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Antworten auf Max Frisch: Was fehlt uns zum Glück? - Autoren - FAZ
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Antworten auf Max Frisch: Was fehlt uns zum Glück?
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Antworten auf Max Frisch
Was fehlt uns zum Glück?
Zum hundertsten Geburtstag von Max Frisch beantworten Schriftsteller aus
aller Welt in der F.A.S. seinen berühmten Fragebogen aus dem Jahr 1966. Wir
geben hier die Antworten von Jonathan Franzen und Alexander Kluge wieder.
15.05.2011
© TOBIAS EVERKE; DPA
„W
as ich im Kopf habe, ist das Chaos“, hat er vor Studenten in New York einmal
gesagt, als er Auskunft geben sollte über seine Schreibtheorie. „Ich habe
keine“, hat er gesagt, er habe bestenfalls Fragen. Fragen an sich selbst, ein Leben lang,
Fragen an die Leser. Der Schriftsteller Max Frisch, der heute vor hundert Jahren in
Zürich auf die Welt kam, ist ein Leben lang ein Fragender gewesen. Ein Suchender.
Schreiben war für ihn ein Gespräch mit dem Leser als Partner. Das war das Geheimnis
seines Erfolges und ist es bis heute geblieben.
Seine Bücher, die großen Romane wie „Stiller“ und „Homo Faber“ und die kleinen
Erzählungen wie „Montauk“ und „Bin oder Die Reise nach Peking“, sind Fragebücher,
lichthell, Wahrheiten suchend, Möglichkeiten prüfend, eine Welt in der Schwebe. In
seinem „Tagebuch 1966-1971“ hat er einige seiner Fragen in Fragebögen
zusammengefasst, die heute weltberühmt sind. Wir haben den ersten daraus an
Schriftsteller in aller Welt verschickt, mit der Bitte um Antworten. Alle, die wir fragten,
waren sofort bereit. Erstens aus Verehrung für Max Frisch. Zweitens, weil viele von
ihnen ohnehin schon jahrelang, nebenbewusst, unterbewusst, immer wieder über seine
Fragen nachgedacht hatten. Jetzt haben sie geantwortet. Wohl wissend, dass sie alle
morgen schon ganz anders antworten würden. Ein Gespräch mit Max Frisch in der
Gegenwart. Es wird noch lange weitergehen. (vw)
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1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn
Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
Jonathan Franzen: Nein und ja.
Alexander Kluge: Ich bin sicher.
2. Warum?
Jonathan Franzen: Nein, weil ich nicht glaube, dass man unserer Spezies die
Verantwortung über unseren Planeten anvertrauen kann, ich glaube vielmehr, dass wir
ihn am Ende komplett verschrotten werden. Ja, weil unsere Spezies darin einzigartig
ist, ein Bewusstsein zu haben, und etwas an unserem Schicksal, die Wesen zu sein,
durch welche das materielle Universum seiner selbst bewusst wird, wunderschön ist –
in der aufeinander abgestimmten Komplexität von Universum und menschlichem
Gehirn. Persönlich gibt es mir als Autor ein größeres Gefühl von Bedeutung, wenn ich
mir vorstelle, dass etwas, das ich geschrieben habe, jemandem immer noch gefallen
oder Trost spenden könnte, wenn jeder, den ich kenne und liebe, längst tot ist.
Alexander Kluge: Warum? Zum Menschengeschlecht zählen z. B. meine Vorfahren und
meine Kinder. Auch viele Tote, die ich liebe und die Eideshelfer dafür sind, dass etwas
an den Menschen, einem Mangelmutanten, sich eventuell noch verbessern lässt und
überleben sollte.
3. Wie viele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren
Willen?
Jonathan Franzen: Falls ich Kinder haben sollte – und ich bin mir ziemlich sicher, dass
dem nicht so ist –, wurden sie sicher nicht absichtlich gezeugt.
Alexander Kluge: Die Frage habe ich mit Max Frisch direkt aufgrund einer Szene aus
dem Film „Abschied von gestern“ ausgetauscht. Es ist keine Sache der Öffentlichkeit.
4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
Jonathan Franzen: Ganz ehrlich: niemanden.
Alexander Kluge: Allen Funktionären der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft.
5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen
braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die
Person dafür?
Jonathan Franzen: Ich bin mir bewusst, fast jedem gegenüber zumindest ein bisschen
im Unrecht zu sein, aber „Hass“ würde ich nicht nennen, was ich da empfinde. „In der
Schuld“ trifft es vielleicht besser.
Alexander Kluge: Ich hasse mich selbst dafür.
6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
Jonathan Franzen: Ja, wenn „absolut“ nicht „total“ heißt. Ein absolutes Gedächtnis
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gewährte mir anschaulichen Zugang zu jeder nützlichen Information, die ich je gelernt
habe, und jeder interessanten Erfahrung, die ich je erlebt habe – unter Ausschluss aller
schrecklichen Texte und Melodien von Popsongs, die ansonsten mein Hirn verstopfen.
Alexander Kluge: Nein. Das absolute Gehör hätte ich gern.
7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall
usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für
unersetzbar?
Jonathan Franzen: Es liegt mir nicht, anderen Leuten Krankheit oder Tod zu
wünschen, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass es so wäre, wenn ich in einem
weniger begünstigten Land leben würde.
Alexander Kluge: Manche halte ich für ersetzbar. Auf das Ende der Amtszeit von
George W. Bush habe ich gewartet. Über den Tod von Menschen, sagt der Vatikan, darf
man sich aber nie freuen.
8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
Jonathan Franzen: Ich bin geneigt zu sagen: meine Mutter. Aber eigentlich will ich
damit sagen, dass ich mir wünschen würde, dass sie mich sieht – oder, genauer, dass
ich sie nicht tot, sondern immer noch in meinem Leben sähe.
