte
nicht schon erfahren müssen, dass ihm ein Mitmensch nicht zuhören wollte, sei es aus Unvermögen oder auch aus Absicht? Der evangelische theologische Lehrer Dietrich Bonhoeffer
schreibt dazu vor fast achtzig Jahren - und es könnte heute sein: »Viele Menschen suchen ein
Ohr, das ihnen zuhört, und sie finden es unter den Christen nicht, weil diese auch dort reden,
wo sie hören sollten. Wer aber seinem Bruder nicht mehr zuhören kann, der wird auch Gott
sehr bald nicht mehr zuhören, sondern er wird auch immer nur reden. Wer nicht lange und geduldig zuhören kann, der wird am anderen immer vorbeireden und es schließlich gar nicht mehr
merken. Wer meint, seine Zeit sei zu kostbar, als dass er sie mit Zuhören verbringen dürfte, der
wird nie wirklich Zeit haben für Gott und den Bruder, sondern immer nur für sich selbst, für seine eigenen Worte und Pläne.
Es gibt auch ein Zuhören mit halbem Ohr in dem Bewusstsein, doch schon zu wissen, was der
andere zu sagen hat. Das ist das ungeduldige unaufmerksame Zuhören, das den Bruder verachtet und nur darauf wartet, bis man selbst zu Wort kommt und damit den anderen los wird. Das
ist keine Erfüllung unseres Auftrages, und es ist gewiss, dass sich auch hier in unserer Stellung
zum Bruder nur unser Verhältnis zu Gott widerspiegelt.« [Dietrich Bonhoeffer, Der Dienst; in:
ders., Gemeinsames Leben. Band 5 der Gesamtausgabe.]
Sie werden wohl jetzt gespürt haben: Bonhoeffer meint hier nicht einfach »die anderen«, die
nicht zuhören, er meint auch uns selbst. Denn selbstkritisch betrachtet sind wir nicht besser als
sie. Gut zuhören ist notwendig, und es ist eine Kunst, eine Gnadengabe gar. Der frühere Bischof
Klaus Hemmerle hat einmal eine der Seligpreisungen Jesu modern so formuliert: »Selig, die das
Körnchen Wahrheit in jedem Diskussionsbeitrag heraushören, denn sie werden integrieren und
vermitteln können!«
Nicht zuhören können und nicht zuhören wollen - darin besteht immer wieder die Not und die
Schuld von uns Menschen. Plötzlich stehen wir also nicht mehr neben oder über unserer biblischen Erzählung, sondern mitten drin: An der Seite des Taubstummen stehen wir, der auf Heilung wartet.
Aber stumm sind wir doch nicht, oder? Reden wir nicht täglich, und manchmal mehr als genug?
Das ist gewiss wahr - und doch: Finden wir in unserem persönlichen Umfeld, in der Familie, bei
Nachbarn und Bekannten, finden wir dort das Wort, die Worte, die wir im Herzen erwarten und
ersehnen? Papst Franziskus hat in einer seiner Kurzansprachen einmal gesagt: Beim Thema Familie gibt es für mich drei wichtige Worte: »Bitte!«, »Danke!« und »Entschuldige!« Er hat Recht.
Wie oft sehnen wir uns doch nach einem dieser ehrlich gesprochenen kleinen Worte! Wie oft
vermissen wir sie, und wie oft verweigern wir sie auch unserem Nächsten!
Aber auch im weiteren sozialen Umfeld erfahren wir die Not des Stumm-Seins. Da hat etwa in
einer Gesprächsrunde keiner den Mut, seinen Mund aufzumachen, wenn oberflächlich oder
gehässig oder einfach dumm losgezogen wird über Minderheiten oder über Fremde oder ganz
einfach über Abwesende. Man will sich ja nicht mit jemandem anlegen, der anderer Ansicht ist,
man will sich nicht den Mund verbrennen.
