Große und offene Geodaten - Alcatel

Große und offene Geodaten
Lars Behrens, Daniela Brandt, Albrecht Broemme, Dietmar Class,
Johannes Föll, Manfred Gültlinger, Wolfgang Jörg, Berthold Klauser,
Rene Löhrer, Jörn von Lucke, Henry Michels, David Oesch, Andreas Schleyer,
Gunter Schramm, Andreas Stein, Erich Zielinski
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Große und offene Geodaten
Dokumentation der Internationalen Konferenz
„One Stop Europe 2015 – Große und offene Geodaten“
23. und 24. April 2015, Stuttgart
Inhalt
Impressum
Stiftungsreihe 108
Redaktion
Prof. Dr. Erich Zielinski
Petra Bonnet M.A.
Titelbild:
Landeshauptstadt Stuttgart,
Stadtmessungsamt
Druck der Broschüre
DCC Kästl GmbH & Co. KG
Alle Rechte vorbehalten
© 2015
Die Alcatel-Lucent Stiftung für
Kommunikationsforschung ist
eine nichtrechtsfähige Stiftung
in der treuhänderischen Verwaltung des Stifterverbandes
für die Deutsche Wissenschaft.
Angaben nach § 5 TMD/
§ 55 RfStv
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Wissenschaft e.V.
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45239 Essen
Telefon: (02 01) 8401-0
Telefax: (02 01) 8401-301
E-Mail: [email protected]
Geschäftsführer:
Professor Dr. Andreas Schlüter
(Generalsekretär)
Grußworte
Erich Zielinski
3
Große und offene Geodaten (Big and Open Geodata)
Jörn von Lucke
5
Nationale Geoinformationsstrategie - Umsetzung in
Baden-Württemberg
Andreas Schleyer
8
Big and Open Geodata - Ein Motor für die Wirtschaft?
Rene Löhrer, Lars Behrens
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Erweiterung der Nutzungspotentiale durch Geodatendienste
der Geodateninfrastrukturen / Smarte Geodatenstadt
Johannes Föll
21
StoryMaps: mit Geodaten Geschichten erzählen
David Oesch, Daniela Brandt
28
Smart City Cloud für Bürgerbeteiligung
Andreas Stein
32
Baden-Württemberg vierdimensional
Berthold Klauser, Manfred Gültlinger
37
Geovisualisierung in der Landespolizei
Dietmar Class
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Vorbereitung und Umsetzung von THW-Einsätzen national,
grenzüberschreitend und international, bei Hochwasser sowie
Schutz kritischer Infrastrukturen mit Basis von Geodaten
Albrecht Broemme
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Geobasiertes Leerstandsmanagement am Beispiel
Bischofsheim a.d. Rhön
Gunter Schramm
61
ISSN 0932-156x
1
Nutzung offener kommunaler Geodaten innerhalb einer Geodateninfrastruktur
am Beispiel einer Routing- und Navigationslösung für blinde und sehbehinderte
Menschen in Berlin
Henry Michels
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basemap.at und weitere herausragende Entwicklungen im
österreichischen Open GeoData-Umfeld
Wolfgang Jörg
81
2
Grußworte
Erich Zielinski
In diesem Jahr lädt die Alcatel-Lucent Stiftung für Kommunikationsforschung in Kooperation mit der Zeppelin Universität Friedrichshafen, der Hochschule für öffentliche
Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg, dem
Innenministerium Baden-Württemberg und
dem Landesamt für Geoinformation und Landesentwicklung Baden Württemberg zur internationalen Konferenz „One Stop Europe
2015“ ein. Die Konferenzreihe „One Stop Europe“, die sich nunmehr zum neunten Male
jährt, wurde als Forum für den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis über
neue Entwicklungen des E-Government konzipiert und greift jedes Jahr ein aktuelles und
relevantes Thema auf. Unter dem diesjährigen Konferenztitel „Große und offene
Geodaten“ erörtern namhafte Expertinnen
und Experten aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Wissenschaft den aktuellen Stand
und Zukunftsperspektiven von Geoinformationen für die digitale Gesellschaft.
Viele Entscheidungen in Politik und Verwaltungen werden unter Berücksichtigung eines
geographischen Bezugs getroffen. Historisch
betrachtet bildeten Karten oft die Grundlage
staatlichen Handelns und führten zu neuen
Entdeckungen. Carl Friedrich Gauß wurde
durch die Landvermessung des Königreichs
Hannover (1818 bis 1826) zu seinem
Theorema egregium inspiriert und legte das
mathematische Fundament für die Vermessung beispielsweise der Erdoberfläche. Mit
der Digitalisierung ergibt sich nun ein feingranulares Netz von Geodaten, die mit anderen Objekten verknüpft und angereichert
werden können. Gerade die Kombination von
Informations- und Kommunikationstechnolo-
gien, Geodateninfrastrukturen und Open
Government eröffnet bisher kaum vorstellbare Möglichkeiten.
Die Potentiale von großen und offenen Geodatenbeständen für Staat, Verwaltung, Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft sind
der Schwerpunkt der „One Stop Europe
2015“. Die beiden Keynote-Vorträge befassen sich mit dem aktuellen Stand und zeigen
Perspektiven für die Zukunft auf. In der folgenden Sitzung wird die Umsetzung der nationalen Geoinformationsstrategie in BadenWürttemberg erörtert und der Fragestellung
nachgegangen, inwiefern sich große und offene Geodaten als Motor für die Wirtschaft
erweisen können. Der Fokus der ersten Sitzung am Nachmittag liegt auf einer Öffnung
der Geodateninfrastrukturen im Hinblick auf
eine Erweiterung der Nutzungspotentiale
durch Geodatendienste (Stichwort „Smarte
Geodatenstadt“) und der Rolle als Treiber für
Innovation und Fortschritt. In der anschließenden Sitzung erfolgt eine Vertiefung an
Hand von ausgesuchten Beispielen: Mehrwert von Geoinformationen für den Bürgen
durch StoryMaps (mit Geodaten Geschichten
erzählen), Einsatz von Smart City Clouds für
Bürgerbeteiligung und der Weg hin zum
Landschaftsmonitoring (Baden-Württemberg
4-dimensional). Zum Abschluss des ersten
Konferenztages findet eine Podiumsdiskussion statt, auf der kritisch diskutiert wird, wohin
uns große und offene Geodaten führen können. Am zweiten Konferenztag folgen Best
Practice Beispiele zunächst auf Bundes- und
Landesebene, gefolgt von Beispielen auf
kommunaler Ebene.
3
Erich Zielinski
Besonderer Dank gilt an dieser Stelle dem
Programmkomitee für die Erstellung des umfassenden und zum Austausch zwischen
Wissenschaft und Praxis anregenden Konferenzprogramms. Ausdrücklich erwähnt werden sollen neben den beteiligten Universitäten und Hochschulen das Innenministerium
Baden-Württemberg und das Landesamt für
Geoinformation und Landesentwicklung Baden Württemberg. Ich wünsche uns allen an
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SR 108
regende und spannende Vorträge, ergebnisreiche Diskussionen und neue Ideen im Verlauf der diesjährigen Tagung.
Ich wünsche uns allen spannende Vorträge,
ergebnisreiche Diskussionen und neue Ideen
im Verlauf der diesjährigen Tagung.
Prof. Dr. Erich Zielinski ist Programmbeauftragter der Alcatel-Lucent Stiftung
Große und offene Geodaten (Big and Open Geodata)
Jörn von Lucke
Viele Entscheidungen in Politik und Verwaltungen werden unter Berücksichtigung eines
geographischen Bezugs getroffen. Das ist
uns vielfach gar nicht bewusst. Aber wenn wir
diese Aussage ein wenig reflektieren, so stellen wir fest, das Geodaten und Geoinformationen in ganz unterschiedlichen Bereichen eine entscheidende Rolle spielen. Karten waren bereits für die Entdeckung, Erschließung
und Eroberung der Welt nahezu unerlässlich.
Zunächst nutzte man Kartenzeichnungen und
Kartenskizzen, Notizen und Karteikarten. Vor
Erfindung des Buchdrucks waren Karten das
Ergebnis handgemalter Einzelkarten. Atlanten speicherten das Kartenwissen der Welt in
verständlichen wie überschaubaren Buchund Kunstwerken. Ein frühes Meisterwerk ist
sicherlich die Galleria delle Carte Geografiche, also die Galerie der Landkarten, im Palazzi Vaticani im Vatikanstaat. Entscheidend
waren aber nicht nur die künstlerische Qualität, sondern die Genauigkeit der messtechnischen Erfassung von Punkten auf der Erdoberfläche und deren anschließender Verwendungszweck. Auf die besondere Bedeutung des Vermessungswesens für die Katasterverwaltung und das Militär möchte ich an
dieser Stelle auch gar nicht mehr eingehen.
Sie unterstreicht jedoch, dass unser Gemeinwesen auch in Zukunft auf das Studium der
Geodäsie und eine staatliche Vermessungsverwaltung angewiesen ist.
In unserer eigenen Jugend nutzen wir ganz
selbstverständlich den Diercke Weltatlas im
Erdkundeunterricht in der Schule, aber auch
diverse Straßenkarten bei allen Urlaubsplanungen. Die Zeiten ändern sich. Rechner
ziehen seit mehr als 50 Jahren erfolgreich in
das Karten- und Vermessungswesen ein.
Analoge Karten und Luftbilder werden zunehmend digitalisiert und damit digital, sogar
der Diercke Weltatlas. Auf Knopfdruck können Kartenschichten ein- und ausgeblendet
werden, Karten also auf meine persönlichen
Bedürfnisse hin zugeschnitten werden. Die
Kombination von Informations- und Kommunikationstechnologien, Geodateninfrastrukturen und Open Government eröffnet derzeit
vollkommen neue und bisher kaum vorstellbare Möglichkeiten. Vermessungsverwaltungen bieten über das Internet zunehmend
Geodaten, Geodienste und Geoapps an. Offene Geodateninfrastrukturen werden zur
Grundlage innovativer Apps und neuer Ökosysteme. Die Potentiale von großen und offenen Geodatenbeständen (Big and Open
Geodata) für Staat, Verwaltung, Gesellschaft,
Wirtschaft und Wissenschaft sind zwar bekannt, aber im Kontext des Internets der Daten, des Internets der Dinge und des Internets der Dienste kaum konsequent durchdacht.
Für die gesellschaftliche Weichenstellung der
Zukunft ist es aber wichtig, dass die politisch
Verantwortlichen und die Führungskräfte wissen, welches Potential hier eigentlich noch
schlummert und wie dieses zum Nutzen von
Staat, Gesellschaft und Wirtschaft gehoben
werden kann. Die Open Street Map zeigt uns
derzeit in sehr eindrucksvoller Weise, wie mit
einem offenen und für jedermann frei zugänglichen Geodateneditor Geoinformationen
für jedermann greifbar und ohne große Kosten nutzbar werden. Die weltweit verteilt sitzende Gemeinschaft der Crisismapper nutzte
vor fünf Jahren die OSM nach dem verhee-
5
Jörn von Lucke
renden Erdbeben in Haiti, um auf Basis von
aktuellen Satellitenaufnehmen die Situation
mit digitalen Geodaten festzuhalten und so
nachhaltig zu verbessern. Dabei entwickelte
Werkzeuge und Dienste stehen heute uns allen und auch bei künftigen Katastrophenfällen zur Verfügung. Kostengünstige Navigationsdienste auf Basis der Open Street Map
stellen aber auch etablierte und politisch austarierte Geschäftsmodelle von Wirtschaft und
Verwaltung in Frage. Wie aber können wir die
Vorteile von Offenheit, Zusammenarbeit und
rascher Verbreitung zur öffentlichen Aufgabenwahrnehmen weiter nutzen, ohne auf verlässliche und bewährte Strukturen verzichten
zu müssen, deren Finanzierungsgrundlage
insbesondere durch das Open-Data-Prinzip
in Frage gestellt wird.
Mit Verweis auf große Geodaten (Big Geo
Data) stellen wir uns zugleich der Frage, wie
die vorhandenen Datenbestände zeitnah in
ihrer ganzen Vielfalt genutzt werden können.
Schließlich sollen bei der Nutzung der Geodaten und Geodienste konstruktive Ergebnisse herauskommen! Niemand möchte in einer
Geodatenflut ertrinken. Glücklicherweise erlauben leicht bedienbare Browser es heute
Laien, sich in komplexen Geodatenbeständen zu Recht zu finden. Solche Ansätze gilt
es zu vertiefen und auszubauen. Im Zeitalter
des Internets der Dinge und der Dienste werden wir zunehmend auf intelligente Dinge
setzen. Deren Sensoren lassen sich über geographische Informationssysteme im Minuten- oder gar im Sekundentakt leicht verständlich auswerten. Auch dieses Potential
gilt es in den kommenden Jahren im Sinne
der Bürger zu erschließen.
Zudem stellt sich mit Blick auf das Schwerpunkthema „Offene gesellschaftliche Innovation“ der One Stop Europe 2014 die Frage,
wie Staat und Verwaltung mit Geodaten ge-
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SR 108
zielt konstruktive Innovationsimpulse generieren können. In Großbritannien betreibt die
Vermessungsverwaltung seit 2009 den Geovation Challenge (http://www.geovation.org.uk). Dieser Ideen- und Startup-Wettbewerb widmet sich einer spezifischen Fragestellung mit gesellschaftlicher Bedeutung.
Der Ordnance Survey stellt die dazugehörigen Geodaten bereit, führt Workshops durch
und fordert Innovatoren auf, Lösungsvorschläge einzureichen, etwa rund um die Frage, wie das Transportwesen in Großbritannien verbessert werden kann. Die Preisträger
erhalten zum Abschluss eine beachtliche Anschubfinanzierung zur Umsetzung ihrer Idee,
idealtypisch verbunden mit einer weitergehenden Wirtschaftsförderung und Betreuung
in den Anfangsphasen. So sollen Unternehmer, Entwickler, gesellschaftliche Gruppen
und Innovatoren angesprochen werden, von
denen sich Staat und Verwaltung wertvolle
Impulse zur Weiterentwicklung versprechen.
Das Programmkomitee freut sich, dass sich
ganz im Sinne von offener Innovation auch
Wissenschaftler und Praktiker mit eigenen
Vorschlägen zum derzeitigen Potential und
zu den künftigen Möglichkeiten der Erschließung und Nutzung von Geodaten in die diesjährige One Stop Europe eingebracht haben.
Mit der One Stop Europe 2015 möchte das
Hochschulkolleg E-Government der AlcatelLucent Stiftung für Kommunikationsforschung
weitere Impulse setzen. Uns geht es dabei
nicht nur um eine Reflektion der gegenwärtigen Situation, sondern auch um einen ermunternden wie motivierenden Blick in die
Zukunft, um realistische wie pragmatische
Leitbilder, Ziele und Strategien zu skizzieren.
Dazu werden uns auch die vorbildhaften Umsetzungen auf kommunaler, Landes-, Bundes- und europäischer Ebene helfen, die wir
SR108
uns heute und morgen ansehen und gemeinsam mit den Referenten besprechen können.
Im Namen des gesamten Programmkomitees
und der Veranstalter wünsche ich der Veranstaltung einen erfolgreichen Verlauf und den
Teilnehmern viele wertvolle Erkenntnisse für
die eigene Arbeit.
Große und offene Geodaten (Big and Open Geodata)
Professor Dr. Jörn von Lucke ist Inhaber
des Lehrstuhls für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik und Leiter des Open
Government Institute (TOGI) an der Zeppelin
Universität Friedrichshafen.
[email protected]
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Nationale Geoinformationsstrategie - Umsetzung in Baden-Württemberg
Andreas Schleyer
Abstract
Die derzeit unter Federführung des Lenkungsgremiums der Geodateninfrastruktur
Deutschland (GDI-DE) entwickelte Nationale
Geoinformationsstrategie (NGIS) definiert
die gemeinsamen Ziele von Bund, Ländern
und Kommunen im Bereich der grundsätzlich
multipel nutzbaren Geoinformation, die im
Dialog mit Wirtschaft und Wissenschaft ausgestaltet und im Zeithorizont bis 2025 umgesetzt werden sollen.
Herzstück der NGIS sind die Geodateninfrastrukturen, die derzeit auf europäischer, nationaler und landesbezogener Ebene aufgebaut werden und mit denen Geodaten verschiedener Herkunft mittels Geodatendiensten fach- und organisationsübergreifend verfügbar gemacht werden.
Wichtige Bestandteile der NGIS sind die Integration der Geodaten in Verwaltungsverfahren (E- Government) und die Unterstützung
der mit Open Government bezweckten
Transparenz, Partizipation und Kooperation
für ein offenes Regierungs- und Verwaltungshandeln. Sie konkretisiert daher die Nationale E-Government-Strategie (NEGS)
des IT-Planungsrats im Bereich der Geoinformation.
In Baden- Württemberg spielt die Geodateninfrastruktur Baden-Württemberg (GDIBW) als integraler Bestandteil der nationalen
Geodateninfrastruktur im Sinne der NGIS eine elementare Rolle, nicht zuletzt bei den Digitalisierungsbestrebungen der Landesregierung und der von der derzeitigen Regierungskoalition propagierten Politik des
Gehörtwerdens.
8
Eine notwendige Voraussetzung für die Umsetzung der NGIS ist eine flächendeckende
Versorgung mit Hilfe einer standardisierten
Geodatenbasis. Die Standards gewährleisten die fach- und stellenübergreifende Nutzbarkeit von Geodaten, vermeiden den bislang
anfallenden Aufwand zur Datenintegration
und schaffen so die Grundlage für medienbruchfreie Geschäftsprozesse mit Raumbezug in Verwaltung und Wirtschaft. Geodaten
können nur in ihrer standardisierten Form einer übergreifenden Nutzung zugeführt und
das den Geodaten innewohnende Informations- und Wertschöpfungspotenzial aktiviert
werden.
Neben fachlichen und technischen Aspekten
kommt der Datenpolitik eine zentrale Bedeutung bei der Nutzung von Geodaten zu, die
sich in einheitlichen und transparenten Lizenzen und zunehmend auf Open Data ausgerichtete Strategien ausdrückt. Das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz hat ein erstes Open-Data-Portfolio für
die Geobasisdaten von Landesvermessung
und Liegenschaftskataster geschnürt, das
wegweisend für andere Fachbereiche sein
kann und bedarfsgerecht fortentwickelt wird.
1 Potenzial von Geodaten und Einordnung der Nationalen Geoinformationsstrategie
Das Informations- und Wertschöpfungspotenzial von multipel nutzbaren Geodaten
für Staat und Gesellschaft ist enorm.
Geodaten sind
SR108
Nationale Geoinformationsstrategie - Umsetzung in Baden-Württemberg
 „Rohstoff“ für die Wirtschaft, bieten sie
doch eine Grundlage für verschiedenste
Geschäftsmodelle von Unternehmen,
 „Treibstoff“ für die Verwaltung, ohne die
sich öffentliche Aufgaben nicht oder nur
schwer erfüllen ließen,
 „Forschungsbasis“ für die Wissenschaft,
durch Kombination von Geodaten in neuem Kontext kann neues Wissen entstehen,
 vor allem aber auch „Katalysatoren“, die
eine demokratische Informations- und
Wissensgesellschaft unterstützen, indem
sie Regierungs- und Verwaltungshandeln
mit Auswirkungen auf Grund und Boden
transparent machen (Open Government).
Werden Geodaten aufbereitet und in Zusammenhang dargestellt, entstehen aus Daten interpretierbare Informationen von großer
Aussagekraft. Raumbezogene Sachverhalte
werden anschaulich, Entscheidungen in Regierung, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft können besser getroffen und nachvollzogen werden – nicht zuletzt durch informierte Bürgerinnen und Bürger.
Geoinformationen sind elementare Bausteine
der digitalen Gesellschaft. Aktuelle Themen
wie Energiewende, demographische Entwicklung, Flächenverbrauch, gerechte Bildung,
bürgerschaftliche Partizipation und umfassende Digitalisierung der Lebensgrundlagen
sind ohne Geodaten ohnehin nicht denkbar.
Die zentrale Bedeutung der Geodaten ist der
Grund, warum derzeit – angestoßen vom 3.
Geofortschrittsbericht der Bundesregierung vom 7.11.2012 – eine Nationale Geoinformationsstrategie entwickelt wird, die
die gemeinsamen Ziele von Bund, Ländern
und Kommunen im Bereich des Geoinformationswesens definiert.
Kern der NGIS sind die Geodateninfrastrukturen, die aktuell auf europäischer, nationaler
und Landesebene aufgebaut werden und mit
denen Geodaten verschiedener Herkunft mittels Geodatendiensten schrittweise einfach
über Internettechnologie verfügbar gemacht
werden sollen.
Die Federführung bei der Entwicklung und
Umsetzung der NGIS obliegt dem Lenkungsgremium GDI-DE als nationalem
Steuerungsgremium für den Bereich Geoinformation. Die NGIS konkretisiert die Nationale E- Government-Strategie1
des ITPlanungsrats vom 24.09.2010 und ordnet
sich ein in die definierten Handlungsfelder
der Digitalen Agenda2 der Bundesregierung
vom 20.08.2014.
Das Ministerium für Ländlichen Raum und
Verbraucherschutz als für die Geodateninfrastruktur in Baden-Württemberg federführendes Ressort, das auch für die Bereitstellung der grundlegenden Geobasisdaten zuständig
ist,
kommt
eine
besondere
Verantwortung für die Umsetzung der NGIS
im Land zu.
2 Grundsätze der Nationalen Geoinformationsstrategie
Deutschland zeichnet sich im Geoinformationsbereich aufgrund der föderalen und kommunalen Aufgabenverteilung durch heterogen gewachsene Strukturen, eine Vielzahl
von Akteuren mit unterschiedlichen Kompetenzen und Perspektiven und daraus resultierenden Zielkonflikten aus. Mit der NGIS soll
1
Siehe http://www.it-planungsrat.de/DE/Strategie/negs_node.html
2
Siehe http://www.bmwi.de/DE/Themen/Digitale-Welt/digitale-agenda.html
9
Andreas Schleyer
SR 108
teressensgruppen können die Grundsätze in
der Praxis umgesetzt werden.
3 Zielsystem der Nationalen Geoinformationsstrategie
erstmals ein gemeinsames fach- und
ebenenübergreifendes Grundverständnis
über strategische Ziele erreicht werden, um
das Informations- und Wertschöpfungspotenzial von Geodaten für den Standort Deutschland mit volkswirtschaftlichem Mehrwert zu
aktivieren.
Die NGIS adressiert die Stellen der öffentlichen Verwaltung, die Geoinformationen erheben, führen und bereitstellen (Anbieter)
und bezieht hierbei auch die Wirtschaft und
Wissenschaft als komplementäre Akteure
ein. Die NGIS richtet sich aus an dem Bedarf
aller gesellschaftlichen Gruppen, die Geoinformationen für ihre jeweiligen Zwecke nutzen (Nutzer).
Dazu orientiert sich die NGIS an den die gesamtgesellschaftlichen Leitlinien in Deutschland abbildenden Grundsätzen der Geoinformation:
1) Grundversorgung mit Geoinformationen
sichern,
2) Mehrfachnutzung von Geoinformationen
erleichtern,
3) mit Geoinformationen Innovationen fördern.
Nur durch ein partnerschaftlich integratives
Zusammenwirken aller beteiligen Akteure
von Bund, Ländern, Kommunen, Wirtschaft,
Wissenschaft und zivilgesellschaftlichen In-
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Auf Basis der Grundsätze sieht die NGIS insgesamt 15 Ziele in 6 Zielbereichen vor, die
den langfristig angestrebten Zustand im Bereich der Geoinformation in Deutschland in
den Grundzügen beschreiben:
A
Nutzen für Bürger, Wirtschaft, Wissenschaft und
Verwaltung
B
Wirtschaftlichkeit und Effizienz
C
Transparenz und gesellschaftliche Teilhabe
D
Datenschutz und Datensicherheit
E
Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit
F
Leistungsfähige IT-Unterstützung
Die Zielbereiche der NGIS orientieren sich an
den Zielbereichen der Nationalen E-Government-Strategie (NEGS). Die vom IT-Planungsrat über alle Verwaltungsebenen koordinierten Entwicklungen in der Informationstechnologie der öffentlichen Verwaltung und
des E-Governments sind für eine erfolgreiche
Umsetzung der NGIS unabdingbar – die Besonderheiten der Geoinformation beeinflussen wiederum das auf Basis der MainstreamIT aufgebaute E-Government in Deutschland.
Die 15 Ziele im Einzelnen:
Zielbereich A: Nutzen für Bürger, Wirtschaft,
Wissenschaft und Verwaltung
 Geoinformationen sind für alle zugänglich
und einfach nutzbar
SR108
Nationale Geoinformationsstrategie - Umsetzung in Baden-Württemberg
 Qualität und Vielfalt der Geoinformationen
richten sich nach Nutzerbedürfnissen
Zielbereich B: Wirtschaftlichkeit und Effizienz
 Geoinformationen werden wirtschaftlich
erhoben, geführt und bereitgestellt
 Anwendungsfreundliche Regelungen und
Mechanismen fördern die Weiterverwendung von Geoinformationen
 Prozesse durch Integration von Geoinformationen optimieren
Zielbereich C: Transparenz und gesellschaftliche Teilhabe
 Verständnis und Mehrwert von Geoinformationen sind bekannt
 Geoinformationen werden transparent dokumentiert und veröffentlicht
 Beteiligungsprozesse nutzen verstärkt
Geoinformationen
 Nutzer werden an der Weiterentwicklung
der Geoinformationen kooperativ beteiligt
Zielbereich D: Datenschutz und Datensicherheit
 Einhaltung des Datenschutzes bei Geoinformationen
 Datensicherheit von Geoinformationen
wird gewährleistet
Zielbereich E: Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit
 Geoinformationen leisten einen wichtigen
Beitrag zur Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit des Staates
Zielbereich
stützung
F:
Leistungsfähige
 Geoinformationen werden auf Basis allgemein anerkannter Regeln interoperabel
bereitgestellt
 Nationale Komponenten sichern die zentrale Erschließung von Geoinformationen
4
Eckpunkte zur Umsetzung der Nationalen Geoinformationsstrategie
Um die weitreichenden Ziele der NGIS in die
Praxis umzusetzen, bedarf es eines komplexen Bündels von aufeinander abgestimmten
rechtlichen, fachlichen, technischen und
organisatorischen Maßnahmen im Bereich
der Geoinformation in Deutschland.
