Wie wir noch mehr Chinesen nach Deutschland locken - China

Wie wir noch mehr Chinesen nach Deutschland locken
Christian Geinitz July 1, 2013 | 16:50
(Frankfurter Allgemeine)- „Deutschland kann vom Reiseweltmeister China enorm profitieren“, sagt der
Tourismusforscher Wolfgang Georg Arlt. In einem typisch deutschen Biergarten mitten in Peking redet er
über ungesundes Schweigen beim Essen, die Attraktion Karl Marx und Labskaus aus Bremen.
Von Christian Geinitz
Professor Wolfgang Georg Arlt gilt in Deutschland als einer der besten Kenner des chinesischen
Fremdenverkehrs. Er lehrt Tourismus-Management an der Fachhochschule Westküste in Heide (Holstein).
Außerdem leitet er das von ihm gegründete Institut COTRI, welches das Auslandsreiseverhalten der
Chinesen untersucht. Arlt studierte Sinologie und Politik an der FU seiner Heimatstadt Berlin, in Taiwan
und Hongkong, war Reiseleiter und Reiseveranstalter in China. Seit seinem ersten Besuch 1978 ist er
rund 130mal in die Volksrepublik gereist.
FRAGE: Herr Professor Arlt, wir sitzen in einem deutschen Biergarten mitten in Peking. Es ist gerappelt
voll. Was treibt die vielen Chinesen zu Bier und Leberkäse?
ARLT: Das ist für viele eine kleine Deutschlandreise, etwas Exotisches. Schauen Sie, der Herr am
Nebentisch isst grade eine Schweinshaxe. Das ist wie eine Mutprobe, mit der er zeigt, wie international
er ist. Als würden wir Schlange bestellen.
Eine ziemlich teure Mutprobe, ein halber Liter Bier kostet umgerechnet 8,20 Euro.
ARLT: Geld spielt keine Rolle, wie so oft bei der Oberschicht. Freizeitparks sind hier auch irre teuer. Ein
chinesisches Sprichwort sagt, wer auf Reisen ist, darf nicht knickerig sein. Chinesen geben im Urlaub viel
mehr Geld als andere aus, weil sie zeigen wollen, dass sie sich das leisten können.
Gilt das auch für das Ausland?
ARLT: Da erst recht. Die Chinesen haben 2012 erstmals die Deutschen als Reiseweltmeister abgelöst und
mehr als 100 Milliarden Dollar im Ausland gelassen.
Die meisten Reisen führen aber nach Hongkong und Macao, zum Einkaufen und fürs Glücksspiel.
ARLT: Stimmt, aber auch anderswo werden die Chinesen immer wichtiger. Für viele südostasiatische
Länder sind sie schon der wichtigste Quellmarkt, wie wir das nennen, neuerdings auch für Australien.
Warum reisen Chinesen so gern?
ARLT: Fernreisen sind ein Statussymbol. Wer ein schönes Haus, ein dickes Auto und den Sohn auf einer
ausländischen Universität hat, der investiert als nächstes in weite Reisen. Unsere Umfragen zeigen, dass
viele das eigentlich gar nicht mögen. Sie hassen das lange Fliegen, das Wetter dort oder das Essen. Aber
so wie man gern seine Gucci-Tasche oder seinen Audi präsentiert, will man anderen auch Fotos aus
Sydney zeigen können. Das hat auch geschäftliche Vorteile. Wer sich New York leisten kann, gilt als
kreditwürdig.
Der Mischkonzern Wanda will in London das erste chinesische Luxushotel bauen. Gibt es da nicht schon
genügend?
ARLT: Schon, aber kaum eines ist auf Chinesen eingestellt. Wanda will im Ausland Hotels von Chinesen
für Chinesen bauen, das ist clever. Übrigens sind chinesische Investoren in Europa längst aktiv. Die
Hainan-Airlines-Gruppe HNA ist dort an mindestens 50 Hotels beteiligt.
Taugen normale Hotels denn nichts?
ARLT: Die machen vieles falsch, und deshalb sind die meisten Chinesen mit dem Service in Europa
unzufrieden. Das beginnt schon damit, dass sie an der Rezeption falsch angesprochen werden, weil im
Chinesischen der Familienname vorn steht. Oder sie werden für Japaner gehalten, das geht gar nicht!
Sind die kulturellen Unterschiede so groß?
ARLT: Immens! Im Westen bekommt an der Rezeption immer erst die Dame den Schlüssel, in Japan der
Herr. In China aber ist der Chef als erster dran, egal, ob er männlich oder weiblich ist.
Kann man nicht darüber hinwegsehen?
