Predigt über Genesis 16,1-16 - Gottvertrauen braucht Geduld

Predigt über 1. Mose 16,1-16
Liebe Gemeinde,
Diese Woche habe ich gelesen: Wenn Sie Hillary Clinton für einen Vortrag buchen wollen, kostet
das 100.000 $. Meine Predigt gibt es kostenlos - und Sie haben auch etwas davon.
Was diese Woche auch in der Zeitung stand: Eine 65jährige Frau erwartet Vierlinge - diese Meldung
stand letzte Woche in der Zeitung. Und ich dachte mir dabei: Wie zeitlos aktuell die Bibel doch ist!
Denn im Bibelabschnitt für die heutige Predigt geht es um eine noch ältere Frau, die sich sehnlich
ein Kind wünscht. Es ist einer der neuen Predigttexte, die wir hier in Wollmatingen ausprobieren als eine von mehreren Pilotgemeinden in Baden. Ein Anliegen bei der Auswahl der neuen Predigttexte war es, dass in den Predigten mehr Geschichten von Frauen vorkommen und auch mehr Abschnitte aus dem Alten Testament. Beides trifft heute zu. Und wenn manche Menschen fragen, wozu
wir als Christinnen und Christen überhaupt noch das Alte Testament brauchen - dann können wir
heute sehen und hören, wie viel uns gerade dieser Teil der Bibel für unseren Glauben und unser Leben heute zu sagen hat. Wir hören aus dem 1. Buch Mose das 16. Kapitel:
1 Sarai, Abrams Frau, hatte ihm keine Kinder geboren. Sie hatte aber eine ägyptische Sklavin, deren
Name war Hagar. 2 Da sagte Sarai zu Abram: »Sieh doch, Gott verhindert, dass ich Kinder bekomme. Geh doch zu meiner Sklavin, vielleicht wird durch sie mein Haus gebaut.« Und Abram hörte
auf die Stimme Sarais. 3 Als Abram zehn Jahre im Land Kanaan gewohnt hatte, nahm deshalb Abrams Frau Sarai ihre ägyptische Sklavin Hagar und gab sie ihrem Mann Abram zur Frau. 4 Da ging
er zu Hagar und sie wurde schwanger. Doch als sie merkte, dass sie schwanger war, verlor ihre Herrin an Gewicht in ihren Augen. 5 Da sagte Sarai zu Abram: »Die Gewalt, die mir geschieht, treffe
dich! Ich selbst habe dir meine Sklavin ins Bett gelegt. Doch kaum merkt sie, dass sie schwanger
ist, verliere ich an Gewicht in ihren Augen. Gott soll richten zwischen mir und dir.« 6 Abram sagte
zu Sarai: »Deine Sklavin ist doch in deiner Hand. Mach mit ihr, was dir gefällt.« Da demütigte Sarai sie so, dass sie die Flucht ergriff, weg von ihr.
7 Gottes Bote fand sie an einer Wasserquelle in der Wüste, an der Quelle auf dem Weg nach Schur,
8 und sprach sie an: »Hagar! Du Sklavin Sarais, woher kommst du und wohin willst du?« Sie sagte:
»Weg von Sarai, meiner Herrin! Ich bin auf der Flucht.« 9 Da sprach Gottes Bote zu ihr: »Kehr zurück zu deiner Herrin und lass dich von ihrer Hand demütigen.« – 10 Da sprach Gottes Bote erneut
zu ihr: »Ungeheuer vermehren will ich deine Nachkommen, so dass man sie vor Menge nicht zählen kann.« – 11 Da sprach Gottes Bote wieder zu ihr: »Sieh dich an, du bist schwanger und wirst
einen Sohn gebären, den sollst du Ismael nennen, ›Gott hört‹, denn Gott hat deine Demütigung gehört. 12 Der wird ein Wildesel-Mensch sein, seine Hand streckt er nach allem aus und die Hand aller ist gegen ihn. Allen Kindern Sarais und Abrams zum Trotz wird er sich niederlassen.«
13 Da schließlich gab sie der Gottheit, die mit ihr redete, einen Namen: »Du bist El Roï, Gottheit
des Hinschauens.« Denn sie sagte: »Sogar bis hierher? Ich habe geschaut hinter dem her, der mich
anschaut.« 14 Daher heißt der Brunnen: ›Brunnen der lebendigen Schau‹. Siehe, er liegt zwischen
Kadesch und Bered. 15 Und Hagar gebar dem Abram einen Sohn, und Abram nannte seinen Sohn,
den Hagar geboren hatte, Ismael, ›Gott hört‹. 16 Abram war 86 Jahre alt, als Hagar für Abram den
Ismael gebar.1
I. Gottvertrauen braucht Geduld
Das ist das Erste, was an diesem Bibelabschnitt sofort anschaulich wird. Dabei kann ich Abraham
und seine Frau Sara so gut verstehen. Schon ganz am Anfang, als Gott Abraham in ein neues Land
schickte, das er ihm zeigen wollte, schon damals hatte Gott Abraham außer dem Land auch zahlrei-
1
Nach der Übersetzung „Bibel in gerechter Sprache“.