Bund, Länder und Kommunen schaffen in ihren Rollen als Normengeber, Koordinatoren,
Innovatoren und Betreiber infrastruktureller
Komponenten die übergeordneten Rahmenbedingungen für die Umsetzung der NGIS im
Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Wirtschaft, Wissenschaft und zivilgesellschaftliche Interessengruppen nehmen
unverzichtbare komplementäre Funktionen
ein.
Um ein arbeitsteiliges Zusammenwirken aller
Beteiligten zu ermöglichen bedarf es eines
akzeptierten Rollenverständnisses, das
themenbezogen im gegenseitig vertrauensvollen Dialog nach dem Leitsatz „Wer ist geeignet? – statt: Wer ist zuständig?“ auszugestalten ist.
IT-Unter-
 Geoinformationen werden über leistungsfähige IT-Infrastrukturen bereitgestellt und
genutzt
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Andreas Schleyer
SR 108
Grundlegendes Rollenverständnis bei der Umsetzung der NGIS
Bund
 Der Bund übernimmt eine führende Rolle bei internationalen Aktivitäten und
richtet zur Bereitstellung von Geoinformationen leistungsfähige Zentren
(Bundesknoten) ein.
 Geoinformationen des Bundes werden im Rahmen des öffentlichen Auftrags
dauerhaft und barrierefrei bereitgestellt.
Länder
 Die Länder koordinieren die Erfassung, Führung und Bereitstellung von Geoinformationen einschließlich der kommunalen Ebene und richten für die Bereitstellung leistungsfähige Zentren (Landesknoten) ein.
 Geoinformationen der Länder werden im Rahmen des öffentlichen Auftrags
dauerhaft und barrierefrei bereitgestellt.
Kommunen
 Die Kommunen bewältigen die Erfassung, Führung und Bereitstellung von
Geoinformationen in eigener Verantwortung, über private / öffentliche Dienstleister in den Ländern.
 Geoinformationen der Kommunen werden im Rahmen des öffentlichen Auftrags dauerhaft und barrierefrei bereitgestellt.
Wirtschaft
 Unternehmen bieten Dienstleistungen rund um Geoinformationen für andere
Unternehmen, die öffentliche Verwaltung oder Forschungseinrichtungen an.
 Geoinformationen der Wirtschaft mitsamt konfektionierter Dienstleistungen
werden nach Marktlage bereitgestellt. Wertschöpfung wird vielfach auf
Grundlage der Geoinformationen der Verwaltung generiert, die Angebote
werden auf konkrete Nutzer gegen Entgelt zugeschnitten.
Wissenschaft
 Wissenschaftliche Einrichtungen schaffen im Zuge ihrer Forschungsaufgaben
vielfach Geodaten zu speziellen wissenschaftlichen Fragestellungen, die ein
hohes Informationspotenzial für Politik, Unternehmen und den gesellschaftlichen Diskurs haben.
 Geoinformationen der Wissenschaft werden zur Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse barriere- und geldleistungsfrei bereitgestellt.
Interessengruppen
 Zivilgesellschaftliche Interessengruppen erfassen zunehmend durch eigenes
Engagement und mobile Devices Geodaten zu unterschiedlichsten Themen
(Topographie, Freizeit, Umwelt).
 Geoinformationen zivilgesellschaftlicher Interessengruppen werden aus eigener Motivation heraus barriere- und geldleistungsfrei bereitgestellt.
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SR108
Nationale Geoinformationsstrategie - Umsetzung in Baden-Württemberg
temberg (GDI-BW) als integraler Bestandteil der nationalen Geodateninfrastruktur (GDI-DE) auf den Weg gebracht. Weitere Maßnahmen mit mittelbarem oder
unmittelbarem Bezug zur NGIS wurden in
einzelnen Fachbereichen durchgeführt.
Grundlegende Maßnahmen zur Umsetzung
der NGIS sind unter Federführung des Lenkungsgremiums GDI-DE zu definieren und
schrittweise im Zeithorizont bis 2025 zu realisieren. Hier werden bestehende Maßnahmenpläne unter Angabe der zuständigen Akteure und des Zeitrahmens gezielt fortgeschrieben und nach Bedarf zusätzliche
Maßnahmenpläne entwickelt.
Spezifischen Maßnahmen fachlicher, technischer und organisatorischer Art kommt eine
besondere Bedeutung bei der Umsetzung der
NGIS zu. Planung und Durchführung obliegen den einzelnen Akteuren in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich, bei Bedarf können sie über das Netzwerk der GDI-DE und
subsidiär mit den länderbezogenen Geodateninfrastrukturen abgestimmt werden.
5
Umsetzung in Baden-Württemberg
Die Umsetzung der NGIS mit dem vorgesehenen Zeithorizont stellt auf nationaler Ebene
wie auch in Baden-Württemberg eine Herausforderung dar.
 Einige Maßnahmen wurden bereits im
Rahmen des Land-Kommunen-Vorhabens
der Geodateninfrastruktur Baden-Würt-
 Die Rechtsgrundlagen liegen mit dem
Landesgeodatenzugangsgesetz
vom
17.12.2009 (LGeoZG) in Umsetzung der
INSPIRE-Richtlinie und mit verschiedenen
Fachgesetzen vor. Ihre bedarfsgerechte
Weiterentwicklung, z. B. durch Vorgabe
einheitlicher Zugangs- und Nutzungsbedingungen zu Geoinformationen, ist zu
prüfen.
 Die organisatorischen Strukturen mit
dem Begleitausschuss GDI-BW (Ausschuss nach § 9 LGeoZG) und der GDIKontaktstelle sind seit 01.04.2008 geschaffen. Diese gilt es weiter auszubauen,
indem das Netzwerk auf die operative
Ebene ausgedehnt und Verantwortliche aller geodatenhaltenden Stellen einbezogen
werden.
 Zielsetzung und Rahmen bildet die Gesamtkonzeption GDI-BW vom 11.02.2010
im Zusammenspiel mit dem aktuellen Architekturkonzept der GDI-DE, die in Aufgabenverteilung und Konkretisierung bedarfsgerecht in mittelfristigem Zeithorizont
fortzuschreiben ist.
Diese Maßnahmen gilt es mit der erweiterten
Zielstellung der NGIS abzugleichen und künftig konsequent auf die geforderte Aktivierung
des Informations- und Wertschöpfungspotenzials der Geoinformationen zur Grundversorgung, Mehrfachnutzung und Innovation nutzerorientiert auszurichten.
Nachfolgend wenige ausgewählte Maßnahmen aus Baden-Württemberg, die den Ziel-
13
Andreas Schleyer
bereichen der NGIS zugeordnet werden können und deren Fortentwicklung für eine erfolgreiche NGIS-Umsetzung notwendig ist:
Zielbereich A: Nutzen für Bürger, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung
 Als fachübergreifender Zugang zu allen
Geoinformationen mit Relevanz für BadenWürttemberg erlaubt das im Geschäftsbereich des Ministeriums für Ländlichen
Raum und Verbraucherschutz aufgebaute
Geoportal
Baden-Württemberg
(www.geoportal-bw.de)
komplementär
zum
Geoportal
Deutschland
(www.geoportal.de) die Suche, Darstellung und den Bezug der Geoinformationen
an zentraler Stelle, damit die Nutzer diese
für ihre jeweiligen Zwecke verwenden
können.
SR 108
dienst Webatlas.de und den Prozessierungsdienst zur Geokodierung von geographischen Namen, Adressen und Flurstücken.
 Subsidiär wird die Bereitstellung der Geobasis- und Geofachdaten fachbereichsweise in Landesknoten gebündelt, um die
einzelnen geodatenhaltenden Stellen zu
entlasten: Geodaten von Vermessung,
Flurneuordnung, Landwirtschaft, Forst, Ernährung und Verbraucherschutz werden
landesweit einheitlich vom Landesamt für
Geoinformation und Landentwicklung, die
Geodaten der Fachbereiche Wasserwirtschaft, Abfall, Altlasten, Boden, Lärm und
Naturschutz werden von der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz effizient bereitgestellt.
 Mit dem Instrument der Geodatenbasis
Baden-Württemberg als Bestandteil der
künftigen
Nationalen
Geodatenbasis
(NGDB) werden für die Grundversorgung
von Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft
sowie Bürgerinnen und Bürger die nach
den Nutzerbedürfnissen nötigen Geodaten
dokumentiert und nach abgestimmten
Standards und Qualitätssicherung zugänglich gemacht.
 Verwaltungsprozesse mit Raumbezug
werden durch konsequenten Einsatz von
Geoinformationen zunehmend optimiert.
Beispielsweise werden seit der Antragssaison 2015 nur noch landwirtschaftliche
Förderanträge entgegengenommen, die
mit Hilfe des webbasierten Geoinformationssystems FIONA erfasst und bei den
Landwirtschaftsbehörden zur Weiterverarbeitung in medienbruchfreien und damit
hocheffizienten Geschäftsprozessen eingereicht werden.
Zielbereich B: Wirtschaftlichkeit und Effizienz
Zielbereich C: Transparenz und gesellschaftliche Teilhabe
 Die zentralen Vertriebsstellen der Arbeitsgemeinschaft der Vermessungsverwaltungen der Länder (AdV) bieten bundesweit einheitliche Geobasisdaten des
amtlichen Vermessungs- und Geoinformationswesens an und bauen ressourcenschonend die zugehörigen Dienste auf
(Bundesknoten), z. B. den Darstellungs-
 Über das Beteiligungsportal des Staatsministeriums, den im Rahmen von servicebw vom Innenministerium vorangetriebenen Planungsregister sowie über das
von Ministerium für Verkehr und Infrastruktur gemeinsam mit den Regionalverbänden verantwortete Raumordnungsportal
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SR108
Nationale Geoinformationsstrategie - Umsetzung in Baden-Württemberg
wird Transparenz über raumbedeutsame
Planungen und Maßnahmen geschaffen,
um auf Augenhöhe mit den Bürgerinnen
und Bürgern nachvollziehbare raumrelevante Entscheidung zu treffen.
 Über das Open-Data-Portal des Innenministeriums werden Daten, Dokumente und
Anwendungen – mit und ohne Raumbezug
– zur Nachnutzung unter dem Blickwinkel
von offenen Lizenzen schrittweise erschlossen und mit nutzergerechten Werkzeugen für jedermann auswertbar gemacht.
 Baden-Württemberg hat als erstes Flächenland im Zuge einer zukunftsgerichteten Open-Data-Strategie mit Wirkung vom
17.01.2013 ein weitgehendes Open-DataPortfolio attraktiver Geobasisdaten zur
kostenfreien Nutzung durch jedermann
verfügbar gemacht.
 Vor allem mittels mobiler Anwendungen
von Landesverwaltung und Kommunen
werden zivilgesellschaftliche Interessengruppen bis hin zu den einzelnen Bürgerinnen und Bürgern in die Erfassung und
Bereitstellung von Geoinformationen einbezogen. Beispiele sind: App „BW-Mapmobile“, mit der dem Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung topographische Veränderungen mit Auswirkungen
auf die Geobasisdaten in geokodierter
Form mitgeteilt werden können. App „Meine Umwelt“, mit dem Umweltphänomene
geokodiert dem Landesamt für Umwelt,
Messungen und Naturschutz übermittelt
werden. Apps zur Schadensmeldung werden von einigen Kommunen zur geokodierten Meldung (Schlaglöcher, defekte
Straßenbeleuchtung etc.) eingesetzt.
Zielbereich D: Datenschutz und Datensicherheit
 Mit der Einrichtung der Zentralen Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) im Landeskriminalamt und des CERT BWL
(Computer Emergency Response Team)
im Informatikzentrum der Landesverwaltung (IZLBW) wurden grundlegende Sicherheitseinheiten geschaffen.
 Durch Aufbau einer Geo-IT-Infrastruktur
im
künftigen
Landesrechenzentrum
BITBW, die derzeit mit hohen finanziellen
und personellen Ressourcen vom Geodatenzentrum des Landesamts für Geoinformation und Landentwicklung im Auftrag
des MLR vorangetrieben wird, entsteht eine ausfallsichere, den Datenschutz und
Datensicherheit gewährleistende Infrastruktur.
Zielbereich E:
Nachhaltigkeit
Zukunftsfähigkeit
und
 Mit der landesweiten Spezifikation der
Bauleitpläne in der GDI-BW auf Basis der
vom IT-Planungsrat auf seine Standardisierungsagenda gesetzten Entwicklung
von XPlanung wird eine zukunftsfähige
Nutzung der von Kommunen in bislang heterogener Vielfalt erfasster Geodaten geschaffen.
 Durch eine konsequente Zugrundelegung
der Geobasisdaten bei der Erfassung von
Geofachdaten nach dem Landesgeodatenzugangsgesetz entsteht eine homogene Datenbasis, die eine gemeinsame Analyse und Präsentation von Geobasis- und
Geofachdaten ermöglichen und somit die
Nutzung der Geodaten vor allem in Verwaltung und Wirtschaft unterstützen.
15
Andreas Schleyer
SR 108
Zielbereich F: Leistungsfähige ITUnterstützung
Maßnahmen in konsequenter Ausrichtung auf
die Ziele der NGIS auf den Weg zu bringen.
 Das Land betreibt zur Erledigung seiner
Verwaltungsaufgaben ein abgesichertes,
leistungsfähiges Landesverwaltungsnetz
(LVN), das mit dem Kommunalen Verwaltungsnetz (KVN) verbunden ist. Dieses
gilt es für die enorme Bandbreite der
Geodaten auszubauen.
Dabei geht es insbesondere darum, die
Fachbereiche der öffentlichen Verwaltung, in
denen Geoinformationen zur Eigennutzung
entstehen, verstärkt in die Geodateninfrastruktur einzubinden, ihre Geoinformationen
für die fach- und organisationsübergreifende
Mehrfachnutzung bereitzustellen und sie in
das E- und Open Government barrierefrei zu
integrieren.
 Der Breitbandausbau wird unter Federführung des Ministeriums für Ländlichen
Raum und Verbraucherschutz vorangetrieben. Mit der Breitbandinitiative II investiert BW in eine flächendeckende Breitbandversorgung, die eine Mindestübertragungsrate von 50 MBit/s sicherstellen und
damit auch den hohen Anforderungen der
Geodateninfrastruktur genügen wird.
 Die informationstechnischen Strukturen
zum Betrieb und Entwicklung von Fachverfahren werden ab 01.07.2015 im Landesbetrieb BITBW wirtschaftlich gebündelt und über einen CIO (Chief Information
Officer) zentral gesteuert, so dass Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit der
für die Bereitstellung von Geodaten notwendigen Landesknoten langfristig gesichert ist.
Ein zeitgemäßer Datenschutz und eine zunehmend offene Datenpolitik sind zur Verwirklichung der genannten Ziele elementare
Voraussetzungen.
6
Ausblick
Nach Beschlussfassung der NGIS im Lenkungsgremium GDI-DE und Bestätigung
durch den IT-Planungsrat sind bestehende
Maßnahmen fortzuentwickeln und neue
16
Dabei geht es aber auch darum, den Datenschatz der Unternehmen und Forschungseinrichtungen im partnerschaftlichen Miteinander
mit der Verwaltung zu erschließen, um den
hiesigen Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort im globalen Wettbewerb fortzuentwickeln.
Die Leitfragen bei der Umsetzung der NGIS
in Baden-Württemberg dürfen daher nicht
sein: „Bin ich zuständig?“ und „Was bringt es
mir?“ – sondern: „Wer kann´s am besten?“
und „Was kann ich für Baden-Württemberg
tun?“ Alle Akteure in Bund, Ländern, Kommunen, Wirtschaft, Wissenschaft und Interessengruppen sind aufgefordert, mit eigenen
Maßnahmen und im partnerschaftlichen Dialog zur volkswirtschaftlich sinnvollen Umsetzung der Ziele der Nationalen Geoinformations-Strategie beizutragen.
Es erfordert hierbei den Willen von Politik und
allen Akteuren, die Zusammenarbeit im Bereich der Geoinformation über alle Fach- und
Organisationsgrenzen hinweg zu verstärken
und den damit einhergehenden Kulturwandel
positiv zu gestalten.
Andreas Schleyer, Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz BadenWürttemberg, [email protected]
Big and Open Geodata - Ein Motor für die Wirtschaft?
Rene Löhrer, Lars Behrens
Das Bundesministerium für Wirtschaft und
Energie gründete die Kommission für Geoinformationswirtschaft
(GIW-Kommission)
2004. Die Kommission setzt sich aus Vertretern von über 20 Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft zusammen.
Die Kommission tritt als Mittler zwischen
Wirtschaft und Verwaltung auf und unterstützt
die handelnden Akteure dabei, die Rahmenbedingungen wie zum Beispiel Lizenzen und
Datenschutzbestimmungen für staatliche
Geodaten transparent, nachvollziehbar und
deutschlandweit einheitlich zu gestalten.
Geodaten sind Daten mit einem Raumbezug.
Das können zum Beispiel Daten zur Infrastruktur einer Gemeinde oder zur Gesundheitsentwicklung der Bevölkerung sein. Die
Kommission bietet Dienstleistungen wie Moderation, Mediation und Projektmanagement
an und entwickelt Service-Angebote. Sie
setzt Impulse für die Wirtschaft, um den
Geodatenmarkt in Deutschland zu aktivieren.
Die GIW-Kommission und Ihre Geschäftsstelle ist Teil der Geodateninfrastruktur Deutschland (GDI-DE) und arbeitet in den verschiedensten Gremien und Geo-Netzwerken aktiv
mit. Denn unser Ziel ist es praktische Lösungen zu entwickeln, die von allen Akteuren
mitgetragen werden.
Geodaten können in der Produktion und
Verwertung von Massendaten bestehende
Geschäftsprozesse optimieren und neue Geschäftsmodelle entstehen lassen. Die Verarbeitung von Big Data bietet der deutschen
Wirtschaft somit Wettbewerbsvorteile. So
kann sie durch die Analyse von Massendaten
u.a. Mehrwerte und Einsparungspotentiale
generieren und neue Geschäftsfelder für sich
erschließen. Dafür sind Unternehmen aber
darauf angewiesen unkompliziert auf hochqualitative staatliche Geoinformationen zugreifen zu können.
Geodaten sind eine wichtige Grundlage für
Geschäftsmodelle mit Raumbezug. Die Datenangebote des Staates werden zunehmend
über standardisierte Verfahren und zentrale
Portale und zum Teil auch als OpenData abgegeben. Diese spiegelt sich in der Umsetzung der INSPIRE Richtlinie wieder. Standardisierte OGC konforme WebGIS Dienste
bieten eine Vielzahl interdisziplinärer Daten
über Portale wie das Geoportal.de oder das
Open Data Portal des Bundes Govdata.de
an. Ein Standard, damit die Daten einfach
und verlässlich genutzt werden können, ist allerdings bislang noch nicht umgesetzt. Die
rechtlichen Grundlagen, die aus der INSPIRE
Richtlinie und der nationalen Umsetzung für
Deutschland im Rahmen des Geodatenzugangsgesetzes des Bundes (GeoZG) und
entsprechender Gesetze der Länder bestehen, regeln nur die allgemeine Möglichkeit
der Festlegung von Lizenzen und Kosten
durch die entsprechenden Behörden. Machen aber keine verbindlichen Vorgaben wie
diese einheitlich und praktisch umgesetzt
werden können.
Open Data ist hier nur bedingt eine Lösung.
Um die Daten nutzen zu können, brauchen
Unternehmen eine über Open Data hinausgehende Verlässlichkeit bezügliche der Verfügbarkeit und der Nutzungsdauer. Diese ist
bei den üblichen OpenData-Angeboten nicht
vorgesehen, da die Daten offen und unverbindlich jedermann zur Verfügung gestellt
werden. Wobei auch OpenData-Angeboten
unterschiedliche Nutzungsbedingungen bei-
17
Rene Löhrer, Lars Behrens
SR 108
Abb. 1: Webanwendung GeoLizenz.org
gegeben werden können. Auch können nicht
alle Daten frei zugänglich gemacht werden.
Bei manchen Daten gilt es, Vereinbarungen
zu treffen, sei aus Gründen des Datenschutzes, aus Sicherheitsaspekten oder wenn
Nutzungseinschränkungen bestehen. Auch
diese Daten können einen Mehrwert in der
Wirtschaft entfalten. Für die betreffenden Bereiche gilt es, Lösungen zu entwickeln.
Die Kommission für Geoinformationswirtschaft (GIW-Kommission) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi)
erarbeitet systematisch Empfehlungen für
einheitliche und einfache Rahmenbedingungen zur Bereitstellung und Nutzung staatlicher Geoinformationen für die Wirtschaft. Die
Produkte und Angebote werden gemeinsam
mit den Geodateninfrastrukturen (GDI) des
Bundes, der Länder und der Kommunen entwickelt. Mit fachspezifischen Studien, an die
18
deutsche Rechtssystematik angepassten
Rechtstexten, sowie internetgestützten Anwendungen legt die Kommission Lösungen
vor, um in Deutschland – trotz föderaler
Strukturen – eine einfache, einheitliche und
marktorientierte Nutzung staatlicher Geoinformationen zu ermöglichen.
So bietet die GIW-Kommission mit dem kostenlosen Service GeoLizenz.org eine einheitliche Lösung zur Lizenzierung an. Geodatenprodukte aller Verwaltungsebenen können
einfach, schnell und sicher lizenziert und von
Unternehmen ebenso bezogen werden.
Der Datenanbieter kann eine Lizenz per Internet-Klickanwendung (s. Abb. 1) nach dem
Baukastenprinzip für verschiedene Nutzungsrechte und Nutzergruppen zusammenstellen.
Als Nutzungsrechte sind die kommerzielle
bzw. nichtkommerzielle Nutzung, das Recht
SR108
Offene gesellschaftliche Innovation
Abb. 2: Datenschutzoptionen in GeoLizenz.org
oder die Einschränkung der Weiterverarbeitung sowie die Bereitstellung in öffentlichen
Netzwerken oder die Beschränkung auf interne Nutzung vorgesehen. Als Nutzergruppen kann zwischen Wirtschaft, Wissenschaft,
Verwaltung, Interessensgemeinschaft oder
Privatpersonen kombiniert werden. Darüber
hinaus findet der Datenschutz (s. Abb. 2)
durch die Abfrage des berechtigten Interesses Beachtung. Über die eingebaute E-
Payment Funktion kann der Datenanbieter
auch kostenpflichtige Datenprodukte anbieten. Der Datennutzer kann abschließend das
Produkt einfach über das Portal des Anbieters finden über unserer Service GeoLizenz.org eine Nutzungslizenz im PDF Format
beziehen (s. Abb. 3).
19
Rene Löhrer, Lars Behrens
SR 108
Abb. 3: Lizenztext und Nutzungsarten bzw. -gruppen
Darüber hinaus werden von Datenanbietern
auch Geodaten angeboten, bei denen das
Thema Personenbezug eine Rolle spielt. Die
Bereitstellung bzw. Nutzung dieser Daten unterliegt den jeweiligen Datenschutzgesetzen.
Bei der Produktion und Analyse von Massendaten kann auch eine Datenschutzrelevanz
entstehen. Beispielsweise kann durch die
Kombination von personenbezogen medizinischen Daten mit Geobasisdaten der Personenbezug auf den kombinierten Datensatz
übertragen werden.
einfache Webseite Akkreditierungen von Geschäftsprozessen die sensible Daten nutzen
wollen, möglich sein sollen. Die Selbstverpflichtungserklärung enthält Maßnahmen,
welche die Darlegung des „Berechtigten Interesses“ und weiterer technisch-organisatorischer nach §38a Bundesdatenschutzgesetzt
enthält. Der CoC trägt somit zu einer sicheren, verlässlichen und einheitlichen Berücksichtigung des Datenschutzes bei der Bereitstellung und Nutzung staatlicher Geodaten
bei.
Gemeinsamen mit den Datenschutzaufsichtsbehörden hat die GIW-Kommission Verhaltensregeln für den Datenschutz für die Wirtschaft entwickelt. Der GeoBusiness Code of
Conduct (CoC) stellt als Selbstverpflichtungserklärung der Wirtschaft ein Werkzeug
zur Verfügung, mit dem zukünftig über eine
Dr. Rene Löhrer und Lars Behrens, Kommission für Geoinformationswirtschaft (GIW)
an der Bundesanstalt für Geowissenschaften
und Rohstoffe, Hannover,
[email protected]
20
Erweiterung der Nutzungspotentiale durch Geodatendienste der Geodateninfrastrukturen / Smarte Geodatenstadt
Johannes Föll
1 Einleitung
Der Aufbau von Geodateninfrastrukturen
stellt derzeit eine große Herausforderung für
die Verwaltung dar. Insbesondere die Umsetzung der INSPIRE-Richtlinie ist im Bereich
der Geoinformatik für die Verwaltung, aber
auch für Wirtschaft, Wissenschaft und Bürger
von großer Bedeutung. Der Fokus hierbei
liegt auf der Bereitstellung der in der Verwaltung vorliegenden Geodaten für andere Nutzer. Zu den Prinzipien von INSPIRE zählt das
Ziel, dass Geodaten möglichst nur auf einer
Verwaltungsebene erfasst und bereitgestellt
werden, aber auf allen Verwaltungsebenen
genutzt werden können [De Groof 2013,
S. 3].
Die Zieldefinition der Geodateninfrastruktur
Deutschland (GDI-DE) greift dieses Prinzip
auf. Ergänzt wird sie um den Zusatz, die verteilt vorliegenden Geodaten für Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Öffentlichkeit über Geodatendienste bereitzustellen
[Arbeitskreis Architektur 2014a, S. 12]. Um
diese übergreifende Nutzung erreichen zu
können ist es notwendig, die Geodaten in
standardisierter Form bereitzustellen. Im
Rahmen der INSPIRE-Richtlinie und der GDIDE werden Geodatendienste eingesetzt, um
die Geodaten interoperabel zur Verfügung zu
stellen. Hierbei wird das Publish-Find-BindPrinzip verwendet. Die Geodaten werden
über Geodatendienste veröffentlicht und mit
Metadaten beschrieben (Publish), so dass
ein Nutzer über eine Suche in den Metadaten
(Find) die Geodatendienste auffinden und in
seinen eigenen Systemen verwenden kann
(Bind) [Arbeitskreis Architektur 2014b,
S. 14f]. Zur Erreichung des Ziels der GDI-DE
sind verschiedene Maßnahmen notwendig.
Diese sollen dabei entsprechende fachliche
und architektonische Grundsätze verfolgen.
Bei den fachlichen Grundsätzen steht dabei
die Nutzerorientierung an zentraler Stelle
[Arbeitskreis Architektur 2014a, S. 13ff].
