Radiogottesdienst am 28. Februar 2016

Radiogottesdienst am 28. Februar 2016
St. Nicolai in Hameln
Predigt von Pastor Thomas Risel und Jutta Hennies
vom Taubblindenwerk Fischbeck
Risel: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des
Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Lesung Hebräer 11,1: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und
ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Gott schenke uns ein Herz für sein Wort, und
Worte für unser Herz. Amen.
Hennies: Wenn ich meine Augen schließe, wird es Nacht, alles grau, schwarz, dunkel! Aber mit
einem Mal schimmert da etwas. Es blinken winzige Punkte, flimmern kleine Lichter. Je stärker
und länger ich die Augen geschlossen halte, umso intensiver und abwechslungsreicher werden
die Effekte. Es kommen oft sogar leuchtende Farben hinzu. Das hat mit den feinen Nerven im
Auge zu tun, die auch bei geschlossenen Lidern noch Reize verarbeiten und uns die Wirkung
schenken, bewegte Lichtpunkte zu sehen. Versuchen Sie das ruhig einmal, liebe Zuhörer und
liebe Gemeinde, wenn Sie zu Hause sind! Oder auch gleich hier und jetzt im Gottesdienst. Sie
werden staunen, wie viel Wunderbares sich hinter ihren fest geschlossenen Augenlidern
verbirgt! Viele unserer taubblinden Bewohner verschaffen sich diese Effekte, indem sie mit ihren
Fingern Druck auf die Augäpfel ausüben und so wahre Feuerwerke aus Licht und Farben
erzeugen.
Risel: Lichtpunkte tanzen, Farben flimmern vor meinem inneren Auge. Dieses Erlebnis machen
bereits Kinder im Mutterleib. So beschreibt es der Psychologe Jean Delassus: „Das sinnliche
Erleben des Kindes im Mutterleib gleicht einem Sternenhimmel im Hochsommer. Überall glitzert
und funkelt es. Dieses Funkeln ist Ausdruck der Dichte und der Vollkommenheit des Lebens.
Nun könnten Sie mir widersprechen und sagen: Die Augen können dann doch noch gar nicht
sehen. Es gibt nichts zu sehen. Ja, das stimmt. Vor dem Kind gibt es nichts zu sehen. Doch da
sind all diese Empfindungen, in denen sein Körper förmlich badet. Die ihn durchdringen und
seine sensorischen Fähigkeiten wecken. Es ist wie ein Dynamo der Sinne, der ständig in
Betrieb ist. Auch in den Schlafphasen steht er nicht still. Und daraus ergibt sich letztendlich
auch das Sehen. Statt also nach vorne zu schauen, sieht das Auge mit den Empfindungen des
gesamten Körpers. Das Sehvermögen des Kindes im Mutterleib ist nämlich eine Art innere
Sicht.“
Hennies: Viele unserer Bewohner im „Deutschen Taubblindenwerk Fischbeck“ sind seit ihrer
Geburt oder frühesten Kindheit vollständig taubblind. In ihren Köpfen existieren keine Farben,
keine Formen, keine Sprache und keine Musik. Welche Vorstellung haben die taubblinden
Menschen von dieser Welt, die uns Sehenden und Hörenden so bekannt und wohlvertraut ist?
Wie ist ihre Welt-Sicht, ihre „Lebens-An-Schauung“? Was heißt für sie ein „Ich schaue dich an“?
Die taubblinden Menschen sind darauf angewiesen, dass wir ihnen unsere Augen und Ohren
gewissermaßen „leihen“. Wir bringen die Welt zu ihnen. So können sie ein Verständnis dafür
entwickeln, was um sie herum existiert und geschieht. Wir verständigen uns über fühlbare
Gebärden: Der taubblinde Bewohner legt seine Hände auf meine und ertastet das, was ich mit
meinen Händen sage - und umgekehrt. Durch die Art meiner Berührung teile ich dem
Taubblinden auch mit, wie ich zu ihm stehe: Ich halte seine Hand und lege meinen Arm um
seine Schulter - und er spürt, er ist sicher, ich bin jetzt für ihn da.