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che Nachkommen versprochen.2 Immer wieder hat Gott sein Versprechen an Abram erneuert - seine
Nachkommen sollten so zahlreich werden wie der Staub der Erde.3 Zuletzt, als Abraham zweifelt,
ob Gott dieses Versprechen noch erfüllt, bekräftigt Gott seine Zusage: Abrahams Nachkommen sollen so zahlreich sein wie die Sterne am Himmel. Ausdrücklich wird festgehalten, dass Abram Gott
Glauben schenkt.4
Doch jetzt lebt Abraham mit seiner Nomadensippe schon zehn Jahre im Land Kanaan - dem neuen
Land, in das Gott ihn geführt hat. Und noch immer hat er kein Kind. Dem Ende der eben gehörten
Erzählung zufolge war Abraham bei der Geburt seines Sohnes Ismael 86 Jahre alt. Seine Frau Sara
war einer anderen Bibelstelle zufolge zehn Jahre jünger als er, also zu diesem Zeitpunkt 76.5 Wenn
ein Paar in diesem Alter noch damit rechnet, dass Gott ihnen wie versprochen ein Kind schenken
wird, braucht es schon einen sehr großen Glauben. Und ich will ehrlich zugeben: Ich weiß nicht, ob
ich an Abrahams und Saras Stelle einen so großen Glauben gehabt hätte. Gottvertrauen braucht Geduld - manchmal sehr viel Geduld.
Vorhin haben wir gehört, wie Abrahams Sohn Ismael geboren wird - von der Sklavin Hagar. Später
in der Bibel wird berichtet, dass Abraham auch noch von seiner Frau Sara einen Sohn bekommt dieser heißt dann Isaak. Der Bibel zufolge war Abraham 100 und Sara 90, als Isaak geboren wurde.6
Manche Bibelleser fragen sich, ob diese Altersangaben in der Bibel wörtlich zu verstehen sind. Man
kann darüber unterschiedlicher Meinung sein. Meiner Meinung nach sind diese Altersangaben in
erster Linie geistlich zu verstehen. Sie sollen ausdrücken, dass die Geburt von Abrahams und Saras
Sohn ein Wunder und ein Geschenk Gottes ist - ein Wunder, das allein Gott vollbringt und das von
Menschen nicht erzwungen werden kann. Ein Geschenk, das Menschen nur dankbar empfangen
können - das gilt übrigens für jedes Kind, das geboren wird.
Abraham nennt den Sohn, den Hagar ihm schenkt, Ismael (auf Deutsch: „Gott hört“). Offenbar hat
Hagar Abraham von der Begegnung mit dem Gottesboten berichtet - dieser hatte Hagar aufgetragen,
ihrem Sohn diesen Namen zu geben. Abraham folgt dieser Vorgabe und bringt damit zum Ausdruck,
dass er seinen Sohn als Gebetserhörung durch Gott versteht. Offenbar sieht Abraham in der Geburt
Ismaels Gott am Werk - obwohl Abraham und Sara in dieser Geschichte höchst eigenmächtig handeln und versuchen, Gott bei der Erfüllung seines Versprechens nachzuhelfen. Gott schreibt auch
auf unseren krummen Linien gerade. Und Gott hält seine Versprechen.
„Abram war 86 Jahre alt, als Hagar für Abram den Ismael gebar.“ Und im nächsten Vers heißt es in
der Bibel dann: „Und Abram war 99 Jahre alt, als Gott sich vor Abram sehen ließ und zu ihm sagte
…“ 13 Jahre liegen zwischen diesen beiden Bibelversen, die unmittelbar aufeinander folgen. Über
die Zeit dazwischen wird nichts berichtet. Redet Gott erst 13 Jahre nach der Geburt Ismaels wieder
mit Abraham - nach 13 Jahren Funkstille? Lässt Gott Abram jahrelang warten, weil er bei der Zeugung von Nachkommen eigenmächtig gehandelt hat? In jedem Fall erneuert Gott nach dieser langen
Zeit sein Versprechen: Auch Abrahams Frau Sara wird ihm noch einen Sohn gebären, den Abraham
Isaak nennen soll - dabei äußert Abraham wieder verständliche Zweifel aufgrund seines Alters.7
Und schließlich wird Abrahams und Saras Sohn Isaak tatsächlich geboren.8 Gottvertrauen braucht
Geduld.