2 Geodatendienste
Die INSPIRE-Richtlinie und zugehörige nationale Gesetzgebungen definieren Geodatendienste in einer abstrakten Form. Laut Geodatenzugangsgesetz handelt es sich bei diesen Netzdiensten um „vernetzbare Anwendungen, die Geodaten und Metadaten in
strukturierter Form zugänglich machen“
[GeoZG 2009, § 3 (3)]. Diese unterteilen sich
in Suchdienste, Darstellungsdienste, Downloaddienste und Transformationsdienste. Zur
konkreten Umsetzung dieser Geodatendienste werden im Rahmen von INSPIRE sogenannte technische Umsetzungsanleitungen
herausgegeben. Diese greifen die rechtlich
verbindlichen Vorgaben auf und bringen diese in Einklang mit existierenden Standards,
wie z. B. des Open Geospatial Consortiums
(OGC) [Hogrebe 2011, S. 5ff].
Aus technischer Sicht funktionieren alle Geodatendienste nach dem gleichen Schema.
Durch die Verwendung des Client-ServerPrinzips ist es möglich, dass ein Nutzer eine
Anfrage über einen Client stellt. Diese Anfra-
21
Johannes Föll
ge wird von einer speziellen Serversoftware
bearbeitet und eine Antwort an den Nutzer
ausgeliefert. Als Kommunikationsschnittstelle
dient dabei das Hypertext Transfer Protocol
(http). Die Abfrage lässt sich mittels http GET
und http POST stellen, wobei letztere insbesondere bei komplexen Filter-Anfragen hilfreich ist. An den Geodatendienst werden Befehle in Form von Operationen gesendet, die
durch weitere Parameter gesteuert werden
können. Durch diese standardisierte Funktionsweise wird die Interoperabilität bei der
Nutzung der Geodatendienste gewährleistet
[Geschäftsstelle Geodateninfrastruktur Bayern 2014, S. 6f].
Durch die strengen Anforderungen an die
Leistungsparameter (Verfügbarkeit, Kapazität
und Performanz) der Geodatendienste durch
die INSPIRE-Richtlinie und die zugehörigen
Durchführungsbestimmungen ist es möglich,
die Geodatendienste in verschiedenen Anwendungen zu verwenden, auch wenn diese
entsprechend hohe Leistungsanforderungen
stellen. Deshalb werden derzeit in der Verwaltung die entsprechenden IT-Infrastrukturen angepasst, um diese Anforderungen zu
erfüllen und eine diensteorientierte Geodatenbereitstellung auch für kritische Anwendungen, z. B. im Katastrophenschutz, zu ermöglichen [MLR 2014, S. 19].
Die Geodatendienste lassen sich als Netzdienste in die folgenden Kategorien einordnen:
 Suchdienste, bei INSPIRE auch Discovery
Services genannt, stellen Metadaten als
XML-Dokumente an andere Metadatenkataloge bereit und ermöglichen dadurch eine organisationsübergreifende Recherche
nach Geodaten und Geodatendiensten.
Als OGC-Standard wird hierfür der Catalog Service for Web (CSW) verwendet.
22
SR 108
 Darstellungsdienste, bei INSPIRE auch
View Services genannt, dienen der Visualisierung von Geodaten in Form von Kartenpräsentationen. Hierfür werden die
OGC-Standards Web Map Service (WMS)
und Web Map Tile Service (WMTS) eingesetzt. Der WMTS unterscheidet sich zum
WMS durch die Bereitstellung von vorprozessierten Kartenkacheln.
 Downloaddienste, bei INSPIRE auch
Download Services genannt, stellen die
bei anderen Organisationen vorliegenden
Geodaten so bereit, dass diese entweder
on-the-fly genutzt werden oder so heruntergeladen werden können, dass diese als
direkte, persistente Kopie beim Nutzer
weiterverwendet werden können. Als
Standards werden hier im Umfeld von
Geodateninfrastrukturen der Web Feature
Service (WFS) und der Web Coverage
Service (WCS) des OGC sowie das Atom
Syndication Format (ASF) der Internet Engineering Task Force (IETF) zur Bereitstellung von Atom-Feeds genutzt. Mit
Atom-Feeds lassen sich vorprozessierte
Datenpakete herunterladen. WFS wird für
die Bereitstellung von Vektordaten, WCS
zur Bereitstellung von Rasterdaten und
Coverages verwendet [Weichand 2013].
 Transformationsdienste, bei INSPIRE
auch Transformation Services genannt,
dienen dem Ziel, die Geodaten so zu
transformieren, dass die Interoperabilität
dieser Geodaten erhöht werden kann,
z. B. durch eine Koordinatentransformation. Für die Bereitstellung von Transformationsdiensten gibt es derzeit keinen Standard.
Neben den aufgeführten Netzdiensten existieren im Kontext von INSPIRE weitere Geodatendienste, die Spatial Data Services ge-
SR108
Erweiterung der Nutzungspotentiale durch Geodatendienste der Geodateninfrastrukturen
nannt werden. Für aufrufbare Geodatendienste und solche Geodatendienste, die auf
interoperablen Geodaten von INSPIRE arbeiten, gelten zusätzlich weitergehende Anforderungen. Zur Umsetzung dieser Dienste
können Webservices, die z. B. auf Basis der
Web Services Description Language (WSDL)
des W3C arbeiten, verwendet werden [Network Services Drafting Team 2014, S. 50ff].
Eine weitere Möglichkeit zur Verarbeitung
von Geodaten innerhalb Geodateninfrastrukturen stellt der Web Processing Service
(WPS) als Standard des OGC dar. Mit diesem Standard ist es möglich, Rechenprozesse, die in Geoinformationssystemen üblich
sind, so bereitzustellen, dass die Analysen
auch in verteilten Umgebungen möglich sind
[Kiehle und Padberg 2009, S. 129f].
3 Nutzungspotentiale durch Geodatendienste
Die Umsetzung von Client-Server-Architekturen wird durch die Verwendung von Geodatendiensten stark vereinfacht. Durch die konsequente Einhaltung von Standards entstehen deutliche Vorteile bei der Nutzung von
Geodatendiensten. Die Verwendung aktueller
Geodatenbestände ist durch Geodatendienste für den Nutzer jederzeit einfach möglich.
Aufwändige Konvertierungsarbeiten entfallen
und die Integration von Geodaten in eigene
Systeme kann effizienter und mit höherer
Qualität erfolgen [Geschäftsstelle Geodateninfrastruktur Bayern 2014, S. 5].
Mit Geodateninfrastrukturen können auch die
Anforderungen der Open Data-Idee erfüllt
werden. Der Verein für Interdisziplinäre Studien zu Politik, Recht, Administration und
Technologie e.V. (ISPRAT) hat die Kriterien
wie folgt definiert:










Vollständigkeit,
Verfügbarkeit der Primärdatenquelle,
Zeitnähe,
Zugänglichkeit,
Maschinenlesbarkeit,
Nicht diskriminierende Bereitstellung,
Nicht proprietäre Bereitstellung,
Dauerhaftigkeit,
Lizenzfreiheit,
Nutzungskosten.
Bei der Lizenzfreiheit und bei den Nutzungskosten ergeben sich politische und rechtliche
Handlungsfelder [Baier 2013, S. 23ff].
Durch die Einbindung von Suchdiensten ist
es möglich, die innerhalb der Geodateninfrastrukturen bereitgestellten Geodaten und
Geodatendienste zu recherchieren und in die
bestehenden Systeme zu übernehmen. Innerhalb der GDI-DE sind durch die vernetzte
Architektur der Suchdienste inzwischen 29
Metadatenkataloge an den Geodatenkatalog.DE angebunden und mehr als 80 000 Metadatensätze zu Geodaten und Geodatendiensten recherchierbar [BKG 2015].
Die Bereitstellung von Geobasisdaten über
Darstellungsdienste stellt ein Nutzungspotential für verschiedene webbasierte und mobile
Geoanwendungen dar. Durch die fachneutrale Ausprägung der Geodaten ist insbesondere eine Verwendung als Hintergrundkarte
möglich. So wird für den Nutzer eine Navigation und Orientierung innerhalb der Geoanwendung vereinfacht. Insbesondere der WebAtlasDE stellt als bundesweit abgestimmte,
einheitliche Kartendarstellung mit verschiedenen Zoomstufen ein ideales Produkt für eine solche Nutzung dar. Von einer groben
Übersichtsdarstellung bis zur detaillierten
Darstellung von Gebäuden mit Hausnummern ist eine bundeseinheitliche Darstellung
auf Basis der amtlichen Geobasisdaten defi-
23
Johannes Föll
niert. Eine Nutzung für Privatpersonen und
die Bereiche Bildung und Forschung ist zudem kostenfrei möglich [BKG 2013, S. 2].
In Baden-Württemberg sind mit der Open Data-Strategie für Geobasisdaten einige Geodaten im Rahmen der Geodateninfrastruktur
Baden-Württemberg (GDI-BW) frei zugänglich [Baier 2013].
Über Downloaddienste können Geodatenbestände, wie z. B. das Amtliche Liegenschaftskatasterinformationssystem (ALKIS), bezogen werden, um damit in vorhandenen Geoanwendungen GIS-Funktionalitäten, zu nutzen. Inzwischen wird die Nutzung von WFS
und Atom-Feeds auch in verschiedenen GISSystemen unterstützt. Zur Aktualisierung von
lokalen Geodatenbeständen eignen sich
INSPIRE-Downloaddienste, da insbesondere
über die Verwendung von vordefinierten Abfragen eines WFS 2.0 sich ein entsprechend
definierter Datenbestand einfach herunterladen lässt. Durch die Verwendung von entsprechenden Bibliotheken zur Umwandlung
der Geodaten, beispielsweise der OGR-Bibliothek, und der Automatisierung über Skripte, die als entsprechender Job täglich durchgeführt werden, kann ein tagesaktueller Abgleich der Geodaten erfolgen [Weichand
2014, S. 142ff].
Der Web Processing Service wird derzeit
hauptsächlich in wissenschaftlichen Anwendungen eingesetzt, wobei eine freie Verfügbarkeit von einzelnen Prozessen oder einzelnen WPS-Diensten kaum umgesetzt ist. Bereits im Jahr 2010 wurden durch die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) verschiedene WPS aufgesetzt, mit denen Berechnungen zum Thema Wasser auf Basis
amtlicher Geobasisdaten möglich sind. So
lässt sich beispielsweise auf Basis des digita-
24
SR 108
len Geländemodells für die Eingabe einer Linie ein entsprechendes Geländeprofil berechnen [Ellmenreich et al. 2010, S. 5ff].
4 Smarte Geodatenstadt
Ziel der smarten Stadtentwicklung ist es, eine
nachhaltige Entwicklung der Stadt zu ermöglichen und die Verbindung zwischen Mensch
und Stadt auf technischer Ebene zu schaffen.
Hierzu bieten Geodateninfrastrukturen und
die Bereitstellung von Geodaten der Verwaltung über Geodatendienste eine grundlegende Basis. Durch die INSPIRE-Richtlinie sind
vielfältige Themengebiete adressiert, die im
Kontext der nachhaltigen Stadtentwicklung
von Bedeutung sind [Winkemann 2014].
In verschiedenen Projekten auf europäischer
Ebene werden derzeit Forschungsansätze
und Praxisbeispiele aus den Bereichen
Geodaten und Smart Cities in einen Kontext
gebracht, um die gemeinsamen Vorteile aufzeigen zu können. Nicht alle Städte verfügen
derzeit über Geodatendienste, dennoch gibt
es bereits praktikable Beispiele, die im Smart
Cities Projekt am Beispiel von Edinburgh in
Schottland und Kristiansand in Norwegen
dargestellt werden können. In Edinburgh werden Geodaten, die einzelne Parkplätze darstellen, über ein Geoportal bereitgestellt. Sofern Echtzeitdaten zur Anzahl der verfügbaren Parkplätze vorhanden sind, wird das
Parkplatzsymbol entsprechend eingefärbt.
Hierdurch kann ein Nutzer frühzeitig erkennen, ob er eine entsprechende Parkmöglichkeit an seinem Ziel findet oder er nicht doch
auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigt. Das
Ziel einer nachhaltigen Mobilität kann dadurch unterstützt werden. In Kristiansand
wird ein Zugang zu den kommunalen
Geodaten über ein Geoportal geschaffen. Die
Geodatendienste aus Kristiansand gehören
SR108
Erweiterung der Nutzungspotentiale durch Geodatendienste der Geodateninfrastrukturen
zum Programm „Digital Norway“, das neben
dem Aufbau eines E-Governments auch die
Umsetzung der INSPIRE-Richtlinie berücksichtigt. Die Bereitstellung von Darstellungsund Downloaddiensten unterstützt zudem
verschiedene Handlungsfelder einer smarten
Stadt, wie z. B. einer smarten Mobilität,
Stadtentwicklung und Lebensgestaltung. So
wird aus einer smarten Stadt eine smarte
Geodatenstadt [Adams 2011, S. 27ff].
tenanbietern zu treten. So kann möglicherweise im Dialog eine Reihenfolge beim Aufbau der Geodatendienste eingehalten und
entsprechende Angebote in Form von weiteren Geodatendiensten bereitgestellt werden.
Die genannte Umfrage ergab, dass für die
Zielgruppe Katastrophenschutz insbesondere
die INSPIRE-Themen Adressen, Verkehrsnetze und Gewässernetz von sehr hohem Interesse für eine Nutzung sind [Föll 2013,
S. 104].
5
Eine Übertragung ähnlicher Untersuchungen
ist für die Bereiche Big and Open Geodata
notwendig. Hierzu ist es hilfreich, über entsprechende Gremien Nutzeranforderungen
gebündelt in die Gremien der Geodateninfrastrukturen einzubringen. Nur so ist es möglich, die Anforderungen schrittweise zu berücksichtigen und das Ziel einer smarten
Geodatenstadt zu erreichen.
Ausblick
Durch die verpflichtende Bereitstellung von
Geodaten über Geodatendienste entsteht eine Vielzahl an Nutzungsmöglichkeiten im
Kontext des E-Governments. Dennoch sind
noch längst nicht alle Geodaten über Geodatendienste verfügbar. So wurden im Jahr
2013 nur 66 % der von der INSPIRERichtlinie betroffenen Geodaten über Geodatendienste bereitgestellt. Insbesondere im
Bereich kommunaler Geodaten müssen weitere Anstrengungen unternommen werden,
um die noch fehlenden Geodaten verfügbar
zu machen [Koordinierungsstelle GDI-DE
2014].
Neben den noch fehlenden Geodatendiensten ist es notwendig, die potentiellen Nutzer
der Geodatendienste über die Vorteile, die
durch den Aufbau der Geodateninfrastrukturen entstehen, anzusprechen. Eine Umfrage
innerhalb der Zielgruppe Katastrophenschutz
aus dem Jahr 2013 zeigt, dass weniger als
die Hälfte der Teilnehmer die INSPIRERichtlinie kennt. [Föll 2013, S. 80f].
Um zur rechtlichen Umsetzung beim Aufbau
der Geodateninfrastrukturen auch entsprechende Nutzeranforderungen berücksichtigen
zu können, ist es notwendig in eine Interaktion zwischen Geodatennutzern und Geoda-
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Anhalt,
01.2013,
http://www.weichand.de/masterarbeit/Master
arbeit_Weichand.pdf.
[Weichand 2014] Weichand, Jürgen: Moderne Geodatenbereitstellung im Kontext der europäischen Geodateninfrastruktur INSPIRE,
in: FOSSGIS e.V. (Hrsg.): FOSSGIS 2014 Anwenderkonferenz für Freie und Open
Source Software für Geoinformationssysteme,
Berlin,
19.
21.03.2014,
http://mapmedia.de/downloads/finish/3fossgis-tagungsband/49-2014-fossgistagungsband, S. 140 - 145.
[Winkemann 2014] Winkemann, Philipp:
INSPIRE-basierte Indikatoren zur Bewertung
von
SmartCities,
30.06.2014,
http://agitposter.blogspot.de/2014/06/72inspire-basierte-indikatoren-zur.html.
M.Eng Johannes Föll, Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung BadenWürttemberg, Stuttgart;
[email protected]
27
StoryMaps: mit Geodaten Geschichten erzählen
David Oesch, Daniela Brandt
Aufbereitet als sogenannte StoryMaps werden die Geodaten des Bundes auf
www.geo.admin.ch einem breiteren Publikum
zugänglich gemacht – beispielsweise Schülerinnen und Schülern oder einem interessierten Laienpublikum. StoryMaps gelten als eine
der attraktivsten und effektivsten Formen von
Wissensvermittlung. Sie verknüpfen Wissen
mit Bedeutung, präsentieren es visuell und
lassen den Betrachter auch selbst tätig werden, was das Verständnis für eGovern-ment
Prozesse erhöht.
Das Geoportal des Bundes, geo.admin.ch
bündelt geolokalisierte Daten der Bundesverwaltung und macht diese über Webdienste öffentlich zugänglich (zum Beispiel über
den Kartenviewer map.geo.admin.ch). Es
wird vom Bundesamt für Landestopografie
swisstopo im Auftrag des Koordinationsorgans für Geoinformation des Bundes zur
Umsetzung des Geoinformationsgesetzes
(GeoIG) betrieben. Mehr als 370 Fachgeodatensätze können aktuell betrachtet werden.
60 bis 80 Prozent aller politischen und wirtschaftlichen Entscheide haben einen räumlichen Bezug1. Es ist daher wichtig, dass nicht
nur Fachleute, sondern auch möglichst viele
Bürgerinnen und Bürger Zugang zu geografischen Informationen haben und Raumbezüge herstellen können. Die Herausforderung,
diese Kompetenzen dem Nutzer und der
Nutzerin zu vermitteln, wird mit Hilfe von
1
28
Coopers/Lybrand,1996,
http://catalogue.nla.gov.au/Record/97620
StoryMaps
angegangen,
wie
storymaps.geo.admin.ch abrufbar.
unter
Je mehr Daten und Informationen produziert
werden, desto schwieriger wird es, sich zurechtzufinden, ganz besonders für den Laien.
Beim Betrieb des Geoportal stellen wir als
Betreiber fest, dass manch ein Endnutzer gar
nicht mehr weiß, was er mit all den Daten anfangen soll. Er kann zwischen Relevantem
und weniger Relevantem schwer unterscheiden, verfällt schliesslich in die „Paralyse der
Auswahl“ und kapituliert. Ein Paradigmenwechsel ist gefragt: Behördenstellen, die wollen, dass die von ihnen produzierten Daten
bestmöglich genutzt werden, müssen ihre Informationen so aufbereiten, dass der Betrachter ihre Relevanz erkennt und selbstständig Verknüpfungen zu anderen Daten
sowie zu bereits vorhandenem Wissen herstellen kann. Das gelingt am besten, wenn
Daten so präsentiert werden, dass sich daraus eine Geschichte ableiten lässt, die der
Nutzer interpretieren kann, indem er sie sich
gewissermaßen selbst erzählt. Oder anders
gesagt: Er generiert Wissen aus dem, was er
sieht. Die Rede ist von Storytelling, einer
auch im Journalismus heute verbreiteten Erzählmethode, bei der das Publikum in die erzählte Geschichte eingebunden wird. Dies
führt dazu, dass Leser, Zuhörer oder Nutzer
den Gehalt der Geschichte besser verstehen
und auch selbstständig mitdenken. Storytelling strukturiert das Chaos der Information;
es holt die Aufmerksamkeit des Publikums
und hält es sozusagen bei der Stange.
Auch der Datenjournalismus zielt darauf ab,
mit Daten Geschichten zu erzählen. Informationen werden gesammelt, aufbereitet, verar-
SR108
beitet und publiziert, zum Beispiel als eine
Selektion ausgewählter Daten für ein ausgewähltes Publikum. Adrian Holovaty, ein amerikanischer Webentwickler und Journalist, gilt
als Wegbereiter dieser Idee, denn er forderte
insbesondere für das Medium Internet eine
andere Art von Journalismus, die „wichtige,
konzentrierte Information, die für das Leben
der Menschen nützlich ist und ihnen hilft, die
Welt zu verstehen“ liefern müsse. Es geht also darum, Wissen mit Bedeutung zu verknüpfen, relevante Informationen hervorzuheben
und Zusammenhänge aufzuzeigen.
StoryMaps sind eine Kombination von Datenjournalismus und „Storytelling“, nämlich intelligente, interaktive Webkarten zu bestimmten
Themen, zum Beispiel im Bereich der Geoinformation. Grundlage dafür ist das Geoportal
des Bundes, geo.admin.ch. Der Bereich
KOGIS (Koordination, Geoinformation und
Services) des Bundesamts für Landestopografie swisstopo hat 2012 begonnen, ver-
StoryMaps: mit Geodaten Geschichten erzählen
schiedene publizierte Geodatensätze der
Bundesämter in möglichst einfach verständlicher Weise miteinander zu kombinieren beispielsweise historisches Kartenmaterial
mit aktuellen Karten, wodurch die Entwicklung eines Gebiets oder eines Ortes im Verlaufe der Zeit sichtbar gemacht werden kann.
Den Betrachtenden werden verschiedene
Möglichkeiten geboten, Zusatzinformationen
zu beziehen und interaktiv Aktionen auszuführen, die ihnen ein detaillierteres Bild über
die Geodaten vermitteln. Sie sind also nicht
nur im rezeptiven Modus tätig, indem sie Informationen konsumieren, sondern werden
selbst aktiv, indem sie auswählen, was sie
zusätzlich sehen oder wissen wollen. Ein
Beispiel ist der sogenannte „SwissGuesser“
(siehe auch Abb. 1), bei welchem die geographische Lage von Kartenelementen spielerisch geschätzt wird: Kulturgüterobjekte,
Seilbahnen oder historische Luftbilder sind
thematische Varianten dieses „Geographie-
Abb.1: SwissGuesser – Finden Sie den Luftbildperimeter auf der Landeskarte?
29
David Oesch, Daniela Brandt
Spiels“. Ein weiterer Zweck von StoryMaps
ist das Bewerben von Fachanwendungen wie
der
Luftbildsammlung
von
swisstopo,
map.lubis.admin.ch und www.luftbildindex.ch,
oder einzelner Geodatensätze wie dem
„schweizerischen Inventar der Kulturgüter
von nationaler (und regionaler) Bedeutung“
auf dem Kartenviewer map.geo.admin.ch.
Eine StoryMap aus dem Hause swisstopo
(Abb. 2) ist beispielsweise nach dem Bergsturz von Randa benannt, bei welcher auf die
Datensätze „schweizerische Geotope“ und
„topografischer Atlas der Schweiz (Siegfriedkarte)“ verwiesen wird. Bei der StoryMap zum
Morteratschgletscher wird der Gletscherrückgang der vergangenen Jahrzehnte zum zentralen Thema. Die StoryMap „Neue Landeskarten für die Schweiz“ stellt die Produktun-
SR 108
terschiede zwischen der alten und neuen
Landeskarte, über einen direkten visuellen
Vergleich in den Vordergrund. Insgesamt
haben StoryMaps für die Bundesverwaltung
das Ziel, über die vielfältigen Geodaten und
Aufgaben zu informieren und diese prominent
in das Bewusstsein der Nutzer / Bürger zu
bringen.
Fazit: Das Potenzial der StoryMaps ist groß–
für alle, die ihren Zielgruppen komplexe Inhalte zugänglich und Wissen in gut verständlicher Form vermitteln möchten. Dass
StoryMaps sich dafür besonders gut eignen,
liegt daran, dass sie nicht nur Information
transportieren, sondern auch Geschichten
erzählen. Denn, um es mit dem Hirnforscher
Manfred Spitzer zu sagen: „Was den Men-
Abb. 2: StoryMaps von swisstopo: Morteratschgletscher: Ein Eisriese verschwindet; Ein Vergleich der
Siegfriedkarte mit dem heutigen Luftbild (o. links); Vergleich der alten und neuen Landeskarte (o.
rechts) und der LUBIS-SwissGuesser von swisstopo (u. links), bzw. der Bergsturz von Randa von
swisstopo (u. rechts)
30
SR108
StoryMaps: mit Geodaten Geschichten erzählen
schen umtreibt sind nicht Fakten und Daten,
sondern Gefühle, Geschichten und vor allem
andere Menschen.“
Dr. David Oesch & Dr. Daniela Brandt, Projektkoordination Geoportale, Bundesamt für
Landestopografie swisstopo;
[email protected]
Weiterführende Informationen
StoryMaps des Geoportal des
http://storymaps.geo.admin.ch
Bundes:
Portal: www.geo.admin.ch
Kartenviewer: map.geo.admin.ch
Email: [email protected],
Tel. +41 58 469 03 15,
Twitter: @swiss_geoportal
31
Smart City Cloud für Bürgerbeteiligung
Andreas Stein
Während der letzten Jahrzehnte bedeutete
urbanes Wachstum überall auf der Welt vor
allem Ausweitung des Stadtgebietes und
steigende Einwohnerzahlen. Die damit verbundenen negativen Auswirkungen wie die
Umweltverschmutzung wirken heute längst
über die Stadtgrenzen hinaus.
Eine Studie des Verbands der Elektrotechnik,
Elektronik und Informationstechnik (VDE)
deutet auf eine rasante Entwicklung der
Smart-City-Technologien hin. Laut der erhobenen Studie lebten im Jahre 2007 weltweit
erstmals mehr Menschen in Städten als auf
dem Land. Die Vereinten Nationen schätzen,
dass im Jahr 2030 knapp 60 Prozent aller
Menschen in Städten leben werden1. Auslösende Faktoren sind oft bessere Arbeitsbedingungen, besserer Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und Kultur.
Die Idee von Smart Cities ist daher die Verbesserung der Lebensqualität und die Minimierung der Umweltbelastung zu vertretbaren Kosten durch integrierte Planung und
Realisierung unter Nutzung technischer Möglichkeiten. Die Städte sind in den vergangenen Jahrzehnten in die Höhe gewachsen,
wobei natürliche Grenzen das Wachstum
einschränken. Daher werden Städte in Zukunft auch in die Tiefe wachsen.
Die Nutzung des urbanen Untergrunds begann bereits vor vielen Jahrzehnten hat sich
demnach historisch entwickelt. Daraus ent-
standen sind heterogene und schwer zu erweiternde Konstrukte.
Als Beispiel dient hier die Stadt New York
(Abbildung 1): Die U-Bahn wurde 1904 in Betrieb genommen, mit dem Bau des städtischen Dampfheizungsnetzes war schon zuvor begonnen worden. Der Startschuss für
das Mammutprojekt „City Water Tunnel No.