Evangelische Kirche im NDR – www.ndr.de/kirche
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Ich bin ganz nah an seiner Seite, bei jedem Schritt spüren wir unsere Bewegungen - und der
taubblinde Mensch weiß, diesen Weg gehen wir gemeinsam. Ich umarme ihn, halte ihn aber
nur für einen ganz kurzen Augenblick fest - er spürt, ich mag ihn, und ich respektiere, dass er
jetzt weniger Nähe braucht. Taubblinde Menschen sprechen mit uns auch durch ihren
Körperausdruck: Ein Lächeln bedeutet „Es geht mir gut!“, eine schnellere Atmung sagt vielleicht
„Ich habe Stress!“ oder auch „Ich bin vor Freude ganz aufgeregt!“. Wir sind ihre kompetenten
und vertrauten Partner, wir lesen ihre Äußerungen und wir deuten sie. Außerdem setzen wir
Objekte ein, um etwas anzukündigen. Ich gebe der taubblinden Frau zum Beispiel ihren
Badeanzug in die Hand - der weist auf das Schwimmen hin, oder sie nimmt den Turnbeutel
entgegen - er kündigt die Sportstunde an.
Es ist immer ein gemeinsames Tun. Taubblinde sind in der Kommunikation auf große
körperliche Nähe angewiesen. Wir verhalten uns dabei so sensibel und einfühlsam wie möglich.
Wir laden den taubblinden Menschen ein, uns zu vertrauen. Das ist oft ein sehr langer Weg.
Ganz wichtig: Ich darf den Körperkontakt nie unangekündigt beginnen oder unvermittelt
abbrechen. Ich würde den taubblinden Menschen sofort jeglicher Information berauben und ihn
zutiefst verunsichern.
Risel: Sie können vieles wahrnehmen, fühlen, erleben: wenn sie einen Turnbeutel fühlen,
wissen sie: es geht zum Sport. Wenn ihnen ein Pastor ein kleines Kreuz in die Händelegt,
wissen sie: es wird gleich Gottesdienst gefeiert, gebetet. Die Kommunikation mit taubblinden
Menschen funktioniert anders, sie geht besondere Wege. Denn: „In Einrichtungen für
behinderte Menschen leben oft sehr besondere Menschen“, sagt Andreas Fröhlich. Er ist
Professor für Sonderpädagogik und nach seinen Ideen arbeiten die Betreuer in Fischbeck.
Seine Anregungen führten sie zu einer besonderen Sicht des Lebens: Sie haben sich aufs
Wesentliche des Menschseins reduziert. Sie leben in ihrer Gegenwart, und ob sie sich über die
Zukunft Gedanken machen, gar den Kopf zerbrechen – das erkennen wir oft nicht. Sie leben
‘einfach so’ - allerdings brauchen manche dazu Unterstützung in den elementarsten und
einfachsten Alltagszusammenhängen: wenn sie essen, wenn sie ihren Körper pflegen, wenn sie
schlafen.
So zeigen sie uns, dass der Sinn ihres Lebens in diesem Leben selbst liegt. Das Leben lebt
sich, solange es lebt. Diese Form des Erlebens ist sinnlich, häufig nahsinnlich. Ihr Körper selbst
ist im Mittelpunkt ihrer Welt - was zu ihm gelangt, berührt sie, was sie nicht erreicht, bleibt ohne
Bedeutung. Sind es vielleicht gerade diese Menschen in ihrer elementaren Lebensform, die den
Garten Eden an manchen Stellen wieder entstehen lassen? Denn diese Menschen zeigen uns
in ihren Bedürfnissen, wie weit wir uns von uns selbst entfernt haben und wie weit wir gegen
unsere eigenen Bedürfnisse leben. Sie brauchen körperliche Nähe, um andere Menschen
wahrnehmen zu können. Sie brauchen Menschen, die ihnen die Umwelt auf einfache Weise
nahe bringen und ihnen bei der Entdeckung der Welt helfen. Und sie brauchen Menschen, die
sie auch ohne Sprache verstehen und sie zuverlässig versorgen und pflegen. Sie scheinen
extrem abhängig und hilflos zu sein. Zugleich ist es aber auch die Situation äußerster Nähe und
Intimität, besser gesagt, der Liebe. Zu dieser Sichtweise wurden die Betreuer im
Taubblindenwerk durch Andreas Fröhlich inspiriert. Ich habe schon oft Menschen sagen gehört:
„Ich glaube nur, was ich sehe!“ Im Blick auf taubblinde Menschen stellt sich dann ja die Frage,
wie sie wohl glauben mögen. Wie sieht dieser Glaube aus? Können wir überhaupt etwas
darüber erfahren? Und steht es uns zu, darüber zu befinden, ob von Geburt an taubblinde
Menschen gläubig sein können, wie auch immer das aussehen mag? Der Glaube an einen
Gott, den noch nicht einmal wir sehenden und hörenden Menschen sehen und hören können erschließt der sich einem taubblinden Menschen überhaupt?
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Ist das nicht zu viel verlangt oder viel zu abstrakt? Ein Gott, den man auch nicht schmecken,
riechen und ertasten kann, woher sollte der Glaube denn kommen?