Manchmal müssen wir Menschen lang darauf warten, dass Gott seine Versprechen erfüllt und unsere Gebete erhört. Ich habe es in meinem persönlichen Umfeld schon erlebt, und auch andere haben
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1. Mose 12,2.
1. Mose 13,15-16.
4 1. Mose 15,2-6.
5 Siehe 1. Mose 17,17.
6 1. Mose 17,17; 21,5.
7 1. Mose 17,15-19.
8 1. Mose 21,1-7.
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es schon erlebt: Da wurde jahrelang, manchmal jahrzehntelang für nahe Angehörige oder gute
Freunde gebetet, dass sie zum Glauben finden, bis sie endlich ihr Herz für den Gott geöffnet haben.
Georg Müller, der Waisenhausvater in England, betete sein Leben lang für drei Freunde, dass sie
zum Glauben an Jesus Christus finden. Schließlich kamen alle drei zum Glauben - aber erst nach
Georg Müllers Tod. Gottvertrauen braucht Geduld, auch wenn die Erhörung unserer Gebete
manchmal lange auf sich warten lässt - und wir es vielleicht gar nicht mehr selbst erleben. Wenn Du
also schon lange darauf wartest, dass Gott Deine Bitte erfüllt oder sein Versprechen hält - dann
nimm diese Geschichte von Abrahams Familie als Ermutigung. Gottvertrauen braucht Geduld doch Gott hält seine Versprechen. Und:
II. Gottes Segen überwindet Eigenmächtigkeit
Abrahams Frau Sara ist inzwischen über 70 Jahre alt. Noch immer hat sie Gottes Versprechen im
Ohr, dass er Abraham einen Sohn und zahlreiche Nachkommen schenken werde. Nachdem nun lange Zeit vergangen ist und sich noch immer nichts getan hat, zweifelt Sara, dass sich Gottes Versprechen noch so erfüllt, wie Abraham und Sara sich das erhoffen. Und diese Zweifel sind ja nur zu verständlich. So meint Sara, der Erfüllung von Gottes Verheißung nachhelfen zu müssen. Sie will ihrem Mann Abraham unbedingt zu einem Sohn und Erben verhelfen - sie hat also durchaus edle und
aufrichtige Beweggründe. Sie greift dafür auf eine frühe Form der Leihmutterschaft zurück: Abraham soll Saras Sklavin Hagar zur Nebenfrau nehmen und mit ihr ein Kind zeugen. Nach damaligem
Recht war das möglich - und Kinder einer leibeigenen Sklavin galten als Kinder ihrer Herrin. Man
kann Sara vielleicht Eigenmächtigkeit vorwerfen - jedoch nicht, dass sie gegen Gottes Worte verstoßen hat. Denn Gott hatte zu Abraham gesagt: „… einer, der aus deinem eigenen Leib hervorgeht,
der wird dich beerben.“9 Von Saras Leib war dabei nicht die Rede, nur von dem Abrahams. Möglicherweise dachte sich Sara: „Gott erfüllt seine Verheißung vielleicht doch noch, aber nicht durch
mich, sondern durch meine Sklavin. Und wenn es diese Möglichkeit gibt - warum sollten wir sie
nicht nutzen?“
Im weiteren Verlauf der Geschichte zeigt sich dann, dass Saras und Abrahams eigenmächtiges Verhalten zu ernsthaften Verwicklungen führt. Es gibt Streit - Zickenkrieg im Zeltlager. Denn Abraham
und seine Sippe waren Nomaden und lebten in Zelten.10
Vielleicht war es eigenmächtig, dass Abraham dem Rat Saras folgte - und mit ihrer Sklavin Hagar
seinen Sohn Ismael zeugte. Und dennoch: Gott spricht auch Ismael einen Segen zu - er wird zahlreiche Nachkommen haben und sich im Leben behaupten.11 Ismael wird für das eigenmächtige Verhalten seiner Eltern nicht bestraft, sondern er wird von Gott gesegnet. Gottes Segen überwindet Eigenmächtigkeit.