3“, eine dritte Leitung zur Sicherung der
Wasserversorgung des „Big Apple“ mit fast
100 Kilometern Länge, fiel 1970. In Betrieb
gehen wird der Tunnel vermutlich 2018, aber
die alten Wassertunnel von 1917 und 1935
können erst gewartet werden, wenn Nummer
3 in Betrieb ist. Gerade weil die Komplexität
des Untergrunds von New York nicht außergewöhnlich ist (Beispiele sind London, Berlin
oder Köln mit dem Einsturz des Stadtarchivs
20092), sind Probleme bei Projekten zur Nutzung dieses Raums vorprogrammiert. Geoinformationen des Untergrunds müssen mit
Plandaten kombiniert, Visualisierungen der
über- und unterirdischen Stadt zudem für die
Beteiligten verständlich aufbereitet werden.
Der Untergrund bietet aber auch die vier
zentralen Ressourcen: Raum, Wasser, geothermale Energie und Geomaterial. Dieser
Raum kann für Tunnel und städtische Infrastruktur dienen, während geothermische
Energie die Beheizung von Gebäuden und
die Verminderung von CO2-Emissionen ermöglicht.
1
https://www.vde.com/de/verband/pressecenter/
pressemappen/documents/thesen_smartcities
_web.pdf
32
2
http://www.stadt-koeln.de/politik-undverwaltung/presse/von-der-bergung-zurursachenforschung-und-beweissicherung
SR108
Smart City Cloud für Bürgerbeteiligung
Forschung und Wissenschaft erarbeiten eine
Methodik, die es Stadtplanern erlaubt, das
Potenzial des urbanen Untergrundes für die
Stadtentwicklung zu nutzen. Da die Art und
Weise, wie der Untergrund der jeweiligen
Stadt genutzt wird, variiert, muss die Forschung interdisziplinär sein und sowohl physikalische wie sozialwissenschaftliche Ansätze einschließen.
Die Bauplanung des Untergrunds ist demnach ein zentrales Thema der „Smart City“Forschung und muss ebenfalls in Bürgerbeteiligungen diskutiert werden.
Arbeiten und Einkaufen unter der Stadt
Die Stadt unter der Stadt bietet eine Möglichkeit, „verstopfte urbane Zentren“ zu entlasten.
Huanqing Li (Schweizer Technische Hochschule Lausanne (EPFL)) verweist in seinem
CORP-Beitrag auf eine Modellrechnung, die
am Beispiel Paris einen deutlichen Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdichte und
unterirdisch verbautem Raumvolumen aufzeigt. Je mehr Menschen sich im urbanen
Lebensraum drängen, desto mehr Infrastruktur - vom Parkraum bis zu Geschäftsflächen verschwindet unter der Erde.
Modellbeispiele für Städte unter der Stadt
sind etwa das „RESO“ bzw. „Ville interieure“
und der „PATH“ in den kanadischen Metropolen Montreal und Toronto. Bei beiden handelt
es sich um Systeme von kilometerlangen
Tunneln, die Geschäfts- und Freizeitflächen
miteinander bzw. mit dem öffentlichen Verkehrsnetz über Gehwege verbinden.
Mit dem Bau der „Ville interieure“ („Inneren
Stadt“) wurde bereits 1962 begonnen. Die
Bezeichnung „RESO“ lehnt sich phonetisch
an das französische Wort „reseau“ („Netz“)
an. Das Tunnelsystem hat eine Gesamtlänge
von insgesamt rund 30 Kilometern. In
Abb. 1: New Yorks Untergrund
33
Andreas Stein
SR 108
Abb. 2: Einkaufspassage in der „Ville interieure“
in Montreal
Toronto sind durch die Untergrundstadt
„PATH“ (engl. für „Weg“) gut 50 Gebäude
miteinander verbunden. Auf über 370.000
Quadratmetern finden sich rund 1.200 Geschäfte und Dienstleister, knapp 5.000 Menschen arbeiten im unterirdischen Toronto. Die
ersten Tunnel wurden in Toronto bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts gegraben. Die
Idee dahinter war laut Stadtverwaltung ein
„sicherer Hafen gegen die Kälte im Winter
und die Hitze im Sommer“.
Abb. 3: Die aufgelassene Mine - der Ort des
künftigen Luxushotels / Zukunftsvision
steckt laut Plan knapp über 550 Mio. Dollar
(über 420 Mio. Euro) in das Projekt.
Wohnen unter der Stadt
Neben diesen Wartungs- und Infrastrukturprojekten soll auch Arbeits- und Wohnraum
unter der Erde Platz finden.
Bauen in die Tiefe ist zwar technisch aufwendig und deshalb teuer, trotzdem reizt das
Thema offensichtlich auch Architekten und
Designer sehr. In der Nähe von Schanghai
erfolgte erst vor kurzem der Spatenstich für
ein Luxushotel in einer offengelassenen
Bergwerksgrube. Das Fünfsternehotel „Intercontinental Shimao Shanghai Wonderland“
mit 380 Zimmern wird nach Entwürfen des
britischen Designunternehmens Atkins mit 16
Etagen in die Tiefe gebaut. Der Eigentümer,
die chinesische Shimao Property Group,
34
Ein solches Bauprojekt ist schon ehrgeizig
wenn man es auf der „grünen Wiese“ realisiert. Muss dieses Projekt dann aber in eine
bestehende Stadt integriert werden, sind verständliche Visualisierungen und Bürgerbeteiligungen unumgänglich.
Nutzungskonflikte
Der urbane Untergrund wird bereits heute
von vielen Interessensgruppen beansprucht.
Neben Infrastruktur, Wasser- und Stromversorgung sowie Ressourcengewinnung sind
Bauprojekte wie die unterirdische Transportalternative von CargoCap Anwärter für unterirdischen Raum.
SR108
Smart City Cloud für Bürgerbeteiligung
Idee der Bürgerbeteiligung. Es sind demnach
viele Vorbereitungen zu treffen, um die Entwicklung einer Stadt und deren unterirdischer
Projekte auch zukünftig verfolgen zu können.
 Ein 3D-Stadtmodell muss mit bestehenden
Untergrundinformationen
angereichert
werden um bessere Entscheidungen für
zukünftige Projekte zu ermöglichen.
Abb. 4: CargoCap - Gütertransport im
Ballungsraum
Während parallel dazu einige Gebäude ohne
Bedarf an Tageslicht, wie zum Beispiel Kino
und Theater, lediglich mit höheren Kosten im
Untergrund gebaut werden können, gibt es
andere Projekte, die sich unterirdisch nur
sehr schwer oder gar nicht realisieren lassen.
Kommt an dieser Stelle noch die potentielle
Nutzung für unterirdischen Wohnraum ins
Spiel, wird der Untergrund einer Stadt sehr
schnell unübersichtlich.
Smart City Cloud für Bürgerbeteiligung
und Optimierung der Nutzung des Untergrunds
Durch dieses „Wachsen in die Tiefe“ werden
auch neue Technologien, wie die Smart City
Cloud beeinflusst. Smart City Cloud ist eine
Möglichkeit das Internet of Things mit vorhandenen Cloud Technologien und Smart Cities zu verbinden. Diese Kombination erleichtert die Planung von Bauprojekten durch Minimierung
des
Konfliktpotentials
und
verspricht daher Bürgerbeteiligungen mit höherer Akzeptanz durchzuführen.
Bislang ist es allerdings bereits eine Herausforderung dem Bürger, die dreidimensionale
Welt anschaulich und verständlich darzustellen. Hierzu kommen noch Informationen und
Plandaten für Projekte im Untergrund und die
 Bereitstellung einer Beteiligungsplattform
zur Ausschöpfung aller möglichen Informationsquellen, um die Stadt intelligenter
zu machen und dadurch die Beteiligten
bereits vor Beginn des Planungsprozess in
die Entscheidungsfindung mit einzubeziehen. Diese Plattform ermöglicht einen direkten Austausch von Bürgern, Dienstleistern und Projektverantwortlichen.
 Eine klare Regelung und Gesetzgebung
im Rahmen der landesweiten Vorgaben,
um Raum für unterirdische Projekte zu
schaffen.
Eine Smart City Cloud konzentriert sich dabei
vor allem auf den zweiten Punkt indem Sie
folgende Dinge bereitstellt:
I.
Eine Smart City-Infrastruktur mit der Möglichkeit viele Informationen aus Millionen
von Geräten und Menschen zu verarbeiten. Speicherkapazität und Rechenleistung müssen eine Analyse in Echtzeit ermöglichen.
II.
eine Reihe von Werkzeugen auf Plattformebene zur Erleichterung von Analysen
und Controlling-Vorgängen.
III.
den sicheren Datenzugriff auf die anonymisierten Daten und verschiedene Verarbeitungsmechanismen, die große Datenmengen aus heterogenen Quellen in Echtzeit verarbeiten kann.
IV.
Innovative Anwendungen für Feldversuche
mit anschließender Auswertung.
35
Andreas Stein
Durch die Bereitstellung dieser Systeme und
Technologien innerhalb der Cloud werden
auch die Vorteile einer Cloud genutzt. Die
Leistung der Cloud steht auf Abruf bereit,
was bedeutet, dass im Zeitraum einer Bürgerbeteiligung die Leistung bereitsteht, und
außerhalb dieses Zeitraums die Kosten eingespart werden.
Die stark heterogene Beanspruchung des
Untergrundes für verschiedene Vorhaben
und den daraus resultierenden, meist irreversiblen Auswirkungen werden künftig vermehrt
zu Nutzungskonflikten und finanziellem
Mehraufwand führen. Das langfristige Ziel einer Smart City Cloud ist daher die direkte und
36
SR 108
indirekte Einbindung aller Beteiligten (zum
Beispiel in Form von Bürgerbeteiligungen)
umso eine ganzheitliche Koordination aller
Ansprüche an den Untergrund aufzunehmen
und auszuwerten und dadurch Projekte zielgerichteter und mit geringerem finanziellen
Aufwand durchzuführen.
Andreas Stein, M.Sc., ist Mitarbeiter am
Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD in Darmstadt;
[email protected]
Baden-Württemberg vierdimensional
Berthold Klauser, Manfred Gültlinger
Das Erheben und Bereitstellen aktueller und
qualitätsgesicherter Geobasisinformationen
sind nach dem Vermessungsgesetz für Baden-Württemberg die wesentlichen Aufgaben
der staatlichen Vermessungsverwaltung. Seit
rund 200 Jahren werden durch amtliche Vermessungen kontinuierlich die Flurstückseinteilung und die tatsächlichen Verhältnisse am
Grund und Boden im Liegenschaftskataster
sowie die Erscheinungsformen der Landschaft nach Gestalt und Nutzung und deren
Veränderungen durch die Topographie und
Kartographie in einheitlichen Bezugssystemen dokumentiert. Seit Beginn der elektronischen Datenverarbeitung werden diese sogenannten Geobasisinformationen in maschinenverarbeitbaren, digitalen Modellen geführt
und den Nutzern zur Verfügung gestellt.
Diese Daten gilt es einerseits laufend zu aktualisieren und bedarfsorientiert weiter zu
entwickeln. Andererseits gewinnt die Nutzung
„historischer“, d.h. nicht nur aktueller Geobasisdaten zunehmend an Bedeutung, um darauf – in Kombination mit unterschiedlichen
Fachinformationen – Monitoringverfahren
aufzubauen.
Die Entwicklung und performante Bereitstellung von Geobasisdaten in Zeitreihen sowie
die automatisierte Detektion der Landschaftsobjekte und Landschaftsveränderungen (change detection) sind Zukunftsaufgaben und stellen eine große Herausforderung
nicht nur für das Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg (LGL) sondern auch für die Soft- und
Hardwareentwicklung dar.
Im Folgenden wird – ausgehend von den aktuell im Amtlichen Topographisch-Kartographischen Informationssystem (ATKIS®)
geführten topographischen Modellen – das
Entwicklungs- und Nutzungspotential der
landschaftsbeschreibenden
Geobasisinformationen aufgezeigt.
1 Zweidimensionale Landschaftsmodelle
Digitale Landschaftsmodelle (DLM) beschreiben die Landnutzung sowie die Erscheinungsformen und Sachverhalte der Erdoberfläche durch topographische Grundrissobjekte in zweidimensionalen Situationsmodellen.
Die objektstrukturierten Vektordaten beinhalten punktförmige Elemente (z.B. Türme), linienförmige Landschaftsstrukturen (z.B. Verkehrswege) sowie flächenförmige Landschaftselemente (z.B. Siedlungsgebiete, Vegetations- oder Wasserflächen). Die Eigenschaften der Objekte werden durch Attribute
(z.B. Straßenklassifizierung, Art der Vegetation), Namen und Relationen noch detaillierter
beschrieben. Die Objektarten und deren Eigenschaften sind bundeseinheitlich im
ATKIS®-Objektartenkatalog
(ATKIS®-OK)
festgelegt.
Die amtlichen digitalen Landschaftsmodelle
werden in unterschiedlichen Detaillierungsgraden geführt. Den höchsten Detaillierungsgrad besitzt das ATKIS®-Basis-DLM. Mit automatischen Verfahren, bei denen semantische und geometrische Generalisierungen
durchgeführt werden, werden aus dem fein
strukturierten ATKIS®-Basis-DLM das gröber
37
Berthold Klauser, Manfred Gültlinger
SR 108
strukturierte ATKIS®-DLM50 sowie weitere
DLM abgeleitet.
gen Objekts hinreichend präsentieren (DIN
18709-1).
Die Lagegenauigkeit der DLM beträgt für die
wesentlichen linearen Objekte (Straßenachsen, Fahrbahnachsen, Bahnstrecken und
Gewässerachsen) ± 3m.
Bei digitalen Geländemodellen sind dies in
der Regel Gitterstrukturen, die eng genug
sind, um das Gelände ausreichend genau zu
beschreiben.
Das ATKIS®-Basis-DLM steht in BadenWürttemberg seit 1997 landesweit zur Verfügung und wird seither ständig aktualisiert und
inhaltlich erweitert.
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird meist
der Begriff 3D-Modelle verwendet, obwohl die
Landschaftsformen nur in einer 2,5 D-Datenstruktur abgebildet werden, d.h. jeder Lagekoordinate wird nur ein Höhenwert zugeordnet.
Die DLM bilden die Grundlage für Geoinformationssysteme (GIS), für weitere raumbezogene Fachinformationssysteme sowie für
die Fertigung analoger und digitaler topographischer Karten (DTK), die zusätzlich das
Relief aus dem Digitalen Geländemodell
(DGM) in Form von Höhenlinien und singulären Höhenpunkten enthalten.
Digitale Geländemodelle (DGM) modellieren
die reine Erdoberfläche ohne Bauwerke und
Vegetation. Künstliche Objekte sind nur dann
Bestandteil des DGM wenn sie landschaftsprägend sind und die ursprüngliche Geländeform ersetzen (z.B. Dämme, erdbedeckte
Wasserbehälter oder militärische Anlagen).
Digitale Oberflächenmodelle (DOM) modellieren die Landschaft einschließlich Vegetation,
Bauwerke und sonstiger Objekte.
Beide Höhenmodelle werden entsprechend
der jeweiligen konkreten Aufgabenstellung
eingesetzt, das DGM z.B. in der Wasserwirtschaft, beim Verkehrswegebau und für unterschiedlichste Planungsvorhaben, das DOM
beispielsweise für Simulationen von Emissionen/Immissionen (z.B. Lärm, Funkausstrahlung) oder der Nutzung regenerativer Energien (Windkraft, Solarenergie, Biomasse
u.a.).
Abb. 1: ATKIS®-Basis-DLM, Innenstadt Karlsruhe
2 Dreidimensionale Höhenmodelle
Unter digitalen Höhenmodellen versteht man
die Menge der digital gespeicherten Höhen
von regelmäßig oder unregelmäßig verteilten
Punkten, die die Höhenstruktur eines beliebi-
38
2.1 Digitales Höhenmodell 1989
Mit dem digitalen Höhenmodell (DHM BW)
des damaligen Landesvermessungsamts
stand in Baden-Württemberg ab 1989 der
erste digitale Datenbestand zur Beschreibung
der Geländeform in einer Gitterweite von 50
SR108
m zur Verfügung. Als Datengrundlage dienten Höhenprofile, die aus stereoskopischen
Luftbildern der Jahre 1972 bis 1981 ermittelt
wurden. Teilweise ist in dichten Waldgebieten
die Vegetationsoberfläche modelliert. Die
Höhengenauigkeit des DHM liegt in stetigem
Gelände bei ca. 2 – 3 m. In topographisch
schwierigem Gelände sind größere Abweichungen möglich. Eine Fortführung des DHM
erfolgte nicht.
Baden-Württemberg vierdimensional
Die Daten der first-pulse-Aufzeichnung bildeten die Grundlage zur Ableitung eines DOM
mit einer Gitterweite von 5 m. Diese Punktwolke wurde nur automatisch klassifiziert und
nicht manuell nachbearbeitet. Das landesweite DOM steht seit 2009 zur Verfügung.
2.2 Digitales Geländemodell 2008,
Digitales Oberflächenmodell 2009
Die qualitativen Mängel des DHM BW führten
im Jahr 1999 zu dem Beschluss, für die gesamte Landesfläche von Baden-Württemberg
ein neues DGM einzurichten. Als erstes Bundesland der Bundesrepublik Deutschland
entschied sich Baden-Württemberg für die
Datenerfassung der ca. 36.000 km² mit dem
Verfahren des Airborne Laserscanning. Die
Befliegungen fanden in den Wintermonaten
der Jahre 2000 – 2005 statt. Die Datenerfassung erfolgte in einer Punktdichte von ca. einem Punkt pro m² und der Aufzeichnung der
ersten und letzten Reflexion (first-pulse, lastpulse).
Durch die automatische und interaktive Klassifizierung der Aufnahmepunktwolke, d.h. die
Unterscheidung der Punkte, welche die Geländeoberfläche repräsentieren (Bodenpunkte), von den übrigen Punkten (NichtBodenpunkte), wurde eine „bereinigte Bodenpunktwolke“ erzeugt und daraus das
endgültige DGM-Gitter mit einer Gitterweite
von 1m interpoliert. Die Höhengenauigkeit
liegt im Durchschnitt bei 0,1 bis 0,2 m in Gebieten mit ausreichender Abdeckung durch
Bodenpunkte. Die Einrichtung des landesweiten Laserscan-DGM wurde 2008 abgeschlossen.
Abb.2: Laserscanbefliegung, DGM, DOM
3 Aktualisierung der topographischen
Modelle
Das Basis-DLM und die daraus abgeleiteten
weiteren DLM werden kontinuierlich aktualisiert. Als Datengrundlagen dienen – neben
Änderungsinformationen der Veränderungsverursacher (z.B. Kommunen, Straßenbau)
39
Berthold Klauser, Manfred Gültlinger
und Vor-Ort-Erhebungen zur spitzenaktuellen
Fortführung – vor allem die Digitalen Orthophotos (DOP, maßstäbliche, georeferenzierte
Luftbilder), derzeit mit einer Bodenauflösung
von 20 cm x 20 cm. Bereits seit dem Jahr
1968 führte das damalige Landesvermessungsamt flächendeckend für Baden-Württemberg Bildflüge im Sommer im 5-JahresTurnus durch. Das LGL setzte diese Befliegungen seit dem Jahr 2009 im 3-JahresTurnus fort.
Durch die Weiterentwicklung der digitalen
Bildverarbeitungsverfahren erfuhr die Nutzung stereoskopischer Luftbilder zur Ableitung von 3D-Informationen eine Renaissance. Die Datengrundlage zur Aktualisierung des Laser-DGM bilden deshalb
überwiegend stereoskopische Luftbilder aus
flächendeckenden (unbelaubten) Frühjahrsbefliegungen der Jahre 2011 – 2014 in einer
Bodenauflösung von 10 cm. Ab 2015 finden
10cm-Frühjahrsbildflüge lokal und bedarfsorientiert statt. Als weitere Datenerfassungsmethoden werden lokal Airborne-Laserscanbefliegungen, Bildflüge mit Unmanned
Aerial Systems (UAS) und das terrestrische
Laserscanverfahren (TLS) eingesetzt.
Statt einer lokalen Aktualisierung des LaserDOM plant das LGL, als neues Produkt ein
bildbasiertes DOM einzuführen, das aus den
dreijährigen zyklischen Sommerbildflügen
(s.o.) abgeleitet wird. Die Aktualisierung erfolgt dann großflächig durch Neuberechnung
für den gesamten Block einer Jahresbefliegung.
4 Objektstrukturierte 3D-Modelle
Die existierenden 3D-Modelle DGM und
DOM modellieren die Landschaft nur undifferenziert mittels Rasterpunkte. Für eine reali-
40
SR 108
tätsnahe Darstellung der Landschaft und für
eine automationsgestützte Weiterverarbeitung der dreidimensionalen Informationen ist
jedoch eine strukturierte, differenzierte und
klassifizierte Modellierung der Landschaftsobjekte erforderlich. Die Entwicklung automatisierter Verfahren der Objekterkennung aus
Geobasisinformationen
unterschiedlicher
Formate (Raster-, Vektordaten) und die Überführung in neue semantische, attributierte
Vektordaten ist in Ansätzen bereits realisiert,
stellt aber eine große Herausforderung an
künftige Softwareentwicklungen dar.
4.1 3D-Gebäudemodelle
Mit der Einrichtung landesweiter dreidimensionaler Gebäudemodelle begann das LGL
mit dem Aufbau der objektstrukturierten dreidimensionalen Landschaftsmodellierung. Die
3D-Gebäudemodelle beschreiben jedes einzelne Gebäude eindeutig nach Lage und
Form und können bedarfsgerecht durch weitere fachliche Attribute ergänzt werden.
Die Vermessungsverwaltungen der Länder
der Bundesrepublik Deutschland (AdV) haben sich darauf verständigt, möglichst ab
dem Jahr 2013 bundesweit einheitlich 3DGebäudemodelle im Detaillierungsgrad LoD1
(Level of Detail, Klötzchenmodell) bereitzustellen. Die Einrichtung dreidimensionaler
Gebäudemodelle im Detaillierungsgrad LoD2
(Standarddachformen) ist mittelfristig vorgesehen.
Das LGL hat sich aufgrund der flächendeckend vorliegenden dreidimensionalen Basisinformationen primär die Erzeugung von
LoD2-Gebäudemodellen zum Ziel gesetzt.
Gebäudemodelle im Standard LoD1 können
daraus bei Bedarf abgeleitet werden.
SR108
Als Datengrundlage dienen die Gebäudegrundrisse des Liegenschaftskatasters, die
3D-Punktwolken der landesweiten Laserscanbefliegung und der stereoskopischen
10 cm-Luftbilder für die Ableitung der Gebäudeformen und das (aktualisierte) DGM als
Geländebezug.
Defizite im Gebäudebestand des Liegenschaftskatasters sollen durch automatisierte
Verfahren der Veränderungsdetektion erkannt und durch zeitnahe Gebäudeaufnahmen für das Liegenschaftskataster beseitigt
werden.
Baden-Württemberg vierdimensional
Seit Ende 2013 stehen automatisch produzierte, „vorläufige“ 3D-Gebäudemodelle mit
noch reduzierter Aktualität und Qualität zur
Verfügung. Daraus können landesweit LoD1Gebäudemodelle abgeleitet und die Forderungen der AdV erfüllt werden.
Seit 2014 wird, ebenfalls durch automatisierte
Verfahren, die Aktualität und Qualität deutlich
verbessert. Die abschließende interaktive
Nachbearbeitung, mit dem Ziel eines endgültigen, vollständigen LoD2-Datenbestands, erfolgt sukzessive nach Bedarf.
Bereits
existierende,
kommunale
3DGebäudedaten sollen, soweit sie die erforderlichen Standards erfüllen, in den Datenbestand des LGL integriert werden, um so den
Nutzern flächendeckend einen einheitlichen,
aktuellen und qualitativ hochwertigen 3DGebäudedatenbestand bereitstellen zu können.
3D-Gebäudemodelle bilden die Grundlage für
eine Vielzahl von Anwendungen, von denen
hier nur einige exemplarisch erwähnt werden
sollen:
 3D-Visualisierung, Sichtbarkeitsanalysen
 Anschauliche, realitätsnahe Grundlage für
Bürgerpartizipation und politische Entscheidungen
 Stadt- und Bauleitplanung
 Baugenehmigungsverfahren (digitaler
Bauantrag in 3D)
Abb. 3: 3D-Gebäudemodelle LoD1, LoD2
 Energiepotenzial- und Energiebedarfsanalysen
Die Produktion landesweiter 3D-Gebäudemodelle LoD2 für ca. 6 Millionen Gebäude erfolgt nach einem dreigliedrigen Stufenplan,
wobei sukzessive die Qualität und Aktualität
gesteigert wird.
 Ausbreitungsanalysen für Schadstoffe,
Lärm, Funkwellen
 Sozioökonomische Untersuchungen
 Versicherungs-, Immobilien-, und Finanzwesen
41
Berthold Klauser, Manfred Gültlinger
 Innere Sicherheit, Risikovorsorge, Katastrophenmanagement
 Tourismus
Ein großer Vorteil der Gebäudemodelldaten
besteht in der Flexibilität für den Anwender,
der die Daten des LGL als „Grundgerüst“
nutzen und z.B. durch die Erweiterung mit eigenen fachlichen Attributen auf seine speziellen Nutzung anpassen kann.
4.2 3D-Landschaftsmodelle
Die dreidimensionale Klassifizierung der
Landschaft in ähnlicher Weise wie die zweidimensionale Objektstrukturierung der Landnutzung in den DLM und eine weitgehende
Integration der derzeit getrennt geführten
zweidimensionalen und dreidimensionalen
Modelle stellen die Zukunft der Landschaftsmodellierung und -präsentation dar.
Mit der Einrichtung der 3D-Gebäudemodelle
begann das LGL mit der objektstrukturierten
dreidimensionalen Modellierung der Landschaft.
Als weitere Landschaftselemente sollen beispielsweise die Vegetation in unterschiedli-
42Abb. 4: Dreidimensionale Objektklassifizierung
SR 108
chen Höhenstufen und Vegetationsarten,
Bauwerke wie Brücken oder wasserwirtschaftlich relevante Objekte aber auch Infrastruktureinrichtungen der Energiewirtschaft
dreidimensional modelliert werden. Darüber
hinaus bedarf auch die reine Geländeoberfläche einer Differenzierung durch dreidimensionale Strukturelemente wie Kanten, Rücken- oder Muldenlinien zur Modellierung von
Böschungen, Dämmen, Bachläufen u.a.