Alexander Kluge: Vor allem meine Eltern, beide. Außerdem Heiner Müller, Schleef,
Schlingensief, T. W. Adorno, Fassbinder. Viele fehlen mir.
9. Wen hingegen nicht?
Jonathan Franzen: Ronald Reagan.
Alexander Kluge: Die Frage habe ich mir nicht gestellt.
10. Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?
Jonathan Franzen: Diese besonders kontrafaktische Frage bringt mich immer dazu, an
all die schrecklichen Krankheiten zu denken, an denen Menschen zu früheren Zeiten in
jungen Jahren sterben mussten.
Alexander Kluge: Gern wäre ich Däne. Auch habe ich überlegt, wie es wäre, auf einem
Landgut in Syrien in der Antike zu leben.
11. Wie alt möchten Sie werden?
Jonathan Franzen: Neunzig, würde ich sagen, wäre aber auch mit achtzig
einverstanden, wenn meine Gesundheit mitmacht.
Alexander Kluge: Das beantworte ich aus Aberglauben nicht.
12. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint,
würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder
Nein.
Jonathan Franzen: Ja.
Alexander Kluge: Klares Nein.
13. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?
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Jonathan Franzen: Es ist historisch eindeutig erwiesen, dass Mehrheiten nicht immer
im Recht sind.
Alexander Kluge: Es gibt einen Satz, den Rosa Luxemburg dem antiken Helden
Spartakus zuschreibt: „Bei der Mehrheit bleiben, selbst wenn sie irrt.“ Dafür ist dieser
Mann gestorben.
14. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und
hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?
Jonathan Franzen: Mir fällt es viel leichter, Kollektive zu hassen, und das allein zu tun,
weil ich nun mal Kollektive hasse.
Alexander Kluge: Ich hasse nicht gern. Wenn es unvermeidlich ist, kann ich
Organisationen hassen. Hass ist ein aufwändiges Gefühl.
15. Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden oder
meinen Sie's noch? Angabe des Alters.
Jonathan Franzen: Ich bin 51 und habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.
Alexander Kluge: Ich glaube nicht, dass es darauf ankommt, klüger zu sein. Es genügt
im konkreten Fall klug zu sein. So wie man nicht gütiger als gut sein kann.
16. Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?
Jonathan Franzen: Teil der Selbstkritik ist, seiner Selbstkritik nicht immer zu trauen.
Alexander Kluge: Ich beobachte mich nicht, wenn ich kritisch bin. Kritisch ist man
spontan.
17. Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst
übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: Wofür bitten Sie eher um
Verzeihung?
Jonathan Franzen: Ich habe das Gefühl, dass mir andere übel nehmen, was sie für
meine Arroganz halten, während ich mir selbst meine Faulheit am meisten übel nehme.
Wahrscheinlich ist es unvermeidlich, dass man sich die selbsteingestandenen Fehler
zuallerletzt verzeiht.
Alexander Kluge: Dass ich keine Zeit habe. Das ist auch das, was ich anderen übel
nehme.
18. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden:
beunruhigt Sie diese Vorstellung?
Jonathan Franzen: Mysteriös ja, beunruhigend nein – was seltsam ist, weil nicht
geboren worden zu sein die Kehrseite davon ist, tot zu sein, und die Nichtexistenz des
Totseins in der Tat ein verstörender Gedanke ist.
Alexander Kluge: Die Frage verblüfft mich und zeigt die ganze Kunst Max Frischs. Der
Gedanke, ich wäre abgetrieben worden, wie es meinem älteren Bruder geschah, bedroht
mich tatsächlich im Nachhinein.
19. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, dass der Verstorbene
zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas
sagen?
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Jonathan Franzen: Weder noch. Ich denke an die Fortsetzung einer Geschichte.
Alexander Kluge: Ich möchte, dass der Verstorbene zu mir spricht. Ich war häufig
dumm, ihn nicht zu fragen.
20. Lieben Sie jemand?
Jonathan Franzen: Ja.
Alexander Kluge: Ja.
21. Und woraus schließen Sie das?
Jonathan Franzen: Mein Herz sagt es mir, und mein gesunkenes Maß an Selbstsucht
liefert verlässliche Beweise dafür.
Alexander Kluge: Daraus, dass sich das Gefühl nicht verändert.
22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wie
erklären Sie es sich, dass es dazu nie gekommen ist?
Jonathan Franzen: Empathie vor allem.
Alexander Kluge: Es gibt nicht viele Dichter, die in der Realität jemand umbringen
müssen, da sie das ja in der Erzählung tun könnten.
23. Was fehlt Ihnen zum Glück?
Jonathan Franzen: Arbeit.
Alexander Kluge: Das zähle ich nicht nach.
24. Wofür sind Sie dankbar?
Jonathan Franzen: Für ziemlich alles.
Alexander Kluge: Außer im Alter von sechs Jahren bei Mittelohrentzündung bisher
keine unerträglichen Schmerzen gehabt zu haben.
25. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als
gesundes Tier? Und als welches?
Jonathan Franzen: Wie könnte ich mich nicht für mehr Leben entscheiden? Vor allem,
wenn ich ein Singvogel sein könnte?
Alexander Kluge: Als junger Elefant.
Jonathan Franzen, 51, lebt abwechselnd in New York und Santa Cruz. Er
veröffentlichte zuletzt den Roman „Freiheit“ (Rowohlt).
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Alexander Kluge, 79, lebt in München. Zuletzt ist von ihm „Das Bohren harter Bretter“ (Suhrkamp)
erschienen.
Quelle: F.A.Z.
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