Wie human war Scipio?

Wie human war Scipio?
Text
Der moderne Historiker H. Strasburger versucht seine These, Cicero habe den Scipionenkreis
fingiert, zu beweisen, indem er Scipio nicht nur wirkliche literarische und philosophische Bildung
abspricht, sondern vor allem auch dessen Menschlichkeit in Frage stellt. Er bringt die folgenden
Einwände vor:
Wohl ... die Annahme, dass der Zerstörer von Karthago und Numantia, der Mann, der
beim afrikanischen Triumph die fahnenflüchtigen Römer Raubtieren zum Zerreißen
vorwarf - nach dem Vorbild seines Vaters Aemilius Paullus übrigens, der sie beim
makedonischen Triumph hatte von Elefanten zerstampfen lassen (Liv. per. 51. Val.
Max. 2, 7,13) -, dass gerade er der größte römische Förderer der Humanitätsidee und
der Bildung gewesen sei, ist doch zumindest eine gigantische Paradoxie, zu deren
Beglaubigung es spezifizierterer Beweise bedarf als einiger Superlative Ciceros wie
humanissimus oder doctissimus (Verr. 2,4,98).
Strasburger, H., >Der Scipionenkreis<, Hermes 94, 1966, S. 69
1. Welche Argumente führt H. Strasburger gegen die Annahme an, Scipio sei ein
Förderer der humanitas im Sinne von Menschlichkeit gewesen?
2. Halten Sie den aufgezeigten Widerspruch für denk- und erklärbar ,oder schließen
Sie sich der Auffassung Strasburgers an?
Auswertung
Thesen Strasburgers
H. Strasburger äußert erhebliche Zweifel an der Menschlichkeit Scipios.
Er hält es für absurd, dass der Zerstörer zweier Städte, dass ein Mann, der Deserteure Raubtieren zum Fraß vorwarf, als Vorkämpfer der Humanitätsidee angesehen werden kann
Beurteilung der Thesen
Diese Zweifel weist Schadewaldt zurück, indem er auf die Widersprüchlichkeit der
Wirklichkeit hinweist. >>Die Realität ruft überall in ihrem Umkreis Paradoxa hervor,
und man mag auf die paradoxe, aber sehr reale Zwiespältigkeit des Politikers und
Staatsmanns verweisen, der ernsthaft einem hohen Glauben hingegeben ist und doch
durch die harten Notwendigkeiten der Politik genötigt wird, seinem eigenen Glauben
gegenüber paradox zu handeln.<<1
Diese Entgegnung wirkt überzeugend, in ihrer Allgemeinheit aber auch als Phrase, da
jeder konkrete Situationsbezug fehlt. Es bleibt zu fragen, inwiefern Scipio überhaupt
einen Widerspruch gefühlt hat. Könnte es nicht sein, dass er in unseren Augen Unmenschliches tat, ohne den Widerspruch tatsächlich zu empfinden, weil er, in dem
römischen Wertsystem verhaftet, nicht nur widerwillig staatsmännischer Notwendigkeit gehorchte, sondern bedingungslos einer anderen Tugend folgte? Dann wäre es
für Scipio keineswegs ein Widerspruch gewesen, einerseits eine Stadt wie Karthago
zu zerstören oder römische Überläufer Raubtieren vorzuwerfen, andererseits die
Humanitätsidee zu fördern.
1. W. W. Schadewaldt, Humanitas Romana in: ANRW 1, 4 (1973), S. 54
Inhaltsverzeichnis
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