Objektstrukturierte
3D-Landschaftsmodelle
finden als Basisdatenbestand zunehmend Interesse in der Forst- und Landwirtschaft, z.B.
für die Ermittlung von Biomasse, bei der
Wertermittlung in Flurneuordnungsverfahren,
bei landwirtschaftlichen Subventionskontrollen, für Streuobstkartierungen, aber auch für
Sichtbarkeitsanalysen, Verschattungssimulationen, Freiraumüberwachung oberirdischer
Stromleitungen, Analysen unterschiedlicher
Emissionen und Immissionen, im Tourismus
u.v.m. Ergänzt durch eigene Fachinformationen der Anwender entstehen damit Datengrundlagen für völlig neue Methoden der
Analyse, Simulation, Planung und Durchführung sowie der Visualisierung von Projekten
mit der notwendigen Öffentlichkeitsarbeit,
Bürgerbeteiligung und Präsentation in politi-
SR108
Baden-Württemberg vierdimensional
schen Gremien.
 Entwicklung des ländlichen Raums
Die Kompatibilität bzw. Integration der zweiund dreidimensionalen Geobasisdaten ist anzustreben. Aufgrund unterschiedlicher Modellierungsansätze wird kurzfristig eine vollständige Zusammenführung der Datenbestände
nicht möglich sein (linien- und punktförmige
Objekte im DLM versus Volumenkörper in
den 3D-Modellen).
 Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur
5 Vierdimensionale Modelle
 Naturschutz
„Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu
verurteilt sie, zu wiederholen“. Dieses Zitat
des spanischen Philosophen George Santayana (1863 – 1952) macht im übertragenen
Sinne deutlich, dass für zukunftsweisende
Planungen und Vorhaben die Kenntnis der
historischen Entwicklung unverzichtbar ist.
Dies gilt in besonderem Maße auch für sämtliche Veränderungen in der Landschaft und
Natur durch anthropogene Einflüsse und natürliche Ereignisse.
 Tourismus
Zur Dokumentation von Veränderungen der
Landschaft im Zusammenhang mit natürlichen, ökonomischen, ökologischen und soziologischen Veränderungen ist deshalb die
Entwicklung und Bereitstellung multitemporaler Geobasisinformationen in Zeitreihen notwendig. Darauf aufbauend sind künftige Entwicklungen zielorientiert, nachhaltig und umweltschonend zu planen und zu realisieren.
Auch hier lässt sich eine Fülle potentieller
Anwendungen skizzieren:
 Natürliche Landschaftsveränderungen
durch Erosion, Wasserlaufveränderungen,
Vegetationswandel, Klimaveränderungen
 Veränderungen in der Land- und Forstwirtschaft
 Monitoring von Flurneuordnungsverfahren
insbesondere bezüglich Erhaltung des
ökologischen Mehrwerts
 Energiewirtschaft, Nutzung alternativer
Energien
 Dorf- und Stadtentwicklung unter Berücksichtigung der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung und des demographischen
Wandels, Stadt- bzw. Landflucht
 Forschung und Wissenschaft
 Rechtsgutachten, Wertermittlung, Finanzund Immobilienwirtschaft
 Deformationsanalysen
 Kampfmittelbeseitigung, Katastrophenschutz
 u.v.m.
5.1 Zeitreihen, Veränderungsdetektion,
Monitoring
Geoinformationen in Zeitreihen existieren
derzeit überwiegend in Form analoger historischer Kartenwerke und Luftbilder. Digitale
Karten und Luftbilder in Zeitreihen werden
nur vereinzelt lokal, auch über Web-Anwendungen (z.B. in sog. „BürgerGIS“), präsentiert.
 Entwicklung von Ballungszentren mit
Auswirkungen auf die Siedlungsstrukturen
43
Berthold Klauser, Manfred Gültlinger
SR 108
Abb. 5: Schwarzwald bei Baden-Baden, 1995, 2000 (nach Sturm „Lothar“), 2014
Dreidimensionale Landschaftsveränderungen werden fast nur in konkreten Einzelfällen
dokumentiert, z.B. bei Baumaßnahmen,
Erdmassenberechnungen in Flurneuordnungsverfahren oder Volumenberechungen
für Deponieanlagen.
Die Einrichtung von Zeitreihen darf jedoch
nicht lokal beschränkt bleiben sondern muss
auch für großräumige und langfristige Entwicklungen nutzbar sein. Die zwei- und dreidimensionalen Geobasisinformationen – in
Form von Rasterdaten (z.B. DOP, DTK), Gitterstrukturen (z.B. DGM, DOM) und objektstrukturierten Vektordaten (z.B. DLM, 3DGebäudemodelle) – ergänzt durch Metadaten
– sind so aufzubereiten und bereitzustellen,
dass daraus mit automatisierten Verfahren
Veränderungen detektiert werden können
(change detection). Diese Veränderungsdetektion ist wiederum Voraussetzung für die
Entwicklung mittel- und langfristiger Monitoringverfahren.
Für den konkreten Fall der Erkennung von
Defiziten im Gebäudebestand des Liegenschaftskatasters zur Produktion der 3D-Gebäudemodelle sind kurzfristig automatisierte
Verfahren zur Veränderungsdetektion einzurichten.
44
Letztlich sind aber sämtliche Entwicklungen
am Bedarf der Nutzer zu orientieren. Geobasisinformationen in Zeitreihen und die Ergebnisse der Veränderungsdetektion eröffnen
den Nutzern die Möglichkeit, sich die für den
konkreten Bedarf notwendigen Daten individuell selbst zusammenzustellen, frei nach
dem Motto: 4DoD = 4D-Modelle on demand.
Als einige wenige Beispiele für bereits existierende Anwendungen seien hier die Dorfund Stadtentwicklung, der Nachweis der
landwirtschaftlichen Nutzung, die Abgrenzung sogenannter Hebungsglocken nach
Geothermiebohrungen, die Überwachung von
Geländeveränderungen bei Baumaßnahmen,
die Entwicklung des landschaftsprägenden
Streuobstbestands, die Kampfmittelbeseitigung oder der Aufbau eines Monitoringverfahrens für den Nationalpark Schwarzwald
genannt.
5.2 Ressourcen, Infrastruktur
Die Einrichtung von Zeitreihen, Veränderungsdetektionen und Monitoringverfahren
erfordert die Nutzung aller vorhandenen Ressourcen, die Erschließung weiterer Datenquellen und den Aufbau einer performanten
Infrastruktur. Dazu sind intelligente Verfahren
SR108
Baden-Württemberg vierdimensional
Abb. 6: Relief der Schnellbahnstrecke „Rheintal“, vor Ausbau, nach Ausbau, Veränderung
für das gesamte Datenmanagement (Datenerhebung, Produktion, Datenhaltung und bereitstellung) zu entwickeln.
Als Datengrundlage sind alle existierenden
digitalen Geobasisinformationen zu nutzen,
sowohl rasterbasierte Bilddaten als auch gitterstrukturierte 3D-Modelle und semantische
Vektordaten.
Die Methoden der Datenerfassung werden
beim LGL nach technischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten laufend weiterentwickelt. Etablierte Verfahren wie großflächige
Bild- und Laserscanbefliegungen werden
durch weitere Erfassungsmethoden wie terrestrisches
Laserscanning
und
UASBefliegungen für kleinräumige Gebiete ergänzt.
Die Nutzung unterschiedlicher Satellitensysteme, sowohl optische als auch Radarsysteme, werden an Bedeutung deutlich zunehmen. Die Daten des Copernicussystems
werden u.a. für die Detektion von Veränderungen eine wesentliche Rolle spielen. Hochaufgelöste, multispektrale und multitemporale
Satellitenbilddaten werden sich langfristig in
den Vermessungsverwaltungen etablieren.
In seiner Rolle als Kompetenzzentrum für
Fernerkundung und für photogrammetrische
Dienstleistungen erhebt und bündelt das LGL
den Bedarf an Fernerkundungs- und
Photogrammetrieprodukten für den öffentlichen Bereich in Baden-Württemberg. Dazu
zählt auch das Bemühen um die Übernahme
vorhandener, qualitätsgesicherter Daten öffentlicher Institutionen in den Datenbestand
des LGL. Dadurch werden kostenintensive
Mehrfachbefliegungen und -auswertungen
reduziert.
Zusätzlich zu der kontinuierlichen Erfassung
aktueller, digitaler Daten wird auch die Digitalisierung historischer, analoger Vorlagen wie
z.B. der Luftbilder zur Kampfmittelbeseitigung
notwendig werden.
In der Datenverarbeitung sind die existierenden Prozessketten zur Erzeugung der Standardprodukte um Module zur automatisierten
Objekterkennung, Modellierung und Veränderungsdetektion zu erweitern. Zur Steigerung
der Effektivität ist der Automationsanteil in
der Datenverarbeitung zu erhöhen. Dazu sind
die einzelnen Produktionsschritte neu zu
strukturieren und in steuerbare, weitgehend
automatisiert ablaufende Prozessketten zu
integrieren. Die Datenhaltung ist für die Histo-
45
Berthold Klauser, Manfred Gültlinger
rienverwaltung in Zeitreihen weiter zu entwickeln. Neben der Software ist auch die
Hardware den neuen Anforderungen anzupassen. In der Produktionsumgebung des
LGL werden, durch das auf ministerieller
Ebene angelegte Projekt „GeoIT BW“, noch
in 2015 die notwendigen Speicher- und
Rechnerkapazitäten geschaffen.
Eine weitere Herausforderung stellt die Bereitstellung der Produkte für die Nutzer dar.
Die neuen Produkte sind in die Vertriebswege zu integrieren und die Bereitstellung der
Daten über web-Anwendungen und die
performante Visualisierung und Präsentation
der dreidimensionalen Daten und Veränderungen in entsprechenden online-Viewern zu
realisieren.
Zukunftsaufgaben erfordern nicht nur eine
optimale Datengrundlage und eine performante Produktionsinfrastruktur sondern auch
hochqualifiziertes und engagiertes Personal.
Hier ist die Politik gefordert, die notwendigen
Voraussetzungen zu schaffen und einen zukunftsfähigen Altersaufbau des Personals im
LGL zu gewährleisten.
6 Fazit und Ausblick
Der Bedarf an objektstrukturierten dreidimensionalen Landschaftsmodellen, an der Detek-
46
SR 108
tion von Landschaftsveränderungen und an
Geobasisinformationen in Zeitreihen als
Grundlage für vielfältige Monitoringverfahren
wird bereits kurzfristig deutlich zunehmen.
Dies ist nur durch die Nutzung sämtlicher Methoden der Datenerfassung, durch die Erhöhung des Automationsanteils und die Neustrukturierung der Prozessketten in der Produktion sowie durch eine performante
Haltung, Bereitstellung und Präsentation der
Produkte erreichbar. Dazu sind weitere Investitionen in die Produktionsinfrastruktur und
die Entwicklung intelligenter Verfahren für die
Datenprozessierung und das gesamte Datenmanagement erforderlich.
Das LGL wird als moderner öffentlicher
Dienstleister diese Herausforderungen annehmen und die amtlichen Geobasisinformationen entsprechend dem Bedarf der Nutzer
und der Gesellschaft weiter entwickeln, stets
mit dem Ziel, die Wirtschaftlichkeit im gesamten öffentlichen Bereich des Landes BadenWürttemberg zu steigern.
Berthold Klauser und Manfred Gültlinger,
Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg, Karlsruhe;
[email protected]
[email protected]
Geovisualisierung in der Landespolizei
Dietmar Class
1 Wie alles begann
Fachliche Anforderungen
2011 und in den Jahren davor stand die Polizei Baden-Württemberg vor der Herausforderung, ein kostenfreies Geoinformationssystem zu beschaffen. Dies scheint zunächst in
sich ein Widerspruch zu sein oder wenigstens kein leichtes Unterfangen, aber – wie
sich inzwischen gezeigt hat – war es nicht
unmöglich.
Spezielle Fachanforderungen bestimmte bis
2011 die Umsetzung von technischen Vorhaben. Im Fall des Geoinformationssystems
ging es um ein allgemeines Angebot – für alle
in der Polizei Baden-Württemberg Beschäftigten. Es sollte sich um eine Anwendung
handeln, mit der die Karten und Luftbilder des
Landesamts für Geoinformation und Landentwicklung (LGL) von jeder Polizeidienststelle aus abgerufen werden können. Die Karten
und Luftbilder bezog die Polizei bereits seit
Jahren über die Generalvereinbarung Geo-
47
Dietmar Class
basisdaten. Mit dem Abruf der Karten und
Luftbilder über eine Adresssuche sollte es
den Kolleginnen und Kollegen ermöglicht
werden, die Karten und Luftbilder aufzurufen,
einzusehen, auszuschneiden und mit dem
Copyright-Vermerk für ihre polizeilichen Berichte zu exportieren.
Rahmenbedingungen
Die bisherigen Versuche, eine solche zentrale technische Lösung für eine Anwenderzahl
zu finden, die sich im 5-stelligen Bereich bewegt, scheiterten an den Lizenzkosten oder
an den gesetzten Rahmenbedingungen der
(netz-)technischen Infrastruktur. Hinzu kam
der Anspruch, dass das Geoinformationssystem im gesicherten Intranet der Polizei lauffähig sein sollte. Es sollte keine Abhängigkeit
zu Dritten bestehen, damit die Polizei unmittelbaren Zugriff auf die Server hat und den
Einfluss auf die Verfügbarkeit der angebotenen Services behält.
2 Eingesetzte Technik / Architektur
Architektur
Der Geo-Karten-Viewer.web verwendet auf
der Clientseite das Silverlight-Plugin. Für die
Kartenabfragen wird ein seitens des PTLS
Pol
programmierter
Web-Map-Service
(WMS)-Dienst eingesetzt. Die Datenbankabfragen werden von einem Microsoft SQLServer beantwortet. Die Hauptlast einer zentralen Geoanwendung liegt natürlich immer
auf der Komponente, die die Kartenanfragen
beantwortet, dem WMS.
48
SR 108
Das Silverlight-Plugin
Eine richtig tolle Erfindung von Microsoft ist
das Silverlight-Browser-Plugin. Während bei
einer normalen Webanwendung durch die
Userinteraktionen die Last durch die zahlreichen GET- und POST-Anfragen auf dem
Webserver liegt, wird bei einer SilverlightAnwendung die Last auf die Clients verteilt.
Nach dem Download einer – im Falle des
Geo-Karten-Viewers.web ca. 600 KB großen
xap-Datei – läuft die weitere Ausführung der
Anwendung vollständig im Client ab. Externe
Daten werden dem Plugin dabei über den
WMS-Dienst (für die Karten-) und über den
WFS-Dienst (für die Datenbankabfragen) zugeführt. Die Usability ist für den Anwender
dabei vergleichbar mit einer Windows-Anwendung, weil Funktionen ohne Postbacks
erlebt werden. Das Silverlight-Plugin ist sehr
leistungsfähig, was GUI-Aktionen betrifft. Bei
einer normalen Webanwendung muss wesentlich mehr Know-how in die clientseitig
vom Browser nativ unterstützten Techniken
investiert werden, und die Lauffähigkeit hängt
dann zusätzlich noch von der Browser-Version ab. Im Falle einer Silverlight-Anwendung
muss hingegen – egal bei welcher Browserversion – „nur“ das Silverlight-Plugin installiert sein. Und das Gute am Silverlight-Plugin
ist auch: Die Netzlast wird nach dem Laden
der xap-Datei nur noch durch die Karten- und
Datenbankabfragen bestimmt. Es werden
wieder keine Layoutinformationen transportiert. Silverlight eignet sich hervorragend für
den Einsatz in einer kontrollierten Umgebung.
Mit dem Intranet der Polizei besteht eine solche kontrollierte Umgebung, in der Software
nur gemäß einer vorgegebenen Landeskonfiguration eingesetzt werden darf. Im Gegensatz zu den Lösungsansätzen anderer Softwarehersteller, bei denen teilweise vor jeder
Usersession Anwendungskomponenten von
SR108
Geovisualisierung in der Landespolizei
einem Server heruntergeladen und auf dem
Client (ggf. aufwendig) installiert werden
müssen, muss bei einer Silverlight-Anwendung nur (einmalig) und für alle Nutzer des
Clients, das Silverlight-Plugin installiert werden. Später beim Download der xap-Datei für
die konkrete Usersession muss keine Installation erfolgen. Das verringert zum einen das
Warten des Anwenders bis er mit der Anwendung arbeiten kann, zum anderen wird
damit aus hiesiger Sicht den Ansprüchen einer IT-Sicherheit besser Rechnung getragen.
Der Geo-Karten-Viewer.web verwendet das
Silverlight-Plugin in der letzten Version 5. Die
Applikation wurde mit Visual Studio
2012/2013 erstellt.
Bild nach ca. einer Sekunde neu auf. Der
WMS liefert in stufenloser Einstellung alle
(Realitäts)-Ausschnitte in jeder angeforderten
Kartenbreite und -höhe. Es wird dabei (immer) die Bildkomprimierung .jpeg eingesetzt
um Netzbandbreite zu sparen. Die Geokoordinaten des Bildausschnitts der Ecke unten
links und oben rechts erfolgen (immer) in
dem Koordinatensystem, das dem Kartenwerk zugrunde liegt. Damit kann ohne Koordinatentransformation der angeforderte Kartenausschnitt sofort erstellt werden.
Der Web-Map-Service wurde durch das
PTLS Pol programmiert und setzt auf
ASP.NET und dem .NET-Framework 4.5.1
auf. Er wurde mit Visual Studio 2013 erstellt
und orientiert sich dabei an den OGCStandards, ist jedoch darüber hinaus auf Performance und die Anfragen aus dem Plugin
getrimmt, weil die Last der Applikation fast
ausschließlich auf dieser Komponente liegt.
Als WMS-Server wird ein Windows-Server
2012-R2 (Datacenter-Edition) mit 4 CPU und
8 GB Arbeitsspeicher eingesetzt. Zusätzlich
zur Basisinstallation wurden ausschließlich
die Internet-Information-Services (IIS) installiert.
Web-Feature-Service (WFS)
Asynchrone Dateizugriffe mit .NET-Framework 4.5.1 und „wait“ sowie „async“ sorgen
dafür, dass die Kacheln parallel bzw. gleichzeitig und nicht nacheinander geladen werden. Dies verkürzt die Ladezeiten und die
vom Anwender angeforderte Karte kann so
schneller an den Client zurückgegeben werden.
Wird durch den Anwender die Karte im Plugin
mit Drag und Drop verschoben, baut sich das
Die Laufwerke mit den Kartenkacheln sind direkt in das Dateisystem gemountet.
Alle (Sach-)Daten, die vom Plugin abgerufen
werden, sind auf einem Microsoft SQL-Server
(Standard-Edition) gespeichert. Es wird aktuell noch Microsoft SQL-Server 2008R2 eingesetzt. Es könnte aber auch problemlos die
Migration auf eine höhere SQL-Server-Version erfolgen. Der Datenbankserver ist ein
Microsoft Windows-Server in der Version
2008R2 mit 4 CPU und 8 GB Arbeitsspeicher. Alle Datenbankabfragen werden über
XML an das Plugin zurückgegeben. Der IISWebserver holt vom Datenbankserver die
Daten, packt sie in eine xml-Datei und gibt
die xml-Datei an das Plugin zurück.
Koordinatentransformationen
Es wird die GeoDLL von Killetsoft eingesetzt
(64-bit-Version). Die GeoDLL ist in einer
ASP.NET-WebForm eingebunden. Beim Aufruf der WebForm werden die übergebenen
Koordinaten transformiert und das Ergebnis
wird als xml-Datei an den Client zurückgegeben. Eine Koordinatentransformation erfolgt
49
Dietmar Class
beim Wechsel des Kartenwerks (z. B. Luftbild
zu OpenStreetMap).
Skalierung
Der WMS-Dienst, die Webserverkomponente
für den WFS-Dienst und die Komponente zur
Transformation von Geokoordinaten werden
aktuell auf einem Server betrieben. Um die
Anwendung weiter zu skalieren, könnten diese Komponenten getrennt werden. Eine zusätzliche Skalierung wäre darüber hinaus
möglich, wenn zwei WMS-Dienste eingesetzt
werden und z. B. programmseitig vom Plugin
aus die WMS-Dienste abwechseln abgefragt
werden.
In der Applikation kann über eine Auswahl
festgelegt werden, wie groß das Kartenfenster sein soll und wie viel Netztraffic damit erzeugt wird.
SR 108
Datenbestand. OpenStreetMap liefert ein
grenzüberschreitendes einheitliches Kartenlayout in allen Maßstäben. Deutschland wird
bis zum Maßstab 1:4 000 angeboten und alle
an Deutschland angrenzenden Länder bis
zum Maßstab 1:8 000.
Alkis-Testdaten
Seit einem halben Jahr ist auch ein Testbestand an Flurstücksgrenzen und -nummern
abrufbar. Der Testbestand umfasst mit ca.
400 GB und 50 Millionen Dateien den Bereich von Baden-Württemberg. Die Kacheln
sind für verschiedene Zoomstufen vorgerendert. Die Daten wurden vom LGL bezogen.
4 Funktionsumfang
Alle von einem gängigen Geoinformationssystem erwarteten Funktionen wurden umgesetzt.
3 Verfügbare Kartenwerke
Karten und Luftbilder des Landesamts für
Geoinformation und Landentwicklung
(LGL)
Es werden ca. 180 GB an Karten und Luftbildern des Landesamts für Geoinformation und
Landentwicklung vorgehalten. Der Datenbestand umfasst hierbei Baden-Württemberg.
Die Luftbilder liegen im Format .jpg vor und
haben eine Bodenauflösung von 20 cm. Der
gesamte Luftbildbestand umfasst ca. 150 GB.
Es werden die Maßstäbe 1:10 000, 1:25 000,
1:100 000 und 1:100 000 als Straßennetzknotenkarte angeboten.
OpenStreetMap
Weitere ca. 150 GB OpenStreetMap-Karten
(über 20 Millionen Kacheln) ergänzen den
50
Kartenhandling / Navigation
Die Karte kann mit gedrückter linker Maustaste (Drag und Drop) verschoben werden.
Die angeklickte Position wird mit Doppelklick
vergrößert. Mit Klick auf die rechte Maustaste
wird rausgezoomt. Ein stufenloses Zoomen
ist möglich.
Der Wechsel des Kartenwerkes erfolgt über
ein DropDown.
SR108
Geovisualisierung in der Landespolizei
 Geokoordinaten in WGS 84 geodezimal
und Gauß-Krüger
120.000 Point Of Interest sind in der Karte
einblendbar.
Eigene Layer
Es kann so direkt von einem Luftbild in die
OpenStreetMap-Karte gewechselt werden.
Dabei wird automatisch die aktuelle Position
in das andere Koordinatensystem transformiert. Die Flurstücksgrenzen und -nummern
sind mit und ohne Luftbild einsehbar.
Suche / Adressen
Es können alle Adressen
Württemberg gesucht werden.
in
Eigene Layer können erstellt werden, indem
Positionsangaben auf der Karte mit Punkt
und Textinformationen gespeichert werden.
Die so gespeicherten Informationen können
aus einer Datei zu einem späteren Zeitpunkt
wieder eingelesen werden. Linien, Pfeile und
Textinformationen können in einer eigenen
Funktion auf der Karte aufgebracht und ebenfalls in einer Datei gespeichert werden.
Baden-
Folgende weitere Suchen sind möglich:
 Straßen und einige Hausnummern von
Straßen aus anderen Bundesländern in
Deutschland
 Kommunen in Deutschland
51
Dietmar Class
Weiterverarbeitung / Export
Auf der Karte kann mit gedrückter linker
Maustaste ein Rechteck aufgezogen und der
so markierte Bereich ausgeschnitten werden.
Alle ausgeschnittenen Kartenbereiche enthalten das jeweilige Copyright. Alle Karten und
(-ausschnitte) können mit ihren Layerinformationen als jpg-Datei gespeichert werden.
Für die Weiterverarbeitung wird die angeklickte Position in einem Textfeld angezeigt
und kann von Anwendern mit Copy und Paste entnommen werden. Die aktuelle Position
bzw. Karte wird als Link angezeigt und kann
von Anwendern mit Copy und Paste z. B. in
eine E-Mail eingefügt werden. Der Empfän-
52
SR 108
ger der E-Mail klickt auf den Link, der GeoKarten-Viewer.web wird geladen und zeigt
die entsprechende Karte bzw. Position an.
Auch die Streckenmessung ist möglich.
SR108
Kreise BW
Die Grenzverläufe aller Kreise von BadenWürttemberg und Polizeipräsidien können mit
und ohne Kartenhintergrund angezeigt werden.
Geovisualisierung in der Landespolizei
Insgesamt wirkt der Geo-Karten-Viewer.web
aufgeräumt, nicht überfrachtet und versteckt
keine Funktionen in auf- oder zuklappbaren
Navbars. Alle Hauptfunktionen sind mit einem
Klick erreichbar.
Hilfe
Durch Anklicken der Hilfefragezeichen an der
jeweiligen Funktion öffnet sich eine benutzerfreundliche Hilfe.
53
Dietmar Class
5 Offline-Version
Der Geo-Karten-Viewer wird auch als OfflineVersion angeboten.
Es handelt sich dabei um eine Wpf-Anwendung, die mit dem .NET-Framework 4.0 und
Visual Studio 2010/2012/2013 programmiert
wurde. Es wird die GeoDLL von Killetsoft als
32bit-Version eingesetzt.
Alle Adressen von Baden-Württemberg und
Straßen von Deutschland werden in einer ca.
230 MB großen Access-Datenbank vorgehalten. Die Kartenwerke des LGL und OpenStreetMap (ohne Flurstücksgrenzen und
-nummern) werden in TrueCrypt-Containern
verschiedener Größen und Kartenbestand/Volumen gespeichert. Durch die TrueCryptContainer kann die Vielzahl der kleinen Einzeldateien als Container-Gesamtdatei schnel-
54
SR 108
ler kopiert werden. Die Container werden automatisch beim Start der Anwendung eingebunden.
Zusätzliche Funktionen
Die Offline-Version umfasst weitere Funktionen wie z. B. den Export großflächiger Kartenbereiche, die auch mehrere 100 MB groß
sein können, für den späteren Ausdruck mit
einem Plotter. Die GeoDLL gestattet es zur
Laufzeit, Transformationen ohne erkennbare
Performanceeinbußen durchzuführen. Ebenfalls sind zur Laufzeit eine schwarz-weißUmschaltung und Dimmung für die Kartenanzeige möglich. Zwei Kartenwerke können nebeneinander in einer sogenannten Dualansicht betrachtet werden. Dabei besteht die
Möglichkeit beide Ansichten gekoppelt und
SR108
synchronisiert oder ohne Koppelung anzuzeigen.