Hennies: Gott sehen, ihn hören, spüren? Das frage ich mich selbst ja auch: Menschen der
Bibel sahen Jesus von Angesicht zu Angesicht … Der Blinde wurde durch Jesu Speichel
geheilt. Und gleichzeitig schenkte Jesus ihm auch ein inneres Sehen, eine neue Sicht auf
seinen Retter. Der Lahme konnte durch Jesu Berührung wieder gehen. Aber auch er wurde in
seinem Inneren angerührt und ging seinen Weg nun mit Jesus. Was und wie glaube ich
eigentlich? Auch ich sehe und höre Gott nicht mit Augen und Ohren, auch ich schmecke, rieche,
taste ihn ja nicht unmittelbar, so wie ich eine Person wahrnehme. Besonders wenn Gott
schweigt, meine Gebete nicht zu hören (scheint) und meinen Kummer nicht zu sehen scheint …
Und doch bin ich mir seiner Existenz bewusst, manchmal sogar seiner unmittelbaren
Gegenwart.
Wie steht es aber mit der Gotteserkenntnis? Da bin ich wohl bis an mein Lebensende eine
Suchende. Ich habe erkannt, dass Gott wahrhaftig und lebendig ist - doch wie er ist, in all seiner
unvorstellbaren Größe und Vielfalt, auch mit seinen unbekannten, fremden und
unverständlichen, gar beängstigenden Seiten - vielleicht erlebe ich das ganz ähnlich wie
taubblinde Menschen … denn mit meinem Verstand allein kann ich Gott nicht begreifen! Und
wenn ich dann ins Zweifeln gerate und darüber grüble, ob und wie ich diesen großen Gott
jemals erfassen werde - dann kann es sein, dass er mir mit einer unfassbaren
Selbstverständlichkeit und Gewissheit mitten in mein Herz spricht.
Gott ist so präsent, dass es mir den Atem verschlägt. Dann sagt es mir mein Gefühl, sagt es mir
mein Herz so deutlich, dass ich es auch mit meinem Verstand endlich besser begreife: Beim
Abendmahl schmecke ich das Brot und den Wein, ich erlebe die tiefe Gemeinschaft mit meinem
Gott und mit den Menschen. Ich spüre die menschliche Hand, die sich segnend auf meinen
Kopf legt und empfinde die tiefe Gewissheit, ich bin eine von Gott Gesegnete. Vielleicht erleben
die taubblinden Menschen Gott in ganz ähnlicher Weise? Vielleicht offenbart er sich ihnen aber
auch ganz unmissverständlich - was sich uns jedoch gar nicht erschließt? Vielleicht erfahren sie
(wie auch die Magd Hagar damals, als sie vor Abrahams Frau in die Wüste geflohen war), „Du
bist der Gott, der mich sieht - der Gott, der mich anschaut.“ Selbst sehen, selbst berühren,
hören - das ist nur eine Facette des Glaubens. Glaube kann auch bedeuten: Ich spüre, dass
Gott mich sieht, zu mir spricht. Und dann wäre da dieses innere Sehen, von dem die
Wissenschaft spricht. Weshalb sollten diese Sinne sich eigentlich nur auf die Entstehungsphase
des Menschen beschränken? Vielleicht schauen viele mit ihrem Herzen, in ihrem Herzen auf
Gott. Das ist und bleibt ein großes Geheimnis, eines der Wunder des Lebens.
Risel: Nicht sehen und doch glauben: ja Glaube ist wie ein inneres Sehen. Denken Sie an die
Lichtpunkte bei geschlossenen Augen. Die leuchtenden Farben. Ein Wunder des Lebens. Nicht
sehen und doch glauben: Glauben heißt für mich auch Vertrauen, sich geborgen fühlen.
Vielleicht ist das in Bezug auf den Glauben auch sogar das Verbindende zwischen uns
Sehenden und Hörenden und den Taubblinden. „Meine Augen sehen stets auf den Herrn“, auf
Gott, sagt es unser Psalm der Woche. „Menschen, die aus der Hoffnung leben, sehen weiter.
Menschen, die aus der Liebe leben, sehen tiefer. Menschen, die aus dem Glauben leben,
sehen alles in einem anderen Licht.“ So wunderbar beschreibt es Lothar Zenetti. Und dann gibt
es ja noch mehr als das: Wir werden von Gott gesehen, Gott schaut uns an, er ist einer der uns
sieht. Und ich bin überzeugt davon, dass Gott uns unendlich liebevoll, barmherzig und gnädig
anschaut. Amen.
Kanzelsegen: Und der Friede Gottes, der größer ist als alles was wir denken und verstehen
können, bewahre unsere Herze und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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