ARLT: Nicht wenn man so empfindlich ist wie viele Chinesen. Sie fühlen sich schnell herabgesetzt, obwohl
das niemand will. Außerdem: Wer in Paris 600 Euro für eine Suite bezahlt, kann erwarten, dass die
anderen sich anpassen, nicht er selbst.
Auch beim Essen?
Natürlich! Man sollte zum Beispiel akzeptieren, dass Chinesen in Restaurants sehr laut sind. Das ist nicht
ungehobelt, sondern dient der Gesundheit. Sie sagen: Wer beim Essen schweigt, bekommt Verstopfung.
Und was ist mit chinesischen Speisen?
ARLT: In westlichen Hotelketten gibt es zum Frühstück längst Sushi-Büffets für Japaner, aber keinen
Reisbrei, keine Sojamilch oder salziges Gemüse für Chinesen. Das sollte man anbieten, obgleich die
Chinesen dann vielleicht doch Cornflakes essen. Es geht darum, den Reisenden gegenüber Respekt zu
zeigen und ihre Gleichwertigkeit zu unterstreichen. Dazu sollten auch Hinweisschilder und Speisekarten
auf Chinesisch gehören oder hier und dort ein asiatisches Kunstwerk.
Wenn wir in Venedig das Schild sehen „Wir sprechen Deutsch“, gehen wir doch eher nicht in solch ein
Restaurant…
ARLT: Chinesen wissen so etwas aber sehr zu schätzen, und darauf sollten sich die Gastronomie und
Hotellerie einstellen. Ich war gerade in Berlin in einem Hotel mit 150 Fernsehkanälen, aus Peru, aus
Brasilien und sonstwo. Es gab nur einen Sender aus China, und der war auf Englisch.
Wie kann man Chinesen noch gewinnen?
ARLT: Mit viel Personal. Chinesen warten nicht gern und wollen umsorgt werden. Ich schätze, dass
Wanda in London fünfmal so viele Leute einstellt wie andere. Das rechnet sich, wenn die Auslastung
stimmt und man ganze Urlaubspakete anbietet. Wanda ist ja auch Reiseveranstalter.
Und außerhalb der Hotels?
ARLT: Wenn ein Reiseführer in Aachen sagen kann: „Karl der Große lebte zur Zeit Ihrer Tang-Dynastie“,
dann hat er schon gewonnen. Dann werden er, seine Organisation und die Stadt weiterempfohlen. Es
zahlt sich wirklich aus, Chinesen mit Achtung zu begegnen.
Wie wichtig sind Chinesen für Deutschland?
ARLT: Noch hält sich ihre Menge in Grenzen. 2012 haben wir rund eine Million Besucher gezählt, das ist
weniger als aus Holland oder der Schweiz. Die Zahl der Übernachtungen betrug 1,5 Millionen, die
Chinesen bleiben also nur kurz bei uns. Meist ist Deutschland Teil einer Europareise, da ist an jeder
Station wenig Zeit. Selbst ins Karl-Marx-Haus in Trier geht nur ein Zehntel der Chinesen wirklich hinein,
der Rest lässt sich allenfalls davor fotografieren. Wenn Karl Marx nicht zieht, wer dann? (lacht)
Die Bedeutung chinesischer Urlauber wird also überschätzt?
ARLT: Keinesfalls, denn wir befinden uns erst am Anfang. Die Zahl der Deutschlandreisen wächst rasant
um rund 20 Prozent im Jahr. Das schafft kein anderes Herkunftsland.
Wie kann man davon profitieren?
ARLT: Jede Region in Deutschland hat etwas zu bieten, sie sollte es aber besser auf Chinesen zuschneiden.
Woher kommen Sie zum Beispiel?
Aus Bremen.
ARLT: Warum bietet Bremen nicht einen Kurs zum Labskauskochen auf Chinesisch an, am besten im
historischen Rathaus? Mit Video zum Mitnehmen, Urkunde und dem einen oder anderen VIP, der
vorbeikommt und Ni hao sagt. Wer sich zum Fotografieren auf den Stuhl des Bürgermeisters setzt, zahlt
150 Euro extra. Wir mögen das albern finden, aber Chinesen lieben so etwas. Sie sind Deutschland sehr
zugetan, kommen gern und kaufen viel ein. Nicht nur Kuckucksuhren, sondern auch Töpfe, Werkzeuge
oder Boss-Anzüge. Wenn es Deutschland klug anstellt, kann es von den neuen Reiseweltmeistern enorm
profitieren.
Source: http://blogs.faz.net/asien/2013/07/01/wie-wir-noch-mehr-chinesen-nach-deutschland-locken462/