Die Nutzung eines GPS-Empfängers ist möglich.
Geovisualisierung in der Landespolizei
Dietmar Class, Präsidium Technik, Logistik,
Service der Polizei (PTLS-Pol), Stuttgart; ‚
E-Mail: [email protected]
55
Vorbereitung und Umsetzung von THW-Einsätzen national, grenzüberschreitend und international, bei Hochwasser sowie Schutz kritischer
Infrastrukturen auf Basis von Geodaten
Albrecht Broemme
Das THW
Die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk
(THW) ist die Einsatzorganisation der Bundesrepublik Deutschland im Bevölkerungsschutz. Sie gehört zum Geschäftsbereich des
Bundesministers des Innern und besteht aus
bundesweit rund 80.000 ehrenamtlichen Angehörigen sowie 800 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Anteil der
freiwillig Engagierten liegt bei 99 Prozent. Die
ehrenamtlichen Kräfte leisten bei Not- und
Unglücksfällen technische Hilfe und sind
deutschlandweit in 668 Ortsverbänden organisiert. Mit technischem Fachwissen und
Spezialgerät ist das THW ein kompetenter
Partner für Feuerwehr, Polizei und andere
Hilfsorganisationen in Deutschland, Europa
und weltweit. Darüber hinaus ist das THW
Teil des deutschen Beitrags im Katastrophenschutzverfahren der Europäischen Union und leistet im internationalen Bereich
technisch-humanitäre Hilfe. In den vergangenen sechs Jahrzehnten war das THW weltweit in mehr als 130 Ländern bei humanitärer
Soforthilfe und Hilfsprojekten im Einsatz.
Gesetzlicher Auftrag des THW ist der Zivilschutz und die Katastrophenhilfe. Im Ausland
leistet das THW technische Hilfe im Auftrag
der Bundesregierung. Im Inland leistet das
THW technische Hilfe bei Katastrophen, öffentlichen Notständen und größeren Unglücksfällen auf Anforderung der zuständigen
Stellen. Insbesondere bei Hochwassern oder
bei Schäden an kritischer Infrastruktur arbeitet das THW eng mit den Ländern als Träger
des Katastrophenschutzes sowie mit den
56
Kreisen und kreisfreien Städten als Träger ihrer Feuerwehren zusammen.
Einsatzoptionen
Das THW bietet eine Vielzahl von komplexen
Einsatzoptionen in den Bereichen Fachberatung, Bergung, Ortung, Aufbau von Infrastruktur, Elektroversorgung, Logistik, Brückenbau, Führung und Kommunikation,
Pumpen, Wassergefahren, Sprengen, Beleuchtung und Trinkwasseraufbereitung. Für
den weltweiten Einsatz hält das THW Einsatzmodule vor. Diese sind auf den kurzfristigen und autarken Einsatz ausgerichtet. Insbesondere in den Bereichen Bergung
(Schnell-Einsatz-Einheit-Bergung-Ausland,
SEEBA),
Schnell-Einsatz-Einheit-Wasser
Ausland, SEEWA), Pumpen (High Capacity
Pumping, HCP), Bereitstellung von Unterkünften (Emergency Temporary shelter,
ETS), Führungsunterstützung (Technical Assistance Support Team, TAST) und Fachberatung (Experten).
Zusammenarbeit
Zur Sicherstellung der Versorgung mit aktuellen, sicheren und verlässlichen Geodaten kooperiert das THW mit verschiedenen anderen
Behörden und Organisationen in Deutschland. So stellt das Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG) dem THW alle
Geodaten kostenlos zur Verfügung. Das Amt
für Militärisches Geowesen stellt dem THW
ebenfalls Geodaten zur Verfügung. Für den
SR108
Bezug von aktuellen Geodaten, insbesondere
von Satellitenbildern, greift das THW auf das
Zentrum für Kriseninformation (ZKI) des
Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt
(DLR) zurück. Hier werden auch die entsprechenden Aufnahmen ausgewertet und für das
THW aufbereitet.
In internationalen Krisensituationen werden
Satellitenbilder durch das COPERNICUS
Emergency Management Service der EU
KOM bereitgestellt.
Unterscheidung „tägliche“ und
„komplexe“ Einsatzlage
Beim täglichen Einsatzgeschehen handelt es
sich zumeist um ein örtliches konkretes
Schadenereignis, dessen Vorhersage in der
Regel schwer bis gar nicht möglich war. Dieses örtliche Schadenereignis ist meist einfach
zu erfassen und die daraus resultierende Be-
Vorbereitung und Umsetzung von THW auf Basis von Geodaten
drohung für Leib, Leben oder Sachwerte entsprechend. Für diese Art der Herausforderung ist zur Lagebeurteilung und -bewältigung meist keine Bereitstellung von Geodaten notwendig. Die augenscheinliche Bewertung der Einsatzleitung vor Ort, ggf. durch
Unterstützung anderer Techniken (Wärmebild, Ortungstechnik), reicht zumeist aus.
Bei komplexer Lage, bei der der Einsatz
meist immer eine gewisse Vorlaufzeit hat, treten Kombinationen von Bedrohungen auf.
Ein Unwetter führt zu Sturmschäden in der
Folge zu Hochwasser und ggf. zu kaskadierenden Störungen in Infrastrukturen (Strom,
Verkehr, usw.). Hier sind schon bei der Entstehung der Gesamtsituation Geodaten zur
Vorhersage und zur Einsatzvorbereitung von
extrem hoher Bedeutung. Bei der direkten
Schadenbekämpfung sind aufgrund der komplexen Einsatzlage und aufgrund der Vielzahl
von betroffenen Schutzgüter Geodaten eben-
57
Albrecht Broemme
falls unerlässlich. Bei der nachfolgenden
Schadenbewältigung sind Geodaten zur
Identifizierung der Betroffenheit, insbesondere von kritischer Infrastruktur und urbaner
Strukturen, sehr hilfreich für den richtigen und
zielgerichteten Einsatz von Hilfeleistungspotenzialen. In der Folge des Erdbebens in Haiti
konnten z.B. durch die Auswertung von alten
und neuen Satellitenbildern definiert werden,
welche Strukturen wie stark von Zerstörung
betroffen waren. Die Lage ist durch die Einsatzleitung in diesen Situationen vor Ort nicht
mehr erfassbar und muss strukturiert zusammengeführt werden.
Nutzung von Geodaten im THW
Die tägliche Nutzung von Geodaten findet im
THW durch die Arbeit mit topografischen Karten und ggf. von Ortophotos statt. Auf diesen
Karten wird die Einsatzlage mit Hilfe von taktischen Zeichen dargestellt. Diese Form der
58
SR 108
Abbildung ist jedoch eine abstrakte Abbildung
der Wirklichkeit und entspricht nicht einer
Echtzeitdarstellung. Sie ist jedoch vielfach
geübt, bewährt und einfach verständlich.
Diese Form kann durch Ortophotos oder andere Geodaten oder Zusatzinformationen ergänzt werden. In einem zweiten Schritt können mit Hilfe von vergleichenden Aufnahmen
Änderungen z.B. auf Satellitenbildern erkannt
werden.
In einem letzten Schritt kann diese Kartendarstellung mit Detailaufnahmen oder großflächigen Bildern von Erdbeobachtungssystemen, die aufgrund von speziellen Anforderungen aufbereitet wurden, ergänzt werden.
Hierbei sind z.B. die Markierung von überfluteten Flächen oder die Markierung von entsprechender Infrastruktur hilfreich.
SR108
Vorbereitung und Umsetzung von THW auf Basis von Geodaten
Das THW hat diese Möglichkeit der gezielten
Auswertung von Satellitenbildern schon
mehrfach genutzt. So wurden von Seiten des
ZKI Bilder der Flüchtlingscamps in Jordanien
aufgenommen und die überfluteten Bereiche
markiert. Zudem erfolgt die Planung der jeweils erforderlichen Exit-Strategie aufgrund
von Satellitenbildern.
Beispiel GDACS 251400Mar15
Durch die automatische Georeferenzierung
der Informationen entsteht so eine Übersichtskarte mit allen aktuellen Naturkatastrophen auf der Welt. Auch erfolgt hier eine automatische Klassifizierung der Katastrophen.
Beispiel ZKI Überflutung Camp in Jordanien
Bei internationalen Hilfeersuchen bedarf es
erst einmal der Information, dass es zu einem
Schadensereignis gekommen ist. Hierfür
nutzt das THW das „Global Disaster Alert und
Coordination
System“
(GDACS:
http://www.gdacs.org). Es ist eine Kooperationsplattform der Vereinten Nationen, der
EU-Kommission als auch der Bevölkerungsschutzbehörden und -einrichtungen weltweit.
Hier werden insbesondere die zu Beginn eines Einsatzes notwendigen Rahmendaten
zwischen den verschiedenen internationalen
Partnern ausgetauscht.
Neben der öffentlich verfügbaren Karte gibt
es mit dem „Virtual On-Site Operations
Command
Center“
(VOSOCC:
https://vosocc.unocha.org) noch einen geschützten Bereich in dem weitere Informationen zwischen den im Bevölkerungsschutz
und der Katastrophenhilfe tätigen Behörden
und Organisationen ausgetauscht werden
können.
Darüber hinaus werden öffentliche verfügbarer Kartendienste genutzt, um sich einen weiteren Überblick über die betroffene Region zu
verschaffen.
Die in diesen Diensten integrierte Funktion,
eigene Karten zu erstellen, wird für die Aufbereitung allgemeiner Lageinformationen genutzt. Durch die Nutzung von öffentlich zugänglichen Systemen besteht die Möglichkeit, Informationen auch über die eigene Behörde hinweg mit anderen Stellen – vor allem
auch international – auszutauschen.
59
Albrecht Broemme
SR 108
Beispiel: Flugzeugabsturz 4U9525
Durch das entsprechende Rechtesystem
können nicht nur Informationen in der THWLeitung, sondern auch durch die Einsatzkräfte vor Ort oder durch unsere Partner einfach
integriert werden.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Auswertung verschiedener
Geodaten und deren Kombination hilft, eine
komplexe Lage möglichst umfassend zu beurteilen.
60
Geodaten welche eine frühzeitige und möglichst konkrete Beobachtung des Wetters zulassen in Kombination mit weiteren Geodaten
(z.B. Kartenmaterial/Satellitenbilder) ermöglichen eine bessere Prävention, als auch eine
bessere lageangepasste und unmittelbare
Einsatzvorbereitung.
Albrecht Broemme ist Präsident der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk THW,
Bonn.
Geobasiertes Leerstandsmanagement am Beispiel
Bischofsheim a.d. Rhön
Gunter Schramm
1 Leerstandsmanagement als Instrument
zur Potentialaktivierung1
Sämtliche Arten der Flächennutzungen, Infrastrukturen und Gebäude im Siedlungsbereich unterliegen Nutzungszyklen. Deren
Persistenz sowie die Abfolge von In-WertSetzung, Bestand, Entwertung, Auflassung
und Wiedernutzung hängen von zahlreichen
Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren
ab. Zu nennen sind hier beispielsweise die
Standortqualität, das Wechselspiel zwischen
Angebot und Nachfrage sowie Vorbelastungen. Den unterschiedlichen Bedingungen
entsprechend differieren diese Zyklen in regionaler, lokaler und bisweilen sogar kleinräumiger Perspektive – beispielsweise einzelner
Städte. Resultat ist ein Mosaik von in zeitlicher Perspektive unterschiedlich marktgängiger Flächennutzungen, die sowohl ein Potential als auch ein Hemmnis der Stadtentwicklung darstellen können. Ist die Reduzierung
der Flächeninanspruchnahme in den peripheren Gebieten zu Gunsten der Innenentwicklung Ziel von Politik und Planung, bedarf es
eines systematischen und zielgerichteten
Leerstandsmanagements.
Der Vielfalt unterschiedlicher Flächennutzungen entsprechend umfasst der Begriff Leerstand unterschiedliche Dimensionen. Dieser
lässt sich von ungenutzten oder nicht vermieteten Gebäuden oder Flächen in privatem
oder öffentlichem Eigentum, leerstehende
1
Vgl. Nachhaltiges Flächenmanagement – Ein
Handbuch für die Praxis. Ergebnisse aus der
REFINA-Forschung, Stephanie Bock, Ajo Hinzen und Jens Libbe (Hrsg.), Difu, Berlin 2011.
Gebäuden, über teilbewohnten – oder –
genutzten Gebäuden, bis hin zu Baulücken
und Althofstellen differenzieren.
2 Zielsetzungen
Grundsätzliches Ziel des Projektes Flächenmanagements ist es, auf der Grundlage einer
ausführlichen Bestandserhebung Bauinteressierte in und außerhalb der Region in die
Ortskerne und bestehenden Baugebiete zu
lenken, den Leerständen in den Innenorten
zu begegnen und ein investitionsfreundliches
Klima für Sanierungs- und Baumaßnahmen
zu schaffen.
Voraussetzung zur Zielerreichung und erste
Aufgabe stellt die Bewusstseinsbildung und
Sensibilisierung für die Thematik „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ dar. Einwohner, Gewerbetreibende, Eigentümer und
die städtische Verwaltung gleichermaßen
sind die Akteure, deren Wahrnehmung und
Bewertung der Situation vor Ort entscheidend
für die Durchführung eines solchen Projektes
sind.
Dabei gilt es, von der Aktivierung um der Aktivierung willen Abstand zu nehmen. Sachorientierte Entscheidungen sollten die Basis der
Entwicklung darstellen und können durchaus
gestalterische und innovative Ansätze bis hin
zur Aufgabe einer bestimmten Nutzung zu
Gunsten einer anderen umfassen.
Gerade vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und dessen Auswirkungen
auf das Anforderungsprofil sämtlicher Nutzungen sind die angedachten Aktivierungen
61
Gunter Schramm
bzw. Veränderungen in einen großräumigeren Gesamtzusammenhang einzubetten. So
kann oftmals eine effektivere Nutzung der
kommunalen Infrastruktur erreicht werden.
Dennoch darf die individuelle Betrachtung eines jeden Potentials im Lichte der der spezifischen Gegebenheiten vor Ort keinesfalls
vernachlässigt werden.
3 Vorgehensweise
Leerstandsmanagement
Die konkrete Durchführung der Aufgabe Flächenmanagement muss sich nach den jeweiligen Gegebenheiten richten. Verschiedene
Voraussetzungen und Rahmenbedingungen
in Regionen, Städten und Gemeinden erfordern darauf abgestimmte Herangehensweisen. Unter anderem haben die personelle
Ausstattung, technische Möglichkeiten, Organisations- und Zuständigkeitsregelungen
sowie bestimmte Abläufe Einfluss auf die jeweilige Vorgehensweise. Einige Bausteine
haben sich jedoch basierend auf zahlreichen
Projekterfahrungen als notwendig und zielführend erwiesen.
3.1 Erhebung der Grunddaten
Grundvoraussetzung für ein effizientes Flächenmanagement ist die Kenntnis über die
im räumlichen Bezugsrahmen vorhandenen
Flächenpotentiale. Dieser Bezugsrahmen differiert je nach Problemstellung und Zielsetzung und kann beispielsweise nur den
Hauptort, die Kernbereiche aber auch alle
Ortsteile einer Kommune umfassen.
Die vorhandenen Potentiale reichen von den
im Bestand vorhandenen Potentialen für die
Innenentwicklung bis zu den vorhandenen
bzw. planerisch ausgewiesenen Erweiterungspotentialen. Dies umfasst Baulücken,
Brachflächen, mindergenutzte Grundstücke
62
SR 108
(bspw. geringfügig bebaute Flurstücke) sowie
auch in absehbarer Zeit freiwerdende Flächen. Als sehr hilfreich hat sich die Erfassung
mittels eines DV-gestützten geographischen
Informationssystem erwiesen, welches verschiedenen Dienststellen – von der Planung
bis zur Wirtschaftsförderung – und den politischen Entscheidungsträgern zur Verfügung
stehen sollte.
Dabei untergliedert sich die Erhebung der
Grunddaten in mehrere Einzelschritte. Zunächst wurde auf rein EDV-technischer Basis
die Erfassung von Baulücken, Leerständen
und Leerstandsrisiken mit den hierfür zur
Verfügung stehenden Softwarelösungen
durch die bearbeitenden Büros vorgenommen und in die jeweiligen Systeme der
Kommunen eingepflegt. Die Erfassung der
Baulücken erfolgte durch die Analyse der
Luftbilder in Verbindung mit der des Flächennutzungsplans, während anhand der Auswertung der Bevölkerungsdaten Leerstände
und Leerstandsgefährdungen identifiziert
wurden (keine gemeldeten Einwohner =
Leerstand; nur ältere Einwohner > 75 Jahre =
Leerstandsgefährdung). Diese Daten wurden
kartographisch dergestalt umgesetzt, dass
eine Visualisierung der FlächenmanagementDaten auf der Ebene der einzelnen Ortsteile
machbar war. Diese kartographische Darstellung ermöglicht im Bedarfsfall eine mehrfache Spiegelung und Diskussion der Ergebnisse zwischen Verwaltung, Politik und den
bearbeitenden Planungsbüros (siehe unten).
3.2 Überprüfung, Spezifizierung und Visualisierung der erhobenen Daten
Die Überprüfung und Spezifizierung der Daten wurde mittels eines zweistufigen Verfahrens vollzogen. Zum einen erfolgte diese
durch Ortskundige, in der Regel handelte es
sich dabei um Mitglieder der kommunalen
SR108
Geobasiertes Leerstandsmanagement am Beispiel Bischofsheim a.d. Rhön
Verwaltung. Die praktische Erfahrung zeigt,
dass bei diesem Arbeitsschritt je nach Umfang der Ortskenntnis auf eine Begehung der
Objekte größtenteils verzichten werden und
die Arbeit am PC oder Schreibtisch durchgeführt werden kann. Zum anderen wurde jedes
als Entwicklungspotential eingestufte Flurstück durch die bearbeitenden Büros im
Rahmen einer Ortsbegehung überprüft, bewertet und fotodokumentiert.
Beide Schritte sind für die Qualität der
erhobenen Daten als unverzichtbar einzustufen, da sie Unterschiedliches leisten können
und jedes Potential aus verschiedener
Perspektive beleuchtet wird. Jedoch gilt es in
diesem Kontext vor diversen Fallstricken
gefeit zu sein. So haben die Ortskundigen
Einfluss auf Umfang und Detailschärfe der
Daten, weshalb vorher umfassend über Sinn
und Zweck des Flächenmanagements
informiert und eine fachliche Schulung
durchgeführt
werden
sollte
(Stichwort
„Sensibilisierung“). Bei kommunalen Allianzen lassen sich Unterschiede in der
Bewertung der einzelnen Potentiale durch die
verschiedenen Mitarbeiter nicht vermeiden,
jedoch sollten diese so gering wie möglich
gehalten werden.
Grundsätzlich wird in den gängigen Flächenmanagementdatenbanken nach den Kategorien Baulücke, Wohngebäuden, Hofstellen, Infrastruktureinrichtungen, Wirtschaftsgebäuden am Ortsrand leerstehend und
Gewerbeflächen unterschieden. Hierauf aufbauend erfolgt die weitere Spezifizierung der
einzelnen Potentiale nach folgenden Kategorien:






Baulücke klassisch
Geringfügig bebautes Grundstück
Gewerbebrache
Gewerbebrache mit Restnutzung
Hofstelle leerstehend
Hofstelle mit Restnutzung




Hofstelle ohne Hofnachfolger
Infrastruktureinrichtung leerstehend
Konversionsfläche
Wirtschaftsgebäude am Ortsrand leerstehend
 Wohngebäude leerstehend
 Wohngebäude mit Leerstandsrisiko
Anhand dieser Aufstellung wird deutlich, warum ein möglichst gleichlautendes Verständnis der einzelnen Mitarbeiter und Ortskundigen in den Kommunen im Interesse der Datenqualität gesichert werden sollte. Mittels
der Visualisierung der erhobenen Potentiale
kann auf einem einfachen Wege ein Überblick über die erhobenen Potentiale gegeben
werden. Die Überprüfung der Daten, die thematische Sensibilisierung und die Analyse
der Situation werden so ermöglicht:
3.3 Durchführung der schriftlichen Eigentümerbefragung
Nach der Erhebung der Grunddaten und der
im Anschluss stattfindenden Überprüfung und
Spezifizierung stellt die Befragung der Eigentümer den nächsten Schritt im Rahmen des
Leerstandsmanagements dar. Differenziert
nach den drei übergeordneten Zielkategorien
Baulücke, Leerstand und Leerstandsrisiko
wurden die Eigentümer angeschrieben und
bezüglich verschiedener Aspekte befragt.
Von besonderem Interesse bezüglich einer
möglichen Aktivierung sind hier Informationen
über die Verkaufsbereitschaft sowie über den
vorhandenen Beratungsbedarf. Die entsprechenden Rückläufe wurden in die jeweiligen
Datenbanken der Kommunen eingearbeitet
und in der weiteren Bearbeitung berücksichtigt.
63
Gunter Schramm
64
SR 108
SR108
Geobasiertes Leerstandsmanagement am Beispiel Bischofsheim a.d. Rhön
Selbstverständlich nehmen vor allem die Eigentümer vor Ort eine wichtige Rolle ein, will
man die Aktivierung vorhandener Potentiale
befördern. Um Verständnis und Sensibilität
zu wecken, bietet sich die gezielte Information über Sinn und Zweck eines Flächenmanagements mittels eines flankierenden Flyers
an. Auch besteht die Möglichkeit zur allge-
meinen Öffentlichkeitsarbeit, sollte aber im
Interesser der Wahrnehmung nicht überbordende Ausmaße annehmen.
Zielführend ist weiterhin die begleitende Unterstützung der Eigentümerbefragung durch
gezielte Öffentlichkeitsarbeit in der örtlichen
Presse und dem Amtsblatt sowie die Nennung eines Ansprechpartners in der Kommu-
65
Gunter Schramm
ne oder dem Landkreis, der bei aufkommenden Fragen rund um die Befragung kompetent Auskunft erteilen kann.
Als Ergebnis der nun abgeschlossenen Datenerhebung erfolgt die Auswertung der erhobenen Daten, wie nachfolgend am Beispiel
der Stadt Bischofsheim ersichtlich wird (s.
vorhergehende Seite)
SR 108
3.5 Zeitplan
Der zeitliche Ablauf zur Etablierung einer
Flächenmanagementdatenbank erfordert in
der Regel in folgenden Rahmen:
Voraussetzung für eine solche zeitliche Umsetzung ist allerdings die stringente Zuarbeit
durch die Kommune sowie eine kontinuierlich
abgestimmte Kooperation hinsichtlich Datenübermittlung und Schulung.
3.4 Maßnahmen- und Projektentwicklung
Aus diesen Arbeiten resultierend läutet die
Entwicklung von in einer Gesamtstrategie
eingebetteten Maßnahmen und Projekten die
Umsetzungsphase des Leerstandsmanagements ein. Die nach Prioritäten eingeordneten Projekte werden den Kommunen zur Bearbeitung und Diskussion vorgelegt und stellen auf der Basis enger Kooperation und
Abstimmung die Arbeitsgrundlage weiterführender Schritte dar (Maßnahmenplanbeispiele sowie Einzelfallbeispiel siehe vorhergehende Seite).
66
3.6 Zum Umgang mit den Kommunen
Interesse der Verstetigung des Leerstandsmanagements und der Datenqualität spielt
die Zusammenarbeit mit den Kommunen eine
fundamentale Rolle. In der Praxis wurde die
Betreuung daher in mehrfacher Weise gewährleistet.
Zum einen erfolgte eine Erstschulung der zuständigen Bearbeiter bei der Erstaufnahme
bzw. Anlage der notwendigen Stammdaten
der innerörtlichen Bereiche, Brachflächen
und Baulücken. Je nach gewählter Flächenmanagementdatenbank unterscheiden sich
Komplexität und Anwendungsbreite und damit auch die Dauer der Einarbeitungszeit.
SR108
Geobasiertes Leerstandsmanagement am Beispiel Bischofsheim a.d. Rhön
Zum anderen erfolgten je nach Arbeitsschritt
weitere Schulungseinheiten und Beratung der
Mitarbeiter in den kommunalen Verwaltungen. Erhebung, Datenbankaufbau und Eigentümerbefragung stellen teils spezifische Anforderungen und müssen in enger Kooperation mit den Kommunen erfolgen. Nur so kann
die Qualität der Daten gewährleistet werden
und ist daher als unbedingte Handlungsvorgabe zu verstehen.
Als zielführend und in der Praxis wertvoll hat
sich dabei die Schulung von zwei Verwaltungsmitarbeitern in der Flächenmanagementdatenbank erwiesen, um die Kontinuität
der Bearbeitung in jedem Fall sicher zu stellen.
4 Verstetigung, Umsetzung und
Monitoring2
Die Umsetzung und Realisierung der entwickelten Maßnahmen und Projekte sowie die
Verstetigung stellt im Anschluss an die Einrichtung des Leerstandsmanagements den
nächsten und entscheidenden Schritt dar.
Aufgabe der Kommune bzw. der zuständigen
Stelle ist die kontinuierliche Aktualisierung
der Datenbank und Verwertung der erhobenen Daten. Hierfür ist aus der Praxiserfahrung die Schaffung klarer Zuständigkeiten eine unbedingte Voraussetzung.
Mit Blick auf die verfolgten quantitativen und
qualitativen flächenpolitischen Ziele lässt sich
der Zielerreichungsgrad anhand der erfolgten
Flächenmobilisierung feststellen und überprüfen. Mittels Monitoring und nachfolgender Berichterstattung in periodischer Form wird zum
einen der Entwicklungsstand erfasst, zum
2
anderen sind so Transparenz und Beteiligung
der Akteure gewährleistet. Finden sich Abweichungen in Bezug auf die gesetzten Ziele,
sind mögliche Ursachen, Rahmenbedingungen und Auswirkungen sorgfältig zu reflektieren und analysieren. Die sich für das Leerstandsmanagement ergebenden Schlussfolgerungen sind wiederum in den politischen
Raum zu kommunizieren.