Das hat uns auch viel für unsere heutige Zeit zu sagen. Durch die Fortschritte der Medizin gibt es
heute sehr viel mehr Möglichkeiten, kinderlosen Paaren zu einem Kind zu verhelfen. Aber wenn
Menschen diese Möglichkeiten nutzen, führt dies auch heute zu Verwicklungen - zum Beispiel
dann, wenn im Reagenzglas eine weibliche Eizelle mit männlichen Samenzellen künstlich befruchtet wird. „Um den Erfolg sicherzustellen, wird die künstliche Befruchtung meist an mehreren Eizellen gleichzeitig durchgeführt, eingepflanzt werden in der Regel jedoch nur zwei. Die übrigen Embryonen werden abgetötet oder … für eine weitere Behandlung eingefroren.“12 Inzwischen lässt
sich sogar feststellen, welche befruchteten Eizellen gesund sind und welche möglicherweise Erbkrankheiten in sich tragen. Und dann werden nur die gesunden Embryonen in die Gebärmutter ein9
1. Mose 15,4.
Siehe 1. Mose 18,1ff.
11 1. Mose 16,10-12.
12 Zitiert nach: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/kuenstliche-befruchtung-eingefrorene-embryonen-werden-groessere-babys-a-772661.html.
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gepflanzt, damit sie dort zu einem Kind heranreifen können. Darf man das - menschliche Embryonen einfach aussortieren? Und was geschieht mit den überzähligen Embryonen, die nicht in die Gebärmutter eingepflanzt werden? Darf man die einfach wegwerfen? Oder für die Gen-Forschung
verwenden, wofür sie zerstört, sprich: getötet werden müssen? Immerhin sind sie ja eigentlich lebensfähig und könnten in der Gebärmutter zu einem vollwertigen Menschen heranreifen.
Das sind schwerwiegende ethische Fragen, die ich jetzt nicht ausführlich erörtern kann. Ich wollte
nur zeigen: Wenn die Geburt eines Kindes ein unverfügbares Geschenk Gottes ist, und wenn dann
wir Menschen versuchen, mit unseren Möglichkeiten diesem Geschenk Gottes nachzuhelfen - dann
führt das nicht nur zu Abrahams Zeiten, sondern auch heute zu ernsthaften Verwicklungen, und es
stellen sich Fragen, die schwer zu beantworten sind.
Persönlich kann ich nur sagen, dass ich erst mit 38 Jahren zum ersten Mal Vater geworden bin.
Meine Frau und ich haben uns erst spät kennen gelernt, und so waren wir, was das Kinderkriegen
betrifft, vergleichsweise spät dran. Wir haben uns damals bewusst dagegen entschieden, moderne
Möglichkeiten wie Fruchtwasseruntersuchung oder Präimplantationsdiagnostik in Anspruch zu
nehmen - wegen der schwierigen moralischen Fragen, die damit zusammenhängen. Nachdem sich
unser Kinderwunsch zunächst nicht erfüllte, überlegten wir schon, ob Gott vielleicht einen anderen
Weg für uns vorgesehen hat - zum Beispiel, dass wir als kinderloses Paar eben mehr Freiraum haben, um uns in der Gemeinde zu engagieren. Und dann hat uns Gott doch noch zwei gesunde Kinder geschenkt - ein Geschenk Gottes, das wir nur dankbar annehmen konnten.
Und dennoch ist dies kein Grund, Paare zu verurteilen, die den Weg wählen, die Möglichkeiten der
modernen Fortpflanzungsmedizin zu nutzen. Denn sie tun das aus dem aufrichtigen und verständlichen Wunsch nach einem Kind heraus. Und daraus, dass Gott Abrahams Sohn Ismael seinen Segen
mitgibt, können wir ablesen: Auch Kinder, die auf solchen ungewöhnlichen Wegen zur Welt kommen, sind genauso von Gott gewollt, von Gott geliebt und von Gott gesegnet. Abraham, Sara und
Hagar mit ihren Söhnen Ismael und Isaak sind ja ein frühes biblisches Beispiel für eine PatchworkFamilie. Und Gott gibt ihr seinen Segen. Gottes Segen überwindet Eigenmächtigkeit. Natürlich ist
es bei uns heute nicht wie zu Abrahams Zeiten erlaubt, mit mehreren Frauen gleichzeitig verheiratet
zu sein. Aber Menschen, die Kinder von verschiedenen Partnern haben, gibt es heute durchaus.