Oder denken wir an schwierige Konfliktgespräche, an verfahrene Situationen, in denen niemand
das versöhnende Wort findet, das weiterführt. Und auch da kennen wir wohl die Not der
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Stummheit, wenn wir überfordert sind: wenn die Angst übermächtig ist, wenn die Enttäuschung
groß ist, wenn die Trauer uns nahe geht. Hier hilft gegen unsere Stummheit nicht mehr guter
Wille, hier brauchen wir Beistand - den Beistand, den der Taubstumme in unserem Evangelium
bekommen hat.
Von der Seite des Taubstummen aus blicken wir nun auf Jesus. Wir blicken auf diesen Heiland,
von dem uns schon so viel erzählt worden ist. Wie heilt er in unserer Erzählung? Wie möchte er
auch uns heilen vom Taub-Sein und vom Stumm-Sein?
Als erstes hören wir, dass er kein Heiler auf Distanz ist. Er geht ganz nahe zum Kranken hin. Der
Dichter und Pfarrer Wilhelm Willms hat es einmal so ausgedrückt: »Als Jesus den Tauben heilte,
da ist er mit dem Finger in dessen Ohren gegangen. Er blieb nicht auf Distanz. Jesus ist ganz
dicht an den Tauben herangetreten und hat gesagt: Komm, lass mich mal an deine Ohren heran!
Und dann hat Jesus mit dem Finger in seinen Ohren gebohrt. Die waren nämlich total verstopft.
Jesus hat den Gehörgang des Tauben frei gemacht von Floskeln, von Lügen, von Allgemeinplätzen, von Vorurteilen ganz tief drinnen. Das alles hatte den Mann taub gemacht. Er konnte durch
diesen Wust nicht mehr richtig hindurch hören. Jesus hat das geschafft, indem er ganz nahe an
den Mann heranging und nicht bloß distanziert Belehrungen und Ermahnungen erteilte, von
oben herab ...«
Ohne dass wir Jesus im Gebet nahe an uns heran lassen, voll Vertrauen, dass er uns wohl will,
werden wir seine Heilung an uns nicht erfahren können - so wie wir auch bei anderen nichts
erreichen, wenn wir ihnen nicht Nähe zeigen können.
Dann erzählt der Evangelist Markus, dass Jesus »zum Himmel aufblickt«: Er vertraut sich ganz
seinem Gott und Vater an, er will ganz sein Werkzeug sein. Sollten wir nicht auch, wenn wir
Taub-Sein und Stumm-Sein begegnen, uns im Ernstfall ganz Gott im Gebet anvertrauen? Und bei
eigener Betroffenheit nicht weniger?
Von Jesus heißt es dann, dass er »seufzte«. Er bringt eindringlich zum Ausdruck, dass er mitleidet mit dieser Not. So mögen auch wir wohl erst, wenn wir angesichts solcher Not mitleiden, zur
Hilfe fähig werden.
Schließlich spricht Jesus das wirkmächtige Heilungswort »Ephata - Öffne dich!« Vergessen wir
nicht, dass auch uns Getauften und Gefirmten das wirkmächtige Wort Gottes anvertraut ist.
Aufmerksamer sollten wir es hören im Gottesdienst, aufmerksamer es lesen in der Heiligen
Schrift. Inniger sollten wir es beten in unseren Gebeten.
Dann kann auch uns geschehen, was dem Taubstummen und allen Umstehenden damals geschehen ist: Dass wir voll Staunen bekennen dürfen: »Er hat alles gut gemacht! Den Tauben gibt
er das Gehör und den Stummen die Sprache« - und mir selbst damit!
Hören wir doch noch einmal, innerlich nun an der Seite des Taubstummen, unser heutiges
Evangelium. Vielleicht hieße es dann so: Man bringt mich Tauben, mich Stummen, zu Jesus, damit er mich heile. Er geht nahe her zu mir, er berührt mein Ohr mit seiner Hand, er berührt
meine Zunge. Ich höre, wie er seufzt über mich und für mich betet. Ich höre, wie er mir ermutigend zuruft: Öffne dich! Da beginne ich zu vertrauen, dass ich das richtige Zuhören und das richtige mutige Sprechen wieder finden darf. Ja, er hat alles gut gemacht!