Die unterschiedlichen Phasen der Nutzungszyklen bestimmter Flächen laufen dabei
gleichzeitig ab. Während beispielsweise erfolgreich vermarktete Flächen wieder in den
nächsten Nutzungszyklus eintreten, befinden
sich andere noch in der Phase der In-WertSetzung, der Zwischennutzung oder Renaturierung. Andererseits kommen neu aufgelassene Flächen und Gebäude infolge fortschreitenden strukturellen und demographischem Wandels dem Flächenpool wiederum
hinzu. Angesichts der wahrscheinlich veränderten Angebotsseite (Zusammensetzung
des kommunalen Flächenpools) und der veränderten Nachfrageseite (veränderte Marktbedingungen, Preise) beziehungsweise anderer sonstiger Rahmenbedingungen (neue
Instrumente und/oder Akteure) und flächenpolitischer Zielvorgaben müssen Flächenmanagementstrategie und Maßnahmen kritisch
geprüft werden. Gegebenenfalls muss eine
Anpassung erfolgen, allerdings bedürfen
substantielle Änderungen freilich der politischen Beschlussfassung und Kommunikation
in der Öffentlichkeit. Überhaupt sollte der gesamte Prozess des Flächenmanagements
durch Kommunikationsprozesse unterstützt
und begleitet werden.
Gunter Schramm M.A., Büro PLANWERK
Stadtentwicklung | Stadtmarketing | Verkehr,
Nürnberg, [email protected]
Vgl. Nachhaltiges Flächenmanagement – Ein
Handbuch für die Praxis. Ergebnisse aus der
REFINA-Forschung, Stephanie Bock, Ajo Hinzen und Jens Libbe (Hrsg.), Difu, Berlin 2011.
67
Nutzung offener kommunaler Geodaten innerhalb einer Geodateninfrastruktur am Beispiel einer Routing- und Navigationslösung für blinde
und sehbehinderte Menschen in Berlin
Henry Michels
1 Einleitung
Das Angebot an offenen Geodaten hat sich
im letzten Jahrzehnt rasant entwickelt. Projekte wie OpenStreetMap (OSM) oder die
ortsabhängigen Artikel von Wikipedia haben
im Rahmen des Web 2.0 einen großen Beitrag zu dieser Entwicklung geleistet. Aber
auch der öffentliche Sektor hat mit der Einführung und Umsetzung des Geodatenzugangsgesetzes1 vom 10. Februar 2009 einen
Anteil an dem großen Pool von freien
Geodaten, die heute für eine Weiterverwendung zur Verfügung stehen. So werden in
Projekten mit räumlichen Fragestellungen die
Basis- und Fachdaten der Kommunen und
Länder über, den Standards des Open
Geospatial Consortiums (OGC) entsprechende, Web-Dienste (Doyle & Reed, 2001) als
Planungsgrundlage oder als Hintergrundkarte
für räumliche Analysen eingesetzt. Daten zur
aktuellen Verkehrslage, insbesondere Verkehrsbehinderungen, lassen sich standardisiert, in Rohform oder schon verarbeitet, über
das MDM-Portal2 beziehen und können meist
kostenfrei für die Verkehrsplanung und -lenkung eingesetzt werden.
Im Sinne dieser Entwicklung setzt das vom
Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) geförderte Forschungsprojekt
1
2
68
http://www.gesetze-im-internet.de/geozg/ (9.
April 2015)
http://www.mdm-portal.de
m4guide3 auf die Nutzung großer und freier
Geodaten. Das Projekt befasst sich mit der
Entwicklung und praktischen Erprobung eines Tür-zu-Tür Reiseinformationssystems für
blinde und sehbehinderte Menschen. Pilotgebiete sind Berlin Mitte sowie der Stadt- und
Landkreis Soest. Das Projekt ist in vier Arbeitsbereiche eingeteilt, deren Ergebnisse ineinander greifen und in Synergie ein integriertes Kommunikations- und Navigationssystem für Jedermann ergeben. Um dieses
Ziel zu erreichen, muss im ersten Schritt eine
Datenbasis für die Kontexte Indoor, Outdoor
und Öffentlicher Verkehr (ÖV) geschaffen
werden. Eine multimodale Routing-Anwendung errechnet auf Basis dieser Daten und
unter Einsatz von individuellen Routing-Diensten für die genannten Kontexte eine Gesamtverbindung von Tür zu Tür. Das final
vom Nutzer verwendete Reiseassistenzsystem bedient sich dieser Route inklusive aller
Wegedetails, um mithilfe hochgenauer Ortungsverfahren realitätsnah Wegeanweisungen zu generieren, die den Nutzer sicher an
sein Ziel führen (m4guide Projektkonsortium,
2012).
Dieser Beitrag konzentriert sich ausschließlich auf die Outdoor-Lösungen im Bereich
Routing und Navigation für Fußgänger im
Raum Berlin. Die beiden folgenden Kapitel
führen allgemein in das Thema blinden- und
sehbehindertengerechte Reiseassistenz ein
3
Weitere Informationen unter
http://www.m4guide.de
SR108
Nutzung offener kommunaler Geodaten innerhalb einer Geodateninfrastruktur
und geben einen Überblick über die konkreten Anforderungen, die daraus entwickelten
Ziele und die Ausgangssituation als Grundlage für die ab Kapitel vier vorgestellte Lösung.
Im ersten Teil der Lösungsbeschreibung gehen wir auf die Konsumierung der unverschnittenen Originaldaten ein. Wir erläutern
wie daraus ein einheitliches Modell für eine
Routing- und Navigations-Anwendung generiert werden kann. Weiterführend wird anhand unseres Anwendungsbeispiels gezeigt,
wie asynchrone Prozesse und intelligente
Datenanfragen den Austausch und die Verarbeitung von offenen und großen Geodaten
effizient und ressourcenschonend gestalten.
Im zweiten Teil wird berichtet, wie eine große
Menge an heterogenen kommunalen Daten
genutzt werden kann, um ein höchst individuelles Routing für blinde und sehbehinderte
Menschen sowie eine auf persönliche Bedürfnisse angepasste Fußgängernavigation
bereitzustellen. Da sich das m4guide-Projekt
derzeit noch in der Umsetzungsphase befindet, schließt die Arbeit mit einer Zwischenbilanz. Wir betrachten die Nutzung kommunaler Daten und evaluieren Hand in Hand die
entsprechenden Lösungen der IVU. Unter
Verwendung von Beispielen und Szenarien
aus dem Projekt wird erläutert, wie viel
Mehrwert eine aufwendige und komplexe Datenaufbereitung für eine Anwendung haben
kann.
2 Blinden- und sehbehindertengerechte
Reiseassistenz
Für blinde und sehbehinderte Menschen ist
es Tag für Tag eine besondere Herausforderung, sich in unbekannten öffentlichen Räumen zurechtzufinden. Dabei spielt insbesondere der Aspekt der Sicherheit eine große
Rolle. Gängige Reiseauskunftssysteme und
Routenplaner helfen hier bedingt bis gar nicht
weiter, denn entgegen der Eindeutigkeit einer
kürzesten Route, ist die sichere Route stark
abhängig vom persönlichen Sicherheitsempfinden des Nutzers und daher höchst individuell. Allgemein wird Sicherheit als ein „Zustand des Sicherseins, Geschütztseins vor
Gefahr oder Schaden; höchstmögliches
Freisein von Gefährdungen“ (Duden, 2015)
definiert. Das hat maßgebliche Auswirkungen
auf die Konzeption und Umsetzung eines
blinden- und sehbehindertengerechten Fußwege-Routings. Berechnete Routen sollen
zwar weiterhin kurz und/oder zeitsparend
sein, müssen aber auch sicherheits- und
mobilitätsrelevante Anforderungen eines Nutzers berücksichtigen.
Neben der Wegeplanung gehört auch eine
Echtzeit-Anweisungseinheit zu einem Reiseassistenzsystem. Die Herausforderung besteht darin, Blinde und Sehbehinderte mit relevanten Informationen über den zu absolvierenden Weg inklusive aller Gefahrenstellen
zu versorgen. Dies erfordert auf der Datenseite eine möglichst vollständige und realitätsnahe Abbildung der Umgebung des Reisenden. Technisch gesehen müssen Methoden zum Einsatz kommen, die entscheiden,
welche der Informationen zu welchem Zeitpunkt relevant sind, und diese dann ohne
Zuhilfenahme eines visuellen Mediums, wie
der Karte, dem Nutzer vermitteln.
Eines der grundlegenden Ziele in m4guide ist
daher eine tragfähige und nachhaltige Datengrundlage als Basis für die Routing- und
Navigationsanwendung bereitzustellen. Dies
umfasst die Entwicklung eines Datenmodells
und eine auf dieses Modell abgestimmte Datenerfassung. Der Erfassungsprozess hat
den Anspruch, durch Wiederverwendung von
69
Henry Michels
SR 108
Abbildung 5 – Blick auf die Kreuzung Rosa-Luxemburg-Straße/Memhardstraße;
Image capture: Jul 2008, © 2015 Google
Standards keine Insellösung zu sein. Die
Verwendung der erfassten Daten in anderen
Verwaltungsbereichen wie dem Tiefbauamt
oder dem Straßenverkehrsamt Berlin ist eine
Mindestanforderung an das Datenmodell.
3 Ohne Daten keine Dienste
Um die speziellen Anforderungen an ein blinden- und sehbehindertengerechtes Routing
sowie eine barrierefreie Navigation erfüllen
zu können, musste eine tragfähige und nachhaltige Datengrundlage geschaffen werden.
Ausgangspunkt war das zu diesem Zeitpunkt
bestehende Detailnetz der Stadt Berlin. Dabei handelt es sich um ein routing-fähiges
Knoten-Kanten-Modell, welches das gesamte
Straßennetz von Berlin samt Fachinformationen zum Straßenraum widerspiegelt (Jaunich & m4guide, 2013). Für die in m4guide
gesteckten Ziele sind die Daten jedoch unzureichend. Bürgersteige mit all ihren Eigenschaften, Querungen von Straßen oder Parkwege fehlen in den auf den motorisierten Individualverkehr (mIV) zugeschnitten Daten.
Aufgrund der hohen Anforderungen an die
Datengrundlage wurde im Rahmen von
m4guide das bestehende Straßennetz um ein
70
vollständiges Fußwegenetz für Berlin Mitte
erweitert. Anschließend wurden beide Detailnetze miteinander verknüpft
(m4guide
Projektkonsortium, 2012).
Im ersten Schritt der Datenerfassung entwickelte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt4 (SenStadtUm) einen Objektabbildungskatalog. Die Objekte und Attribute orientieren sich sowohl an den bereits
existierenden Daten als auch an den Auskunftsansprüchen blinder und sehbehinderter
Menschen. In den Katalog wurden Verkehrsflächen (Fußgängerzone, Gehweg, Grünfläche etc.), Straßenmöblierung (Poller, Geländer, Haltestellenmast, Fahrradständer etc.),
Sondernutzungen (Ladesäulen für Elektroautos, Säulen/Werbefläche, Telefonzellen etc.)
sowie Verkehrszeichen und Ampeln aufgenommen. Auf Basis dieses Katalogs hat das
Unternehmen eagle eye technologies5 (eet)
mittels Stereobildbefahrung6 die Datener4
5
6
http://www.stadtentwicklung.berlin.de/
http://ee-t.de/
Weitere Informationen zu diesem Aufnahmeverfahren sind unter http://www.eet.de/fileadmin/user_upload/Newsletter/2009/str
eet_info_02-09.pdf zu finden.
SR108
Nutzung offener kommunaler Geodaten innerhalb einer Geodateninfrastruktur
Abbildung 6 – Darstellung der Kreuzung Rosa-Luxemburg-Straße/Memhardstraße auf Basis der eet-Daten
unter Zuhilfenahme des Geoinformationssystems IVU.locate
fassung für den Bezirk Berlin Mitte durchgeführt. Erfasst wurde der gesamte Straßenraum entlang 400 km innerstädtischer Straßen inklusive aller Nebenanlagen. Abbildung
5 zeigt exemplarisch eine typische Situation
des Straßenraums in Berlin Mitte. Die aus
dem Verfahren resultierenden Daten setzen
sich aus den im Objektkatalog definierten
Elementen zusammen. Diese können, je
nach Ausprägung in der Realität, die Gestalt
von Punkten, Linien oder Flächen annehmen.
Im Nachgang der Datenerfassung wurde ein
Knoten-Kanten-Modell, welches das Fußwegenetz widerspiegelt, auf Basis aller erfassten Objekte und Verkehrsflächen erstellt
(Paede & m4guide Projektkonsortium, 2014).
Das Ergebnis ist mithilfe des Geoinformati-
onssystems (GIS) IVU.locate7 in Abbildung 6
visualisiert. Es handelt sich hierbei um eine
noch nicht vollständige, digitale Repräsentation des in Abbildung 5 vorgestellten Ausschnitts eines Straßenraums in Berlin Mitte.
Die schwarze Markierung am unteren Bildrand kennzeichnet die Position des Betrachters. Die hellgrünen Flächen symbolisieren
Gehwegflächen, meistens unterteilt in Gehbahn, Unterstreifen und Oberstreifen. Diese
sind oft durch Ein- und Ausfahrten unterbrochen, welche in dieser Darstellung gelbgrün
hervorgehoben sind. Die Fahrbahn ist grau
markiert und wird von türkisenen Überque-
7
Weitere Informationen zu IVU.locate sind unter
http://www.ivu.de/produkteloesungen/ivulocate.html erhältlich.
71
Henry Michels
rungsstellen überlagert. Das Knoten-KantenModel, auf welchem die Routen berechnet
werden, ist rot hinterlegt.
Die Daten wurden mittels einer Erweiterung
der bestehenden Systemlandschaft der Senatsverwaltung bereitgestellt. Zu dieser gehört unter anderem das Verkehrsinformationssystem Straße (VISS), welches Komponenten zur Datenpflege und zum Datenaustausch beinhalltet. Die neu erfassten
Daten zum Straßenraum sowie das Detailnetz zu den Fußwegen wurden in diesem
System hinterlegt und mit den schon bestehenden Daten und Modulen verknüpft. Über
ein fachübergreifendes Informationssystem,
den FIS-Broker8, können die Daten des VISS
veröffentlicht werden. Neben der Publikation
als Web-Browser-fähigen Kartendienst werden die Geodaten über OGC-konforme
Dienste bereitgestellt und sind somit Teil der
Geodateninfrastruktur Berlins. Die Bereitstellung der im Rahmen von m4guide erfassten
Daten erfolgt via Web Feature Service (WFS)
(Open Geospatial Consortium, 2014). Das
gewährleistet zum einen die nahtlose Integration der neuen Datenangebote in die bestehende Datenlandschaft der Senatsverwaltung
sowie den Zugriff über das Berliner Geoportal9. Zum anderen sichert die Senatsverwaltung damit in Zukunft den standardisierten
Zugriff auf ihre räumlichen Daten durch Dritte.
8
9
72
http://www.stadtentwicklung.berlin.de/geoinformation/fis-broker/ (9. April 2015)
http://www.stadtentwicklung.berlin.de/geoinformation/ (9. April 2015)
SR 108
4 Anwendungsorientierte
Datenverarbeitung
Bevor die im Kapitel 3 beschriebenen Daten
aus dem m4guide-Projekt der RoutingAnwendung zur Verfügung stehen, müssen
sie entsprechend der technischen Anforderungen des Dienstes sowie der fachlichen
Anforderungen der Zielsetzung aufbereitet
werden. Die Herausforderung bei der Nutzung offener Daten liegt in der Vielzahl unterschiedlicher Datenmodelle und -formate. Im
Rohformat eignen sie sich nur bedingt für den
Einsatz in Routing- und Navigations-Lösungen. Zunächst müssen die Daten syntaktisch
in das vom Routing-Dienst vorgeschriebene
Format konvertiert werden. Dieser Schritt ist
aus zwei Gründen notwendig. Zum einen arbeitet der in m4guide eingesetzte RoutingDienst aus Gründen der Effizienz mit einem
proprietärem Datenmodell. Zum anderen soll
er Daten aus unterschiedlichen Quellen in
verschiedenen Formaten verarbeiten können.
Dies gelingt nur, wenn eine Möglichkeit zur
eindeutigen Interpretation der Daten gegeben
ist, sprich: ein harmonisiertes Datenmodell
vorliegt. Um die Daten interpretierbar zu machen und sinnvolle, anwendungsspezifische
Ergebnisse zu produzieren, ist darüber hinaus eine semantische Transformation notwendig. Nur gemeinsam ermöglichen diese
Maßnahmen eine Migration vieler heterogener Informationen in ein homogenes, routingund navigationsfähiges Modell und ebnen
somit den Weg für ein effizientes und stabiles
blinden- und sehbehindertengerechtes Reiseassistenzsystem auf Basis der Daten der
Senatsverwaltung.
SR108
Nutzung offener kommunaler Geodaten innerhalb einer Geodateninfrastruktur
Abbildung 7 – Visualisierung des finalen Fußwegenetzes inklusive annotierten Straßenklassen und -typen;
© OpenStreetMap-Mitwirkende (openstreetmap.org)
Neben den technischen muss das zu entwickelnde Zieldatenmodell auch fachliche Anforderungen erfüllen. Dazu zählt insbesondere das in m4guide aufgestellte Ziel, das Routing im Sinne der Design4All Initiative10 zu
konzipieren. Hierbei sind speziell blindenund sehbehindertenrelevante Parameter zu
berücksichtigen. Um dem gerecht zu werden,
wurde in Zusammenarbeit mit Blinden- und
Sehbehindertenvereinen ein Sicherheitsprofil
entwickelt, das aus sicherheitsrelevanten
Routing-Attributen besteht. Gleichzeitig dürfen aber nicht die Interessen anderer Nutzer-
gruppen wie z.B. mobilitätseingeschränkter
Personen vergessen werden. Deren Anforderungen sowie Erfahrungen aus dem Forschungsprojekt namo11 fließen daher ebenfalls in das Modell mit ein. Das Zielmodell,
auf welchem die Routen berechnet werden,
ist ein Knoten-Kanten-Modell, wobei die Kanten mehrere „Blöcke“ von Eigenschaften besitzen. Diese setzen sich aus Basiseigenschaften, nicht routing-relevanten Eigenschaften, Straßenklassen und Straßentypen
zusammen. Folgend konzentrieren wir uns
auf die Straßenklassen und Straßentypen.
10
11
http://en.wikipedia.org/wiki/Design_for_All_(in_ICT) (9. April 2015)
Weitere Informationen zu namo unter
http://www.nahtlosmobil.eu/
73
Henry Michels
Straßenklassen sind einzigartige, sich ausschließende Eigenschaften. Dementsprechend ist jede Kante durch genau eine Straßenklasse beschrieben. Kanten, die keine
Straßenklasse besitzen, können vom Routing
nicht berücksichtigt werden. Straßentypen
hingegen sind Mehrfacheigenschaften, dabei
kann eine Kante beliebig viele Straßentypen
besitzen. Abbildung 7 greift abermals die in
Kapitel 3 vorgestellte Straßenraumsituation
auf und stellt beispielhaft das finale KnotenKanten-Modell dar. Alle aufgeführten Straßentypen sind über topologische und geometrische Operationen aus den Geoobjekten
ermittelt worden, die den Straßenraum abbilden. Auf diese Art werden unter anderem den
Querungen Ampeln zugeordnet, die Gehwegbreite ermittelt, angrenzende Radwege
identifiziert und Hindernisse erkannt. Insgesamt besteht das Zielmodell aus acht Straßenklassen und 45 Straßentypen. In den Profilen sowie in jeder Routing-Anfrage können
Straßenklassen und -typen unterschiedlich
gewichtet werden, um letztlich spezifische
Routenempfehlungen unter Berücksichtigung
der objektiven Verkehrssicherheitsaspekte,
der subjektiven Einschätzungen und der sozialen Sicherheit zu erhalten. Auf Basis dieser Routen und weiterer Einstellungsoptionen
kann sich der Nutzer individuell nach seinen
Wünschen navigieren lassen. Warnungen vor
Hindernissen oder vor für den Nutzer gefährlichen Situationen erleichtern die Bewältigung
eines Weges erheblich. Wie diese Informationen aus den Rohdaten extrahiert, zielgerecht verarbeitet und in einem auf dem Zielmodell basierenden Graphen abgebildet werden, ist nachfolgend beschrieben.
SR 108
Der Aufbereitungsprozess (illustriert in Abbildung 8), um aus den Rohdaten einen Routing-Graphen zu generieren, erfolgt unabhängig von Routing-Anfragen sobald sich
Änderungen im Ausgangsdatenbestand im
Netzgraph widerspiegeln sollen. Quelldaten
durchlaufen insgesamt drei Schritte bis zur
Generierung des Binärgraphen, der die
Grundlage für den Routing-Dienst bildet. In
Schritt 1 wird eine Auswahl der Daten anhand ihrer Thematik vorgenommen. Für die
Berücksichtigung der aktuellsten Ausgangsdaten wurde ein Client entwickelt, der die von
der Senatsverwaltung vorgegebenen Schnittstellen (WFS) implementiert. Er ruft die Daten
standardkonform ab, und schreibt sie anschließend unverändert in eine interne Datenbank, die Rohdatenbank. Sie kann in ihren
Funktionen mit einem Produktionslager12, bekannt aus der Logistikbranche, verglichen
werden und ermöglicht es, die extrem aufwendigen Prozesse der Datenaufbereitung
möglichst effizient zu gestalten. Im weiteren
Sinne dient sie auch dazu, das Datenaustauschvolumen zwischen den Systemen der
Senatsverwaltung und der IVU zu reduzieren,
da viele der Daten in mehreren Prozessen
der Datenaufbereitung Verwendung finden
und somit zu jederzeit verfügbar sein müssen. Schritt 2, die Datenaufbereitung, beinhaltet notwendige Korrekturen und das Extrahieren von Informationen mithilfe von geometrischen und topologischen Operationen.
So müssen etwa Kanten entsprechend der
darunter liegenden Flächen geteilt werden
oder Hindernisse auf Gehwegen sich in der
Breite des Gehweges widerspiegeln. Die Ergebnisse werden in die Zieldatenbank geschrieben, die ähnlich wie die Rohdatenbank
12
74
http://www.wikilogistics.ch/begriffe_az_1de.php?begriff_url=Produktionslager (9. April 2015)
SR108
Nutzung offener kommunaler Geodaten innerhalb einer Geodateninfrastruktur
Abbildung 8 - Schritte und Zwischenergebnisse der Datenaufbereitung. Die drei Prozesse Datenaktualisierung, Datenaufbereitung und Graphaufbereitung sind voneinander gekapselt und können asynchron verwendet werden. (Icons designed bei icons8.com)
75
Henry Michels
als Zwischen- und Produktionslager dient und
den Ausganspunkt für die Graphaufbereitung
in Schritt 3 bildet.
5 IVU.Navigation – Eine personalisierbare Routing- und Navigationslösung
Ausgangsbasis für die Bereitstellung eines
Routings, das die Anforderungen von Sehbehinderten und Blinden berücksichtigt, war die
Software IVU.routing der IVU, die an die Anforderungen von m4guide angepasst wurde,
insbesondere die Abbildung der unterschiedlichen Barrieregruppen, welche in differenzierten Routen resultieren (siehe Abbildung
9), sowie eine bessere Abbildung fußgängerspezifischer Anforderungen (z.B. Wartezeiten
an Ampeln).
Die Berechnung von individuell sicheren Routen stellt verschiedene Anforderungen an einen Routing-Dienst. Einige der Sicherheits-
SR 108
faktoren beschreiben messbare Risiken wie
das Queren von stark befahrenen Straßen
oder physische Barrieren und sind dadurch
im Routing abbildbar. Komplizierter gestaltet
sich die Integration subjektiver Sicherheitsaspekte. Sie sind nicht messbar und müssen
daher aus räumlichen Gegebenheiten abgeleitet werden. In mehreren Arbeitstreffen mit
Vertretern des Deutschen sowie Allgemeinen
Blinden- und Sehbehindertenvereins bzw. verbands (DBSV und ABSV) wurden Straßenraumsituationen identifiziert und anhand
des Gefährdungspotentials und ihrer Schwierigkeit bzw. unterstützenden Funktion bewertet. Wichtig sind z.B. taktile Begrenzungen,
damit sichergestellt ist, dass eine blinde Person nicht vom Gehweg abweicht. Radwege
neben Gehwegen sind wiederum als schwierig einzustufen, gerade wenn es keine taktile
Begrenzung gibt. Kombinierte Wege (Radund Gehweg) sind als sehr schwierig einzustufen und sollten vermieden werden. Andere
Merkmale wie etwa die Breite des Gehwegs
variieren indes in Ihrer Bewertung unter den
Abbildung 9 - Individuelle Routenermittlung für verschiedene Nutzergruppen mit IVU.routing
76
SR108
Nutzung offener kommunaler Geodaten innerhalb einer Geodateninfrastruktur
Abbildung 10 - Zwei unterschiedliche Routen mit demselben Start- und Zielpunkt. Die Ausgansdaten
stammen von OpenStreetMap. Das Zielmodell entspricht exakt dem in m4guide eingesetzten Modell;
© OpenStreetMap-Mitwirkende (openstreetmap.org)
Blinden und Sehbehinderten. Ist eine Person
mit einem Blindenhund unterwegs, sind
schmale Gehwege nur schwer passierbar,
einem Alleinreisenden mit Blindenstock bereitet dies weniger Schwierigkeiten.
Um die Individualität in der Routenberechnung sicherzustellen aber gleichzeitig die
Komplexität in der Endanwendung für den
Nutzer gering zu halten, können die in der
Datenaufbereitung ermittelten Wegeeigenschaften für den Nutzer folgende Ausprägungen annehmen:
• deutlich/spürbar bevorzugen
• bevorzugen
• neutral
• meiden
• deutlich/spürbar meiden
• ausschließen
Der Wert „ausschließen“ ist ein „hartes“ Kriterium und führt zum Ausschluss bestimmter
Wege oder Wegabschnitte. „Bevorzugen“,
„meiden“ und deren Superlative werden als
„weiche“ Kriterien bezeichnet. Sie bewirken,
dass der Routing-Dienst nicht mehr die kürzeste/schnellste Route berechnet, sondern
ganz individuelle, den Kriterien entsprechende Routen. Hinter diesen Ausprägungen verbergen sich numerische Gewichtungsfaktoren, die Einfluss auf das Kantengewicht
nehmen. Abbildung 10 zeigt exemplarisch
zwei von IVU.routing berechnete Routen auf
Basis unterschiedlicher Gewichtungen der
Gehwegeigenschaften. Die Herausforderung
in der Integration weicher Kriterien liegt in der
richtigen Balance, da eine individuell sichere
Route nicht übermäßig länger sein darf als
die kürzeste oder schnellste Route. Bekommt
beispielsweise das Attribut „Angrenzender
Radweg“ den Gewichtungsfaktor 2 zugeordnet, werden Wege mit dieser Eigenschaft
umgangen, solange der Alternativweg maximal doppelt so lang ist Um eine sinnvolle
Gewichtung mit weichen Kriterien zu erreichen, bedarf es daher eines erhöhten Aufwands in der fachlichen und technischen
Entwicklung der Gewichtungsfunktion durch
stetiges Kalibrieren. Die Ergebnisse können
als Profile zusammengefasst und im RoutingDienst gespeichert werden.