Deshalb ist es für mich auch überhaupt keine Frage, dass wir als Kirche solche Kinder taufen, die
aus Patchwork-Familien hervorgehen - oder die mithilfe der modernen Fortpflanzungsmedizin zur
Welt kamen. Wenn Gott von Abrahams Patchwork-Familie seinen Segen nicht abzieht, dann sind
uns als Kirche solche Familien auch willkommen. Gottes Segen überwindet Eigenmächtigkeit. Und
noch etwas zeigt uns diese alte Geschichte aus der Bibel:
III. Gottesbegegnung bewirkt Alltagstreue
Hier möchte ich jetzt auch endlich die Sklavin Hagar in den Blick nehmen. Was von ihr in der Bibel
erzählt wird, finde ich ungeheuer spannend.
Sara gibt ihrem Mann Abraham ihre Sklavin Hagar zur Nebenfrau - und wie geplant wird Hagar
schwanger. Wie jede schwangere Frau ist Hagar deswegen froh und stolz. Und so sieht sie auf ihre
kinderlose Herrin herab. Worin dies konkret wird, wird nicht näher berichtet, doch muss es für Sara
deutlich spürbar gewesen sein, wie ihre Reaktion zeigt.
Daraufhin macht Sara Abraham Vorwürfe. Ihrer Meinung nach ist Abraham schuld daran, dass ihr
von ihrer Sklavin Unrecht widerfährt. Sara hatte ja schließlich das Heft des Handelns in die Hand
genommen. Sie hat ihrem Mann ihre Sklavin gegeben, damit er mit ihr Nachkommen zeugt - und
nachdem Hagar schwanger geworden ist, achtet Hagar ihre kinderlose Herrin gering. Abraham
bleibt recht gelassen. Er erinnert Sara daran, dass Hagar ihre leibeigene Sklavin ist, mit der sie nach
ihrem Gutdünken verfahren kann. Diesen Rat ihres Mannes setzt Sarai in die Tat um: Sie demütigt
ihre Sklavin. Auch hier wird nicht näher ausgeführt, mit welchen Worten oder Handlungen dies ge4
schieht. Aber offenbar ergreift Sara gegenüber Hagar solch harte Maßnahmen, dass ihre Sklavin vor
ihr flieht.
Hierin liegt eine wichtige Mahnung an alle heutigen Vorgesetzten: Wenn ich meine Mitarbeiter oder
Untergebenen schikaniere und unterdrücke, löse ich damit keine Probleme, sondern schaffe welche.
Einem gedeihlichen Miteinander in einer Nomadensippe, in einem Betrieb, in einem Büro oder einer Gemeinde ist solch ein Verhalten nicht förderlich. Auch in der Kirche gibt es Machtstrukturen,
die missbraucht werden können. Und auch geistliche Leiter sind nicht vor der Versuchung der
Macht gefeit.
Doch auch Hagar hatte ihren Anteil an den Problemen, vor denen sie flieht: Sie hat ihre Herrin geringschätzig behandelt. Bei uns heute ist Gott sei Dank die Sklaverei abgeschafft. Doch auch wenn
wir heute keine Sklaverei mehr kennen - auch heute stehen wir Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen wie etwa gegenüber Vorgesetzten. Ich habe auch Vorgesetzte, und als Pfarrer bin ich auch
Vorgesetzter für die Angestellten unserer Gemeinde. Und da zeigt uns die heutige biblische Geschichte: Vor manchen schwierigen Beziehungen in meinem Leben (zu Familienangehörigen, Kollegen, Vorgesetzten …) kann ich nicht einfach davonlaufen. Sondern ich muss einen Weg finden,
wie ich diese Beziehungen von meiner Seite aus gestalten und gut in ihnen leben kann.
Wenn ich mich beispielsweise meinem Chef oder meinem Lehrer gegenüber respektlos verhalte und
deshalb an meiner Arbeitsstelle oder in der Schule Probleme bekomme - dann lassen sich diese Probleme nicht dadurch lösen, dass ich einfach die Stelle oder die Schule wechsle (also fliehe wie Hagar). Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich mit einer solchen Einstellung gegenüber dem
Chef oder dem Lehrer an der neuen Stelle oder an der neuen Schule ähnliche Probleme bekomme.