77
Henry Michels
Ist erst einmal eine Route berechnet, hat der
Nutzer des m4guide Reiseassistenzsystems
die Möglichkeit, sich entlang des ermittelten
Weges navigieren zu lassen. Im Unterschied
zu Standardnavigationsanwendungen für Sehende benötigen blinde und sehbehinderte
Menschen sehr viel mehr Detailinformation
während der Navigation. Für die Distribution
der Mehrinformationen stehen jedoch weniger Übertragungskanäle zur Verfügung
(Weckmann, 2008). Das Ziel ist also, die richtige Dosis an Informationen zu bestimmen,
um den Nutzer weder alleine zu lassen noch
zu überfordern. Dabei geht es längst nicht
nur um aktuelle Navigationshinweise, sondern um eine sinnvolle Beschreibung der
Umgebung und des noch zu gehenden Weges (Steyvers & Kooijman, 2008). Aus diesem Grund steht dem Nutzer schon vor Antritt seiner Reise eine ausführliche Vorschau
zu seinem Weg zur Verfügung. Bei Auswahl
der entsprechenden Funktion werden die Informationen für die einzelnen Abschnitte des
Weges akustisch wiedergegeben. Hier werden sämtliche Informationen angeboten, die
auch während der Zielführung zur Verfügung
stehen. Dazu gehören Abbiegehinweise, Eigenschaften der Strecke, Gefahrenhinweise
oder Warnungen vor Wegeabschnitten, die
vom Routing eigentlich vermieden werden
sollten. Generiert werden die Texte auf Basis
der in der Route enthaltenen Informationen,
die entsprechend auch während der Navigation verwendet werden, um den Nutzer bedarfsorientiert und rechtzeitig über seine Umgebung und seinen Weg zu informieren. Neben Standardfunktionen wie der räumlichen
Abweichungserkennung inklusive Re-Routing
oder der kontinuierlichen Berechnung der
Ankunftszeit wurden in m4guide weitere
Funktionen implementiert, die es blinden und
sehbehinderten Menschen ermöglichen, die
78
SR 108
in einer Navigationsanwendung produzierten
Informationen zu nutzen. Das System teilt ihnen beispielweise regelmäßig sprachlich,
akustisch oder haptisch mit, in welche Richtung sie sich bewegen sollten, was gerade
auf freien Flächen oder sehr breiten Bürgersteigen hilfreich ist. Über besondere Wegeeigenschaften bzw. das Wechseln von Wegeeigenschaften wird der Nutzer genauso informiert wie über bevorstehende physikalische Hindernisse oder schwierig zu bewältigende Wegpassagen. Und wenn dann doch
einmal die Orientierung verloren geht, hilft die
sogenannte „Wo bin ich“-Funktion diese wiederzuerlangen. Die Auskunft über Straßenname, Hausnummer, die nächsten Querstraßen sowie in der Nähe befindliche Points of
Interest (POI) relativ zur Blickrichtung sollen
ihnen helfen, sich jederzeit, auch außerhalb
einer aktiven Navigation, barrierefrei zu orientieren.
6 Zwischenbilanz
Die Datenaufbereitung befindet sich derzeit
noch in der Entwicklung. So müssen beispielsweise Hindernisse identifiziert und den
Kanten zugeordnet werden, damit der Nutzer
während der Navigation den Hinweis erhält,
dass in 10 Metern auf der rechten Seite, einen Meter entfernt vom Fußweg, ein Stromkasten steht. Abgeschlossen hingegen sind
die Erweiterungen an der Routing Anwendung. Alle neuen Funktionalitäten wurden unter Nutzung von OSM Daten erfolgreich evaluiert. Das Zielmodell in diesen Tests entsprach exakt dem Modell, welches in
m4guide eingesetzt wird. Ebenfalls noch in
der Entwicklung befindet sich die Navigationslösung. Diese wird als reine Programmbibliothek ohne eigene Oberfläche für das
m4guide-Projekt zur Verfügung gestellt, um
SR108
Nutzung offener kommunaler Geodaten innerhalb einer Geodateninfrastruktur
in das Gesamtsystem integriert werden zu
können. Die Testphase für das Gesamtsystem beginnt im Mai und endet im Oktober
dieses Jahres. Erste Tests zeigen jedoch
jetzt schon, dass die Routenberechnung eine
ungeahnte Flexibilität bietet und für jeden
Nutzer individuelle Wege, ganz nach den
persönlichen Belangen und Erfahrungen,
vorgeschlagen werden. Mit derzeit acht Straßenklassen und 45 Straßentypen ist eine Detailtiefe entstanden, die im Sinne des Design4All unterschiedlichsten Nutzergruppen
perfekt auf die Bedürfnisse zugeschnittene
Routenlösungen bietet, jedoch noch längst
nicht erschöpft ist. Die Fülle und Vielseitigkeit
der erfassten Daten bietet Raum für das Extrahieren weiterer Informationen, die im Kontext des blinden- und sehbehindertengerechten Routings nicht in Erwägung gezogen
wurden. So lassen sich z.B. touristisch attraktive Routen, die mit dem Fahrrad oder
Segway zurückgelegt werden sollen, mit diesen Daten ermitteln. Die dafür benötigten
Straßenklassen und Straßentypen können in
diesem Szenario ohne Anpassungen am
Routing-Dienst berücksichtigt werden. Dass
die Daten nicht nur die Routing-Anwendung
bereichern, beweisen erste interne Tests der
Navigation. Die Vorschaufunktion bietet in ihrer Wegbeschreibung mehr Details, als man
in einer Karte darstellen könnte, ohne sie zu
überladen. Aber auch die tatsächliche Navigation reagiert sowohl auf schwer passierbare Wegpassagen als auch auf Hindernisse,
die im Prozess der Datenaufbereitung als
solche identifiziert werden.
Wie nützlich die ermittelten Routen und die
Navigation tatsächlich sind, wird sich endgültig erst in der Testphase des Projektes zeigen. Dabei sind wir insbesondere gespannt,
ob die errechneten Routen dem persönlichen
Sicherheitsempfinden der Nutzer wirklich
entsprechen und die Navigationsanweisungen für die Blinden und Sehbehinderten einen Mehrwert bei der Bewältigung ihres
Fußweges generieren und damit dazu beitragen, dass sich das allgemeine Sicherheitsempfinden während der Reise erhöht.
Mit Bestimmtheit lässt sich jetzt schon sagen,
dass die Nachhaltigkeit der Projektergebnisse gegeben ist. Dies gilt für die Daten, das
Routing und die Navigation. Die beiden zuletzt genannten werden Bestandteil der existierenden
FahrInfo-Informationssysteme13
des Verkehrsverbundes Berlin – Brandenburg14 (VBB) und der Berliner Verkehrsbetriebe15 (BVG), die es sowohl als browserbasierte Weblösung als auch als mobile Lösung
für das Smartphone gibt. Die Daten wurden
in die bestehende Systemlandschaft der Senatsverwaltung integriert und werden dort
auch nach Projektende gepflegt und aktualisiert. Des Weiteren führt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt eine
berlinweite vermessungstechnische Straßenbefahrung durch. "Ziel der Vermessung ist,
einen einheitlichen und aktuellen Datenbestand des Berliner Straßenlandes aufzubauen... Des Weiteren wird auf Grundlage der erfassten Daten das routingfähige Fußgängernetz (Knoten-Kanten-Modell) berlinweit erweitert.“ (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, 2014). Die neu erfassten
Daten können anschließend nahtlos übernommen und für das Routing aufbereitet
werden. Allerdings beschränkt sich aufgrund
zu hoher Komplexität und derzeit noch fehlender Anfrage-Optionen das halbautomati13
14
15
http://fahrinfo.bvg.de/Fahrinfo/ und
http://fahrinfo.vbb.de/bin (9. April 2015)
http://www.vbb.de/de/index.html
http://www.bvg.de/de/
79
Henry Michels
sche Aktualisieren der Daten auf einen einfachen Ersetzungs-Prozess. Die Daten werden
in diesem Fall komplett aus der Rohdatenbank gelöscht und durch einen vollständig
neuen Datensatz ersetzt. Mithilfe intelligent
gesteuerter Anfragen, die einen Zeitstempel
enthalten, soll in Zukunft aber auch diese
Hürde überwunden werden.
7 Anerkennung
Diese Arbeit wurde durch das BMWi Forschungsprojekt m4guide gefördert.
8 Literaturverzeichnis
Doyle, A., & Reed, C. (2001). Introduction to
OGC Web Services. White Paper, Open
Geospatial Consortium.
Duden. (2015). (B. I. GmbH, Hrsg.)
Jaunich, P., & m. P. (2013). m4guide – IstStand der Technik. Projektbericht.
m4guide Projektkonsortium. (2012). m4guide
- mobile multi-modal mobility guide. Vorhabensbeschreibung.
Open Geospatial Consortium. (2014). OGC®
Web Feature Service 2.0 Interface Standard
– With Corrigendum. OpenGIS® 09-025r2.
Paede, J., & m4guide Projektkonsortium. (Juli
2014). m4guide-mobile multi-modal mobility
guide. Smartphone – Navigation für Blinde
80
SR 108
und Sehbehinderte Menschen. (M. d., & S. f.,
Hrsg.) Geoinformationen verbinden, S. 69-72.
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und
Umwelt. (08. 09 2014). Berlinweite vermessungstechnische Straßenbefahrung startet im
September. Abgerufen am 09. 04 2015 von
http://www.stadtentwicklung.berlin.de/aktuell/
pressebox/archiv_volltext.shtml?arch_1409/n
achricht5349.html
Steyvers, F., & Kooijman, A. (2008). sing
Route and Survey Information to Generate
Cognitive Maps: Differences Between Normally Sighted and Visually Impaired Individuals. (W. InterScience, Hrsg.) Applied
Cognititive Psychology.
Weckmann, S. (2008). Maps and Geographic
Information for Visually Impaired People.
Helsinki University of Technology, Laboratory
of Geoinformation and Positioning Technology, Department of Surveying, Faculty of
Engineering and Architecture.
Dipl.-Geoinf. Henry Michels, IVU Traffic
Technologies AG, Berlin;
[email protected]
basemap.at und weitere herausragende Entwicklungen im österreichischen Open GeoData-Umfeld
Wolfgang Jörg
Einleitung
Mit der Veröffentlichung des Open Government Data Portals der Stadt Wien (data.wien.gv.at) im Mai 2011 startete die praktische Umsetzung von Open Government Data
(OGD) in Österreich, weitere Landeshauptstädte, wie beispielsweise Linz und Graz folgten kurz darauf und auch das bundesweite
OGD-Portal (data.gv.at) wurde zeitnah online gestellt. Im Juli 2011 wurde die Cooperation OGD Österreich gegründet, welche sich
den koordinierten Ausbau von Open Government Data in Österreich zum Ziel setzte. Die
Cooperation OGD Österreich ist der Zusammenschluss der Stakeholder von OGD in Österreich, stark getragen von der Mitarbeit der
Länder und Städte, sowie unter Einbeziehung
u.a. des Open Knowledge Forums Österreich, des AGEO und Universitäten.
Bis zum Jahr 2015 hat die Stadt Wien ca.
250 OGD Datensätze publiziert, davon ca.
200 Geodatensätze, die vorrangig über OGC
konforme Webservices (WMS, WFS, WMTS)
angesprochen werden können. Aber nicht nur
Wien, sondern auch die übrigen Landeshauptstädte und vor allem die weiteren Länder haben mittlerweile – teilweise auch über
Websevices – einen beachtlichen Anteil ihrer
Geodaten unter OGD gestellt.
Einen Überblick und zugleich zentralen Einstiegspunkt liefert das bundesweite OGD
Portal data.gv.at.
OGD Portale
Seit Mai 2011 publiziert die Stadt Wien kontinuierlich jedes Quartal neue OGD-Datensätze und -services. Hervorzuheben sind in
diesem Zusammenhang folgende beiden Aspekte: der Anteil an publizierten Geodaten ist
überdurchschnittlich hoch und die Bereitstellung dieser Geodaten erfolgt zum überwiegenden Teil auf Basis von Webservices und
nicht fix vorgenerierten (predefined) Datensätzen. Die Gründe darin liegen in einer
schon lange vor OGD bei der Stadt Wien implementierten Geodaten- bzw. GeoserviceInfrastruktur und darauf aufbauenden Erfahrungen, auch im Umgang mit Zugriffszahlen
und externen Anforderungen.
Vorreiterrolle Stadt Wien
Abgesehen von speziellen Geodatensätzen
(siehe weiter unten) sieht die OGD Geodateninfrastruktur der Stadt Wien einen Direktzugriff auf die originär intern gespeicherten
Daten vor, technisch gelöst mit DatenbankViews, die für Web Map Services (WMS) und
Web Feature Services (WFS) freigegeben
sind. Dadurch wird eine redundante Datenhaltung vermieden und andererseits der Direktzugriff auf die bei der Stadt Wien vorlie-
81
Wolfgang Jörg
genden, aktuellen Geodaten ermöglicht. Für
den hoch performanten Zugriff auf Grundkarten ist zusätzlich ein Web Map Tile Service
(WMTS) für ausgewählte Datensätze implementiert.
Beispiele für WMS und WFS Bereitstellung
sind sämtliche statistischen Gebietseinheiten
von Wien, Realnutzungskartierung, Franziszeische Kataster, Straßennetz, Wahlsprengeleinteilungen,
Infrastrukturobjekte
wie
Schulen, Universitäten, Kindergärten, u.s.w.
OGD Meilenstein der Stadt Wien
Im März 2015 wurden nun sogar die topografischen Geobasisdaten der Wiener Stadtvermessung, in Form von predefined datasets,
82
SR 108
publiziert, welche bisher einer Gebührenverordnung unterzogen waren. Dies darf durchaus als Meilenstein gewertet werden, zumal
die Freigabe dieser Vermessungsdaten in
dieser Genauigkeitsstufe erstmalig und einmalig in Österreich ist.
10 Meter Höhenmodelle online
Ein Blick in das OGD Portal lohnt sich. Beispielsweise haben die Länder ihre Höhenmodelle mit einer Auflösung von 10 Metern
unter OGD publiziert und ermöglichen damit
die Erstellung von Oberflächenmodellierungen am freien Markt von bisher nie da gewesener Qualität.
SR108
basemap.at und weitere herausragende Entwicklungen im österreichischen Open GeoData-Umfeld
die Basis für die Verkehrsauskunft Österreich
(verkehrsauskunft.at) ist.
basemap.at
Die Länder haben sich auch dazu bekannt,
all jene Geodaten, die unter die INSPIREVerpflichtung fallen, im Rahmen von OGD zu
publizieren und damit nicht nur den Darstellungsdienst, sondern auch den Downloaddienst frei zugänglich zu machen.
Weitere spannende Publikationen werden
(noch im Jahr 2015) folgen, wie beispielsweise die Freigabe der Graphenintegrationsplattform (GIP), welche das multimodale Verkehrsnetz von Österreich darstellt und u.a.
Das derzeit prominenteste Open GEO
Government Data Beispiel von Österreich ist
zweifelsfrei
basemap.at.
Hierbei wurde innerhalb
einer Projektlaufzeit von 3 Jahren auf Basis
der Geodaten österreichischer Verwaltungen
die erste österreichische Verwaltungsgrundkarte von Österreich geschaffen. basemap.at
ist eine Grundkarte, die im Abstand von zwei
Monaten auf Basis der aktuell vorliegenden
Geodaten vollautomatisch vollständig aktualisiert wird und bis zu einem Maßstab von ca.
1:1000 vergrößert werden kann. Publiziert
wird basemap.at als Web Map Tile Service
(WMTS), betriebsgeführt in der Hochverfügbarkeitsumgebung des Rechenzentrums der
Stadt Wien, ausgelegt auf mehrere Millionen
Zugriffe pro Tag. basemap.at ist mittlerweile
83
Wolfgang Jörg
in mehreren Produktausprägungen verfügbar.
Neben dem Standard-Produkt existiert eine
hochauflösende Version (HIDPI), ideal für
Displays von Smartphones und Tablets, eine
stark farbreduzierte Version (GRAU), sowie
eine transparente Version mit Straßenaufdruck und Beschriftung (OVERLAY), welche
für eine gemeinsame Darstellung mit dem
basemap.at Orthofoto, welches nun als fünftes basemap.at Produkt seit März 2015 online ist, optimiert ist. basemap.at ist schon
derzeit die Kartengrundlage namhafter Portale, sowohl im Behördenumfeld als auch außerhalb der Verwaltung, wie beispielsweise
verkehrsaukunft.at, Pendlerrechner, Firmen
A-Z.
Nutzungsbedingungen von OGD in Österreich
Für Open Government Data in Österreich gibt
es EINE Lizenz, derzeit CC-BY 3.0 AT, in
naher Zukunft CC-BY 4.0. Die Festlegung auf
diese eine Lizenz, die jegliche Art der Nutzung zulässt, ist einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren von OGD Österreich, nicht nur,
weil es damit seitens der Datenbereitsteller
klare und einfache Spielregeln gibt, sondern
auch für die AnwenderInnen von OGD, denen die Lizenz ermöglicht, jeden OGD-Datensatz von Österreich miteinander kombinieren
zu können, ohne sich über allfällige LizenzInkompatibilitäten Gedanken machen zu
müssen.
INSPIRE versus OGD
Der derzeit größte Unterschied zwischen
OGD und INSPIRE liegt in der zwingenden
Harmonisierung der Datenmodelle bei
INSPIRE. Lizenztechnisch lässt INSPIRE unterschiedliche Lizenzen bei Downloaddiensten zu, obgleich sich die österreichischen
84
SR 108
Länder (gilt daher nicht für alle österreichischen Verwaltungen) dazu bekannt haben,
deren INSPIRE Datensätze auch unter OGD
zu publizieren und damit für jegliche Art der
Nutzung zu öffnen.
PSI Umsetzung
Auch die praktische Umsetzung der novellierten Public Sector Information (PSI) Richtlinie
ist - zumindest bei der Stadt Wien - angedacht, mit OGD durchzuführen. Letztendlich
stellt sich die Frage, wie viele unterschiedliche Zugangsportale (INSPIRE, OGD, PSI,
IFG, UIG, etc.) möchte bzw. kann sich die
Verwaltung leisten und was davon nutzt
letztendlich den Kundinnen und Kunden?
OGD Nutzung
Die Stadt Wien hat das beste Verhältnis zwischen Anzahl veröffentlichter Datensätze (ca.
250) zu Anzahl damit erstellter Anwendungen
(ca. 160). Das liegt zum einen daran, dass
die Stadt Wien von Anbeginn an die Anwenderinnen und Anwender von OGD stark einbezogen hat, zum anderen sicherlich auch
daran, dass Wien mit einem potenziellen
Nutzerkreis von 2 Mio. Menschen eine kritische Masse erreicht, welche die Erstellung
derartiger Anwendungen sinnvoll erscheinen
lässt.
Andererseits ist aus zahlreichen Feedbacks
bekannt, dass gerade die OGD Geodaten
nicht nur im klassischen App-Umfeld, sondern auch intensiv von GIS-ExpertInnen bzw.
-AnwenderInnen in Kombination mit Geoinformationssystemen genutzt werden. Speziell
im Forschungs- und Universitätsumfeld spielen die OGD Geodaten österreichischer Verwaltungen mittlerweile eine zentrale Rolle
und sind fixer Bestandteil von Vorlesungen
und Praktika. Aber auch kommerzielle Pro-
SR108
basemap.at und weitere herausragende Entwicklungen im österreichischen Open GeoData-Umfeld
dukte, beispielsweise aus dem Immobiliensektor oder GIS-Lösungen kommerzieller
GIS-Lösungsanbieter haben bereits OGD
Geodaten bzw. -services in ihre kostenpflichtigen Produkte erfolgreich integriert.
Status quo
In den letzten drei Jahren ist ein beachtlicher
Anteil an Geodaten und -services von österreichischen Verwaltungen im Rahmen von
OGD publiziert worden. Es gibt hierbei aber
durchaus starke Schwankungen, die in den
nächsten Jahren definitiv ausgeglichen werden, so die Einschätzung des Autors.
Die Stadt Wien führt die Liste der publizierten
Geodaten an. Dass dieses Angebot angenommen wird, zeigen die Zugriffszahlen: ca.
bis zu 30.000 WMS und WFS Zugriffe pro
Tag auf die originären Geodaten und ca. bis
zu 10. Mio. Zugriffe auf beispielsweise die
vorgenierten basemap.at Kartenkacheln.
Weitere Geodaten, speziell auch von anderen österreichischen Verwaltungen werden
als predefined datasets angeboten und unterliegen somit, so wie die WMTS Kacheln lediglich der Einschränkung der angebotenen
Netzbandbreite.
Herausforderungen
Dem Wiener Beispiel folgend gibt es zahlreiches Feedback, dass auch andere Verwaltungen verstärkt ihre Geodaten über Webservice Infrastrukturen anbieten, sei es derzeit mittels WMS und WFS, sofern nur maximal einige hunderttausend Zugriffe pro Tag
erfolgen, sei es als WMTS bei Millionen täglicher Zugriffe.
Derzeit nicht gelöst bzw. in Österreich implementiert sind Services, die einen dynamischen Massenzugriff auf Vektorbestände im
Giga- bzw. Terrabyte-Bereich ermöglichen.
Hierfür ist die Bereitstellung von predefined
datasets derzeit noch immer die vorherrschende Methode. Ebenso wenig sind Services implementiert, die ein inkrementelles
Update erlauben, in der Form, dass das Service weiß, welche Daten seit dem letzten
Download beim Endkunden am Server geändert wurden und nur diese Änderungsdatensätze zum Kunden überträgt. Letztendlich
sind hierbei aber die Service-Standardisierungsstellen gefordert, da die Verwaltungen
selbst keine neuen Standards erfinden, sondern bestenfalls deren Entwicklung vorantreiben können. Ein gutes Beispiel dazu ist die
Stadt Wien die als erste Stelle in Österreich
die WMTS Spezifikation des Open Geospatial Consortiums (OGC) implementiert und im
Rahmen von OGD mit der Stadtkarte und
dem Orthofoto von Wien publiziert hat. Bei
der Umsetzung von basemap.at hat die Stadt
Wien die HiDPI Version des basemap.at Kachelcaches „erfunden“, wofür es derzeit aber
noch keine Unterstützung gibt und daher individuell bzw. proprietär in Zielsystemen implementiert werden muss.
Paradigmenwechsel
Seit die Verwaltungen Geodaten produzieren
und diese Geodaten über Schnittstellen, zumindest mit Geoinformationssystemen verarbeitet werden können, das ist seit ca. 25 Jahren der Fall, wurden und werden Geodaten
der Verwaltungen weitergegeben, teilw. kostenpflichtig, teilw. kostenlos. Auch die Stadt
Wien blickt auf eine einschlägige Erfahrung
im Umgang mit Geodatenweitergaben bzw. verkäufen der letzten 25 Jahre zurück. Um es
auf den Punkt zu bringen: den unzähligen
Nachteilen für Kunden beim Erwerb von kostenpflichtigen Geodaten steht den Verwaltungen der einzige Vorteil gegenüber, dass mit
den erzielten Einnahmen im Regelfall 1 bis
10% der Geodatenwartungskosten finanziell
85
Wolfgang Jörg
abgegolten werden können. Dies aber für einen hohen „Preis“, nämlich 99% der potenziellen Kundschaft nur aufgrund des Preises
bzw. restriktiver Lizenzen von vorn herein
auszuschließen. Die Verwaltungen sind daher gut beraten, ihre Geodaten kostenlos im
Rahmen von OGD bereitzustellen und zugleich die Finanzierung dieser 1 – 10% der
Kosten verwaltungsintern oder im Rahmen
von verwaltungsübergreifenden Kooperationen finanziell abzusichern.
Faktum ist, dass sich die Verwaltungen von
dem Gedanken verabschieden müssen, dass
sie selbst darüber bestimmen, wer diese Daten für welche Zwecke nutzen darf und dass
diese Geodaten „Eigentum“ der Verwaltung
sind. Wofür welche Geodaten geeignet oder
nicht geeignet sind (z.B. weil diese in einem
Erfassungsmaßstab von 1:50.000 digitalisiert
wurden, oder andererseits parzellenscharf
erhoben wurden), muss aus den mit den
Geodaten publizierten Metadaten hervorgehen. Was AnwenderInnen aber letztendlich
mit den Geodaten öffentlicher Verwaltungen
86
SR 108
machen, liegt in deren Verantwortung. Dies
ist auch ein Grundprinzip, deren Einhaltung
Voraussetzung für Innovation und Schaffung
konkurrenzfähiger, neuer Produkt ist. Hingegen kann sich die Verwaltung andererseits
auf die Pflege und Distribution der Geodaten
konzentrieren und mit der Freigabe neuer
Geodaten Impulse und Anreize für potenzielle Zukunftsmärkte schaffen.
Quellen
basemap.at
data.gv.at
https://www.data.gv.at/2015/01/07/viennagisverschenkt-seine-geodaten-koennen-wir-unsdas-leisten/
data.wien.gv.at
Mag. Wolfgang Jörg, Magistrat der Stadt
Wien, ViennaGIS;
[email protected]
Alcatel-Lucent Stiftung
Die Alcatel-Lucent Stiftung für Kommunikationsforschung ist eine gemeinnützige
Förderstiftung für Wissenschaft insbesondere auf allen Themengebieten einer
„Informationsgesellschaft“, neben allen Aspekten der neuen breitbandigen Medien
speziell der Mensch-Technik-Interaktion, des E-Government, dem Medien- und
Informationsrecht, dem Datenschutz, der Datensicherheit, der Sicherheitskommunikation sowie der Mobilitätskommunikation. Alle mitwirkenden Disziplinen
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zur Technikphilosophie.
Die Stiftung vergibt jährlich den interdisziplinären „Forschungspreis Technische
Kommunikation“, Dissertationsauszeichnungen für WirtschaftswissenschaftlerInnen
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