Dies war übrigens auch das Problem bei der mittelalterlichen Idee, vor der bösen und sündigen Welt
ins Kloster zu fliehen, um dadurch Gott näher zu kommen. Denn was manche Menschen, die damals aus diesem Grund ins Kloster gingen, nicht bedacht habe: Das Böse, das mich von Gott wegbringt, das kommt nicht nur aus der Welt, - es kommt auch aus mir selbst. Und mich selbst nehme
ich mit ins Kloster - oder wohin auch immer ich fliehe. Und vor mir selbst kann ich nicht davonlaufen.
Vor schwierigen Beziehungen kann ich nicht einfach davonlaufen, sondern muss sie gestalten. Deshalb schickt der Engel Gottes Hagar auch zu ihrer Herrin zurück. Das klingt erst einmal ziemlich
hart - und das war es sicher auch. Doch damit Hagar diese schwere Aufforderung auch erfüllen
kann, gibt ihr Gottes Bote eine Ermutigung mit auf den Weg.
Diese Ermutigung besteht zunächst darin, dass Gottes Bote Hagar mit ihrem Namen anspricht:
»Hagar! Du Sklavin Sarais, woher kommst du und wohin willst du?« Abraham und Sara sprechen
Hagar übrigens nie mit ihrem Namen an, sondern nur mit ihrer Dienstbezeichnung. Sara sagt zu
Abraham: „Geh doch zu meiner Sklavin …“ Und Abraham sagt zu Sara: „Deine Sklavin ist doch in
deiner Hand …“ Hagars Namen nennen beide nicht. Der erste, der in dieser Geschichte Hagar mit
Namen anspricht, ist der Engel Gottes.
Gottes Bote trifft Hagar an einem Brunnen an der Grenze zu Ägypten, ihrer alten Heimat. Und Hagar hat den Eindruck, dass in den Worten dieses Boten Gott selbst zu ihr spricht, dass sie dort am
Brunnen Gott selbst begegnet ist. Diesem Gott, der sie mit ihrem Namen ansprach, gibt Hagar nun
auch einen Namen: „Du bist El Roï, Gottheit des Hinschauens.“ Das beeindruckt Hagar in dieser
Begegnung am meisten: Dass Gott sie sieht, dass Gott sie wahrnimmt, dass Gott sie mit ihrem Namen anspricht. Der gute Hirte verliert niemanden aus dem Blick - auch eine leibeigene Sklavin
nicht. Niemand ist zu klein, als dass Gott nichts an ihm oder ihr liegen würde und er sich nicht um
diesen Menschen kümmern würde. Hagar ist an diesem Brunnen einem lebendigen Gott begegnet,
der den einzelnen kleinen Menschen im Blick hat - eine tiefe Gotteserfahrung und wichtige Gotteserkenntnis. Nach dieser Begegnung kann Hagar ermutigt und gestärkt in ihren schwierigen Alltag
als Sklavin zurückgehen. Gottesbegegnung bewirkt Alltagstreue.
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Das ist eine Erfahrung, die wir auch im Gottesdienst machen können: Gott selbst spricht zu mir.
Nicht nur der Pfarrer spricht zu mir. Denn dass ich als Pfarrer einen Talar trage, ist ein Zeichen dafür, dass ich nicht in meinem eigenen Namen zur Gemeinde spreche, sondern nur beauftragt bin,
dass ich als Bote eine Botschaft ausrichte. Wenn die Richter des Bundesverfassungsgerichts eine
Entscheidung verkünden, tragen sie dabei eine Robe - als Zeichen dafür, dass sie nicht ihre Privatmeinung äußern, sondern ihr Urteil „im Namen des Volkes“ sprechen. Und so ist auch der Talar ein
Zeichen dafür, dass der Pfarrer nicht in seinem eigenen Namen spricht, sondern im Auftrag der Kirche und letztlich im Auftrag Gottes.
Die Erfahrung, dass im Gottesdienst Gott selbst zu mir spricht, können wir nicht machen oder erzeugen. Wir können sie aber von Gott erhoffen und erbitten. Und wenn ich dann diese Erfahrung
gemacht habe und wie Hagar zu Gott sagen kann: „Du bist ein Gott, der mich sieht“ - dann gehe ich
durch Gott ermutigt zurück. Durch diese Gottesbegegnung gestärkt kann ich zurückgehen in meine
alltäglichen Beziehungen, in meine Aufgaben und Probleme. Diese Erkenntnisse können wir aus
dieser biblischen Erzählung mitnehmen:
Gottvertrauen braucht Geduld.
Gottes Segen überwindet Eigenmächtigkeit.
Und Gottesbegegnung bewirkt Alltagstreue.
Amen.
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